Die andern Führer, 159
Sichtslosere Revolutionsfanatiker. Seine persönliche Reinheit und
Ehrlichkeit sind ebenso unbestritten wie seine schrankenlose, nur
durch Zweckmäßigkeitsgründe politischer Art bestimmte, objektive
Grausamkeit. Er war ein Intellektueller aus polnischem Adel —
auch sein Nachfolger Menschinski ist dieser Herkunft —, der sich
restlos der bolschewistischen Partei und Revolution ergeben hatte.
An ihm zeigt sich vielleicht am klarsten die unmenschlich machende
Wirkung einer mit absoluten Ansprüchen auftretenden sozialen
Doktrin. Im Namen der Revolution wurde er zum Henker von
Tausenden, mochte er auch im persönlichen Verkehr alles andere
als ein brutaler Machtmensch sein. Es ist schwer zu entscheiden,
ob die oft gehörte Behauptung von einer pathologischen Verirrung
Tichtig ist oder nicht. Aber sie berührte jedenfalls nicht sein
Urteils- und Handelsvermögen. Der Glaube an die Revolution war es,
der ihn alle Humanität vergessen ließ, der ihm die Entschlußkraft
zu Massenmorden — wie man die Hinrichtung aller nur möglicher
Politischer und sozialer Gegner bezeichnen kann — einflößte.
Das Zeugnis persönlicher Lauterkeit kann man Sinowjew und
Kamenew nicht ausstellen. Sie sind Intellektuelle jüdischer Ab-
Stammung. Wie ihr Widerstand gegen das Wagnis der Oktober-
revolution und des Kampfes gegen die nichtbolschewistischen
Sozialisten bewies, schlossen sie sich erst dem Regime der Diktatur
an, als es gesiegt hatte. Beide zeichnen sich durch einen Mangel an
Dersönlichem Mut aus, wie auch ihr Verhalten gegenüber Trotzki
gezeigt hat. Sie kämpften erst mit Stalin gegen Trotzki, um sich
dann nach ihrer Ausschaltung aus der Parteiführung zusammen
mit dem vorher so energisch Bekämpften gegen Stalin zu wenden.
Das hinderte sie aber nicht, ihn wiederum als die ersten nach
seiner Niederlage zu verlassen. Kamenew erscheint nach den
Aufzeichnungen von Suchanow als ein charakterloser, weicher
Durchschnittsmensch, der nicht den Mut besitzt, einem ener-
gischen Willen sich entgegenzustellen. Sinowjews ganzes Wirken
ist von einem persönlichen Machtbewußtsein bestimmt. Es ist
bezeichnend, daß der Kampf gegen sie, die an der Spitze der
Petersburger und Moskauer Sowiets standen, mit der Losung:
„Gegen die Satrapenwirtschaft in der Partei“, geführt wurde.
Der früher vielgenannte Bildungskommissar Lunatscharski ist
ein radikaler Intellektueller, der sich nur zufällig in den Bolsche-
Wismus verirrt hat. Daß ihn Stalin von seinem Posten entfernt
hat, hängt mit der Wendung zum Wirtschaftlich-Praktischen
Zusammen. Da war keine Zeit mehr für die ästhetischen Experi-
mente Lunatscharskis; da glaubte man auf die Sympathien der