176 5, Teil. Die bolschewistische Doktrin.
keiten des Menschen, Kunst und Wissenschaft, werden auch in der
sozialistischen Gesellschaft erhalten bleiben, sie werden sich sogar
erst in ihr voll entwickeln und frei entfalten können, da sie dann
nicht mehr, wie in der heutigen Welt, als Verkappungen ungerechter
Verhältnisse, als Ausdruck vorübergehender sozialer Erschei-
nungen aufzutreten brauchen. Dann sind sie der Ausdruck der
menschlichen, produktiven Entwicklung. Aber die Religion stirbt
mit dem Kommen der sozialistischen Gesellschaft ab.

Religion und sozialistische Gesellschaft im marxistischen Sinne
schließen einander aus. Es gibt nur ein Absolutes, und daher ist
das Absolute des Jenseits der Religion mit dem Absoluten der
sozialistischen Gesellschaft unvereinbar. Die Umstülpung Hegels,
des Idealisten, durch Marx ist der tiefste Grund für die Unverein-
barkeit des Marx wirklich folgenden Marxismus mit der Religion.
Darüber helfen keine Erörterungen über die materialistische Ge-
schichtsauffassung hinweg, die nur als methodisches Prinzip ge-
meint sei, keinen metaphysischen Vorrang der Materie oder der
Wirtschaft bedeute.

Der entscheidende Gegensatz des Marxismus zur Religion, d. h.
dem Glauben an die Jenseitsbestimmung und Jenseitsgerichtetheit
des menschlichen Lebens, wie er in der ersten Katechismusfrage
so klar und scharf zum Ausdruck kommt, beruht gar nicht, wie
vielfach behauptet wird, auf der sog. materialistischen Geschichts-
auffassung, die als entscheidende Triebkraft der Geschichte die
Veränderung der ökonomischen Verhältnisse durch die Wand-
lungen der Produktionsformen ansieht. Der entscheidende Gegen-
satz wird durch die marxistische Bestimmung der Wirklichkeit
gegeben, von der aus auch die materialistische Geschichtsauffas-
sung gedeutet werden muß. Die marxistische Wirklichkeit ist die
produzierende Gesellschaft, die sich selbst genügt. Von dieser
Anschauung aus ist der ganze Kampf des Marxismus gegen die
Religion zu verstehen. Die Religion ist nichts anderes als die
Verzerrung der Wirklichkeit, eine Verfälschung des Wirklichkeits-
bewußtseins, ein Fetischismus, um den Ausdruck von Karl Marx
zu zebrauchen; sie hängt auf das engste mit der Herrschaft der
Sachen, der Ware und des Geldes, Verkörperungen des Markt-
prinzips, über die Menschen im Kapitalismus zusammen. Je mehr
die wahre Wirklichkeit, also die von Bewußtseinstäuschungen
befreite sozialistische Gesellschaft hervortritt, desto mehr ver-
schwindet mit den andern Verzerrungen des menschlichen Geistes
die Religion. Ist die wahre Wirklichkeit erkannt, d. h. durch das
Vorhandensein der sozialistischen Gesellschaft verwirklicht. dann