Die Typen der Bolschewisten, 137
Gruppen zu unterscheiden, die in ihrem Grundcharakter gezeichnet
werden müssen, um die Entwicklung der Parteigeschichte wirklich
zu verstehen. Das Gemeinsame dieser beiden Gruppen ist der
absolute Glaube an den politisch-sozialen Umsturz, der durch die
gesellschaftlich-politischen Verhältnisse des alten Regimes hervor-
gerufen wurde und der vielfach durch die russische Mentalität,
ihren Radikalismus und die besondere Lage der Fremdvölker
(Juden, Letten, Georgier usw.) einen extremen Ausdruck erhielt.
Aber dieser Glaube entfaltet sich bei den beiden Typen ganz ver-
schieden. Der eine Typus ist der Revolutionstheoretiker, Revo-
lutionsliterat und Revolutionsagitator, der andere Typus ist der
Revolutionspraktiker, der Mann, für den die Revolution und der
Sozialismus die einzige soziale Aufstiegschance und das Bildungs-
erlebnis darstellen.

Der Revolutionstheoretiker und -literat ist oft intellektueller
Herkunft. Zu diesem Typus gehören zahlreiche Männer und
Frauen jüdischer Abstammung, denen das alte Regime nicht ge-
nügend Gelegenheit zu geben schien, zur Geltung zu kommen.
Diese Revolutionsliteraten und Intellektuellen neigen dazu, die
Revolution zu romantisieren. Sie lieben die revolutionäre Phrase,
sie arbeiten stark mit ethischen Argumenten, mit Entrüstung über
die barbarischen Methoden des Zarismus, die Unmenschlichkeit
des bürokratischen Apparates usw. Man darf aber nicht meinen,
daß sie vor der revolutionären Tat zurückscheuen. Aus ihren
Reihen sind zahlreiche Attentäter hervorgegangen, doch ist es
bezeichnend, daß die revolutionäre Tat zugleich als eine roman-
tische Tat empfunden wird. Systematische Agitation ohne sicht-
bare Erfolge, praktische Organisationsarbeit liegt diesem Typus
meistens nicht. Er spielt in der Emigration eine entscheidende
Rolle. Er neigt, wenn er theoretisch interessiert ist, zur Recht-
haberei, zu unendlichen Diskussionen, die zu Parteispaltungen
führen.

Man kann sagen, daß Lenin diesen Typus als den Krebsschaden
der Revolution angesehen und betrachtet hat. Gegen ihn vor allem
war die Forderung gerichtet, eine geschlossene, straff organi-
sierte Partei zu bilden. Das sog. Emigrantengeschwätz, die
Emigrantenskloka, um den üblich geworden russischen Ausdruck
zu gebrauchen, waren ihm besonders verhaßt. Gleichzeitig lehnte
er die sog. revolutionäre Phraseologie ab, als deren Typ ihm in
der Nachrevolutionszeit Kerenski erschien, die einfach auf Stim-
mungen, nicht auf einer klaren theoretischen Erkenntnis beruhte.
So konnte dieser intellektuelle Literatentypus sich in der bolsche-