Die Grundlagen der Religionskritik. 179
Toleranz wird nur so lange geübt, als dadurch das atheistische
Ziel der bolschewistischen Herrscher gefördert wird. Die Tren-
lung der Öffentlichkeit von der Religion wird immer energisch
Unterstrichen, und zwar in ihrem atheistisch-antireligiösen Cha-
takter, Dabei ist es für die Durchführung der Religionskritik des
Marxismus bezeichnend, daß der Atheismus gleichzeitig mit wirt-
Schaftlicher und politischer Tätigkeit verbunden wird. Da ver-
anlassen etwa kommunistische Zellen Betriebsbelegschaften, zu
verkünden, daß sie an kirchlichen Feiertagen arbeiten und da-
durch den Fünfiahresplan besonders fördern wollen. Da wird
betont, daß die Schaffung der Kolchose mit der Verdrängung des
Noch vorhandenen kirchlichen Einflusses verbunden werden müsse.
Da werden etwa Brigaden aus Arbeitern, die zugleich kämpfende
Atheisten, Mitglieder des Gottlosen-Bundes sind, geschaffen, die
durch ihre Tätigkeit vorbildlich wirken, also für den Atheismus
werben sollen.

Diese Praxis ist die durchaus folgerichtige Anwendung der
Marxistischen Religionskritik; für sie ist Atheismus mit einer Ver-
änderung der gesamten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ord-
nung verbunden. Er besteht gerade in der Verwirklichung dieser
Änderungen und Wandlungen. Die sozialistische Gesellschaft ist
eine atheistische Gesellschaft, — etwas anderes ist für den revolu-
tionären Marxismus undenkbar. Mit dieser Gleichsetzung von
atheistischer und sozialistischer Gesellschaft steht und fällt der
Marxistische Bolschewismus, das muß immer wieder betont
werden. Ebensowenig wie man den Bolschewismus von den
Marxistischen Doktrinen lösen kann, ebensowenig kann man ihn
vom Atheismus befreien. Gerade die Grundlegung des Atheismus
durch den Wirklichkeitsbegriff, der Zusammenhang der absoluten
Wirklichkeit mit der sozialistischen Gesellschaft, die eine Entfal-
tung der Menschheit in Freiheit und Gerechtigkeit ermöglicht,
bringt diese unlösliche Verbindung des Atheismus mit marxi-
stischem Sozialismus und Kommunismus hervor. Die atheistische
Propaganda ist also nicht nur Ausdruck von roher Barbarei, wie
es ihre äußern, unzivilisierten, groben Formen erscheinen lassen.
Die atheistische Propaganda des Bolschewismus ist Ausdruck
eines neuen religiösen Glaubens, eines Glaubens an ein irdisches
Absolutes, welches Gott, den Schöpfer und Herrn der Welt, auf
den alles im Diesseits, auf den die gesamte Welt hingeordnet ist,
als überflüssige, als ein Truzgespinst erweisen soll.