110 3. Teil. Die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik.
dringen des Privatwirtschaftssektors zu verhindern — wie es etwa
das staatliche Außenhandelsmonopol tat, das die Sendung billiger
Industrieprodukte ausschloß, die imstande gewesen wären, den in
staatlicher Hand befindlichen Industriebetrieben Konkurrenz zu
machen —, er mußte positiv für die Förderung, Erweiterung und
Festigung des sozialistischen Sektors in der Gesellschaft sorgen.
Der Fünfiahresplan, der 1928/29 in Kraft trat, bedeutete den Beginn
dieses Versuches, den Vormarsch zur sozialistischen Wirtschaft
und Gesellschaft mit allen Mitteln vorwärtszutreiben.
Der Fünfjahresplan.
Was bedeutet der Fünfiahresplan? * Eine Antwort ergibt sich aus
einer Beschreibung seiner Grundaufgaben. Er versucht mit allen
Mitteln zunächst die Industrialisierung des Landes zu fördern.
[ndustriebetriebe aller Art, Maschinenfabriken, elektrische Anlagen,
Bergwerke usw., sollen im ganzen Gebiete der Sowjetunion er-
richtet werden. So soll z. B. ein neues Industriegebiet im Ural
sich entwickeln. All das geschieht nicht aus wirtschaftlichen
Gründen, weil der Bedarf der Bevölkerung es verlangt, sondern
weil dadurch der gesamte Wirtschafts- und Gesellschaftsaufbau
verändert wird. Demgegenüber treten zunächst die Betriebe zurück,
welche unmittelbare Bedarfs- und Konsumartikel herstellen. Wenig-
stens sollen sie nicht im gleichen Tempo wie die Schwerindustrie-
betriebe wachsen. Es gilt, die Grundlage der Industrie zu stärken.
Die Sowietunion soll auf die Dauer unabhängig von der Einfuhr
ausländischer Maschinen und Industrieerzeugnisse werden, unter
gleichzeitiger Übernahme der modernsten technischen Arbeits-
methoden. Es ist der Kurs der sog. Überindustrialisierung, der sich
in dieser Grundtendenz des Planes äußert.

Neben der Überindustrialisierung ist die bewußte Änderung der
bisherigen Landwirtschaftsstruktur für den Fünfiahresplan be-
zeichnend. Auch in der Landwirtschaft soll der Großbetrieb vor-
herrschend werden entsprechend dem bolschewistischen Programm,
das in der ersten Zeit nach der Oktoberrevolution praktisch
zurückgestellt werden mußte. An Stelle der in Kleinbetrieben
zerstäubten Bauernwirtschaften sollen sog. Kollektivbetriebe (Kol-
chosen) treten, die modernste Maschinen anwenden und sich über
zrößere Bezirke erstrecken‘. Diese Kollektivbetriebe darf man
nicht als kommunistische Produktionsstätten ansehen, sie sind dazu
bestimmt, den Anbauboden der einzelnen Mitglieder zu einem
Landmassiv zu vereinen, das sich in kollektiver Nutzung befindet.