178 5. Teil. Die bolschewistische Doktrin,
religionen durch den Marxismus nicht ausschließe; im Gegenteil,
die Trennung der Öffentlichkeit von der Religion sei nur als Etappe
zur Vernichtung und zum Absterben der Religion durch das
Kommen der sozialistischen Gesellschaft anzusehen. Aber die
grundsätzliche Religionsfeindschaft, welche Lenin dazu trieb, alle
Formen des sog. religiösen Sozialismus in besonders scharfer
Weise als Kompromisse mit dem antisozialistisch-bürgerlichen
Geiste zu bekämpfen, fordert doch nicht ein sofortiges Verschwin-
den der Religionen mit Hilfe von Gewaltmitteln, Auch hier zeigt
sich wieder die für den revolutionären Marxismus so bezeichnende
Verbindung des Glaubens an Gewaltmittel, staatlichen Druck,
Terror, gesellschaftliche Umorganisation mit der Rücksicht auf
die bestehenden Verhältnisse, die als Beweis für die Notwendigkeit
taktischer Anpassung betrachtet werden. Zwar kommt das Ziel
mit Notwendigkeit, aber es vereint in sich alle Stadien der Ent-
wicklung. Es kann nicht, wie die Utopisten meinen, gleichsam sofort
die sozialistische Gesellschaft und damit der Atheismus durch ein
Dekret geschaffen werden. Die Religion wird noch so lange be-
stehen bleiben, als die sozialistische Gesellschaft nicht verwirklicht
ist, und da ist ein antireligiöser Feldzug, welcher auf die beste-
henden gesellschaftlichen Verhältnisse mit ihren sog. religiösen
Vorurteilen keine Rücksicht nimmt, sinnlos, ja sogar schädlich,
weil er die politische Herrschaft und die Propaganda der marxi-
stischen proletarischen Partei gefährdet. Es genügt also nicht ein
abstrakter Atheismus, ein bürgerliches Freidenkertum. Die anti-
religiöse Aufklärung des Bolschewismus predigt den Atheismus
im Unterschiede zu der bürgerlichen, nicht um seiner selbst willen
als eine neue, der Wissenschaft entsprechende Metaphysik, die
an Stelle der alten Theologie zu treten habe, sondern ihr Atheismus
ist an die Verwirklichung der sozialistischen Gesellschaft ge-
bunden *. Daher muß er stets den Klassencharakter der Religion,
die sog. sozialen Wurzeln der Religion, mitenthüllen, und das ist
so zu machen, daß sorgsam auf die Einstellung zurückgebliebener
Schichten geachtet wird.

Was folgt aus diesen Anweisungen? Es ergibt sich aus ihnen
der zweideutige Charakter der bolschewistischen Religionspolitik,
die bereits im zweiten Teile geschildert worden ist. Es kann
scheinbar Toleranz, Rücksicht auf Traditionen, Warnung vor
sog. Verwaltungsdruck gegen Religion verkündet werden, aber
das ist alles nur Taktik, die ebensogut Gewaltmaßnahmen, Förde-
rung atheistischer Feiern, atheistischer Erziehung durch den Staat
zuläßt. der von einer atheistischen Partei beherrscht wird. Die