160 4. Teil. Die bolschewistische Partei.
internationalen Boheme verzichten zu können, auf die Luna-
tscharski mit seiner Begeisterung für alle neue Kunst und seinen
kühnen Proiekten großen Eindruck gemacht hatte. Tschitscherin,
der langjährige Außenkommissar, ist wie Ossinski (Obolenski) ein
Mann aus altem Adel, der sich, von der revolutionären Intelligenz
begeistert, dem revolutionären Marxismus angeschlossen hatte.
Wie Krassin gehört er zu jenen alten Bolschewisten, die in der
Zeit nach der Oktoberrevolution vor allem als Fachmänner hervor-
getreten sind, aus deren Tätigkeit keine besondere Anhänglichkeit
an die Doktrin zu erkennen ist.

Ähnliches gilt von den Männern der Rechtsopposition, vor allem
ihren Führern Tomski und Rykow. Beide erscheinen als Praktiker,
die gern auf die Durchführung der radikalen Projekte verzichten
würden, um die Lebenshaltung des russischen Volkes zu ver-
bessern. Es ist daher verständlich, daß der Gewerkschaftler
Tomski des sozialdemokratischen Revisionismus und Rykow der
Kulakenfreundlichkeit beschuldigt wird.

Fine Sonderstellung nimmt in der Rechtsopposition Bucharin ?®
ein, der sich vom Linkskommunismus zum Verkünder einer stär-
keren Rücksicht den Bauern gegenüber, eines langsameren Indu-
strialisierungstempos umentwickelt hat. Lenin hat ihn gelegentlich
als einen Mann bezeichnet, dem man bei allen seinen verschiedenen
Ansichten nicht böse sein könne. Er meinte auch, daß ihm trotz
seines ökonomischen Wissens die strenge Kenntnis der materia-
Jistischen Dialektik, der Grundlage des Marxismus, fehle. Trotzki
hat ihn in seinen Erinnerungen als einen Mann ironisiert, der sich
immer an jemanden anschließen müsse. Er ist ein typischer rus-
sischer Intellektueller, der zu schreiben liebt, der zu dialektischen
Spielereien neigt, die er — wie Lenin kritisch feststellt — mit einer
komplizierten wissenschaftlichen Terminologie zu umkleiden pflegt.
Fine Zeit lang diente er Stalin als Theoretiker, um nach dem
Beginne der radikalen Industrialisierung und Kollektivierung aus
der politischen Führung völlig verdrängt zu werden,

Radek, der heute nach seiner Trennung vom Oppositionsblock
wieder als Auslandspropagandist und Journalist verwendet wird, ist
der Typus des „internationalen Bolschewisten“, wie er der populären
Vorstellung entspricht. Zynisch, sehr intelligent, nihilistisch, er-
scheint er als der ewige revolutionäre Agitator, der an der Zerstörung
der bestehenden bürgerlichen Welt das größte Interesse hat.

Hat es Sinn, die verschiedenen neuen Männer, die an Stelle
Trotzkis, Rykows, Kamenews, Sinowjews usw. getreten sind, zu
charakterisieren? Für sie ist die völlige Ungeistigkeit bezeichnend