208 6. Teil. Kritik des Bolschewismus.
die von ihnen mit allen Mitteln geförderte Abkehr von der Vor-
stellung des Mütterchens Rußland betonen. Wenn Sorel, der fran-
zösische Soziologe, Lenin mit Peter dem Großen vergleicht, so hatte
er unstreitig recht’. Es ist durchaus möglich, daß das Werk der
bolschewistischen Herrschaft in Rußland von gleicher Bedeutung
sein wird wie das Werk Peters des Großen. Peter der Große führte
Rußland in den Kreis der politischen Großmächte ein, die Bolsche-
wisten steigern seine wirtschaftliche Bedeutung, verwandeln es
aus einem Objekte der Weltwirtschaft in ein Subjekt der Welt-
wirtschaft. Der Bolschewismus ist also eine Steigerung der sog.
russischen Gefahr; diese Steigerung besteht darin, daß ein zurück-
gebliebenes Wirtschaftsgebiet plötzlich in einem ungewöhnlich
raschen Tempo modernisiert wird. Wie auch die Herrschaft des
Bolschewismus enden möge, es ist sehr unwahrscheinlich, daß das
alte Mütterchen Rußland wiederkehrt; dafür hat sich die gesamte
Struktur der russischen Gesellschaft und der russischen Wirtschaft
zu sehr geändert; die alten herrschenden Schichten sind durch
neue ersetzt, die aus der Masse emporgestiegen sind. Natürlich
ist es heute noch sehr schwierig, die kommende Entwicklung
dieser sog. durch den Bolschewismus auf das Gebiet der Wirt-
schaft getragenen russischen Gefahr abzumessen. Es ist durchaus
möglich, daß sie selbst bei einem überraschend schnellen Gelingen
der Industrialisierungspläne auf absehbare Zeit hinaus viel geringer
sein wird, als man annimmt. Der innere Markt wird einen großen
Teil der neuen Erzeugnisse aufnehmen können; man kann sicher
die größte Autofabrik Europas in Rußland errichten, aber die
Erzeugnisse dieser Fabrik setzen die Anlage von Straßen voraus,
ebenso werden sich Eisenbahnbauten größten Stils als notwendig
erweisen; dann muß auch noch daran erinnert werden, daß
gerade ein Gelingen der Industrialisierungspläne eine Hebung des
Lebensstandards, eine Abkehr von den heutigen Notverhältnissen
erzwingen wird ®.

Mit dieser Erwägung über die Bolschewisten als Erben Peters
des Großen ist aber noch nicht die Frage gestellt, welche von
ihnen selber als entscheidend betrachtet wird. Ist durch ihre Me-
thoden des Wirtschaftsaufbaus die sozialistische Planwirtschaft
als überlegen erwiesen worden oder handelt es sich bei ihrer sog.
Planwirtschaft nur um eine Übertragung der zentralistischen Me-
thoden des Absolutismus, die mit Hilfe von Gewaltmaßnahmen die
Bildung fester politischen Einheiten, des modernen Staates, er-
zwangen, auf das Gebiet der Wirtschaft? Von Beckerath hat die
Tendenz zum absolutistischen Staate als bezeichnend für die