Bolschewismus und Sozialdemokratie. 9237
volutionäre Verhältnisse schaffen könnte, mit der Arbeiterbewegung
zu verbinden, — selbst diesen direkten Hinweis umgehen sie und
kreisen ebenso um ihn, wie ein Kater um den heißen Brei.
In ihrem ganzen Benehmen erweisen sie sich als feige Reformer,
die Angst haben, von der Bourgeoisie fortzugehen; von einem
Bruche mit ihr schon gar nicht zu reden! Gleichzeitig aber ver-
bergen sie ihre Feigheit hinter hohlster Phrasendrescherei und
Prahlerei, Aber bereits rein theoretisch fällt bei ihnen die voll-
Ständige Unfähigkeit auf, folgende Überlegung des Marxismus zu
begreifen: Sie sahen bisher einen bestimmten Weg der Entwick-
lung des Kapitalismus und der bürgerlichen Demokratie in West-
europa, und so können sie sich nicht vorstellen, daß dieser Weg
Nur-mit einigen Abänderungen, die vom Standpunkte der Welt-
Keschichte als unbedeutend gelten müssen, vorbildlich sein kann.
. Das erste — die Revolution, die verbunden ist mit dem ersten
imperialistischen Weltkrieg. In dieser Revolution mußten sich
neue Züge zeigen oder Artveränderungen in Abhängigkeit gerade
vom Kriege; denn nirgends in der Welt gab es einen solchen
Krieg unter derartigen Umständen. Bis heute sehen wir, daß die
Bourgeoisie der reichsten Länder nach diesem Kriege nicht die
normalen bürgerlichen Beziehungen herstellen kann; aber unsere
Reformer, Kleinbürger, die sich als Revolutionäre aufspielen, sahen
und sehen als eine Grenze, die man ja nicht überschreiten darf,
die normalen bürgerlichen Beziehungen an, wobei sie diese Norm
außerordentlich schablonenmäßig und eng fassen. Das Zweite —
völlig fremd ist ihnen jeder Gedanke daran, daß die allgemeine
Gesetzmäßigkeit der Entfaltung in der Weltgeschichte keinesfalls
einzelne Abschnitte dieser Entwicklung ausschließt, sondern im
Gegenteil voraussetzt, welche Figenartigkeiten, sei es der Form, sei
es der Ordnung dieser Entwicklung darstellen. Es fällt ihnen nicht
einmal ein, daß Rußland, das auf der Grenze der zivilisierten
Länder und der Länder, die durch den Krieg zuerst und endgültig
in die Zivilisation hineingezogen werden, steht, der Länder des
gesamten Ostens, der außereuropäischen Länder, daß Rußland
darum einige Figentümlichkeiten haben kann und muß. Diese
liegen selbstverständlich in der Linie der Weltentwicklung, aber
sie unterscheiden doch die russische Revolution von den vorher-
gehenden in den westeuropäischen Ländern und bringen einige
Teilneuheiten beim Übergang in die Ostländer.
So erweist sich z. B. als völlig schematisch eine Behauptung,
die sie in Zeiten der Entwicklung der deutschen Sozialdemokratie
auswendig gelernt haben. Sie besteht darin, daß wir noch nicht