126 3. Teil. Die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik.
nur ungehemmter auf, etwa durch Mißbrauch der Frauenbefreiung
zu sexuellem Genuß, durch Ausnützung der proletarischen Ab-
stammung, die Aufstiegschancen eröffnet, durch Verwendung der
Parteizugehörigkeit, um persönliche Vorteile zu gewinnen.

Gewiß, gerade diese Zustände und Mißbräuche werden besonders
scharf bekämpft, wie die Prozesse gegen Fälle zügelloser Sexuali-
tät einflußreicher Parteigenossen zeigen. Aber genügt da der
äußere Zwang? Er führt gerade bei denen, die ihn ausüben, zu
einer Demoralisierung, Er wird zum entscheidenden Mittel im
politisch-gesellschaftlichen Machtkampfe. Die Massenaufklärung
wird einfach zum Hineinpressen in bestimmte Partei- und
Wissens- (besser Unwissens)formen. Da werden etwa veraltete
Aufklärungsschriften als jüngste Wissenschaft vorgetragen. Die
Materialisten des 18. Jahrhunderts feiern ebenso ihre Auf-
erstehung wie die Welträtsel von Haeckel und popularisierte Aus-
gaben der Christusmythe von Drews. Ein ganz bestimmter
Menschentypus wird gefördert, der auf die Dauer nur zu einer
neuen Massenversklavung führen, die als provisorisch angekündigte
Existenz des Zwangsstaates nur festigen muß. Ob dieser Sklaven-
staat sich von andern Sklavenstaaten dadurch unterscheidet, daß
in ihm die Führung von Menschen proletarischer Abstammung
ausgeübt wird oder nicht, ist für die Praxis belanglos.

Es wäre aber durchaus falsch, anzunehmen, daß dieses System
des bewußten Beschränkens des Menschen und Einengens seines
Weltbildes einen raschen Zusammenbruch des Bolschewismus
bringen muß. Der Bolschewismus tritt ja auf als Folge einer ganz
bestimmten gesellschaftlichen Lagerung und geschichtlichen Ent-
wicklung. Doch bei aller Vorsicht, die bei der Beurteilung seiner
Zukunftsaussichten notwendig ist, läßt sich die Behauptung wagen,
daß die bolschewistische Gesellschaftspolitik in keiner Weise zu
einem System der Massenselbständigkeit und Freiheit führen kann.
Der Zwang brutalster Art gehört zu ihr, ist von ihr nicht abzu-
lösen. Die bolschewistische Herrschaft benützt nur andere Ideolo-
gien, als sie bisher in Rußland üblich waren, und sie gibt Gelegen-
heit zum Aufstieg neuer Führergruppen und Führerschichten.
Aber die Herrschaft dieser Schichten über die Massen ist — vor-
sichtig ausgedrückt — nicht weniger energisch als die der früheren,
mag sie auch eine ganz andere Zielsetzung haben. Mit Blut und
Eisen, mit Aufpeitschen und Verwendung aller Masseninstinkte
wird Rußland in eine selbständige Provinz der gegenwärtigen
Weltwirtschaft, um sich an die Formel von Eckards anzulehnen,
verwandelt *. Alle geselischaftlichen Umlagerungen dienen diesem