Die Kirche zwischen Bolschewismus und bürgerlicher Gesellschaft. 203
Bestehen einer allem andern als christlicher Auffassung entspre-
chenden Ordnung des Gesellschaftslebens beruht. Es darf aber,
trotzdem es falsch wäre, keinen Unterschied in den Fronten des
Christentums und der bürgerlichen Gesellschaft zum Bolschewis-
mus zu sehen, nicht verkannt werden, daß die bolschewistische
Bewegung für das Christentum eine entscheidende Gefahr dar-
stellt. In der bürgerlichen Gesellschaft kann die Kirche noch
Wirken, sie wird zwar praktisch mehr und mehr als bestimmende
Macht aus der Öffentlichkeit verdrängt, nur noch als eine mora-
lische Kraft der Nation anerkannt, aber immerhin hat sie noch die
Möglichkeit, zu wirken und ihre Lehre zu verbreiten. Das gilt
Selbst für einen Staat mit einer so extrem antikirchlichen Gesetz-
gebung, wie es etwa Frankreich ist. Die Kirche hat in der bür-
gerlichen Gesellschaft und ihrem Staate die Möglichkeit, ihre
Stimme zu erheben. Selbst der antiklerikale Staat wagt es nicht,
mit Gewalt und rücksichtsloser Beschlagnahme der Öffentlichkeit
für den Atheismus die Religion zum Absterben zu bringen. Er ist,
Mag er auch auf einer antikirchlichen Doktrin beruhen, doch kein
Staat, der es wagt, mit seinen Doktrinen wirklich Ernst zu machen.
Dazu ist die bürgerliche Gesellschaft und ihr Staat noch allzu
stark an Kulturtraditionen gebunden, die christlich bestimmt sind.
Gerade ihre weltanschauliche Neutralität muß sich nach einer
Periode des Versuches, das Christentum aus der Öffentlichkeit,
aus seiner bisher vorherrschenden Stellung zu verdrängen, in eine
Duldung christlicher Betätigung, kirchlichen Wirkens usw. wandeln.
Dem Bolschewismus ist diese Toleranz und diese Rücksichtnahme
auf traditionelle Gegebenheiten fremd. Er hat eine ganz bestimmte
Geschichtsphilosophie, deren Verwirklichung sein Staat und seine
Wirtschaftsversuche zu dienen hat. Diese Geschichtsphilosophie
sieht als Ziel der Menschheit die sich selbst genügende Gesell-
schaft an, und daher ist der Bolschewismus seinem ganzen Wesen
nach gegenüber dem Christentum, der Kirche intolerant. Er kann
also nicht ein Wirken der Kirche in seiner Gesellschaft und seinem
Staate auf die Dauer dulden, er ist in dieser Auffassung viel kon-
sequenter als der Staat der bürgerlichen Gesellschaft. Er will eine
vollständige Einheit zwischen Öffentlichkeit und privater Gesin-
nung. Fr ist sozialer Atheismus; daher gilt ihm jede Tätigkeit der
Kirche, jede Propaganda der Religion als ein Zeichen der Rück-
ständigkeit, als ein Beweis dafür, daß sein Ziel noch nicht er-
reicht ist.
Da der Bolschewismus mit Versuchen verbunden ist, die kirch-
liche Tätigkeit aus der Öffentlichkeit zu verdrängen — die vor-