172 5. Teil. Die bolschewistische Doktrin,
Ablehnung der friedlichen Evolutionshoffnungen des opportuni-
stischen Sozialismus. Aus dem Monopolkapitalismus führt kein
direkter Weg zur sozialistischen Planwirtschaft. Er hebt in keiner
Weise die Anarchie der Produktion auf. Seine Pläne und Regu-
lierungen dienen ausschließlich egoistischen Gruppeninteressen.
Dann wird die politische Demokratie, das Regime des allgemeinen,
gleichen Wahlrechts, außerordentlich gering eingeschätzt. In dieser
Zeit der Kriege kommt es auf die starke Staatsgewalt an — die
Diktatur des Proletariats tritt in den Vordergrund gegenüber der
friedlichen demokratisch-parlamentarischen Arbeit, die der Zeit
der Zweiten Internationale, der vorimperialistischen Periode des
Kapitalismus, entsprach.

Heute hat man keine Zeit mehr, auf die Reife der gesamten
Welt zum Kapitalismus zu warten, wie die Opportunisten meinen,
um dann mit Hilfe der vereinigten Weltproletarier die Revolution
zu vollziehen, wenn sich der Kapitalismus nicht friedlich durch
Entwicklung in den Sozialismus verwandeln will. Heute muß
gehandelt werden; es gilt, die revolutionären Situationen in den
verschiedenen Ländern und Völkern auszunützen, Sie entstehen
gerade dadurch, daß der Imperialismus durch Kapitalausfuhr und
damit verbundene Unterdrückung schwacher Länder und Völker,
Ausbeutung zurückgebliebener Bezirke gekennzeichnet ist im Unter-
schiede zum Konkurrenzkapitalismus, für den Warenausfuhr cha-
rakteristisch war. Da ist es — wie Lenin betont — unsinnig, zu
erwarten, daß der soziale Umsturz gleichzeitig in allen Ländern
beginnen soll. Er kann das gar nicht, weil die Mehrzahl der Länder
und die Mehrzahl der Weltbevölkerung noch gar nicht die kapita-
listische Stufe der Entwicklung erreicht haben oder erst an ihrem
Anfange stehen. Die soziale Revolution muß sich also als Epoche
vollziehen, die den Bürgerkrieg zwischen Proletariat und Bour-
geoisie in den fortgeschrittenen Ländern mit einer Reihe demokra-
tischer revolutionärer, darunter auch national-freiheitlicher Bewe-
gungen in den unentwickelten, zurückgebliebenen und dunklen
Massen vereinigt. „Der Kapitalismus entwickelt sich ungleichmäßig
und zeigt uns in einer Reihe mit hochentwickelten, kapitalistischen
Nationen eine ganze Reihe von Nationen, die schwach und öko-
nomisch unentwickelt sind.“

Wozu führen diese Anschauungen, die auch ökonomische Schich-
tungen innerhalb der Nationen unterscheiden — also die gleich-
zeitige Existenz von kapitalistischer und feudaler Wirtschafts-
struktur als durchaus möglich ansehen? Dem revolutionären Akti-
vismus wird in unserer Zeit ein besonders großes Feld zugeteilt.