Die Krankheiten der bolschewistischen Gesellschaft. 201
von der drohenden Kriegsgefahr, die durch den Gegensatz der
kapitalistisch-imperialistischen Mächte hervorgerufen wird, zu be-
ireien, Man muß stets bei der Kritik des Bolschewismus die Tat-
sache beachten, daß er ein Produkt der bürgerlichen Gesellschaft
ist und mit dem Anspruch auftritt, sie in einer für alle befriedigen-
den Weise zu organisieren. Es ist ein beliebter Vorwurf der Bol-
Schewisten gegen alle, die ihn bekämpfen, daß sie im Grunde
genommen nur praktische Materialisten sind, sich auf Geist, Kultur
und Religion nur aus politisch-wirtschaftlichen Gründen zur Erhal-
tung ihrer Machtstellung und ihrer wirtschaftlich günstigen Lage
berufen. Daher darf der Kampf gegen den Bolschewismus nicht
mit einer völlig unkritischen Verteidigung der bestehenden Gesell-
schaftsordnung zusammenfallen. Das päpstliche Organ, der „Osser-
vatore Romano“, hat in einem berühmt gewordenen Artikel über
bolschewistische Blasphemien, die Christus als einen Wand-
Schirm für das Treiben der Ausbeuter hinstellen, die Frage auf-
geworfen: Wie konnten diese Blasphemien so wirksam werden,
Wie konnten sie einen starken Eindruck auf Massen machen? Und
es beantwortete diese Frage mit dem Hinweis auf die Notwendig-
keit, für eine gerechte Gesellschaftsordnung einzutreten.

Es wäre durchaus falsch, aus der Unvereinbarkeit der bolsche-
wistischen Utopie mit jeder Religion und ihrer verhängnisvollen
Wirkung in der Praxis, ihrer Entwicklung zu einer Gewaltherr-
schaft den Schluß zu ziehen, daß das Auftreten des Bolschewismus
eine rein negative Bedeutung habe, daß der Bolschewismus ein-
fach als eine böse Macht in einer gesunden, trotz aller Unvoll-
kommenheiten zu verteidigenden Gesellschaft entstanden sei. Der
Bolschewismus muß als ein Gericht über die bürgerliche Gesell-
Schaft aufgefaßt werden, als eine Enthüllung bestehender Miß-
Stände, an denen man vielleicht zu lange, ohne auf sie zu achten,
vorbeigegangen war. Er läßt diese Mißstände in aller Schärfe er-
kennen; darin besteht seine Bedeutung, er ist eine Warnung davor,
sich einfach mit den bestehenden Verhältnissen zufrieden zu geben.

Der bolschewistische Materialismus, die bolschewistische Be-
hauptung, daß es vor allem auf Wirtschaft und Politik ankomme,
mußte in einer Welt Eindruck machen, die tatsächlich in wirt-
schaftlichen und politischen Machtkämpfen den Sinn alles öffent-
lichen Lebens zu sehen schien. Der Bolschewismus tritt auf im
Gefolge von politischen Krisen, welche deutlich beweisen, daß es
in den Machtkämpfen der Staaten keine Rücksicht auf die sooft
verkündeten Losungen der Gerechtigkeit, Freiheit usw. gibt, er
berleitet als gefährlicher Schatten die Wirtschaftskrisen, die an-