Die Krankheiten der bolschewistischen Gesellschaft. 197
sierung von Kommunistenverfolgungen, der Vorbereitung von
Interventionen gegen den proletarischen Staat. Das Absterben
geistiger und religiöser Bedürfnisse soll, weil die Zensur sich nicht
als ausreichend erweist, mit Gewalt und Druck gefördert werden.
Aber auf die Dauer wird da die Gewalt ebenso versagen, wie sie
als Mittel für die Herstellung einer gewaltlosen Gesellschaft bisher
versagt hat. Die Gewaltanwendung führt dazu, daß die Gewalt
Sich absolut setzt, — das zeigt Sich in der heutigen Sowietunion
immer mehr und mehr. Sie wirkt nicht als Geburtshelferin neuen
Lebens; von einem Wachsen der proletarischen Kultur im bolsche-
Wistischen Sinne ist keine Rede. Die Kultur wird zur Übernahme
westeuropäischer Zivilisation, die dadurch, daß sie auf frische,
Unverbrauchte Schichten stößt, eine andere Tönung bekommt. Die
Technik erscheint als etwas Absolutes, Göttliches, aber bald setzt
die Enttäuschung ein. Der Bolschewist, der, aus dem Bürgerkriege
Zzurückgekommen, sich nicht in das Alltagsleben einordnen kann,
wird heute vom Bolschewisten abgelöst, der verzweifelt, weil er
merkt, daß die Technik, die wirtschaftliche Arbeit ihn nicht zu
befriedigen, zu erfüllen vermag.

Diese Mentalität, diese Enttäuschung braucht natürlich nicht zu
tinem völligen Zusammenbruch zu führen. Beim Durchschnitts-
Menschen führt sie einfach zur Anpassung, d. h. er nimmt die
bestehenden Herrschaftsbegründungen nicht mehr ernst, er benützt
sie nur als Gelegenheit zum Aufstieg, zur Selbstbehauptung, Auf
diese Weise entwickelt sich der bolschewistische Spießbürger, der
in der Sowietunion immer mächtiger wird. Er benützt die be-
stehenden Organisationen, um sich Vorteile zu verschaffen, er sagt
sich etwa öffentlich von seinen nichtproletarischen Eltern los und
tritt dem Komsomol bei, um sich die Möglichkeit zum Studium zu
verschaffen. Er ist der treueste Vorkämpfer der Sog. Generallinie,
des herrschenden Parteikurses, weil er dadurch Karriere macht,
er wendet sich gegen persönliche Feinde mit der Anklage,‘ daß sie
den Fünfijahresplan sabotieren oder daß sie trotz äußerer Zu-
gehörigkeit zur Partei nicht mehr an die sozialistische Sache
glauben®. In keiner Weise erweist sich die von den Bolschewisten
Feschaffene Gesellschaft als ein Mittel zur Hebung des Menschen,
im Gegenteil, gerade dadurch, daß Technik, wirtschaftlicher Erfolg
entscheidend werden, sinkt das Niveau des gesamten Lebens, die
Tugenden können sich gleichsam nur verkappt äußern, es wird eine
Barbarei und Primitivität gefördert, die durch die Losung: „Es
gilt, die fortgeschrittenen Länder einzuholen!“ nicht verändert
Wird.