196 6. Teil. Kritik des Bolschewismus.
mehr sich der Bolschewismus aus einer Utopie in. eine politische
Tyrannei verwandelt. Die bolschewistische Herrschaft führt zu
einer Massenverdummung im größten Stil; der die moderne Technik
beherrschende Barbar, — das ist der bolschewistische Mensch,
wie er bestenfalls in der Wirklichkeit aussieht. Nur die Technik,
die Wirtschaftsbewältigung, die Behauptung im gesellschaftlichen
Kampfe interessiert ihn. Alles andere fällt weg, wird ausgeschaltet.
Gewiß, auf Massen, welche die moderne Zivilisation nicht kennen
und erst zu ihr hingeführt werden müssen, deren Land erst indu-
strialisiert werden muß und deren Lebensniveau bisher außer-
ordentlich niedrig war, kann die bolschewistische Erziehung als
Fortschritt wirken, aber diese Wirkung wird eines Tages aufhören.
Von der Zukunftsperspektive, von wirtschaftlichen Versprechungen
allein kann der Mensch auf die Dauer nicht leben. Selbst im Falle
des Gelingens der wirtschaftlichen Pläne, der damit verbundenen
Besserung des Lebensniveaus und Regelung der Aufstiegschancen
würde eine geistige Krise des Bolschewismus eintreten.
Die Krankheiten der bolschewistischen Gesellschaft,
Heute kann der Bolschewismus über die Leerheit seines Menschen-
bildes, die Armut seiner Menschheitsziele durch das Pathos des
Kampfes wegtäuschen; dieses Pathos kann die Unzulänglichkeit
der bestehenden Verhältnisse verdecken, es kann die Tatsache
verbergen, daß die Doktrin sich aus einer zukunftsweisenden Utopie
in die Rechtfertigung des Terrorsystems, der Rechtlosigkeit des
einzelnen gegenüber dem Parteistaat verwandelt hat. Aber kann
dieses Pathos auf die Dauer anhalten? Wenn der Fünfjahresplan
erfüllt ist, soll ein neuer Wirtschaftsplan wahrscheinlich für zehn
Jahre an seine Stelle treten. Aber kann das den Menschen auf die
Dauer befriedigen? Kann das ihm hinweghelfen über das Ver-
sagen der Theorie, auf die sich die Herrschenden berufen, gegen-
über der Wirklichkeit? Gerade die Tatsache, daß das Leben sich
nicht gemäß den marxistischen Vorschriften entwickeln will, zwingt
zu einer ständigen Steigerung des Druckes auch auf geistigem
Gebiete. Es soll nicht mehr die Möglichkeit bestehen, sich eine
andere Lebensmöglichkeit als die des bolschewistischen Regimes
zu denken.

Diese Aufgabe erfüllt die Absperrung Rußlands vor der Außen-
welt. Die nichtbolschewistische Welt erscheint nur noch in der
Verzerrung bolschewistischer Formeln und Propagandalosungen.
Sie besteht nur in der Unterdrückung des Proletariats, der Organi-