Die Wichtigkeit der theoretischen Grundlage. 163
lertigung eines Wechsels der Rußland führenden Schichten anzu-
sehen, Sie hat tatsächlich die Entwicklung weitgehend bestimmt.

Ohne sie wäre sicher manches ganz anders gekommen, hätten
Sich z. B. die Hoffnungen derer erfüllt, die die NEP als den Beginn
einer Rückkehr zur privatkapitalistischen Wirtschaft ansahen, die
Sich bald beeilten, den Bolschewismus als eine neue Form des
Missischen Volksnationalismus zu bagatellisieren, die meinten, daß
seine Anwendung von Gewalt, seine Forderung von Disziplin, sein
Aufbau einer straff organisierten Militärmacht eine glatte Abkehr
vom Marxismus seiner Jugend bedeute. Unterschätzungen der
bolschewistischen Doktrin gegenüber muß immer wieder energisch
und eindringlich betont werden: Gewiß hat sich Lenin in vielen
Einzelheiten geirrt. Gewiß hat er viele seiner Projekte, durch die
Praxis der Machtausübung belehrt, ändern, direkt aufgeben, min-
destens zurückstellen müssen. Aber das hat ihn keineswegs zur
Aufgabe seiner Grundeinstellung gezwungen. Im Gegenteil, es
gehört zu ihr, daß sie in der Praxis sich bewährt, ihre konkrete
lebendige Verwirklichung erst in der Praxis erhält und damit
durch Irrtümer, Fehlprojekte usw. nicht widerlegt wird. sondern
an ihnen wächst und sich entwickelt.

Der Bolschewismus ist eine Weltanschauung im strengsten
Sinne des Wortes. Man kann ihn nicht als bloße Herrschaifts-
Methode, als demagogische Technik von Herrschsüchtigen an-
sehen. Trotz aller Unvollkommenheiten seiner Vertreter, trotz
aller Grausamkeiten seiner Praxis, die sich natürlich nicht durch
die Unbedingtheit des Glaubens an die Doktrin rechtfertigen lassen,
hat er bis heute diesen weltanschaulichen Charakter behalten, mag
auch der Schwung seiner ersten Jahre vorübergegangen sein und
einer allzu nüchternen, allzu schwunglos-bürokratisch anmutenden
Routine Platz gemacht haben. Aber die Terminologie, in der die
Kanze Praxis heute geübt wird, ist durchaus vom Leninismus, der
Formulierung seiner Weltanschauung, bestimmt geblieben, und
man darf die Macht einer Terminologie, welche die gesamte Öffent-
lichkeit beherrscht, nicht zu gering einschätzen, Sie geht gleichsam
in Fleisch und Blut über. Ihre Begriffe werden nicht mehr als
Begriffe empfunden, sondern als selbstverständliche Wirklichkeiten.

Sie verwandelt sich aus einer bewußten, herangetragenen Welt-
anschauung in eine tatsächliche Lebensmacht, in eine natürliche
Weltanschauung, die auch unreflektiert, unausgesprochen, unge-
Wollt alle Urteile und Wertungen bestimmt und trägt. Man darf
also die Wirkung der bolschewistischen Doktrin und ihren welt-
anschaulichen Anspruch nicht zu gering einschätzen, mag auch

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