166 5. Teil. Die bolschewistische Doktrin.
schichtlich-gesellschaftlichen Verhältnisse. Sie ist zugleich abstrakt
und konkret. Sie gibt die Möglichkeit, die konkrete Wirklichkeit in
abstrakten Formulierungen zu erfassen — wie es Marx vorbildlich
getan hat — sie läßt ihre Widersprüche und Entwicklungsstadien
ergreifen, ohne sie zu vereinfachen, da sie nicht wie die formali-
stische Logik an den Satz des Widerspruchs gebunden ist, son-
dern gerade die Veränderungen, das Werdende, Entstehende und
Sich-Wandelnde zu erfassen berufen ist. Daher vermag sie den
Sinn aller geschichtlichen Verhältnisse und Prozesse zu durch-
schauen. Sie steht nicht unter dem Banne eines Glaubens an
kontinuierliche Entwicklung ohne Sprünge. Denn sie kennt das
Gesetz des Umschlages der Quantität in die Qualität, das sich in
der Gesellschaft mit revolutionären Erschütterungen und der Not-
wendigkeit energischer Nachhilfe verbindet. Sie ist also revolu-
tionär und bejaht doch zugleich alle Ergebnisse der geschichtlich-
gesellschaftlichen Entwicklung. Man kann nicht eindringlich genug
hervorheben, wie sehr ‘der Leninismus die Hegelsche Dialektik
schätzt, die er allerdings mit dem Materialismus als dem Glauben
an die Bestimmtheit der geschichtlich-gesellschaftlichen Verhält-
nisse durch die Produktion verbindet und gleichsam umstülpt.
Daß er dabei Marx selber entspricht, im Unterschiede zum
Revisionismus, der die Dialektik ablehnt und durch einen in der
Außenwelt weiter nicht begründeten, marxistisch ausgedrückt:
idealistischen Glauben an die Gerechtigkeit, den Willen zur Huma-
nität ersetzt, der auch die Arbeiterklasse berücksichtigen müsse
usw., wird der Historiker zugeben müssen, ohne damit natürlich
etwas über die sachliche Berechtigung dieser Position gesagt zu
haben.
Der dialektische Materialismus darf in keiner Weise als eine
theoretische Deutung der gesellschaftlich-geschichtlichen Wirklich-
keit angesehen werden, von der dann die Praxis zu unterscheiden
wäre als konkrete Verwirklichung seiner abstrakten Erkenntnisse *.
Da muß wieder an den berühmten Satz erinnert werden: „Es
kommt nicht darauf an, die Welt zu erkennen, sondern sie zu
verändern.“ Der dialektische Materialismus Lenins will in seiner
Welterkenntnis — genau so wie die ganze theoretische Arbeit
von Marx selber — zu einer sozialen Weltveränderung führen.
Er wendet auf sich selber den Satz vom Zusammenhang aller
Erkenntnis mit ihren sozial-gesellschaftlichen Vorbedingungen an
— er ist die Erkenntniswaffe der Revolution und der zur Revolu-
tion berufenen Klasse, des Proletariats. Infolgedessen können seine
Ergebnisse nie der Revolutionspraxis entgegengestellt werden. Sie