190 6. Teil. Kritik des Bolschewismus.
zur Tradition verloren hat oder dessen Tradition, natürliche Welt-
anschauung, selbstverständliche Religiosität zusammenbricht vor
den Unerträglichkeiten des Alltags. Da erscheint ihm jeder Ver-
such, auf eine Welt des Jenseits zu verweisen, als unwahr und
unwirklich; die Behauptung macht auf ihn Eindruck, daß die Reli-
gion nur eine Rechtfertigung bestimmter gesellschaftlicher Ver-
hältnisse sei, die er als unmöglich, unerträglich empfindet.

Dabei ist zu beachten, daß gerade die barbarische Primitivität
des Bolschewismus, die Einfachheit seiner Formeln besonders
wirksam ist. Sie kann — wie das vor allem in der Sowietunion
der Fall ist — auf Menschen den größten Eindruck machen, die
noch keine lebendige Berührung mit der Zivilisation gehabt haben,
denen daher der Bolschewismus als Träger der Aufklärung usw.
erscheint®. Da wirkt sich die Absperrung der Öffentlichkeit im
Interesse des Bolschewismus als entscheidend aus, die ganze
Öffentlichkeit wird von den bolschewistischen Formeln beschlag-
nahmt, die ganze Aktivität fällt mit dem Bolschewismus zusammen.
Aber die Primitivität des Bolschewismus kann auch auf Schichten
wirken, die von der geschichtlichen Tradition nicht mehr lebendig
bestimmt werden, denen die ganze Kultur und die zuihr gehörende,
wenigstens im Bewußtsein mit ihr verbundene Religion als sinnlos
erscheinen, als etwas, das sie nichts mehr angeht. Nur die Er-
rungenschaften der Zivilisation und der Technik werden als sinn-
voll angesehen, und da kann der Bolschewismus anknüpfen, wobei
er gerade da besonders einflußreich werden kann, wo die Ent-
täuschung über die parlamentarische Arbeit des Sozialismus ein-
gesetzt hat.

Das sind die beiden entscheidenden Massentypen, der noch nicht
zur Zivilisation gelangte Russe, Asiate usw. und der durch die
moderne Welt des Kapitalismus Entwurzelte, auf die der Bolsche-
wismus am leichtesten Einfluß gewinnt. Ihrer Einstellung erscheint
der bolschewistische Mensch als etwas Sinnvolles und Verlocken-
des, als der Mensch der Wirklichkeit und nicht als ein Krüppel,
dem entscheidende Lebensgebiete fremd sind. Daneben sind noch
die zu nennen, welche den Bolschewismus einfach als Auflösungs-
erscheinung begrüßen, die ihn als Gelegenheit zum Aufstieg be-
trachten, der sonst nicht möglich wäre, als Rechtfertigung mora-
lischer Zügellosigkeit ansehen, als moderne Form des Liberalismus
einschätzen, weil er gegen die Reaktion sei. Aber man würde den
Bolschewismus gewaltig unterschätzen, wenn man ihn mit diesen

mehr oder minder schmarotzenden Mitläufern gleichsetzen würde.
Seine große Gefahr liegt darin begründet, daß er als die Welt-