Lenin,

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geradezu naiven Vertrauen auf den Klasseninstinkt zeugen, Er-
zählungen aus dem Alltag, die von einer wirklichen Liebe zu
den Massen sprechen. Er ist durchaus selbstlos in allem, was
ihn selber betrifft, Völlig uneitel sieht er es aus rein sachlichen
Gründen als selbstverständlich an, daß ihm und seiner Partei als
Trägern der sozialistischen Gesellschaft die Herrschaft zukommt.
Er beruft sich nicht auf irgend eine Sendung, sondern einfach auf
die Sache. Er verschwindet ganz hinter ihr, und gerade darin
liegt die Eigenart seiner Persönlichkeit. Auch seine Leidenschaften
Werden von ihr regiert. Er haßt nicht den einzelnen Bürger, son-
dern das Bürgertum, nicht den einzelnen Menschewisten, sondern
den Menschewismus. Um so intensiver und rücksichtsloser ist
sein Haß. Denn als Träger der weltgeschichtlichen Entwicklung
zur Gerechtigkeit hat er die Verpflichtung, alles, was sich ihr
entgegenstellt, mit allen Mitteln zu bekämpfen.

Gerade dieser absolute Glaube an den Marxismus ist das
Menschliche an Lenin. Denn er ist durch sein Wurzeln in der
russischen Tradition bedingt. Er wird dadurch ein typischer rus-
sischer Intellektueller, der fanatisch seine politisch-sozialen An-
sichten als die zur Rettung der Welt notwendige, das Reich der
Gerechtigkeit bringende Religion ansieht. Lenin ändert sich nicht,
als er aus dem aszetischen Leben der Emigrationsiahre zur poli-
tischen Macht emporsteigt. Nur seine Biegsamkeit wird durch
die Notwendigkeiten der Praxis verstärkt. Vorher galt es ia,
die orthodoxe Doktrin, das feste Gefolge zu sichern, jetzt kam
die so lange vermißte, bisher nur in der Diskussion und Partei-
organisation sich zeigende Praxis zur Theorie. Durch dieses Be-
tonen der Praxis sondert er sich von den russischen Intellektuellen
ab, ist er der Mann, der sie mit den Männern des Revolutions-
alltags zusammenbringen und zu einer Gruppe zusammenschweißen
kann. Dieses Betonen der Praxis unterstreicht seine menschlichen
Züge. Es verleiht seiner ganzen Erscheinung fast etwas Haus-
backenes, Spießbürgerliches. Er liebt es, sich auf den gesunden
Menschenverstand zu berufen, sich über schöne Deklamationen und
effektvolle Phrasen lustig zu machen. Diese Züge Lenins haben
für seine Wirkung als Massenvorbild eine entscheidende Bedeutung
erhalten. Er ist nicht nur der Träger der wahren Doktrin, er ist
der Mann der Tat, des Alltags. Unter Berufung auf ihn wird in
der Sowjetunion der Praktiker erzogen, der es nicht lieben soll,
viel zu reden und zu diskutieren — wie der russische Intellek-
tuelle —, der nicht faul und träge ist, sondern der die Arbeit
schätzt, dem es darauf ankommt, die wirtschaftlichen Aufgaben