Die Grundlagen der Religionskritik. 175
des dialektischen Materialismus. Der dialektische Materialismus
enthüllt gerade in seiner Anwendung, in seinen politischen und
sozialen Deutungen, in seiner Betonung des politischen und gesell-
schaftlichen Lebens seine weltanschauliche Eigenart, seinen Cha-
rakter als einer Ersatzreligion, die an Stelle der bisherigen Religion,
insbesondere des Christentums, treten soll.

Alle politischen und sozialen Theorien, alle Deutungen der Ge-
sellschafts- und Geschichtsentwicklung, alle Erörterungen über
Imperialismus, die Diktatur des Proletariats usw. sind vom Glauben
bestimmt, daß das Ziel des menschlichen Wesens und der Mensch-
beit in der Organisation der irdischen Gesellschaft und der für sie
entscheidenden Wirtschafts- und Produktionsverhältnisse besteht.
Das Ziel der Entwicklung ist genau gegeben, an Stelle des durch
die Geschichte zum Selbstbewußtsein gelangenden absoluten
Geistes der Hegel folgenden Idealisten ist die Selbsterkenntnis der
Produzierenden, arbeitenden Menschheit getreten. Wegen ihrer
vollkommenen Wirtschafts- und Gesellschaftsorganisation ist sie
nicht mehr von der Natur abhängig; sie kennt keine Herrschaft
der Sachen, der Ware des Kapitalismus und ihrer Marktgesetz-
lichkeit über den Menschen, sie erfaßt ihr eigenes Wesen dadurch,
daß sie es versteht, die Wirtschaft zu organisieren; jeder erhält
die Fähigkeit, seine Gaben zu entfalten, es gibt also keinen Gegen-
Satz mehr zwischen dem Ganzen und einzelnen Gruppen, da die
gesamte Produktion nach einem gesellschaftlichen Gesamtplan
erfolgt, der Überraschungen durch Krisen ausschließt, die im
Kapitalismus durch die Anarchie des Marktes, die Konkurrenz usw.
hervorgerufen werden. Die sozialistische Wirtschaft verwirklicht
dadurch die Forderungen der Gerechtigkeit, Gleichheit und Frei-
heit, die im Kapitalismus leere Schlagworte, abstrakte Formeln
bleiben müssen.

Es ist also eine Selbstgenügsamkeit der produzierenden Mensch-
heit, welche vom strengen Marxismus, dem dialektischen Materia-
lismus als Sinn der Geschichte erkannt und aufgestellt wird. Durch
dieses Ziel, das zugleich den immanenten Sinn der Entwicklung
enthält, wird alle Transzendenz überflüssig, d. h. der Marxismus,
und zwar der Marxismus von Marx selber, ist streng atheistisch,
weil das Ziel der Geschichte kein Jenseits zuläßt, überhaupt un-
möglich macht. Jede Religion ist diesem Jenseits zugeordnet, sie
ist also geradezu Verneinung des marxistischen Zieles, der sich
selbst genügenden, produzierenden Gesellschaft, daher ist der
Marxismus seinem ganzen Wesen nach antireligiös. Andere
sog. ideologische Formen, nicht unmittelbar wirtschaftliche Tätig-