202 6. Teil. Kritik des Bolschewismus.
zudeuten scheinen, daß die bestehende Wirtschaftsordnung infolge
falscher Organisation den Lebensbedarf aller Menschen trotz aller
Überproduktion nicht zu decken vermag. Der Bolschewismus ist
das notwendige Ergebnis einer Welt, für die das Christentum, ihre
HAinordnung auf das Jenseits zu einem privaten Glaubensartikel
geworden ist, der auf die Gestaltung der Öffentlichkeit keinen
Einfluß mehr hat.

Da scheint der Bolschewismus die neue Wahrheit, die neue
Religion zu sein, welche dem sinnlos gewordenen, unerträglichen
Leben einen neuen Sinn verleiht. Da scheint der Bolschewismus
durch seine Wirtschaftsexperimente etwas Neues in eine Welt
bringen zu können, die egoistisch, kraftlos geworden, an alten
Gegebenheiten starr festhält. Da scheint er gegenüber allen
Sonderbestrebungen einzelner gesellschaftlicher Gruppen, einzelner
Staaten die Vorstellung von der Einheit der Menschheit und der
Weltgeschichte wieder zu wecken; ihr gegenüber verblassen alle
einzelnen politischen und wirtschaftlichen Kämpfe, erst sie gibt
ihnen den zusammenfassenden und überwältigenden Hintergrund.
Des Relativismus, des Hinweises auf eine allmähliche Entwicklung
müde, neigen Schichten der Menschheit, welche sich als Opfer der
bestehenden Verhältnisse betrachten, dazu, vom Bolschewismus
etwas Neues, etwas Erlösendes zu erwarten. Er verbündet sich
mit den kulturkritischen Strömungen, mit einer Katastrophen-
gesinnung, die keine Rettung außer durch Gewaltexperimente sieht,
er benützt die nationalen Freiheitsbewegungen in Asien und den
Kolonien, um die Unehrlichkeit der bürgerlichen europäischen
Gesellschaft mit ihren Gerechtigkeits- und Freiheitslosungen in
der ganzen Welt zu enthüllen, er wird zum Träger aller Bewe-
gungen, welche gegen die bestehende Ordnung gerichtet sind.
Gewiß, er erleidet dabei mancherlei Enttäuschungen: Die nationale
Revolution in China verwandelt sich nicht, wie die Führer der
Sowjetunion gehofft hatten, in eine proletarische, aber es ist nicht
zu verkennen, daß der Bolschewismus sich als eine aufsteigende
Bewegung gegenüber der bisher fortgeschrittenen, übersättigten
Welt fühlt, gerade weil er in einem wirtschaftlich zurückgeblie-
benen Gebiete zur Macht gelangt ist.

Die Kirche zwischen Bolschewismus und bürgerlicher
Gesellschait.
Die Stellung des Christen zum Bolschewismus ist darum nicht
einfach zu bestimmen, weil die Wirksamkeit seiner Utopie auf dem