210 6. Teil. Kritik des Bolschewismus.
schaftliche Entwicklungen unter Druck im Eiltempo nachzuholen.
Man könnte also die Ansicht vertreten, daß das Gelingen der
sog. Planwirtschaft in Rußland nur ein Ausdruck der Zurück-
gebliebenheit, der mangelnden sozialen Interessiertheit usw. ist.
Es ist bisher nichts durch die Ergebnisse der bolschewistischen
Herrschaft in Rußland gegen die Behauptung bewiesen, daß die
sog. Planwirtschaft nur ein Staatskapitalismus in Hand einer den
Staat beherrschenden Gruppe ist. Das bolschewistische Experi-
ment in Rußland beweist nichts für oder gegen die Möglichkeiten
einer Planwirtschaft in einer sozial und wirtschaftlich fortgeschrit-
tenen, d. h. vom Kapitalismus wirklich bestimmten Gesellschaft.

Nun beruht die Wirkung des Bolschewismus über Rußland hin-
aus gerade auf seiner Behauptung, wirtschaftliche und gesellschaft-
liche Neuerungen zu bringen. Seine Propaganda beruht auf der
Vorstellung, daß er wirklich etwas Neues darstelle, die bisherigen
Wirtschafts- und Gesellschaftskrisen zu lösen fähig sei. Dabei
wendet er sich gerade an die Schichten und die Gruppen, welche
gegen die bestehende Ordnung eingestellt sind, er wendet sich an
das Sendungsbewußtsein der Arbeiterbewegung, er ruft die unter-
drückten Völker zum Aufstand, von China und den Kolonien bis
zu den Nationen, die unter der Ordnung des Versailler Vertrages
am meisten leiden, Da scheint er eine rein massen- und völker-
demagogische Wirksamkeit zu entfalten; .denn irgend welche
positiven eigenen Lösungen bringt er nicht, er wirkt nur als För-
derer revolutionärer und sozialer Bewegungen, die bisher überall
da, wohin sie gelangen, zu gesellschaftlichen Formen führten, die
wie etwa das heutige chinesische Regime seinen Absichten in
keiner Weise entsprechen.

Man kann annehmen, daß der Bolschewismus da einfach als eine
kritische Erscheinung der bestehenden Ordnung anzusehen ist,
unfähig, überlegene politisch-soziale Formen zu schaffen. Er wirkt
da nur als Mahner gegen die bestehende gesellschaftlichen Schä-
den. Aber es scheint nicht, daß er die Kraft hat, wie in Rußland,
an bestimmte nationale Traditionen und soziale Gegebenheiten
anzuknüpfen. Die kommunistischen Parteien haben bisher nicht
vermocht, eine Führerschicht zu entwickeln, die Masseninstinkte
so geschickt einzufangen und auszunützen verstand, wie es die
Bolschewisten in Rußland 1917 unter der Führung Lenins zu tun
gewußt hatten. Selbst da, wo es ihnen, wie es etwa bei uns der
Fall ist, gelang, größere Massen zu gewinnen, erscheinen diese
Massen als politisch umgeformt, d. h. sie sind mehr Ausdruck augen-
blicklicher unerträglicher Verhältnisse als eine feste Gefolgschaft.