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Anmerkungen.
gleichzeitig als Anbahnerin der Proletarisierung. Das Industrieproletariat
wurde durch sie endgültig vom Dorfe gelöst und ein Landproletariat g®-
schaffen, das auf die Dauer in einen Gegensatz zu den von Stolypin
begünstigten Großbauern geraten mußte. Ferner wurde durch die Reform
die Aufnahmefähigkeit des russischen Marktes außerordentlich gestärkt.
Da trotz des Aufschwungs die russische Industrie diese Bedürfnisse nicht
ihrer ständigen Steigerung entsprechend befriedigen konnte, mußte trotz
aller Abneigung eine stärkere Einfuhr einsetzen. Infolgedessen ver-
schlechterte sich die russische Handelsbilanz. Das bedrohte wiederum
die Industrie, da Rußland als Agrarausfuhrland für die Stabilität seiner
Währung und für die Deckung der im Ausland aufgenommenen Schulden
auf eine aktive Handelsbilanz angewiesen war (vgl. Litwinow 88—97,
der u. a. eine bezeichnende Denkschrift der Industrie- und Handels-
vertreter von Juni 1914 anführt).

Die Gefährdung der Handelsbilanz durch Sperrungen der Dardanellen;
die die russische Getreideausfuhr empfindlich störten, machte eine eX-
pansive Außenpolitik in russischen Wirtschaftskreisen populär. Die rus-
sische Ausdehnungspolitik ist also ohne die eigentümliche Wirtschafts-
struktur Rußlands nicht zu verstehen. Litwinow formuliert nach Lenin
das entscheidende Dilemma für die russische Geschichte des 19. und
20. Jahrhunderts: Es galt, entweder durch neue Eroberungen den Markt
für russische Erzeugnisse auszudehnen oder durch innere Reformen die
Aufnahmefähigkeit des innern Marktes zu erweitern. Auf den Verlust
des Krimkrieges folgte die Bauernbefreiung, auf den Verlust des japani-
schen Krieges die Stolypinsche Reform. Aber die Stolypinsche Reform
vermochte nicht, den Gegensatz zwischen der modernen Industrie und
der zurückgebliebenen politisch-sozialen Gesamtstruktur aufzuheben. Und
daher stieg wieder die Neigung zu außenpolitischen Abenteuern.

Diese bolschewistische Konstruktion kann natürlich nicht die Gesamt-
heit der Gründe, die zur russischen Expansionspolitik trieben, erfassen.
Sie sieht ganz ab von traditionellen Momenten, vom Eigengewicht poli-
tischer Vorstellungen usw. Ihre vollständige Durchführung müßte auch
noch das Verhältnis Rußlands zum ausländischen Kapital berücksichtigen.
Sie wird hier nur angeführt als Kritik des Glaubens, daß ohne die Störung
durch den Krieg die Stolypinsche Reform die innern Schwierigkeiten des
alten Regimes auf ein Mindestmaß gebracht hätte.

1 Über die Anfänge der russischen Sozialdemokratie siehe Lj/adow,
Kak natschala skladywatsja RKP (Moskau 1925; 2. Auflage der Geschichte
der sozialdemokratischen Partei von 1906), und W. Newski, Otscherki po
istoril RKP, Bd. I (bis 1898); Martow-Dan, Geschichte der russi-
schen Sozialdemokratie, Berlin 1926; ferner die bolschewistische Doku-
mentensammlung Sch. Lewin-Tatarow, Istorija RKB (b) w dokumentach
1 (1883—1916), Leningrad 1926.

7 Über die Terroristen und die Nihilisten, die Vorläufer der Narodniki,
siehe Oldenberg, Der russische Nihilismus von seinen Anfängen bis
zur Gegenwart, Leipzig 1888: Thun, Geschichte der revolutionären Be-