Anmerkungen. 303
9 Über Lenins Kämpfe mit der Opposition in seiner Partei siehe Bd. 20
der deutschen Ausgabe seiner sämtlichen Werke, Berlin-Wien 1926. Stalin
scheint nach Suchanow im Juli für eine Machtergreifung seitens der
Bolschewisten gewesen zu sein, während Lenin schwankte. Die Bolsche-
Wisten bestritten, daß die von ihnen inszenierten Petersburger Massen-
demonstrationen für einen politischen Umsturz gebraucht werden sollten,

9 Diese Meschrayonzen, Intellektuelle ohne Massenanhang, konnten
Sich einen wirklich politischen Einfluß nur durch Anschluß an die bolsche-
Wistische Partei sichern. Wenn Lenin ein beschränkter Doktrinär ge-
Wesen wäre, hätte er sie nie in die Partei aufgenommen. Denn er war
Mit vielen von ihnen in erbitterte Polemiken verwickelt gewesen, So z. B.
mit Trotzki und Lunatscharski, dessen Versuch eine proletarische Re-
ligion zu konstruieren, den Sozialismus als die neue Menschheitsreligion
hinzustellen, von ihm scharf abgelehnt worden war. Allerdings ist zu
beachten, daß Lenin sich 1917 in einem gewissen Gegensatz zu den Sog.
alten Bolschewisten befand, die nur zögernd ihm folgten.

Heute sind die Meschrayonzen entweder, wie Trotzki, aus der Partei
entfernt oder auf unwichtigen Posten, wie Lunatscharski, kaltgestellt.

4 Die Stellung der Bolschewisten zur verfassunggebenden National-
versammlung war nicht eindeutig. Die Forderung ihrer baldigen Ein-
berufung wurde von ihnen als demagogisches Mittel im Kampfe zegen
die provisorische Regierung erhoben. Aber daneben entwickelte Lenin
Schon seine Konzeption vom Rätestaat. Alle Macht den Räten! wurde zu
einer zweiten Losung im Kampfe gegen die provisorische Regierung,
Eine offene Stellung gegen die verfassunggebende Nationalversammlung
nahmen die Bolschewisten damals nicht ein, da die Einberufung als eine
Selbstverständliche revolutionäre Forderung galt.

Denn 1917 schienen jene Strömungen im russischen Sozialismus zurück-
gedrängt zu sein, die, wie etwa Akimow berichtet, verkündet hatten, daß
sie auch im Falle einer Wahlniederlage den Sozialismus durchführen
würden. Plechanow hatte sich gelegentlich zum Sprecher dieser Rich-
tungen gemacht. ;

Es ist überhaupt zu beachten, daß man Lenin nicht als einen den
Parlamentarismus und alle parlamentarische Arbeit ablehnenden Syn-
dikalisten betrachten darf. Er hatte vor dem Kriege die Richtung der
Otsowisten in der bolschewistischen Partei bekämpft, die eine Abberufung
der bolschewistischen Dumadeputierten ‚verlangte. Aber der Parlamenta-
rismus erschien ihm nicht als eine Verwirklichung der Demokratie, SoOn-
dern als ein bürgerliches Regime: Kann es eine wahre Gleichheit zwischen

Ausbeutern und Ausgebeuteten. geben, zwischen Besitzern und Besitz-
losen? Schon seiner ganzen Parteiauffassung nach konnte er nicht zu
ihm jenes Verhältnis haben wie die vom Vorbilde der deutschen Sozial-
demokratie bestimmten Menschewisten, Sein politischer Machtwille und
sein Glaube an den Marxismus ließen ihn sich nicht mit der Rolle des
Führers einer diskutierenden Partei im Systeme des bürgerlichen Parla-
mentarismus begnügen. Die demokratische Argumentation für den Parla-