114 3. Teil. Die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik.
geschafft, weil genug Arbeit vorhanden sei, wobei in der Propa-
ganda die Tatsache mehr oder weniger in den Hintergrund tritt,
daß die Arbeiterflucht aus gewissen Betrieben und Gegenden mit
völlig unmöglichen sozialen Verhältnissen zusammenhängt. Der
nachhelfende Druck wirkt sich in der Einführung des sog. gesell-
schaftlichen Lohnes aus, der Barlohn sinkt, während die Gewährung
von Leistungen, Eröffnung billiger Bezugsmöglichkeiten und sonsti-
ger wirtschaftlicher Vergünstigungen steigt. Dadurch wird zugleich
die Widerstandskraft der sog. entrechteten Klassen noch mehr
gelähmt, da sie zu den viel höheren „freien Preisen“ einkaufen
müssen. Die mit der Kollektivierung verbundene Zwangsaussied-
lung der Kulaken hat billige Arbeitskräfte geschaffen, deren
Tätigkeit sich fast nur noch juristisch von Zwangsarbeit unter-
scheidet.

Diese Verbindung von Zwang durch Staatsdruck offener und
indirekter Art mit Propagandamethoden macht die Beurteilung
der wirklichen Verhältnisse so schwierig. Dem Vorhalten von
Mängeln kann entgegengehalten werden, daß es sich ja nur um
Mängel der Übergangszeit handle, die der Selbstkritik unterliegen.
Die Selbstkritik scheint ziemlich offen zu sein, aber sie ist eben
eine Kritik innerhalb der Generallinie.

Man wird bereits heute sagen können, daß gewisse Mängel in
der Wirtschaftsorganisation sich zeigen, die struktureller Art sind.
Da ist als zentral die sog. Bürokratisierung zu nennen. Die Klage
über die Bürokratie hat das ganze bolschewistische Regime, dessen
Ziel die Beseitigung der Bürokratie sein sollte, begleitet, und hat
auch heute nicht aufgehört. Ordschonikidse, der Leiter des
Volkswirtschaftsrates, hat geklagt, daß er in einer Brief- und
Telegrammflut ertrinke, die ihn zu jeder praktischen Arbeit eigent-
lich unfähig mache. Nicht weniger als 84000 Anfragen würden
täglich an ihn gerichtet. Nun könnte diese Verschleierung der
Wirklichkeit durch Aktenmassen, statistische Tabellen mit all
ihren Folgen auf vorläufige, d.h. zu beseitigende Mängel geschoben
werden. Aber es scheint sich in dieser Tatsache eine allgemeine
Erscheinung aller bisherigen sozialistischen Wirtschaftsexperimente
zu zeigen. Sie ist ein Ausdruck dafür, daß die sog. Wirtschafts-
anarchie des Kapitalismus an anderer Stelle im bolschewistischen
System wiederkehrt — im gesellschaftlichen Organisationsapparat,
in der Leitung und Führung der Erzeugung und in ihrer Verteilung.

Natürlich versuchen die Bolschewisten mit allen Mitteln, diesem
Bürokratismus entgegenzutreten, aber er liegt im ganzen System
begründet. Wie ist das Verhältnis des einzelnen Betriebes und