VIERTER TEIL.
Die bolschewistische Partei.

Bei der Beschreibung des politischen Aufstiegs der Bolsche«
wisten, des von ihnen errichteten Staates, ihrer Wirtschafts- und
Gesellschaftspolitik ergab sich immer als letzte bestimmende
Machtstelle die Partei. Die bolschewistische Partei entscheidet
über den Gebrauch des gesamten Staatsapparates, sie ist die
Trägerin der Staatsautorität, sie ist die Souveränin, die sich auch
der Sowjets als Werkzeuge bedient. Die Partei bestimmt über die
Richtung der Wirtschaftspolitik, sie beschließt die Maßnahmen,
die der Gesellschaftsumbildung dienen. Man kann sie nicht von
der politisch-gesellschaftlichen Wirklichkeit der Sowjetunion ab-
lösen, sie ist die entscheidende Macht, welche diese Wirklichkeit
lenkt, formt und gestaltet.

Es ist völlig undenkbar, daß sie eines Tages als Machtträgerin
durch eine andere Gruppe, eine andere Partei abgelöst wird. Diese
Ablösung würde das Ende des ganzen Regimes bedeuten. Der
bolschewistische Staat ist nichts anderes als die Diktatur der
bolschewistischen Partei, die im Namen des Proletariats auftritt.
Man kann also die bolschewistische Partei nicht als eine Partei
bezeichnen, die mit den Parteien in einer konstitutionellen Mo-
harchie oder einer parlamentarischen Demokratie, welche auf
Koalitionen beruht, vergleichbar ist. Sie kennt keine andere Partei,
die sich mit ihr als gleichberechtigte Teilhaberin zu einer Re-
gierungskoalition vereinen könnte. Die Koalition mit den linken
Sozialrevolutionären der ersten Zeit war eine rein taktische Maß-
nahme, die zu einer Ausschaltung und politischen Vernichtung
dieser zuerst anerkannten Gruppe führte. Die bolschewistische
Partei kennt keine Opposition, die sie ersetzen könnte. Die ge-
samte Verfassung der Sowjetunion verliert ihren Sinn, wenn die
bolschewistische Partei nicht mehr regiert, mag auch in ihr nicht
von der Partei, sondern von Räten die Rede sein. Man hat aber
mit der formalen Feststellung, daß das bolschewistische Regime
eine Parteidiktatur ist, nicht viel gewonnen. Man hat mit ihr
weder einen Zugang zum eigenartigen Aufbau der Partei eröffnet
Noch ein Verständnis für ihre Geistesart und ihre Methoden er-
langt. Nur die geschichtlich-gesellschaftliche Beschreibung kann

da die formal-iuristische Bestimmung anschaulich machen.

Gurian, Der Bolschewismus.

Die Grundlagen.