Von der Utopie zur Tyrannei. 193
Kultur haben erst ziemlich spät deren Zusammenhang mit dem
Christentum entdeckt. Im 19. Jahrhundert waren sie durchaus
liberal, aufklärerisch, antireligiös eingestellt. Gewiß, alle politischen
und kulturellen Deutungen des Bolschewismus sind sehr wichtig,
aber sie lassen nicht seinen Charakter als Heilslehre erkennen.
Nur dann, wenn man das tut, kann man dem Bolschewismus
Wirklich gefährlich werden. Das wissen die Bolschewisten selber
ganz genau, die gerade die Religion als ihren gefährlichsten
Gegner ansehen. Denn das Absolute der Religion, der Gott, auf
den als Herrn und Schöpfer der Welt die Menschheit und der
einzelne Mensch hingeordnet sind, läßt den Glauben an die Utopie
der sich selbst genügenden sozialistischen Gesellschaft nicht zu.

Die Enthüllung der Unzulänglichkeit und Unwirklichkeit des
bolschewistischen Menschen, der Träger der bolschewistischen
Theorie und Vorbild für die bolschewistische Praxis ist, darf auch
Nicht von allgemeinen Erwägungen ausgehen. Es genügt nicht,
wenn man gegen seine Entleertheit, seine seelische Armut sich
wendet. Die heutige Welt ist auf einer Ebene angelangt, in der
die Höhen des seelischen Lebens nicht mehr zu sehen sind. Man
hat sich in ihr zu viel und zu oft auf Ideen und Ideale berufen,
SO daß die Ideen und Ideale an Glaubwürdigkeit verloren haben.
Die Stärke des Bolschewismus besteht in seinem Ausgehen von der
Sozialen und politischen Wirklichkeit, und man muß den Bolsche-
Wismus gerade da bekämpfen, wo seine Stärke liegt. Dabei gilt
es, sich nicht an einzelne seiner Unvollkommenheiten zu halten,
Sondern zu zeigen, daß er gar nicht die Ansprüche erfüllt, in deren
Namen er auftritt, daß sein Mensch gar nicht der wirkliche Mensch
ist, daß seine Herrschaft zu ganz andern Ergebnissen führen muß,
als er erreichen will, daß er sich also seiner Utopie nicht nähert,
Sondern sich von ihr nur entfernt. Dabei muß als Ausgangspunkt
das angesetzt werden, was in der bisherigen Beschreibung sich
als Ergebnis der Entwicklung ergab.

Der Bolschewismus wendet den Terror nur im Interesse der
Herbeiführung einer gewaltlosen Gesellschaftsordnung an. Was
ist in Wirklichkeit aus dieser Behauptung geworden? Der Terror
hat sich immer mehr und mehr ausgedehnt. An Stelle der frei-
willigen Solidarität wird immer mehr der Terror angewandt. Nicht
nur gegen Klassengegner, sondern auch gegen Parteigenossen, die
anders denken als die Führer, also die Sog. Generallinie nicht
anerkennen wollen. Das hat zu einer moralischen Korruption
Schlimmster Art geführt; es herrscht Unwahrhaftigkeit, es ent-
Wickelt sich eine soziale Anpassungstechnik an die maßgebende
Qurian, Der Bolschewismus. 13