Der bolschewistische Mensch. 189
geheime, verborgene Weltanschauung der bürgerlichen Gesellschaft
offen aus, wenn sie die Gesellschaft und die wirtschaftliche Tätig-
keit als das Absolute ansehen. Zugleich bewahren sie auch noch
ihren ethischen Charakter, wenn sie das Absolute, die wirtschaf-
tende Gesellschaft so zu ordnen suchen, daß Gerechtigkeit, Gleich-
heit und Freiheit, die ursprünglichen Forderungen des aufsteigen-
den Bürgertums, für alle möglich werden. Die Wirtschaft ist durch
den Aufstieg des Bürgertums, durch die Entwicklung der bürger-
lichen Gesellschaft zum Mittelpunkt des öffentlichen Lebens ge-
worden. Das Proletariat soll diesen Prozeß fortsetzen und die
egoistischen Sicherungen des Bürgertums, die Bewahrung eines
Privaten, idealistisch-religiösen Bereiches zur Rechtfertigung wirt-
schaftlicher Ungerechtigkeit und Ungleichheit, vernichten.

Wie sieht nun die Wirklichkeit gegenüber dieser Konstruktion
aus? Wie verhält sich der bolschewistische Mensch zum wirk-
lichen Menschen? Da muß zunächst zugegeben werden, daß die
kritische Stellung dieses Menschenbildes außerordentlich stark ist.
Der bolschewistische Mensch scheint ja tatsächlich der herrschen-
den Weltanschauung zu entsprechen, die er nur offen ausspricht
und den Massen nicht vorenthält. Der bolschewistische Mensch
scheint der Mann der Wirklichkeit zu sein, der die Interessen der
Massen wirklich auf die wesentlichen Aufgaben lenkt: Er betont
ihre politisch-wirtschaftliche Sendung. Und so wirkt der Bolsche-
wismus in einer Welt, die den wirtschaftlich-gesellschaftlichen
Erfolg betont, auf die, denen dieser Erfolg nicht zuteil wird. Er er-
Scheint ihnen als die Macht, die dem Leben der Gegenwart einen
Sinn verleiht. Der Bolschewismus scheint die Weltanschauung zu
sein, welche von den wirtschaftlichen Tatsachen der Gegenwart
ausgeht und zeigt, daß sie doch einen weltgeschichtlichen Sinn
haben, nicht nur kleinen Menschengruppen nützen.

Damit ist eine entscheidende Voraussetzung der bolschewistischen
Wirksamkeit in der heutigen Welt gegeben. Der Bolschewismus
ist die Utopie, welche den Massen als Ausdruck der wirklichen
Entwicklung erscheint und sie zur Aktivität treibt. Der Bolsche-
Wismus wendet sich nicht gegen die Welt des Alltags mit ihrer
Bestimmtheit durch Wirtschaft und Arbeit, er verlangt also keine
grundsätzlichen Wandlungen, aber er ermöglicht in dieser Welt
eine Aktivität, er wendet sich an das Sendungsbewußtsein, er
scheint die Grundlage für eine scharfe und doch nicht in Phan-
tastereien verpuffende Opposition zu geben. Der Bolschewismus
Wird zum Glauben des Menschen, der durch die moderne bürger-
liche Gesellschaft entweder jede wirkliche lebendige Beziehung