194 6. Teil. Kritik des Bolschewismus.
Meinung. Die Bolschewisten haben der bürgerlichen Freiheit den
Vorwurf der Unehrlichkeit gemacht; sie sei nur eine Scheinfreiheit,
welche die Herrschaft einer Klasse rechtfertige. Die Diktatur des
Proletariats ist zu einer Diktatur über das Proletariat geworden,
mögen auch ihre Träger noch an ihren Zielen festhalten. Denn es
ist unmöglich, eine Grenze des Terrors festzusetzen, wenn man ihn
einmal als politische Waffe anerkannt hat. Trotzki beklagt sich
völlig zu Unrecht über die terroristischen Mittel, die Stalin im
Kampfe gegen ihn gebraucht hat*. Stalin behandelte Trotzki als
eine Gefahr für den Bolschewismus, und da war eben jedes Mittel
gerechtfertigt. Denn wer entscheidet, was eine Gefahr für den
Bolschewismus ist, nachdem man einmal sich auf den Boden der
bolschewistischen Doktrin begeben. hat, welche die Partei als
Instrument zur Errichtung der sozialistischen Gesellschaft be-
trachtet? Die Parteileitung. Daher gibt es gar keine moralischen
Grenzen für den bolschewistischen Terror. Das Terrorsystem hat
einen bestimmten herrschenden Typus entwickelt, für den die
Herrschaft, mag er auch noch an der Doktrin festhalten, mehr
bedeutet als alles andere. Dabei ist diese Herrschaft anders be-
gründet als früher. Die persönliche Bewährung ist sicher wichtiger
geworden als in der Vergangenheit; aber diese Bewährung braucht
durchaus keine Bewährung zu sein, die mit dem Interesse der
Gesamtheit zusammenfällt, im Gegenteil, sie beruht auf persön-
licher Rücksichtslosigkeit, Grobheit usw.

Damit ist gesagt, daß von dem Absterben der Bürokratie, das
Lenin als ein Hauptziel des Bolschewismus angekündet hat, keine
Rede sein kann, Sie ist durch eine neue, gewiß nicht so gut ge-
sicherte wie die alte, dafür aber technisch noch weniger gewandte
und noch weniger an Rücksichten gebundene ersetzt worden. Ist
das alles zufällig? Ein Ausdruck vorübergehender Unvollkommen-
heit? Das ist nicht zufällig, sondern nur ein Beweis für die rein poli-
tische Bedeutung der bolschewistischen Vorstellung vom Menschen
und der ihm entsprechenden sozialistischen Gesellschaft. Die
Erhebung des politischen und wirtschaftlichen Lebens zur ent-
scheidenden Daseinsmacht hat zu einer Entmenschlichung des
Menschen geführt. Er muß sein Ziel auf alle nur mögliche Weise
zu erreichen suchen, und da das Ziel unerreichbar ist, da die Ge-
sellschaft nicht harmonisch von selber arbeiten kann, Autoritäten
und Führer besitzen muß, die sie leiten und bestimmen, führt der
Glaube an die Utopie von der sich selbst genügenden Gesellschaft
zu einer ständigen Steigung des Druckes gerade bei denen, die
an die Utopie glauben, sie wirklich ernst nehmen und nicht nur als