Von der Utopie zur Tyrannei.

191

anschauung den Massen in der bürgerlichen Gesellschaft des
Kapitalismus erscheinen kann, die ihre wirtschaftliche Tätigkeit
zur Grundlage einer neuen Gesellschaft machen und ihren Auf-
stierswillen befriedigen wollen.
Der Bolschewismus ist eine Macht, die sich als Erbin und Über-
winderin der bürgerlichen Gesellschaft fühlt. Er beruft sich auf
die Unzulänglichkeiten der bürgerlichen Gesellschaft, auf den sich
in ihr mit Notwendigkeit ausbildenden Gegensatz zwischen den
verelendenden, mindestens keine Aufstiegschancen besitzenden
Massen und den wirtschaftlich Erfolgreichen, auf ihre Wirtschafts-
krisen, auf ihre innern Gegensätze, die die Welt mit ständiger
Kriegsgefahr bedrohen. Er beruft sich auf ihren praktischen
Materialismus, der alle Ideale und Religionen nur So weit an-
erkennt, wie sie sich der sozialen Geltung und dem wirtschaftlichen
Fortschritt als nützlich erweisen. Er beruft sich auf seinen eigenen
Wagemut, den der greisenhaft werdende Hochkapitalismus mit
seinen Monopolen, seiner Finanzbürokratie USW. nicht mehr kennt.
Gerade die Tatsache, daß der Bolschewismus in Rußland, in der
Sowietunion noch nicht fertig ist, daß er dort erst Versuche des
sozialistischen Aufbaues anstellen muß. wird als Zeichen der Über-
legenheit hingestellt.

Sicher wäre es durchaus falsch, etwa wegen der Wirkung des
Fünfijahresplanes den Beweis für die erfolgreiche Überlegenheit
der neuen planwirtschaftlichen Methoden als erbracht anzusehen,
aber es kommt für eine grundsätzliche Kritik nicht auf die ein-
zelnen Versuche des Bolschewismus an, es kommt nicht darauf an,
zu entscheiden, ob er in der Praxis wirklich seine Versprechungen
erfüllt oder ob nicht sein sog. sozialistischer Aufbau nur einen
Staatskapitalismus schafft, der von einer kleinen Gruppe unter
Zwangsmaßnahmen geleitet und gefördert wird. Es kommt darauf
an, den grundsätzlichen Charakter des Bolschewismus als einer
heuen Religion zu erkennen, die mit der modernen Wendung zu
Politik und Wirtschaft als den Mächten, die dem Leben Sinn ver-
leihen, Ernst macht, und diese Wendung mit ethischen Forde-
tungen und Zukunftsversprechungen verbindet. Dadurch erhält
der Bolschewismus eine Schwungkraft und Eindeutigkeit, welche
ihn allen modernen liberalen und nachliberalen Formen des Rela-
tivismus überlegen macht. Er hat auf alles eine klare Antwort,
und diese Antwort wirkt gerade, weil sie einfach, den Massen

Von der Utopie zur Tyrannei,