192 6. Teil. Kritik des Bolschewismus.
verständlich ist, der geheimen Weltanschauung der modernen Welt
entspricht und sich an verschiedene Lagen, Entwicklungen usw.
anpassen kann.

Man kann also den Bolschewismus nicht allein mit politisch-
wirtschaftlichen Erwägungen bekämpfen. Er ist eine Heilslehre,
die gerade dadurch modern ist, sich als Kind der bürgerlichen
Gesellschaft erweist, weil sie das Heil der Welt und die Erlösung
der Menschheit mit Hilfe von politischen Maßnahmen und wirt-
schaftlichen Umstellungen erreichen zu können glaubt. Die wirt-
schaftliche und politische Lage der Welt hat sich heute so ge-
staltet, daß man einer solchen politisch-wirtschaftlichen Heilslehre
nicht mit Berufung auf die bewährte bisherige Ordnung entgegen-
treten kann. Es wäre ja zu dieser utopischen Heilslehre und vor
allem zu ihrer Auswirkung nicht gekommen, wenn sich die be-
stehende Ordnung bewährt hätte. Ihr Entstehen und ihre Wirk-
samkeit ist gerade ein Beweis dafür, daß da etwas nicht stimmt.
Der Bolschewismus ist zugleich das Erzeugnis und das Gericht
über die bürgerliche Gesellschaft. Er zeigt, wozu es führt, wenn
wirklich Ernst gemacht wird mit der geheimen Weltanschauung
der bürgerlichen Gesellschaft, wenn damit also ihre Versicherungen
bei ihr an sich fremden Mächten wie der Religion durch die Bei-
behaltung eines privaten Lebensbereiches wegfallen.

Die Kritik des Bolschewismus darf also nicht von seinem Kampfe
gegen die bestehende bürgerliche Gesellschaft ausgehen. Denn von
hier aus ergeben sich nur ganz allgemeine Feststellungen historisch-
psychologischer Art. Da kann es heißen, daß er der besondern
wirtschaftlich zurückgebliebenen Lage Rußlands entspricht. Nur
der Zwang des Bolschewismus konnte die trägen russischen
Massen zur Arbeit bringen, er sei also etwas Asiatisches, das für
den fortgeschrittenen Westen nicht in Frage käme. Damit hat er
sich aus einer religiös-weltanschaulichen Gefahr in eine politisch-
wirtschaftliche verwandelt. Er fällt mit der sog. russischen Gefahr
zusammen, die in der raschen Hineinziehung Rußlands in das
moderne Wirtschaftsleben besteht. Die bolschewistische Groß-
macht entwickle ihre Theorien nur zu außenpolitischen Propa-
gandazwecken, zur Rechtfertigung der in ihr herrschenden Ver-
hältnisse usw. Man nimmt also den Bolschewismus als Heilslehre
ebensowenig ernst wie die eigenen idealistischen Wendungen, mit
denen man seine Geschäfte, seine Machtkämpfe verbirgt. Von hier
aus ist der Bolschewismus höchstens als Gefährdung der Kultur
zu bekämpfen, wobei es aber unklar bleibt, was unter der zu
verteidigenden Kultur zu verstehen ist. Denn die Vertreter dieser