FÜNFTER TEIL.
Die bolschewistische Doktrin.

Die Wichtigkeit der theoretischen Grundlage.

Es wäre durchaus falsch, zu glauben, daß das Emporkommen
des Arbeiterbolschewisten und des Mannes der Praxis in der
Parteiführung eine Abkehr von der Doktrin herbeigeführt hätte.
Im Gegenteil: mit dieser Menschenauslese ist ein starres Fest-
halten am Buchstaben der Lehre verbunden. Gewiß, einige Thesen
der Doktrin wirken nur noch als Zukunftsversprechen, deren Ein-
lösung immer mehr und mehr hinausgeschoben wird, während
andere immer stärker in den Vordergrund treten — aber das
ändert nichts an den Grundlagen des Glaubens. Der Leninismus
ist bis heute unerschüttert. Er bestimmt die Partei und damit die
ganze Öffentlichkeit in der von ihr beherrschten Sowjetunion.
Ohne seine Thesen, seine Grundeinstellung hätte sich die Partei
nicht so entwickeln können, wie sie sich entwickelt hat. Wirklich
nicht zufällig bezeichnet sich Stalin als den treuesten Jünger
Lenins. Auch die Meinungsverschiedenheiten mit der Opposition
können nicht als eine Sprengung des Leninismus angesehen werden,
mögen sie auch gewisse Grunddogmen über das praktische Ver-
halten in der Gegenwart, das Verhältnis zur Weltrevolution, die
Stellung zum sozialistischen Aufbau in einem Lande betreffen.
Es hieße den Bolschewismus gewaltig unterschätzen, seine Gefahr
als Welterscheinung und Träger der Weltrevolution zu gering
anschlagen, wenn man seine Berufung auf Marx und die im Ge-
folge von Marx durch Lenin entwickelten Theorien und Methoden
einfach als Herrschaftsideologien, an die er nicht mehr glaubt,
einschätzen würde. Mit Recht hat Dobb, der Verfasser der Wirt-
schaftsgeschichte Rußlands seit dem Jahre 1917, vor der An-
schauung gewarnt, nach der die Bolschewisten bald nach ihrer
Machtergreifung den utopischen Charakter ihrer Doktrinen erkannt
hätten. Die Ansicht ist ein Irrtum, daß sie nicht mehr ihre Lehre
ernst nehmen, sie nur zur Massentäuschung und Verführung, zur
Rechtfertigung ihrer in ganz andern Bahnen sich bewegenden
Herrschaft benützen. Man kann den Bolschewismus überhaupt
nicht verstehen, wenn man seine Doktrin nicht kennt. Gewiß, ihre
Entstehung und Wirkung hängt sehr stark mit bestimmten ge-
schichtlichen und sozialen Umständen zusammen, Aber sie geht
nicht in ihnen auf, sie ist nicht einfach als Ausdruck und Recht-