Die Vereinfachung des Lebens. 123
Lehren gelten als Ausdruck einer Gesellschaftsordnung und einer
Tradition, die vom gesamten Staatsapparat mit allen politisch nur
irgendwie zweckmäßigen Mitteln bekämpft wird. Ein ganz neues
Weltbild wird mit dieser Beschlagnahme der Öffentlichkeit durch
eine als alleinseligmachend im elementarsten Sinne des Wortes
verkündete Doktrin und den mit ihr verbundenen sozialen und
politischen Praktizismus geschaffen. Alle Fähigkeiten und Kräfte
des Menschen werden auf die Wirtschaft und Politik hingelenkt.
Das entspricht durchaus der theoretischen Lehre, wie wir noch
sehen werden. Aber auch bei denen, die diese Lehre nicht kennen,
wird eine radikale Gesinnungsänderung bewirkt.

Systematisch wird alle Ethik von der Wirtschaft her gesehen
und betrachtet. „Er nützte der Wirtschaft, er förderte den Fünf-
jahresplan“ — es gibt kein höheres Lob. „Er hat sich als Kommu-
nist der Partei und ihrer Arbeit unwürdig gezeigt“ — es gibt keinen
schlimmeren Tadel. Die ganze Welt wird mit kommunistischen
Augen betrachtet. Die Presse kennt nur diese Einstellung. Alles
wird von ihr aus bewertet. Man lese nur fortlaufend bolschewi-
stische Zeitungen, und man wird sehen, daß es unmöglich ist, sich
nach ihnen ein klares Bild über die Verhältnisse in andern Ländern
zu machen. Da ist von Streiks, revolutionären Kongressen, Brutali-
täten des herrschenden Kapitals und seiner Vertreter die Rede.
Da geschieht nichts zu sachlicher Unterrichtung. Alles steht im
Dienste des einer bestimmten gesellschaftlichen Entwicklung die-
nenden Weltbildes. Das gleiche gilt für die Nachrichten aus
Rußland. Auch da gibt es kaum sachliche Nachrichten. Die Zei-
tung ist ein Organ der politisch-wirtschaftlichen Propaganda. Sie
veranstaltet sozialistische Wettbewerbe, sie begünstigt die Ent-
wicklung von Arbeiterbrigaden mit vorbildlicher Arbeitsleistung,
sie tadelt zurückgebliebene Wirtschaftsbezirke, sie organisiert
Dorfi- und Arbeiterkorrespondenten, welche das gesamte Leben
beaufsichtigen sollen; aber eine Berichterstattung im sachlichen
Sinne kennt sie nicht. Sie will ja nicht die Welt beschreiben, son-
dern sie will die Welt gestalten und verändern. Daher steht sie
direkt im Staatsapparat als Organ der Selbstkritik, das die Führer
auf Mißstände aufmerksam macht und das durch das Heer von
Arbeiter- und Dorfkorrespondenten die Verbindung zwischen
Massen und Partei herstellt usw.”

Dieses Weltbild schließt natürlich jede geistige Selbständigkeit
aus, Es ist selbstverständlich, daß es neben dem Marxismus keine
andere Wahrheit gibt. Der Marxismus wird autoritativ gedeutet
durch die herrschende Partei. ihre politische und wirtschaftliche