152 4. Teil. Die bolschewistische Partei.
kundige Spezialisten schaffen, er will kein Gefolge aus Revolu-
tionshelden ohne Kenntnisse um sich haben.

Dieses Lernen der Gesellschafts- und Wirtschaftspraxis soll
eine ganz bestimmte Klasse beeinflussen, sie zur Führerin der
neuen Gesellschaft machen, — nämlich das Proletariat. Daß
das Proletariat die berufene Klasse ist, war für den Marxisten
Lenin ebenso selbstverständlich wie das Recht seiner Partei zur
Herrschaft. Der Glaube an das Proletariat bestimmte seine ganzen
politischen und wirtschaftlichen Versuche. Die neue Gesellschaft
kann nicht sofort glatt arbeiten, sie entsteht unter {f{urchtbaren
äußern Verhältnissen, sie kommt nicht von selber, sie ist nicht
sofort da in aller Vollkommenheit. Das hat er immer wieder
betont. Mag sein, daß er vielfach, besonders beim Beginne seiner
Herrschaft, die Schwierigkeiten der sog. Übergangsperiode zu
gering eingeschätzt hat, aber er hat sie doch stets gesehen und
später immer mehr hervorgehoben. Hat er darum den Glauben an
das sozialistische Endziel aufgegeben? Wurde für ihn der marxi-
stische Glaube allmählich zu einer reinen Ideologie, d. h. zur
Rechtfertigung seiner eigenen Herrschaft und Macht? Nichts
spricht für diese Entwicklung. Es trat nur infolge der Berührung
mit der Praxis für ihn die Notwendigkeit der Erfahrung und Er-
ziehung immer mehr hervor. Er lernt selber während der Ex-
perimente.

In diesem Betonen der Einheit von Theorie und Praxis, die eine
unendliche Fülle von Möglichkeiten zu dialektischen Selbstrecht-
fertigungen gibt, zeigt sich vielleicht am deutlichsten Lenins
menschliche Unmenschlichkeit. Er ist durchaus unmenschlich im
Glauben an seine Doktrin, an das Kommen der sozialistischen
Gesellschaft, an das Recht einer Partei, dieses Kommen mit
allen Mitteln zu fördern, an die Berufung des Proletariats, die
neue Gesellschaft zu schaffen, also während der Übergangszeit
zu herrschen. Es gibt da für ihn keine Rücksichten auf Ethik,
auf Menschlichkeit. Er hat nichts dagegen, daß die Bourgeoisie
durch Erschießungen und erniedrigende Arbeiten (Klosettreinigen)
zur Mitarbeit getrieben wird, er betrachtet den Terror als ein
nur nach Zweckmäßigkeitsgründen zu benützendes politisches
Instrument. Alle Freundschaften, persönlichen Rücksichten, Sym-
pathien hören für ihn auf, wenn es sich um die Sache handelt.
Er ist darin von einer unbarmherzigen Härte, aber diese Härte ist
zugleich von einer so ungebrochenen sachlichen EFindeutigkeit ge-
tragen, daß sie menschlich wirkt.

Es finden sich bei ihm gelegentliche Äußerungen, die von einem