Das Absolute des marxistisch-bolschewistischen Glaubens, 181
Gesellschaftsauffassung, die mit ihr verbundene Mißachtung der
einzelnen Persönlichkeit und ihrer Rechte, der Glaube an die ent-
scheidende Wirksamkeit äußerer Maßnahmen und Druckmittel,
der Versuch, die Grundzelle der bisherigen Gesellschaft, die
Familie, aus ihrer Stellung auch rechtlich zu verdrängen und
damit eine Entwicklung zu bejahen, die bereits im Kapitalismus
angelegt war, all das wird vom Glauben an eine sozialistische Ge-
sellschaft bestimmt, die Selbstzweck ist, die keine höheren Ziele
kennt, auf die sie hingeordnet erscheint. Sie ist Selbstzweck, —
das bedeutet, daß auch der einzelne Mensch auf sie hingeordnet ist.
Der Mensch findet seine Bestimmung erfüllt in der sozialistischen
Gesellschaft und ihrer Tätigkeit. Sie hebt den Konflikt zwischen
Individuum und Gemeinschaft auf; denn erst sie gibt dem
Individuum die Möglichkeit, sich zu entfalten. Man kann also
diese sozialistische Gesellschaft als eine Selbstvergöttlichung der
Menschheit bezeichnen. Sie ergibt sich aus allen Stadien und den
mit ihnen verbundenen Leiden der Weltgeschichte, sie nimmt alle
diese Stadien mit ihren Errungenschaften in sich auf und erhebt
sie auf die Stufe der Vollkommenheit. Sie verhält sich also zur
Weltgeschichte genau so wie der absolute Geist Hegels, der durch
sie zum Selbstbewußtsein gelangt; nur ist sie nicht durch Er-
kenntnis charakterisiert, sondern durch Produktion, organisato-
tische und wirtschaftliche Betätigung.

Die opportunistischen Richtungen des Sozialismus, die Par-
teien, welche an die Entwicklung glauben und damit sich prak-
tisch auf den Boden der bestehenden Gesellschaftsordnung stellen,
vergessen mehr oder minder die Utopie von der sozialistischen
Gesellschaft — von dem auf dem Boden dieser sozialistischen Ge-
sellschaft erwachsenden Kommunismus ganz zu schweigen —. Bei
den Bolschewisten dagegen ist sie lebendig und dient ihnen als
Rechtfertigung für ihre Gewaltmethoden. Sie ist die Macht, welche
das heutige Stadium der Not unter Druckanwendung der wirtschaft-
lichen und gesellschaftlichen Unvollkommenheiten sinnvoll macht.
Sie gibt allen Unternehmungen des Bolschewismus das für sie
eigentümliche Zukunftspathos, d. h. sie läßt sie als vorläufige
Versuche erscheinen, die erst durch die kommende sozialistische
Gesellschaft in ihrem ganzen Sinne sich erfüllen werden. „Wir
bewegen uns auf den Sozialismus zu, wir haben mit dem Aufbau
des Sozialismus begonnen“, so heißt es immer wieder im bolsche-
wistischen Reiche. Aber diese Rechtfertigung der bestehenden
Verhältnisse, der gewagtesten Experimente, der größten Rück-
sichtslosigkeiten und Grausamkeiten aus dem Glauben an die