Die Entwicklung der bolschewistischen Partei. 135
schaltete, traten sie wieder in den Vordergrund. Sie wurden durch
die Versuche hervorgerufen, die sog. innere Parteidemokratie
durchzuführen, die den Aufstieg jüngerer Parteigenossen erlaubt
und die Stellung der führenden Organe geschwächt hätte. Trotzki
entwickelte sich zum Vorkämpfer dieser Parteidemokratie, die
gegen eine gefährliche Parteierstarrung sich wandte. Aber auch
ihm gegenüber erwies sich der Parteiapparat als stärker, mochte
auch die Stimmung in den Parteimassen für ihn sein. Die zentralen
Instanzen sprachen sich gegen ihn aus und lenkten die Partei-
gruppen in ihrem Sinne. Die Organisationsabteilung des Zentral-
komitees zeigte ihre Wirksamkeit. Sie verteilte die Posten so,
daß Trotzkis Anhänger kaltgestellt wurden. Gleichzeitig arbeitete
sie mit Parteireinigungen und Neuaufnahmen von Mitgliedern.
Besonders der sog. Leninsche Prisyw (Aufgebot), die nach dem
Tode des Parteibegründers 1924 veranstaltete Massenaufnahme
von Proletariern, wurde dabei von entscheidender Bedeutung.

Die Parteiführung arbeitete in dieser Epoche der innern Kämpfe
— zunächst alle Führer gegen Trotzki, dann der Generalsekretär
Stalin gegen die mit Trotzki zu einem Block zusammengeschlos-
senen Sinowjew-Kamenew bis zum Ausschluß der Opposition aus
der Partei im Jahre 1927 — durchaus mit Mitteln, die der Partei-
auffassung Lenins entsprechen. Denn für Lenin selber war stets die
Einheit der Partei als Kampforgans, die Beseitigung aller stören-
den Diskussionen und die Ausschaltung aller lähmenden, im rus-
sischen Sozialismus so beliebten Fraktionsbildungen entscheidend
gewesen. Dabei wurde die Methode einer künstlichen Partei-
zusammensetzung gebraucht, die für Stalin eine feste, überwälti-
gende Mehrheit in allen Parteikörperschaften, Parteizellen usw.
sicherte, Die Leninsche Methode, die den Bolschewisten stets
den entscheidenden Einfluß in den Sowiets verliehen hatte, wurde
also auf die Partei übertragen. Die aus der Öffentlichkeit ver-
triebene Opposition konnte daher bequem, sobald es zweckmäßig
erschien, aus der Partei ausgeschlossen werden. Damit wurde sie
vor die Frage gestellt, entweder auf jede politische Tätigkeit zu
verzichten oder sich der Parteileitung zu unterwerfen,

Es konnte gegen die Opposition bequem die Tatsache angeführt
werden, daß sie, im Gegensatz zu den Herrschern des Partei-
apparates, es nicht verstand, Fühlung mit den Massen zu halten,
Ausdruck des Massenwillens zu sein. Konnte es denn einen
andern Massenausdruck geben als die bolschewistische Partei?
Und so war die Möglichkeit gegeben, die Opposition, weil sie die
eine Partei angeblich durch eine andere, zweite, zu bekämpfen und