206 6. Teil. Kritik des Bolschewismus,
die folgerichtige Durchführung ihrer Prinzipien mag eine Über-
legenheit über die begründen, welche diese Prinzipien aus egoi-
stischen Gründen, aus Trägheit, aus Gewohnheit nicht rein durch-
führen wollen, aber sie gewährt in keiner Weise eine Überlegenheit
über die Stellung, welche die Kirche einnimmt; denn da wird der
Kapitalismus, die Spaltung der Gesellschaft in einen Bereich der
Öffentlichkeit, der eine rein natürliche Gesetzlichkeit kennt, und
den Bereich des Privaten, in dem Geist und religiöse Erwägungen
noch als entscheidend betrachtet werden können, ebeno abgelehnt
wie der Versuch, diese Spaltung dadurch zu überwinden, daß die
Öffentlichkeit, die Gesellschaft sich absolut setzt, als Selbstzweck
betrachtet.

Der Kampf der Kirche gegen den Bolschewismus ist — um
seine Gründe zusammenzufassen — in keiner Weise, wie es die
Bolschewisten behaupten, als ein Kampf für die bürgerliche Gesell-
schaft des Kapitalismus zu betrachten. In diesem Kampfe geht es
nur darum, dem Menschen die Möglichkeit zu bewahren, ‚sich
seinem wirklichen Wesen gemäß zu entwickeln. In der bürger-
lichen Gesellschaft kann die Kirche versuchen, vom Bezirke des
Privaten aus die Öffentlichkeit zu bestimmen. Das ist da, wo der
Bolschewismus zur Herrschaft gelangt, nicht mehr möglich; denn
die gesamte Öffentlichkeit wird planmäßig für den Bolschewismus
beschlagnahmt. Die Kirche erhält da auf die Dauer nicht mehr die
Möglichkeit, als gesellschaftliche Gruppe zu existieren und zu
wirken, sie wird immer mehr und mehr zurückgedrängt; denn
der Bolschewismus ist eine Gegenkirche, welche die Kirche Christi
immer mehr verdrängen will. Er hat das Ziel, sie vollständig
überflüssig zu machen und sich an ihre Stelle zu setzen.

Die geschichtliche und gesellschaftliche Bedeutung
des Bolschewismus.
Es gibt also für den Christen keine Möglichkeit, die bolschewi-
stische Utopie oder auch nur den bolschewistischen Staat der
Übergangszeit mit seinen gesellschaftlichen und politischen Me-
thoden zu bejahen. Aber damit ist noch nicht die Frage nach der
tatsächlichen geschichtlich-gesellschaftlichen Bedeutung des Bol-
schewismus beantwortet. Welche objektive Wirkungen und Er-
gebnisse hat sein Auftreten in der heutigen Welt? Beschränkter sich
darauf, einen Gewaltstaat unter Berufung auf eine verführerische
Utopie zu errichten? Ist er also einfach eine Erscheinung, die keine
grundlegende gesellschaiftlich-geschichtliche Bedeutung besitzt?