200 6. Teil. Kritik des Bolschewismus.
wird. Seine eigenen Theorien und Heilsversprechungen sind in
Wirklichkeit das, was er der Religion vorwirft: Sie sind Opium. Sie
ermöglichen und rechtfertigen Anstrengungen, die bei klarer Ein-
sicht in die Wirklichkeit nicht möglich wären. Sein grundlegender
Irrtum ist die Betrachtung des Menschen als eines gesellschaftlich-
wirtschaftlichen Wesens, das seinen Lebenssinn in der gut organi-
sierten Gesellschaft findet, das mit Hilfe von gesellschaftlichen
Reformen und Änderungen gewandelt werden kann.

Der wirkliche Mensch ist viel schwieriger zu verstehen als der
bolschewistische Mensch. Er besitzt Traditionen und Leiden-
schaften, die keine gesellschaftliche Änderung aufheben kann, die
in allen gesellschaftlichen Ordnungen wiederkehren. Er ist ein
Mensch, auf den stets ein gewisser Zwang ausgeübt werden muß,
weil er sonst gerade zu einem menschlichen, sozialen Verhalten
nicht zu gewinnen wäre, Der wirkliche Mensch kann nie Träger
einer sich selbst genügenden Gesellschaft sein; wenn er diese sich
selbst genügende Gesellschaft schaffen will, so wird er zum Ty-
rannen. Eine bestimmte Schicht bemächtigt sich der Herrschaft
über die andern, die von ihren gesellschaftlichen Idealen nichts
wissen wollen, und damit bildet sich das alte Verhältnis von
Führern und Geführten neu heraus. Der Bolschewismus wird
gerade durch seine Entwicklung zu einer Tyrannei, durch die Ver-
wandlung seiner Utopie, seiner Heilslehre in eine Ideologie zur
Rechtfertigung der Herrschaft seiner Vertreter ein unfreiwilliger
und darum um so eindrucksvollerer Zeuge für das Vorhandensein
einer unverbrüchlichen Gesellschaftsordnung, die darauf beruht,
daß es keine vollkommene, sich selbst genügende menschliche
Gesellschaft geben kann. Die Unmenscklichkeiten des Bolsche-
wismus sind gerade darin begründet, daß er die menschliche Natur
und damit auch die Grenzen der Gesellschaft in ihrer Bedeutung
verkennt. Er glaubt, daß es eine vollkommene Gesellschaft geben
kann, und damit verwandelt er sich gerade in das Instrument
größter Tyrannei.

Die Wirksamkeit der bolschewistischen Utopie in der heutigen
Welt beruht darauf, daß der Bolschewismus sich auf die bestehende
Wirklichkeit beruft: Seine Utopie sei nur der Ausdruck der not-
wendigen Entwicklung. Er behauptet, die Schwierigkeiten des
Kapitalismus lösen zu können. Bereits im heutigen Rußland sei ja
die Arbeitslosigkeit verschwunden, er bezeichnet sich als Befreier
von augenblicklichen unerträglichen Verhältnissen. In Rußland
kam er zur Macht, weil er die Friedenssehnsucht der Massen zu
befriedigen schien, und heute verspricht er der gesamten Welt, sie