Die Krankheiten der bolschewistischen Gesellschaft. 199
Partei? Gewiß, da gibt es Elemente, die durch Erinnerungen an
die gemeinsamen Leiden der Vergangenheit, an die Verfolgungs-
zeit des Zarenregimes zusammengehalten werden, die an die Utopie,
für die sie ihr Leben eingesetzt haben, glauben; aber das hat nicht
Kämpfe gehindert, die sich in den häßlichsten Formen als Kämpfe
um die persönliche Macht abgespielt haben. Auch da zeigt sich
iene Heuchelei und Streberei, welche die Bolschewisten als Trieb-
kräfte der bürgerlichen Gesellschaft kennzeichnen. Für die bolsche-
Wistische Partei selber gilt also die Frage: „Gesellschaftliche Um-
Zruppierung, wirtschaftliche Neuordnung, aber was dann?“ Die
Änderungen der gesellschaftlichen und politischen Struktur vermö-
Zen nicht den Menschen zu ändern, sie vermögen nur die AÄußerungs-
formen der menschlichen Tugenden und Laster zu wandeln.

Nun könnte man die Ansicht vertreten, daß Unzulänglichkeiten,
Wie sie im Bolschewismus gegeben sind, in jeder Gesellschafts-
Ordnung auftauchen, und daß es daher falsch ist, sie dem Bolsche-
Wismus besonders vorzuhalten. Diesem Einwande gegenüber muß
aber doch festgestellt werden: Der Bolschewismus will ja gerade
die Erlösung der Menschheit durch politisch-gesellschaftliche Maß-
nahmen erreichen. Das unterscheidet ihn von andern Gesellschafts-
bewegungen, die nur augenblickliche politische und wirtschaftliche
Ziele verfolgen, also etwa ein bestimmtes Regime durch ein anderes
ersetzen wollen und daher nur Ausdruck einer Zirkulation der
Eliten, einer Ablösung der führenden Gruppen darstellen. Man kann
den Bolschewismus nicht von seiner Utopie lösen oder seine Utopie
nur als ein Propagandamittel betrachten. Seine ganze Stoß- und
Wirkkraft beruht ja auf dem Anspruch, die wahre Gesellschafts-
Ordnung zu bringen und zu schaffen. Nur von diesem Anspruch
aus läßt sich seine Politik verstehen, die oft andere Bahnen hätte
einschlagen können, wenn nicht die bolschewistischen Führer an
der Utopie festgehalten hätten.

Die nüchterne Betrachtung seiner Wirksamkeit zerstört aller-
dings diesen Anspruch und läßt damit seine Wandlung in ein
Regime neben andern als notwendig erscheinen. Gerade weil der
Bolschewismus in seinen grundsätzlichen Anschauungen der
Menschennatur nicht entspricht, muß er zu einem politisch-wirt-
schaftlichen System führen, das seinen Theorien radikal entgegen-
gesetzt ist. Fr kann diese Kluft zwischen seiner Utopie und der
Wirklichkeit zwar heute noch durch die Berufung auf die Sog.
Übergangszeit verdecken, aber je länger er herrscht, desto klarer
wird es sich zeigen, daß das, was er als Übergangszeit ausgibt,
sich in seinem Gewaltcharakter immer mehr und mehr befestigen