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        <title>Der Bolschewismus</title>
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            <forname>Waldemar</forname>
            <surname>Gurian</surname>
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        Waldemar Gu-Ya



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        GURIAN/DER BOLSCHEWISMUS
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        WALDEMAR GURIAN

Der Bolschewismus

Einführung in Geschichte und Lehre

FE

Herder &amp;amp; Co. G.m.b.H. Verlagsbuchhandlung
Freiburg im Breisgau 1931
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        Alle Rechte vorbehalten

Copyright 1931 by Herder &amp;amp; Co. G.m.b.H. Freiburg im Breisgau

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Buchdruckerei von Herder &amp;amp; Co. G.m.b.H. in Freiburg im Breisgau
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VORWORT.

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De Aufgaben will dieses Buch erfüllen. Der Bolschewismus
soll prinzipiell-systematisch dargestellt werden — der Bolschewismus
 als eine politische Idee, die auf einer bestimmten Auffassung
 vom Menschen und vom Verlaufe der Geschichte beruht,
ist das erste Thema. Dafür ist es notwendig, die geschichtlichen
und gesellschaftlichen Voraussetzungen zu zeigen, die das Ent-Stehen,
 die Wirksamkeit und die Entfaltung des Bolschewismus
getragen haben und noch tragen — der Bolschewismus als Beherrscher
 der Sowjetunion ist das zweite Thema. Die Verbindung
dieser beiden Themen, der abstrakten und konkreten Betrachtung
also, soll die Grundlage des dritten Themas sein, des Versuches,
sine Einführung in Geschichte und Lehre des Bolschewismus zu
geben.
Nicht auf Vollständigkeit konnte es dabei ankommen, sondern
darauf, das Typische klar und scharf herauszustellen. Denn es
Kalt nicht, Beschreibungen des vom Bolschewismus gewandelten
russischen Lebens und der von ihm geschaffenen Institutionen zu
geben, sondern die Eigentümlichkeiten seiner Herrschaft, die Zu-Ssammenhänge
 seiner Ideologie und Praxis sichtbar zu machen.
Ob die Hoffnung berechtigt ist, daß dieses Buch wegen seiner
Fragestellung etwas Eigenes nach den so zahlreichen Reisebeschreibungen
 aus dem bolschewistischen Reiche und den vielfach
ebenso gründlichen wie aufschlußreichen Spezialuntersuchungen
(etwa über die Planwirtschaft von Pollock, die Presse von Just,
die Finanzpolitik von Dobbert) zu sagen hat, mögen die Leser
entscheiden,
Für alle sachlichen Hinweise, von welcher Seite sie auch kommen
Sollten, wird im voraus gedankt. Manches konnte nur angedeutet,
vieles Wichtige mußte übergangen werden. Entscheidende Fragen
— wie etwa das Problem der Finanzierung des Fünfiahresplanes —
wurden zurückgestellt. In diesem Buche wird versucht, den Bol-Sschewismus
 als politisch-sozial wirkende Erscheinung in seiner
Gesamtstruktur zu zeigen, aber nicht die faktische Entwicklung
seiner Herrschaft mit ihren Ergebnissen zu beschreiben,
Daß in den Anmerkungen keine vollständigen Literaturverzeich-Nisse
 gegeben werden konnten, ist selbstverständlich. Bei der
Literaturauswahl kam es auf die Nennung von Arbeiten an, die
für einen Standpunkt oder ein Problem besonders bezeichnend sind.

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Vorwort,

Das ganze Werk ist bestrebt, den Bolschewismus als eine geschichtliche
 Erscheinung zu erfassen und gerade dadurch zu
kritisieren. Dabei geht es um eine grundsätzliche Kritik, um den
Frweis des Widerspruches seiner Lehre, Geschichts- und Gesellschaftsauffassung
 mit der Wirklichkeit, Dieser Widerspruch begründet
 die Tatsache, daß die Ergebnisse seiner Herrschaft anders
aussehen, als es seine Theorien erwarten ließen. Nicht auf abschreckende
 Aufzählungen der Mißgriffe, Unmenschlichkeiten und
verfehlten Experimente des Bolschewismus kommt es an, sondern
es gilt, seine Grundlagen zu enthüllen,
Sonst bleibt man bei allgemeinen Deklamationen über Bürokratismus,
 Terrorismus usw. stehen, denen die Bolschewisten Unzulänglichkeiten
 der bürgerlichen Gesellschaft — Grausamkeiten
der Kolonialpolitik zum Beispiel — entgegenstellen können. Um
diese sinnlose Diskussion zu vermeiden, wird der Versuch gemacht,
nachzuweisen, daß die Unzulänglichkeiten der bolschewistischen
Wirklichkeit gerade aus den bolschewistischen politischen und
sozialen Theorien stammen. Der Anspruch des Bolschewismus ist
falsch, daß die Mißstände allmählich als Unvollkommenheiten der
Übergangszeit wegfallen werden — im Gegenteil: sie ergeben sich
aus den grundlegenden Anschauungen des Bolschewismus über
die Gesellschaft, den Menschen usw.
Die von der Geschichte und der Gesellschaft ausgehende Kritik
am Bolschewismus vermag ihn auch in seiner geschichtlichen
Bedeutsamkeit erkennen zu lassen. Sie vermeidet den Fehler, ihn
einfach als eine Weltverschwörung, als sinnlose Tyrannei usw.
hinzustellen. Gerade weil diese geschichtliche Einordnung der
Selbstauffassung des Bolschewismus nicht entspricht, tritt sie
seinen Ansprüchen mit besonderer Schärfe entgegen.
Der Verfasser hofft, durch diese geschichtlich-gesellschaftliche
Analyse des Bolschewismus einen Beitrag zur Erkenntnis der politischen
 und sozialen Bewegungen und Theorien der Gegenwart zu
geben. Denn es ist fraglos, daß der Bolschewismus vieles vorweggenommen
 hat, was erst heute, in der Zeit der Krise des Parlamentarismus
 und der Weltwirtschaft, bei politischen Theoretikern
und Publizisten in neuen Formulierungen aktuell wird.
Um nur zwei Beispiele anzuführen: Ernst Jüngers prägnante
Formel „totale Mobilmachung“ und Carl Schmitts These von der
Wendung zum totalen Staat, der die alte Trennung des 19. Jahrhunderts
 von Staat und Gesellschaft nicht mehr kenne, sind im
bolschewistischen Reiche seit Jahren verwirklicht. Da ist der
Staat tatsächlich ein totaler Staat, der prinzipiell keinen Bereich
        <pb n="8" />
        Vorwort.

VI

kennt, in den er nicht bestimmend eingreifen kann. Was bedeutet
es demgegenüber, daß der Begriff „totaler Staat“ aus dem Fascismus
 kommt? Der fascistische Staat ist lange nicht so total wie
der bolschewistische. Denn das Konkordat beweist, daß er, wenigstens
 theoretisch, einen Bereich der Religion anerkennt, den inhaltlich
 zu bestimmen er nicht den Anspruch erhebt. Der bolschewistische
 totale Staat kennt dagegen Toleranz dem Glauben gegenüber
 nur als eine Zweckmäßigkeitsangelegenheit.
Er will wirklich ein totaler, alles bestimmender, erfassender
Staat sein — denn in der Praxis ist es ja gleich, ob das Subiekt
der Totalität die Gesellschaft oder der Staat ist. Die Aufhebung
des Zwiespalts zwischen Staat und Gesellschaft macht diese Unterscheidung
 überflüssig, wenigstens für die, welche entgegen den
Bolschewisten glauben, daß das Politische eine „ewige Kategorie“
ist, daß also das Ökonomische und eine Gesellschafitsklasse durch
Erhebung in den Rang der entscheidenden Substanz und des
Machtträgers einfach politisiert werden.
Noch klarer ist die Verwirklichung der totalen Mobilmachung
im Bolschewismus. Gerade der weder traditionell gebundenen noch
durch humane Rücksichten begrenzten Diktatur des Proletariats
ist es möglich, den Sinn des Lebens in der Behauptung und Ausdehnung
 ihrer zum totalen Staat (ihrer Theorie nach zur totalen
Gesellschaft) führenden Macht zu sehen. Daher ist die Sowietunion
 der Staat der ständigen totalen Mobilmachung. Alles steht
im Dienste der Staatsarbeit, alles soll dazu verwandt werden, sie
zu fördern und voranzutreiben. Die kriegerische Sprache der
staatlichen Wirtschaftsarbeit — man spricht von Feldzügen, Brigaden,
 Arbeiterstoßtrupps usw. — beweist, daß hier die militärische
Mobilmachung für den Krieg nur als Sonderfall der totalen des
Alltags erscheint, also nicht wie in unserem Bewußtsein als etwas
Eigenes, das Alltagsleben Sprengendes und Wandelndes.
Es ist bewußt vermieden worden, zu untersuchen, wie sehr
manche politischen Theorien der Bolschewisten sich mit der euro-Päischen
 Nachkriegswirklichkeit berühren. Aber vielleicht wird es
dem Leser möglich sein, bei der Beschreibung etwa des Gegen-Satzes
 der Bolschewisten zum opportunistischen Sozialismus von
dem Gesellschafts- und Proletariatsglauben Lenins abzusehen, um
die Struktur politischer Bewegungen unserer Zeit zu erfassen.
Auch die Taktik Lenins von 1917, seine Parteikonzeption reichen
in ihrer Bedeutsamkeit weit über den bolschewistisch-russischen
Sonderfall hinaus. Doch darf man darüber natürlich nicht die
Besonderheiten der russischen Lage vergessen. Das Konkrete
        <pb n="9" />
        VHI

Vorwort,

läßt sich eben nicht im Abstrakten erschöpfen — die Situation 1äßt
sich nicht aus der Politik ausschalten. Aber immer wieder wird
die politische und soziale Theorie aus gewaltigen „Experimenten“
wie dem Bolschewismus und seiner Herrschaft in der Sowjetunion
gleichsam neue Kräfte gewinnen, wobei es gleichgültig ist, ob
nicht gerade das bolschewistische Experiment zur Einsicht in die
Begrenztheit aller Theorien führt, Denn der Bolschewismus beweist,
 welche Ergebnisse absolute politisch-soziale Theorien
hervorbringen: sie werden unmenschlich entgegen den eigenen
Voraussetzungen.

Ohne das große Vertrauen, das Herr Dr. Keckeis im Namen des
Verlages dem Verfasser entgegengebracht hat, wäre ihm das
Fertigstellen des Buches nicht möglich gewesen. Größere Arbeiten
sind infolge äußerer Schwierigkeiten für einen Schriftsteller heute
kaum noch möglich. Um so mehr ist der Verfasser Herrn
Dr. Keckeis verpflichtet. Herrn Professor E. v. Beckerath (Köln)
sei für seine wertvollen Anregungen gedankt. Frau Dr. Menck-Tichauer
 und Herr Dr. Thieme hatten die Freundlichkeit, die
Korrekturen mitzulesen. Herrn Dr. Lagemans stete Hilfsbereitschaft
 erleichterte die Benützung der preußischen Staatsbibliothek
in Berlin. Herr Professor Stählin hatte die Güte, das Arbeiten im
Seminar für osteuropäische Geschichte der Universität Berlin zu
erlauben.

Bad Godesberg am Rhein, im Juli 1931.

WALDEMAR GURIAN.
        <pb n="10" />
        INHALT.

Seite
Einleitung . 1—6
Erster Teil: Die geschichtlichen und gesellschaiftlichen
 Voraussetzungen des Bolschewismus . . 7—36
Die absolute Monarchie 7—9. Die gebildete Gesellschaft 9—12, Die westliche
 Bildung und die: nationale Tradition 12—14. Die Intelligenz und ihre
Umwelt 14—16, Die Mentalität der Intelligenz 16—19. Die Fremdvölker
als Hilfskräfte der Revolution 19—21. Die bürgerliche Gesellschaft 21—23.
Die Bauern 23—25. Die Arbeiterschaft 25-—27. Aussichten des Umsturzes
27—30. Stolypins Agrarreform und die Krise des Regimes 30—33. Geschichte
 und Wirksamkeit der oppositionellen Bewegungen 33—36,
Zweiter Teil: Eroberung und Ausbau der politischen
Macht in Rußland durch die bolschewistische Partei 237090

Die Schwäche der provisorischen Regierung 37—39, Das Verkennen
der Massen 39—43. Das Eingreifen Lenins 43—46. Der bolschewistische
Umsturz 46—49. Die Grundhaltung der Bolschewisten 49—51. Die Organisation
 der bolschewistischen Partei 51—55. Die ersten Aufgaben der bol-Schewistischen
 Regierung 55—57. Die Legitimation der bolschewistischen
Herrschaft 57—60. Die Festigung der bolschewistischen Macht 60—61.
Der starke Staat 61—64. Die Organisation des bolschewistischen Staates
64—67. Die Stellung der bolschewistischen Partei im Staat 67—69, Der
allmächtige Parteistaat 69—71. Justiz und Terror 71—74. Die sog. ordentlichen
 Gerichte 74—79, Die Ehegesetzgebung 79-—82. Die Religionsgesetzgebung
 83—85. Die Kampfmethoden des atheistischen Staates 85—90.
Gesamtcharakteristik des bolschewistischen Staates 90.
Dritter Teil: Die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik
 des Bolschewismus , . $
Das Ziel 91—94. Die ersten Maßnahmen 94-—99. Der Kriegskommunismus
 99—105. Die neue ökonomische Politik (NEP) 105—110. Der Fünfjahresplan
 110—115. Die Aktivierung der Massen 116—120. Die Vereinfachung
 des Lebens 120—125. Die Wirkungen der bolschewistischen Gesellschaftspolitik
 125—128.

Vierter Teil: Die bolschewistische Partei ‚ ‚ . 129—161
Die Grundlagen 129—131. Die Entwicklung der bolschewistischen Partei
131—136, Die Typen der Bolschewisten 136—141. Die Parteiorganisation
142—149. Lenin 149—155. Stalin und Trotzki 155—158. Die andern
Führer 158 —161.

Fünfter Teil: Die bolschewistische Doktrin ‚, . 162—184
Die Wichtigkeit der theoretischen Grundlage 162-—164. Der Leninis-Mus
 164—168, Die Deutung der Gegenwart. — Der Imperialismus 168 bis
174. Die Grundlagen der Religionskritik 174—179. Das Absolute des
Marxistisch-bolschewistischen Glaubens 180—184.
        <pb n="11" />
        Inhalt.

Seite
Sechster Teil: Kritik des Bolschewismus . . . 185—212
Der bolschewistische Mensch 185—191. Von der Utopie zur Tyrannei
191—196. Die Krankheiten der bolschewistischen Gesellschaft .196—202.
Die Kirche zwischen Bolschewismus und bürgerlicher Gesellschaft 202—206.
Die geschichtliche und gesellschaftliche Bedeutung des Bolschewismus
206—212.

Bolschewistische Dokumente ,... .... 213—288
F 215—246
Die Grundlagen der bolschewistischen Partei . . 215—229
Gegen die Meinungsfreiheit in der Partei 215—216. Die Wichtigkeit der
tevolutionären Theorie 216—217. Die russische Sendung 217. Die Intelligenz
als Trägerin des sozialistischen Bewußtseins 217—219. Gegen die spontane
Entwicklung der Arbeiterbewegung 219—221. Der politische Charakter der
Sozialdemokratie 221—223. Für eine Organisation der Berufsrevolutionäre
223—226. Der Aufbau der Organisation 226—228. Die Notwendigkeit
der Tagesarbeit 228-—229.
Revolutionäre Taktik des Jahres 1917 229—236
Bolschewismus und Sozialdemokratie 236—239
Die Diktatur des Proletariats . 239—240
Rechtund Terror. ... . 240—241
Ein Bekenntnis zum Materialismus 241—246
Das Ziel des Fünfjahresplanes (Eine Rede Stalins) . . . . 247—254
Die natürlichen, wirtschaftlichen und politischen Vorbedingungen 247—249.
Um die Beherrschung der Technik 249—251. Die russische Aufgabe 252—254.
Schwierigkeiten und Methoden des sozialistischen Aufbaues 255—264
Stalins Vorschläge vom 23.Juni 1931 ...-..- 255—257
Das Zurückbleiben des Entwicklungstempos 255. Das Arbeiterproblem
255-—257. Das Spezialistenproblem. — Wirtschaftlichkeit 257.
Die Autofabrik von Nischni-Nowgorod . . . , , 257—260
Wie die Stadt Magnitogorsk gebaut wird .. .. 260—264
Die natürliche Form der Körperkultur 261. Die objektiven Gründe sind
gefunden, die Nachkommen werden nicht verurteilen 261—262. Der rationalisierte
 kapitalistische Bau 262—263. Wie die Verteidiger des abgelehnten
Planes aussehen 263. Man muß die Entscheidungen des Rates der Volkskommissare
 ausführen 263—264.
Der Kampf gegen die Religion. .. . -. + 265—281
Aus den kommunistischen Programmen 265
Die Befreiung der Millionen .. . - „4 + + 266—269
Die antireligiöse Kulturrevolution 266—267, Die Methoden des antireligiösen
 Kampfes 267—268. Antireligiöse Propaganda und sozialistischer
Aufbau 269.
Die jungen Gottlosen und der Kampf gegen das
Osterfest 20000000 HH HH. 270—273
Der Kampf gegen das Weihnachtsfest 1930 . . .. 273—275
        <pb n="12" />
        Inhalt.

Die internationale Arbeit der Gottlosen von Iwa- -
nowo-Wosnesensk . .. DH 2 275—276
Die Gottlosen von Odessa und Leipzig .... . 276—277
Antireligiöse Arbeit bei Frauen. . ., .» 0... 277—280
Antireligiöse Arbeit bei primitiven Massen . . . 280—281
Der Einfluß von Flugzeugen auf die Entwicklung der Gottlosigkeit und
die Verwendung von Agitationsflügen 280—281. Die Chemie zwang das
Bild Christi, für den Eintritt in den Gottlosenbund zu agitieren 281.
Eherecht ..... 282—288
Die faktische Ehe ............0. . . 282-984
Der Unterschied der Eherechte von 1918 und 1927 284—285
Das Ziel der Gesetzgebung ......., , . . . 9285—286
Die Straflosigkeit der widernatürlichen Beziehungen 286—288

Seite

Erklärung bolschewistischer Ausdrücke
Literaturhinweis. .
Anmerkungen
Namen- und Sachweiser.

. . s

289—292
293
294-—328
329—337

XI
        <pb n="13" />
        Einleitung.

BS 1917 kannten nur einige‘ wenige Fachleute, die sich mit
Rußland und der russischen revolutionären Bewegung beschäftigten,
 den Namen Bolschewismus. Nur sie wußten, daß es
eine Partei der Bolschewiki gab, die den linken Flügel der russischen
 Sozialdemokratie bildete. Im November 1917 gelang es
den Bolschewisten in Rußland an die Macht zu kommen. Seitdem
sind sie aus einer politischen Sekte zu einer Weltangelegenheit
geworden. Es gelang ihnen nicht nur, ihre Herrschaft über die
weiten Gebiete des ehemaligen russischen Reiches zu behaupten,
von Polen, Litauen und den Randstaaten an der Ostsee abgesehen,
die infolge des Weltkrieges zu politischer Selbständigkeit gekommen
 waren. Sie vermochten es, eine Macht zu werden, von
der heute die gesamte Welt bedroht wird. Seit 1917 hat sich die
Proletarisch-sozialistische Weltrevolution aus einer theoretischen
Forderung in einen politischen Faktor verwandelt, da hinter ihr
ein großer Staat steht, der sich als erste proletarische Macht in‘
der Welt bezeichnet.
Dieser proletarische Staat sucht schon durch sein Dasein der
Weltrevolution zu nützen. Seine Beherrscher suchen zu beweisen,
 daß ihr Wirken eine neue sozialistische Gesellschaftsordnung
 fördert, die berufen ist, die alte bürgerliche Welt abzulösen.
 Je mehr die Schwierigkeiten, die Nöte, die Krisen in der
nichtbolschewistischen Welt sich steigern, desto mehr Aufmerk-Samkeit
 erregt der bolschewistische Staat. Er ist die Verheißung
für jene sozialistischen Massen, die von der Anpassung ihrer Partei
an die bürgerliche Gesellschaft enttäuscht sind. Als etwas Neues,
in die Zukunft Weisendes erscheint er all denen, die unter den
Verhältnissen der Gegenwart leiden. Rußland, das zurückgebliebene
Land, scheint für viele durch den Bolschewismus zum Lande
geworden zu sein, das vor allen andern den Weg in die Zukunft
geht. Das Unmögliche ist in ihren Augen. Wirklichkeit geworden.
Das zurückgebliebenste Volk Europas wird von einer Regierung
beherrscht, die rücksichtslos mit allen hemmenden Traditionen
bricht, die den Versuch wagt, es zum fortgeschrittensten Volk
der Welt zu machen. Rußland soll nach dem Willen der Bolschewisten
 zum Lande werden, in dem die Massen ihre Geschicke
selber bestimmen, dessen Wirtschaft so organisiert ist, daß es
keine Ausbeuter mehr gibt und die Erträgnisse der Arbeit den
Arbeitenden selber zugute kommen. Die Gesellschaft soll zur Herrin

Gurian, Der Bolschewismus.
        <pb n="14" />
        2

Einleitung.

der Wirtschaft werden. Der bolschewistische Staat behauptet, seine
Gewalt ausschließlich im Interesse der werktätigen Massen zu
verwenden.
Es scheint, daß dieses Programm mit aller Energie verwirklicht
wird; immer wieder wird von neuen Projekten, neuen gesellschaftlichen
 Umwandlungen und Umwälzungen berichtet. Man hört von
der Nationalisierung der Banken, vom Außenhandelsmonopol, von
der Sozialisierung der Großindustrie, der Kollektivierung der Landwirtschaft,
 dem Fünfijahresplan, der bestimmt ist, das gesamte
gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben eines großen Landes,
das den sechsten Teil der Erdoberfläche umfaßt, neu zu gestalten.
All das ist verbunden mit einer ungeheuren Propaganda, mit einer
Polemik, in der sich Anhänger und Gegner des Bolschewismus
erbittert gegenüberstehen. Diese Polemik bleibt aber nicht eine
literarische Angelegenheit; es geht in ihr um die wirkliche Gestaltung
 des Lebens und Geschickes der Menschheit.
Nicht nur in Westeuropa gibt es Massenparteien, die ihre Weisungen
 und Antriebskräfte von der Dritten Internationale, dem in
Moskau sitzenden, von den Bolschewisten gegründeten Generalstab
 der Weltrevolution, empfangen. Die nationalen Bewegungen
in Asien, in China und Indien, in allen Kolonien, bei den Negern
und bei den Malaien, haben neue Kräfte und neuen Mut gewonnen
durch die bloße Tatsache des Daseins eines der Weltrevolution
dienenden Staates. Denn dieser Staat kämpft gegen alle Unterdrückung
 und damit auch gegen die Unterdrückung der Kolonien
und der asiatischen Länder durch die Staaten des Kapitalismus.
Der proletarische Staat will nicht nur Träger der wirtschaftlichen
Revolution sein; er tritt auch als Vorkämpfer der politischen
Weltrevolution auf,
Durch ihn scheint also das, was bisher als unmöglich erschien,
möglich geworden zu sein. Die sozialistischen Revolutionäre,
welche wirtschaftliche und politische Gerechtigkeit versprechen,
haben die Herrschaft über ein großes Land errungen und halten
sich an der Macht, ohne irgend welche grundsätzlichen Konzessionen
 zu machen. Sie vertreten weiter ihr ursprüngliches Programm.
 Sie behaupten, das zu können, weil dieses Programm im
Grunde genommen nur Ausdruck einer notwendigen Entwicklung
der Welt sei. Daher besitzen sie die Kraft, eine elastische, biegsame
Taktik anzuwenden, ohne das endgültige Ziel aus dem Auge zu
verlieren. Ihre Gegner sehen ihre taktischen Rückzüge immer wieder
als Aufgeben des Weltrevolutionsprogramms an und merken gar
nicht, daß diese Rückzüge nur geschickte Umgehungsmanöver sind.
        <pb n="15" />
        Einleitung,

4

Die sozialistischen Revolutionäre, die Bolschewisten, behaupten
weiter, daß nur ihr Programm dem wirklichen Menschen entspreche.
 Ihre Arbeit, ihre Herrschaft befreie die Menschheit von
allen Illusionen, allen Täuschungen, denen sie bisher im Interesse
einiger kleiner egoistischer Gruppen zum Opfer gefallen sei.
Nur der Mensch, der sich ausschließlich für das Diesseits, für die
Wirtschaft, für die Gesellschaft interessiere, sei der wirkliche
Mensch. Die Religion mit ihrem Jenseitsglauben gehöre zu den
Mächten, welche den Menschen von seinen Aufgaben ablenken.
Es sei daher nötig, daß die Religion verschwinde, um eine gerechte
Gesellschaftsordnung zu ermöglichen. Ja, man könne sogar sagen,
daß diese gerechte Gesellschaftsordnung so lange nicht Wirklichkeit
 werden könne, als es noch eine vom Diesseits. ablenkende
Religiosität gebe. Diese Revolutionäre sind also nicht nur Politiker,
 die sich mit Machteroberung begnügen; sie fühlen sich als
Träger einer Heilslehre, welche der Menschheit die wahre Erlösung
 von ihren Nöten, den Unvollkommenheiten ihres irdischen
Daseins bringen soll.
Gerade darin besteht die Überlegenheit des Bolschewismus über
eine skeptische, relativistische, rein taktische politische und wirtschaftliche
 Haltung, wie sie in der nichtbolschewistischen Welt
vielfach sich zeigt. Er tritt auf im Namen unwandelbarer Grundsätze,
 Wenn er auch das irdische Dasein, die wirtschaftliche und
gesellschaftliche Organisation als letzte Bestimmungen des menschlichen
 Lebens ansieht, so tut er das doch mit einer Inbrunst, die
ihn als eine Religion (wenn auch natürlich als eine falsche Religion)
 erscheinen läßt, vor der sich viele zu nichts verpflichtenden
Lobpreisungen der geistigen Freiheit und Würde des Menschen
als nichtig und eitel erweisen. Daher ist es nicht möglich, den
Bolschewismus nur taktisch zu bekämpfen. Daher ist es nicht
möglich, ihn nur mit Aufzählungen von bisherigen Mißerfolgen
und Fehlergebnissen wirksam zu kritisieren.
Da kann er sich einfach auf seine Jugend berufen, darauf, daß
er sich bisher in einer Übergangszeit befinde, in der er erst zu
lernen und Erfahrungen zu sammeln habe. Werden nicht seine
schlimmsten Mißgriffe gerade durch seine eigene Selbstkritik enthüllt?
 Da kann er sich auf seine Lehre berufen, aus der hervorgeht,
daß nichts in der Geschichte sich auf einmal, in reiner Vollkommenheit
 ergebe, Da kann er den ihm vorgehaltenen Unvollkommenheiten
 die. Unvollkommenheiten der nichtbolschewistischen Welt
Entgegenstellen. Ist nicht tatsächlich die Weltwirtschaftskrise mit
ihren Folgeerscheinungen die wirksamste Werberin für ein poli-
        <pb n="16" />
        Einleitung.

tisch-wirtschaftliches System, das, wie der Bolschewismus behauptet,
 die Fehler des bisher bestehenden vermeidet? Wirkt sie
daher nicht ebenso für das Wachstum des ersten proletarischen
Staates der Welt wie seinerzeit die politische Krise des Weltkrieges
 für sein Entstehen? Der Bolschewismus ist die Antwort
auf die Unvollkommenheiten der bestehenden Ordnung, und es ist
daher nicht möglich, ihn durch Aufzählen seiner Mißerfolge zu
erledigen.
Es gilt, die Grundlagen seiner Heilslehre, seiner Anschauung vom
Menschen zu erfassen, um ihn wirksam bekämpfen zu können.
Aber das darf nicht in einer allgemeinen, von der Geschichte absehenden
 Weise geschehen. Sicher ist eine Darstellung der bolschewistischen
 Lehrinhalte, etwa der bolschewistischen Auffassung
der Religion, des bolschewistischen Materialismus, des bolschewistischen
 Glaubens an die Schöpferkraft der Masse, an die Lösung
aller Menschheitsiragen durch eine richtige Organisation der
Gesellschaft, sehr wichtig. Aber diese Darstellung muß im geschichtlichen
 Zusammenhang gegeben werden, sonst bleibt die
entscheidende Frage unbeantwortet: Wie ist es möglich geworden,
daß gerade diese Inhalte, diese Lehren in der heutigen Welt wirksam
 und erfolgreich geworden sind? Damit ist eine erste Unterscheidung
 als notwendig erwiesen, die jede Darstellung des Bolschewismus
 stets im Auge zu behalten hat: Die Unterscheidung
zwischen dem Bolschewismus als einer russischen Erscheinung
und einer Weltangelegenheit. Man kann den Bolschewismus nicht
betrachten losgelöst von der russischen Tradition und Geschichte,
Erst dann wird seine Weltanschauung, die Art seiner Wirksamkeit
verständlich; aber anderseits darf man auch seine Herkunft aus
westeuropäischen Theorien, seinen Marxismus nicht vergessen.
Die geschichtliche Darstellung muß also zugleich stets systematisch
 eingestellt bleiben: Geschichte und Theorie müssen sich
wechselseitig erläutern.
In diesem Buche wird der Versuch gemacht, den Bolschewismus
vor allem als eine russische Erscheinung zu betrachten. Wir haben
ja auch bisher erst in Rußland ein praktisches Beispiel für seine
Wirksamkeit und Entwicklung. Aber damit soll das Buch nicht
ein Stück russischer Geschichte beschreiben. Es will mit Hilfe
der geschichtlich-gesellschaftlichen Betrachtungsweise die Grundlagen
 dafür schaffen, um den Bolschewismus prinzipiell, nicht
nur mit Hilfe einzelner äußerer Symptome, zu beurteilen. Es soll
also nicht die Literatur vermehren, die über die bestehenden Verhältnisse
 im bolschewistischen russischen Reich, der Sowietunion,
        <pb n="17" />
        Einleitung.

SE

zu berichten sucht. Nicht der Bolschewismus als politisch-soziale
Bewegung mit bestimmten geschichtlichen Wirkungen interessiert
an erster Stelle; vor allem soll gezeigt werden, welche Theorien,
 Grundanschauungen und ihnen entsprechende gesellschaftliche
Gebilde, Organisations- und Herrschaftsapparate die bolschewistische
 Wirklichkeit und Propaganda tragen.
Gerade darum darf diese Darstellung nicht abstrakt-systematisch
 gerichtet sein, etwa in der sorgfältigen Aufzählung bolschewi-Stisch-marxistischer
 Lehren bestehen; sie muß stets von bestimmten
 geschichtlichen und gesellschaftlichen Tatsachen ausgehen. Es
ist sicher kein Zufall, daß in Westeuropa bei den sozialistischen
Parteien die mehr oder minder offenen revisionistischen Richtungen
siegten, welche mit dem Bürgertum zusammenarbeiteten, die bestehende
 Ordnung mehr oder minder ehrlich anerkannten, während
 in Rußland gerade der revolutionäre Marxismus zur Herr-Schaft
 kam. Es ist auch kein Zufall — um ein zweites Beispiel]
anzuführen —, daß sich in Rußland ganz bestimmte Organisationsformen
 des Sozialismus herausbildeten, ohne die der heutige Bolschewismus,
 sein Herrschaftapparat und die Eigenart seiner Agitation
 nicht zu verstehen sind. Es gilt, den Versuch zu machen, die
Beziehungen zwischen der Theorie und der sie bedingenden gesellschaftlich-geschichtlichen
 Lage klar zu erfassen, um den heutigen
Bolschewismus zu verstehen. Gerade dann wird man nicht nur
manche seiner zunächst unbegreiflichen politischen und sozialen
Methoden verstehen und sie nicht mehr als Ausdruck eines weiter
theoretisch nicht begründeten Machterhaltungstriebes betrachten,
sondern man wird auch das eigentümlich Russische von dem Allgemeinen
 des Bolschewismus ablösen können. Dann wird sich
zeigen, welcher besondern Lage der Gesellschaft die Heilslehre
des Bolschewismus entspricht; sie kann erkannt und durchschaut
werden in ihrer geschichtlichen Bedeutung; damit kehren sich
gerade die Ansprüche des Bolschewismus, einer geschichtlichen
Entwicklung zu entsprechen, gegen ihn selber. Fr ist nicht das
Ende der Geschichte, sondern nur ein geschichtlicher Faktor, genau
So wie die Französische Revolution, die glaubte, die kommende
Ordnung für alle Zeiten zu bringen, in Wirklichkeit sich nur als
Trägerin einer bestimmten, heute wieder fragwürdig gewordenen
geschichtlich-gesellschaftlichen Umwälzung erwies. Diese Darstellung
 kann also dem geschichtlichen Wirken des Bolschewismus
gerecht werden und zugleich seine Grundlagen und Ansprüche
kritisieren, als falsch, als begrenzt, als Ausdruck bestimmter gesell-Schaftlicher
 Verhältnisse erweisen.
        <pb n="18" />
        )

Einleitung.

Diese Finstellung, die, von der Geschichte ausgehend, die theoretische,
 geistige Grundlage des Bolschewismus, seine Auffassung
vom Menschen, von der Gesellschaft und ihren Zielen zu enthüllen
 sucht, bestimmt den Aufbau des Buches. Zunächst muß die
zeschichtlich-gesellschaftliche Wirklichkeit dargestellt werden,
welche die Voraussetzung des Bolschewismus bildet. Im ersten,
einleitenden Teile wird also das alte Rußland geschildert mit seinem
politisch-gesellschaftlichen Aufbau. Der zweite Teil zeigt die besondern
 Verhältnisse, welche es der verhältnismäßig kleinen Gruppe
der Bolschewisten erlaubten, unter Führung Lenins die Macht zu
ergreifen, und untersucht die Organisation des bolschewistischen
Machtapparates, die sog. Diktatur des Proletariats. Dabei werden
auch die Religions- und Ehegesetzgebung der Bolschewisten behandelt
 als Versuche, auf die Gesellschaft mit Hilfe der staatlichen
Macht einzuwirken. Der dritte Teil ist der bolschewistischen
Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik gewidmet, die als Annäherung
 an den Sozialismus die politische Machtergreifung rechtfertigen
 soll. Der vierte Teil beschreibt die Eigenart der bolschewistischen
 Partei und ihrer Führer, ohne deren Verständnis die
politischen und wirtschaftlichen Methoden des Bolschewismus in
ihrer Figenart nicht zu erkennen sind. Der fünfte Teil versucht
eine zusammenfassende Darstellung der Theorien Lenins als einer
Fortbildung des Marxismus zu geben und ihre grundlegende Bedeutung
 für die gesamte bolschewistische Praxis anschaulich zu
machen. Der sechste Teil entwickelt eine Kritik des Bolschewismus;
 er geht dabei von seiner geschichtlichen Bedingtheit durch
bestimmte gesellschaftliche Verhältnisse aus. Er sucht zu beweisen,
 daß die Ansprüche des Bolschewismus gerade durch die
Frgebnisse seiner Herrschaft in Rußland als dem wirklichen Menschen
 nicht entsprechend widerlegt werden.
        <pb n="19" />
        ERSTER TEIL.

Die geschichtlichen und gesellschaftlichen
Voraussetzungen des Bolschewismus.

Die absolute Monarchie.

DS alte kaiserliche Rußland, das Rußland der Zaren, war eine
absolute Monarchie *. Der Absolutismus war unter dem Ein-(luß
 des von Byzanz übernommenen orthodoxen Christentums und
vor allem der Tatarenherrschaft (1224-1480) entstanden, die den
Feudalismus sich nicht hatten entwickeln lassen. Durch die von
oben, von Peter dem Großen, veranlaßte Europäisierung wurde
er endgültig gefestigt. Selbst die durch das Oktobermanifest von
1905 angekündigte Verfassung kann man nur als eine mehr oder
minder äußerliche, unwesentliche Einschränkung des Selbstherrschertums
 ansehen. Max Weber hat das auf ihr beruhende
Regime mit Recht als „Scheinkonstitutionalismus“ bezeichnet, denn
nach wie vor konnte der Zar und die nur von seinem Vertrauen
abhängige Regierung über alle wichtigen Angelegenheiten durchaus
selbständig entscheiden, ohne sich um die Meinung der Volksvertretung,
 der Duma, zu kümmern. Diese Monarchie hatte sich
aus dem Moskauer Großfürstentum entwickelt. Sie hatte es verstanden,
 ihr Herrschaftsgebiet durch fortwährende Eroberungskriege
 bis weit nach Westeuropa und über einen großen Teil
Asiens auszudehnen. Nach der Abschüttelung des Tatarenioches
im Jahre 1480 eroberte das Moskauer Zarentum im Jahre 1552
Kasan an der Wolga. 1667 und 1686 wurde die Ukraine links des
Dniepr gewonnen. Den langen Krieg Peters des Großen mit
Schweden beendete 1721 ein Frieden, der Rußland den größten
Teil der Ostseeprovinzen sicherte. In den drei Teilungen Polens
1772, 1793 und 1795 bekam Rußland den Löwenanteil. Fünf Kriege
mit der Türkei von 1774 bis 1878 führten zu Gebietserweiterungen.
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Eroberung des Kaukasus
 abgeschlossen. Die russische Herrschaft über Sibirien war
bereits im 16. Jahrhundert gesichert und im 19. Jahrhundert durch
Gewinnung von Mittelasien und Ausdehnung bis zum Stillen Ozean
abgerundet worden.
Die absolute Monarchie hatte seit dem 18. Jahrhundert, seit
Peter dem Großen, die westeuropäische Herrschaft und Verwaltungstechnik.
 als Grundlage ihres Staatswesens übernommen. Das
        <pb n="20" />
        8 1. Teil. Die geschichtlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen.

Heer war westeuropäisch geschult, eine von westeuropäischen
Vorbildern bestimmte Bürokratie wurde geschaffen, die russische
Gesellschaft sollte sich nach den westeuropäischen Sitten richten.
Die westeuropäische Bildung mußte schon darum übernommen
werden, weil ohne sie die Führung der Verwaltung und des Heeres
nicht möglich gewesen wäre. Aber die westeuropäische Herrschaftstechnik
 hatte nicht zu einem Verzicht auf die besondere Legitimation
 (Herrschaftsbegründung) geführt. Seit der Regierung Nikolaus’
 I. (1825—1856) hatte sie sich in aller Klarheit ausgebildet: als
Grundlagen des russischen Reiches wurden das großrussische
Volkstum, die ihm entsprechenden Formen der Regierung, das
Selbstherrschertum, und der Religion, die Orthodoxie, betrachtet.
Damit war eine scharfe Grenze gegen alle westeuropäischen politischen
 und sozialen Bewegungen aufgerichtet, die zu ziehen im
18. Jahrhundert noch nicht notwendig gewesen war, da damals
auch im Westen die absolute Monarchie als selbstverständlich galt.
Im Namen der nationalen Tradition wurde jede Anpassung an
die öffentliche Meinung der gebildeten Kreise abgelehnt, der Parlamentarismus
 und der Konstitutionalismus wurden in allen ihren
Formen als nichtrussisch hingestellt. Empfand nicht auch das
Volk den Zaren als seinen Schutzherrn, an den es gegen Überrriffe
 der bürokratischen Verwaltung appellieren konnte?
Natürlich war der theoretisch unumschränkt herrschende Zar
in Wirklichkeit gar nicht allmächtig. Nicht nur die ungeheure
Masse der Bürokratie stand ihm entgegen, deren verwickelter
Aufbau nicht mit einem Schlage zu ändern war. Der Zar mußte,
ob er es wollte oder nicht, auf traditionelle Gesellschaftsschichten
Rücksicht nehmen. Der grundbesitzende Adel galt neben den
passiven Bauernmassen und den konservativ eingestellten Gruppen
der Kleinbürger und der russischen Kaufleute als sicherste Stütze
des Thrones. Die Völker und Religionen des Landes wurden
nicht als gleichgestellt behandelt. Die Großrussen und die
orthodoxe Kirche suchte die Regierung auf jede Weise zu begünstigen;
 sie waren eben das Staatsvolk und die Staatsreligion.
Man darf nicht annehmen, daß der Absolutismus jeden Fortschritt
ausschloß, zähe an einmal gegebenen gesellschaftlichen Formen
und Ordnungen festhielt. Er betrachtete es — wie am deutlichsten
die vom Willen Peters des Großen bestimmte Anpassung an Westeuropa
 bewies — als seine Aufgabe, notwendige Reformen einer
widerstrebenden Gesellschaft aufzuzwingen. Die Bauernbefreiung
von 1861 wäre ohne den Zaren Alexander II. nicht durchgeführt
worden, mochte auch der Verlust des Krimkrieges gegen England
        <pb n="21" />
        Die absolute Monarchie. Die gebildete Gesellschaft. 9

und Frankreich, die der Türkei zu Hilfe geeilt waren, die Unhaltbarkeit
 der Leibeigenschaft mit aller Deutlichkeit erwiesen haben.
Die Bauernbefreiung sollte bei den Bauernmassen, die in eine Art
ständischer Organisation eingegliedert wurden, das Verhältnis zum
Zaren festigen. Der Zar erschien ia durch sie als Befreier von
drückenden Zuständen. War das nicht eine Bestätigung des Glaubens
 daran, daß an den Nöten des Volkes nicht der Zar, sondern
die Bürokratie, seine nicht immer die Wahrheit sagenden Berater,
schuld seien?

[Die gebildete Gesellschaft.

Die Verbindung des sich patriarchalisch gebenden Zarentums
mit einem mehr oder minder nach westeuropäischen Vorbildern
aufgebauten bürokratischen Apparat duldete keine bestimmende
Anteilnahme der öffentlichen Meinung an den Regierungsgeschäften.
Die Regierung des Zaren beruhte auf dem Willen des von Gott
zum Herrscher Bestimmten — nur er hatte das Recht, zu entscheiden,
 wie weit die sog. öffentliche Meinung und die Wünsche
einzelner Gesellschaftsgruppen zu berücksichtigen seien. Während
nun der Adel, aus dem die Spitzen der Bürokratie und des Heeres
nach Beseitigung des noch im 18. Jahrhundert entscheidenden
Einflusses von ausländischen Finwanderern hervorgingen, eine
bestimmte Gruppe bildete, die der nationalen Tradition entsprach
oder wie bei den Balten durch ein Treuverhältnis an die Monarchie
gebunden war, schien die gebildete Gesellschaft nicht die gleiche
Zuverlässigkeit zu besitzen. Daran konnte auch nichts die Tatsache
ändern, daß sie zunächst, bis zu den ersten Jahrzehnten des
19. Jahrhunderts, vor allem von Adelskreisen getragen wurde.
Ihre ganze Denkweise widersprach den Anschauungen, auf denen
die russische Monarchie beruhte. Im 18. Jahrhundert konnte das
noch nicht erkannt werden; da liebäugelte die Zarin Katharina II.
noch mit den Häuptern der westeuropäischen Aufklärung: da ließ
sie sich von ihnen als vorbildliche Herrscherin, als Semiramis des
Nordens, feiern. Aber nach der Französischen Revolution und vor
allem nachdem sich der zuerst fortschrittlich gerichtete Alexander
 I. für die Fortführung des traditionellen Absolutismus unter
Verzicht auf grundlegende Reformen entschieden hatte, war der
Bruch zwischen den westeuropäisch bestimmten Gebildeten und
der Regierung unvermeidlich geworden. Er kam im berühmten
Dekabristenaufstand 1825 zum sichtbaren Ausdruck? Die zumeist
Adeligen Offizierskreisen angehörenden Verschwörer wollten die
im Dezember, nach dem Tode Alexanders I. und dem Verzicht des
        <pb n="22" />
        10 1. Teil. Die geschichtlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen.

direkten Thronnachfolgers Konstantin hervorgerufene Verwirrung
benützen, um eine Art mehr oder minder von westlichen Mustern
bestimmten konstitutionellen Regimes einzuführen. Der Aufstand
scheiterte — aber er war der deutliche Beweis für die beginnende
Entfremdung zwischen den von westeuropäischen Ideen bestimmten
 Gebildeten und dem herrschenden Absolutismus.
Eines zweiten Peters des Großen hätte es bedurft, um diese
Entfremdung zu vermeiden. Denn sie war gerade durch die
Reform Peters des Großen hervorgerufen worden. Peter der Große
hatte auf den Westen als das große Vorbild hingewiesen — warum
sollte man da dem Westen, als er nach der Französischen Revo-Iution
 den Absolutismus, zuerst wenigstens geistig, überwunden
hatte, nicht mehr nachfolgen? Im 18. Jahrhundert konnte der
Absolutismus als durchaus mit dem Westlertum, der Übernahme
westlicher Herrschaftstechnik und westlicher Sitten vereinbar erscheinen
 — aber jetzt nach der Französischen Revolution? Anderseits
 konnte sich auch eine selbständige nationale Begründung des
Zarentums schwer gegenüber der Tatsache behaupten, daß westliche
 Ideen und Methoden zur Stützung der traditionellen Monarchie
 herangezogen worden waren. So mußte es dazu kommen,
daß das herrschende Regime keine ursprüngliche Verbindung mit
der gebildeten Gesellschaft gewinnen konnte, die über die Grundlagen
 des politischen und sozialen Lebens nachzudenken begann.
Es hatte kein Verständnis dafür, daß gerade die Übernahme der
westeuropäischen Bildung zur geistigen Auseinandersetzung mit
den Besonderheiten der russischen Tradition und der russischen
politischen Ordnung führen mußte. Es glaubte einfach die Bildung
als Mittel zum Zwecke, d. h. als Technik zur Sicherung seiner
Macht, benützen zu können. Sobald die Bildung zu einer selbständigen,
 geistigen Bewegung führte, welche von der bestehenden
Ordnung gesetzte Grenzen zu überschreiten drohte, sollte sie
einfach in bestimmte Schranken gewiesen werden. Dieses Verhalten
 beruhte auf dem Glauben, daß das bestehende Regime sich
keineswegs von den durch keine praktische Erfahrung gedeckten
Plänen beeinflussen lassen dürfe, daß weiter die diesen Plänen zı
Grunde liegenden Ideen der Gesinnung des russischen Volkes
nicht entsprächen, dem die traditionelle Monarchie sicher mehr
bedeute als die ihm so fernen und fremden. vom westlichen Geiste
Verblendeten und Verwirrten.
Durch diese Haltung mußte sich eine Gesellschaftsschicht herausbilden,
 die das bestehende Regime von vornherein ablehnte,
zum mindesten in keiner unmittelbaren Beziehung zu ihm stand.
        <pb n="23" />
        Die gebildete Gesellschaft. 11

Diese Gesellschaftsschicht ist im alten Rußland als Intelligenz
bezeichnet worden ®, Sie hat bei der Vorbereitung des Sturzes der
Monarchie eine entscheidende Rolle gespielt. Vieles aus” der in
ihr herrschenden Geistesart ist im Bolschewismus, wenn auch
bis zur Unkenntlichkeit umgebildet und verzerrt, wirksam geblieben.
 Natürlich konnte sie aus sich allein, ohne Verbindung mit
bestimmten sozialen Verhältnissen, welche die Massen ihr zutrieben,
 keinen Umsturz herbeiführen. Aber aus ihr gingen die
Anreger und Führer des Umsturzes hervor. Daher ist es für ein
Verständnis der russischen Revolution notwendig, ihre Entwicklung
 und ihre Figenart zu schildern.
Die Intelligenz als eine gesellschaftliche Gruppe mit einer ganz
bestimmten Gesinnung und Grundhaltung konnte erst nach den
hapoleonischen Kriegen sich bilden, als der westliche Geist sich
endgültig in den führenden russischen Schichten durchgesetzt
hatte, Im 18. Jahrhundert hatte sie immerhin Vorläufer aufzuweisen.
 Einige russische Aufklärer waren mit den herrschenden
Zuständen unzufrieden und verlangten soziale Reformen. Besonders
 berühmt ist von ihnen als Vater der Intelligenz Raditschew,
der die Abschaffung der Leibeigenschaft forderte und dafür als
Revolutionär von der Regierung bestraft wurde. Aber die Intelligenz
 als soziale Gruppe konnte erst dann sich bilden, als das
Nachdenken über die Sonderstellung Rußlands in der Welt einsetzte,
 als das Verhältnis Rußlands zu dem Westen fragwürdig
geworden war, dessen Technik und äußere Zivilisation das Selbstherrschertum
 übernommen hatte, ohne der Entwicklung seines
Politischen, gesellschaftlichen und geistigen Lebens folgen zu wollen.
Auf die Dauer konnte das Verhalten der Regierung, das alle
Bildung nur als Mittel zum Zweck ansah, nicht befriedigen. Fine
konservativ-nationale Opposition, das sog. Slawophilentum, die
das bestehende Regime wegen seiner Übernahme westlicher Einrichtungen
 kritisierte und ihm altrussische Ideale entgegenstellte,
konnte nur bei sozial gesicherten Schichten Anklang finden — die
Masse der Gebildeten, die unter der herrschenden Einengung
des geistigen Lebens litten und sich gegen die auflehnten, glaubte
das herrschende Regime als zu wenig westlich bekämpfen zu
können. Es entsprach für sie nicht den von westlichen Liberalen
und Revolutionären gepredigten Ideen, es war ein veraltetes Re-Zime,
 ein unzivilisiertes Regime. Die Kritik des westlichen Liberalismus
 am Feudalismus und an der absoluten Monarchie wurde
bereits von den ersten Theoretikern der Intelligenz — so von dem
Unter Nikolaus I. lebenden Kritiker Belinski — auf Rußland über-
        <pb n="24" />
        12 1.Teil. Die geschichtlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen.

tragen. Diese revolutionäre Kritik entsprach dem Empfinden der
an keinen Besitz und an keine soziale Stellung gebundenen Massen
der Gebildeten, den sog. Rasnotschinzi, den Söhnen des kleinen
Beamtenadels und Männern aus verschiedenen Ständen, welche
erst durch die Bildung eine gemeinsame gesellschaftliche Grundlage
 erhielten.

Die westliche Bildung und die nationale Tradition.

Das Erwachen des geistigen Lebens verband sich für diese
westlich gerichteten Gebildeten mit dem Gegensatz zu dem herrschenden
 Regime. Schien nicht die absolute Monarchie ihrem
geistigen Selbständigkeitsdrange überall einengende Schranken zu
setzen? War es nicht dafür symbolisch, daß Zar Nikolaus I.
den nationalen Dichter Puschkin trotz allem äußern Wohlwollen
kein Verständnis entgegenbrachte, ihn in drückenden äußern Verhältnissen,
 einer geringen Hofstellung, ließ, die sein Schaffen erschwerte?
 Aus den Erinnerungen Herzens (geboren 1813), der
später auswanderte und um die Mitte des 19. Jahrhunderts als
typischer russischer Revolutionär galt, geht hervor, wie sehr das
herrschende Regime auf seiner Jugend lastete. Und wie Herzen
ging es auch Bakunin, dem berühmten Anarchisten und Gegenspieler
 von Karl Marx in der ersten Internationale. Als der junge
Offizier sich für die zeitgenössische Philosophie zu interessieren
begann, wurde er sofort zum Feinde des bestehenden Regimes.
Daß die westliche Bildung bei den jungen Russen, sobald sie von
ihnen bewußt als etwas Nichtrussisches, nach Rußland Eingeführtes
erkannt wurde, revolutionierend wirkte, sie zu Feinden der bestehenden
 sozialen und politischen Ordnung machte, ist nicht nur
die notwendige Folge der Unterdrückungs- und Zensurmethoden
der Monarchie. Diese Entwicklung ergab sich ganz natürlich aus
der Tatsache, daß die Bildung nicht den russischen Traditionen
entsprach. Das, was aus dem Westen nach Rußland drang, erschien
 den Russen als etwas ganz Neues, wirkte auf sie als eine
Art Offenbarung. Darum wurde die Bildung von ihnen mit einem
ganz andern Ernst aufgenommen als von ihren Ursprungsvölkern.
Sie wirkte entwurzelnd, zerade darum wurde sie als eine Art
neuer Religion mit gläubiger Inbrunst begrüßt. Man besaß nicht
die geschichtlichen Voraussetzungen, die sie wie im Westen bei
aller revolutionären Ausdrucksweise in die bestehenden Verhältnisse
 einordneten, und so wurde man zu einem radikalen Verneiner
der bestehenden Gegenwart.
        <pb n="25" />
        Die westliche Bildung und die nationale Tradition. 13

Tschaadajew hatte die Gefahren dieser westlichen Bildung für
Rußland gespürt, als er in seinem berühmten, 1837 veröffentlichten
Philosophischen Schreiben den Russen als den traditichslosen
Menschen charakterisierte und als erster bewußt die Frage aufwarf,
 welche eigene geschichtliche Sendung ihm zukomme. Dostojewskis
 Werk wird von dieser entscheidenden Frage beherrscht,
wie sein steter Kampf gegen den durch die westliche Bildung
hervorgerufenen Entnationalisierungsprozeß und der Hinweis auf
das Volk als Vorbild beweist. Die Masse der Intelligenz empfand
aber diese Problematik, den Bruch der nationalen Tradition durch
die westliche Bildung, überhaupt nicht. Sie nahm einfach die
westliche Bildung gläubig auf und merkte gar nicht, daß sie ihr
einen ganz unwestlichen Inhalt durch den Radikalismus der Bejahung
 verlieh, Sie betrachtete sie als entscheidende Lebenstatsache,
 als Macht, die das ganze Dasein des Menschen bestimmte.
Und so mußte für sie ein Regime, das diese Übernahme hinderte,
als das böse, mit allen Mitteln zu bekämpfende Regime erscheinen,
welches das Eindringen von Wahrheit nach Rußland ebenso verhindere
 wie das Schaffen gerechter Gesellschaftsverhältnisse.
Diese Grundhaltung erklärt es, warum für die Intelligenz die
sozialen und politischen Fragen ein entscheidendes Gewicht erhielten.
 Das ergab sich aus der Tatsache, daß die westliche Bildung
 als etwas Absolutes, das ganze Leben Bestimmendes betrachtet
 wurde. Was sich ihr entgegenstellte, was den von ihr
verkündeten Ideen nicht entsprach, wurde einfach abgelehnt und
verneint. Und das war eben die ganze soziale und politische
Wirklichkeit Rußlands, welche die ganze Bildung nur als ein
technisches Mittel, als äußere Zivilisation betrachtete. Darum
wurden die Ideen der sozialen Gleichheit und Gerechtigkeit, welche
vom Westen übernommen wurden, mit einem religiösen Ernst
ergriffen und gegen die herrschenden Zustände ausgespielt. Die
revolutionäre Intelligenz erhob — um das berühmte Wort eines
ihrer Theoretiker, Lawrow, zu zitieren — den Anspruch darauf,
eine Gruppe ethischer, kritisch denkender Persönlichkeiten zu sein.
Sie verneinten im Unterschiede zu den egoistischen Schichten, die
an der Macht waren, und zu den Spießern, die sich nur um ihr
sichtbares Fortkommen, ihre Laufbahn kümmerten, die bestehende
Dolitische und soziale Wirklichkeit im Namen der Wahrheit und
Gerechtigkeit. Dadurch erfüllten sie eine moralische Sendung.
Vom Gefühle der Würde und Freiheit des Menschen durchdrungen,
forderten sie die Revolution als Voraussetzung eines der Men-Sschennatur
 entsprechenden Lebens.
        <pb n="26" />
        14 1. Teil. Die geschichtlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen.

Dieser revolutionäre Idealismus trat als Übernahme von jeweils
modernen westeuropäischen radikalen Theorien auf. Selbst der
ussische Konservativismus, das Slawophilentum, die Verneinung
der Überlegenheit westlicher Bildung über die nationale Tradition
hatte sich auf westliche Theorien, auf die Romantiker und Schelling
gestützt. Bei der westlich eingestellten revolutionären Intelligenz
wurde Hegel vom Materialismus abgelöst. Spencer hatte ebenso
Finfluß wie der französische Positivismus. So interessant es auch
wäre, zu zeigen, in welchen Brechungen die westeuropäischen
Theorien von der russischen Intelligenz übernommen wurden, SO
kommt es an dieser Stelle nur darauf an, die Grundhaltung zu
bestimmen. Für diese Grundhaltung ist die Verneinung der bestehenden
 politisch-sozialen Ordnung einschließlich der herrschenden
 Kirche, die nur als ungeistige Macht, als Stütze des Staates
gewertet wird, und der Glaube an die entscheidende Bedeutung
eines Umsturzes bezeichnend.

Die Intelligenz und ihre Umwelt.

Fine Bestätigung dieser Grundhaltung erhielt die Intelligenz
durch ihre steten Zusammenstöße mit der sozialen und politischen
Wirklichkeit. Nur wenige hatten wie Dostoijewski die Kraft,
strenge Strafen hinzunehmen, ohne für ihr ganzes Leben zu Revolutionären
 zu werden. Aber es darf nicht übersehen werden,
daß der Kreis der aktiven Mitglieder der Intelligenz verhältnismäßig
 klein war. Die gute Gesellschaft, die Gesellschaft der Gebildeten,
 sympathisierte zwar mit dem Radikalismus — aber das
geschah nur passiv und betrachtend in Form einer Anteilnahme
am geistigen Leben des Westens, in einem mehr oder minder
vorsichtigen Fordern der Reform, einer Angleichung Rußlands an
die westliche Zivilisation, den westlichen Rechtsstaat usw. Man
darf darüber allerdings nicht verkennen, daß die revolutionäre
Bewegung auf die Sympathien der Gebildeten rechnen konnte,
mochten auch ihre Äußerungsformen nicht gebilligt, ihre Ausschreitungen
 verurteilt werden.
Beim Volke dagegen fand die Intelligenz kaum Anklang. Wenigstens
 war das der Fall in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens.
Zwar berief sie sich auf das Volk. Sie beanspruchte gleichsam,
Sprecherin der vom herrschenden Regime unterdrückten und in
Unwissenheit erhaltenen Massen zu sein. Manche ihrer ersten
Vertreter forderten dabei durchaus berechtigte und notwendige
Reformen. Das gilt vor allem vom Kampfe gegen die Leibeigen-
        <pb n="27" />
        Die Intelligenz und ihre Umwelt. 15

schaft. Zar Alexander II., der sie aufhob, handelte dabei unter
dem Einflusse der Lektüre des „Kolokol“, der „Glocke“, des vom
typischen Vertreter der Intelligenz, Herzen, in London herausgegebenen
 Organs, Aber die Intelligenz begnügte sich nicht mit
der Forderung wirklich notwendiger sozialer Reformen, sie huldigte
 einem Radikalismus, der ihr jeden Sinn für die Wirklichkeit
raubte. Die westeuropäische Bildung trieb sie zu einer Verneinung
aller nationalen Traditionen, zu der dafür typischen Erscheinung
des materialistischen Nihilismus. Er wurde einflußreich nach dem
Zusammenbruch des bis zu ihm die russische Jugend bestimmenden
 Schellingianismus und Hegelianismus, der deutschen idealistischen
 Philosophie in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts.
Turgenjew hat in seinem Romane „Väter und Söhne“ diesen
Nihilismus durch die Gestalt Basarows charakterisiert, der ein
krasser Materialist ist, der die Naturwissenschaften an Stelle der
Religion setzt, für den alle geistigen Ideale durch die brutalen
Tatsachen des Kampfes um das Dasein abgelöst werden. Aber
dieser Materialismus und diese Vergöttlichung der Naturwissenschaften
 verbanden sich häufig, wie z. B. bei Tschernyschewski,
mit einem eigentümlichen idealistischen Glauben an die Güte des
Volkes, an die Vervollkommnungsfähigkeit der Menschennatur,
wenn sie einmal vom äußern Zwange, wie ihn der Zarismus ausübte,
 befreit würde.
Aus dieser Einstellung heraus kam es zum Terrorismus. Der
Terrorismus entsprang aus dem Glauben, daß eigentlich nur
wenige äußere Maßnahmen notwendig wären, um das Reich der
Gerechtigkeit und Wahrheit in Rußland zu begründen. Man glaubte
daher, daß einige Attentate genügen würden, um die bisherige
Regierung zu beseitigen; wenigstens wollte man sie einschüchtern,
um sie zu den notwendigen Reformen, zur Einführung einer radikalen
 Demokratie in Rußland zu veranlassen. Dieser Terrorismus,
der unter dem Zaren Alexander IL, dem Bauernbefreier, einsetzte,
und dem der Zar selber zum Opfer fiel, war typisch für die Volksferne
 der revolutionären Intelligenz. Sie konnte keine Massenbewegungen
 erregen, Ihre Agitation mußte mit Täuschungen des
Volkes arbeiten. Man fertigte etwa falsche Manifeste über eine
Landverteilung durch den Zaren an, man spielte bezeichnenderweise
 den Glauben des Volkes an den Gegensatz des Zaren zu
der ihn hintergehenden Verwaltung aus. Aber das Volk wollte
nichts von den Revolutionären wissen: es konnte sie überhaupt
nicht verstehen, Daher blieb ihnen nichts anderes übrig als die
Bildung kleiner aktivistischer Gruppen. Als der Terror seine
        <pb n="28" />
        16 1.Teil. Die geschichtlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen.

Unwirksamkeit erwiesen hatte, als es sich herausstellte, daß auch
Jie Ermordung des Zaren nicht den Sturz des Regimes bewirkte,
trat der Terror hinter friedliche Aufklärungsversuche wieder
zurück. Diese Aufklärungsversuche sind bezeichnend für die
Volksfremdheit der Intelligenz. Das Volk mußte erst künstlich
zu ihren Forderungen erzogen werden,
Man kann also nicht sagen, daß die revolutionäre Bewegung in
Rußland von selber als Massenbewegung entstand. Sie entstand
in einer Schicht, welche durch die Bildung des Westens in einen
Gegensatz zu nationalen Traditionen gebracht worden war und
der das herrschende System keinen Raum für die von ihr ersehnte,
praktisch selbständige Aktivität gewährte. Infolgedessen wurde
sie in ihrem Denken von der Wirklichkeit abgesperrt; ihr Denken
wurde konstruktiv-utopistisch. Es stellte Anforderungen an die
Wirklichkeit, die die Wirklichkeit nicht erfüllen konnte und deren
Unmöglichkeit sie selber infolge ihrer Absperrung von der Wirklichkeit
 nicht durchschauen konnte, Insbesondere wurden dadurch
phantastische Vorstellungen vom Volke genährt. Nicht nur daß
man es durch einige Reformen und den Sturz des bisherigen Regimes
 rasch von seiner bisherigen Unbildung befreien wollte, ist
dafür bezeichnend, sondern auch die Vorstellung von der besondern
 Veranlagung des russischen Bauern für den Kommunismus.
Diese Vorstellung, die in der revolutionären Bewegung auf Herzen
zurückgeht, bestimmte stark die Terroristen unter Alexander IL,
die sog. Gruppe „Semlija i Wolia“, „Erde und Freiheit“. Man führte
für sie als Beweis die Tatsache an, daß gegenüber dem stets neuverteilten
 Kollektivbesitze des Ackerbodens die Individualwirtschaft
 mit einem unabänderlichen gesonderten privaten Bodeneigentum
 sich in Rußland nicht hätte entwickeln können. Man erwartete
daher von einer Hineintragung sozialistischer Ideen in das Volk
eine wunderbare Wirkung. Man hielt sie, mochten sie auch aus
dem Westen importiert sein, für einen Ausdruck russischer Verhältnisse.
 Das russische Volk schien von Natur aus das soziatistische
 Volk zu sein ®.

Die Mentalität der Intelligenz.

Natürlich konnte eine auf utopischen Voraussetzungen beruhende
Revolutionspropaganda nicht auf breite Kreise wirken. Sie konnte
nur kleine Zirkel erfassen und sich da in radikalsten Formen als
Fntfesselung terroristischer Kampfmethoden (Attentate auf hohe
Beamte, Generäle, den Zaren usw.) auswirken, aber darum darf
        <pb n="29" />
        Die Mentalität der Intelligenz. 17

man doch ihre Bedeutung nicht unterschätzen. Sie brachte die
Neigung mit sich, das geistige Leben zu politisieren, d. h. Bildung
und der Wille zum politisch-sozialen Umsturz erschienen durch
sie als eine Einheit, Sie enthüllte die Ungeistigkeit des herrschenden
 Regimes, das nur die Tatsache seines Daseins der revolutionären
 Bewegung entgegenzusetzen hatte, das unfähig war, eine
eigene geistige Begründung zu entwickeln. Die revolutionäre Bewegung
 brachte die Gefahr, wie die Teilnahme aus dem Volke
stammender Männer an den terroristischen Attentaten unter
Alexander II bewies, daß die aus dem Volke in die Kreise der
Gebildeten aufsteigenden Elemente von vornherein gegen das
bestehende Regime eingenommen würden. Sie erzeugte und verstärkte
 vor allem eine weit über den Kreis ihrer direkten Anhänger
verbreitete Mentalität, welche der bestehenden Monarchie vorwarf,
 Rußland zu einem zurückgebliebenen Lande zu machen, da
sie zu wenig den von ihr doch übernommenen Geist des Westens
als Grundlage ihrer Politik und Verwaltung beachten wollte.
Man muß vor allem die Tatsache der Politisierung aller Bildung
als entscheidend für die kommende russische Entwicklung hervorheben.
 Dadurch wurde ein Menschentyp mit einer eigentümlichen
fanatischen Mentalität begünstigt. Das Politische erschien als
stwas Absolutes, und zwar als ein Absolutes, das gleich durch
Revolution zu verwirklichen sei. Dieser Glaube entsprach, ohne
daß die westlerisch aufgeklärte Intelligenz es ahnte, einer russischen
 Veranlagung, dem Extremismus. Der Russe ist geneigt,
eine bestimmte Idee mit allen Konsequenzen zu erfassen und ohne
jede Rücksicht auf ihren Sondercharakter, auf ihre Stellung in der
Wirklichkeit durchzuführen.
So wurde die Politik, und zwar die Politik als Glaube an die
notwendige Revolution, zur alleinherrschenden, alles andere ausschaltenden
 Macht. Bereits beim Terroristen zeigte sich in aller
Deutlichkeit, wozu diese Politisierung führte, Ursprünglich erhielt
sie ihre Antriebskraft aus ethisch-zivilisatorischen Erwägungen.
Das bestehende Regime erschien als das Regime, das unethisch
war, das nicht dem Stande der Wissenschaft und Bildung entspräche,
 das also, wie seine Stützung durch die Kirche, den Hort
des Aberglaubens, beweise, auf Lüge, dem Verhindern einer öffentlichen
 Anerkennung und Verbreitung der Wahrheit beruhe. Aber
dieser ethisch-moralistische Ausgangspunkt führte gerade zu einer
Verleugnung der Ethik im politischen Kampfe. Neischajew, der
Jünger Bakunins, glaubt nicht vor dem Morde zurückschrecken zu
dürfen, wenn es gilt, die Festigkeit der revolutionären Gruppen
7

Gurian, Der Boulschewismus.
        <pb n="30" />
        I8 1. Teil. Die geschichtlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen.

zu sichern — ein Vorgang, der die Grundlage zu dem gegen die
revolutionäre Geistesart gerichteten Roman von Dostojewski,
„Die Dämonen“, bildet. Im Namen der Ethik und der Gerechtigkeit
 morden die Terroristen.
Die Bejahung der Politik als der Macht, die das ganze Leben
bestimmt und ausfüllt, wegen des Gegensatzes zu einem Regime,
das geistiges Leben erschwert, hat zu einer Verselbständigung der
Revolution, des politischen Zieles geführt. Ihnen dient alles andere;
es wird nicht mehr gefragt, mit welchen Mitteln sie zu erreichen
sind; jedes Mittel scheint recht zu sein. Man wendet sich gegen
das Regime der Gewalt und scheut selber nicht vor der Gewalt
zurück. Man merkt nämlich gar nicht mehr, daß man selber Gewalt
 anwendet, daß man selber einen ganz bestimmten Glauben
allen Menschen aufzwingen will. So stark ist die Macht der Zielvorstellung.
 Die Zielvorstellung läßt alle Mittel gleichgültig werden;
es kommt nur auf die Verwirklichung des politischen Zieles und
Erreichung der Revolution an. Die Revolution ist gut und notwendig,
 das ist der entscheidende Glaube. Da hört jedes Nachdenken,
 jede Rücksicht, jede Beachtung der Wirklichkeit auf,
nicht die Wirklichkeit entscheidet über die Idee, sondern die Idee
über die Wirklichkeit.
Die herrschende Regierung befreite in keiner Weise durch ihre
Maßnahmen die Intelligenz von ihrer radikalen Politisierung, Gerade
 dadurch, daß die Intelligenz aus der Öffentlichkeit ausgeschaltet
 wurde, bekam sie keine Gelegenheit, ihren Radikalismus
mit den wirklichen Verhältnissen zu vergleichen. Sie blieb vom
russischen Leben, vom Leben des Volkes isoliert; durch die Verfolgungen
 erhielt sie den Glorienschein der Unterdrückung, der
auch ihr selber die entscheidende Bedeutung und Uneigennützigkeit
ihres politischen Radikalismus zu bestätigen schien. Bewiesen
nicht die harten Urteile, die gegen ihre Angehörigen gefällt wurden,
die Verurteilungen zur Deportation nach Sibirien usw., daß sie für
die Sache der Freiheit und Gerechtigkeit gegen ein Regime des
Unrechtes und der Willkür kämpfte? Außerdem machten die
Mängel der Verwaltung, die Mißgriffe der Bürokratie, die skandalösen
 Bestechungsaffären für sie eine sehr wirksame Propaganda.
All das schien die Unmöglichkeit des Rußland beherrschenden
Regimes eindringlich zu beweisen.
Man kann die Intelligenz als Ausdruck des Zwiespaltes ansehen,
der zwischen den geistigen Grundlagen des herrschenden Regimes
und seiner Herrschaftstechnik seit Peter dem Großen bestand und
der in ihr mit aller Deutlichkeit sichtbar wurde. Die für diesen
        <pb n="31" />
        Die Fremdvölker als Hilfskräfte der Revolution. 19

Zwiespalt bezeichnende revolutionäre Haltung der Intelligenz konnte
aber dem Regime so lange nicht gefährlich werden, als es fähig
war, die soziale Entwicklung des gesamten Reiches ohne größere
Erschütterungen der äußern Ordnung zu bestimmen. Die Intelligenz
war ursprünglich eine Gruppe von Offizieren ohne Soldaten. Erst
die Unfähigkeit der bestehenden Monarchie, mit den politischen
und sozialen Fragen fertig zu werden, stellte die fehlende Verbindung
 der revolutionären Führer und Theoretiker mit den
Massen her, machte sie zu Männern, welche auch in der praktischen
 Politik zu zählen begzannen.

Die Fremdvölker als Hilfskräfte der Revolution.

Verbündete der revolutionären Kräfte mußten natürlich die
Fremdvölker werden, die unter dem herrschenden Regime litten.
Da sind als bezeichnendes Beispiel die Polen zu nennen. Bereits
Herzen war mit polnischen Nationalisten verbündet. Es ist charakteristisch,
 daß der heutige polnische Diktator, Pilsudski, in seiner
Jugend mit den russischen Revolutionären enge Beziehungen unterhielt.
 Ein großer Teil der polnischen Revolutionäre, auch der
Sozialisten, war vor allem national orientiert, kämpfte an erster
Stelle für die Eigenstaatlichkeit ihres Volkes. Immerhin haben
sich auch Polen der radikalen revolutionären Bewegung als Selbstzweck
 angeschlossen. Von den Bolschewisten sind Dscherschinski
und Menschinski, die Vorsitzenden der zur Unterdrückung der
Gegenrevolution bestimmten Terrorinstitutionen, Tscheka und GPU,
polnischer Herkunft. Die ukrainischen Intellektuellen wurden dadurch,
 daß die Ukrainer offiziell bis zum Jahre 1905 für das
herrschende Regime nicht existierten — Veröffentlichungen in
ukrainischer Sprache waren verboten —, zu zuverlässigen Verbündeten
 der revolutionären Elemente gemacht. Ein ukrainischer
Intellektueller mußte, wollte er Ukrainer bleiben, Revolutionär
werden. Auch die Georgier und Armenier dürfen nicht vergessen
werden, die in der Geschichte der russischen revolutionären Bewegung
 eine besondere Rolle spielen. Die Sozialdemokratie war
bei den Georgiern besonders erfolgreich. Sowohl bei den Bolschewisten
 wie bei den Menschewisten standen und stehen Georgier
an führender Stelle. Man braucht bei den Bolschewisten nur
Stalin-Dschugaschwili, den heutigen Vorsitzenden des Volkswirt-Schaftsrates
 Ordschonikidse und den Sekretär des Rätevollzugs-Ausschusses
 Enukidse zu nennen, bei den Menschewisten Tscheidse
und Zeretelli. Tscheidse war nach der Märzrevolution 1917 der
        <pb n="32" />
        20 1. Teil. Die geschichtlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen,

Vorsitzende des Vollzugsausschusses der Arbeiter- und Soldatenräte,
 Zeretelli der Sozialist, der am entschiedensten für die Koa-!ition
 mit dem Bürgertum eintrat.
Am lebhaftesten beteiligten sich von den Fremdvölkern an allen
revolutionären Bestrebungen die Juden. Sie waren noch mehr als
die russische Intelligenz von jeder sozialen und politischen Aktivität
abgesperrt. Durch die Sondergesetzgebung, unter der sie standen,
waren sie auf einen bestimmten Aufenthaltsraum beschränkt, sie
durften nur in bestimmten Gebieten des Westens ohne besondere
Erlaubnis wohnen. Außerdem war ihrem Bildungsdrange durch
das System des „Numerus Clausus‘“ für Juden an höheren Anstalten
 und Universitäten eine Grenze gesetzt, Die Revolution
wurde für sie, für ihre junge Generation, die sich nicht mit der
Rolle der Kaufleute, Handwerker und Händler begnügen wollte,
die also eine führende Rolle im öffentlichen Leben anstrebte, zu
einer Aktion nationaler Befreiung, ob sie es selber bei ihrem theoretischen
 Internationalismus wußte oder nicht. Bei der russischen
Intelligenz der Vorkriegszeit genossen die Juden eine ganz besondere
 Sympathie, weil sie als Symbol für die Ungerechtigkeiten
des herrschenden Regimes erschienen. Der offiziell begünstigte
Antisemitismus wurde von der radikalen Intelligenz als ein Ablenkungsmanöver
 der Regierung betrachtet, die auf die Unbildung
der kulturlosen Massen spekuliere.

Für die Verbindung des nationalen Beireiungsstrebens der Juden mit
der Revolution ist die Tatsache bezeichnend, daß schon sehr früh in
den jüdischen Ansiedlungsbezirken eine eigene jüdische sozialistische
Partei entstand, die ganz besonders streng national eingestellt war, mit
der gesamtrussischen Partei in Konflikt geriet, weil sie überall gesonderte
jüdische Sozialistengruppen bilden wollte. Diese Partei, die lange mehr
dem Menschewismus als dem Bolschewismus zuneigte, hat sich während
der Sowjetherrschaft mit der bolschewistischen vereinigt. Juden spielen
in allen revolutionären Gruppen und Parteien eine Rolle. Man kann
nicht sagen, daß sie nur bei den Bolschewisten wirken. Unter den
Sozialrevolutionären, die 1922 von den Bolschewisten verurteilt wurden,
befanden sich zahlreiche Juden; unter den Menschewisten, die im
März 1931 vor dem Revolutionstribunal standen, waren die meisten
Angeklagten jüdischer Herkunit. Sie sind ebenso in den Gruppen der
marxistischen wie der nichtmarxistischen Parteien zu finden: Martow-Zederbaum
 ist ein führender marxistischer Menschewist, Gotz gehört zu
den Gründern der antimarxistischen Sozialrevolutionären. Dora Kaplan,
die Sozialrevolutionärin, verwundet bei einem Attentat Lenin, Kannengießer
 erschießt den ersten Vorsitzenden der Petersburger Tscheka, den
iidischen Bolschewisten Uritzki. Von den Bolschewisten sind Trotzki.
        <pb n="33" />
        Die bürgerliche Gesellschaft, 21

Sinowjew, Kamenew, Litwinow, Swerdlow, um nur führende Namen zu
nennen, jüdischer Herkunft. Daß der Anteil des Judentums am öffentlichen
Leben nach der Revolution in einem außerordentlich starken Maße stieg,
erklärt sich durch die große Rolle, welche die jüdische Intelligenz iX der
revolutionären Bewegung spielte. Wenn auch durch den Stalin-Kurs in
der bolschewistischen Partei der jüdische Anteil an führenden Stellungen
zurückgedrängt worden ist, so ist er doch an mittleren Posten noch
sehr hoch ®,

Die bürgerliche Gesellschait.
Die Fremdvölker allein hätten nicht genügt, um die russische
revolutionäre Bewegung zu einer für das Zarenreich gefährlichen,
innerpolitischen Macht werden zu lassen. Dazu rechnete das
herrschende Regime zu sehr mit ihrer Abneigung als einer selbstverständlichen
 Tatsache. Es betrachtete ja seine Untertanen
keineswegs als gleichberechtigt. Mochte auch der Zar beim balfischen
 deutschen Adel seine treuesten Diener besitzen, so fühlte
er sich doch als russischer, genau gesagt, als großrussischer
Herrscher, Daher konnten nur revolutionäre Bewegungen, die bei
russischen Massen Anklang fanden, ihn in seiner politischen Existenz
 treffen, Es ist nicht zu verkennen, daß im Laufe des 19. Jahrhunderts
 die revolutionäre russische Intelligenz für ihre Wirksamkeit
 immer mehr Ansatzmöglichkeiten durch die sich vollziehenden
gesellschaftlichen Umwälzungen und Umlagerungen erhielt. Die
Revolution schien aus einer theoretischen Idee kleiner Intellektuellenzirkel
 zu einer politischen, sozialen Notwendigkeit sich zu
entwickeln. An erster Stelle ist als Ausdruck dieser Entwicklung
das Heranwachsen einer liberalen, bürgerlichen Gesellschaft zu
nennen, die mit der revolutionären Intelligenz Ssympathisierte. Sie
glaubte zwar sicher nicht ernsthaft an radikale, sozialistische
[deale, aber sie war mit der Rückständigkeit des Zarenregimes
unzufrieden; vor allem litt sie unter der schwerfälligen Bürokratie,
die das Geschäftsleben sehr erschwerte. Rußland durfte nicht
länger rückständig bleiben, es durfte nicht von einem Regime der
Kulturlosigkeit beherrscht werden — das waren ihre Grundforderungen.

Die soziale Grundlage dieser Gesellschaft war nicht mehr wie
[rüher in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der über seine
Lage nachdenkende und seine Privilegien wie Tolstoi als ungerecht
und unethisch empfindende Großgrundbesitzer aus dem Adel,
mochte auch dieser Adel in den liberalisierenden Kreisen der ländlichen
 Selbstverwaltung, der Semstwos, Nachfahren finden, — die
Soziale Grundlage bildete das Vordringen der modernen Industrie
        <pb n="34" />
        22 1. Teil. Die geschichtlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen.

in Rußland seit den achtziger Jahren®. Neben dem Vertreter und
Träger dieser kapitalistischen Entwicklung standen doktrinäre
Westler, Professoren, welche über die bestehenden asiatischen
Figenarten des Regimes entrüstet waren und sie radikal kritisierten.
Die von diesen Kreisen gebildete öffentliche Meinung wurde
durch das Echo, das die revolutionäre russische Bewegung im
Westen fand, in ihrem Selbstbewußtsein gestärkt und gehoben.
Sie war der Regierung gegenüber durchaus oppositionell eingestellt,
mochten auch ihre Träger im Unterschiede zu den mehr oder
minder außerhalb des bürgerlichen Lebens als Literaten, Studenten
 usw. stehenden revolutionären Intellektuellen feste bürgerliche
 Positionen einnehmen. Sie betrachtete sich als Ausdruck der
guten Gesellschaft, der sog. Obschestwo, die mehr oder minder
offen über die Rohheiten und Unfähigkeiten der Regierung sich
empörte, mit mehr oder minder größerem Vergnügen von der
Regierung verbotene, aber doch heimlich verbreitete Schriften
las, sich als das gebildete Rußland im Gegensatz zu dem Rußland
der Regierungskreise betrachtete. Hier entstanden die Proteste
gegen die trotz der von Alexander II. gegebenen Gerichtsverfassung
 angeblich bestehende Rechtsunsicherheit; hier wurde verlangt,
 einen dem heutigen Kulturstand entsprechenden, die individuellen
 Rechte garantierenden und respektierenden liberalbürgerlichen
 Rechtsstaat und eine Volksvertretung, ein nach englischem
 Muster gebildetes Parlament einzuführen. Hier konnten
die radikalen Attentäter auf menschliches Verständnis und milde
Nachsicht rechnen. Gewiß, ihre Taten waren nicht richtig, und es
war überhaupt nicht zu verkennen, daß die studierende Jugend
viel zu radikal eingestellt war. Aber waren das nicht Folgen des
asiatischen Regimes, das der freien Diskussion keinen Raum
geben wollte, das den jugendlichen Idealismus nicht in das nationale
 Leben einzuordnen verstand, sondern brutal unterdrückte und
daher vielleicht auf Irrwege zwang? Nicht der Mörder, der Ermordete
 ist schuldig, so kann man das Verhältnis der gebildeten
Gesellschaft zu den vor allem um die Wende des 19. Jahrhunderts
wieder auflebenden Attentaten auf hohe zaristische Beamte
ansehen. In den achtziger Jahren war die Mörderin des Petersburger
 Polizeipräsidenten, Vera Sassulitsch, von den Geschworenen
 freigesprochen worden. Die Attentate erschienen nur als
Folgen der verletzten menschlichen Würde; sie beantworteten die
Nichtachtung der menschlichen Persönlichkeit durch das herrschende
 Regime.
Heute kann man sich nur noch schwer ein rechtes Bild von den
        <pb n="35" />
        Die Bauern.

23

Sympathien der bürgerlichen Gesellschaft für die radikal-revolutionären
 Kreise machen. Sie äußerten sich sogar gelegentlich in
der Bezweiflung der eigenen sozialen Position. So gehörte zu den
Geldgebern der bolschewistischen Partei in ihren Anfängen-der
Großindustrielle Sawa Morosow, wie der bolschewistische Diplomat
Krassin in seinen Erinnerungen bezeugt’. Aber es darf darüber
nicht vergessen werden, daß man vielfach die revolutionären Losungen
 nicht allzu tragisch nahm. Es kam einfach darauf an, ein
der modernen Entwicklung sich entgegenstemmendes Regime durch
ein Regime der Freiheit abzulösen. Daß dabei das Entfaltungsbedürfnis
 des aufkommenden Kapitalismus eine große Bedeutung
hatte, darf auch nicht übersehen werden. Dieser aufkommende
Kapitalismus stand vielfach den feudalistisch-patriarchalischen
Ideen und den die moderne Wirtschaft oft verständnislos betrachtenden
 Trägern des absoluten Regimes so fern, daß er die revolutionären
 Bewegungen als eine Befreiung von lästigem äußerem
Druck sah, ohne an die positiven sozialistischen Ziele der revolutionären
 Bewegung zu denken.
Die Bauern,
Man kann nicht sagen, daß es dem herrschenden Regime sehr
auf die sog, bürgerliche Gesellschaft ankam, mochte es auch gelegentlich
 aus merkantilistischen Erwägungen durch Hochschutzzollpolitik,
 staatliche Subventionen usw. das Vordringen der Industrie
 in Rußland begünstigen. Im allgemeinen huldigte es einer
agrarischen Ideologie. Die Bauernmassen galten neben dem grundbesitzenden
 Adel als die treuesten Stützen des Thrones. Darum
war ja auch die Durchführung der Bauernbefreiung, die Aufhebung
der Leibeigenschaft so schwer geworden. Es galt einerseits, den
Grundbesitz möglichst zu schonen, anderseits den Bauern zuirieden
 zu stellen. So mußte der Bauer für seine Landzuweisung —
er erhielt etwa 34°/o des Bodens, hatte aber die Möglichkeit, seinen
Anteil durch Kauf bis zum Jahre 1905 um weitere 7% zu vermehren
 — eine erst nach Jahrzehnten (1905) gestrichene Entschädigung
 zahlen.
Die Bauernschaft nahm im Staate eine besondere Stellung ein®.
Sie war, so könnte man fast sagen, vom Staate gesondert organisiert.
 Der Staat suchte sich möglichst wenig in ihr Alltagsleben
einzumischen. Das Gerichtswesen befand sich weitgehend in
Händen der Dorfgemeinde. Die Gemeinde konnte ihr mißliebige
Mitglieder nicht nur bestrafen — Prügel waren eine zugelassene
Strafart —, sondern ausweisen, nach Sibirien verschicken. Über-
        <pb n="36" />
        24 1. Teil. Die geschichtlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen,

haupt war die Gemeinde für den einzelnen Bauern entscheidend
geblieben. Es gab kein Individualeigentum am Boden, das Gemeindeeigentum
 wurde stets neu verteilt. Infolgedessen wurden
traditionelle, veraltete Bebauungsmethoden angewandt. Das Land
wechselte ständig seinen Bebauer. Gerade dadurch, daß die
Bauernbefreiung mit Zuweisungen von Landanteilen verbunden war,
hatte sich bei den Bauern die schon früher verbreitete Vorstellung
gefestigt, daß ihnen eigentlich alles Land gehöre. Die periodisch
auftretenden Hungersnöte stärkten diese Vorstellung. Sie konnte
auch nicht dadurch beseitigt werden, daß immer mehr Land der
Grundbesitzer durch Kauf in Bauernhände überging. An dieser
Vorstellung konnten revolutionäre Empörungen ansetzen. Denn es
war für die Regierung nicht möglich, dem Bauern gegenüber die
Gutsbesitzer fallen zu lassen. Dafür ist charakteristisch, daß
das Projekt einer radikalen Agrarreform, das eine teilweise entschädigungslose
 Enteignung zu Gunsten des Bauerntums vorsah,
1906 zum sofortigen Sturze des Landwirtschaftsministers Kutler
führte, trotzdem damals noch der Druck der revolutionären Agrarunruhen
 stark war.
Die besondere Organisation der Bauernschaft löste sie vom
nationalen Leben ab und schützte sie vor den Gefahren einer
radikalen Agitation. Nur die unmittelbare Not konnte zur Empörung
 treiben, sonst herrschte eine durchaus passive Mentalität.
Die Regierung wurde als eine Gegebenheit betrachtet, die Kirche
gehörte zu den Organisationen, die das Leben ordneten und
weihten, mochte auch eine gewisse Abneigung gegen den infolge
seiner geringen Besoldung auf Abgaben der Bauern angewiesenen
niederen Klerus sich gelegentlich zeigen. Da die Not nach Ansicht
der Bauern durch die falsche Bodenverteilung veranlaßt wurde,
konnte bei ihnen noch der Glaube herrschen, daß der Zar die
Bauernbefreiung vollenden und eines Tages das gesamte Land
den Bauern überlassen werde. Die Bauernschaft mußte erst künstlich
 revolutioniert werden, nur mühsam konnte sie von dem Segen
der Zivilisation überzeugt werden. Das betrachtete die Intelligenz
als ihre Aufgabe, wie der Gang zum Volk, die berühmte Bewegung
während der siebziger Jahre, bewies. Da gingen Intellektuelle
als Dorfschreiber, Landlehrer, Heilgehilfen zu den Bauern, um sie
überhaupt kennen zu lernen und vor allem, um ihr Lebensniveau
zu heben. Ein Hauptvorwurf gegen das herrschende Regime war
ja die Behauptung, daß es nichts gegen die Unbildung und mangelnde
 Zivilisation der Bauernmassen tue, da es bewußt die Unwissenheit
 des Volkes als seine sicherste Grundlage betrachte.
        <pb n="37" />
        Die ‚Arbeiterschafit,

25

Die Semstwos, die Selbstverwaltungskörperschaften, auf die der
russische Liberalismus besonders stolz war, betrachteten es als
ihre wichtigste Aufgabe, die Zivilisation bei den Bauern zu heben,
Schulen, Krankenhäuser zu errichten usw.
Welche Bedeutung die Landwirtschaft in Rußland hatte, geht
aus der Tatsache hervor, daß von den 170 Millionen der russischen
Bevölkerung 1914 18,3% in den Städten und 81,7°% auf dem
Lande lebten. Es gab 1914 nur 3 Millionen Menschen, die in der
Industrie beschäftigt wurden. Die Bauern, die in die Stadt abwanderten,
 blieben bis zur Einführung des Scheinkonstitutionalismus
 Angehörige der Dorfgemeinde in rechtlicher Beziehung (PaßBausstellung,
 solidarische Haftung für den Steueranteil), während
sie, da sie nicht mehr zu einer Hofbesitzerfamilie zählten, bei der
Landverteilung nicht berücksichtigt wurden. Das führte oft zu
grotesken Verhältnissen; so berichtet z.B. Schapowalow in seinen
Erinnerungen, daß ein Arbeiter regelmäßig seinen Sohn wegen
angeblicher Gehorsamsverweigerung von der heimatlichen Dorfgemeinde
 durch Prügel bestrafen ließ ®. Wie Hoetzsch hervorhebt,
hatte also die Dorfgemeindeverfassung in keiner Weise die Bildung
 eines landlosen Proletariats verhindern können. Ferner ist
zu beachten, daß die Dorfgemeinde in keiner Weise die Differenzierung
 der Bauernschaft, die Herausbildung des die armen Bauern
drückenden Großbauern (Kulaks) zu hindern geeignet war. Die
Landanteile waren 1861 nach Höfen bemessen worden im Verhältnis
 zu der Familienzahl. Die Anteile der einzelnen Höfe konnten
vermehrt werden durch Benachteiligung von Familien ohne arbeitsfähige
 Erwachsene oder durch Verfahren gegen Höfe, die mit
ihren Zahlungsverpflichtungen gegen die Gemeinde (Steuer und
Loskaufgelder) im Rückstand waren. Der Anteil der Bauern am
Boden stieg immer stärker durch Kauf des Grundbesitzerlandes.
Auch das wirkte für die Differenzierung in der Dorfgemeinde und
als Begünstigung der reichen Bauern. Aber die trotz aller gesetzlichen
 Einschränkungen drohende Gefahr der Landverteilung durch
die Gemeinde hemmte die Anwendung neuer Bebauungsmethoden,
So daß der Getreideertrag der Bauernwirtschaften vor dem Kriege
geringer war als der vom Grundbesitzerboden, auf dem moderne
Methoden angewandt wurden!

Die Arbeiterschait.

Die russische Arbeiterschaft hing bis in die jüngste Zeit hinein
“Nger als die westeuropäische mit dem Dorfe zusammen. Sie konnte
darum, ebeuso wie die Bauernschaft, nur schwer für revolutionäre
        <pb n="38" />
        26 1. Teil. Die geschichtlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen.

Bewegungen gewonnen werden. Sie rekrutierte sich zumeist aus
überschüssigen Bauernsöhnen, die aber weiterhin infolge der besondern
 Dorforganisation wenigstens auf dem Papier Mitglieder
der Dorfgemeinde blieben. Oft waren sie Saisonarbeiter, die im
Falle der Arbeitslosigkeit in ihr Dorf zurückwanderten; nur infolge
besonderer Wirtschaftsnot hatten sie sich überhaupt zur Fabrikarbeit
 hergegeben. Erst allmählich entstand aus den Bedürfnissen
der seit den achtziger Jahren sich immer stärker entwickelnden
modernen Industrie heraus eine Arbeiterschicht, die man mit dem
westeuropäischen Proletariat vergleichen kann. Sie war in keiner
bestimmten sozialen Tradition verwurzelt, sei es auch nur durch
patriarchalische Vorstellungen. Ihren einzigen seelischen und physischen
 Besitz bildete ihre Arbeitskraft.
Eine gewisse Berührung mit der Bildung, die durch technische
Erfordernisse, bei Vorarbeitern und Meistern durch die Art ihrer
Tätigkeit notwendig geworden war, weckte soziale Unzufriedenheit,
 eine Entrüstung über die verächtliche Behandlung durch
die Bürokratie usw. Dazu kam noch, daß der russische Kapitalismus,
 wie jeder Kapitalismus in seinen Anfängen, unerhörten Raubbau
 an seinen Arbeitskräften trieb. Unbegrenzte Arbeitszeiten,
kärgliche Entlohnung, überstrenge Arbeitsdisziplin, die durch die
Hemmungslosigkeit der Massen notwendig war, aber zu untragbaren
 Lohnkürzungen führte, unmögliche Wohnungsverhältnisse
waren selbstverständlich. Hier waren Ansatzmöglichkeiten für die
feste Organisation ständig Unzufriedener gegeben. Aber erst
mußte diese Unzufriedenheit von dem Glauben an das traditionelle
politische Regime befreit werden, und das war sehr schwierig.
Genau so wie die Bauern vom Zaren Landverteilung erwarteten,
genau so glaubten die Arbeiter weitgehend bei ihm Schutz gegen
die Ausbeutung durch die Arbeitgeber zu finden. Nicht überall waren
die Arbeitgeber so vernünftig wie manche ihrer Moskauer Kollegen,
 von selber sozialpolitische Konzessionen zu machen. Daher
konnte sich auch noch nach dem Eindringen der sozialistischen
Propaganda in die Arbeiterschaft Ende der neunziger Jahre eine
von der Polizei organisierte und geförderte Arbeiterbewegung
bilden. Man pflegt sie nach dem Namen des sie mit besonderem
Erfolge fördernden Polizeiagenten als Subatowschina zu bezeichnen.
Erst der Blutsonntag des Januar 1905, an dem die ungeschickte
Regierung auf die zum Winterpalais mit Petitionen ziehenden
Petersburger Arbeiter feuern ließ, weil sie ihr naiv-patriarchalisches
 Vertrauen auf den Zaren als revolutionäre Erregung betrachtete,
 zerstörte in weiten Arbeiterkreisen endgültig den Glau-
        <pb n="39" />
        Aussichten des Umsturzes. 27

ben, daß das bestehende Regime ein Volksregime sei. Die Frinnetungen
 des bolschewistischen Arbeiters Schapowalow, der im Jahre
der Bauernbefreiung 1861 geboren wurde, sind ein beredtes Dokument
 dafür, wie schwierig es war, die Arbeiterschaft aus der
traditionellen Vorstellungswelt zu lösen. Der junge Schapowalow
Sucht seine geistigen Bedürfnisse zunächst in einer religiös-kirchlichen
 orthodoxen Vereinigung zu befriedigen. Erst das Unverständnis
 der kirchlichen Vertreter für die sozialen und politischen
Nöte, ihr allzu enges Verhältnis zur herrschenden Bürokratie,
treibt ihn in das Lager der Revolutionäre. Die Revolutionierung
der Arbeitermassen besorgte, wie die Erinnerungen Schapowalows
deutlich beweisen, die Intelligenz. Sie verstand es, in der Arbeiterschaft
 Fuß zu fassen und der Arbeiterbewegung einen Charakter
zu geben, der ihr organisierte Aktionen wie den Petersburger
Streik von 1896 ermöglichte und sich nicht in unmittelbar praktischen
 Forderungen erschöpifte, sie also aus einer rein sozialen
Bewegung zu einer politischen Angelegenheit machte ??.
Daß eine Revolution von der Arbeiterschaft allein in Rußland nicht
zetragen werden konnte, beweist schon ihre zahlenmäßige Schwäche.
1890 gab es in der Großindustrie 720 000 Arbeiter, 1900 1600 000, 1913
2500000, die 1914 auf etwa 3000 000 stiegen. Immerhin zeigen diese
Zahlen, daß Rußland &amp;amp;ch allmählich aus einem Agrarstaat in einen
[ndustrie-Agrarstaat verwandelte, wobei zu beachten ist, daß das Tempo
der Industrialisierung vor dem Kriege sehr rasch war. Nicht zu verzessen
 ist auch die Tatsache, daß in Rußland der Großbetrieb vorherrschte,
 1913 arbeiteten 38,9% aller Industriearbeiter in Betrieben mit
über 1000 Beschäftigten 13

Aussichten des Umsturzes.

Die Arbeiterbewegung allein, die neben den nationalen Beireiungsbewegungen
 der Fremdstämmigen den Revolutionären die
Massenbataillone lieferte, hätte nie einen Umsturz erreicht, wenn
nicht mit ihr gemeinsam sich das Befreiungsstreben der bürgerlichen
 Gesellschaft gegen das bestehende Regime gewandt hätte.
Dieses Befreiungsstreben schwächte in kritischen Zeiten sehr
stark die Aktionskraft der Monarchie. Aber auch die bürgerliche
Befreiungsbewegung bedeutet trotz aller von ihr ausgehenden,
psychologisch mehr oder minder wirksamen Auswirkungen in
keiner Weise allein eine entscheidende Bedrohung des Regimes.
Genau so wie die von der revolutionären Intelligenz — wenigstens
in ihren Anfängen — bestimmte sozialistische Arbeiterbewegung
konnte sie nur dann gefährlich werden, wenn das bestehende
        <pb n="40" />
        28 1. Teil. Die geschichtlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen.
Regime sich in kritischen Zeiten, d. h. in Zeiten einer äußern Bedrohung,
 nicht als stark genug erwies. Erst dann waren die
Voraussetzungen für das Offenwerden der Agrarkrise, für eine
allgemeine Erschütterung des Selbstbewußtseins der herrschenden
Bürokratie gegeben. Erst dann konnten die gegen die Regierung
gerichteten Schichten Möglichkeiten für eine Aktivität in breiten
Massen erlangen. Daher hätte die russische Monarchie das größte
Interesse daran haben müssen, den Frieden zu bewahren, da beteits
 der Krieg mit Japan eine schwere innerpolitische Krise ausgelöst
 hatte.
Aber ein Verzicht auf außenpolitische Ausdehnung widersprach
der ganzen Tradition des Regimes. Es war durch Eroberung stark
geworden. Daher glaubte es auf Eroberungen nicht verzichten zu
können. Die Unfähigkeit, das bereits Eroberte bis zur letzten
Möglichkeit für sich auszunützen, die rein äußere Herrschaft über
viele Gebiete des Reiches — man braucht nur an Polen zu erinnern
 — schien nur zu weiteren Eroberungen zu treiben. Man
kann vielleicht sagen, daß hier sich die gleiche Erscheinung wirksam
 zeigte wie beim Bauerntum, welches infolge seiner zurückgebliebenen
 Wirtschaftsweise von der Vorstellung getrieben und
beherrscht wurde, daß eine Erweiterung seines Landbesitzes eine
Befreiung von seinen Nöten bewirken könne. Auch Prestigemomente
spielten eine große Rolle. Man mußte der gebildeten Gesellschaft
bei der Unvollkommenheit der innern Verwaltung außenpolitische
Erfolge bieten. Es ist keine Frage, daß bereits im 19. Jahrhundert,
vor allem aber unter Nikolaus II, gewisse panslawistische Ausdehnungspläne
 gerade in der gebildeten Gesellschaft, in den Kreisen
der liberalen Opposition besondern Anklang fanden. Diese warfen
der Regierung, dem bestehenden System, vor, auch außenpolitisch
nicht den russischen Interessen zu entsprechen. Lehrte nicht die
Erfahrung des Krieges mit Japan, daB man das russische Volk
von der in ihm verbreiteten Unkultur befreien müsse, um es einem
modern ausgerüsteten Gegner voll gewachsen zu machen? Auch
während des Weltkrieges war es der Hauptvorwurf der bürgerlichoppositionellen
 Kreise gegen das Zarenregime, den Krieg wirtschaftlich
 und organisatorisch nicht genügend vorbereitet, die Rüstung
 des Landes auf den Krieg nicht genügend gefördert zu haben.
Es ist aber durchaus falsch anzunehmen, daß die russische
Monarchie während der letzten Epoche ihrer Existenz von Jahr
zu Jahr fortschreitend immer mehr bedroht war. Zwar arbeiteten
verschiedene soziale Gruppen gegen sie, aber es ist nicht zu
verkennen. daß die im 19. Jahrhundert gefährlichste, wenigstens
        <pb n="41" />
        Aussichten des Umsturzes 29

aktivste von ihnen, die mehr oder minder revolutionäre Intelligenz
an Bedeutung verlor, je stärker die moderne, bürgerlich-kapitalistische
 Gesellschaft in Rußland wurde. Im 20. Jahrhundert mehrten
sich die Klagen der revolutionären Kreise darüber, daß die OppOSitionell-kämpferische
 Gesinnung nicht mehr das ganze Leben bestimme,
 Der Student schien sie rasch aufzugeben, wenn er An-Walt,
 Arzt wurde, oder als Ingenieur das Vordringen der Industrie
förderte, Es begann sich eine bürgerliche Schicht zu bilden, die
im Unterschiede zu den altrussischen Bürgern, Kaufleuten, Händlern
 usw., den konservativsten Elementen des Landes, den geborenen
 Gegnern aller sozialen und politischen Reformen, westlich,
also der Zeit entsprechend liberal eingestellt war. Das herrschende
Regime hätte leicht diese Schicht zufriedenstellen können, vielfach
stellte sie bereits der Scheinkonstitutionalismus nach 1905 zufrieden.
 Aber die Bürokratie war nicht elastisch genug. Sie stand
diesen Schichten verständnislos, feindlich, fremd gegenüber, und
So blieben sie in der Opposition, mochte sich auch diese Opposition
nicht mehr radikal-revolutionär geben. Doch wäre dieses mit den
Volksmassen unverbundene Bürgertum der Regierung nie gefährlich
 geworden, wenn sie die äußere Ordnung aufrechtzuerhalten
verstanden hätte,
Das bewiesen die Erfahrungen der Jahre 1905/06, der Generalprobe
 für den bolschewistischen Sieg von 1917. Da es der Rezierung
 gelang, trotz aller Streikwellen und lokaler Aufstände
ihren militärischen Machtapparat fest in der Hand zu behalten,
merkte man bald nichts mehr von der vorher so radikalen Be-Ireiungsbewegung
 des Bürgertums, Sie gab sich mit dem Scheinkonstitutionalismus
 zufrieden, der zudem noch durch einseitige
Regierungsakte immer mehr eingeschränkt wurde *, Die bürgerliche
Opposition allein konnte also keinesfalls zum Sturze des bestehenden
 Regimes, nicht einmal zu seiner grundsätzlichen Neuorientierung
 führen. Sie konnte dem Regime nur dann gefährlich
werden, wenn sie sich mit einer äußern Erschütterung des Machtapparates
 der Regierung verband. Dann allerdings konnten die
durch die starke Autorität der traditionell geweihten Monarchie
hiedergehaltenen sozialen und politisch revolutionären Kräfte ihre
°Xplosive Wirkung ausüben. Dann brach die Wunde der Agrarfrage
 auf und drohte zur Gefahr für den ganzen sozialen Organis-Mus
 zu werden. Dann meldete sich die entscheidende Frage nach
der neuen Elite, die nach dem Sturze der Monarchie und der ihr
raditionel! verbundenen Führerschichten das Reich zu beherrschen
Äätte.
        <pb n="42" />
        30 1. Teil. Die geschichtlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen.

Die bürgerliche Befreiungsbewegung hat nicht daran gezweifelt,
daß sie diese führende Schicht stellen würde. Bereits 1905, als die
revolutionären Unruhen, Streiks usw. einen Höhepunkt erreicht
hatten, wäre es beinahe zu einem Kabinett unter Beteiligung linksliberaler
 Elemente gekommen. Bereits 1905/06 zeigte es sich aber,
daß in der gegen das herrschende Regime gerichteten Bewegung
drei scharf zu unterscheidende gesellschaftliche Gruppen Anteil
hatten. Das Bürgertum war nur eine von ihnen und konnte auf
die Dauer keineswegs mit den beiden augenblicklichen Kampfgenossen,
 der von Sozialisten geführten Arbeiterschaft und den
landhungrigen Bauernmassen, zusammengehen., Immerhin war es
damals noch zu früh, um die Arbeiterbewegung in ihrer ganzen
Eigenart als Grundlage eines Staates der proletarischen Diktatur
zu erkennen und die ganze Bedeutung der damals als rein anarchistische
 Angelegenheit erscheinenden Bauernbewegung zu erfassen.

Stolypins Agrarreform und die Krise des Regimes.

Die soziale Gefahr der Agrarunruhen, des gegen die Errungenschaften
 der Zivilisation gerichteten „Anmarsches des Pöbels“
war schon 1905/06 klar genug zu sehen. Allerdings trat auch
diese Tatsache in den Hintergrund gegenüber der erfolgreichen
Machtbehauptung der Monarchie. Die Agraranarchie und die
proletarische Revolution hatten sich gleichsam nur für einen
Augenblick gezeigt, trotz aller Generalstreiks, Straßenkämpfe und
Bauernrevolten. Das hatte immerhin genügt, um dem herrschenden
Regime die Unsicherheit seiner gesellschaftlichen Grundlagen zu
beweisen, und so ging es daran, sie zu stärken. Durchaus klar
erfaßte der neben Witte bedeutendste Minister Nikolaus’ IL, Stolypin,
 die Lage. Er erkannte die entscheidende Bedeutung der
Agrarfrage. Er begnügte sich nicht mit der rücksichtslosen Niederschlagung
 der sozialen Revolution durch Ausnahmezustand und
Kriegsgericht, mit der Abwürgung der politisch-liberalen Opposition
 durch Einschränkung der schon so kargen Freiheiten des
Scheinkonstitutionalismus, er wollte versuchen, die Mentalität des
russischen Bauern zu ändern.
Er erkannte, daß seine Passivität und seine stete Unzufriedenheit
 mit der Landverteilung durch den sog. Dorfkommunismus, die
Dorfgemeinde, bedingt sei. Daher wollte er die Dorfgemeinde
auflösen und veranlaßte eine Gesetzgebung, die den Austritt aus
der Dorfgemeinde und die Bildung der Individualwirtschaft für die
Bauern sehr erleichterte. Trotz aller Proteste von Kreisen, welche
        <pb n="43" />
        Stolypins Agrarreform und die Krise des Regimes, 31

die Dorfgemeinde als eine unauflösliche soziale Gegebenheit betrachteten,
 weil sie sie als Erbe, Ausdruck der besondern russischen
Tradition schätzten oder wie die Sozialrevolutionäre als Ansatz
zum Agrarkommunismus betrachteten, kam dieses Gesetz zur erfolgreichen,
 praktischen Anwendung.
Nicht weniger als 2000000 Bauernbetriebe hatten bis 1917 ihre Landanteile
 in privaten Besitz überführt, weitere 2 000 000 Betriebe waren endgültig
 aus der Dorfgemeinde ausgeschieden. Die Gesetzgebung wirkte
Sich auch günstig für den Kauf des Gutsbesitzerlandes durch die Bauern
aus, Bis zum Jahre 1913 waren nNicht weniger als 7°/ des Bodens, der
sich 1905 im Besitze der Grundherren befand, in Bauernhände durch
Kauf übergegangen. Immerhin hatte sich aber auch die Gesetzgebung als
Förderin einer Bauernproletarisierung erwiesen, nicht weniger als 1200 000
Höfe hatten von 1908 bis 1915 ihren Boden verkauft. Wie Jugow, dessen
Werk „Die Volkswirtschaft der Sowjetunion“ (Dresden 1929) die vorliegenden
 Zahlen entnommen sind, betont, füllten nunmehr diese Bauern
öhne Boden die Reihen des städtischen Proletariats oder verdingten
Sich als Knechte auf den Gütern. Der die Stolypinsche Agrarreform
feiernde russische Emigrant Iljin gibt folgende Zahlen nach den letzten
Statistiken als ihr Ergebnis an: 1916 hatten sich nicht weniger als
6174 300 Bauernhöfe, also 47°/a ihrer Gesamtzahl, zum Austritt aus der
Dorfgemeinde gemeldet. Im Laufe von neun Jahren wurden 35° des
Anteilbodens aus dem Banne der Dorfgemeinde befreit. Im Jahre 1916
besaß, um IHliins Formel zu gebrauchen, der werktätige Kleinbesitz 78,74° /o
der ganzen Ackerbaufläche des Privatbesitzes und der kapitalistische
Grundbesitz die übrigen 21,26°/. Nur 3° des im Privatbesitz befindlichen
Ackerbodens machte der Besitz der öffentlichen Hand (Staat, Apanagen,
Klöster usw.) im europäischen Rußland aus, Von den 155000000 Desjatinen
 Kleinbesitz gehörten im Jahre 1916 über 70.000 000 den Bauern bereits
als Privateigentum. Im Jahre 1861 hatte der Anteilboden 119000000 betragen,
 im Jahre 1916, wie schon erwähnt, etwa 155 000 000. Wenn Ihin
diese Entwicklung zum Kleinbesitz einfach als eine Kapitalisierung der
Landwirtschaft bezeichnet, so vergißt er allerdings dabei, die Proletarisierung
 weiter Bauernmassen hervorzuheben 15

Die alte Dorfgemeinde war also in voller Auflösung begriffen,
als im Jahre 1917 die Monarchie stürzte. Man ist heute in antibolschewistischen
 Emigrantenkreisen geneigt, aus dieser Tatsache
den Schluß zu ziehen, daß die revolutionäre Bewegung in absehbarer
Zeit durch die Dorfgemeindeauflösung und ihre Folgen — Hebung
des bäuerlichen Selbstbewußtseins und Entstehen eines Eigentumsgefühls
 — ihre soziale Grundlage verloren hätte. Demgegenüber
darf aber doch nicht vergessen werden, daß mit der Auflösung der
Dorfgemeinde die gesamte, die Revolution begünstigende soziale
und politische Struktur des alten Regimes nicht geändert war.
        <pb n="44" />
        32 1. Teil. Die geschichtlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen,

Denn die Auflösung der Dorfgemeinde bedeutete keinen Bruch mit
dem schwerfälligen bürokratischen Apparat, der unfähig war, mit
den modernen Wirtschafts- und Organisationsproblemen fertig zu
werden, wie es sich im Weltkrieg zeigte, in den Rußland weder
militärisch noch wirtschaftlich genügend gerüstet hineinging. Sie
bedeutete auch nicht eine dauernde Lösung der mit der Industrialisierung
 verbundenen Probleme. Wenn sie in den Jahren nach
1905/06, den Jahren einer russischen Hochkoniunktur, auch sichtbar
 zurücktraten, so wären sie doch bei einer Wirtschaftskrise
sofort mit größter Schärfe aufgetaucht. Darauf deutete der sich
verschärfende Gegensatz der Arbeiterschaft zum patriarchalischen
System hin, das als Begünstigung der Arbeitgeber wirkte. Es stand
Erscheinungen wie Streiks im Grunde genommen hilflos gegenüber.
Das zeigte sich nicht nur am berühmten blutigen Januarsonntag
von 1905. Das bewiesen auch die agitatorisch für die Radikalen
so wirksamen Erschießungen der streikenden Arbeiter in den
Lena-Goldfeldern. Auch die Unzufriedenheit der modernen bürgerlichen
 Gesellschaft mit dem bestehenden Regime, das die
nationalen Ansprüche nicht zu erfüllen vermochte, wäre wohl mit
der steigenden Industrialisierung gewachsen. Was wäre dann aus
den durch das Anwachsen des Großbauerntums landlos werdenden
proletarisierten Bauern auf die Dauer geworden? Sie hätten bestimmt,
 wie das ihre Rolle 1917/18 beweist, jür jede revolutionäre
Bewegung sehr wichtige Hilfskräfte geliefert. Endlich hätte die
Entstehung eines selbstbewußten großrussischen Bauerntyps auf
die Dauer zu aktiven Oppositionsströmungen geführt, welche die
bisherige Behandlung des Bauern als eines Objektes der Verwaltung
 nicht geduldet hätten. Wenn die Meinung der heutigen Anhänger
 Stolypins richtig ist, daß sich der russische Bauer durch
die Dorfgemeindeauflösung allmählich in eine Art Fermier verwandelt
 hätte, so darf doch nicht vergessen werden, daß der
Fermier in die bestehende politisch-soziale Welt der russischen
Monarchie gar nicht hineingepaßt hätte.
Aber nicht die wirtschaftliche Krise und die durch die Auflösung
 der Dorfgemeinde hervorgerufene soziale Entwicklung
brachten die für das herrschende Regime tödliche Gefahr. Bereits
der Verlust des Krieges gegen Japan und die damit verbundene
Abnahme des Anselıens der Regierung hatte die liberal-sozialistischen
 Bewegungen zur sichtbaren Aktivität getrieben. Dieser
Krieg war verhältnismäßig unbedeutend gewesen und hatte nicht
das gesamte Leben Rußlands bis in seine letzten Grundlagen erschüttert.
 Aber trotzdem machte er die schon vor ihm sich zei-
        <pb n="45" />
        Geschichte und Wirksamkeit der oppositionellen Bewegungen. 33

gende Gesellschaftskrisis in aller Schärfe fühlbar, Er hatte als
Begleitung und Folge Bewegungen, welche die Verwaltung zeitweise
 fast völlig stillegten, zu anarchisch-revolutionären Explosionen
 führten, zu Generalstreiks, zum Aufstand in der Schwarzen-Meer-Flotte
 (darunter auf dem Schiffe „Fürst Potemkin“), zu
Barrikadenkämpfen in Moskau. Seiner Bedeutung entsprechend
hatte der Weltkrieg viel gewaltigere Folgen als der Krieg mit
Japan, Er führte zum Sturze der Monarchie, die 1905/06 sich noch
hatte halten können.

Geschichte und Wirksamkeit der oppositionellen
Bewegungen.

Ein Überblick über die wichtigsten Ereignisse und Bewegungen,
welche den Sturz der Monarchie vorbereiteten, soll die Beschreibung
 der gesellschaftlichen Kräfte des alten Rußland verdeutlichen.
Die wichtigsten innerpolitischen Ereignisse der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts waren die Bauernbefreiung Alexanders II. (1861)
und die darauf folgende Epoche der Reformen, die Rußlands
Verwaltung und Justiz an Westeuropa angleichen sollten. Aber
diese Reformen blieben stecken, sie wurden nicht zu Ende geführt,
sie vermochten nicht die revolutionäre Intelligenz zu befriedigen
und zur Mäßigung zu bringen, im Gegenteil, in der Regierungszeit
Alexanders Il. trat der Terrorismus zuerst auf. Aber dieser
Terrorismus hatte keine Verbindung mit den Massen, daher vermochte
 er nicht, trotz des gelungenen Attentats. auf den Zaren im
Jahre 1881, zum Sturze des Regimes zu führen. Die Ermordung
Alexanders II. bewirkte nur, daß die nach vielen Schwankungen
geplante Schaffung einer Art russischen Parlamentes nicht zur
Durchführung kam, die Beteiligung der Gesellschaft an der Rezierung
 blieb nur ein Plan.
Das Regime Alexanders III. unterdrückte den Terrorismus und
kehrte zu einem strengen Absolutismus zurück, Die revolutionäre
Intelligenz arbeitete jetzt vor allem in Studienzirkeln. Im Ausland
bildete sich 1883 die erste größere Marxistengruppe aus ehemaligen
 Anhängern des Terrorismus, die in ihrer bisherigen revolutionären
 Propaganda eine feste Doktrin vermißt hatte, Gleichzeitig
setzte die Industrialisierung ein. Sie wurde von den marxistischen
Theoretikern als notwendige Vorbedingung der kommenden sozialistischen,
 vom Proletariat zu bestimmenden Revolution begrüßt.
Rußland mußte also erst für die Revolution reif werden — damit
War eine deutliche Absage an den utopischen Terrorismus und

urian, Der Bolschewismus.

el
        <pb n="46" />
        34 1. Teil, Die geschichtlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen,

Agrarsozialismus gegeben. Diese hatten an eine besondere Veranlagung
 des russischen Bauern für den Sozialismus infolge der
Dorfgemeindeverfassung geglaubt!
In den neunziger Jahren setzte die Fühlungnahme dieser marxistischen
 Zirkel, zu denen auch der junge Lenin gehörte, mit der
Arbeiterschaft ein. Streikbewegungen wurden durch die unerträglichen
 Lebensbedingungen der Arbeiter hervorgerufen. In diesem
Kampf um Verbesserung des Alltags hatte die sozialistische Propaganda
 ihre Basis, Sie wurde von der Gefahr bedroht, in diesem
Kampfe um das Alltagsleben aufzugehen. Der junge, streng
marxistisch eingestellte Lenin muß bereits in den neunziger Jahren
sowohl gegen eine Benutzung des Marxismus zur Forderung, in
Rußland einen bürgerlich-westlichen Kapitalismus zu schaffen
(Struwe), wie gegen den sog. Ökonomismus kämpfen, der die
Arbeiterbewegung entpolitisieren, auf den Kampf für Verbesserung
 der Lebenshaltung, für Krankenkassen usw. beschränken will.
1897 kommt es zur Gründung der marxistischen sozialdemokratischen
 Partei, die sich von den Erben der Terroristen und Agrarsozialisten
 der Zeit Alexanders II, den Narodniki, die sich als
Sozialrevolutionäre bezeichnen, durch Beijahung der Industrialisierung
 Rußlands und Ablehnung einer romantischen Verherrlichung
der Dorfgemeinde unterscheidet *, Neben diesen beiden revolutionären
 Gruppen bilden sich bürgerliche Oppositionsbewegungen,
die für Rußland ein zeitgemäßes Regime fordern, zu deren Führer
zeitweise der sich vom Sozialismus lösende Struwe in seinem
Organe „Befreiung“ wird und die sich vor allem auf freie Berufe,
Industrielle und Kreise der Semstwos stützt. Aus ihr entstehen
nach der Möglichkeit legaler Parteibildung die konstitutionellen
Demokraten, die Kadetten, deren Führer Miliukow ist. ;
1905 kommt es zu dem blutigen Januarsonntag und zu einer
Erschütterung des Glaubens weiter Arbeitermassen an das patriarchalische
 Zarenregime. Der Erfolg der revolutionären Bewegungen,
die auch vom Bürgertum zunächst unterstützt werden, ist die
Gewährung einer Volksvertretung (Duma) und für den modernen
bürgerlichen Rechtsstaat charakteristischer Grundrechte (religiöse
Toleranz zum Schutz von Verwaltungsübergriffen, Presse- und
Vereinsfreiheit) durch das Oktobermanifest des Zaren. Die soziale
Revolution kommt nicht über blutige Agrarunruhen und lokale Aufstände,
 von denen der Dezemberaufstand von Moskau am bedeutsamsten
 ist, hinaus. Auch der Petersburger Arbeiterrat, der sich
aus sozialistischen Betriebsvertretungen gebildet hatte, kann sich
nicht zu einem politischen Organe entwickeln.
        <pb n="47" />
        Geschichte und Wirksamkeit der oppositionellen Bewegungen. 35

Nach Herstellung der Öffentlichen Ordnung, nach Abschluß des
Krieges mit Japan und Gewährung einer großen Auslandsanleihe
1906 werden die durch das Oktobermanifest gegebenen Freiheiten
eingeschränkt, das Dumawahlrecht mehrfach durch Regierungserlasse
 geändert usw. Von den linksliberalen Kadetten sondern
Sich die Oktobristen ab, die nach einem Ausgleich mit dem bestehenden
 Regime olıne einschneidende politische Reformen streben.
1906/12 ist die Zeit der Dorfgemeindeauflösung, des wirtschaftlichen
 Aufschwunges, der steigenden Industrialisierung und einer
energischen, antirevolutionären, stark großrussischen, nationalistischen
 Innenpolitik unter Stolypin. Es ist für die Verwaltung
symbolisch, daß dieser erfolgreiche Ministerpräsident als Folge
dunkler Polizeiintrigen den Schüssen eines der Geheimpolizei
dienenden angeblichen Revolutionärs zum Opfer fällt.
Die revolutionäre Bewegung macht in diesem Jahre eine sie in
ihrer ganzen Existenz bedrohende Krise durch. Die sozialistische,
marxistische Partei, die sich bereits 1903 in die Richtung der
Menschewisten und Bolschewisten gespalten hatte, wird nicht nur
von innern Streitigkeiten gelähmt. Lenin muß gegen Versuche
kämpfen, sie zu legalisieren, d. h. als revolutionäre Organisation
aufzulösen, in eine Organisation zu verwandeln, die auf dem Boden
des bestehenden Regimes für die Interessen der Arbeiterschaft
kämpft. Sein Kampf gegen den Ökonomismus wird durch den
Kampf gegen das Liquidatorentum abgelöst ®, Die Sozialrevolutionäre
 leiden unter dem Fehlen bedeutender Führer, Charakteristisch
für ihre steigende innere Unsicherheit ist die Tatsache, daß Sawinkow,
 ein Führer ihrer terroristischen Gruppen, der erfolgreiche
Attentate ausgeführt hat, öffentlich die Frage nach dem Rechte
des Terrors erörtert. Sie leiden ebenso wie die Sozialisten unter
dem Spitzelwesen. Atsew, der Kampfgnosse Sawinkows, erweist
Sich ebenso als Spitzel wie Malinowski, ein Mitglied des bolschewistischen
 Zentralkomitees und der Führer der sozialistischen
Duma-Fraktion von 1912/13*. Immerhin beginnen die mit dem
schnellen Tempo der Industrialisierung verbundenen Schwierigkeiten
 sich bemerkbar zu machen. Die Unzufriedenheit der Arbeiter
treibt sie in Großstadtzentren, insbesondere in Petersburg, zu den
Sozialisten; als der Krieg 1914 ausbricht, unterbricht er eine große
Streikbewegung.
Der Krieg enthüllt die Unfähigkeit der Verwaltung in kras-Sester
 Weise ?, Die russische Industrie muß sich selber an die
Spitze des Transportwesens und der Munitionsversorgung stellen,
der Gegensatz zwischen der Duma und der Bürokratie verschärft
2.
        <pb n="48" />
        36 1. Teil. Die geschichtlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen.

sich, da die Bürokratie vielfach dem von der Industrie und dem
russischen Bürgertum als Angelegenheit der Nation betrachteten
Krieg skeptisch gegenüberzustehen scheint. Wie vor 1905 beginnt
sich eine Opposition gegen das bestehende Regime in bürgerlichen
Kreisen breitzumachen, bis weit in die Rechte hinein schließen sich
die bürgerlichen Duma-Fraktionen zu einem progressiven Block
zusammen, der mit der Regierung in ständigem Koniflikt liegt. Der
Name Rasputin wird für die herrschenden Mißstände symbolisch,
zum Ausdrucke des bestehenden, unverantwortlichen Regimes.
Krisen des Transportwesens und Unfähigkeit der Verwaltung
führen zu Ernährungsschwierigkeiten. Sie fallen mit einem Konflikt
 zwischen dem durch schwache Minister vertretenen Zaren
und der Duma zusammen, Dabei zeigt sich, daß der Zar und seine
Regierung ihren militärischen Machtapparat nicht mehr in der
Hand haben. Die Petersburger Garnison versagt Anfang März
1917 im Kampfe gegen Straßenunruhen, die aus Ernährungsschwierigkeiten
 entstanden sind. Sie läuft zu den Aufständischen
über. Das Heer ist an der Front festgelegt, die Generäle setzen
sich nicht für den Zaren ein, die Macht fällt an die in der Duma-Opposition
 vertretenen bürgerlichen Kreise. Es entsteht die provisorische
 Regierung, in der Vertreter der Semstwos (Lwow) und
des Liberalismus (Miliukow, Gutschkow) den entscheidenden Ein-Auß
 wenigstens zunächst zu haben scheinen 2,
        <pb n="49" />
        ZWEITER TEIL.

Eroberung und Ausbau der politischen Macht in
Rußland durch die bolschewistische Partei.

Die Schwäche der provisorischen Regierung.

Nur kurze Zeit hat sich in Rußland das System der provisorischen
 Regierung behaupten können, das sich auf die Ideen westeuropäischer,
 radikal-parlamentarischer Demokratie berief. Es
gelang nicht, Rußland in die „freieste Demokratie“ der Welt zu
verwandeln. Die nach dem Sturze des alten Regimes, nach der
erzwungenen Abdankung Nikolaus’ IL zur Macht gekommenen
Politikerkreise konnten trotz aller Regierungsumbildungen sich
hur wenige Monate an der Macht behaupten. Im Februar kamen
sie zur Herrschaft, im Oktober (nach westeuropäischer Datierung
im März und November) wurden sie bereits aus der Regierung
vertrieben, nachdem schon die letzten Monate ihrer Herrschaft
sie eigentlich jeder tatsächlichen Gewalt beraubt, zu rein nominellen
 Machthabern verwandelt hatten. Die Darstellung der Gründe,
die diesen vollständigen Zusammenbruch der provisorischen, demokratisch
 eingestellten Regierung veranlaßten trotz der einige Zeit
unstreitig großen Popularität ihres Führers Kerenski und trotz des
Jubels, mit dem ihr Beginn begrüßt wurde, gibt lehrreiche Einblicke
 in die unmittelbaren Voraussetzungen des bolschewistischen
Regimes und liefert zugleich die Erklärung für den Erfolg der von
den Bolschewisten angewandten Politischen Methoden !.
Die Schwäche der provisorischen Regierung bestand darin, daß
sie eigentlich nur durch den äußern Zusammenbruch des alten
Regimes möglich geworden war. Sie war entstanden aus dem
Zusammentreffen der Ermüdung des Volkes durch den allzu lang
währenden Krieg mit der Entrüstung der bürgerlichen Gesellschaftskreise
 über die Unfähigkeit des Zaren und seiner Regierung, den
Krieg zu führen, die innere Front zu organisieren, Die Träger des
heuen Regimes in seinem ersten Stadium, die Männer der Duma-Parteien,
 des sog. progressiven Blocks, merkten zuerst gar nicht,
daß sie in einer ganz andern Welt lebten als die Volksmassen. Sie
glaubten sich mit einer politischen Revolution begnügen zu können.
Manche von ihnen waren sogar der Ansicht (vor allem der Mann,
der sich in der Kriegszeit zum Sprecher der Duma-Opposition
entwickelt hatte, Miliukow), daß die Abdankung Nikolaus’ IL nicht
        <pb n="50" />
        38 2. Teil. Eroberung und Ausbau der politischen Macht.

das Ende der Monarchie zu bedeuten brauche. Sie meinten, daß
der Bruder Nikolaus’ II, der Großfürst Michael, ohne größere
Schwierigkeiten der erste Kaiser oder Regent einer parlamentarischkonstitutionellen
 Monarchie werden könne. Diese Erwartung, den
einmal begonnenen Umsturz rasch an einem bestimmten Punkte
zum Stehen bringen zu können, ist für die Grundhaltung der
bürgerlichen Schichten ungemein bezeichnend, die dem neuen Regime
 zunächst zuiubelten. Man war der Ansicht, eine soziale
Revolution vermeiden zu können. Aus dieser Einstellung heraus
setzte man sich auch für die Fortsetzung des Krieges ein. War
Rußland nicht jetzt zum wahren und aufrichtigen Verbündeten der
für die Demokratie kämpfenden Westmächte geworden, während
der Zar den Krieg nur mit halbem Herzen geführt hatte, stets der
Versuchung zu erliegen drohte, einen Separatfrieden mit den
Zentralmächten zu schließen, die mit einem monarchistischen
Absolutismus sympathisierten?
Selbst in den Kreisen, die sich als Sozialisten bezeichneten und
als Vertreter der Arbeiter- und Bauernmassen ansahen, merkte
man nicht, daß es unmöglich war, die einmal begonnene Revolution
 zum Stehen zu bringen. Es ist durchaus falsch, zu glauben,
daß der aus Führern der sog. Arbeiterparteien, aus angeblichen
Betriebs- und Soldatenvertretern, die sich eigenmächtig ernannt
hatten, zusammengesetzte erste Arbeiter- und Soldatenrat in
Petersburg sich prinzipiell von den bürgerlichen Politikern der
Duma-Opposition unterschieden hätte. Gewiß, es gab in ihm
mehr oder minder mit pazifistischer Terminologie und radikalen
sozialen Plänen spielende Strömungen, aber im Grunde genommen
bildete er ursprünglich nur eine Konkurrenzgruppe gegen die
bürgerlichen Politiker, welche die Macht für sich allein in Anspruch
 nahmen. In ihm herrschten sozialistische Politiker, die
Anteil an der Macht haben wollten und dafür sich auf den Willen
der auf die Straße gegangenen Massen beriefen. Den Krieg wollte
die Mehrheit der Sowiets, die nach dem Vorbild Petersburgs sich
bald über Rußland verbreiteten, ebenso fortführen wie die Männer
der bürgerlichen Opposition, aus denen die provisorische Regierung
 gebildet worden war, mochten sie sich auch gegen Annexionen
 wenden, sich gegen imperialistische Absichten auflehnen,
die Bedeutung des Krieges als des Kampfes um neue demokratische
Methoden in der Politik betonen. Die Wirkung der Sowijets beschränkte
 sich darauf, der provisorischen Regierung Schwierigkeiten
 zu bereiten, — sie konnten ja für sich den Anspruch erheben.
 unmittelbar durch den revolutionären Volkswillen legitimiert
        <pb n="51" />
        Die Schwäche der provisorischen Regierung. 39

zu sein, der Arbeiterschaft, den Soldatenmassen zu entsprechen,
während die provisorische Regierung sich als eine Art Parteiführerausschuß
 gebildet hatte, Sie hatte für ihre Begründung keine
sichere Grundlage. Denn sie war ja eine provisorische Regierung,
die Rußland nur so lange regieren sollte, als der Krieg die Vornahme
 allgemeiner Wahlen, die Einberufung der Nationalversammlung
 unmöglich machte.

Das Verkennen der Massen.

Die Sowjets, insbesondere der in ihrem Namen auftretende allrussische
 Vollzugsausschuß, durchschauten zunächst nicht, daß sie
gar nicht aus eigener Kraft heraus der provisorischen Regierung
überlegen waren, sondern nur darum, weil sie mehr dem Bedürfnisse
 nach einer radikalen Änderung aller Verhältnisse zu entsprechen
 schienen. Der Vollzugsausschuß begnügt sich damit, die
Regierung immer mehr von sich abhängig zu machen. Für diese
Entwicklung ist es bezeichnend, daß sein Vertrauensmann Kerenski
bald einen maßgebenden Einfluß erlangte, um nach kurzer Zeit
Kriegsminister und Regierungschef zu werden. Aber von einer
eigenen, selbständigen Politik der Sowiets konnte keine Rede sein.
Auch der Vollzugsausschuß war im Grunde genommen nur ein
Diskutierklub, der nicht zu handeln wagte, der nicht den Mut
fand zu entscheidenden politischen Wendungen trotz aller radikalen
 Reden und Resolutionen.
So gut es auch den Sowjets gelang, die Autorität der provisorischen
 Regierung von Anfang an zu erschüttern, so wenig unterschieden
 sich ihre ersten Führer in ihren Grundanschauungen
trotz aller Parteigegensätze von ihren bürgerlichen Konkurrenten
im Machtkampf. Beide waren durchaus westlich orientiert. Die
Liberalen der ersten provisorischen Regierung hatten nur Angst
vor den sozialen und pazifistischen Utopien der Sowietsozialisten.
Sie wollten den Krieg offen fortführen, sie liebten nicht die Losung
des Friedens ohne Annexionen, sie dachten nicht daran, auf die
Eroberung Konstantinopels zu verzichten, sie forderten Disziplin
und Schutz des Eigentums mit allen Mitteln, während die Sowietleute
 da radikaler, demokratischer waren oder wenigstens in
Proklamationen sich ausdrückten.. Aber trotz aller Unterschiede
in den Schlagworten wollten sowohl die Männer der provisorischen
Regierung wie der Sowjets, Rußland nach westlichen Vorbildern
Politisch aufbauen. Es ging bei den Streitigkeiten nur um Grad-Unterschiede
 der westlichen Orientierung; die einen waren mehr
        <pb n="52" />
        10 2. Teil. Eroberung und Ausbau der politischen Macht.

liberal-bürgerlich, die andern mehr demokratisch-sozialistisch eingestellt
 ?.
Aber was bedeuteten diese Unterschiede in der westlichen Orientierung
 gegenüber den durch die politische Wandlung aufgepeitschten,
 alles bedrohenden Fluten der sozialen Revolution? Die Agrarkrise
 wurde durch den Sturz der bisherigen politischen Ordnung
zu einer explosiven Gewalt. Das beweist deutlich die Statistik über
die seit der Revolution steigende Zahl der Land- und Waldenteignungen
 durch die Bauern. Im März beträgt sie 17, um im
April auf 204, im Mai auf 259, im Juni auf 577, im Juli auf 1122
zu steigen *. Der Landhunger meldete sich als elementarer Masseninstinkt;
 was besagten ihm gegenüber noch so radikale Projekte,
die nicht sofortige Landverteilung bedeuteten? Der Wille des
Heeres, demobilisiert zu werden, nicht mehr Krieg zu führen,
meldete sich ebenso aufdringlich, er konnte sich ja auf den Sturz
des bisherigen kriegführenden Regimes berufen. Wenn die Petersburger
 Regimenter, die der Regierung des Zaren den Gehorsam
verweigert hatten, gefeiert wurden, so wollte jeder Soldat als
Revolutionsheld mindestens in seiner Garnison, am liebsten natürlich
 in Petersburg, weilen, wenn er es nicht vorzog, sich in seinem
heimatlichen Dorfe an der Landverteilung zu beteiligen. Was
konnte man dieser elementaren Anarchie gegenüber ausrichten?
Strenge Disziplinarmaßnahmen wurden auf die Dauer durch den
Widerstreit zwischen provisorischer Regierung und Sowjets unmöglich
 gemacht, die sich die Sympathien des Heeres sichern
wollten. Die neue Regierung betonte, eine Regierung der Freiheit,
nicht der Gewalt zu sein, da konnten alle Redekünste und Disziplinarmaßnahmen
 nur bald verlöschende Strohfeuer der Begeisterung
 entzünden, wie der Mißerfolg der Kerenski-Offensive im
Sommer bewies. Dazı kam noch, daß das ganze Regime aus einem
Disziplinbruch erwachsen war, daß es sozial und außenpolitisch
als Halbheit erschien, daß es über keine feste Grundlage verfügte;
und so ist erklärt, warum die Herrschaft der provisorischen Regierung
 zu einer steten Verengung ihrer Basis und Minderung
ihres tatsächlichen Einflusses führte. Die bürgerliche Gesellschaft
kehrte sich von ihr ab: Ihr ist der Sozialist Kerenski verdächtig,
sie will ihr Eigentum sichern, sie will eine starke Hand, und sie
wendet sich energischen Männern mit nationaler Gesinnung zu.
Das sind die Stimmungen, die dem populären Oberbefehlshaber
Kornilow im Herbste den Mut zu einem Putschunternehmen geben,
zu einem Versuche, die Ordnung durch das In-Marsch-setzen eines
Heeres gegen das in Anarchie versinkende Petersburg wieder
        <pb n="53" />
        Das Verkennen der Massen. 41

herzustellen. Kerenski, der zuerst eine nicht ganz klare Stellung
zu diesen Diktaturplänen eingenommen, aber sich rechtzeitig von
ihnen gelöst hatte, sucht krampfhaft nach einer neuen demokratischen
 Legitimation. Die Parteivertreter tagen, nachdem bereits
vor dem Kornilow-Putsch in Moskau ein Nationalkongreß zusammenberufen
 worden war, als eine Art Vorparlament. Endlich
beginnen die Wahlen zu der mit so vielen Hoffnungen erwarteten
Konstituante, der Nationalversammlung. Aber es ist zu spät. Fin
allgemeiner Disziplinverfall zeigt sich überall. Nicht nur im Heere
macht sich die Anarchie geltend. Bereits der Kornilow-Putsch
hatte ihre Verbreitung deutlich gezeigt. Denn er fand ein Ende,
weil die innere Zersetzung zu einer Auflösung der vom Kandidaten
der Diktatur in Marsch gesetzten Regimenter führte“.
Die Anarchie bringt auch einen Niedergang der Wirtschaft. Die
Fabriken verwandeln sich aus Stätten der Arbeit in Diskutierklubs;
 die Erinnerungen des Ingenieurs Stankow geben eine Reihe
lehrreicher Beispiele dafür, wie die Arbeiterschaft vielfach den
Ausbruch der Revolution zur Rache an den Betriebsführern, Ingenieuren
 usw. benützte, Die Ingenieure wurden mit Jauche begossen,
 in schmutzigen Karren herausgeführt, man verprügelte
sie, man spie ihnen ins Gesicht. Die Versuche mit demokratischen
Methoden durch Aufklärungsversammlungen, Versprechungen usw.
die Arbeitsdisziplin wieder herzustellen, scheiterten. Das Transportwesen,
 dessen Mängel den Sturz des Zarismus durch die Schwierigkeiten
 der Petersburger Ernährung ausgelöst hatte, drohte vollständig
 zerrüttet zu werden. „Die Fisenbahnen werden bald stillstehen‘,
 konnte Lenin im September 1917 ankündigen. Es ist sehr
bezeichnend, daß die Zahl der Pogrome während der ganzen
Herrschaft der provisorischen Regierung ständig steigt. Von 21
im März erhöht sie sich auf 95 im Juli und 389 (unvollständig) im
September, Die antisemitische Presse hat eine sehr starke Verbreitung,
 so daß im Oktober von bolschewistischen Gegnern der
Aufstandspolitik Lenins das Argument verwendet werden kann:
Ein revolutionärer Aufschwung bei den Massen ist nicht zu spüren,
wie die Verbreitung der sog. Schwarzhundert-Presse (der reaktionären
 und antisemitischen Organe) beweist®,
Die unendlichen Massen des russischen Reiches scheinen in
Bewegung geraten zu sein. Die Soldaten fluten hin und her ohne
festes Ziel und Ordnung. Sie erhöhen dadurch noch die Schwierigkeiten
 im Transportwesen. Nationale Ablösungsbewegungen
beginnen sich zu zeigen, vor allem in der Ukraine. Lokale Sowiets
weigern sich, der Regierung zu gehorchen. Trotz einer innern
        <pb n="54" />
        42 2. Teil. Eroberung und Ausbau der politischen Macht.

Anleihe können die Staatsfinanzen nur durch Inflation aufrechterhalten
 werden. Die Regierung verfügt kaum noch: über Machtmittel.
 Mitten in Petersburg werden Privathäuser. von revolutionären
 Gruppen beschlagnahmt. Kerenski besitzt in der letzten Zeit
seines Regimes keine Autorität mehr, mag er auch nach außen
durch Ämtervereinizung — er ist Ministerpräsident, Kriegsminister,
zeitweise Oberbefehlshaber des Heeres — als Diktator erscheinen.
Aber was bedeutet seine Diktatur der schönen Reden und ewigen
Aufgeregtheit gegenüber der allgemeinen Anarchie, die durch die
allgemeine Kriegsmüdigkeit und die vom politischen Umschwung
ausgelösten sozialen Unruhen hervorgerufen wird?
Hat es Sinn, die verschiedenen Kabinette dieser Epoche aufzuzählen?
 Bald sind es Kabinette ohne Kadetten, also ohne die
Partei der für die Vorgeschichte der Märzrevolution so wichtigen
Linksliberalen, bald Kabinette, in denen zwar die verschiedenen
sozialistischen Gruppen überwiegen, aber doch nichtkadettische,
bürgerliche Politiker sich beteiligen. Für alle Regierungen, die
einander ablösen und zahlreiche Minister verbrauchen, bleibt die
Person Kerenskis charakteristisch, eines Advokaten, der sicher
guten Willens ist, aber in keiner Weise die Energie besitzt, um
ein so riesiges Reich wie das russische, dazu noch in einer So
schwierigen Lage, zu regieren. Er hält sich, weil er eine unklare
Stellung zwischen den sozialistischen und bürgerlichen Parteipolitikern
 einnimmt, weil man den Schein der Energie für wahre
Energie nimmt. Als Vertrauensmann der Sowjets hat er begonnen
 und endet im steten Kampfe mit der ihn bedrohenden
Opposition, sowohl der linken wie der rechten.
Alle parteitaktischen Einzelheiten sind unwichtig, sie sind nur
bedeutsam als Beweis für die Tatsache, daß die Schichten, welche
durch die Märzrevolution zur Macht gekommen waren, sich als
unfähig erwiesen, ihre Herrschaft über Rußland zu behaupten.
Sie waren einfach westlich-ideologisch gerichtet, verstanden nicht
die russische Wirklichkeit; das bewiesen deutlich gerade ihre klug
und wunderschön konstruierten, radikal- demokratischen Programme
 und Proiekte. Die Freiheiten, die sie brachten, führten
nur zur Anarchie und Auflösung, und vor allem sie begriffen nicht
die Notwendigkeit raschen Handelns und eindeutiger Stellungnahme
zu den auftretenden Volksbewegungen wie der Agrarrevolution
und dem Friedensstreben. Sie blieben bei allen im einzelnen ganz
verschiedenen Anschauungen in Halbheiten stecken. Sie wagten
weder Frieden zu schließen noch irgend welche wirklich radikalen
sozialen Maßnahmen zu treffen. Dafür ist es typisch, daß die
        <pb n="55" />
        Das Eingreifen Lenins,

43

Agrarreform bis zur Zusammenberufung der Nationalversammlung
hinausgeschoben wurde und auch das vorläufige Verbot des Handels
mit Land, der einer Umgehung der Beschlagnahme des Großgrundbesitzes
 dienen Sollte, erst nach langem Zaudern, zu spät,
und auch dann nur halb, erlassen wurde ®.
Der Name der Regierung dieses Regimes. ist bezeichnend. Es
war wirklich ein Regime der provisorischen Regierung, die aber
nicht durch den Endzustand einer radikal-parlamentarischen Demokratie
 abgelöst wurde, wie ihre Träger geglaubt hatten. ;

Das Eingreifen Lenins.

Bereits wenige Wochen nach dem Sturze des Zarismus war die
entscheidende Gefahr klar, von der die provisorische Regierung
bedroht wurde, Im April war Lenin, der Führer der bolschewistischen
 Partei, aus der schweizer Emigration nach Rußland
zurückgekehrt. Bis zu seiner Ankunft in Petersburg hatte seine
Partei sich eigentlich kaum von den andern radikal auftretenden,
aber handlungsunfähigen sozialistischen Parteien unterschieden:
Es ist dafür bezeichnend, daß einer ihrer Führer, Kamenew, gleich
nach der Märzrevolution es für notwendig hielt, von seiner sibirischen
 Verbannung aus ein Ergebenheitstelegramm an den konstitutionellen
 Kaiser Michael zu schicken, der allerdings nie wirklich
 den Thron bestiegen hat. Auch Stalin war, so behauptet es
wenigstens Trotzki, in den ersten Wochen des neuen Regimes ein
braver Sozialpatriot. Jedenfalls vertrat er mit den andern in
Rußland weilenden Bolschewisten keine auffallend wirksame
Opposition gegen die provisorische Regierung und die mit ihr
zusammenarbeitende Rätemaiorität.
Wir besitzen einen sehr eindrucksvollen Bericht über die entscheidende
 Bedeutung der Rückkehr Lenins. Suchanow-Himmer,
der zwischen Menschewisten und Sozialrevolutionären hin und her
schwankende sozialistische Publizist, den die Bolschewisten im
März 1931 zu zehn Jahren Gefängnis wegen gegenrevolutionärer
Betätigung verurteilt haben, hat ihn verfaßt. Er schildert, wie Lenins
Zug auf dem Bahnhof einläuft und wie sofort beim Empfang sich die
Kluft zwischen Tscheidse, dem bisherigen Führer der Räte, einem
Menschewisten, der trotz allem Internationalismus für die Fortsetzung
 des Krieges ist, und Lenin auftut. Tscheidse erklärt, daß
die Hauptaufgabe der revolutionären Demokratie heute in ihrer
Verteidigung gegen alle Gegner durch Einheit aller ihrer Gruppen
liege, Lenin antwortet, sich an die Rätevertreter wendend: „Ich
        <pb n="56" />
        44 2. Teil. Eroberung und Ausbau der politischen Macht.

begrüße in Ihnen die siegreiche russische Revolution, ich begrüße
Sie als die Vortruppe der Weltarmee. Der räuberische Imperialismus
 ist der Anfang des Bürgerkrieges in ganz Europa. Nicht fern
ist die Stunde, in der die Völker ihre Waffen gegen die Ausbeuterkapitalisten
 wenden werden. Die russische Revolution hat den
Anfang gemacht und eine neue Epoche eröffnet. Es lebe die sozialistische
 Weltrevolution!“ Und während Lenin auf einem Lastauto
zur Parteizentrale durch die Straßen Petersburgs fährt, verkündet
er an jeder Straßenecke in Ansprachen seine Losung von der
notwendigen Verwandlung des imperialistischen Krieges in den
Bürgerkrieg. Nachts, unter seinen Parteigenossen, entwickelt er
sein gesamtes politisches Programm, das den zuhörenden Suchanow
 aufs äußerste überrascht. Denn er erklärt, daß parlamentarische
 Republik, bürgerliche Demokratie nicht notwendig seien, es
komme auf die Eroberung der Gewalt und Machtausübung durch
die Räte, die Sowjets, der Arbeiter, Soldaten und armen Bauern an”,
Machtergreifung durch das revolutionäre Proletariat, das, wie
die bolschewistische Partei bereits im Jahre 1905 betont hatte,
sein politisches Organ in den Räten besitzt ®, soziale Revolution —
das ist ein ganz einfaches Programm, das Lenin entwickelt. Wie
Keulenschläge wirkt seine Darlegung auf die Zuhörer, auch auf
die Zuhörer, die aus der bolschewistischen Partei stammen. Aber
Lenin setzt sich rasch in der bolschewistischen Partei durch.
Die Anwendung einer vorsichtigen Terminologie, etwa die Ausspielung
 der Forderung nach sofortiger Wahl einer Nationalversammlung
 gegen die provisorische Regierung aus Rücksicht auf
Volksstimmungen, die eine sofortige Abkehr vom Kriege wegen
der Gefahr, als deutschfreundlich zu gelten, als unklug erscheinen
läßt, bedeutet in keiner Weise eine Aufgabe der prinzipiellen
Position durch Lenin.. Es gelingt ihm, sie zur Grundlage der
bolschewistischen Partei zu machen. Bereits auf der ersten Parteikonferenz,
 der er beiwohnte, wird das klar, mag auch noch sein Vorschlag,
 die bolschewistische Partei, um sie von den Sozialpatrioten
zu sondern, in kommunistische umzunennen, abgelehnt werden.
Allerdings hat er noch mit einer ziemlich beträchtlichen Opposition
 zu kämpfen, die Angst vor der radikalen Verwirklichung des
theoretisch allgemein anerkannten sozialistischen Programms hat,
die schwankt, ebenso zu Diskussionen und kunstvoll angefertigten
Kompromissen neigt wie die Führer der andern sozialistischen
Gruppen, Aber diese Opposition kapituliert immer wieder vor der
Energie Lenins, trotzdem der erste Versuch einer direkten Machtergreifung
 Anfang Juli mißlingt®*. Einen wichtigen Zuwachs
        <pb n="57" />
        Das Eingreifen Lenins.

45

erhält Lenins Partei durch die Aufnahme einer Gruppe von internationalistisch
 eingestellten sozialistischen Agitatoren, die vor
allem dem Kriege ein Ende bereiten, eine radikale Revolution
wollen, Unter ihnen ist Trotzki am bekanntesten geworden. Zu
ihnen gehören Männer wie Uritzki, der beim Beginn des bolschewistischen
 Terrors eine große Rolle spielen sollte, und Joffe, der
erste Botschafter der bolschewistischen Regierung in Berlin ®.
Unter der Flagge des Bolschewismus vereinigt sich die gesamte
Opposition gegen die provisorische Regierung, soweit sie nicht
aus Männern besteht, die sich nach der starken Hand sehnen, nach
dem Herrn, der wieder Ordnung in Rußland Schafft, der die
Agrarunruhen beendet und die Anarchie im gesamten öffentlichen
Leben bezwingt. Bolschewismus wird zur Losung für alle aufrührerischen
 Massen, für alle Soldaten, die desertierten, für alle,
die sofortigen Friedensschluß verlangen. Bolschewismus wird von
denen, die für Fortsetzung des Krieges eintreten, als Hochverrat
angesehen. Ein findiger Justizminister der provisorischen Regierung,
 Perewersew, erhebt auf Grund gefälschten Materials gegen
die bolschewistischen Führer Anklage auf Verbindung mit den
Feinden, den Deutschen. Die Bolschewisten sind von Deutschland
bestochen. Ist nicht Lenin auf seiner Reise nach Rußland in einem
plombierten Wagen durch Deutschland gefahren, auf Grund einer
Genehmigung des deutschen Generalstabes? Bolschewistische
Führer wie Trotzki werden verhaftet wegen Teilnahme am Juliaufstand,
 der die Soldatenmassen gegen die provisorische Regierung
 in Marsch zu setzen versucht hätte; die Druckerei des bolschewistischen
 Hauptblattes „Prawda“ wird von jungen Offizieren
zerstört und das Erscheinen dieses Organs des Landesverrats
verboten, Aber alle Gegenpropaganda und Gegenaktionen erweisen
sich als nutzlos. Sie vermögen nicht die Grundlage des Bolschewismus
 zu beseitigen, die Auflösung aller Ordnung, da die provisorische
 Regierung unfähig ist, die durch den Politischen Umsturz
und den wider Erwarten sich in die Länge ziehenden Krieg entfesselten
 Masseninstinkte auch nur zu erkennen. Der Bolschewismus
 dagegen scheint diesen Masseninstinkten zu entsprechen.
Will er nicht soziale Revolution? Gewiß, das radikale Agrar-Programm
 haben die Sozialrevolutionäre, und darum scheint die
Mehrzahl der Landbevölkerung ihnen zu folgen. Aber nur die
Bolschewisten beiahen seine sofortige Verwirklichung durch ge-Waltsames
 Vorgehen. Sie versprechen Frieden, sie wenden sich
Segen den imperialistischen, dem Volke unverständlichen Krieg.
Daher stehen sie bald überall an der Spitze der sich gegen die
        <pb n="58" />
        46 2, Teil. Eroberung und Ausbau der politischen Macht.

Ordnung auflehnenden Massen, insbesondere der Soldaten. Sie sind
ihr aktiver Kern, sie reißen die Führung an sich, es gelingt ihnen
nicht nur, die Arbeiterschaft zu gewinnen, die vom Umsturz eine
Art Paradies erwartet, sie sammeln um sich die aufständischen
Matrosen und Soldaten, die es der provisorischen Regierung übelnehmen,
 daß sie den Versuch macht, wenn auch etwas hilflos und
verlegen, die Disziplin wenigstens teilweise wieder herzustellen.
Bei ihrem erfolgreichen Oktoberaufstand ist die Tatsache von entscheidender
 Bedeutung, daß die Petersburger Garnison dem Befehle
 der provisorischen Regierung, an die Front zu gehen, nicht
folgt und sich den Bolschewisten zur Verfügung stellt. Die Bolschewisten
 sind die eifrigsten Bekämpfer aller gegenrevolutionären
Unternehmen wie des Kornilow-Putsches, und so kommt gerade
ihnen die gegen den drohenden Anmarsch des Generals angeordnete
 Bewaffnung der Arbeiterschaft zugute. Es wäre durchaus
falsch, das siegreiche Vordringen des Bolschewismus, das sich
auch bei den Wahlen zu den Stadtvertretungen zu zeigen beginnt,
auf ein allgemeines Bekenntnis ihres Programms zurückzuführen.
Sie haben nur darum Massenerfolge, weil sie entschieden auftreten,
zu verstehen sind, scheinbar Lösungen besitzen, die sofort verwirklicht
 werden können und den momentanen Bedürfnissen entsprechen.
 Neben der Friedenslosung ist die Parole: „Alle Macht
den Räten“, charakteristisch. Die Räte als unmittelbares Organ
des arbeitenden Volkes werden der eigentlich durch nichts legitimierten,
 sich zu Unrecht auf den Volkswillen berufenden provisorischen
 Regierung entgegenstellt *

Der bolschewistische Umsturz.

Allmählich gelingt es den Bolschewisten, die gemäßigten Sozialisten
 aus ihrer führenden Stellung in den Räten zu verdrängen.
Zwar besitzen diese noch in dem vom ersten Rätekongreß im Mai
gewählten Vollzugsausschuß die Mehrheit, aber die Herrschaft
über die so wichtigen lokalen Sowiets, vor allem in Petersburg
und Moskau, gleitet aus ihrer Hand. Die von Bolschewisten geführten
 Räte, insbesondere der unter Trotzkis Vorsitz stehende
Petersburger Rat, beginnen offen revolutionäre Machtgruppen zu
organisieren. Trotzki ist es, der die Petersburger Genossen dazu
autorisiert, den Befehlen der provisorischen Regierung keine Folge
zu leisten **
Die provisorische Regierung konnte nichts gegen die unzweideutige
 Vorbereitung des Umsturzes seit dem Tage des Kornilow-
        <pb n="59" />
        Der bolschewistische Umsturz,

47

Putsches ausrichten. Sie besaß keinen zuverlässigen Machtapparat,
auf den sie sich stützen konnte. Die Führung der Heeresteile, die
noch zu ihr hielten, war ihr keineswegs ergeben. Sie wollte eine
Abkehr von der schwächlichen Scheindiktatur Kerenskis und
glaubte, daß sein Sturz durch den Bolschewismus nur die Wendung
 zu einem autoritären Regime vorbereiten würde. Dafür
Sprach auch die Tatsache, daß sich in den Massen eine reaktionäre
antisemitische Strömung ausbreitete. So wuchs die Anarchie immer
mehr und mehr. Nur verhältnismäßig kleiner organisierter Gruppen
bedurfte es, um den Sturz Kerenskis und seiner Regierung herbeizuführen.
 Das Heer löste sich immer mehr und mehr auf, die
Mehrzahl der Bevölkerung verhielt sich durchaus passiv, lebte
nur dem Moment.
Als Legitimationsbasis für den Umsturz und die Bildung der
ersten bolschewistischen Regierung sollten die Räte dienen. Diese
Regierung wollte als Regierung der Bauern, Arbeiter, Soldatenmassen
 auftreten; daher wurde für die Durchführung des Putsches
die Zeit des zweiten russischen Rätekongresses gewählt. Die von
Trotzkis revolutionärem Kriegskomitee vorbereiteten Truppen
marschierten zum vorgesehenen Zeitpunkt, die bolschewistischen
Matrosen von Kronstadt griffen wie vorgesehen ein. Am 7. November
 1917 fiel das Winterpalais ohne größere Kämpfe in die
Hand der Aufrührer; Die provisorische Regierung war von fast
allen ihren Soldaten verlassen worden; das zeigte sich mit aller
Deutlichkeit, als Kerenski, dem es gelungen war, zu entfliehen, den
Versuch machte, Petersburg wieder zu erobern. Die Kosaken
Krasnows verließen ihn Schmählich, ihr monarchistischer Führer
hatte keine große Lust, sich für den demokratischen Diktator
einzusetzen 1,
Petersburg war ein Signal für das ganze Land, überall bemächtigten
 sich die Räte mit bolschewistischer Maiorität der Ver.
waltungsgebäude und der Verkehrszentralen, gelegentlich, wie etwa
in Moskau, nach Straßenkämpfen. Man darf den Sieg des bolschewistischen
 Aufstandes nicht als Ausdruck einer von Massenheeren
getragenen Bewegung ansehen; die bolschewistischen Kämpfer
waren weder zahlenmäßig sehr bedeutsam noch in ihrem militärischen
 Wert sehr ernst zu nehmen, aber sie waren die aktiven
Elemente in der allgemeinen Anarchie. So setzten sie sich durch,
Während die Massen sowohl des Heeres sowie des Volkes beiseite
standen, jedenfalls nicht gewillt waren, für die provisorische Rezierung
 zu kämpfen.
Die äußere Machteroberung durch den Petersburger Rat (Sowiet)
        <pb n="60" />
        48 2. Teil. Eroberung und Ausbau der politischen Macht.

fand in der Bildung der ersten bolschewistischen Regierung ihren
Ausdruck. Lenin übernahm im ersten Rate der Volkskommissare
den Vorsitz, Trotzki das Außenkommissariat. Trotzdem es gelang,
durch Ausnützung eines ungeschickten Obstruktionsversuches der
untereinander nicht einigen sozialistischen Parteien die Mehrheit
des Rätekongresses für die bolschewistische Regierung zu sichern,
so war sie doch noch von ganz entscheidenden Schwierigkeiten
bedroht. Diese Schwierigkeiten kamen nicht von außen, sie bestanden
 darin, daß die bolschewistische Regierung in der ersten
Zeit ihres Bestehens ebenso von der Anarchie und allgemeinen
Auflösung der Grundlagen des staatlichen und gesellschaftlichen
Lebens bedroht war wie die provisorische Regierung. Ihre Macht
war zunächst eigentlich eine rein nominelle Angelegenheit, da
die Bolschewisten die volle Autorität jedes lokalen Sowiets während
 des Kampfes gegen die provisorische Regierung proklamiert
hatten.
Die größten Schwierigkeiten kamen von innen, Ein Teil der
Bolschewisten, darunter Führer wie Kamenew und Sinowjew, die
einen großen Einfluß in der bolschewistischen Parteileitung besaßen,
 waren Gegner des bewaffneten Aufstandes. Nach dessen
Frfolge bekamen sie Angst vor dem Wagnis einer rein bolschewistischen
 oder zum mindesten fast ganz von Bolschewisten besetzten
Regierung. Sie neigten auch dazu, die Forderung sozialistischer
Parteipolitiker und Gewerkschaftsführer zu erfüllen, die eine aus
allen sozialistischen Parteien zusammengesetzte Koalition ver-Jangten.
 Sie wollten nicht mit der sofortigen Verwirklichung des
bolschewistischen Programmes in Rußland beginnen, wie es Lenins
Absicht war. Sie betrachteten eine rein bolschewistische Regierung
als Ausdruck eines politischen Terrors, den sie ablehnten. Sie
traten für Demokratie ein.
Aber die Entscheidung fiel dank der taktischen Geschicklichkeit
Lenins zu Gunsten der rein bolschewistischen Regierung aus. Er zog
die Verhandlungen in die Länge, bis die Gefahr des Anmarsches von
Kerenski-Krasnow gegen Petersburg beseitigt war, er schreckte
nicht vor schärfsten Drohungen zurück gegen die Skeptiker, die
von Zweifeln an dem Siege der bolschewistischen Revolution angefressen
 waren. Die Grundeinstellung des bolschewistischen Rates
der Volkskommissare wurde auch nicht dadurch geändert, daß
Lenin bald die sog. linken Sozialrevolutionäre an der Regierung
beteiligte. Die linken Sozialrevolutionäre hatten sich als Anhänger
der sofortigen Verwirklichung des sozialrevolutionären Agrar-Drogramms,
 das Lenin übernommen und sofort als Regierungs-
        <pb n="61" />
        Die Grundhaltung der Bolschewisten. 49

dekret veröffentlicht hatte, von der rechten Maiorität ihrer Partei
gelöst. Die Koalition mit ihnen war notwendig, um den Schein des
Bündnisses mit den breiten Bauernmassen für sich zu haben. Die
linken Sozialrevolutionäre haben in der Regierung keine führende
Rolle gespielt, sie schieden aus ihr aus nach wenigen Monaten,
während der Streitigkeiten über den Frieden von Brest-Litowsk.
Im Juni organisierten sie einen bewaffneten Aufstand gegen die
Bolschewisten in Moskau, der schnell niedergeschlagen wurde;
damit begann der Auflösungsprozeß ihrer Partei —, ein großer
Teil schloß sich den Bolschewisten an. Es wäre durchaus falsch,
die Bedeutung der Sozialrevolutionäre zu überschätzen, sie waren
Literaten, radikale Intellektuelle, die in keiner Weise dem politischen
 Geschick Lenins gewachsen waren und auch keine klare
politische Grundlinie besaßen *.
Man kann also die Koalition mit den linken Sozialrevolutionären
nicht als eine Erfüllung der Forderung der bolschewistischen
Führer ansehen, die ein sozialistisches Koalitionskabinett erstrebten.
Lenin wußte genau, daß ein solches Kabinett sich nicht prinzipiell
von den Kabinetten der provisorischen Regierung unterschieden
hätte. Seine Regierung sollte ganz bestimmte politische Ziele
erreichen. In der erst 1931 vollständig bekannt gewordenen Resolution,
 die Lenin während dieser kritischen innern Kämpfe dem
Zentralkomitee vorlegte, finden sich gerade in ihrer Kürze ungemein
 bezeichnende Wendungen über diese Ziele der von ihm
geleiteten Regierung. Da wird der Opposition das unmarxistische
Wort von der Unmöglichkeit einer sozialistischen Revolution in
Rußland vorgehalten, da ist von ihrer Sabotage der Diktatur des
Proletariats und der armen Landbewohner die Rede.

Die Grundhaltung der Bolschewisten.

Was für Männer waren es, die durch den bolschewistischen
Umsturz in Rußland zur Macht kamen? Ihre Charakteristik ist
unbedingt erforderlich, um die von ihnen angewandten politischen
Methoden, um überhaupt die Ziele ihrer Politik zu verstehen.
Ohne diese Charakteristik bleibt es unbegreiflich, warum sie sich
haben behaupten können, während ihre Vorgänger, die Politiker
der provisorischen Regierung, nur vorübergehend an der Macht
geblieben sind. Diese Politiker vermochten nicht der Anarchie
Herr zu werden, im Gegenteil, sie mußten sie so lange dulden, bis
£s einer kleinen organisierten Gruppe, die sich in ihrer Propaganda
auf die anarchischen Masseninstinkte stützte, gelang, zunächst alle

Gurian, Der Bolschewismus.
        <pb n="62" />
        50 2. Teil. Eroberung und Ausbau der politischen Macht.

Machtorgane des Regimes an sich zu reißen, vor ihren Augen den
bewaffneten Aufstand vorzubereiten und eine Regierung zu bilden.
Um die bolschewistische Mentalität zu verstehen, muß an die
Charakteristik der Intelligenz erinnert werden. Die bolschewistische
 Mentalität ist durch die Übernahme eines bestimmten
politisch-sozialen Umsturzprogramms als einer Religion charakterisiert.
 Der Marxismus ist für den Bolschewismus nicht nur eine
soziale Theorie, eine politische Methode, sondern eine unbezweifelbare
 Offenbarung, der gegenüber Bedenken und grundsätzliche
Kritiken nicht möglich sind. Diese Ungebrochenheit führt zu einer
Ausschaltung aller moralischen Hemmungen, wenn es um die Verwirklichung
 des Programms geht, die natürlich mit dem eigenen
an die Macht-Kommen zusammenfällt. Der Glaube an die entscheidende
 Bedeutung des politischen und sozialen Lebens für das
gesamte menschliche Dasein hat dazu geführt, daß alles nach
seiner Bedeutung für dieses Leben bemessen wird. So fällt alle
Rücksicht auf die Tradition, auf Humanität usw. Das Ziel ist
entscheidend, rechtfertigt alles. Nun könnte man meinen, daß diese
Mentalität auch in den andern radikalen russischen Parteien
herrsche. Aber in ihnen ergriff sie gleichsam nur das Gehirn des
Menschen, sie formte und wandelte ihn nicht um in seinem ganzen
Leben.
Im Unterschiede zu den Bolschewisten blieben die andern revo-Jutionären
 Parteien, mochten sie auch den individuellen Terror
als berechtigt ansehen, den die Partei Lenins als unzweckmäßig
verwarf, in irgend einer Fühlung mit der bestehenden Welt. Das
beweist ihr Verhalten nach der Märzrevolution; sie lebten geistig
im Westen, waren im Westen verwurzelt; und so kam es, daß
selbst solche revolutionäre Größen wie der Führer der Anarchisten,
Krapotkin, und der erste Theoretiker des russischen Marxismus,
Plechanow, für die Fortsetzung des Krieges eintraten. Sie glaubten
eben an die demokratischen Kriegslosungen der Entente, sie
wollten — auch dann, wenn sie wie der Menschewist Martow die
Fortsetzung des Krieges theoretisch verwarfen — ein Rußland,
das sich nicht vom Westen, von dem bestehenden parlamentarischbürgerlichen
 Regime unterschied, höchstens durch einzelne radikale
Formen heraushob. Die Bolschewisten dagegen lehnten radikal
die bestehende Ordnung ab. Zugleich waren sie in einer ganz
andern Weise als die andern revolutionären Parteien mit der
Massenmentalität verbunden. Denn sie wollten sich nicht mit
einem Wechsel des politischen Regimes begnügen, sie verlangten
eine sofortige, rücksichtslos geführte soziale Revolution.
        <pb n="63" />
        Die Organisation der bolschewistischen Partei. 51

Daher konnten sie die Massenanarchie ausnützen und zugleich,
da sie ein ganz bestimmtes, sofort zu verwirklichendes Programm
prinzipieller Art besaßen, die Energie entfalten, um sich an der
Macht zu behaupten. Ihr Programm fiel nicht einfach mit der
mehr oder minder schön drapierten Übernahme der westlichen
Demokratie nach Rußland zusammen; daher konnten sie sich der
Losung: „Alle Macht den Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräten“,
bemächtigen, also den revolutionären Volkswillen dem erst noch
durch allgemeine Wahlen zu beweisenden parlamentarisch-demokratischen
 Willen entgerenstellen 1

Die Organisation der bolschewistischen Partei.
Ihr radikales Programm allein, das als Voraussetzung die den
Massen durchaus verständliche Zertrümmerung des Bestehenden
besaß, wäre trotz aller Rücksichtslosigkeit der vorhandenen Ordnung
 gegenüber nicht ausreichend gewesen, um die Basis für ihre
Machtbehauptung abzugeben. Diese Basis besaßen sie in ihrer
Parteiorganisation, welche fähig war, nicht nur als Instrument der
Machtergreifung in kritischen Zeiten zu dienen, sondern auch als
Mittel der Machtbehauptung sich zu bewähren. Nicht auf die
theoretische Begründung dieser Parteiauffassung kommt es an
dieser Stelle an, sondern auf ihre Durchführung in der Wirklichkeit.
 Daher soll jetzt nicht eine systematische Analyse der bolschewistischen
 Lehre und der mit ihr zusammenhängenden Parteiauffassung
 gegeben werden, sondern es gilt nur die Eigenart der
bolschewistischen Partei an Hand der geschichtlichen Entwicklung
darzustellen. Um diese Entwicklung verständlich zu machen, muß
in die Geschichte der russischen revolutionären Bewegung zurückgegriffen
 werden. Da herrschte um die Mitte des 19. Jahrhunderts
in der Blütezeit des Terrorismus der Typ kleiner Gruppen olıne
Massenanhang und ohne Absicht (auch ohne die Möglichkeit) steter
Fühlung mit den Massen, Dieser Typ wurde nach seinem Mißerfolg,
 nach dem Eindringen des auf Massen Wert legenden
Marxismus in Rußland von einem Typ abgelöst, der marxistische
Aufklärung durch Intellektuelle mit der Organisation der Arbeiterbewegung
 zur Massenpartei zu verbinden suchte. Daneben bestand
als Erbin der alten Terroristen, die einem Glauben an die besondere
Sendung der russischen Bauernschaft gehuldigt hatten, die sozialrevolutionäre
 Partei — eine Gruppe von Intellektuellen und Literaten
 ohne feste Disziplin, die nach der Märzrevolution infolge
ihrer Unverbindlichkeit und vor allem ihres theoretisch den Bauern-
        <pb n="64" />
        52 2. Teil. Eroberung und Ausbau der politischen Macht.

massen entgegenkommenden Agrarprogramms großen Anhang
loser Art gewann.
Innerhalb der marxistischen Sozialdemokratie, die, wie schon
früher erwähnt, 1897 zu einer organisierten Einheit zusammenwuchs,
 kam es bald zu Kämpfen um die Art der Parteiorganisation.
Zunächst mußte dafür gesorgt werden, daß der Marxismus die
unerschütterliche Grundlage der Partei behielt, daß die Partei
sich nicht in eine Art Gewerkschaftsbewegung, Organisation zur
Hebung des Lohnniveaus verwandelte; dann, nach Beendigung
dieses Kampfes gegen den sog. Ökonomismus, entwickelten sich
Kämpfe um die Art der Parteiorganisation. Diese durch persönliche
 Gegensätze, langatmige Resolutionen, Emigrationspolemiken,
zahlreiche Wechsel in der Stellungnahme durch die Führer sehr
verwickelten Kämpfe gingen um die grundsätzliche Parteiauffassung.
 Die Menschewisten wollten eine demokratische Parteiauffassung
 nach dem Vorbilde der deutschen Sozialdemokratie zur
Herrschaft bringen. Jeder sollte sich der Partei anschließen können,
der bereit war, ihr Programm anzuerkennen. Lenin dagegen und
die ihm folgende Mehrheit (Bolschinstwo) des Parteitages von
1903 (daher der Name Bolschewisten) wollte eine Auslese, eine
Elitepartei, d. h. nur der sollte in die Partei aufgenommen werden
können, der sich zum Gehorsam gegenüber den Parteiinstanzen
verpflichtete, der also bereit war, für die Partei und ihren revolutionären
 Kampf aktiv zu arbeiten *®.
Lenin wollte die Stellung der Führungsinstanzen stärken mit
der Beg.ündung, daß für eine Kampfpartei, die sich illegal betätigen
und existieren müsse, die Durchführung der formalen Demokratie,
die Öffnung ihrer Reihen für alle unerträglich sein müßte, Die
Partei würde sich aus einer Kampftruppe in eine Schwatzgemeinschaft
 verwandeln. So kann man Lenins Partei als eine auf streng
marxistischer Grundlage stehende, durch ein Zentralkomitee von
aktiven, gegen das Zarenregime kämpfenden Berufsrevolutionären
geleitete, straff disziplinierte Körperschaft bezeichnen. Gewiß, die
Führungsorgane sollen theoretisch gewählt werden, aber praktisch
ist in Rußland die Durchführung von Parteiwahlen fast unmöglich;
daher kommt es, daß die Stellung der Berufsrevolutionäre, die
seit langem der Partei bekannt sind, also vor allem Lenins selber,
in diesen Körperschaften sehr stark ist. Dazu kommt noch die
Methode strenger Disziplin und der von Lenin mit eiserner Energie
geführte Kampf um die Reinhaltung der marxistischen Doktrin
ohne alle Konzessionen an moderne politische und weltanschauliche
Strömungen.
        <pb n="65" />
        Die Organisation der bolschewistischen Partei. 53

Daher ist die bolschewistische Partei die Partei der Disziplin,
mag sie auch durch innere Kämpfe in den Jahren nach der
ersten mißlungenen Revolution stark zusammenschrumpifen. Im
Unterschiede zu den andern Diskussionsparteien wird sie nicht
durch Disziplinlosigkeiten usw. gelähmt. Wer Disziplinbrüche begeht,
 stellt sich außerhalb des Rahmens der Partei, und so ist
bereits im Jahre 1917 der Menschentyp vorhanden, der für den
heutigen Bolschewismus bezeichnend geworden ist. Es geht diesem
Typ nur darum, sich im Kreise der Parteinstanzen durchzusetzen,
es kommt ihm auf eiserne Disziplin und Gehorsam an. Die Partei
ist Lenins Auffassung nach eine Art militärischer Körperschait,
die im steten Kampfe liegt und daher keine Zeit zu lähmenden
öffentlichen Diskussionen und Auseinandersetzungen besitzt. Das
beschlossene Ziel muß mit allen Mitteln erreicht werden; das hat
jedes Parteimitglied zu wissen und stets zu beachten. Man hat
diese Methode als Anwendung militärischer Vorstellungen auf die
revolutionäre Bewegung bezeichnet. Dieser Vergleich muß durch
die geschichtliche Erwägung ergänzt werden, daß diese strenge
Disziplin in der russischen revolutionären Bewegung durch die
terroristischen Kampforganisationen, durch die ganzen Bedingungen
des illegalen Lebens vorbereitet war.
Lenin übertrug diese Disziplin auf eine sich bewußt an Massen
wendende und mit Massen arbeitende Partei. Daher kann man
seine Parteiauffassung als eine Verbindung der alten russischen
Revolutionsbewegung, die durch ihren Kampf zur Disziplin ge-Zwungen
 war, mit den modernen Mitteln der Massenpropaganda
bezeichnen. Diese Mittel werden aber nicht, wie bei den andern
sozialistischen Parteien, öffentlich diskutiert, sondern die Entscheidung
 über sie fällt in kleinen Zirkeln, Öffentliche Diskussionen,
 Fraktionsbildungen innerhalb der Partei widersprechen
also grundsätzlich der leninistisch-bolschewistischen Parteiauffassung,
 — Lenin hält rücksichtslos an ihr fest. Vor dem Kriege wendet
er sich scharf gegen alle Versuche der Kreise um Bogdanow,
Gorki und Lunatscharski, eine neue philosophische Grundlage für
den Marxismus zu finden. Nach dem Kriege wendet er sich mit
gleicher Schärfe gegen die Beschlüsse der die Parteileitung gefährdenden
 Gruppe um Sinowjew-Kamenew. Er weiß sich fast
immer in der Parteileitung durchzusetzen und verlangt von den
andern Gehorsam und Disziplin, selbst wenn es gilt, mit gewohnten
Revolutionsideologien (Abneigung gegen politischen Terror, gegen
die Ausschaltung der Sozialisten) zu brechen !,
Gerade darauf beruht die entscheidende Überlegenheit des
        <pb n="66" />
        54 2. Teil. Eroberung und Ausbau der politischen Macht.

Bolschewismus in seinem Kampfe mit der provisorischen Regierung.
 Er ist eine Einheit, er ist zentralistisch geleitet, während die
provisorische Regierung unfähig ist, Disziplin herzustellen, stets
bedroht wird von der mit ihr konkurrierenden Sowjetorganisation.
Sie wird von Parteien getragen, die nicht nur untereinander, sondern
 in sich uneinig sind. So kann der Bolschewismus klare Ziele
entwickeln, während seine Gegner gerade durch ihre taktischen
Rücksichten, ihre scheinbare Beachtung der komplizierten Wirklichkeit
 unverständlich bleiben, zu Offizieren ohne Soldaten werden,
oder wie die Sozialrevolutionäre nur riesige, aber handlungsunfähige
 Heere gewinnen,
Der eigentümliche Parteiaufbau des Bolschewismus kann in
Rußland darum so wirksam werden, weil er der russischen Mentalität
 in besonderer Weise entspricht. Die bolschewistische Partei
vermag gerade wegen ihres scheinbar völlig utopistischen, radikalste
 politische und soziale Ziele erstrebenden Programms den
Massen entgegenzukommen wie keine andere politische Gruppierung,
 aber zugleich vermag sie feste Organisationen zu schaffen,
welche ihr die Machtbehauptung gerade in einer allgemeinen
Anarchie ermöglichen. Dadurch unterscheiden sich die Bolschewisten
 von den linken Sozialrevolutionären, die ebenso radikale
Losungen in die Massen werfen wie sie selber, Die linken Sozialrevolutionäre
 bleiben aber dabei Individualisten, radikale Agitatoren,
 Literaten und Theoretiker, die keine umfassende Organisation
 bilden können, da sie keine Disziplin kennen. Die Bolschewisten
 dagegen können der Anarchie Herr werden, sich ihr gegenüber
 behaupten, die Gesellschaft zu bestimmten Zielen lenken, weil
sie eine feste Elite mit straffer Organisation und dem strengsten
Willen zur Disziplin darstellen.
Daher können sie leicht als Träger des Massenwillens erscheinen,
sie sind ia die einzige organisierte Kraft, die in den Massen steht,
die scheinbar völlig mit den Masseninstinkten zusammenfällt. Das
verkannten alle, die meinten, daß der Bolschewismus an der
Macht nur eine vorübergehende Erscheinung sein würde und die
darum mit nur schlecht maskierter Freude dem Sturze des unfähigen
 Schwätzers Kerenski zusahen. Der Bolschewismus ist nur
der Übergang zu einem autoritären, national-russischen Regime,
glaubte man so lange, bis man erkannte, daß man ihn nicht einfach
mit zügelloser Entfesselung der Masseninstinkte gleichsetzen könne.
Denn es gelang ihm, zu seiner Machtbehauptung eiserne Disziplin
anzuwenden, den Massen schwerste Opfer aufzuerlegen, gegen sie
mit einer Rücksichtslosigkeit vorzugehen, die den Männern der
        <pb n="67" />
        Die ersten Aufgaben der bolschewistischen Regierung. 55

provisorischen Regierung auch in ihren Träumen unvorstellbar
Zewesen war. Die ganze Geschichte der bolschewistischen Herrschaft
 ist der lehrreiche Beweis dafür, daß es einer revolutionären,
streng organisierten kleinen Gruppe in Auflösungszeiten (d. h. in
einer Periode, in der ein traditionelles, starkes Regime durch ein
schwaches abgelöst wird) möglich ist, mit Hilfe geschickter Verheinung
 der bestehenden, den Masseninstinkten. nicht entsprechenden
 Wirklichkeit zur Herrschaft zu kommen und zur Machtbehauptung
 Methoden anzuwenden, die das bekämpfte Regime
anzuwenden nicht den Mut hatte.

Die ersten Aufgaben der bolschewistischen Regierung,

Die bolschewistische Regierung stand nach ihrer Bildung vor
einer ungemein schwierigen Situation. Einerseits durfte sie nicht
zu früh der sich ausbreitenden politischen und wirtschaftlichen
Anarchie ein Ende bereiten — sie mußte als Trägerin eines wirklichen
 revolutionären Regimes auftreten. Anderseits mußte sie
gleichzeitig eigene Machtorgane schaffen, die ihr erlaubten, die
Geschicke des Landes positiv zu bestimmen; es konnte ihr auf die
Dauer nicht genügen, als Ausdruck mehr oder minder durch momentane
 Nöte hervorgerufener Massenbewegungen zu erscheinen.
Sie stand vor der fast unlösbaren Aufgabe, eine neue revolutionäre
Autorität zu schaffen, nachdem sie gerade durch Vernichtung und
Zersetzung aller Grundlagen der bisherigen Autorität an die Macht
gekommen war,
An erster Stelle galt es für sie während der ersten Monate ihrer
Herrschaft, als sie noch mit der allgemeinen gesellschaftlich-wirtschaftlichen
 Anarchie rechnen mußte, sich aus einer nominellen
Regierung der Gewalt, deren Herrschaft im Grunde genommen
kaum über Petersburg hinaus reichte, in eine wirkliche Regierung
des russischen Reiches zu verwandeln. Lenin wurde nicht müde,
den Grundsatz zu betonen: „Alle unsere Handlungen, Veröffentlichungen
 usw. müssen so aussehen, als ob sie von einer festen,
stabilen Regierung stammten.“ Durch das Selbstvertrauen, das
sich in der Anwendung dieser Methode zeigt, eine Sicherheit
vorzutäuschen, die in Wirklichkeit noch gar nicht vorhanden ist,
Zelingt es dem Rate der Volkskommissare, sich Ansehen zu ver-Schaffen,
 Die Regierung betrachtet sich dabei ganz bewußt als
eine revolutionäre Regierung, die plan- und zielvoll den alten
militärischen und bürokratischen Apparat zerschlägt, mindestens
SO Umorganisiert, daß er als etwas zanz Andersartiges erscheint,
        <pb n="68" />
        36 2. Teil, Eroberung und Ausbau der politischen Macht,

wenn er dem neuen Machthaber Dienste leistet *®. Typisch ist dafür,
daß die Minister Volkskommissare genannt werden, — man möchte
eben in allem als ein neues Regime gelten, das anders ist als
das alte.
Daher nützt der Streik, der passive Widerstand der Bürokratie
nur den bolschewistischen Machthabern. Er erleichtert die Zerschlagung,
 die Auflösung des bisherigen Staatsapparates. Der
Vernichtung des alten Heeres dient die mit allen Kräften vorwärtsgetriebene
 Bereitschaft zu Friedensverhandlungen. Es wird den
einzelnen Truppenteilen die Erlaubnis gegeben, mit den ihnen
gegenüberliegenden Feinden Waffenruhen abzuschließen. Als der
Oberbefehlshaber des Heeres, Duchonin, sich weigert, die Waffenstillstandsverhandlungen
 zu eröffnen, wird er sofort telephonisch
abgesetzt. Der bolschewistische Oberbefehlshaber Krylenko erscheint
 mit einer Garde von ergebenen Soldaten und Matrosen im
Hauptquartier, der Haß des einfachen Soldaten gegen das Offizierskorps
 findet seine Befriedigung in der Ermordung Duchonins *®,
Die Zerschlagung des alten Herrschaftsapparates kommt der
Anarchie entgegen. Dadurch scheint sich die neue Gewalt mit ihr —
trotz aller theoretischen Forderungen, das Heer für die Revolution
zu erhalten — einfach zu identifizieren. Auch das berühmte Landdekret,
 das die bolschewistische Regierung gleich nach der Machtübernahme
 auf dem Rätekongreß publizierte, bewegt sich in dieser
Richtung. Dieses Dekret schafft das private Grundeigentum in
Rußland ab, in Wirklichkeit wird aber das Eigentum der Bauern
nicht angetastet, die konfiszierten Ländereien der öffentlichen
Hand, der Gutsbesitzer gehen an die Dorfkomitees und die Dorfräte
 über. Das Land wird seinen Bebauern überlassen. Man kann
dieses Dekret als einen besonders geschickten politischen Schachzug
 bezeichnen; zwar entspricht es an sich nicht dem bolschewistischen
 Agrarprogramm, das die Bedeutung der Großbetriebe in
der Landwirtschaft betont, aber in diesem Falle war die Übernahme
der populären sozialrevolutionären Forderung zur Politischen
Machtbehauptung zweckmäßig. Damit war die soziale Revolution,
die gewaltsame Landenteignung der Gutsbesitzer durch die Bauern
sanktioniert. Die Sozialrevolutionäre wollten dieses Gesetz erst
durch die Nationalversammlung erlassen. Die Bolschewisten nützten
diese Absicht für sich aus, indem sie das sozialrevolutionäre Gesetz
sofort in Kraft setzten, noch bevor der bolschewistische Rat der
Volkskommissare das Vertrauen des Rätekongresses bekommen
hatte. Sie erhielten dadurch eine feste soziale Basis. Die Bauernschaft
 war an das neue Regime, wenn auch nicht im Sinne direkter
        <pb n="69" />
        Die Legitimation der bolschewistischen Herrschaft. 57

Bejahung, gebunden, sie hatte kein Interesse, einen Umsturz zu
wünschen, der das enteignete Land den Gutsbesitzern wiedergegeben
 hätte. Das Dekret wirkte sich auch zunächst gegen die
Großbauern aus, machte die vielfach begonnene Auflösung der
Dorfigemeinde wieder rückgängig, führte zu einer Zersplitterung
des Lanbesitzes ®,
Außenpolitisch erfolgte der Bruch mit dem alten Regime nicht
nur durch den Verzicht auf alle Annexionen und die großrussische
Herrschaft über andere Nationen, die als erstes Dekret dem Rätekongreß
 bekanntgegeben wurde, und durch die Eröffnung der
Waffenstillstands- und Friedensverhandlungen — er erfolgte durch
die Annullierung der Auslandsschulden und die Publikation aller
Geheimverträge, Durch diese einschneidenden Maßnahmen gelang
gs den Bolschewisten, ihr Ziel zu erreichen; sie erschienen als ein
neues Regime, das den Massenwillen befriedigte.
Gleichzeitig wurden schon die Vorbereitungen für die neuen
Formen des Staates getroffen, an dem Heranwachsen einer neuen
Staatlichkeit gearbeitet. Die neue Regierung bezeichnete sich als
eine Regierung des werktätigen Volkes. Sie verkündete die Notwendigkeit,
 das gesamte Leben unter die Kontrolle der Werktätigen
 zu stellen; damit war auch die Möglichkeit gegeben,
die anarchischen Zustände in den Betrieben zu bejahen, um die
alte bürgerliche Machtstellung in der Wirtschaft zu vernichten.
Der Zerschlagung der bürgerlichen Gesellschaft diente die Abschaffung
 der bisherigen Justiz, die Ausschaltung der Möglichkeit,
 alte Gesetze aus der Zarenzeit und der Epoche der
Drovisorischen Regierung ohne Rücksicht auf die Revolution anzuwenden
 *, Die Anerkennung der Arbeit als Grundlage des Staates
und des Staatsbürgertums bereitete den Ausbau einer proletarischen
Klassendiktatur vor, in der bestimmte, den Bolschewisten feindliche
 Gruppen und Klassen von der politischen Macht ausgeschaltet
wurden. Nur die Werktätigen dürfen über die Geschicke des neuen
Regimes bestimmen, wird proklamiert, nur sie haben ja das Wahlrecht
 zu den souveränen Räten.

Die Legitimation der bolschewistischen Herrschaft,

Durch diese scheinbare Anpassung an die Anarchie, die aber nur
zum Zwecke der Zerschlagung der alten politischen und bürgerlichen
 Ordnung erfolgte, gelang es den Bolschewisten, eine eigene
Legitimation für ihre Herrschaft zu sichern. Damit hatten sie
etwas erreicht, was der provisorischen Regierung nicht gelungen
        <pb n="70" />
        58 2. Teil. Eroberung und Ausbau der politischen Macht.

war, Diese Legitimation war die Berufung auf den Willen der
Werktätigen, der sich bei den Massen in Form einer Ablehnung
der bisherigen Zustände, in der Agrarrevolution, der Friedenssehnsucht,
 der Auflösung des Heeres, dem Sinken der Disziplin in
den Betrieben usw., äußerte und von den Bolschewisten einfach
für ihr die gegenwärtige Ordnung verneinendes sozialistisches Programm
 in Anspruch genommen wurde. Diese Berufung wurde in
der Losung: „Alle Macht der Vertretung der werktätigen Massen,
den Räten“, formuliert, die sich unter Führung der Bolschewisten
gegen das bestehende staatliche und gesellschaftliche System
wandten.
Aber noch blieb in den ersten Monaten der bolschewistischen
Herrschaft eine große Unklarheit, — es blieb die Möglichkeit, daß
die in der Schlußzeit der Regierung Kerenskis und in den Anfangswochen
 des bolschewistischen Regimes gewählte Nationalversammlung
 sich gegen die bolschewistische Regierung wenden würde.
Trotz aller Wahlbeeinflussungen besaß diese Versammlung eine
ausgesprochen antibolschewistische Mehrheit, die aus Sozialrevolutionären
 bestand. Was würde die Nationalversammlung mit
den bolschewistischen Dekreten tun, die ihren Entscheidungen
vorgriffen? Diese Dekrete waren ja vielfach ausdrücklich als
Maßnahmen, welche die Nationalversammlung zu bestätigen hätte,
gekennzeichnet ?.
Von einer stets geäußerten prinzipiellen Feindschaft der Bolschewisten
 gegen die Nationalversammlung kann keine Rede sein. Sie
hatten ja selber während der Kerenski-Periode die sofortige Ansetzung
 der Wahlen verlangt. Um so schwerer schien die Gefahr
zu sein, die ihnen von der trotz der Ausschaltung der gegenrevolutionären
 Kadetten antibolschewistisch gebliebene Maiorität
der Utschredilka — wie die Nationalversammlung vielfach bezeichnet
 wurde —, drohte. Da entfaltete auf Veranlassung Lenins
die Parole: „Alle Macht dem werktätigen Volke und seiner Vertretung,
 den Räten“, ihre Wirksamkeit. Schon vor dem Zusammentritt
 der Nationalversammlung erließ das bolschewistische
Zentralkomitee eine Proklamation, in der betont wurde, daß die
Nationalversammlung sich auf die Seite der werktätigen Klassen
ınd ihrer Vertretung, der Räte, zu stellen habe. Die Regierung
sucht ihren Beginn hinauszuschieben. Sie soll nur zusammentreten,
wenn mindestens 400 Mitglieder in Petersburg versammelt sind,
eine Bedingung, die wegen der Verkehrsverhältnisse sehr schwer
zu erfüllen ist. Endlich, am 18. Januar, kann die Nationalversammlung
 eröffnet werden.
        <pb n="71" />
        Die Legitimation der bolschewistischen Herrschaft, 59

Die Bolschewisten besitzen 156 Abgeordnete; die Gesamtzahl der Abgeordneten
 beträgt 601. Bei 79 Wahlbezirken sind Anfang Januar die
Ergebnisse der 54 wichtigsten, die das europäische Rußland und Sibirien
ohne den Kaukasus, Turkestan und die Steppenregion umfassen, bekannt.
Etwa 36000000 Wähler haben gewählt. Die Sozialrevolutionäre haben
etwa 58°/o, die Bolschewisten etwa 25°, die als gegenrevolutionär erxlärten
 Kadetten etwa 5° der Stimmen bekommen ?

Die Bolschewisten betonen, daß die zum Teil vor dem Novembet*+
umsturz erfolgten Wahlen schon darum nicht Ausdruck des Volkswillens
 sind, weil sie auf Grund von veralteten Kandidatenlisten
erfolgten. In diesen Kandidatenlisten war die Spaltung der sozialrevolutionären
 Partei nicht berücksichtigt.
Die Nationalversammlung wurde also schon vor ihrem Zusammentritt
 diskreditiert. Die bolschewistische Parteileitung hatte
vom Rätevollzugsausschuß eine Erklärung der Grundrechte aller
Werktätigen annehmen lassen, in denen die wichtigsten Maßnahmen
 der bisherigen bolschewistischen Regierung kodifiziert
und zugleich propagandistisch formuliert waren: Streichung der
Schulden, Beijahung der Agrarrevolution, Wirtschaftskontrolle
durch die Werktätigen, Sozialisierung der Banken als Ausdruck
der Herrschaft der Werktätigen über die Gesellschaft usw. Der
bolschewistische Vorsitzende des Rätevollzugsausschusses, Swerdlow,
 legte bei der Eröffnung der Nationalversammlung diese Grundtechte-Erklärung
 vor, in deren Rahmen sich die Arbeit der Nationalversammlung
 abspielen sollte.
Die Nationalversammlung besaß keine Macht, die sie der bolschewistischen
 Regierung hätte entgegenstellen können. Ihre
Majorität hatte kein Ansehen mehr. Hatte sich nicht der Führer
lieser Maiorität, der rechte Sozialrevolutionär Tschernow, der
zum Präsidenten der Nationalversammlung gewählt wurde, wähtend
 der Kerenski-Periode als Agrarminister unmöglich gemacht
wegen seiner Schwäche und Handlungsunfähigkeit? So konnten
lie Bolschewisten die mit so vielen Hoffnungen als Beginn eines
neuen demokratischen Zeitalters erwartete Nationalversammlung
unter beschämenden Formen nach einer einzigen Dauersitzung,
in der unendlich viel geredet wurde, auseinanderjagen. Die Matrosen,
 die zur Überwachung bestimmt waren, erklärten, daß sie
ermüdet seien, und schlossen einfach die Tagung. Damit war die
Gefahr einer Absetzung der bolschewistischen Regierung durch
die aus allgemeinen Wahlen hervorgegangene Nationalversammlung
 beseitigt, die Macht war jetzt ohne allen provisorischen
Charakter den Räten und der sie bestimmenden bolschewistischen
        <pb n="72" />
        50 2. Teil. Eroberung und Ausbau der politischen Macht,

Partei übertragen. Rücksichtsloses Vorgehen, das scheinbar den
Volksinstinkten durch Beiahung entgegenkam, hatte zur politischen
 Festigung eines Regimes geführt, das sich auf die Räte als
Ausdruck des Willens der Werktätigen berief und bestimmte
propagandistische Ideale als Ausdruck des Willens der Massen
verkündete.

Die Festigung der bolschewistischen Macht.

Als die bolschewistische Regierung ihre Existenz einigermaßen
zesichert hatte, als die alten Machtapparate zertrümmert, die
außenpolitischen Gefahren durch den Frieden von Brest-Litowsk
abzewandt worden waren, den Lenin nach schweren Kämpfen
zegen eine starke innerparteiliche Opposition durchgeführt hatte,
4a richtete sich die Politik des Rates der Volkskommissare auf
aine Festigung der eigenen Machtmittel. An Stelle der alten
demobilisierten Armee begann man mit der Bildung einer. Roten
Armee, die die alten, nur für Straßenkämpfe mit bereits demoralisierten
 Truppen geeigneten sog. Roten Garden ersetzen sollte.
Trotzki wurde mit dieser Aufgabe betraut, der infolge der Annahme
 der deutschen Friedensbedingungen nach dem Scheitern
seiner Formel „Weder Krieg noch Frieden“ vom Außenkommissariat
 zurückgetreten war ?*. Gleichzeitig zeigte sich bereits deutlicher
als bisher die Wirksamkeit des von Lenin unter Berufung auf
Marx und das Vorbild der großen Französischen Revolution einzesetzten
 Terrororgans der revolutionären Macht, der sog. außersrdentlichen
 Kommission zur Bekämpfung der Spekulation, Gegentevolution
 und Sabotage, die nach den Anfangsbuchstaben des
russischen Namens Tscheka genannt wird.
Bereits im Januar hatte der dritte Rätekongreß die Deklaration
der Rechte des werktätigen Volkes angenommen, aus der dann im
Juli die erste Verfassung des bolschewistischen Staates, der russischen
 sozialistischen föderativen Republik, erwuchs. In ihr wurde
der Klassencharakter des Staates stark betont. Nur Proletarier,
Werktätige waren zu den Räten wahlberechtigt, also Vollbürger.
Der Staat bezeichnete sich als proletarischen Staat, den Nationen
wurde im Unterschiede zum alten Rußland — gemäß den nach dem
Oktoberumsturz verkündeten Prinzipien — weitgehend Freiheiten
eingeräumt bis zum theoretischen Rechte der Ablösung vom russischen
 Staate.
Die sog. Arbeiterkontrolle war schon am 16. November 1917 zur
Vernichtung der bürgerlichen Ordnung im Wirtschaftsleben ver-
        <pb n="73" />
        Die Festigung der bolschewistischen Macht. 61

kündet worden. Der erste Artikel dieses Dekretes lautet: „Zwecks
planmäßiger Regelung der Volkswirtschaft in allen gewerblichen
Mandels-, Jandwirtschaftlichen, Transport-, kooperativen Produktions-Gesellschaften
 und andern Unternehmen, die Lohnarbeiter
beschäftigen oder Heimarbeit vergeben, wird die Arbeiterkontrolle
über Produktion, Ankauf, Verkauf von Erzeugnissen und Rohmaterialien,
 ihre Aufbewahrung sowie über die finanzielle Seite
der Unternehmen eingeführt.“ Die Arbeiterkontrolle ging in die
Sozialisierung der Betriebe über, welche allmählich im Laufe des
Jahres 1918 durchgeführt wurde. Damit dehnte der Volkswirtschaftsrat
 seine Kompetenzen ständig immer mehr aus. Immer
mehr wurde auch die Meinungsfreiheit eingeengt; nicht nur in der
Wirtschaft, sondern auch im geistigen Leben sollte die Kontrolle
der bolschewistischen Partei bestimmend werden. Bereits wenige
Wochen nach der Machtergreifung wurden die Kadetten als gegenrevolutionäre
 Partei, als Feinde der werktätigen Masse, verboten ?,
Das gesamte Parteileben wurde praktisch beseitigt, da seit 1918
nur die sozialistischen Parteien geduldet wurden, die ihre Loyalität
gegenüber der Sowjetmacht bekundeten. Die Presse wurde zuerst
durch Strafverfahren vor dem revolutionären Pressetribunal geknebelt*®,
 bis seit dem Juli 1918 — von wenigen unbedeutenden
Organen abgesehen, die ein Scheinleben führten — nur bolschewistische
 Zeitungen erscheinen durften.
Gleichzeitig begann im Sommer die erste große Periode des
systematischen sog. Roten Terrors als Repressivmaßnahme gegen
Attentate auf bolschewistische Führer, darunter auch Lenin selber.
Die Todesstrafe war zwar nach der Oktoberrevolution theoretisch
abgeschafft worden, aber sie wurde von den zur Unterdrückung
der Gegenrevolution bestimmten Organen wie der Tscheka vollzogen,
 noch bevor die öffentlich verhandelnden bolschewistischen
Gerichte sie verhängten. Bald gingen aber auch diese Gerichte
zu ihrer Anwendung über. Im Sommer 1918 verurteilte das
Moskauer Revolutionstribunal den Admiral Tschaschni zum Tode
auf Betreiben Trotzkis, der also eine entscheidende Rolle bei
der Einführung der terroristischen Methoden gegen politische
Gegner gespielt hat.

Der starke Staat.

Der bolschewistische Staat wurde als starker Staat organisiert,
und zwar als starker Staat nicht nur gegen die bürgerliche Gesellschaft,
 sondern auch als starker Staat für das Proletariat. Er
kennt keine individuellen Rechte, welche seine Gewalt irgendwie
        <pb n="74" />
        62 2. Teil. Eroberung und Ausbau der politischen Macht,

begrenzen können ?!, Er kennt nur Rechte der Werktätigen, als deren
Erfüller er auftritt. Der proletarische Staat kann ohne Disziplin
nicht leben, — diese Erkenntnis setzte Lenin bald gegenüber utopischen
 Plänen und Anschauungen der ersten Zeit durch. Nicht
nur in der Roten Armee wurde größter Wert auf Disziplin und
Gehorsam gelegt — die Losung von der Wählbarkeit der Generäle
und Offiziere, welche die Bolschewisten in der ersten Zeit verkündet
 hatten, wurde bald in der Praxis vergessen und aufgehoben
 —, Disziplin wurde auch für die Arbeit in den Betrieben
gefordert. Ohne die Anwendung der modernsten Arbeitsmethoden,
Akkordlohn, Taylorsystem, ist eine sozialistische Wirtschaft unmöglich,
 verkündeten sowohl Lenin wie Trotzki. Die eiserne
Disziplin in den Reihen der herrschenden kommunistischen Partei
sollte für das ganze Land vorbildlich werden; die Herrschaft der
Bolschewisten sollte nicht eine Fortsetzung des schwächlich
jämmerlichen Regimes Kerenskis sein, der bolschewistische Staat
sollte wirklich die ganze Gesellschaft bestimmen, gerade weil er
sich als Ausdruck der proletarischen Klasse betrachtete, die ihr
Gehirn in der bolschewistischen Partei besaß *®,
Bei dem Aufbau seines starken Staates wandte Lenin zwei Methoden
 an: eiserne Rücksichtslosigkeit und unaufhörliche Massenpropaganda.
 Gerade in der Rücksichtslosigkeit sollte. sich die
Energie, der Stolz, die Siegesgewißheit, das Sendungsbewußtsein
der werktätigen Massen und ihrer Führung, der bolschewistischen
Partei, zeigen. Im Unterschied zum alten russischen Reich sollte
der neue Staat ein unmittelbarer Ausdruck des Volkes sein, mochte
er auch seine Macht auf alle Gebiete des Lebens mit eiserner
Konsequenz und Rücksichtslosigkeit erstrecken. Die Ausschaltung
der individuellen Freiheiten, der öffentlichen Meinung, die mit
brutalsten Mitteln erfolgende Zertrümmerung aller Gruppen, aus
denen möglicherweise gegenrevolutionäre Verschwörungen hätten
erstehen können, die Proklamation des Klassenterrors, durch den
der Bürger auch bei Fehlen eines individuellen Vergehens einfach
wegen seiner Klassenzugehörigkeit betroffen wurde, das Absehen
von jeder Rücksicht auf Menschlichkeit und Tradition — all das
erfolgte, wie die Propaganda immer wieder verkündete, nur im
Interesse des werktätigen Volkes. Das alte, barbarische Geiselsystem
 wurde wieder eingeführt; die Frauen und Angehörigen
der zaristischen Offiziere, die in der Roten Armee dienten, wurden
als Unterpfand für die Treue ihrer Männer und Verwandten angesehen,
 die Klassenjustiz wurde in Prozessen rücksichtslos
gehandhabt; das Bürgertum in seiner äußern Stellung nicht nur
        <pb n="75" />
        Der starke Staat,

63

durch politische Entrechtung, sondern auch durch direkte Ausplünderung
 vernichtet (durch Wochen, die zur Konfiskation von
Wäsche und Kleidern dienten, radikale Beschränkung in seinen
Wohnrechten, Benachteiligung in der Verpflegung und Einführung
des „Numerus clausus‘“ für seine Kinder in den Bildungsanstalten).
Dieser Vernichtungsprozeß gegen alle Schichten, die möglicherweise
gegnerisch eingestellt waren, eines Tages aktiven Widerstand
hätten leisten können, sollte zugleich die Festigkeit des neuen.
Staates erweisen. Den Arbeitermassen sollten die Leiden der
Gegenwart, die Opfer, die ihnen die Zerrüttung des Wirtschaftslebens,
 das Versagen der Lebensmittelversorgung, die eiserne
Disziplin, die Schrecken der Bürgerkriege auferlegten, dadurch erträglich
 gemacht werden, daß sie von ihrem eigenen Staate ausgingen.
 Sie selber waren es — der Verbreitung dieses Glaubens
diente die Propaganda —, die sich zu Opfern zwangen.
Diese Entwicklung des bolschewistischen Staates zu einem
absoluten Staate im extremsten Sinne des Wortes, zu einem totalen,
 alles gesellschaftliche Leben in seine Botmäßigkeit bringenden
Staate? wurde durch die bereits 1918 beginnende Periode der
Bürgerkriege und der Blockade seitens der Ententemächte gefördert.
 Der Kampf gegen die verschiedenen Weißen Armeen in
Sibirien und dem Ural, in der Ukraine, in Estland und in Nordrußland
 lieferte die besten Vorwände für die Verwandlung Rußlands
 in eine Riesenfestung, von deren Bewohnern alle überhaupt
nur möglichen Opfer verlangt wurden. Da konnte keine Rücksicht
auf Menschlichkeit und Tradition mehr gelten. Die Gegenrevolution
rechtfertigte die Wiedereinführung der Todesstrafe, welche die
angeblich so gutmütige proletarische Regierung zuerst abgeschafft
hatte. Da ging es um Sein oder Nichtsein des proletarischen
Staates, da konnten die Leiden und Schrecken des bolschewistischen
Regimes nach dem Vorbilde der französischen Revolutionsterroristen
 einfach aus dem Drucke der äußern Gegner erklärt werden.
Es war angeblich nur die drohende Gegenrevolution, welche
zum Terror zwang, zur rücksichtslosen Disziplin, zur Hintansetzung
 humanitärer Rücksicht. Da gab es die Möglichkeit, den
Enthusiasmus der Anhänger zu entfesseln durch den Hinweis auf
den Egoismus der Gegner, die nur das alte Rußland mit seinen
unselbständigen Massen und seinen Gutsbesitzern wieder her-Stellen
 wollten. Da konnte ihnen gegenüber das bolschewistische
Regime fast als das nationale Regime gefeiert werden, — hatte es
doch jede Abhängigkeit von den Westmächten durch die Streichung
 der Schulden beseitigt. Ohne die bolschewistische Revolu-
        <pb n="76" />
        64 2. Teil. Eroberung und Ausbau der politischen Macht.

tion wäre Rußland zu einer Kolonie des internationalen Kapitals
geworden, so verkündeten bolschewistische Propagandisten. Bereits
 1920 muß Trotzki sich gegen Bestrebungen wenden, die allzu
eifrig den Krieg der Bolschewisten mit Polen, das mit dem weißen
General Wrangel verbündet ist, als einen nationalen Krieg feiern.
Die Periode des Bürgerkrieges gab den bequemen Vorwand für
den Ausbau des absolutistischen bolschewistischen Staates, der
aber auch ohne sie entstanden wäre, da er ganz der Auffassung
und dem Aufbau der bolschewistischen Partei entsprach.

Die Organisation des bolschewistischen Staates.

Es hat keinen Sinn, auf die Finzelheiten der Verfassung und
Verwaltungsgeschichte des bolschewistischen Staates einzugehen,
wenn es gilt, die politische Wirklichkeit im heutigen Rußland zu
schildern ®. Daher ist eine Beschreibung der beiden Verfassungen
von 1918 und 1923 unnötig. Es kommt nicht auf ihre geschriebenen
Finzelbestimmungen an, sondern auf die politisch-gesellschaftlichen
Mächte, die in Wirklichkeit maßgebend sind. Zunächst muß da
hervorgehoben werden, daß die verbreitete Vorstellung von dem
Frsatze des Parlaments durch die Räte (Sowiets) völlig falsch
ist. Zwar ist Rußland dem Namen nach eine Räterepublik. Das
höchste Regierungsorgan ist der Vollzugsausschuß des Rätekongresses
 und sein Präsidium, an dessen Spitze heute Kalinin
steht. Dieses Präsidium hat das Recht, die Beobachtung der Verfassung
 und die Erfüllung der Weisungen des Rätekongresses zu
kontrollieren. Das Präsidium ist zwischen den Perioden der Vollsitzung
 des Vollzugsausschusses die höchste gesetzgebende, ausführende
 und anordnende Gewalt. Das Präsidium wird durch den
Vollzugsausschuß gewählt, der wiederum selbst als Vertreter der
Räte erscheint. Man könnte also meinen, daß die Räte eine Art
allmächtiges Parlament darstellen, das durch bestimmte Vertretungen
 regiert, überhaupt alle Akte der Staatsgewalt bestimmt.
Aber in Wirklichkeit sind die Räte keinesfalls Institutionen, die
man mit einem allmächtigen Parlamente vergleichen kann. Gewiß,
ursprünglich war die Losung: „Alle Macht den Räten!“ die Plattform
 der Bolschewisten im Kampfe gegen die provisorische Regierung
 und für die Schwächung der Nationalversammlung. Die
Räte waren es, welche die bolschewistische Regierung legitimierten.
Aber je sicherer die bolschewistische Herrschaft wurde, um so
mehr sank die Selbständigkeit der Räte. Sie wurden aus Trägern
des proletarischen Diktaturstaates zu sog. politischen Organen der
        <pb n="77" />
        Die Organisation des bolschewistischen Staates, 65

Proletarischen Diktatur. Der zweite Rätekongreß diente zwar noch
dazu, die Macht der bolschewistischen Regierung als rechtmäßig
zu bestätigen, so daß sie als Ausdruck seines Willens erschien,
aber seitdem sind die Räte zu Werkzeugen der bolschewistischen
Partei geworden. In ihnen sind die kommunistischen Fraktionen
maßgebend und die von den Kommunisten zugelassenen, zur Verbindung
 mit den Massen bestimmten sog. Parteilosen. Parteien
außer der bolschewistischen gibt es heute in den Räten nicht,
selbst‘ die zuerst geduldete, machtlose, kleine Opposition der
nichtbolschewistischen sozialistischen Parteien ist heute verschwunden.
 Diese Entwicklung hängt mit dem Wahlrecht zusammen,
 auf dem die Räte beruhen.
Die bolschewistische Partei entscheidet über die Liste sowohl
der Wähler wie der zu Wählenden. Die Wähler haben den Listen,
die ihnen vorgesetzt werden, durch Zuruf zuzustimmen. Gewiß,
unwichtige Kandidaten können von den Wählern ausgeschaltet
werden; das dient. gerade zur sog. Aktivierung der Massen, aber
diese Ausschaltung ist für die Gesamtzusammensetzung der Räte
Ohne Belang. Dazu kommt noch, daß mißliebige Räte sofort aufgelöst
 werden können — etwa unter Berufung darauf, daß bei der
für sie geführten Wahlkampagne die Masse zu wenig beteiligt
worden sei, die Wählerlisten falsch aufgestellt worden seien USW.
Man benützt auch die Einrichtung des imperativen, d. h. an Erfüllung
 bestimmter Aufträge seitens des Wählers gebundenen
Mandates als Vorwand, um mißliebige Mitglieder zu entfernen.
Als Trotzki und Genossen wegen steter Opposition gegen die
herrschende Parteileitung aus der Partei ausgeschlossen wurden,
erfolgte auch ihre Abberufung aus dem Vollzugsausschuß der Räte.
Die Wahlen zu den Räten kann man also nicht mit den Wahlen
zu parlamentarischen Körperschaften vergleichen. Freie Wahlen
gäben ja die Möglichkeit zur Agitation, sei es auch nur unter den
Werktätigen, gegen die bolschewistische Partei. Das ist natürlich
im bolschewistischen Staate ausgeschlossen. Die Rätewahlen haben
da nur die Bedeutung, die Verbindung mit den Massen aufrechtzuerhalten.
 Durch die Wahlen sollen die Massen aktiviert, politisch
 am Regime interessiert werden. Die Wahlen geben die
Gelegenheit, neue Elemente der Massen für die direkte Arbeit im
bolschewistischen Staate zu gewinnen. Nur darum werden überhaupt
 Wahlkampagnen veranstaltet. Sie sollen zugleich Aufklärung
bringen und die Zustimmung der Massen zum herrschenden
Regime beweisen. Sie sind politische Mittel des Kampfes der
herrschenden Klasse gegen die früher herrschenden Schichten.

Gurian, Der Bolschewiamus.
        <pb n="78" />
        56 2, Teil. Eroberung und Ausbau der politischen Macht,

Sie werden benützt, um gegen das Kulakentum, die reiche Bauernschaft,
 vorzugehen, um der städtischen Arbeiterschaft Rechenschaft
 über die politischen und wirtschaftlichen Erfolge abzulegen,
um ihr die Tagesaufgaben eindringlich vor Augen zu führen.
Die Räte haben zwar keine selbständige Stellung gegenüber der
Partei, aber sie können doch als Mittel für das. Vorgehen der
Parteileitung gegen einzelne mißliebige Teilorganisationen und
Persönlichkeiten dienen: da werden etwa die Wahlen kassiert,
weil es den lokalen Parteiorganen nicht gelungen sei, eine genügende
 Aktivität der Massen durch die Wahlkampagne zu schaffen.
Da werden Räte aufgelöst, weil in sie mißliebige Elemente hineingekommen
 sind usw. Das Rätesystem ist also nur eine Verbindung
zwischen der bolschewistischen Parteileitung und den Massen;
den Räten eine selbständige Bedeutung heute zuzuschreiben, wäre
nur ein Zeichen dafür, daß die Grundlagen des bolschewistischen
Staates hinter Fassadenbestimmungen nicht gesehen werden,
Zu beachten ist auch die Tatsache, daß die führenden Räteorgane
(z. B. Rätekongreß, Vollzugsausschuß usw.) nicht von den Urwählern,
sondern indirekt, von den nächstniederen Organen gewählt werden; infolgedessen
 steigt in ihnen, je höher sie sind, die Zahl und Bedeutung der
Kommunisten, der Vertreter der führenden Partei.
Genau die gleiche Aufgabe wie die Räte hat auch das. berühmte,
von den Bolschewisten als Zeichen der Überlegenheit über den
schwerfälligen Staat des modernen Europa gefeierte Prinzip der
Einheit aller Gewalten im bolschewistischen Staat. Da gibt es
keine Trennung zwischen Verwaltung, Gesetzgebung, Justiz. Da
ist es durchaus möglich, daß Gerichtsurteile aus politischen
Gründen abgeändert werden, daß Lenin einem bolschewistischen
Gericht vorwirit, nicht streng genug gegen Schädlinge usw. vorgegangen
 zu sein. Da gibt es keine Möglichkeit, sich auf Rechtsgarantien
 gegenüber politischen Bestimmungen zu berufen. Alles
steht unter einem Interesse: der Aufrechterhaltung des proletarischen
 Staates, d. h. der Herrschaft der bolschewistischen Partei.
Infolgedessen sind auch alle Gesetze unter dem Vorbehalt gestellt,
daß die höchste Norm die Sicherheit der bestehenden Ordnung,
also des proletarischen Staates ist. Gesetze können jederzeit aufgehoben
 und abgeändert werden; auch die Verfassung unterliegt
der steten Möglichkeit einer Abänderung. Damit soll natürlich
die Schlagkraft des Staates gefestigt werden, in Wirklichkeit aber
wird damit nur die unumschränkte Herrschaft der maßgebenden
Partei formuliert. Sie soll durch keinen ihren Willen einengenden
Formalismus gebunden sein, ihre Akte sollen sofort wirksam
        <pb n="79" />
        Die Stellung der bolschewistischen Partei im Staate: 67

werden. Gewiß, diese Unbeschränktheit der Macht begrenzen
wie in einer absoluten Monarchie bestimmte Gewohnheiten und
Rücksichten politischer Art. Praktisch hat diese Allmacht des
Parteistaates nur zu einem Streben des einzelnen Staatsvertreters,
sich der Verantwortung zu entziehen, geführt, also zu einem ungeheuren
 Anwachsen der in Aktenmassen erstickenden Bürokratie,
Aber gerade dieses Streben bildet nur ein schwaches Gegengewicht
 zur Allmacht der herrschenden politischen Gewalt, — sie’
kann gegen diese Hemmungen sich immer wieder zu wehren
suchen etwa durch plötzliche Bildung von neuen Körperschaften
mit außerordentlichen Rechten zur Kontrolle durch Erlaß umwälzender
 Verordnungen usw.
Der ganze bolschewistische Staatsapparat gleicht einer schwerfälligen
 Maschine, die plötzlich durch überraschende Dampfzufuhr
zu einer gesteigerten Arbeitsleistung wenigstens für einige Augenblicke
 gebracht werden kann, was aber keineswegs hindert, daß
sie im nächsten Augenblick wieder in die alte Arbeitsunfähigkeit
zurückfällt, Durch das System der praktisch ungehemmten politischen
 Gewalt wird die Ausschaltung eines organisierten, offenen
politischen Widerstandes bewirkt. Dieser Widerstand kann sich
hur indirekt äußern durch Kompetenzkonflikte, durch sog. Bürokratismus,
 der die Anweisungen der Zentralstellen rein formali-Stisch,
 buchstabengetreu, ohne auf den Sinn zu achten, erfüllt,
liegen läßt usw.

Die Stellung der bolschewistischen Partei im Staate.

Der Sinn des gesamten Staatsaufbaues besteht darin, der herrschenden
 bolschewistischen Partei die stärkste Position zu schaffen,
d. h. ihr die Möglichkeit zu geben, in alle Gebiete des gesellschaftlichen
 Lebens einzugreifen. Es gibt keine Rechte, welche diese
Herrschaftsposition beschränken können. Der Staat benützt z.B.
seine Herrschaft über den Arbeitsmarkt dazu, das gesamte Leben
seiner Politik zu unterwerfen. Es gibt nur eine Öffentlichkeit,
nämlich die Öffentlichkeit der bolschewistischen Partei. Die Öffentlichkeit
 hat nur den Zweck, dem Lande, dem Volke die Weisungen
der bolschewistischen Partei, der den Staat bestimmenden bolschewistischen
 Parteileitung zu übermitteln, ihnen zu suggerieren, daß
diese Weisungen und Direktiven den werktätigen Massen dienen.
Diese rechtlich unumschränkte Diktatur weiß aber genau: um ihre
tatsächlichen Grenzen. Sie richtet sich schon dadurch nach dem
Massenwillen, daß sie ihre Losungen in die Massen schleudert,
K
        <pb n="80" />
        68 2. Teil. Eroberung und Ausbau der politischen Macht.

sie also gleichsam von den Massen bestätigen läßt, und sie ist
bereit, alle Möglichkeiten gesellschaftlicher Art auszunützen, die
sie als eine Massenherrschaft erscheinen lassen, als ein Regime,
 das den Massen wirklich entspricht, sie wirklich heranzieht
und nicht von oben als willenlose Herden behandelt wie das alte
zaristische Regime.
Dieses Bestreben zeigt sich typisch in der bolschewistischen
Nationalitätenpolitik *, Alle Nationen sollen im bolschewistischen
Staate sich entwickeln können, — es soll mit dem System der
großrussischen Vorherrschaft, des sog. großrussischen Chauvinismus,
 gebrochen werden. Zuerst war der bolschewistische Staat
eine föderative Republik; heute bildet er einen Bund von Sowietrepubliken,
 der auf einem Vertrage zwischen den sieben Bundesrepubliken
 Rußland, Ukraine, Weißrußland, Transkaukasien, Turkmenien,
 Usbekenrepublik und Tadschikenrepublik beruht. In diesem
Bunde ist den einzelnen Mitgliedern eine scheinbar außerordentlich
große Freiheit eingeräumt. Ausdrücklich ist in der Verfassung das
Recht des freien Austritts aus dem Bunde garantiert. Zu beachten
ist auch, daß die einzelnen Bundesrepubliken wiederum die Selbstbestimmung
 der auf ihrem Gebiete wohnenden Nationalitäten
kennen; die russische und transkaukasische Republik heißen ausdrücklich
 föderative Republiken. Es wird durch Verfassungsbestimmungen
 garantiert, daß die einzelnen Bundesglieder Einfluß
auf die Zentralorgane bekommen, — es ist ein eigener Nationalitätenrat
 geschaffen; das geistige kulturelle Leben der einzelnen
Nationen wird ihnen überlassen, die Sprache wird als Verwaltungssprache
 benützt, die im Verwaltungsbezirke als Alltags- und Verkehrssprache
 dient, Dabei soll es der Theorie nach keine bevorzugte
 Sprache geben.
Aber dieser kunstvoll aufgebaute föderalistische Apparat begrenzt
 in keiner Weise die unumschränkte Allmacht der Partei, Er
soll nur dazu dienen, Organe zu schaffen, die die Weisungen der
Zentrale an die Massen der verschiedenen Nationen und Bezirke
in einer ihnen verständlichen Weise vermitteln, die das Leben der
Massen so gestalten, daß das bolschewistische Regime als das sie
erziehende, zur Freiheit und zum Selbstbewußtsein führende Regime
 erscheint. Die gemeinsame Basis aller Staatsinstitutionen,
aller Bundesrepubliken ist die bolschewistische Partei; der Rücksicht
 auf die bolschewistische Partei hat sich alles andere unterzuordnen.
 Opposition gegen die Partei kann ebenso als Ausbruch
eines großrussischen Chauvinismus wie eines bürgerlichen Nationalismus
 verurteilt werden. Die Nationen haben nur insoweit
        <pb n="81" />
        Der allmächtige Parteistaat.

59

Selbstbestimmungsrecht, als sie sich innerhalb des Rahmens des
Bolschewismus bewegen. Das Proletariat steht vor der Nation,
und so können sich politische Maßnahmen aus Klassenkampfgründen
 direkt gegen einzelne Nationen auswirken, wie es z. B. bei
den Wolgadeutschen der Fall war, die infolge ihrer gesellschaftlichen
 Schichtung durch den Kampf gegen den reichen Bauern
besonders hart getroffen wurden.
Die Kulturautonomie, welche den verschiedenen Nationen übers
lassen wird, hat in keiner Weise zu einer Schwächung der zentralen
 Gewalt geführt; das beweist die Aufzählung der Rechte,
welche der Verfassung nach den Bundesorganen überlassen sind:
Außenpolitik, Anleihepolitik, Außenhandel und System des Innenhandels,
 - Volkswirtschaftsführung, Transport, Post- und Telegraphenwesen,
 das Einheitsbudget, in das auch die Budgets der
einzelnen Bundesrepubliken eingehen, Leitung der Steuerpolitik
auch in den Bundesrepubliken, Geld- und Kreditsystem, Agrarpolitik,
 Grundlagen der Arbeitsgesetzgebung, allgemeine Normen
der Volksbildung, der Volkshygiene, Entscheidung der Streitfragen,
die unter den Bundesrepubliken entstehen. Diese Aufzählung —
und sie ist nicht einmal vollständig — beweist, daß der Zentralismus
 in Rußland keineswegs etwa durch die bundesstaatliche Verfassung
 geschwächt wird; die Bundesstaaten und die Nationalitätenpolitik
 dienen als Fassaden für den ausschließlich von der
bolschewistischen Partei bestimmten Kurs. Daß sie dabei als
Erziehungsmittel der Massen, als Gelegenheiten für aufstrebende
Massen und ihre Vertreter sich zu betätigen, von großer Bedeutung
sind, ist allerdings fraglos.

Der allmächtige Parteistaat.

Hinter allen Fassaden, welche die Finheit des bolschewistischen
Staates mit den werktätigen, von den bisherigen Regierungen unterdrückten
 Massen sichtbar machen sollen, hinter dem Rätesystem
wie der bundesstaatlichen Organisation, birgt sich nur eine Wirklichkeit,
 die man mit dem einfachen Satze umschreiben kann:
Der Staat der Werktätigen ist die unbeschränkte Herrschaft der
bolschewistischen Partei. Staat und Partei sind insofern eine
Einheit, als alle Staatsinstitutionen nur Machtapparate in Parteihänden
 sind, um die Gesellschaft zu lenken und ihre Entwicklung
zu bestimmen. Der bolschewistische Staat ist also kein Staat, der
das allgemeine Wohl aller seiner Bürger will, er ist ganz bewußt
ein Parteistaat, das Instrument einer Partei, um ihre Herrschaft
        <pb n="82" />
        70 1. Teil. Eroberung und Ausbau der politischen Macht,

auszuüben und für bestimmte Gesellschaftsschichten Umwandiungen
 zu erwirken, die keinesfalls allen Staatsbürgern von Nutzen
sein können und wollen. Daher werden prinzipiell alle Möglichkeiten
 abgelehnt, welche die Wirksamkeit des Gewaltapparates,
den der Staat nach bolschewistischer Auffassung darstellt, schwächen
 und in bestimmte Grenzen weisen können. Die Machtbehauptung
 der bolschewistischen Partei — nichts anderes — soll
der bolschewistische Staat erreichen. Daher gibt es für ihn keine
Menschlichkeitsrücksichten, keine Traditionen, die seine Gewaltanwendungen
 in bestimmten Fällen mäßigen, wie es etwa in
absolutistischen Staaten der Fall ist, keine allgemeinen Menschenınd
 Grundrechte, die der Staat zu beachten und zu erfüllen hat.
Der Staat kennt nur ein Recht; es ist das Recht der ihn als
Apparat benützenden bolschewistischen Partei zur Machtbehauptung.
 Mit dieser Machtbehauptung ist seine Existenz gerechtfertigt,
daher ist diese Machtbehauptung, die Erhaltung des proletarischen
Staates, die Förderung der ihn beherrschenden bolschewistischen
Partei und ihrer Politik, seine Grundlage auf allen Gebieten;
sie bestimmt ihn bei allen seinen Lebensäußerungen und Betätigungen.

Wenn der Gewaltanwendung gegen Nichtbolschewisten Grenzen
gesetzt werden, so ist das eine reine Zweckmäßigkeitsfrage. Was
zweckmäßig ist, entscheidet die bolschewistische Partei, und so
kann es seiner ganzen Struktur nach im bolschewistischen Staate
keine Trennung der Gewalten mehr geben, wie sie für den modernen
 bürgerlichen Rechtsstaat charakteristisch ist. Das hängt
mit seinem Absolutismus zusammen, ist nicht ein Ausdruck einer
Überlegenheit, etwa des Bestrebens, keinen Formalismus in der
Verwaltung aufkommen zu lassen, sich in allen seinen Handlungen
nach den unmittelbaren Lebensnotwendigkeiten und nicht nach
rasch sich ändernden Verhältnissen gegenüber unzureichenden
Rechten zu richten. Die Vereinigung aller Gewalten in der Hand
der ihn beherrschenden bolschewistischen Partei, das Zusammenfallen
 des Rechtes mit der Rücksicht auf die Notwendigkeit seiner
Existenz und die Politik der Bolschewisten ist nur Ausdruck der
Tatsache, daß für ihn die Formel charakteristisch ist: Die Macht
der herrschenden Partei ist unbegrenzt; sie fällt im bolschewistischen
 Regime mit dem Rechte überhaupt zusammen. Es handelt
sich also keineswegs um Notstandsmaßnahmen, die wieder beseitigt
werden können, wenn es im bolschewistischen Staate weder
Meinungs- noch Versammlungsfreiheit gibt, wenn alle nichtholschewistischen
 Ansichten und Gruppen, Gemeinschaften wie die
        <pb n="83" />
        Justiz und Terror.

71

Kirchen, Sekten usw. nur aus politischen Zweckmäßigkeitserwägungen
 toleriert werden. In dieser Unduldsamkeit zeigt sich nur
das Zusammenfallen der bolschewistischen Partei mit dem Staate.
Gewiß, die bolschewistische Partei ist mehr als der Staat, der als
Gewaltapparat nur in der gegebenen Gesellschaftsordnung existiert,
deren Abänderung von der bolschewistischen Partei mit allen
Mitteln erstrebt wird — insofern gibt es in der bestehenden Staatsordnung
 Konzessionen daran, daß das Ziel der Partei noch nicht
erreicht ist, daß es also noch Menschen gibt, die der Partei feindlich
 oder gleichgültig oder von Unwissenheit bestimmt gegenüberstehen
 —, aber prinzipiell kann es kein Recht gegen die Partei
zeben.

Justiz und Terror.

Nach der Staatsauffassung des Bolschewismus ist der Staat ein
Machtinstrument, das dazu dient, ein politisch-gesellschaftliches,
den ganzen Menschen wandelndes und bestimmendes Programm
durchzusetzen. Die Herrschaft der bolschewistischen Partei muß
also unbedingt auf jede nur mögliche Weise gesichert werden. Die
Eigenart der Justiz in der Sowjetunion besteht darin, daß sie offen
als ein politisches Instrument, als eine Waffe der proletarischen
Diktatur angesehen wird. Eine kurze Darlegung ihrer Grundlagen
soll daher unter besonderer Berücksichtigung des Strafrechtes den
von den Bolschewisten geschaffenen Staatstyp näher charakterisieren.


Im bolschewistischen Staat gibt es für den einzelnen keinen
Anspruch, nach bestimmten Gesetzesvorschriften in einem mit
bestimmten Schutzgarantien für den Angeklagten gesicherten
Verfahren abgeurteilt zu werden. Der Staat hat das Recht, gegen
Personen, die seine Existenz bedrohen oder der Entwicklung seiner
Politik schädlich sind, mit Hilfe von Verwaltungsmaßnahmen vorzugehen.
 Auch das Strafgesetzbuch dient der politischen Zwecksetzung;
 die nach ihm vorgehenden Gerichtsverfahren dürfen in
ihren Urteilen, wie die Sowijetiuristen immer wieder betonen, nicht
mit dem revolutionären Bewußtsein in Widerspruch geraten. Aber
neben den Verfahren, die an das geschriebene Gesetz, an das 1923
eingeführte Strafgesetzbuch gebunden sind, hat sich der bolschewistische
 Staat die Möglichkeit vorbehalten, alle Vergehen und
alle Klassengegner direkt ohıne die Hemmung eines öffentlichen
Gerichtsverfahrens zu erledigen. Dieser Anspruch des bolschewi-Stischen
 Staates, seine Gewalt unmittelbar zu äußern, ist in seiner
Anerkennung des Terrors als staatlich-politischen Mittels begrün-
        <pb n="84" />
        72 2. Teil. Eroberung und Ausbau der politischen Macht.

det®, Und zwar ist dieser Terror nicht etwa aufgehoben worden,
nachdem sich die politische Herrschaft der bolschewistischen Partei
gefestigt hatte. Diese Festigung hat nur dazu geführt, daß die
Tscheka, die außerordentliche Kommission zur Bekämpfung der
Gegenrevolution, in GPU, d. h. politische Verwaltung, umbenannt
wurde, Die Versuche der Justizverwaltung, insbesondere des bekannten
 Staatsanwaltes Krylenko, der Tscheka die richterlichen
Funktionen abzuerkennen, sind miß'ungen. Nur zeitweise gelang es
den Gerichten, die Befugnisse der Tscheka einzuschränken ®®, Aber
im Endresultat hat die Tscheka über die juridischen Gegner gesiegt;
die GPU besitzt heute alle Befugnisse, die einem Gerichte zukommen:
 sie kann verhaften und schwerste Strafen, also auch die
Todesstrafe, verhängen. Ihr Verfahren ist an keine Rechtsgarantie
für den von ihr Beschuldigten gebunden. Sie braucht ihre Anklagen
 nicht in der Öffentlichkeit zu vertreten, die Ergebnisse ihrer
Untersuchungen bekannt zu geben, die Gründe ihres Urteils genau
zu bestimmen. Von einem geordneten Verfahren, in dem etwa der
Angeklagte den Zeugen gegenübergestellt wird, ist natürlich keine
Rede, Die Maßnahmen der GPU sind nur von politischen Instanzen
abhängig; nur die Partei kann tatsächlich über sie bestimmen, in
sie eingreifen. In der GPU kommt die bolschewistische Rechtsauffassung
 zu einem besonders klaren Ausdruck.
Das Recht soll, wie es der bolschewistische Rechtstheoretiker
Stutschka formuliert hat, „nur das System oder die Ordnung der
gesellschaftlichen Beziehungen sein, die den Interessen der herrschenden
 Klasse (also des Proletariates und seiner Partei) entsprechen
 und die durch seine organisierten Kräfte, d. h. durch den
Staat, geschützt werden“, Die GPU läßt sich also, durchaus im
Einklang mit der bolschewistischen Rechtsauffassung, in ihren
Maßnahmen nur von politischen Interessen leiten. Sie greift in
Zeiten einer Geldkrise, einer drohenden Inflation gegen Silberhamsterer
 zu Abschreckungszwecken mit Todesurteilen ein; sie
teilt mit, daß auf Grund des Beschlusses ihres leitenden Kollegiums
einige von ihnen erschossen worden sind. Sie macht bekannt, daß
sie eine gegenrevolutionäre Verschwörung unter führenden Beamten
eines Volkskommissariats entdeckt habe und ihre Häupter bereits
hingerichtet habe. Sie verkündet, wenn die Nachricht von einem
Attentat auf einen bolschewistischen Diplomaten gekommen ist,
daß sie zum Erweise der unerschütterlichen Macht des proletarischen
 Staates einige in ihren Gefängnissen festgesetzte, der
Gegenrevolution Verdächtige erledigt habe. Sie will nicht einer
allgemeinen Gerechtigkeit dienen, sie ist ihrem ganzen Charakter
        <pb n="85" />
        Justiz und Terror.

73

nach mehr als ein Instrument zur Aufdeckung von Verschwörungen,
Sabotageversuchen usw.; sie ist ein Instrument der politischsozialen
 Abschreckung. Der Terror gehört zum Rechte der
herrschenden Klasse, da er der Erhaltung ihrer Herrschaft förderlich
 ist.

Es liegen keine zuverlässigen Angaben über die Wirksamkeit der
Tscheka und der GPU vor; denn sie sind nicht zur Veröffentlichung ihrer
Urteile verpflichtet; dazu kommt noch, daß in den ersten Jahren derbolschewistischen
 Herrschaft Massenhinrichtungen vollzogen worden sind,
einfach auf Weisung der lokalen Zweigstellen, die heute statistisch kaum
noch zu erfassen sind. Die Emigranten geben 1860 000 (nach Iliin in dem
Buche „Welt vor dem Abgrund‘) an, darunter sollen sich 28 Bischöfe,
1200 Priester, 6000 Lehrer und Professoren, 8800 Ärzte, 54000 Offiziere,
260 000 Soldaten, 105 000 Polizeioffiziere, 48 000 Gendarmen, 12 800 Beamte,
355000 andere Intellektuelle, 192 000 Arbeiterproletarier, 815000 Bauern
befinden. In diesen Zahlen sind wahrscheinlich viele Opfer des Bürgerkrieges
 eingeschlossen.
Einige Zitate mögen den organisierten Charakter des Roten Terrors
zeigen. Nach der Ermordung Uritzkis, des Vorsitzenden der Petrograder
Tscheka, schrieb die „Rote Zeitung“ von Petrograd: „Auf zum Terror
gegen die Lebenden [d. h. lebenden Bourgeois] ... Genossen, Matrosen,
Arbeiter und Soldaten! Zerstört und vernichtet die Reste der Weißgardisten
 und der Bourgeoisie! Tod der Bourgeoisie! — das muß die
Parole werden, Tod der Bourgeoisie!“ Die Petrograder Tscheka hat in
einer Nacht 512 Geiseln erschießen lassen. Am 3. September erließ der
Volkskommissar des Innern, Petrowski, folgenden Befehl: „Der Schlappheit
 und Sentimentalität muß sofort ein Ende gemacht werden. Die örtlichen
 Sowjets müssen alle ihnen bekannten rechten Sozialrevolutionäre
sofort verhaften. Aus den Kreisen der Bourgeoisie und der Offiziere
müssen sofort Geiseln in beträchtlicher Anzahl genommen werden. Bei
dem geringsten Versuch zum Widerstand oder bei der geringsten Bewegung
 in den Kreisen der Weißgardisten muß zu rücksichtslosen Massenerschießungen
 geschritten werden....“ Radek publizierte einen Artikel
zur Rechtfertigung des roten Terrors, in dem es heißt: „Der rote Terror
ist durch den weißen Terror provoziert worden. Die Notwendigkeit des
roten Terrors, d. h. die Anwendung sämtlicher Methoden [Umschreibung
für Todesstrafe W. G.], um die Bourgeoisie zu zwingen, der Arbeiterklasse
 zu gehorchen, ist durch unsere innere und äußere Situation bedingt...,
 Die Vernichtung einzelner Personen aus der Bourgeoisie, die
an der weißgardistischen Bewegung nicht unmittelbar teilnehmen, hat
lediglich die Bedeutung eines Abschreckungsmittels im Moment des un-Mittelbaren
 Kampfes, als Antwort auf Attentate [Rechtfertigung der
Geiselhinrichtungen W. G.]. Es ist begreiflich, daß für jeden Sowjetführer,
 für jeden Führer der Arbeiterrevolution, die von der Hand der
Agenten der Gegenrevolution fallen sollten, die letztere mit Dutzenden
        <pb n="86" />
        74 2. Teil. Eroberung und Ausbau der politischen Macht.

von Köpfen wird zahlen müssen.“ Auch die Form, in der sich Radek
gegen die von der Tscheka dekretierten Geiselerschießungen wendet, ist
für den bolschewistischen Terrorismus bezeichnend: Fünf öffentliche Hinrichtungen
 sind wirksamer, meint er, als die „Erschießung von 500 Menschen
 auf Beschluß der Tscheka ohne Beteiligung der Arbeiterschaft“.
Dieser Rat ist aber nicht befolgt worden. Es blieb bei den unter Ausschluß
 der Öffentlichkeit vollzogenen Massenhinrichtungen. (Zitiert nach
Steinberg, Gewalt und Terror in der Revolution, Berlin 1931, 53f. Steinberg
 war kurze Zeit Volkskommissar der Justiz als Vertreter der linken
Sozialrevolutionäre.)

Die Tscheka untersteht keinem Volkskommissariat, der Staatsanwalt
 des obersten Gerichtes der Sowjetunion beaufsichtigt die
Gesetzmäßigkeit ihrer Tätigkeit. Dieses Recht ist aber eine rein
formale Angelegenheit. Der Vorsitzende der GPU des Bundes
gehört dem Rate der Volkskommissare mit beratender Stimme an.
Die GPU besitzt eine eigene Armee, die nicht der Führung der
Roten Armee unterstellt ist. Sie besitzt eigene Gefangenenlager,
über die ausschließlich ihre Agenten die Aufsicht führen. Sie ist
also ein direktes Terror- und Machtorgan in Händen der Parteileitung.
 Sie wird zur Kontrolle und Beobachtung aller Verwaltungszweige
 benützt. Sie beobachtet insbesondere die Tätigkeit der
bolschewistischen diplomatischen Vertreter, Sie stellt die Geheimagenten,
 welche das gesamte öffentliche Leben beobachten. Man
darf nicht annehmen, daß ihre Tätigkeit in den letzten Jahren
milder geworden ist, nachdem sie feste Organisationsformen angenommen
 hat. So wurden z. B. im Jahre 1930 achtundvierzig angeblich
 die Wirtschaft sabotierende Sowijetbeamte bürgerlicher
Herkunft erschossen, deren Geständnisse erst nach ihrem Tode
publiziert wurden. Wie sehr die Tätigkeit der GPU sich unter
Ausschluß der Öffentlichkeit vollzieht, möge nur ein Beispiel für
viele Fälle beweisen. Im Jahre 1931 fand der öffentliche Prozeß
gegen vierzehn Menschewistenführer statt. In ihm wurde öfters
der menschewistische Agent Braunstein erwähnt, der von der GPU
verhaftet worden sei. Was die GPU mit ihm gemacht hatte, wurde
aber nicht bekanntgegeben. Er sei verurteilt, mehr wurde nicht
gesagt. Man weiß also nicht, ob er bereits hingerichtet ist oder ob
er nur in einem Gefangenenlager der GPU festgehalten wird.

Die sog. ordentlichen Gerichte.

Es gibt eine sog. ordentliche Justiz neben der sich offen
als politisch und terroristisch bekennenden GPU. Aber auch
diese ordentlichen Gerichte kann man nicht mit Gerichten des
        <pb n="87" />
        Die sog. ordentlichen Gerichte, 75

modernen bürgerlichen Rechtsstaates vergleichen, die bestimmte
Garantien für den Angeklagten kennen. Sie nehmen wohl in der
Rechtsgeschichte eine besondere Stellung ein, da sie bewußt den
Grundprinzipien des bolschewistischen Rechtes entsprechen, also
bestimmte politisch-soziale Ziele verfolgen, nicht einer allgemeinen
Gerechtigkeit dienen sollen. Sie sind Organe des Klassenkampfes,
also politische Instrumente. Diese politisierte Justiz ist dadurch
nicht geändert worden, daß Gesetzbücher eingeführt wurden und
damit der Zustand der ersten Periode beendet war, in der die
bolschewistischen Gerichte ihrem revolutionären Klassengewissen
gemäß als Schöpfer des revolutionären Rechtes tätig waren ®. Die
Einführung von Gesetzbüchern hat in keiner Weise die Politisierung
 der Justiz beseitigt, die, wie der Staatsanwalt Krylenko
bemerkt, nur als Ausdruck des bolschewistischen Prinzips von
der Einheit aller Gewalten anzusehen ist. Zunächst ist im Strafgesetzbuch,
 das sei als besonders kennzeichnend angeführt, ausdrücklich
 betont, daß die höchste Norm für den Richter die Rücksicht
 auf die Existenz des proletarischen Staates sein muß. So
heißt es in Art. 9, daß die Erkennung der Strafe im Finzelfalle auf
Grundlage des sozialistischen Rechtsbewußtseins unter Anwendung
 der Grundsätze des Strafgesetzbuches stattzufinden habe.
Daher kann sich jedes Vergehen in ein politisches Vergehen verwandeln,
 zumal ja der Richter das Vergehen nicht in sich, sondern
im Zusammenhang mit der Klassenzugehörigkeit des Angeklagten
und seiner Bedeutung für die politische Ordnung zu betrachten hat.
Damit kann das kleinste Vergehen als ein politisches erscheinen,
für das die Todesstrafe vorgesehen ist. Es ist bezeichnend, daß die
Todesstrafe im Strafgesetzbuch für Staatsverbrechen, für Verbrechen
 gegen die Staatsverwaltung, für Militärverbrechen, für
Amtsverbrechen, für besonders schwere wirtschaftliche Verbrechen
und Verbrechen gegen das Vermögen festgesetzt ist. Dagegen
gibt es nach dem Strafgesetzbuch aber nicht die Todesstrafe für
Vergehen gegen das Leben! Das Verbrechen wird ja nach seiner
sozialen Gefährlichkeit bemessen, und da ist ein aus persönlicher
Leidenschaft begangener Mord natürlich nicht so gefährlich wie
ein politisches oder wirtschaftliches Vergehen, das geeignet ist,
den Mut der Bourgeoisie zu stärken, die Arbeitsdisziplin in den
Betrieben zu schwächen usw. Die Politisierung der Justiz drückt
sich auch in der Tatsache aus, daß dem Gerichte natürlich durch
Art. 28 die Möglichkeit gegeben wird, das angedrohte Strafmindestmaß
 nicht als verpflichtend anzusehen. Dadurch soll dem Gerichte
die Möglichkeit zegeben werden, die Droletarische Herkunft des
        <pb n="88" />
        76 2. Teil. Eroberung und Ausbau der politischen Macht,

Angeklagten, seine revolutionären Verdienste usw. in seinem Urteile
 zu beachten. Bezeichnend ist auch Art. 25, in dem als Norm
des Strafmaßes die Entscheidung darüber aufgestellt wird, ob das
Verbrechen zum Zwecke der Wiederherstellung der bürgerlichen
Macht erfolgt ist oder nicht. Das politische Vergehen der Gegenrevolution
 ist außerordentlich weit gefaßt. Der Art. 57 bezeichnet
als Konterrevolution bereits jede Handlung, die einen bewußten
Angriff auf die hauptsächlichen politischen oder wirtschaftlichen
Eroberungen der proletarischen Revolution enthält.
Das Strafgesetzbuch ist also von außerordentlicher Härte. Es
gibt im Grunde genommen den Gerichten alle Möglichkeit zum
schärfsten Vorgehen gegen politische und soziale Gegner der
bestehenden Ordnung. Als eine reine Fiktion erscheint da die
Betonung der Tatsache, daß das Sowijetrecht keine Strafen für
bestimmte Vergehen und Verbrechen, sondern nur Maßnahmen des
sozialen Schutzes kennt. Es ist ja in der Praxis wohl völlig gleich,
ob die Todesstrafe als Maßnahme des höchsten sozialen Schutzes
bezeichnet wird oder nicht. Die Theorie des sozialen Schutzes
hat nur dazu geführt, daß die sog. kriminellen Vergehen, solange
sie nicht, wie etwa die Organisation von Räuberbanden, einen die
gesamte Ordnung bedrohenden Charakter annehmen, viel milder
behandelt werden als die sog. politischen Vergehen. Bei ihnen
wirkt sich der Glaube an die Strafe als sozialen Schutz und
Erziehungsmaßnahme aus, während das politische Vergehen eines
Klassengegners mit aller Schärfe geahndet wird; da zwingt ihn
der „soziale Schutz‘ zur physischen Vernichtung des infolge seiner
Klassenzugehörigkeit doch Unbelehrbaren, .
Die schon in der Gesetzgebung geschaffenen Sicherheiten für
die politisierende Justiz schienen aber den Bolschewisten noch
ungenügend zu sein. Den politischen Behörden, d. h. dem Vollzugsausschuß
 der Räte, ist die Möglichkeit gegeben, sich in die
Rechtsprechung zu mischen. Das bedeutet praktisch, da der Vollzugsausschuß
 von der bolschewistischen Parteileitung abhängig
ist, die Allmacht dieser Parteileitung auch in der ordentlichen
Justiz. Der Vollzugsausschuß kann etwa entscheiden, daß .die
Anwendung einer Amnestie, die er selber erlassen hat, in diesem
Falle nicht stattzufinden habe, daß also das Todesurteil vollstreckt
werden müsse. „Der Vollzugsausschuß begnadigt und richtet hin
völlig nach seinem Ermessen ohne jede Einschränkung.‘ *® Dieser
Satz Krylenkos aus dem Jahre 1922 ist auch heute noch, nach der
Einführung der Gesetzbücher, für die Sowjetrechtsprechung bezeichnend.
 Der Grundsatz der nolitischen Justiz zeigt sich auch
        <pb n="89" />
        Die sog. ordentlichen Gerichte. 77

in der Rolle, die der Staatsanwaltschaft zuerteilt wird; immer
wieder wird betont, daß die Staatsanwaltschaft sich als Hilfsorgan
der Politik zu betrachten habe. Schwere Vorwürfe werden ihr
gemacht, wenn sie sich nach formalistischen Prinzipien bei ihren
Anklageerhebungen richtet, also einfach den Buchstaben des Gesetzes
 anwendet, ohhe die politisch-gesellschaftliche Lage zu beachten.
 „Gegen das formalistische Recht“ — in dieser Formel der
bolschewistischen Rechtsauffassung wirkt wie in der andern
Formel: „Keine Verbrechen mehr, sondern Beurteilung nach der
sozialen Schädlichkeit!‘“ der Glaube, daß auch die Justiz, die Getichte
 nur eine Waffe der proletarischen Diktatur. also der bolschewistischen
 Partei darstellen.
Auch die Gerichte sollen wie die Räte die Verbindung der
Parteileitung und ihrer Regierung zu den Massen herstellen. Die
Politisierung der Justiz dient dazu, die Gerichte in Stätten zu
verwandeln, die für die Politik der herrschenden Partei Propaganda
machen, die Ziele und Absichten der herrschenden Partei bekanntgeben
 und rechtfertigen. Diesem Ziele dienen nicht nur Schaugerichte,
 in denen durch einen fiktiven Gerichtshof, der aus Parteimitgliedern,
 Arbeitern usw. zusammengestellt wird, über soziale
Schäden, Gefährlichkeit der Religion undnichtproletarischer Klassen,
den Bürokratismus, mangelhafte Erfüllung der Parteivorschriften,
Trunkenheit, Aberglauben usw. zu Aufklärungszwecken geurteilt
wird; das gilt auch für die wirklichen Gerichte, die also nicht
nur wie die Schaugerichte Volksversammlungen in Gerichtsform
darstellen. Das bolschewistische Gericht soll sich nicht nur
damit begnügen, die einmalige soziale Schädigung zu beseitigen,
es soll bestrebt sein, die allgemeine Grundlage dieser sozialen
Schädigung zu zeigen und damit gleichzeitig die Politik der herrschenden
 Partei zu rechtfertigen, den Massen zu ihrer Durchführung
 neuen Mut zu geben und Schwung zu verleihen.
Diese Praxis haben die bolschewistischen Gerichte stets verfolgt
— vom Prozeß gegen die rechten Sozialrevolutionäre im Jahre
1922 bis zum großen Spezialistenprozeß Ramsin und Genossen vom
Jahre 1930, In ihm wurden bürgerliche Gelehrte und Ingenieure
der Sabotage beschuldigt; sie sollten eine Art Verschwörung durch
Begründung einer von Emigranten unterstützten Industriepartei
Organisiert haben, die durch Bekämpfung der bolschewistischen
Wirtschaftspolitik Rußland für die ausländische Intervention reif
machen sollte. Immerhin ist eine „Vervollkommnung‘“ in der
Benützung des Gerichtes als politisch-sozialer Propagandastätte
Zu bemerken. Im Prozeß der rechten Sozialrevolutionäre waren
        <pb n="90" />
        78 2. Teil. Eroberung und Ausbau der politischen Macht,

nur wenige Angeklagte, und zwar Angeklagte zweiten Ranges,
geständig. Ganz anders im Spezialistenprozeß. Da schienen die
Angeklagten eine Einheit mit dem Ankläger zu bilden. Der Staatsanwalt
 brauchte ihre Geständnisse nur sozial und politisch als
Bestätigung der bolschewistischen Politik, ihrer Ziele und Me-Ihoden
 zu deuten.
Diese Entwicklung ist durch die ganze Eigenart des bolschewistischen
 Gerichtswesens bedingt. Es braucht ja niemand vor ein
öffentlich verhandelndes Gericht gestellt zu werden, dessen Auftreten
 vor dem Publikum dem Regime irgendwie unangenehm
werden könnte. Für diese politischen Gegner ist die GPU da. Die
Angeklagten, gegen die in öffentlicher Verhandlung vorgegangen
wird, sind also in sorgfältiger Weise gesiebt. So hat man nicht alle
der angeblich an der Industriepartei beteiligten Verschwörer im
öffentlichen Gerichtsverfahren abgeurteilt. Meck und Paltschinski,
die als Häupter der Industriepartei im Spezialistenprozeß bezeichnet
 worden sind, wurden von der GPU verhaftet und hingerichtet.
 Dann fördert die ganze Einstellung des Gerichtes, die
Beurteilung nach dem Gesichtspunkte der sozialen Schädlichkeit,
vor allem in politischen Prozessen das Zustandekommen von Reuebekenntnissen.
 Diese Reuebekenntnisse können ja den Bolschewisten
 politischen Nutzen bringen, etwa wie im Falle Ramsin oder
der vierzehn Menschewistenführer als Beweis des politischen
Zusammenbruchs der Gegner und der erfolgreichen Stärke der
eigenen Politik ausgewertet werden. Der Angeklagte arbeitet
durch sie gleichsam an der bolschewistischen Politik mit, und da
ist die Möglichkeit gegeben, ihm zu verzeihen, die Überlegenheit
der Diktatur des Proletariats durch eine milde Bestrafung zu
beweisen.
Natürlich brauchen die reuevollen Bekenntnisse nicht immer
zum gewünschten Erfolge zu führen; es können ja auch Hinrichtungen
 reuevoller Angeklagter zweckmäßig sein — wie im
Falle des ehemaligen bolschewistischen Deputierten Malinowski,
der gleichzeitig im Dienste des Zarenregimes als Geheimspitzel
stand — und bequem durch Anzweiflung der Aufrichtigkeit dieser
Reue begründet werden. Immerhin ist Bußfertigkeit viel aussichtsreicher
 als der Versuch, das Verbrechen zu bestreiten, mag
auch die Anklage auf noch so schwachen Füßen stehen. Der
Staat hat immer recht gegenüber dem Angeklagten, und so ist es,
wie man formulieren könnte, schon eigentlich ein gegenrevolutionäres
 Vergehen, durch Bestreitung der Anklage die Rechtsprechung
 der bolschewistischen Justiz zu gefährden. Zum mindesten
        <pb n="91" />
        Die Ehegesetzgebung.

79

gilt das für große politische Prozesse, die zu Propagandazwecken
veranstaltet werden: da ist vorschriftsmäßiges Verhalten des Angeklagten,
 also Lieferung von Material für die Bestätigung der
bolschewistischen Politik das einzig Sinnvolle. Aber das gleiche
gilt auch immer mehr von Verfahren, die eine geringere Bedeutung
besitzen; das Erfassen des eigenen Verhaltens als Ausdruck bestimmter
 sozialer und. politischer Verhältnisse ist die beste Verteidigung,
 nicht die Leugnung des zu Grunde liegenden Tatbestandes.


Die Ehegesetzgebung,

Die Darstellung der Grundprinzipien und der Verfahrungsweise
der bolschewistischen Strafiustiz zeigt, wie sehr der bolschewistische
 Staat sich darum bemüht, alle. Erscheinungen des gesellschaftlichen
 Lebens von seiner Existenz her zu bestimmen. Der
Staat soll nicht der Gerechtigkeit dienen, sondern umgekehrt
die Rechtsprechung ist nur ein Mittel der herrschenden Parteidiktatur
 zum Zwecke der Machterhaltung und Machtsicherung.
Aber gleichzeitig werden bestimmte Bezirke des Lebens im
bolschewistischen Staate dem Ermessen des einzelnen überlassen,
die im bürgerlichen Rechtsstaat mit allgemeinen Grund- und
Menschenrechten mindestens dem Staatsschutze unterliegen.
Die bolschewistische Ehegesetzgebung ist gemeint, welche infolge
 ihres individualistischen Charakters in Widerspruch zum
Prinzip des Staatsabsolutismus zu stehen scheint, der für den
bolschewistischen Staat charakteristisch ist®®. Hier scheint der sonst
keine Rechte der Einzelperson kennende, sie jedenfalls von seinem
Willen her bestimmende bolschewistische Staat dem privaten
Willen unbegrenzte Freiheit zu geben. Er kümmert sich um die
Formen der Beziehungen zwischen Mann und Frau, um alle
„Sexuellen Beziehungen“ nur insoweit, als sie bevölkerungspolitisch
und hygienisch von Folgen sind, oder als sie zur Unterdrückung
des Individuums, insbesondere der Frau, führen können. Beziehungen,
 die bei uns wegen ihrer Widernatürlichkeit unter Strafe
Stehen, wie Blutschande, sind im bolschewistischen Staate straffrei,
mögen sie auch mißbilligt werden, denn sie schaden nicht der
Gesellschaft, Sie würden nur strafbar werden, wenn ihre bevölke-Mungspolitischen
 Schäden nachgewiesen werden. Hygienische Erwägungen
 sind es, welche die Abtreibungsbestimmungen regeln.
Die Abtreibung ist nur erlaubt in staatlichen Krankenhäusern. Sie
S0ll vor allem — so meint es die Theorie — sozial Minderbemittelten
 dienen, wobei sich aber in der Praxis herausgestellt hat, daß
        <pb n="92" />
        80 2. Teil. Eroberung und Ausbau der politischen Macht.

diese Minderbemittelten von ihr viel weniger Gebrauch machten,
als es prozentual erwartet wurde. Wenn die Abtreibung staatlich
nicht begünstigt wird, so geschieht es darum, weil der Staat an die
Möglichkeit einer steigenden Besserung der Wirtschaftsverhältnisse
 durch das Vordringen des Sozialismus glaubt, und vor allem
aus medizinischen Erwägungen, da die Abtreibungen sich als gesundheitsschädlich
 erwiesen haben. Infolgedessen ist heute eher
eine Erschwerung als eine Erleichterung der erlaubten Abtreibungen
 festzustellen. Ein Hauptgrund für die Erlaubnis der Abtreibung
 war neben der durch den Bürgerkrieg hervorgerufenen
Not die Erwägung, die Kurpfuscher durch sachkundige Ärzte zu
ersetzen ®,
Der bolschewistische Staat betrachtet das gesamte sexuelle
Leben, um seine Terminologie zu gebrauchen, als eine Privatangelegenheit.
 Er sorgt nicht gesetzlich für eine Bevorzugung der
monogamen, auf Lebenszeit geschlossenen Ehe, er wendet sich in
seiner Gesetzgebung nur dagegen, daß die Ehe zu einer Form
sozialen Mißbrauchs, etwa des Mißbrauchs mangelhaft aufgeklärter
Frauen wird. Er sorgt dafür, daß die Erzeuger ihre Unterhaltspflicht
 gegenüber den Kindern und der Mutter erfüllen, wobei
aber auch juristisch die Frau eine Unterhaltspflicht bei den entsprechenden
 wirtschaftlichen Verhältnissen besitzt usw. Er sorgt
nicht für die Aufrechterhaltung der Ehe durch Erschwerung der
Fhescheidung, durch Begünstigung der ehelichen Kinder. Vor der
Finführung des endgültigen Eherechtes im Jahre 1927 gab es
bolschewistische Theoretiker, welche die Forderung aufstellten,
die staatliche Registrierung der Ehe zu beseitigen, also die in
diesem Fherechte ausdrücklich ausgesprochene Gleichstellung
zwischen faktischer Ehe, d. h. jedem Zusammenleben von Mann
ınd Frau, und der staatlich registrierten Ehe konsequent durchzuführen.
 Die Ehe ist für das bolschewistische Recht ein Privatvertrag
 ohne jeden dauernden Bindungscharakter, der in einer
staatlichen Stelle registriert wird. Die Streichung dieser Registrierung,
 also Lösung der Ehe, kann ebenso leicht erfolgen wie
die Eintragung. Zwar kann nicht die Registrierung einer Mehrehe
erfolgen, beim Eintragen einer neuen Ehe muß die alte gelöst
sein, aber es gibt keinerlei rechtliche Begünstigung der registrierten
 Ehe. Als Familie gilt der natürlich physische Blutzusammenhang,
 es gibt keinen rechtlichen Unterschied von ehelichen
 und unehelichen Kindern.
Diese Fhegesetzgebung scheint also mehr einem radikalen
Individualismus zu entsprechen als einem Staatsabsolutismus, der
        <pb n="93" />
        Die Ehegesetzgebung.

81

das gesamte gesellschaftliche Leben leiten und bestimmen will. Aber
wenn man die Erwägungen, die zu dieser Ehegesetzgebung geführt
haben, näher untersucht, so stellt sich heraus, daß auch in ihr sich
ein ganz bestimmter politischer Wille bemerkbar macht.
Der bolschewistischen Fhegesetzgebung liegt das Bestreben zu
Grunde, ein altes Machtzentrum der bürgerlichen Gesellschaft,
ihres Staates und ihrer Wirtschaftsordnung zu vernichten. Die
auf der monogam-lebenslänglichen Ehe beruhende Familie soll
ihrer zentralen gesellschaftlichen Bedeutung durch Aufhören des
Staatsschutzes entkleidet werden. An ihre Stelle soll als Grundzelle
 der Gesellschaft die Arbeitsgemeinschaft des Betriebes treten.
Dadurch glaubt der bolschewistische Staat eine gesellschaftliche
Entwicklung fördern zu können, die der Herrschaft seiner Anschauungen
 günstig ist. Es werden durch die Befreiung der Frau
von der Familie, welche durch die Gesetzgebung gefördert werden
Soll, wirtschaftliche Umwälzungen hervorgerufen, die Ansatzpunkte
für das staatliche Eingreifen geben, und vor allem: es wird die
Grundlage der alten Ordnung zerstört. Der alte Staat mußte auf
die traditionell geheiligte Ehe Rücksicht nehmen; das braucht der
bolschewistische Staat nicht, der sich bereits 1918 beeilte, die
religiöse Ehe durch die zivile zu ersetzen.
Wenn das Eherecht von 1927 im Unterschiede zu der Gesetzgebung von
1918 keine obligatorische Zivilehe mehr kennt, so nur darum, weil die
bolschewistischen Gesetzgeber glauben, daß die religiöse, kirchliche Begründung
 der Ehe ihnen nicht mehr gefährlich sei, die sie 1918 zerstören
wollten. Die neue Gesetzgebung soll vor allem dem Schutze der sog. faktischen,
 also nicht registrierten Ehe- (besser: Geschlechts-) Gemeinschaft
dienen, Damit soll nach dem Willen der Gesetzgeber nicht eine sexuelle
Anarchie gefördert werden — die Fhe soll sich in eine rein natürliche
Verbindung ohne jeden geheiligten Charakter verwandeln. An Stelle der
alten Besitzehe soll die Arbeitsgemeinschaft von Mann und Frau treten,
die nicht mehr wie die alte Familie eine besondere Stelle im sozialen
Leben einnimmt. Damit glauben die bolschewistischen Gesetzgeber die
Heuchelei der bürgerlichen Ehe zu beseitigen, die nicht mehr den gewandelten
 sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen entspricht, die Frau
vom aktiven gesellschaftlichen Leben fiernhält, die Erotik überschätzen
läßt usw. Der bolschewistische Staat fördere durch seine Gesetzgebung
die Entwicklung, welche an Stelle der alten Familie den Betrieb und die
ihm entsprechenden Formen des gesellschaftlichen Lebens setzt.

Der Staat steht der Gesellschaft unmittelbar gegenüber gerade
dadurch, daß er die Ehe zu einer Form von sexuellen Beziehungen,
Zu einer rein privaten Angelegenheit macht. Dadurch soll die alte
Institution der Familie juristisch beseitigt werden, die dem all-Gurian.

 Der Bolsachewismuns.

a
        <pb n="94" />
        82 2, Teil. Eroberung und Ausbau der politischen Macht.

mächtigen bolschewistischen Staate entgegengesetzt werden
könnte. Der Staat wird vollständig von der alten Gesellschaftsordnung
 gelöst. Durch die Ehegesetzgebung wirkt der bolschewistische
 Staat als Förderer des Auflösungsprozesses in einem bisher
wenigstens juristisch stabilen, unerschütterlichen Gesellschaftsbereiche.
 Da diese Sphäre der Herrschaft der bolschewistischen
Ordnung durch ihre bisherige Organisation Widerstand entgegensetzen
 kann, so wird sie privatisiert, d. h. der gesetzliche Zwang
wird in ihr aufgehoben.
Damit hat der bolschewistische Staatsapparat die rechtliche
Grundlage erhalten, um Versuche abzuwehren, gegen seine Almacht
 und gesellschaftswandelnde Wirksamkeit von der Familie
aus vorzugehen: die Privatisierung des Zusammenlebens von Mann
und Frau, die Abkehr von dem Prinzip, der monogamen, lebenslänglichen
 Ehe besondern staatlichen Schutz zu gewähren, gibt
die Möglichkeit, nicht nur durch die Sog, Frauenbefreiung, wie bei
zurückgebliebenen Nationalitäten, bei Bauern usW., sondern auch
durch das Ausspielen der Kinder gegen die Eltern die bolschewistische
 Herrschaft zu sichern.
Daß die Ehe als bolschewistische, registrierte Ehe juristisch keine
Gemeinschaft mit eigenen Rechten und eigener Autorität begründen
 kann, ist selbstverständlich. Daher hat die Familie, haben
die Eltern juristisch keine besondern Autoritätsrechte gegenüber
ihren Kindern. Nur die praktische Unmöglichkeit, die Erziehung
aus der Elternhand zu nehmen, die Kinder vom Staate erziehen
zu lassen, hat zur Aufrechterhaltung der Familienerziehung veranlaßt*.
 Aber es gibt kein Elternrecht, das dem Staatsrecht vorangeht,
 das die Erziehung maßgebend beeinflussen kann. Die Kinder
können sich gegen die Eltern wenden, wenn es das bolschewistische
Interesse erfordert. Die Eltern besitzen juristisch keine Möglichkeit,
 ihre Kinder von der Doktrin und den Organisationen des
Bolschewismus fernzuhalten. Die Kinder können sogar als aktive
Propagandisten der bolschewistischen Macht bei den Eltern verwandt
 werden. Gerade hier zeigt sich die Grundeinstellung der
bolschewistischen Ehegesetzgebung am deutlichsten. Durch Beseitigung
 aller Vorrechte und alles besondern Schutzes, den die
monogame Ehe genoß, wird der bolschewistischen Partei ein
starker Einfluß auf die Gesellschaft gesichert. Die scheinbar
individualistische Ehegesetzgebung des bolschewistischen Regimes
ist also in Wirklichkeit nur ein Mittel, um den Absolutismus des
Staates, seine Möglichkeiten, in die Gesellschaft bestimmend einzugreifen,
 zu erweitern und zu sichern.
        <pb n="95" />
        Die Religionsgesetzgebung.

AL

Die Religionsgesetzgebung.

In gleicher Weise wie die Ehegesetzgebung dient auch die
Religions- und Kirchengesetzgebung des bolschewistischen Regimes
dazu, alle Institutionen zu vernichten, welche sich dem Absolutismus
 des Staates und der ihn beherrschenden Partei widersetzen
können. Alle Religionen werden genau wie die alte auf der Unauflöslichkeit
 der Ehe beruhende Familie vom bolschewistischen
Regime als Teil des vorbolschewistischen Machtapparates angesehen.
 Aber während die direkten Organe dieses Machtapparates
(Verwaltung, Gerichtswesen, Militär, Presse usw.) in ihrer Zwecksetzung
 leicht umgelenkt, d. h. bolschewisiert werden können,
geht das bei den in der Gesellschaft, ihren Sitten und Traditionen
verwurzelten Einrichtungen wie der Familie und den religiösen
Gemeinschaften nicht. Sie widersprechen prinzipiell den Ansprüchen
 des bolschewistischen Regimes, die gesamte Gesellschaft
zu bestimmen und zu führen; daher müssen sie vernichtet werden.
Diese Vernichtung kann man aber nicht sofort erreichen. An
ihr muß langsam gearbeitet werden durch allmähliche Ausschaltung
 der zu beseitigenden Institutionen aus der Öffentlichkeit.
Das bolschewistische Regime erfüllt also in der Religions- wie in
der Ehegesetzgebung scheinbar radikalste individualistische Forderungen.
 Es trennt genau so die Religion in radikalster Weise
vom Staat, wie es die Ehe, alle Formen des Zusammenlebens der
Geschlechter, um seine Terminologie zu gebrauchen, vom Staate
trennt. Es glaubt dadurch die Grundlagen der Religion entscheidend
 zu erschüttern. Denn es nimmt an, daß die bisherige Macht
der Religion vor allem auf der Staatsunterstützung, die ihr gewährt
 wurde, beruhte. Daher beeilen sich die Bolschewisten gleich
nach der Oktoberrevolution, die radikale Trennung von Kirche und
Staat zu proklamieren, die in ihren Grundzügen bis heute die
Kirchenpolitik aller Teile der Sowjetunion bestimmt *. Eine Folge
dieser Trennung ist die Gewissens- und Religionsfreiheit, durch
die die Bolschewisten vor allem die ihnen als Stütze des alten
Regimes besonders verhaßte orthodoxe Kirche zu schädigen hofften.
Daß den Kirchen, Religionsgemeinschaften usw. ein Kampf gegen
die neue Macht verboten wird, ist selbstverständlich. Es ist im
Strafgesetzbuch ausdrücklich verboten, die „religiösen Vorurteile“
der Massen — schon diese Terminologie ist bezeichnend — zum
Ziele des Sturzes der Arbeiter- und Bauernmacht oder zur Erregung
 von Widerstand gegen ihre Gesetze und Anordnungen
auszunützen. Im Jahre 1929 wurde auch die Propagandamöglich-6*
        <pb n="96" />
        84 2. Teil. Eroberung und Ausbau der politischen Macht.

keit der religiösen Bekenntnisse eingeengt. Ursprünglich hieß der
Art. 4 der Bundesverfassung: „Zur Schaffung einer tatsächlichen
 Gewissensfreiheit für die Werktätigen ist die Kirche vom
Staate und die Schule von der Kirche getrennt. Freiheit in religiöser
 und antireligiöser Propaganda ist allen Bürgern zuerkannt.“
Der letzte Satz ist auf Veranlassung des Rätekongresses neu
formuliert worden. Er spricht jetzt offen aus, was für Verhältnisse
in Wirklichkeit bestehen: „Die Freiheit der religiösen Bekenntnisse
 und der antireligiösen Propaganda wird allen Bürgern zuerkannt.“
 Die Freiheit der Kirchen ist also außerordentlich beschränkt,
 sie dürfen keine Propaganda für sich machen.
Seit Bestehen der bolschewistischen Regierung werden alle,
welche vom Kulte leben, d. h. die Geistlichen aller Religionen, als
Bürger ohne politische Rechte betrachtet. Wie die Angehörigen
der früher herrschenden Schichten, der Bourgeoisie, der Händler
 usw., besitzen sie kein Wahlrecht zu den Sowjets. Der Religionsunterricht
 ist den Priestern verboten. Er darf auch nicht in
Schulform als Privatveranstaltung an Schüler, die noch nicht. das
achtzehnte Lebensiahr vollendet haben, gegeben werden. Der
Priester soll überhaupt nicht unterrichten, keine Staatsstellungen
bekleiden, keinen leitenden Posten bei Genossenschaften usw. einnehmen.
 Fs gibt keine religiösen Gemeinschaften, die als öffentlichrechtliche
 Institutionen anerkannt sind; sie besitzen als Grundlage
Gläubigengruppen, die sich zu privaten Vereinen ohne Eigentumsrecht
 zusammenschließen. Diesen privaten Vereinen werden die
Kirchen zur Nutznießung überlassen.
Die ganze Religionsgesetzgebung gibt dem Staate die Möglichkeit
 zum scharfen Vorgehen gegen die Kirchen. Ihre Leitung kann
beim geringsten Widerstand gegen die Staatsanordnungen, gegen
Anschauungen der Staatsmacht als gegenrevolutionär verdächtigt
werden; gleichzeitig besteht aber die Möglichkeit, den religiösen
„Vorurteilen“ der Massen entgegenzukommen durch stärkere Betonung
 der verkündeten Gewissensfreiheit, welche ein administratives
 Vorgehen gegen den Glauben nicht duldet, sondern sein
Absterben von der immer stärker vordringenden Aufklärung erhofft.
 Aber diese „Toleranz“ hebt doch nicht die Möglichkeit auf,
stärksten äußern Druck gegen die Kirchen anzuwenden. Da werden
etwa zur Bekämpfung der religiösen Vorurteile vom Volkskommissariat
 für Justiz genaue Instruktionen erlassen, wie der
Glaube an die angebliche Unverweslichkeit der Heiligenleiber zu
bekämpfen ist. Für den Geist, in dem die angeblich der Gewissensfreiheit
 dienende, in Wirklichkeit zur Förderung des Atheismus
        <pb n="97" />
        Die Kampfmethoden des atheistischen Staates. 85

benützte Religionsgesetzgebung angewandt wird, sind einige
Stellen aus diesem Zirkular des Justizkommissariates vom 25. August
 1920 typisch: „Auf Veranlassung und eindringliche Forderung
 (!) der werktätigen Massen in den Gouvernements ... sind
dort achtundfünfzig sog. unverwesliche Leichen geöffnet worden.
Diese Öffnungen erfolgten in Anwesenheit der werktätigen Massen
und der Geistlichen, der sachverständigen Ärzte und der Vertreter
der Sowijetgewalt; sie haben eine Reihe betrügerischer Handlungen
 enthüllt, mit deren Hilfe die Kultdiener die werktätigen
Massen betrogen.“ Es wird ausdrücklich betont, daß die Erforschung
 der unverweslichen Leiber zu erfolgen hat auf die Initiative
der lokalen werktätigen Bevölkerung, mit Erlaubnis des lokalen
Vollzugsausschusses oder lokalen Rätekongresses. Es wird also
der Schein geschaffen, daB die antireligiösen Maßnahmen den
Massen dienen und dem Massenwillen entsprechen. Für diese mit
politischen Fiktionen arbeitende antireligiöse Politik der Sowietregierung
 ist auch ihr Vorgehen gegen die Kirchenschätze während
der Hungersnot im Wolgagebiet (1921) bezeichnend, Die allgemeine
Konfiskation der Kirchenschätze wird nur aus politisch-sozialen
Gründen angeordnet; sie sollen zur Hilfe an die Hungernden verwandt
 werden, und so hat die Regierung die Möglichkeit, mit
radikalsten Gewaltmitteln, Hinrichtungen usw., gegen die Kirchenvertreter
 vorzugehen, die sich gegen diese Konfiskation wenden,
damit also nicht nur sich gegenrevolutionär betätigen, sondern
auch den angeblich antisozialen Charakter der Religion den
Massen beweisen.

Die Kampfmethoden des atheistischen Staates.

Die scheinbar den Religionen völlige Freiheit lassende radikale
Trennung von Kirche und Staat ist also in Wirklichkeit nur eine
Kampifmethode des atheistischen Staates. Die Toleranz ist nur
eine Übergangserscheinung, die für die Zeit gilt, in der der Atheismus
 sich bei den Massen noch nicht durchgesetzt hat. Die religiösen
 Gemeinschaften, die Kirchen, Sekten usw., werden durch
die Gesetzgebung in ihrer Bewegungsfreiheit außerordentlich beschränkt,
 — sie sind als ständige Gegner der Revolution verdächtig.
 Ihre ganze Existenz wird ja im Grunde genommen nur
SO lange geduldet, als die Gesellschaft in ihrer Entwicklung eben
Noch nicht da angelangt ist, wohin sie die herrschende Partei
bringen will und wohin sie sich nach marxistischer Auffassung mit
ZWwangsläufizer Notwendigkeit entwickelt. Die faktische Duldung
        <pb n="98" />
        86 2. Teil. Eroberung und Ausbau der politischen Macht,

der Religion ist nur eine Konzession an einen Gesellschaftszustand,
in dem es noch Massen gibt, welche infolge ihrer religiösen „Vorurteile“
 etwa bei einer sofortigen Schließung aller Kirchen sich
gegen die Regierung auflehnen würden. Sobald aber die herrschende
 bolschewistische Partei glaubt, daß die Gesellschaft reif
genug ist, kann sie die Kirchen völlig vernichten. Der administrative
 Druck gegen die an sich prinzipiell zur Klasse der Verdächtigen,
 der Gegner der bestehenden Ordnung gehörenden Kirchendiener
 kann ja, wenn es politisch zweckmäßig erscheint, mit aller
Schärfe ausgeübt werden, — genau so wie in den Zeiten der
Rückzüge eine mildere Handhabung und Deutung der Religionsgesetzgebung
 möglich ist. Es steht auch nichts der Schließung
der Kirchen entgegen, wenn sie politisch zweckmäßig erscheint;
daran ändern nichts alle Erlasse gegen administrativen Druck,
gegen Verletzung der religiösen Gefühle usw. Dann beschließen
eben die unter den notwendigen Einfluß gesetzten Gläubigengemeinden,
 denen die Kirchen zur privaten Nutznießung überlassen
 sind, oder die Vertreter der Werktätigenmassen ihre
Schließung, ihre Verwandlung in Arbeiterklubs usw. Wenn dabei
von Vermeidung allen Zwanges, von Gewissensireiheit usw. geredet
 wird, so ausschließlich aus politischen Erwägungen heraus.
Noch sind die Massen nicht so weit, aber die Regierung, die den
Staat beherrschende Partei tut alles, um sie so weit zu bringen.
Die öffentliche Entrechtung der Religion und ihrer Vertreter ist
eine dieser Methoden der staatlichen Massenbeeinflussung, um der
noch aus politisch-gesellschaftlichen Rücksichten notwendigen
Toleranz ein Ende zu bereiten. Die Religion hat sich ja bisher,
so meinen die Bolschewisten, vor allem durch die Unterstützung
seitens der herrschenden Schichten gehalten; sie muß auf die
Dauer zusammenbrechen, wenn die herrschenden Schichten antireligiös
 eingestellt sind, Das Anbringen religiöser Zeichen in
staatlichen Anstalten ist verboten. Die Religion soll eben in keiner
Weise als etwas vom Staate Begünstigtes erscheinen. Es ist
bezeichnend, daß das Anbringen von religiösen Zeichen auch in
Privatläden untersagt ist, in denen ein allgemeiner Verkehr stattfindet.
 Es widerspricht ferner durchaus dem Willen der Zentralregierung
 und der Parteileitung, wenn etwa dörfliche Lokalsowjets
mehr oder minder maskiert Unterstützungen für Kirchenbauten
geben oder gar Sammlungen für kirchliche Zwecke veranstalten.
Der Staat kennt die Kirchen und ihre Diener eigentlich nur
dann, wenn die Möglichkeit besteht, sie zu entrechten. Vor Gericht
werden sie ohne weiteres als Angehörige einer antiproletarischen
        <pb n="99" />
        Die Kampfmethoden des atheistischen Staates. 87

Klasse betrachtet. Ihre Kinder werden, soweit sie mit den Eltern
nicht gebrochen haben, wie die Bourgeoiskinder zurückgesetzt,
wenn es um die Aufnahme in höhere Lehranstalten, Besetzung von
Stellungen usw. geht. Immer wieder kann man in den kommunistischen
 Blättern die Nachricht lesen, daß klassenfeindliche Elemente
 in Gestalt von Popensöhnen und -töchtern in die Reihen der
Partei, der kommunistischen Jugend eingedrungen sind und dort
durch ihr schädigendes Verhalten ihre antiproletarische Herkunft
deutlich gezeigt haben. Unter dem Vorwand, daß die Kirchen, der
Kult, die Predigt rein religiös zu sein hätten, können die schärfsten
Maßnahmen gegen die Religion ergriffen werden, wie ia die außerordentliche
 Dehnbarkeit und Unbestimmtheit für die gesamte
bolschewistische Gesetzgebung bezeichnend ist.
Die Regierung fördert alles, was zu einer innern Zersetzung in
den Reihen der Gläubigen führen kann. Um die orthodoxe Kirche
zu schwächen, sympathisierte sie zunächst mit den Sekten, die
aber nach der Zunahme ihrer Erfolge ebenfalls offen als gegenrevolutionär
 verfolgt werden. Sie unterstützt alle innern Spaltungen
 der orthodoxen Kirche, alle Versuche, Christentum und
Kommunismus zu verbinden, der Kirche des Patriarchen Tichon,
die angeblich reaktionär ist und von der höheren Geistlichkeit
gestützt wird, eine den Interessen der niederen Geistlichkeit entsprechende
 sog. lebendige Kirche entgegenzustellen. Das geschieht
aber nicht etwa aus einer innern Sympathie mit diesen Versuchen,
sowjetfreundliche Kirchen zu schaffen, sondern nur darum, die
Religion überhaupt zu schwächen und sie durch innere Streitigkeiten
 der Gläubigen lächerlich zu machen, in Verruf zu bringen *?,
Das ganze öffentliche Schul- und Erziehungswesen, das in
Sowijetrußland eine so große Bedeutung hat, da es auch zur Erziehung
 der zurückgebliebenen Erwachsenenmassen benützt wird,
ist im Namen der Trennung von Schule und Kirche antireligiös
eingestellt. Heute soll die Schule, nachdem sich ihre bisherige
Religionslosigkeit in den Augen der Bolschewisten als unzureichend
erwiesen hat, offen atheistisch werden. Alle gesellschaftlichen
Bestrebungen antireligiöser Art werden von der Regierung und der
herrschenden Partei unterstützt, mag sich auch der Staat mit
ihren Trägern iuristisch nicht identifizieren. Aber sie werden als
Mittel zur Festigung der vom Regime erwarteten Gesinnung gefördert,
 sie dienen als Barometer für die Massenstimmung. Die
Pioniere, die Kinderorganisationen der bolschewistischen Partei,
sind ebenso atheistisch wie der Komsomol, der Kommunistische
Bund der Jugend. Alle kommunistischen Kampagnen, Wahlen zu
        <pb n="100" />
        88 2, Teil. Eroberung und Ausbau der politischen Macht,

den Sowiets, Parteiwerbungen sind mit Aktionen für den Bund der
Gottlosen verbunden, der zwar genau so wie die Jugendverbände
nicht als direkte Parteiorganisation zu betrachten ist, aber tatsächlich
 von führenden Parteimitgliedern geleitet und von dem
Parteistaate mit allen Mitteln unterstützt wird. Es gibt kein freies
Vereinsleben in Rußland, und so dienen alle Vereine, die sich in
der Öffentlichkeit werbend betätigen dürfen, als Hersteller der
Verbindung der Partei zu den Massen. Sie gehören also zum
Staat, zum Parteiapparat, mag ihnen auch nominell ein staatlicher
Charakter nicht zukommen.
Diese Verbindung des Atheismus der herrschenden Partei mit
einer aus Zweckmäßigkeitserwägungen gewährten Toleranz läßt
— das sei zusammenfassend gesagt — die Entfaltung verschiedenster
 Methoden des antireligiösen Kampfes zu. Brutale Aufklärungspropaganda
 ist ebenso gut möglich wie der Protest gegen
die angebliche Vergewaltigung der Kinder durch ihre nicht genügend
 fortgeschrittenen Eltern. Der absolute Machtcharakter des
Staates läßt die Anwendung aller Methoden zu, von der Hinrichtung
 des Priesters als Agenten der Gegenrevolution bis zum
Toleranzerlaß, der aus rein politischen Erwägungen gegen einen
brutalen Gewissenszwang, etwa durch erzwungene Kirchenschließungen,
 vorgeht, den Kirchendienern Lebensmöglichkeiten
gewährt usw. Diese Methoden mögen hier summarisch in ihren
verschiedenen Typen charakterisiert werden.
Da ist die Gewaltmethode zu nennen: Vorgehen gegen
einflußreiche Priester, Vorlegen von fast unannehmbaren Loyalitätserklärungen,
 deren Ablehnung zur Kirchenverfolzung wegen
Gegenrevolution führen muß. Sie kann auch als Verwaltungsdruck
angewandt werden; es wird etwa das notwendige Papier für
kirchliche Publikationen verweigert, wie es die angeblich erregte
öffentliche Meinung der Werktätigen verlange. An Stelle der
Gewaltmethode tritt häufig öffentliche Aufklärung. Die
öffentliche Sezierung der angeblich unverweslichen Leiber der
Heiligen, die schon erwähnt wurde, war besonders in den ersten
Jahren der bolschewistischen Herrschaft sehr beliebt; oder es
werden Aufforderungen an die Religionsdiener erlassen, sich in
Diskussionen mit Vertretern der bolschewistischen Partei zu
messen. Zu welchen Erscheinungen diese Aufforderungen führen,
beweist die Anfrage des Leiters der antireligiösen Kampagnen,
Jaroslawski: „Wie kommt es, daß das Weihwasser ebenso von
Ungeziefer durchsetzt werden kann wie gewöhnliches Wasser?“ %
Beliebt sind endlich Kinderpropaganda, Veranstaltungen von welt-
        <pb n="101" />
        Die Kampfmethoden des atheistischen Staates. 89

lichen Festen, antireligiöse Theater und Filmvorstellungen; die
Fünftagewoche soll gegen den Kirchgang am Sonntag wirken usw.
Die antireligiöse Propaganda hat sich in zwei Richtungen zu
bewegen. Sie soll den abergläubischen, unvernünftigen Charakter
des religiösen Glaubens aufdecken. Diese Aufklärung soll aber
zugleich mit der sog. Enthüllung der „sozialen Wurzeln“, des
Klassencharakters der Religion, verbunden sein. Die Religion sei
nur eine Verbündete der Bourgeoisie, eine Methode der Volksunterdrückung,
 ein Hemmnis des sozialen, technischen und wirtschaftlichen
 Fortschritts. Es soll mit allen Mitteln nicht nur ihre
Überflüssigkeit, sondern ihre direkte Schädlichkeit für die Massen
erwiesen werden. Daß diese antireligiöse Massenpropaganda in
keiner Weise auf religiösem Gebiete das Gefühl der Gläubigen
trotz aller theoretischen Vorschriften achtet, ist selbstverständlich.
Alle Mittel der Ironie bis zur direkten Verhöhnung werden von ihr
ebenso angewandt wie platteste naturwissenschaftliche Aufklärung,
Gerade dieser Aufklärung — etwa der Erklärung von Naturerscheinungen,
 die den Glauben an Gott überflüssig machen
soll — wird besonders großer Wert beigemessen, mag auch
immer wieder betont werden, daß die antireligiöse Propaganda
nicht bei ihr stehen bleiben dürfe. Die Aufklärung müsse mit einer
sozialen Aktivierung der Massen verbunden sein, ihrer Erziehung
zur Bejahung des Sowijetregimes, zur tätigen Mitarbeit an allen
seinen Maßnahmen. Die antireligiöse Propaganda gehört also
zum ganzen bolschewistischen Staatssystem, — man kann sie
nicht als eine Privatangelegenheit einzelner Gruppen und Organisationen
 ansehen.
Dabei ist auch noch zu beachten, daß die öffentliche Gegenwehr
der Kirchen auf ein Mindestmaß beschränkt ist. Theoretisch ist
heute alle religiöse Propaganda verboten; diese Bestimmung kann
natürlich außerordentlich weit interpretiert werden. Eine literarische
 Gegenwirkung ist bei der Verstaatlichung des Verlags- und
Druckwesens in größerem Umfange unmöglich. Die gesamte
Öffentliche Atmosphäre wird, soweit es nur möglich ist, antireligiös
beeinflußt, von der Kindererziehung bis zur Erwachsenenaufklärung,
 von der Tagespresse bis zum Revolutionsfeste. Führende
gesellschaftliche und politische Stellungen zu erreichen, ist infolge
des Atheismus der herrschenden Partei für aktive Gläubige praktisch
 unmöglich. So hofft das herrschende Regime, die Basis
für die noch geduldete Religion einschränken zu können, bis sie
ebenso verschwindet wie die alte, als Familiengrundlage dienende,
besonders geweihte monozame Ehe durch die neue Fhegesetz-
        <pb n="102" />
        90 2. Teil. Eroberung und Ausbau der politischen Macht,

gebung. Dann sind die letzten Schranken für die Herrschaft der
bolschewistischen Partei und ihrer Gesinnung in der Gesellschaft
gefallen.

Gesamtcharakteristik des bolschewistischen Staates.

Die Entwicklung und Eigenart des bolschewistischen Staates
beweisen, daß es sich bei ihm um einen absolutistischen, nur durch
Rücksichten politischer Zweckmäßigkeit, der Machtbehauptung,
yeleiteten Staat handelt. Er beruft sich gleichzeitig auf den Massenwillen
 als proletarischer Staat und will die Massen in einer bestimmten
 Richtung erziehen; diese Richtung wird vom Willen und
den Anschauungen der herrschenden bolschewistischen Partei
bestimmt, die sich auf die Massen, das Proletariat, stützt. Der
Absolutismus des Staates ist nicht Selbstzweck; die in ihm sich
zeigende Herrschaft einer bestimmten Partei, die zur Verwirklichung
 ihrer Ziele den Staatsapparat benützt, dient der Erreichung
 bestimmter gesellschaftlicher Verhältnisse, welche die
Gewaltherrschaft rechtfertigen und legitimieren sollen. So führt
die Schilderung der staatlichen Herrschaftsmethoden des Bolschewismus
 zu der Frage nach dem gesellschaftlichen Ziele dieses
Absolutismus, der versucht, alle Widerstände politischer und
institutioneller Art (Gegenrevolution in verschiedensten Formen,
Kirche und Familie) zu beseitigen und, wenn das nicht sofort geht,
allmählich auszuschalten durch Entziehung der Staatshilfe und
Unterstützung aller gegen sie gerichteten Bestrebungen. Was
bedeutet der Sozialismus, den die bolschewistische Partei als
Rechtfertigung und Ziel ihrer Herrschaft benützt? Die Betrachtung
 des politischen, zum Drucke auf die Gesellschaft und Ausschaltung
 aller Widerstände bestimmten Gewaltapparates führt
zur Frage nach der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik des
Bolschewismus. Denn nur von da aus kann sich ein volles Verständnis
 für die Ergebnisse des Wirkens der bolschewistischen
Staatsgewalt ergeben.
        <pb n="103" />
        DRITTER TEIL.

Die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik des
Bolschewismus.

Das Ziel.

„Aufbau des Sozialismus, d. h. einer klassenlosen Gesellschaft
mit marktloser, gesellschaftlich planmäßiger Regelung der Produktion
 nach den Bedürfnissen der Gesamtheit und jedes einzelnen
(Engels) mit fortgeschrittenster Technik und Gemeineigentum an
den Produktionsmitteln, das ist das proklamierte Endziel, um
dessentwillen die bolschewistische Partei Rußlands im November
1917 die politische Macht an sich riß.‘““ Diese knappe Formulierung
Friedrich Pollocks in seiner Arbeit „Die planwirtschaftlichen Versuche
 in der Sowjetunion 1917—1927‘“ (Frankiurt 1929) umreißt
mit aller Klarheit die Ziele der bolschewistischen Gesellschaftsind
 Wirtschaftspolitik. Der Gewaltapparat des von der proletarischen
 Partei beherrschten Staates dient nur dazu, dieses Ziel
zu erreichen. Man kann nicht leugnen, daß die Bolschewisten bisher
mit eiserner Konsequenz an der Erreichung ihres Zieles gearbeitet
haben. Trotz aller Mißerfolge und der dadurch bedingten taktischen
 Angleichungen (Atempause, Rückzüge, um Lenins Ausdrücke
 zu gebrauchen) haben sie an ihnen festgehalten. Bisher
erwiesen sich binnen mehr oder minder kurzer Zeit alle Behauptungen
 als falsch, daß die bolschewistische Partei an ihrem Ziele
nur noch aus praktischen Propagandaerwägungen heraus festhalte.
Mit Recht hat Maurice Dobb in seinem Werke „Russian Economic
Development since the Revolution“ (London 1928) betont, daß es
völlig falsch sei, etwa über den Konzessionen der sog. neuen ökonomischen
 Politik seit 1921 ihren taktischen Charakter als einer
Methode für die Erreichung des Zieles zu vergessen. Es ist völlig
falsch, wenn Michael Farbmann in seiner Schrift über die „Piatiletka“
 (Berlin 1931) meint, daß Lenin die neue ökonomische
Politik als eine dauernde Angelegenheit betrachtet hätte. Die
Methoden haben sich geändert, aber nicht das Ziel. Hoffnungen
auf einen schnellen Enderfolg sind aufgegeben worden, aber die
politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Maßnahmen
bleiben weiter von der Vorstellung des sozialistischen Aufbaues
bestimmt.
Damit wird natürlich nicht bestritten, daß die objektiven Wir-
        <pb n="104" />
        32 3. Teil. Die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik,

kungen der bolschewistischen Herrschaft über Rußland weltgeschichtlich
 betrachtet ganz anders aussehen werden, als es ihre
Theorie, ihre Zielsetzung vorsah. Es ist durchaus sinnvoll, zu
erörtern, ob etwa Ustrialow recht hat, wenn er glaubt, daß die
bolschewistische Herrschaft Rußland vor allem von dem Einflusse
des westlichen Kapitalismus befreit habe, daß durch sie ein neues
nationales, eurasiatisches Russisches Reich geschaffen worden sei,
daß also Lenin und Stalin die Fortsetzer Peters des Großen sind.
Diese Anschauung wird dadurch nicht widerlegt, daß sie voreilig
formuliert wurde, d. h. bestimmte Wandlungen der bolschewistischen
 Methoden in ihrer Bedeutung überschätzte. Es ist auch
v. Eckardts Behauptung durchaus erwägenswert, daß durch die
bolschewistische Herrschaft Rußland zu einer europäischen Wirtschaftsprovinz
 werde, also die modernen kapitalistischen Wirtschaftsmethoden
 übernehme; v. Eckardt meint, daß die Union
der sozialistischen Sowjetrepubliken Europa und Amerika viel
näherstehe als das Heilige Mütterchen Rußland: „Gerade weil es
sich bestimmt fühlt, den kapitalistischen Imperialismus der weltbedeutenden
 Mächte zu bekämpfen, muß es sich dem Gegner anzleichen,
 ihm nacheifern, ihm geistig folgen.“ *
Aber von diesen Vorstellungen aus an die geschichtliche Betrachtung
 der bolschewistischen Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik
 in ihrer Entwicklung heranzugehen, ist unberechtigt. Das
führt nur zu falschen Perspektiven. Man ordnet die Entwicklung
voreilig in Zusammenhänge ein, in die sie nicht hineingehört,
und ist daher von der Gefahr bedroht, durch die Zukunit dementiert
 zu werden, d. h. gelegentliche Rückzugsmanöver der Bolschewisten
 zu überschätzen, die Gesamtlinie ihres Handelns nicht zu
sehen. Daher wird in diesem Versuche, eine Darstellung der
bolschewistischen Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik in ihren
Grundlinien zu geben, stets der Zusammenhang mit dem Ziele des
sozialistischen Aufbaues beachtet. Für kommende Historiker der
russischen Revolution, denen die innere Geschichte der bolschewistischen
 Partei in ganz anderer Weise zugänglich sein kann als
uns, die wir über sie fast nur zu agitatorischen Zwecken untertichtet
 werden, wird es sehr reizvoll sein, zu untersuchen, wie
Lenin allmählich zur Aufgabe seines ersten großen politischtaktischen
 Irrtums, ohne den er wohl nie den Mut zur Machtäbernahme
 gehabt hätte, gekommen ist. Dieser Irrtum bestand
in einer falschen Tempobemessung, d. h. der Einschätzung der
Zeit und der Möglichkeit für die Schaffung einer sozialistischen
Gesellschaftsordnung, mag auch die Annahme unrichtig sein, daß
        <pb n="105" />
        Das Ziel.

93

Lenin an eine sofortige Verwirklichung des Sozialismus ohne eine
Umerziehung der Massen glaubte. Aber Trotzki hat doch durchaus
 recht, wenn er in seiner Lenin-Skizze betont, daß der Führer
der bolschewistischen Partei an die Möglichkeit einer raschen
Verwirklichung der sozialistischen Gesellschaft geglaubt habe.
Lenin glaubte an das baldige Kommen einer Weltrevolution, die
Verwandlung des internationalen Krieges in einen Bürgerkrieg, aus
dem das Proletariat als Sieger hervorgehen würde. Damit wären
die besondern Probleme Rußlands an zweite Stelle getreten. Rußland
 wäre zu einer Agrarkammer der sozialistischen, durch die
Weltrevolution geschaffenen Staaten geworden. Aber Lenin hielt
auch die Möglichkeit des Sozialismus oder wenigstens des sozialistischen
 Aufbaues in einem Lande vor der Weltrevolution für
gegeben. Das beweist der berühmte Resolutionsentwurf gegen
die zaudernden Sinowiew und Kamenew, in dem dieser Glaube
den „Feiglingen und Verrätern“ vorgehalten wird”.
Gewiß, der sozialistischen Gesellschaft in Rußland standen viele
Hindernisse entgegen, aber Lenin glaubte sie verhältnismäßig rasch,
gleichsam in schnellem Anlauf, überspringen zu können. Diese
Mindernisse bestanden in der wirtschaftlichen Zurückgebliebenheit
Rußlands, dem Vorhandensein einer durchaus unsozialistischen
Bauernschaft, der die Revolution als Gelegenheit des Landerwerbs
 erschien, der zahlenmäßigen Schwäche des Industrieproletariates,
 des Trägers der sozialistischen Entwicklung nach
marxistischer Anschauung, der Unerfahrenheit der durch die Revolution
 zur Herrschaft Gekommenen. Das Ausbleiben des raschen
Kommens der sozialistischen Gesellschaft ist nach bolschewistischer
Auffassung durch diese russischen Schwierigkeiten wie durch
die Verzögerung der Weltrevolution bedingt worden. Die gesamte
bolschewistische Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik ist von dem
Bestreben erfüllt, sich mit diesen Schwierigkeiten auseinanderzusetzen,
 d. h. sie zu umgehen. Es geht in ihr immer wieder darum,
mit Hilfe der politischen Herrschaft der bolschewistischen Partei
sie zu beseitigen.
Dabei spielt selbstverständlich auch das Verhältnis des innerrussischen
 sozialistischen Aufbaues zur Weltrevolution wie die
Notwendigkeit, die Voraussetzungen für diesen Wirtschaftsaufbau
erst zu schaffen, eine entscheidende Rolle. Um mit diesem Aufbau
zu beginnen, muß zunächst der für die Bolschewisten gar nicht
selbstverständliche Glaube vorhanden sein, daß er auch ohne
Weltrevolution, also bei dem Fortbestehen einer kapitalistischen,
von bürgerlichen Regierungen bestimmten Welt, außerhalb des
        <pb n="106" />
        94 3. Teil. Die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik,

bolschewistischen Wirtschaftsbereiches sinnvoll und möglich ist,
daß er also nicht in einer notwendigen Verbindung mit dem Aufstiege
 der Weltrevolution steht. Dann muß der Versuch gemacht
werden, innerhalb Rußlands die elementare Voraussetzung für den
Sozialismus, die Verwandlung des noch halb feudalen Reiches in
einen Industriestaat zu Schaffen, also durch die Machtmittel des
proletarischen Staates gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen
 in einem künstlich gesteigerten Tempo nachzuholen.
Es gilt also zugleich, mit dem Aufbau des Sozialismus die in
Rußland fehlende „bürgerliche Epoche“ nachzuholen. Von diesen
Schwierigkeiten sind die verschiedenen Methodenwechsel der
bolschewistischen Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik bestimmt;
sie bedeuten in keiner Weise ein Abweichen von dem als Rechtfertigung
 der politischen Machtergreifung angesetzten Ziele.
Die ersten Maßnahmen. ;

Zunächst stand die bolschewistische Regierung nach der Machtergreifung
 vor der Aufgabe, die Anarchie der Wirtschaft politisch
zu erfassen, mit der Wirtschaftsentwicklung überhaupt in Fühlung
zu kommen. Es war die Periode, in der Lenin annahm, daß eine
Wirtschaftskontrolle durch die Arbeiter eine wichtige Etappe auf
dem Wege zum Sozialismus bedeuten würde. Er glaubte durch
die Sozialisierung der Banken, durch die Vereinigung aller Finanzund
 Kreditpolitik in staatlicher Hand gleichsam das Steuerruder der
Wirtschaft erhalten zu können. Gleichzeitig sollte die Macht der
alten bürgerlichen Gesellschaft, der Unternehmer und der ihnen
dienenden technischen Intelligenz, durch Einführung der Arbeiterkontrolle
 in den Werken gebrochen, die noch notwendigen Spezialisten
 dadurch in den Dienst des Staates und der von ihm erstrebten
 sozialistischen Gesellschaft gestellt werden.
Zwar wurden die politischen Ziele weitgehend erreicht, die für
dieses Vorgehen eine Rolle spielten, die Grundlage der bürgerlichen
 Gesellschaft wurde erschüttert, aber das geschah nur durch
Herbeiführung einer vollendeten Wirtschaftsanarchie, Die Sozialisierung
 der Betriebe, die von unten durch die Einsetzung der
Arbeiterkontrolle begann und erst nachträglich in einem Tempo,
das man gar nicht beabsichtigt hatte, gesetzlich sanktioniert werden
mußte, führte nicht zu einem Erlernen der verwaltenden, organisierenden
 und leitenden Funktionen durch die Kontrollierenden.
Die Vorstellung Lenins, daß diese Funktionen verhältnismäßig leicht
zu erlernen seien, sein Glaube daran, daß sie nicht in verschiedene
        <pb n="107" />
        Die ersten Maßnahmen.

95

Spezialzweige differenziert zu sein hätten, also beliebig miteinander
 vertauschbar wären, die Köchin, um das berühmte Beispiel
anzuführen, auch fähig sein könnte, die Funktionen eines Staatsmannes
 auszuüben, erwies sich als falsch, als unwirklich, als völlig
phantastisch und utopisch®. Schon während der Zeit der Arbeiterkontrolle,
 vor der gesetzlichen Sozialisierung, als man noch glaubte,
die alten Besitzverhältnisse mit der Arbeiterkontrolle vereinen zu
können, erwies sich auch in der Wirtschaft der Appell an die
technische Führung der bürgerlichen Gesellschaft und ihre Arbeitsmethoden
 als notwendig.
Damit stand es in der Wirtschaft nicht anders als in der Roten
Armee, Der alte Offizier mußte gewonnen und herangezogen
werden, die bolschewistische Kontrolle sollte sich nur auf seine
politische Überwachung beschränken; sie sollte verhüten, daß er
der bolschewistischen Macht feindliche Maßnahmen traf und vorbereitete.
 Und genau wie in der Roten Armee erwies sich die
Disziplin auch in der Wirtschaft als notwendig*, Lenin betonte,
daß die nächsten Aufgaben des Wirtschafts- und Gesellschaitslebens
 ohne die Spezialisten mit hoher Bezahlung nicht zu lösen
seien. Er gab dabei zu, daß das ein Abrücken von den Prinzipien
der Pariser Kommune bedeute, die vor allem in der ersten Zeit
von den Bolschewisten als Vorbild für ihre Machtergreifung
und Machtorganisation betrachtet wurde. Er verlangte strenge
Rechnungslegung und Kontrolle, ohne die alles Wirtschaftsleben
zum Erliegen kommen würde. Der proletarische Staat fing also
bald an zu verkünden, daß die Arbeiterschaft jetzt anders handeln
müsse als in der Epoche des Arbeitgeberkapitalismus. Trotzki
wendet sich gegen gewissenlose arbeitsscheue Arbeiter und fordert
 auf, sie zu gerichtlicher Rechenschaft zu ziehen. Lenin
bekämpft den Versammlungsdemokratismus, der die tägliche
Arbeitsdisziplin untergräbt, er fordert Unterordnung unter den
Willen des Leiters des Arbeitsprozesses, Der Staat beginnt, sich
für Akkordlöhne einzusetzen und Streiks zu verbieten, die ja jetzt
einen antiproletarischen Charakter tragen. Die Gewerkschaften
werden als Organe zur Vertretung der Arbeiterinteressen betrachtet,
 ohne das Recht zu einer selbständigen, gegen die bolschewistische
 Partei gerichteten Politik ®,
Man kann diese erste Zeit der bolschewistischen Herrschaft als
die Zeit der tastenden Wirtschaftsexperimente betrachten. Es galt
vor allem, die politische Macht zu sichern, und da wurden vielfach
Noch rein agitatorische Forderungen durch Dekrete, Gesetze usw.
Dubliziert, Noch fehlte den bolschewistischen Führern die prak-
        <pb n="108" />
        36 3.. Teil. Die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik.

tische Erfahrung. Wie Pollock mit Recht betont, hielten sie sich
sehr stark an das Vorbild der Pariser Kommune und das Kommunistische
 Manifest. Lenin glaubte, mit Marx und Engels den
Markt bewußt in den Dienst des siegreichen Proletariats zu stellen
durch Zentralisation des Kredits in den Händen des Staates. Pollock
 formuliert scharf: „Lenin hat sich das Schicksal des Marktes
in der sozialen Revolution ähnlich vorgestellt wie dasjenige des
Staates. Beide müssen zuerst erobert und alle ihre beherrschenden
 Positionen in die Hand des Proletariats gebracht werden. Im
Laufe der Zeit werden sich da neue Organisationsformen herausbilden.“
 Zwar ist dieser Glaube bis heute für die Bolschewisten
entscheidend geblieben, aber damals war er mit einer Tempounterschätzung
 verbunden.
Man glaubte etwa durch die Arbeiterkontrolle verhältnismäßig
rasch die Erfahrungen der Kapitalisten für die Proletarier gewinnen
 zu können, man unterschätzte die gegebenen Schwierigkeiten
 in der Tradition der bisherigen Wirtschaftsorganisation,
man glaubte mit Dekreten und äußern Maßnahmen bestehende
Verhältnisse rasch abändern zu können. Als Ideal schwebte zunächst
 vor die verhältnismäßig rasche Einführung einer Gesellschafts-
 und Wirtschaftsordnung, die auf Konsumtions - Produktionskommunen
 aufgebaut wäre. Diese Produktionsgemeinschaften
 sollten allmählich die gesamte Staatsorganisation bestimmen.
 In einem Projekte Lenins vom Januar 1918 heißt es: „Die
Grundzellen müssen die Produktions-Konsumtionskomitees der
Versorgung und des Absatzes bei den Räten sein; in den Städten
müssen eine ähnliche Stelle die Komitees für Viertel oder für
Straßenteile einnehmen. Wenn es gelingen würde, solche Komitees
an verschiedenen Orten zu Schaffen, so würde die Vereinigung
solcher Komitees ein Netz geben, das fähig wäre, die Versorgung
der Bevölkerung mit allem Notwendigen und auch die Erzeugung
im gesamtstaatlichen Maßstabe zu organisieren. ... Der Verkehr
der Produkte und auch der Kauf und Verkauf würde dann nur
erlaubt sein von einem Komitee zum andern bei Verbot alles individuellen
 Absatzes.“*® Solche Projekte beweisen nur die mangelnde
Wirtschaftserfahrung und den utopischen Glauben daran, die Gesellschaft
 mit einem Schlage umändern und umdirigieren zu können.
Sie haben die Gegner des Bolschewismus unter russischen Sozialisten
 (z. B. Suchanow) zur Behauptung veranlaßt, daß die Bolschewisten
 Anarchisten seien, die an Stelle des Staates sofort
Produktions-Konsumtionszellen setzen wollen. Aber es ist zu beachten,
 daB Lenin von Anfang an betonte, man müsse aus der
        <pb n="109" />
        Die ersten Maßnahmen.

97

Erfahrung lernen. In der Außenpolitik wurde er durch das Ausbleiben
 der Weltrevolution, der Verwandlung des imperialistischen
Krieges in einen Bürgerkrieg, zum Frieden von Brest-Litowsk mit
dem kaiserlichen Deutschland gezwungen; genau so fand er sich
dazu bereit, angesichts der bestehenden Wirtschaftsverhältnisse,
die Projekte der ersten experimentierenden Zeit aufzugeben und
an Stelle der nur die Wirtschaftsanarchie vergrößernden Arbeiterkontrolle
 Disziplin, Forderung nach größerer Arbeitsleistung zu
setzen ?.

Von einem Aufstieg des russischen Wirtschaftslebens während
dieser Zeit kann selbstverständlich keine Rede sein. Man wird
allerdings zugeben müssen, daß an den furchtbaren Wirtschaftsverhältnissen
 nicht die Bolschewisten allein die Schuld trugen.
Sie übernahmen eine bereits völlig zerrüttete Wirtschaft. Dazu
kamen noch die großen Schwierigkeiten der sich anarchisch vollziehenden
 Demobilisation und der von ihnen geförderten Agrarrevolution.
 Auch der Frieden von Brest-Litowsk, der Rußland von
der Ukraine und den sog. Randstaaten trennte, vergrößerte die
Wirtschaftsschwierigkeiten. Aber man wird trotzdem feststellen
müssen, daß die Wirtschaftsmaßnahmen der Bolschewisten in
keiner Weise dazu beitrugen, die Wirtschaftslage zu bessern.
Bereits 1918, vor dem eigentlichen Einsetzen der Bürgerkriegsperiode,
 droht eine allgemeine Hungerkatastrophe in den Städten.
Man kann also nicht sagen, daß der Bürgerkrieg eine aufsteigende
Wirtschaftsentwicklung unterbrochen hat. Auch ohne ihn wäre es
zu einem vollständigen Wirtschaftszusammenbruch gekommen,
mag er auch diesen Wirtschaftszusammenbruch gefördert und noch
verschärft haben.
Ein Überblick über die wichtigsten Maßnahmen soll die Charakteristik
 der Zeit des Arbeiterkontrollsozialismus abschließen.
Die Einführung des Sozialismus auf dem Lande war bereits durch
das Landdekret bei der Machtübernahme aufgegeben worden. Das
Grundgesetz über den Boden, das Anfang Februar 1918 erlassen
wurde, legalisierte die Übergabe des Bodens in die Nutznießung
des werktätigen Volkes, bestätigte also praktisch nur die Grundlage
 für die individualistische Bauernwirtschaft. Die Feststellung,
daß der Boden nur zur Nutznießung überlassen sei, war praktisch
bedeutungslos, daher wirkte sich die Agrarreform der Bolschewisten
 nur als eine Konfiskation des Gutsbesitzerlandes, der Ländereien
 der Toten Hand, des Staates usw. durch die Bauernschaft
aus, Das war die Grundlage der berühmten Smytschka, der Diktatur
 des Proletariats im Bunde mit der Bauernschaft. Die Bauern-Hurian,
 Der Bolschewismus. m
        <pb n="110" />
        98 3. Teil. Die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik,

schaft war mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt, die
proletarische Regierung hatte Zeit für ihre Wirtschaftsexperimente
gewonnen, ohne den Widerstand der Bauernmassen fürchten zu
müssen. Worin bestanden nun diese Experimente? Ich gebe ihre
Zusammenstellung nach den Angaben bei Krizman: Die heroische
Periode der großen russischen Revolution (2. Aufl., Moskau 1926).
Die Enteignung des Staatskapitals, d. h. Übergang alles staatlichen
Besitzes in bolschewistische Hände — Dekret über die Bildung des Rates
der Volkskommissare vom 25. Oktober 1917. — Die Enteignung des Finanzkapitals
 — Dekret über die Nationalisierung der Banken vom 14. Dezember
 1917. Enteignung des Transportkapitals — Dekret über die
Nationalisierung des Wassertransportes vom 26. Januar 1918. Enteignung
des Leihkapitals (vor allem des ausländischen) — Dekret über die Annullierung
 der Schulden vom 28. Januar 1918. Enteignung des Handelskapitals,
 Außenhandel — Dekret über die Nationalisierung des Außenhandels
 vom 23. April 1918. Enteignung des großen Industriekapitals —
Dekret über die Nationalisierung der Großindustrie vom 28. Juni 1918.
Dazu kommen noch zwei Dekrete, die später publiziert wurden, obgleich
sie nur die Vollendung der Dekrete der ersten Zeit darstellten: Enteignung
 des Handelskapitals (Innerer Handel) — Dekret über die Nationalisierung
 des Handels vom 21. November 1918 und Enteignung des kleinen
Industriekapitals — Dekret über die Nationalisierung der kleinen Betriebe
vom 29. November 1920.

Man könnte aus dieser Zusammenstellung entnehmen — und diese
Behauptung wird gelegentlich vertreten —, daß eine Nationalisierung
(Sozialisierung) im Grunde genommen nicht in raschem Tempo
vorgesehen war. Krizman betont, daß bis zur allgemeinen Sozialisierung-
 zwar bereits zahlreiche Großbetriebe vergesellschaftet
wurden, aber fast immer als Strafmaßnahme gegen die Widerspenstigkeit
 der Betriebsbesitzer und Leiter. Die Bolschewisten
glaubten eben, mit Hilfe der politischen Gewalt die ganze Führung
der Produktion ändern zu können und schritten erst zur Sozialisierung,
 als der Versuch, das Kapital für die proletarische Diktatur
arbeiten zu lassen, wobei ihm sogar noch Gewinnchancen überlassen
 blieben, gescheitert war. So kommt die paradoxe These
zustande, daß die Bolschewisten zur Sozialisierung — von der
Nationalisierung der Banken abgesehen — gleichsam von außen
her gezwungen worden sind ®. Daß aber diese These außerordentlich
 problematisch ist, geht daraus hervor, daß bereits im Dezember
 1917 Lenin ein Dekret über die Nationalisierung der Volkswirtschaft
 plante. Da wird vorgesehen, daß alle Aktiengesellschaften
 in Staatseigentum übergehen. Als Druckmittel gegen die
Besitzer, die Angehörigen der reichen Klassen usw. ist neben der
        <pb n="111" />
        Der Kriegskommunismus.

99

Arbeiterkontrolle die allgemeine Arbeitspflicht vorgesehen, die
Einführung von Verbrauchsarbeitsbüchern, die Verpflichtung, ihr
Vermögen auf der Staatsbank zu halten, die Möglichkeit, nur kleine
Summen für Konsumnotwendigkeiten ausbezahlt zu bekommen.
Auszahlungen für Produktions- und Handelszwecke sollen nur
nach Bestätigung der Arbeiterkontrolle erfolgen.
Da selbstverständlich auf diese Weise keine Zusammenarbeit
mit den bisherigen Besitzern möglich war — und die Maßnahmen
dieses Projektes sind zum größten Teile wenigstens durch Erlassen
 von Dekreten verwirklicht worden —, mußte die Arbeiterkontrolle
 binnen kurzer Zeit zur Aufgabe der Betriebe durch die
Besitzer und also zur Notwendigkeit der Sozialisierung führen.
Denn die Arbeiterkontrollorganisationen der einzelnen Werke
waren selbstverständlich zur Aufrechterhaltung des Betriebes und
zu seiner Führung unfähig. Außerdem mußte ja für eine zentrale
Leitung der Volkswirtschaft gesorgt werden. Welche Rechte der
Arbeiterkontrolle zuerteilt waren, geht daraus hervor, daß vor ihr
kein Geschäftsgeheimnis bestand und daß ihre Entscheidungen für
die Besitzer verpflichtend waren. Das bedeutete eine faktische
Legalisierung der Anarchie und mußte, sollte eine Wirtschaftsproduktivität
 wieder hergestellt werden, zur Sozialisierung führen,
da eine Abschaffung der Arbeiterkontrolle und Einsetzung der
Besitzer in ihre alten Rechte im System der proletarischen Diktatur
 natürlich nicht möglich war.

Der Kriegskommunismus,
Diese erste Periode der Experimente ging unvermittelt in die
Zeit der Bürgerkriege über. Pollock 1äßt sie, die er als Periode der
staatskapitalistischen Versuche bezeichnet, im Mai 1918 zu Ende
gehen. Man kann aber wohl sagen, daß die Sozialisierung der
[ndustrie im Juni sich notwendigerweise als ihr Abschluß ergab.
In der neuen Periode hatte die bolschewistische Regierung keine
Zeit mehr, sich mit Wirtschaftsexperimenten zu befassen. Sie mußte
sehen, wie sie sich in ihrem Kampfe mit den äußern Feinden, den
verschiedenen Weißen Armeen, behaupten und sich der Ententeblockade
 erwehren konnte. Aber es wäre doch falsch, alle Wirt-Schaftsmaßnahmen
 dieser Zeit nur als Ausdruck des Willens anzusehen,
 sich um jeden Preis gegenüber den äußern Feinden zu
behaupten, Neben dem Kriegskommunismus im eigentlichen Sinne
des Wortes, also der Wirtschaftspolitik, die im Dienste der Kriegführung
 und der politischen Macht stand, gab es auch Maß-CN
        <pb n="112" />
        100 8. Teil. Die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik.

nahmen, welche die Annäherung an das sozialistische Ziel fördern
sollten. Pollock glaubt sogar, eine eigene Periode ansetzen zu
können, in der die Bolschewisten versuchten, eine marktlose, also
den sozialistischen Idealen sich nähernde Volkswirtschaft zu organisieren
 (Januar 1920 bis März 1921) und unterscheidet sie vom
Kriegskommunismus im engeren Sinne (Juni 1918 bis Dezember
1920). Gegen diese Auffassung, daß man die Periode des Kriegskommunismus
 vom Jahre 1918 bis 1921 nicht nur als eine Periode
ausschließlich aus der Not, d. h. dem Willen zur Aufrechterhaltung
der Macht, entstandener Maßnahmen ansehen kann, wendet sich
Karl Elster in seiner Studie „Vom Rubel zum Tscherwonetz“
(Jena 1930). Er betont, daß der „Kriegskommunismus nur die im
Bürgerkrieg begründet gelegene Wirtschaftspolitik der Sowietregierung
 darstellt“ *.
Man könnte meinen, daß es sich bei diesen Diskussionen um die
Figenart des Kriegskommunismus nur um terminologische Angelegenheiten
 handle. Das ist aber keineswegs der Fall. Wenn
man nämlich den Kriegskommunismus einfach als eine taktische
Anpassung an die politischen Notwendigkeiten auffasst, entzieht
man der Kritik an seinen Wirtschaftsmaßnahmen den Boden. Sie
sind ja nur von außen her aufgezwungen, sie haben nichts mit dem
Willen zum Sozialismus zu tun. Es ist daher verständlich, daß
gerade bei führenden Bolschewisten nach Abschluß des Kriegskommunismus
 das Bestreben hervortrat, ihn möglichst als politischtaktische
 Angelegenheit erscheinen zu lassen. Aber das entspricht
keineswegs seinem wahren Charakter; neben Maßnahmen taktischer
 Natur wurden auch Maßnahmen getroffen, die tatsächlich
prinzipiell der Annäherung an das sozialistische Ziel dienen sollten.
Mit Recht hat Krizman hervorgehoben, daß durch den Kriegskommunismus
 die Kommandohöhen der Wirtschaft fest in bolschewistische
 Hände übergingen; von hier aus sind Versuche gemacht
worden, in Wiederholung der Versuche der Periode des Arbeiterkontrollsozialismus
 eine sozialistische Gesellschaft zu organisieren,
die aber dann ebenso abgebrochen werden mußten wie ihre Vorgänger.
 Man muß also stets die prinzipiellen und die taktischen
Maßnahmen des Kriegskommunismus voneinander unterscheiden.
Dabei darf allerdings nicht verkannt werden, daß die Wendung
zum Kriegskommunismus nicht aus wirtschaftlichen. sondern aus
politischen Gründen erfolgte.
Infolge der Besetzung großer Teile des Landes durch die
Weißen Armeen — Denikin im Süden, Koltschak in Sibirien,
Miller im Norden — mußten die Bolschewisten das von ihnen
        <pb n="113" />
        Der Kriegskommunismus. 101

beherrschte Gebiet als eine Art riesiger Festung (Trotzki) betrachten,
 die es um allen Preis zu halten galt und von der aus
die Macht über möglichst weite Gebiete wieder hergestellt werden
sollte. Die Wirtschaftspolitik stand im Zeichen der Versorgung
der Roten Armee. Es galt zunächst nicht, zu produzieren, sondern
einfach den Lebensbedarf des Heeres sicherzustellen. Diesem Ziele
diente die rücksichtslose Konfiskationspolitik der Regierung auf
allen Gebieten. Sie setzte gleichzeitig den Prozeß der Zerstörung
aller Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft fort. Aber zugleich
wurde doch auch der Versuch gemacht, die Wirtschaft zu organisieren.
 Der bereits 1917 eingesetzte, zur Leitung der Wirtschaft
bestimmte Volkswirtschaftsrat zerfiel in verschiedene Hauptverwaltungen,
 sog. Glawki, Zentren, die zur Leitung der verschiedenen
Wirtschaftszweige bestimmt waren. Doch von einer planmäßigen
Organisation der gesamten Produktion oder auch nur der Verteilung
 nach einheitlichen wirtschaftlichen Gesichtspunkten kann
keine Rede sein. Dafür war einfach viel zu wenig Erfahrung vorhanden.
 Die Glawki wurden zu rein bürokratischen Körperschaften,
die in einem Aktenmeer erstickten und nicht zu befolgende Weisungen
 erteilten. Da sie sich nicht nach dem Markte zu richten
brauchten, war eine Berechnung ihrer wirtschaftlichen ProduktHivität
 nicht möglich. Sie arbeiteten einfach mit Staatszuschüssen,
also auf Grund inflatorischer Finanzmaßnahmen.
Dabei glaubten die Bolschewisten aus dem sog. Kriegskommunismus
 unmittelbar in die Periode des sozialistischen Aufbaues
übergehen zu können. Das sollte bewirkt werden durch strenge
Durchführung des Arbeitszwanges. Nur gegen gesellschaftliche
Arbeit sollte die Möglichkeit zum Leben gegeben sein. Die infolge
des Zusammenbruchs der gesamten Wirtschaftsorganisation, des
Warenmangels und der Verkehrsschwierigkeiten entstandene Notwendigkeit
 des direkten Austausches von Waren gegen Lebensmittel
 usw. wurde nicht nur als Notmaßnahme, sondern als Beginn
einer sozialistischen geldlosen Wirtschaft betrachtet. Sinowiew
erklärte, „daß wir der völligen Auflösung des Geldes entgegengehen.
 Wir naturalisieren den Arbeitslohn, wir führen kostenlose
Straßenbahnbenützung ein, wir haben freien Schulunterricht, kostenloses,
 wenn auch einstweilen schlechtes Mittagessen, freie Wohnung,
 Beleuchtung usw.“ *° Die Löhne sollten nach dem Dekret vom
30. April 1920, das aber, wie Pollock betont, erst gegen Ende des
Jahres zur Durchführung kam, ganz in Naturalien ausgezahlt
werden. Die Leistungen des Staates, also Telephon, Wasserleitung,
 Kanalisation. Gas und Elektrizität, Lieferung von Brenn-
        <pb n="114" />
        102 3. Teil. Die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik.

stoffen und die Wohngelegenheit sollten für alle Arbeiter und
Angestellten der Staatsbetriebe und für Invaliden, Familienangehörige
 der Roten Armee ohne Bezahlung erfolgen. Das Kartensystem
 wurde immer mehr ausgedehnt, die ganze Versorgung
sollte vom Staate und seinen Organisationen erfolgen. Bereits
1919 wurden Resolutionen gefaßt, welche an Stelle der Geldwirtschaft
 des Staates eine Entwicklung und Festigung der Naturalbesteuerung
 verlangten. Anfang 1921, am 3. Februar, wurde, wie
Hänsel berichtet, die grundsätzliche Abschaffung aller Geldsteuern
und Geldabgaben an den Staat beschlossen **.
Gewiß, ein großer Teil dieser Maßnahmen ergab sich aus momentanen
 Schwierigkeiten der Inflation und sollte der Bewältigung
momentaner Aufgaben dienen. Aber diese Bewältigung sollte doch
zugleich helfen, dem sozialistischen Ziele näherzukommen; die
Verwaltungswirtschaft, um den Ausdruck von. Pollock zu gebrauchen,
 sollte eine radikale Gesellschaftsänderung im Sozialistischen
 Sinne hervorrufen. Die gesellschaftliche Arbeit und die
Leitung der Arbeit durch zentrale Instanzen sollte an Stelle der
bisherigen auf dem Konkurrenzprinzip beruhenden Marktwirtschaft
treten. Die Verwandlung der Roten Armee in Arbeitsarmeen sollte
für die Verwirklichung der Arbeitspflicht vorbildlich sein. Trotzki
entwickelte Projekte, die Gewerkschaften in Staatsorgane zur Erfassung
 und Organisierung aller Arbeit zu verwandeln; alle Produktion
 war sozialisiert, der Markt wenigstens durch Dekrete aufgehoben;
 die Landwirtschaft sollte durch das völlige Ausschalten
des Geldes in unmittelbare Verbindung mit der staatlich geleiteten
Warenproduktion gesetzt werden. Selbst der Anbauzwang für die
Landwirtschaft wurde durch Dekret verkündet.

„Man dekretierte die Sozialisierung der 18 000 000 Bauernwirtschaiften,
ihre Unterstellung unter eine einheitliche Leitung und die Schaffung von
Saatkomitees, die dafür sorgen sollten, daß die zur Pilicht gegenüber dem
Staate erklärte Bestellung einer in dem staatlichen Ackerplan festgelegten
Bodenfläche durchgeführt wurde“ (Pollock). Diese Maßnahme war dadurch
 notwendig geworden, daB die Anbaufläche desto mehr zurückging,
je mehr es den Staatsorganen gelang, das Getreide zu erfassen. Die
Bauern wollten nicht mehr Getreide erzeugen, das doch nur beschlagnahmt
wurde ohne entsprechende Gegenleistung.
Die Versuche des sog. Kriegskommunismus führten nur zu einem
vollendeten Zusammenbruch der Wirtschaft, mochten sie auch
politisch zur Machterhaltung der Bolschewisten durch Anspannung
aller Kräfte des Landes notwendig gewesen sein. Aber ein Weg
zur Wirtschaftsproduktivität wurde durch sie nicht gewiesen. Die
        <pb n="115" />
        Der Kriegskommunismus.

103

Bürokratie, die papierne Arbeit unproduktiver Art feierte phantastische
 Triumphe. Sie wuchs schon darum in gigantischem
Maße, weil jeder suchte, als Staatsangestellter zu dem Kreise der
Versorgungsberechtigten zu gehören. Alle Tätigkeit erstickte unter
einer ungeheuren Papierflut, welche die Beschaffung aller Waren,
die schon an sich knapp waren, auf das äußerste erschwerte.
Gleichzeitig sank die Produktion noch mehr, da die verschiedenen
zur Führung der einzelnen Zweige bestimmten Zentren infolge des
Fehlens eines Gesamtplanes gegeneinander arbeiteten. Wo sie
schon fast zum Erliegen gekommen war, erlag sie nun vollständig
oder wurde in einer Weise geführt, die nichts mit den Weisungen
der Zentralen zu tun hatte. Die vorgesehenen Rationen konnten
nicht zugeteilt werden, Lenin hatte seinerzeit die Organisierung
der deutschen Kriegswirtschaft, ihr Kartensystem usw. als vorbildlich
 gepriesen*, Dieses Kartensystem funktionierte in Rußland
noch weniger als in Deutschland. Neben dem offiziellen, staatlichen
 und von staatlich-gesellschaftlichen Organen (Genossenschaften)
 beherrschten Warenverkehr entstand ein Schleichhandel,
der zahlreiche Kräfte von der Arbeit fernhielt. Er behauptete sich
trotz aller Vorschriften. Alle staatlichen Mittel bis zur Todesstrafe
versagten ihm gegenüber. Nach Krizman ist für die Volkswirtschaft
 Rußlands in der Zeit des Bürgerkrieges 1918—1920 charakteristisch
 die stets fortschreitende Zerteilung der Wirtschaft in eine
legale (proletarisch-naturalwirtschaftliche) und eine illegale (händlerische
 und kapitalistische) Ökonomik.

Welchen Umfang der Schleichhandel annahm, geht daraus hervor, daß
im September 1918 die Schleichhändler, die sog. Sackträger, in die beiden
Hauptstädte doppelt so viel Getreide eingeführt haben als es nach dem
staatlichen Versorgungsplan vorgesehen war. Dabei wurde dieser Versorgungsplan
 nur zur Hälfte ausgeführt! Nach Schirmunski betrug die
Belieferung der städtischen Bevölkerung in den Jahren 1918/19 in den
Produktionsgouvernements durch den Schleichhandel 52,7% und in den
Konsumtionsgouvernements 62,3°/o. Und Krizman, der dem Kriegskommunismus
 sehr freundlich gegenübersteht, gibt an, daß vom September 1919
bis zum Januar 1920 in drei Gouvernements die Bauern 54° der Waren
mit Hilfe von Geld kauften, 35°/2 ohne Geld eintauschten und nur 11°%
von den Staatsorganen erhielten 1%

i ie‘ üche seiner Gesetzgebung
t verstand nicht, die Ansprüc ;
EEE Er konnte nicht die Wirtschaftsproduktion orga
Wi ; © « ®
Daher führte der Kriegskommunismus praktisch een ar „daß
der staatliche Apparat einen kleinen Teil des Wirtschafts
        <pb n="116" />
        104 3. Teil. Die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik.

erfaßte, daß er sich also praktisch nur als ein Macht- und Druckinstrument,
 aber nicht als ein Instrument des Wirtschaftsaufbaues
erwies. Ohne die illegale Wirtschaft wäre alles verhungert, erfroren
 usw.; auch staatliche Organe arbeiteten mit ihr zusammen.
Der Versuch, eine staatlich-sozialistische Wirtschaft aus der Beschlagnahmepolitik,
 dem Lieferungs- und Arbeitszwang des Kriegskommunismus
 erwachsen zu lassen, führte nur zu einer Einschränkung
 der staatlichen Macht im wirtschaftlichen Leben, zu
einer Desorganisierung der Wirtschaft und zu einer Rückkehr zu
primitiven Wirtschaftsformen, die zwar den Geldverkehr zerstörten,
 aber keineswegs der Marktwirtschaft überlegen waren.
Die Wirtschaftsbedürfnisse wurden nicht durch die organisatorischen
 Maßnahmen des Staates befriedigt. Soweit es dem Staate
gelang, wirtschaftliche Werte zu erfassen, gelang dies ihm nur
dadurch, daß er mit Zwang und größter Gewaltanwendung vorging.
 Die durch seine Wirtschaftspolitik entstandenen aufgeblähten
Apparate führten in ihrer Schwerfälligkeit nur zu ihrer eigenen
allmählichen Lähmung; sie arbeiteten gegeneinander, ihre Maßnahmen
 standen auf dem Papier, sie hatten keine Fühlung mehr
mit den wirklichen Verhältnissen. Mochte auch der Kriegskommunismus
 den Bolschewisten die politische Machtbehauptung ermöglicht
 haben, so war er doch nicht geeignet, als Grundlage einer
Wiederherstellung des Wirtschaftslebens zu dienen.

Einige Angaben, die Krizman in seinem dem Kriegskommunismus
durchaus freundlich gegenüberstehenden Werke macht, geben ein anschauliches
 Bild von den damals herrschenden Wirtschaftszuständen. Die
Saatfläche hatte sich in den drei Jahren des russischen Bürgerkrieges
doppelt so stark verringert als während des Weltkrieges. Der Ertrag
hatte sich in diesen drei Jahren ebenfalls doppelt so stark vermindert.
Vor dem Kriege betrug die Ernte 4774000 Pud, im Jahre 1920 2944 000.
Die Zahl der Pferde war, wenn man die Zahl des Jahres 1916 mit 100%
ansetzt, auf 75, der Schweine auf 72, des Großviehs auf 79, der Schafe
und Ziegen auf 55%, gesunken. In der Kleinindustrie und im Handwerk
war die Zahl der beschäftigten Personen von 3760000 auf 1578000 im
Jahre 1920 gesunken, in der Schwerindustrie von 3024000 auf 1585000
im Jahre 1920. Wenn man die Produktion des Jahres 1913 mit 100%
einsetzt, so war sie 1917 auf 77, 1918 auf 35, 1919 auf 26 und 1920 auf
18°% gesunken. Die Gewinnung der Kohle war von 1738000 Pud im
Jahre 1913 auf 467 000 im Jahre 1920 gesunken, die Zuckerproduktion von
82900 000 Pud auf 5500000. Es wurden im Jahre 1920 nur 13,3°/ der
Pflüge erzeugt, die im Jahre 1913 erzeugt wurden.
Das Volkseinkommen betrug 1920 40° des Volkseinkommens im
Jahre 1913. Diese Schätzung ist noch optimistisch; an anderer
        <pb n="117" />
        Die neue ökonomische Politik (NEP). 105

Stelle meint Krizman, daß das Volkseinkommen wahrscheinlich
33°/a des Vorkriegseinkommens betrug. Alle diese Zahlen werden
nur der Anschaulichkeit halber angeführt; Krizman selber hebt
ihre Unexaktheit hervor, auf alle Fälle beweisen sie, daß bis zum
Jahre 1920 die Revolution zu einer außerordentlichen Verschlechterung
 der Wirtschaftslage und Lebensbedingungen geführt hatte.
Die Bolschewisten führen dafür als Grund an: den Bürgerkrieg,
die Auswirkung des imperialistischen Krieges, die Umstellung der
wirtschaftlichen Gesellschaft mit Hilfe ungenügender Pläne und
der herrschenden Partei vielfach feindlich gegenüberstehender
Elemente, die einen arbeitsunfähigen Bürokratismus hervorriefen.

Die neue ökonomische Politik (NEP).

Der Verlust des Kontaktes zwischen der wirtschaftlichen Wirklichkeit
 und den staatlichen Organisationsversuchen, der als Endergebnis
 des Kriegskommunismus bezeichnet werden kann, drohte
zu einer gesellschaftlichen und politischen Gefährdung des gesamten
 bolschewistischen Regimes zu führen. Die Bauern weigerten
 sich, ihr Getreide weiter beschlagnahmen zu lassen. Der Anbauzwang
 versagte. Sie verlangten Industrieprodukte, die ihnen nicht
geliefert werden konnten, es begann eine neue revolutionäre Bewegung
 zu entstehen, die sich diesmal gegen die bolschewistischen
Zwangsmaßnahmen und die bolschewistische Bürokratie richtete.
Dafür war der Matrosenaufstand in Kronstadt bezeichnend (1921),
der allerdings rasch unterdrückt wurde. Seine Losung aber: „Alle
Macht den Räten!“ konnte der herrschenden bolschewistischen
Partei sehr gefährlich werden, da sie gerade ihre Verbindung mit
den Massen offen anzweifelte. Die Bolschewisten waren zur Macht
gekommen unter der Losung: „Nieder mit der Bürokratie!“ In
Wirklichkeit hatte ihre Herrschaft nur zur Ausbildung einer Bürokratie
 geführt, die noch unfähiger war und auf den Massen noch
mehr Jlastete als die alte. Schon vor dem Kronstadter Aufstand
hatte Lenin die Gefahren einer Fortsetzung des Kriegskommunismus
 erkannt. Er wandte sich energisch von den bisherigen Methoden
 ab, es begann die neue ökonomische Politik, die durch
Beschlüsse des 10. Kommunistischen Parteitages vom 8. bis zum
16. März 1921 eingeleitet wurde *.
Die neue ökonomische Politik ist ein Ausdruck der Einsicht, daß
die bisherige Wirtschaftspolitik der Marktausschaltung, der Ver-Sorgung
 seitens des Staates, des Anbauzwanges, der Getreidebeschlagnahme
 nicht den wirklichen gesellschaftlichen Verhält-
        <pb n="118" />
        106 3. Teil, Die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik.

nissen entsprochen hatte, sondern zum entscheidenden Teil durch
politische Rücksichten erzwungen worden war. Sie hatte als
Waffe zur Unterdrückung aller sich der bolschewistischen Herrschaft
 widersetzenden Gruppen gedient, die sich nicht freiwillig
— wie die Periode bis zur amtlichen Sozialisierung vom Juli 1918
bewies — der sog. Arbeiterkontrolle fügen wollten, die sich gegen
die bolschewistische Regierung durch Bürgerkrieg wehrten. Nun
fiel aber der äußere Druck der Weißen Armeen weg; die Bauernschaft
 war nicht mehr geneigt, ein Regime der Marktlosigkeit und
der Zwangsbeschlagnahme aller Vorräte für Versorgungszwecke
zu ertragen, Da drohte das für die bolschewistische Herrschaft
so wichtige Bündnis zwischen der Bauernschaft und der herrschenden
 Partei — beide hatten an einem Siege der alten Gutsbesitzerschichten
 kein Interesse —, sich in eine Feindschaft der Landbevölkerungsmassen
 gegen die Partei zu verwandeln. Es drohte
die Gefahr eines vollendeten Wirtschaftszusammenbruches, da die
staatliche Wirtschaft sich als unfähig erwies, die dringendsten
und primitivsten Lebensbedürfnisse zu befriedigen; auf die Dauer
konnte die illegale Wirtschaft doch nur scheinbar zurückgedrängt
werden.
Die neue ökonomische Politik beginnt damit, daß offen die wirklichen
 und gesellschaftlichen Verhältnisse anerkannt werden. „Unser
{rüheres Programm“, so erklärte Lenin auf dem 10. Parteitage,
„war theoretisch richtig, aber praktisch undurchführbar,“ Worin
besteht die Grundlage der neuen ökonomischen Politik? Der Markt,
der bisher nur illegal existieren durfte, wird wieder offiziell eingeführt,
 da die Bauern nur noch einen bestimmten Anteil ihrer
Vorräte als Steuer abliefern müssen und ein freies Kauf- und
Verkaufsrecht für die nach dem Abzug dieser Steuer übrigbleibenden
 Vorräte erhalten. Damit ist der Verzicht auf eine Vergesellschaftung
 des Handels, auf eine vollständige Herrschaft des
Staates über die Wirtschaft ausgesprochen. Was machte es
praktisch aus, daß zunächst nur der lokale Handel erlaubt, erst
im Herbst der Handelsverkehr im gesamten Rußland wieder gestattet
 wurde? Die Freigabe des Marktes führte zu einer Änderung
der gesamten bisherigen Wirtschaftspolitik. Daß eine solche
Änderung wirklich vorlag, geht aus Äußerungen von Lenin selber
hervor. Er erklärte z. B. auf dem 10. Parteitag: Die Resolution
des 9. Parteitages, welche die allgemeine staatliche Wirtschaftsorganisierung
 forderte, setzte voraus, daß „unsere Bewegung sich
gradlinig vollziehen würde. Es hat sich aber gezeigt, wie es sich
stets in der Geschichte der Revolutionen gezeigt hat, daß die Be-
        <pb n="119" />
        x

Die neue ökonomische Politik (NEP).

SS .
107

wegung im Zickzack vor sich ging.“ Daher schlä«
Reihe Übergangsmaßnahmen vor, die er auch als „Sch
bezeichnet. Die neue ökonomische Politik ist eine
Änderung der bisherigen Wirtschaftspolitik, wobei al
werden muß, daß durch sie keinesfalls das Endziel aufgegebeft wirt.
Der sog. Nepbürger entsteht; er tritt als Warenvermittler, als
Händler auf. Die Sozialisierung kleiner Betriebe wird durch ihre
Verpachtung beseitigt. Die NEP scheint eine Wiedereinführung
des privatwirtschaftlich bestimmten Wirtschaftssektors in Rußland
zu bedeuten. Dafür ist neben der Publikation von Gesetzeskodifikationen,
 die eine gewisse Rechtssicherheit geben sollen, eine
Lockerung der Zensur bezeichnend. Wissenschaftliche Veröffentlichungen
 nichtmarxistischer Art scheinen wieder möglich zu
werden. Auch die Staatswirtschaft wird gezwungen, sich nach
Marktgesetzen zu richten, also Rentabilitätsgesichtspunkte bei
ihren Operationen zu beachten. Eine Währungsreform, die Karl
Elster eingehend geschildert hat, die Einführung des sog. Tscherwonetz,
 schafft wieder Sicherheit im Geldverkehr.
Gegen die Deutung der NEP als einer endgültigen Abkehr
von den bisherigen Wirtschafts- und Gesellschaftszielen spricht
die Beibehaltung einer ganzen Reihe sog. sozialistischer Errungenschaften.
 Der Staatsapparat bleibt unangetastet in bolschewistischer
 Hand. Bereits die Einführungsrede Lenins in die
neue ökonomische Politik hatte die Wahrung der „politischen
Interessen“ betont. Die GPU tritt an Stelle der Tscheka, aber das
bedeutet in keiner Weise eine Rückkehr zum bürgerlichen Rechtsstaat,
 eine Abkehr von der durch keine Gesetze beschränkten
Diktatur des Proletariats, d. h. der bolschewistischen Partei. Die
Sozialisierung der Großindustrie bleibt erhalten, mag sie jetzt auch
in Form von Trusts und Syndikaten umorganisiert werden. Das
staatliche Ausfuhr- und Einfuhrmonopol wird nicht aufgehoben,
der Staat behält dadurch eine wirksame Waffe zur Wirtschaftsregulierung
 in seiner Hand. Die ideologische und soziale Bekämpfung
 der neuen NEP-Bourgeoisie wird planmäßig organisiert,
der NEP-Bourgeois darf zwar Geld verdienen, wird aber, da er
politisch völlig rechtlos ist, mit allen Mitteln öffentlicher Verächt-Kichmachung
 in Verruf gebracht. Gerade in dieser Zeit werden eine
Reihe führender bürgerlicher Publizisten, Gelehrte wie Berdiaiew,
Losski usw., aus Rußland ausgewiesen. Energisch wird Front
gemacht gegen alle Versuche, den Bolschewismus in eine nationale
Befreiungsbewegung umzudeuten. Ustrialow, der Vater der sog.
Smenowechowzy, der Anhänger der Weißen Armee, die jetzt die

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        <pb n="120" />
        108 3. Teil. Die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik,

nationale Bedeutung des Sieges der Roten Armee erkannten und
als Rettung Rußlands vor Westeuropa, als Ausdruck eines neuen,
nach Asien hin gerichteten russischen Reiches feierten, wird auf
das schärfste bekämpft und abgelehnt *.
Die Periode der NEP sollte als eine Atempause zur Kräftesammlung-
 des Volkes, zum Wiederaufbau der Wirtschaft dienen.
Lenin hatte bei ihrem Beginne erklärt: „Wenn wir Waren für den
Bauern erhalten, so ist es natürlich eine Verletzung des Programms,
d. h. eine Unrichtigkeit, aber man muß eine Atempause geben, weil
das Volk zu übermüdet ist, so daß es auf eine andere Weise nicht
arbeiten kann.“ Die lahmgelegten Produktionskräfte sollten durch
sie angespornt werden, die Unterstützung des Auslandes sollte
gewonnen werden, das Land sollte von dem Drucke des wirtschaftlich
 unzureichenden Kriegskommunismus völlig befreit
werden, aber all das sollte doch unter der scharfen Aufsicht der
herrschenden kommunistischen Partei geschehen. Von einer neuen
Politik im Staatsleben war keine Rede. Die Kommandohöhen der
wirtschaftlichen Gesellschaft — und zu ihnen rechneten alle Zweige
des Staatsapparates — sollten weiter in bolschewistischem Besitze
bleiben. Die neue ökonomische Politik wurde benützt, um den
Einfluß der Bolschewisten im Staate zu festigen. Die Partei begnügte
 sich nicht mehr mit der Kontrolle, sie wollte alle führenden
Posten mit ihren Männern besetzen. |
"Der Bolschewist sollte jetzt das nachzuholen beginnen, was er
bisher wegen der Kürze der Zeit, der Massenanarchie in den ersten
Monaten seiner Herrschaft und wegen des Bürgerkrieges nicht
hatte lernen können. Er sollte zu einem Manne der Praxis werden.
Gleichzeitig wurden die Fehler der bisherigen Versuche studiert.
Man erkannte das Fehlen eines Gesamtplanes, das Fehlen einer
genügend breiten industriellen Grundlage. Lenin erklärte den noch
in der Periode des Bürgerkrieges entstandenen Plan der Elektrifizierung
 für die dringendste Aufgabe. Diese Elektrifizierung sollte
der Beginn staatlicher wirtschaftlicher Beziehungen zu den bisher
für sich gesondert lebenden Bauernmassen bilden. Allmählich
erwuchs aus dieser Elektrifizierungsplanbehörde eine Gesamtplanbehörde.
 Man fing an, die Wirtschaft systematisch zu kontrolleren
 und zu beobachten. Langsam setzte, je mehr die Wirtschaft
sich erholte, der Abbau der NEP-Freiheiten ein. Man stellte die
ausländischen Konzessionsbetriebe, die als Musterstätten dienen
sollten, unter einen immer stärkeren Druck. Steuermaßnahmen
wurden mit brutalster Rücksichtslosigkeit gegen den vordringenden
Privatsektor angewandt. Nicht aus wirtschaiftlich-fiskalischen
        <pb n="121" />
        Die neue ökonomische Politik (NEP). 109

Gründen, sondern aus wirtschaftspolitischen. Der sozialistische
Sektor durfte nicht zurückgedrängt werden. Es wurden also Vorbereitungsmaßnahmen
 für die Aufnahme des sozialistischen Ansturmes
 getroffen.
Auf die Dauer ließ sich die neue ökonomische Politik als
Kompromiß zwischen einer staatlichen Regulierung der Wirtschaft
und der durch die Bedürfnisse erzwungenen Öffnung eines freien
Marktes nicht unverändert fortführen. Es zeigte sich, daß der freie
Markt stark genug war, dem Staate das Gesetz des Handelns
vorzuschreiben. Die Preise der Industrieprodukte mußten gesenkt
werden, mochten diese Maßnahmen auch fiskalischen Plänen
widersprechen. Die Rücksicht auf die Getreidelieferung der Bauern
forderte das. Die staatliche Einfuhr- und Ausfuhrpolitik geriet
immer mehr in Abhängigkeit vom Getreidemarkt, so daß Kamenew
auf dem bolschewistischen Parteitag 1926 das Wort prägen konnte:
„Der Kulak hat uns reguliert“; denn der Getreidemarkt wurde vom
sog. wohlhabenden Bauern, dem Kulaken, beherrscht, dem es
gelungen war, infolge seiner besseren Ausrüstung mit Arbeitsinstrumenten,
 Zugtieren usw. im Dorfe eine vorherrschende Stellung
 zu erlangen, seinen Willen den von der Regierung begünstigten
 Mittelbauern (Seredniak) aufzuzwingen. Dabei muß beachtet
 werden, daß die Agrarrevolution zu einer Vermehrung der
Besitzer und Verringerung der Betriebsgröße geführt, der Kulak
also in keiner Weise etwa mit einem deutschen Großbauern zu
vergleichen ist?
Die politische Gewalt drohte also durch die gesellschaftliche
Entwicklung geschwächt zu werden. Es bildeten sich starke wirtschaftliche
 Klassen, der Kulak und die ihm in den Städten entsprechende
 NEP-Bourgeoisie der Händler, der Pächter der kleinen
Betriebe usw. Sie blieben zwar politisch rechtlos; mochte auch in
den Dorfsowijets der Kulak sich behaupten können, so drang er
doch nicht in die maßgebenden Partei- und Staatsinstanzen durch.
Aber ökonomisch spielten sie eine entscheidende Rolle.
Die bolschewistische Partei wurde durch diese Auswirkungen
der NEP vor die Entscheidung gestellt, ob sie sich ihnen anpassen
 oder ob sie den Versuch machen sollte, sie durch eine
energische staatliche Wirtschaftspolitik zu bekämpfen. Einzelne
Druck- und Abwehrmaßnahmen gegen die Träger des freien
Marktes waren da sinnlos, es handelte sich darum, einen Kurs zu
beginnen, der die gesamte Entwicklung des Wirtschafts- und Gesellschaftsaufbaues
 bestimmte. Dieser Kurs mußte, sollte er erfolgreich
 sein, sich nicht nur damit begnügen, das weitere Vor-
        <pb n="122" />
        110 3. Teil. Die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik.

dringen des Privatwirtschaftssektors zu verhindern — wie es etwa
das staatliche Außenhandelsmonopol tat, das die Sendung billiger
Industrieprodukte ausschloß, die imstande gewesen wären, den in
staatlicher Hand befindlichen Industriebetrieben Konkurrenz zu
machen —, er mußte positiv für die Förderung, Erweiterung und
Festigung des sozialistischen Sektors in der Gesellschaft sorgen.
Der Fünfiahresplan, der 1928/29 in Kraft trat, bedeutete den Beginn
dieses Versuches, den Vormarsch zur sozialistischen Wirtschaft
und Gesellschaft mit allen Mitteln vorwärtszutreiben.

Der Fünfjahresplan.

Was bedeutet der Fünfiahresplan? * Eine Antwort ergibt sich aus
einer Beschreibung seiner Grundaufgaben. Er versucht mit allen
Mitteln zunächst die Industrialisierung des Landes zu fördern.
[ndustriebetriebe aller Art, Maschinenfabriken, elektrische Anlagen,
Bergwerke usw., sollen im ganzen Gebiete der Sowjetunion errichtet
 werden. So soll z. B. ein neues Industriegebiet im Ural
sich entwickeln. All das geschieht nicht aus wirtschaftlichen
Gründen, weil der Bedarf der Bevölkerung es verlangt, sondern
weil dadurch der gesamte Wirtschafts- und Gesellschaftsaufbau
verändert wird. Demgegenüber treten zunächst die Betriebe zurück,
welche unmittelbare Bedarfs- und Konsumartikel herstellen. Wenigstens
 sollen sie nicht im gleichen Tempo wie die Schwerindustriebetriebe
 wachsen. Es gilt, die Grundlage der Industrie zu stärken.
Die Sowietunion soll auf die Dauer unabhängig von der Einfuhr
ausländischer Maschinen und Industrieerzeugnisse werden, unter
gleichzeitiger Übernahme der modernsten technischen Arbeitsmethoden.
 Es ist der Kurs der sog. Überindustrialisierung, der sich
in dieser Grundtendenz des Planes äußert.
Neben der Überindustrialisierung ist die bewußte Änderung der
bisherigen Landwirtschaftsstruktur für den Fünfiahresplan bezeichnend.
 Auch in der Landwirtschaft soll der Großbetrieb vorherrschend
 werden entsprechend dem bolschewistischen Programm,
das in der ersten Zeit nach der Oktoberrevolution praktisch
zurückgestellt werden mußte. An Stelle der in Kleinbetrieben
zerstäubten Bauernwirtschaften sollen sog. Kollektivbetriebe (Kolchosen)
 treten, die modernste Maschinen anwenden und sich über
zrößere Bezirke erstrecken‘. Diese Kollektivbetriebe darf man
nicht als kommunistische Produktionsstätten ansehen, sie sind dazu
bestimmt, den Anbauboden der einzelnen Mitglieder zu einem
Landmassiv zu vereinen, das sich in kollektiver Nutzung befindet.
        <pb n="123" />
        Der Fünfjahresplan. 111

Die Wohngebäude müssen nicht vergesellschaftet werden, es
braucht keine Vergesellschaftung des Viehs zu erfolgen; eine
Gewinnverteilung nach der Höhe des eingebrachten Besitzes ist
gestattet, es herrscht keine Gleichheit in der Entlohnung usw. Diese
Kolchosen, welche in ihrer Verfassung an die eigentümliche russische
 Arbeitsgenossenschaft, den sog. Artel, anknüpfen, können
also ganz verschieden gestaltet sein. In ihrer vollendeten Form
unterscheiden sie sich kaum noch von den sog. Sowchosen, staatlichen
 Mustergütern, die wie Fabriken geleitet werden. Die Kollektivierung
 der Landwirtschaft soll nicht nur die Getreideversorgung
sichern, sie soll auch eine Basis für die Abnahme der Industrie-Produkte
 garantieren und sozial die Macht des Großbauern (Kulakentums)
 vernichten, gegen den vor allem die mit allen Mitteln
des starken Staates geförderten Kolchosen gerichtet sind. Als
Zweck des Zusammenschlusses bezeichnet die Mustersatzung für
landwirtschaftliche Artele die Vereinigung, „um mit gemeinsamen
Produktionsmitteln und gemeinsam organisierter Arbeit große
Kollektivwirtschaften zu schaffen und auf diese Weise den tatsächlichen
 vollen Sieg über den Kulaken, über alle Ausbeuter und
Feinde der Werktätigen, den tatsächlichen und vollen Sieg über
die Bedürfnislosigkeit und den geistigen Tiefstand, über die Rückständigkeit
 der kleinen Individualwirtschaften sicherzustellen und
eine hohe Arbeits- und Marktproduktion der Kollektivwirtschaft
zu schaffen“, Die Kollektivierung der Landwirtschaft soll also die
Herausbildung eines vom Staate nicht erfaßten Wirtschaftsbereiches
 wie zur Zeit des sog. Kriegskommunismus verhindern
und unmöglich machen. Dem gleichen Ziele dient das systematische
 Vorgehen gegen den städtischen Privatwirtschaftssektor,
 also den Handel, Er soll am Ende des Fünfijahresplanes
ganz ausgeschaltet sein, seine Funktionen sollen staatliche und
genossenschaftliche Verkaufs- und Verteilungsstellen übernehmen.
Der sozialistische Sektor soll sich aber nicht mit äußerlicher
Erfassung der Wirtschaft begnügen, er soll wirklich führend und
bestimmend in ihr werden, und zwar sowohl in der Produktion
wie in der Verteilung. Die Epoche des neben dem kommunistischen
Aufseher arbeitenden bürgerlichen Spezialisten soll beendet werden.
Der Bolschewist soll direkt in die Produktion gestaltend und
führend eingreifen. Stalin, der zur Zeit maßgebende Mann der
Partei, hat das besonders energisch unterstrichen. Der Fünfjahresplan
 soll das bewirken, was nach Lenin die sozialistische Gesellschaft
 auszuzeichnen hat, die Anleitung der arbeitenden Mas-Sen
 zur Wirtschaftsführung. Initiative soll in ihnen geweckt,
        <pb n="124" />
        112 3. Teil. Die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik.

Behauptungsdrang angeregt, die technische Bildung gesteigert
werden, und dafür sollen gerade die bolschewistischen Wirtschaftsführer
 vorbildlich sein *®.
Daher ist der wirtschaftliche Fünfjahresplan mit einem kulturellen
 verbunden. Nicht nur das Analphabetentum soll mit allen
Mitteln bekämpft werden, sondern es gilt, das gesamte Bildungswesen
 dem wirtschaftlichen Interesse entsprechend umzustellen.
Es kommt auf Techniker, Spezialisten, Fachleute aus den Reihen
der herrschenden Partei und der mit ihr arbeitenden Massen
an. Gleichzeitig hat die Liquidation aller Gruppen, die nicht dem
Vordringen der sozialistischen Gesellschaft entsprechen, zu erfolgen.
 Das bedeutet die Stärkung des antireligiösen Kampfes.
Man hofft in den Kreisen des als Organ für diesen Kampf dienenden
 Bundes der Gottlosen zugleich mit der Erfüllung des Fünfjahresplanes
 so weit zu sein, um die Schließung der Kirchen bei
den Massen zu erreichen. Gleichzeitig verwandelt sich die Schule
aus einer religionslosen Schule in eine offen atheistische, da nur
die atheistische Erziehung dem zentralen Wirtschaftsinteresse entsprechen
 kann *®.
Wie sieht die Verwirklichung des Fünfjahresplanes bisher aus?
Die Antwort auf diese Frage gibt zugleich die Möglichkeit, einen
Überblick der gesellschaftlichen Auswirkungen, die das bolschewistische
 Regime gehabt hat, zu geben. Da ist zunächst festzustellen,
 daß der Fünfijahresplan bisher in seinen Ansätzen trotz
aller Schwierigkeiten durchgeführt wird. Die von ihm angegebenen
Projekte werden in Angriff genommen. Man bemüht sich, die geforderten
 Produktionszahlen zu erreichen und zu übertreffen. Dabei
ist zu beachten, daß der Fünfjahresplan in seinen einzelnen Angaben
 natürlich nicht genau bemessen ist, daß er nur Grundtendenzen
 angibt. Vieles erwies sich als zu vorsichtig angesetzt,
wie aus dem Versuch hervorgeht, ihn jetzt in vier Jahren zu verwirklichen,
 oder aus der Tatsache, daß es einzelnen Wirtschaftszweigen
 möglich war — ich denke nur an die Petroleumproduktion
 —, ihn in zweieinhalb Jahren zu erfüllen, Aber es kommt gar
nicht auf die einzelnen Zahlen bei seiner Aufstellung an. Der
Versuch, ihn zu verwirklichen, bedeutet die Schaffung einer bestimmten
 Massenmentalität. Der Fünfjahresplan wird als die Norm
des öffentlichen Lebens im heutigen Rußland betrachtet, zugleich
als Propagandanorm und als Ziel der wirklichen Entwicklung.
Durch ihn erhält das Leben einen scheinbaren Sinn, — er macht
die Frage nach den Aufgaben des Lebens überflüssig. Denn er ist
die entscheidende Aufgabe. Alles hat in seinem Dienste zu stehen,
        <pb n="125" />
        Der Fünfjahresplan.

113

und das bedeutet im absolutistischen Staate der Diktatur des
Proletariats unendlich viel.
Seiner Durchführung wird alles untergeordnet. Dabei bedeutet
die Durchführung und Erfüllung seiner Grundtendenz nicht sklavisches
 Festhalten an einzelnen Positionen. Es hat sich erwiesen,
daß er zu noch größeren Opfern für die Verbraucher führt, als
man annahm. All das wird nur benützt, um die Arbeitsintensität
zu steigern. Der Zusammenbruch der Fleischversorgung infolge
der Kollektivierung und der mit ihr verbundenen Massenabschlachtungen
 wird, um nur ein Beispiel anzuführen, dazu verwandt,
 um die Aktivität vor neue Aufgaben zu stellen. Die Steigerung
 der Massenaktivität erfolgt durch eine Verbindung von
gesellschaftlicher Propaganda mit Zwang, eine Verbindung, die für
das ganze bolschewistische System so charakteristisch ist.
Es werden sozialistische Konkurrenzen zwischen den einzelnen
Werken veranstaltet, um die Produktion zu steigern. Der Ehrgeiz
der Arbeiter wird durch öffentliche Belobungen, Prämien, Orden
usw. angestachelt, den Massen geschmeichelt, immer wieder betont,
daß von ihrer Aktivität alles abhänge. Dieser Aktivität soll die
sog. Selbstkritik über Unzulänglichkeiten in der Durchführung der
Projekte, der Verwendung neuer Arbeitsmethoden Ausdruck geben.
Dadurch wird der Schein des Vorhandenseins einer wirklich produktiven
 Freiheit wie bei den Rätewahlen erzeugt. Es handelt sich
aber nur um eine Scheinfreiheit; die Selbstkritik darf nur eine
Kritik innerhalb der Grenzen der Generallinie, d. h. der Vorschriften
 der zentralen Parteiinstanz, sein. Wer etwa auf Überschätzung
 der Leistungsmöglichkeit hinweist, droht einfach als
Opportunist, Verräter usw. gebrandmarkt zu werden. Allerdings
ist auch die Möglichkeit vorbehalten, gegen phantastische Forderungen
 im Namen des Kampfes gegen den nur scheinradikalen
Linkskurs vorzugehen. Die Freiheit der Massen ist in Wirklichkeit
nur Zwang, denn praktisch ist es ja gleich, ob sich dieser Zwang
auf das öffentliche Interesse, auf den wahren Willen der Massen
beruft oder nicht *,
Die Staatsanleihen werden zu‘ Zwangsanleihen, die in öffentlichen
 Versammlungen gezeichnet werden. Man beschließt einfach
 ihre Zeichnung durch Verzicht auf Lohnteile. Da wird verkündet,
 daß zur Festigung der Arbeitsdisziplin eine Art freiwilliger
Selbstverpflichtung der Arbeiter zum jahrelangen Bleiben in einem
bestimmten Betriebe notwendig ist. Zu dieser Selbstverpflichtung
können öffentliche Propagandamittel, die faktisch als Druck wirken,
leicht veranlassen. Da wird die Arbeitslosenunterstützung abüurian,
 Der Bolachewiemug: m
        <pb n="126" />
        114 3. Teil. Die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik.

geschafft, weil genug Arbeit vorhanden sei, wobei in der Propaganda
 die Tatsache mehr oder weniger in den Hintergrund tritt,
daß die Arbeiterflucht aus gewissen Betrieben und Gegenden mit
völlig unmöglichen sozialen Verhältnissen zusammenhängt. Der
nachhelfende Druck wirkt sich in der Einführung des sog. gesellschaftlichen
 Lohnes aus, der Barlohn sinkt, während die Gewährung
von Leistungen, Eröffnung billiger Bezugsmöglichkeiten und sonstiger
 wirtschaftlicher Vergünstigungen steigt. Dadurch wird zugleich
die Widerstandskraft der sog. entrechteten Klassen noch mehr
gelähmt, da sie zu den viel höheren „freien Preisen“ einkaufen
müssen. Die mit der Kollektivierung verbundene Zwangsaussiedlung
 der Kulaken hat billige Arbeitskräfte geschaffen, deren
Tätigkeit sich fast nur noch juristisch von Zwangsarbeit unterscheidet.

Diese Verbindung von Zwang durch Staatsdruck offener und
indirekter Art mit Propagandamethoden macht die Beurteilung
der wirklichen Verhältnisse so schwierig. Dem Vorhalten von
Mängeln kann entgegengehalten werden, daß es sich ja nur um
Mängel der Übergangszeit handle, die der Selbstkritik unterliegen.
Die Selbstkritik scheint ziemlich offen zu sein, aber sie ist eben
eine Kritik innerhalb der Generallinie.
Man wird bereits heute sagen können, daß gewisse Mängel in
der Wirtschaftsorganisation sich zeigen, die struktureller Art sind.
Da ist als zentral die sog. Bürokratisierung zu nennen. Die Klage
über die Bürokratie hat das ganze bolschewistische Regime, dessen
Ziel die Beseitigung der Bürokratie sein sollte, begleitet, und hat
auch heute nicht aufgehört. Ordschonikidse, der Leiter des
Volkswirtschaftsrates, hat geklagt, daß er in einer Brief- und
Telegrammflut ertrinke, die ihn zu jeder praktischen Arbeit eigentlich
 unfähig mache. Nicht weniger als 84000 Anfragen würden
täglich an ihn gerichtet. Nun könnte diese Verschleierung der
Wirklichkeit durch Aktenmassen, statistische Tabellen mit all
ihren Folgen auf vorläufige, d.h. zu beseitigende Mängel geschoben
werden. Aber es scheint sich in dieser Tatsache eine allgemeine
Erscheinung aller bisherigen sozialistischen Wirtschaftsexperimente
zu zeigen. Sie ist ein Ausdruck dafür, daß die sog. Wirtschaftsanarchie
 des Kapitalismus an anderer Stelle im bolschewistischen
System wiederkehrt — im gesellschaftlichen Organisationsapparat,
in der Leitung und Führung der Erzeugung und in ihrer Verteilung.
Natürlich versuchen die Bolschewisten mit allen Mitteln, diesem
Bürokratismus entgegenzutreten, aber er liegt im ganzen System
begründet. Wie ist das Verhältnis des einzelnen Betriebes und
        <pb n="127" />
        Der Fünfjahresplan. 115

seines Planes zum Gesamtplan organisatorisch zu erfassen? Ein
Durchbruch an einer Stelle gefährdet den ganzen Plan, daher
hat jeder das Bestreben, diesen Durchbruch an seiner Stelle
Zu vermeiden, um nicht aufzufallen, um nicht der Sabotage,
des Formalismus usw. beschuldigt zu werden. Der heute geforderte,
 sich nach der Wirtschaftsrechnung richtende, also nicht
wie zu Zeiten des Kriegskommunismus eine Versorgung von oben
erwartende rote Direktor droht gerade im Falle seiner Aktivität
aus der Reihe zu tanzen. Er muß mit allen Mitteln für die Erfüllung
 seiner Bestellungen sorgen, er muß „lärmende Statistiken“
machen, auffallen, ohne daß die Wirklichkeit mit diesem Lärm
und diesem Auffallen übereinstimmt. Daraus ergibt sich die Neigung
 zu falscher Darstellung der Wirklichkeit, und das führt
Natürlich zum Bürokratismus, zum Formalismus, den man mit
allen Mitteln bekämpfen will. Das einzige Gegenmittel ist der
Ständige politische Druck, der sich in Form der stets drohenden
Öffentlichen Selbstkritik äußert, in der Gefahr, mit aktiven Elementen
 der Arbeiterschaft, die von der Partei begünstigt werden,
in Konflikt zu geraten. Aber auch das braucht keineswegs zu einer
wirklichen Steigerung der Initiative zu führen, im Gegenteil, es
treibt zu immer neuen Methoden, diesem Druck auszuweichen und
sich ihm anzupassen. Daß die Parteileitung die lähmende Wirkungen
 einer zu weit getriebenen Kritik seitens der aktiven Massen
bemerkt hat, geht aus einer von Molotow, dem Vorsitzenden des
Rates der Volkskommissare, und Stalin Ende März 1931 erlassenen
Weisung hervor, durch die einer Betätigung der sog. Massenbrigaden,
 die sehr oft auch als Organe der Pressekritik auftreten,
Schranken auferlegt werden.
Der innere Widerspruch des Systems, der immer wieder die
Bürokratie hervorwachsen läßt, besteht darin, daß die Initiative
von oben erzwungen werden soll. Der Zwang führt nur zum Vortäuschen
 der Initiative, zum Anpassen an eine bestimmte Terminologie,
 zur Schaffung einer Scheinwirklichkeit, welche die tatsächliche
 wirtschaftliche Lage verschleiert und verbirgt — also nur
Zu einer unproduktiven Bürokratie, die sich neuer Ausdrucksmethoden
 bedient. Die Kontrolle kann nie gleiches Tempo mit
dem Wachstum der Bürokratie halten. Dafür ist es bezeichnend,
daß die Bolschewisten immer neue Kontrollapparate haben schaffen
müssen. So z. B. im Jahre 1930 eine eigene Instanz zur Kontrolle
der Ausführung aller Weisungen. Auch der Kampf gegen die
Bürokratie ist nur zu einem Nährboden für die Bürokratie ge-Worden
 ??.
        <pb n="128" />
        116 3. Teil. Die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik.

Die Aktivierung der Massen.

Der Fünfiahresplan hat vor allem eine vorantreibende und
propagandistische Bedeutung. Er ist keineswegs imstande, als
Gesamtplan für die Einzelheiten der Versorgung und Wirtschaftsführung
 zu funktionieren. Seine weitgehendste Erfüllung und Überschreitung
 — trotz aller Finanzierungsschwierigkeiten ist sicher
damit zu rechnen — darf in keiner Weise als Beweis für die
Überlegenheit seiner Arbeitsmethoden betrachtet werden. Er erfüllt
 nur die Aufgaben der zwangsweisen Nachholung versäumter
wirtschaftlicher Möglichkeiten und einer Umerziehung der gesamten
 Gesellschafts- und Volksmentalität. Man kann nämlich
die in ihm vorgesehenen Riesenaufgaben in keiner Weise auf ihn
allein zurückführen. Er soll — um die Formulierung des einen Ausspruch
 Lenins neu anwendenden Stalin zu gebrauchen — Rußland
aus seiner etwa hundert Jahre betragenden Zurückgebliebenheit
hinter Europa — Amerika befreien. Man kann sein wirtschaftliches
Gelingen darauf zurückführen, daß in Rußland ebenso unerschöpfliche
 Bodenschätze wie passive Menschenmassen vorhanden sind.
Ein Vergleich mit dem raschen Tempo der russischen Industrieentwicklung
 vor dem Kriege macht diese Erscheinung deutlich.
Von hier aus erscheint auch das Riesentempo des Fünfijahresplanes
 nicht mehr so auffallend, als es der Fall ist, wenn man ihn
mit Westeuropa oder Amerika vergleicht. Immerhin erleichtert
und beschleunigt die bolschewistische Herrschaft die Industrialisierung.
 Sie kann ohne alle traditionalistischen Hemmungen mit
Hilfe eines unerhörten Druckes von oben auf alle Massen und
Produktivkräfte vorwärtsgetrieben werden.
Aber es bleibt doch zu beachten, daß außer der zentralistischen
rücksichtslos vorgehenden Leitung noch ein entscheidender Unterschied
 die Industrialisierung des Fünfjahresplanes von der beginnenden
 Industrialisierung während des alten Regimes sondert.
Die bolschewistische Industrialisierung appelliert an das Selbstbewußtsein
 der Massen. Die Massen sollen nicht nur als passive
Obiekte herangezogen werden, sondern sie sollen ihre bewußten
Träger sein. Dadurch sollen sie mit einer ganz neuen Mentalität
erfüllt werden, mag auch ihre tatsächliche Behandlung heute noch
sehr einem Kommandieren von oben gleichen. Der technisch
„wendige“ Arbeiter ist das Ideal dieser Gesellschaftserziehung,
welche die Bolschewisten mit allen Mitteln vorwärtstreiben. Der
Mann und die Frau der Masse sollen sich ganz bewußt ihrer
Tätigkeit hingeben. Die alten patriarchalischen Fürsorgemethoden
        <pb n="129" />
        Die Aktivierung der Massen, 117

sollen mit allen Mitteln beseitigt werden. Denn nur dadurch wird
das Heranwachsen einer technisch genügend qualifizierten Arbeiterschaft
 möglich. Nur dadurch wird es erlaubt sein, eines Tages
das Heranziehen der ausländischen Spezialisten zu beenden, das
russische Volk aus einem lernenden zu einem wirtschaftlich führenden
 Volke zu machen. Das Bestreben, eine aufgeklärte technisch
 qualifizierte Arbeiterschaft im alten Rußland zu schaffen,
stieß auf ganze Berge von traditionellen Vorurteilen, auf Institutionen,
 die diese Erziehung unmöglich machten; auch der Spezialingenieur
 wurde da — wie mit Erbitterung die Memoiren Stankows
bezeugen — nicht gesellschaftlich voll genommen, wenn er aus
dem Volk, aus der Bauernschaft, aus dem Kleinbürgertum herkam.,
Das soll jetzt anders werden. Die ganze gesellschaftliche Mentalität
 soll das wirtschaftlich-technische Interesse als höchste
Norm erkennen. Gleichzeitig soll gerade den unteren Schichten
die Chance zum Aufstieg eröffnet werden. Es ist ja ein Grunddogma
 des Bolschewismus, an die schöpferische Kraft der Massen
zu glauben und die eigene Herrschaft als Herrschaft der Masse
zu bezeichnen. Die Industrialisierung Rußlands durch den Fünfjahresplan
 fällt also mit dem Versuche der Bolschewisten zusammen,
 das Arbeitsethos zu heben. Die gesellschaftliche Arbeit
entscheidet über die soziale Position (wenigstens in der Ideologie).
Alles steht im Dienste der werktätigen Massen. Die bolschewistische
 Partei herrscht ja nur, weil sie das Gehirn der Massen,
die Avantgarde des Proletariats ist. Alle Institutionen des Staates
sind gegen das Bestehen und die Bildung gesellschaftlicher
Gruppen gerichtet, die von der Arbeit, von der politisch-gesellschaftlichen
 Leistung unabhängig sind. Diesem Ziele dient die
Vernichtung aller Tradition, aller Vermögen, allen auf Erbschaft
beruhenden Ansehens. Reichtum ist durch die neue ökonomische
Politik wieder möglich geworden; auch das aufgehobene Erbrecht
wurde durch sie wieder hergestellt; aber er ist doch mit sozialer
Diskreditierung belastet worden und befindet sich in einer außerordentlich
 gefährdeten Lage. Nur die unmittelbare gesellschaftliche
 Leistung soll entscheiden; diesem Ziele dient der soziale
Verruf des Reichtums ebenso wie der Vernichtungskampf gegen
die letzte unabhängige Schicht der Kulaken.
Die unerhörte Wirkung dieser Massenerziehung, die durch
rücksichtslosen Terror und die völlige Beschlagnahme der Öffentlichkeit
 für die herrschende Partei möglich gemacht und verstärkt
wird, ist nicht zu verkennen. Sie hat zwar zu einer allgemeinen
Niveausenkung geführt — für eine differenzierte Geistigkeit ist da
        <pb n="130" />
        118 3. Teil. Die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik,

ebensowenig Raum wie für eine differenzierte Theorie —, aber sie
hat auch zugleich bestimmte, bis dahin schlummernde Kräfte geweckt.
 Natürlich nicht immer die Kräfte, an welche die Ideologen
der neuen Mentalität dachten, aber auch der rein negative, schmarotzende
 Aktivismus unterscheidet sich doch von der altrussischen
Passivität.
Er muß wenigstens die Maske gesellschaftlich-nützlicher Arbeit
annehmen; denn er ist immer von der Gefahr des Sturzes bedroht.
Cleinow berichtet in seinem Werke über Neu-Sibirien, wie die
Bolschewisten den Vertreter bisher unterdrückter Schichten bewußt
 zu führenden Stellungen herangezogen haben. Sie benützten
ihn, „um seine Milieukenntnisse für den sozialistischen Aufbau
oder auch nur für die Festigung ihrer Macht auszuwerten. Er
regiert durchaus selbstherrlich so lange, bis die Aufsichtsbehörde
einen ihr besser gestellten, geeignet erscheinenden Ersatz findet.
Dann beginnt für den Vertrauensmann von gestern der Existenzkampf,
 er muß zeigen, daß er durch die Praxis in der zufällig
erhaschten Stellung etwas gelernt hat. Kann er es, so wird ihm
geholfen, kann er es nicht, dann gibt der unglückliche bisherige
Vertrauensmann das Material für einen Propagandaprozeß. Trunk,
Mißbrauch der Amtsgewalt, Vetternwirtschaft sind die Klippen, an
denen sein Lebensschiff unweigerlich zerschellt, sobald er durch
eine bessere Kraft ersetzt werden kann.“ ”
Der bolschewistische Staat ist der Staat der brutalsten Gewaltanwendung,
 und wer von denen, die er zuerst begünstigt und aufsteigen
 läßt, kann wissen, ob nicht gegen ihn selber sich morgen
die Gewalt richten wird? So entsteht eine stete Unruhe und
Unsicherheit, die zu einem Scheinaktivismus führen, einem allgemeinen
 Denunziantentum, das überall Gegenrevolution, Opportunismus
 usw. zu entdecken glaubt. Verschiedene wirtschaftliche
Ansichten — etwa darüber, ob die Stadt Magnitogorsk auf dem
linken oder rechten Ufer des Flusses Ural zu errichten ist —
werden prinzipiell ausgetragen, d. h. streberische Elemente beschuldigen
 die Andersdenkenden der Sabotage, der bewußten
Schädigung usw. Die allgemeine Unsicherheit und das Fördern
der Massenselbständigkeit führen also sehr häufig zu einem Scheinaktivismus,
 der alle positive Arbeit lähmt. Neben dem Scheinaktivismus
 ist immerhin auch viel Aufstiegs- und Kampfwille ehrlicher
Art angeregt und entwickelt worden. Doch muß dieser Wille sich
von vornherein auf bestimmte Ziele richten und beschränken. Es
sollen ihm bestimmte Losungen gegeben werden, und da zeigt
sich heute die große Bedeutung des Fünfiahresplanes.
        <pb n="131" />
        Die Aktivierung der Massen, 119

Die herrschende Partei und ihre Führung glaubt durch den
Fünfiahresplan Rußland modernisieren zu können und seine Unabhängigkeit
 zu sichern. „Rußland wurde immer geschlagen“, erklärte
 Stalin den in Moskau versammelten Roten Direktoren, „wir
wollen Rußland selbständig machen“. Das Wort vom sozialistischen
Vaterlande, das Stalin dabei gleichzeitig gebrauchte, zeigt deutlich
die Grundlage der neuen Mentalität. Das sozialistische Vaterland
Sowjetunion beruft sich auf die Massen als die Träger der Macht
und gibt ihnen Aufstiegschancen, die sie früher nicht besaßen.
Wenn Zwang und Gewalt angewandt werden, wenn €s höchst
unvollkommen zugeht, wenn das Land des Fünfjahresplanes ein
Land der großen Not bleibt, so muß das alles die Zurückgebliebenheit
 Rußlands entschuldigen. „Wir müssen Amerika einholen
und überholen“, das ist die für diese Einstellung bezeichnende
Losung. Rußland soll das wirtschaftlich fortgeschrittenste Land
sein. Der Fünfiahresplan dient als Beweis dafür, daß dieses
Wort eines Tages Wirklichkeit werden wird. „Bei uns gibt
88 keinen Produktionsüberfluß, der zu einer allgemeinen Wirtschaftskrise
 führt, keine Marktanarchie, keine Arbeitslosigkeit,
unsere Wirtschaft wächst in unwahrscheinlichem Tempo, das kein
anderes Land der Welt kennt“ — all diese Feststellungen bolschewistischer
 Führer sind bezeichnend für die Versuche, ein eigenartiges,
 proletarisches Massenselbstbewußtsein im heutigen Rußland
 zu erzeugen. Von hier aus sind auch alle Versuche zu
begreifen, die Selbständigkeit der Massen zu fördern, — die
Erwachsenenbildung, das Streben, Proletarier im Schnelltempo zu
Ingenieuren zu erziehen, das Feiern des Kriegs- und Marinekommissars
 Woroschilow, der ein lebendiges Beispiel dafür Sei,
was aus einem ungelernten Arbeiter im heutigen Sowietstaate
werden könne, die Drohung mit der wachsamen Massenaufsicht
gegen die unzuverlässige technische Intelligenz, die Kontrolle aller
Pläne durch sog. Gegenpläne, die von den Arbeitern der Betriebe
aufgestellt werden sollen”.
Aber noch haben die Massen ihr Ziel, die Massenherrschaft gut
zu organisieren, nicht erreicht, noch sind sie unkultiviert, noch hat
Rußland den Westen und Amerika nicht überholt, und da wird mit
Gewalt nachgeholfen. Der Terror und die Ausschaltung aller Meinungen,
 die das Einholen und Überholen doch nur erschweren, von
den bürgerlichen und sozialistischen Parteien bis zu bolschewistischen
 Kritikern der Generallinie, die stete Wiederkehr der
gleichen Schlagworte bis zum Erstarren in festen Klischees beweisen.
 daß die herrschende Mentalität eine Unterdrückungs-
        <pb n="132" />
        120 3. Teil. Die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik.

mentalität ist, eine Kampfmentalität, die sich in ihrer Existenz
stets bedroht fühlt. Nur stärkster Druck kann die Massen bewegen,
so zurückgeblieben sind sie, und daher wird das Regime zu einem
Regime, das alles außer seiner Politik und seiner Wirtschaftsarbeit
auszuschalten sucht. Nur seine Politik und seine Wirtschaftsarbeit
haben Existenzrecht! Aus dieser Losung ergibt sich Vernichtung
aller geistigen Kultur, aller persönlichen Freiheit, soweit sie nur
durch politischen und gesellschaftlichen Druck vernichtet werden
können.
In rücksichtslosester Weise wird dem politisch-wirtschaftlichen
Ziele alles unterstellt. Völker werden vernichtet, wenn sie wie die
deutschen Wolga-Kolonisten durch das Vorwiegen sog. reicher
Bauern einer Stufe angehören, die dem Regime nicht entspricht.
Die Klassenkampfparole wirkt sich auch gegen die Nation aus —
trotz der Losung von der nationalen Freiheit und Selbstbestimmung.
Dabei werden gerade die Völker am meisten getroffen, die zum
Selbstbewußtsein gelangt sind und eine von europäischer Kultur
bestimmte Vergangenheit besitzen, wie Cleinow betont”, Bei
den Deutschen, Polen usw. gab es natürlich mehr Elemente mit
„bürgerlicher Grundeinstellung“ als bei den „Eingeborenen“ im
Norden, die überhaupt erst zum Selbstbewußtsein erzogen werden
mußten. Es gibt keine traditionellen Rücksichten für das Regime —
das beweist deutlich diese Stellung zur Nation, die einfach als
Sprachgemeinschaft aufgefaßt wird, in der die proletarischen
Schichten zu herrschen haben; es gibt nur politische und soziale
Zweckmäßigkeitsfragen. Ein Terrorsystem, das zugleich
auf Massenpropaganda Wert legt, so kann man
die gesellschaftumbildende Arbeit des Bolschewismus
 kennzeichnen. Sie ist ermöglicht worden durch
den zurückgebliebenen Zustand des alten russischen Reiches, in
dem neben dem passiven Massendasein nur eine überfeine, aber
in keiner Volkstradition verwurzelte, künstliche Bildungskultur sich
bei kleinen Schichten hatte entwickeln können. Die Bolschewisten
brennen gleichsam die Massen zu einer Einheit zusammen, nachdem
 sie die alte Kultur unmöglich gemacht, ihre führenden Schichten
vernichtet oder völlig aus der Öffentlichkeit ausgeschaltet haben.

Die Vereinfachung des Lebens.

Mit rücksichtsloser Gewalt soll Rußland zu einem modernen,
von Proletariermassen bestimmten und getragenen Industriestaat
yemacht werden. Diesem Ziele ist die gesamte Wirtschafts- und
        <pb n="133" />
        Die Vereinfachung des Lebens. 121

Gesellschaftspolitik der Sowietunion untergeordnet, Gerade die
Zurückgebliebenheit der russischen Wirtschaft und Gesellschaft
gibt die größten Möglichkeiten, diesen Zwangs- und Erziehungs-Prozeß
 voranzutreiben. Es ist da möglich, daß eine kleine organisierte
 Gruppe sich gleichsam aller Hebel der wirtschaftlichen
und gesellschaftlichen Entwicklung bemächtigt; denn es stehen
ihr nicht genügend ausgebildete Traditionen mit Machtmitteln
und mit festem Gefolge entgegen, die einem mit moderner Pro-Dagandatechnik
 vorgetragenen Angriff auf elementare Instinkte
gewachsen sind. Die Mißerfolge äußerer Art können auf die
ungenügende Vorbereitung der Massen, auf mangelnde Erfahrung
usw. geschoben werden. Hatte nicht Lenin von Anfang an die
Massenerziehung als eine der entscheidenden Aufgaben der bolschewistischen
 Herrschaft bezeichnet? Daher steht die Massenaufklärung
 als entscheidend im Vordergrunde der bolschewistischen
Herrschaft. Die Massen sollen dazu erzogen werden, ein modernes
Industrieproletariat zu bilden. Mit allen Mitteln wird an der Liquidierung
 des Analphabetentums gearbeitet. Der Fünfiahresplan
kann ohne zahlreiche technisch gewandte Arbeitermassen nicht
gelingen. Es genügt nicht, Fabriken unter Führung ausländischer
 Spezialisten zu schaffen, man muß dafür sorgen, daß sie in
Betrieb bleiben und sich ausdehnen. Mit allen Mitteln wird an der
Vermehrung des technischen Wissens gearbeitet. Die Zeit soll
eben ein Ende haben, in der die bolschewistischen Wirtschaftsführer
 ganz in der Hand bürgerlicher Spezialisten waren *®. Der vom
Bolschewismus zum Selbstbewußtsein erzogene Massenproletarier
soll an die Stelle des alten bürgerlichen Spezialisten treten. Daher
wird ganz Rußland heute mit einem Netze von Spezialschulen,
Polytechniken usw. überzogen. Die ganze Bildung soll der Wirtschaft
 dienen, sie soll im Zusammenhang mit der wirtschaftlichen
Produktion stehen, gleichsam als ein Teil des Produktionsprozesses
erfolgen.
Dieses technische Wissensideal führt zu einer radikalen Umwälzung
 im Bildungswesen. Es besteht nicht das Bestreben, einen
gebildeten Menschen zu erziehen, das Ziel steht im Vordergrunde,
proletarische Kaders (Regimenter) zur Führung der Verwaltung,
Wirtschaft, Finanz usw. heranzuziehen. Infolgedessen wurden die
alten Universitäten zerstört, sie verwandeln sich in Spezialanstalten
 zur Ausbildung von Spezialisten. Es gibt keine Fächer
mehr, die sie zusammenhalten. Bis zu welchen radikalen Formen
die Spezialisierung aus technischen Zweckmäßigkeitsgründen vor
sich geht, beweist die Tatsache, daß auch die Technischen Hoch-
        <pb n="134" />
        122 3. Teil, Die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik.

schulen als Finheit nicht mehr existieren. Es geht darum, im Eiltempo
 die Massen zu erziehen. Man setzt also eine Menge von
Spezialinstituten an Stelle der früheren Hochschulen. Daneben
bleiben zwar theoretische Forschungsinstitute erhalten, aber auch
sie dienen der bolschewistischen Praxis. Sie sind, wie etwa die
kommunistische Akademie, das Marx-Engels-Institut, das Institut
für die Roten Professoren, Stätten zum Studium des Marxismus,
zur Heranbildung von bolschewistischen Dozenten usw.” Denn die
Ausschaltung der Meinungsfreiheit hat vor der Wissenschaft
nicht haltgemacht. Forscher, die den Marxismus nicht anerkannten,
sind einfach beseitigt worden. An Stelle der Philosophie trat
das Studium der Gesellschaftslehre, des dialektischen Materialismus
 usw. Das Wissen ist ja nicht Selbstzweck, sondern steht
ganz im Dienste der von den Bolschewisten bestimmten gesellschaftlich-wirtschaftlichen
 Entwicklung. Es gibt keine Forschung,
die von diesen Aufgaben loszulösen wäre. Auch die alte Akademie
der Wissenschaften hat sich dieser Erkenntnis unterordnen müssen.
Sie wurde gezwungen, von ihr abgelehnte, aber von den Bolschewisten
 vorgeschlagene marxistische Theoretiker in ihre Reihen zu
wählen, wobei Wahlen für durchgefallene Kandidaten wiederholt
werden mußten. Sie mußte 1931 weltberühmte Gelehrte, wie den
Historiker Platonow, aus ihren Reihen ausschließen, weil sie der
Gegenrevolution beschuldigt waren. Sie mußte in ihrem Programm
ihre Beziehung zur Sowietöffentlichkeit, d. h. ihre Mitarbeit an der
Verwirklichung des Fünfijahresplanes, betonen 2 Auch hier zeigt
sich die radikale Beschlagnahme der Öffentlichkeit durch die
Bolschewisten. Die Öffentlichkeit, also die gesamte Bildung und
Aufklärung, fällt mit den politisch-gesellschaftlichen Zwecksetzungen
 zusammen. Welche Propagandamöglichkeiten sich aus
lieser Einstellung ergeben, ist ohne weiteres klar. Alles Wissen,
alle Aufklärung steht im Dienste der Propaganda für die herrschende
 Partei und ihre Politik.
Eine unerhörte Vereinfachung — der an westeuropäische Traditionen
 Gewohnte wird geneigt sein, zu sagen: Barbarisierung — des
yesamten Lebens ist die Folge. Es gibt ein ganz einfaches Normensystem,
 nach dem alles gesellschaftliche Leben, alle geistige
Tätigkeit sich zu richten hat. Die Wirtschaft und der proletarische
Staat sind die Wirklichkeit. Alles hat ihrer Festigung und Entwicklung
 zu dienen. Es gibt nichts, was über Wirtschaft und
Politik hinausreicht. Nur die marxistische Doktrin, welche als
Grundlage der herrschenden Partei diesen unbegrenzten Praktiziemus
 rechtfertigt und begründet, wird anerkannt. Alle andern
        <pb n="135" />
        Die Vereinfachung des Lebens. 123

Lehren gelten als Ausdruck einer Gesellschaftsordnung und einer
Tradition, die vom gesamten Staatsapparat mit allen politisch nur
irgendwie zweckmäßigen Mitteln bekämpft wird. Ein ganz neues
Weltbild wird mit dieser Beschlagnahme der Öffentlichkeit durch
eine als alleinseligmachend im elementarsten Sinne des Wortes
verkündete Doktrin und den mit ihr verbundenen sozialen und
politischen Praktizismus geschaffen. Alle Fähigkeiten und Kräfte
des Menschen werden auf die Wirtschaft und Politik hingelenkt.
Das entspricht durchaus der theoretischen Lehre, wie wir noch
sehen werden. Aber auch bei denen, die diese Lehre nicht kennen,
wird eine radikale Gesinnungsänderung bewirkt.
Systematisch wird alle Ethik von der Wirtschaft her gesehen
und betrachtet. „Er nützte der Wirtschaft, er förderte den Fünfjahresplan“
 — es gibt kein höheres Lob. „Er hat sich als Kommunist
 der Partei und ihrer Arbeit unwürdig gezeigt“ — es gibt keinen
schlimmeren Tadel. Die ganze Welt wird mit kommunistischen
Augen betrachtet. Die Presse kennt nur diese Einstellung. Alles
wird von ihr aus bewertet. Man lese nur fortlaufend bolschewistische
 Zeitungen, und man wird sehen, daß es unmöglich ist, sich
nach ihnen ein klares Bild über die Verhältnisse in andern Ländern
zu machen. Da ist von Streiks, revolutionären Kongressen, Brutalitäten
 des herrschenden Kapitals und seiner Vertreter die Rede.
Da geschieht nichts zu sachlicher Unterrichtung. Alles steht im
Dienste des einer bestimmten gesellschaftlichen Entwicklung dienenden
 Weltbildes. Das gleiche gilt für die Nachrichten aus
Rußland. Auch da gibt es kaum sachliche Nachrichten. Die Zeitung
 ist ein Organ der politisch-wirtschaftlichen Propaganda. Sie
veranstaltet sozialistische Wettbewerbe, sie begünstigt die Entwicklung
 von Arbeiterbrigaden mit vorbildlicher Arbeitsleistung,
sie tadelt zurückgebliebene Wirtschaftsbezirke, sie organisiert
Dorfi- und Arbeiterkorrespondenten, welche das gesamte Leben
beaufsichtigen sollen; aber eine Berichterstattung im sachlichen
Sinne kennt sie nicht. Sie will ja nicht die Welt beschreiben, sondern
 sie will die Welt gestalten und verändern. Daher steht sie
direkt im Staatsapparat als Organ der Selbstkritik, das die Führer
auf Mißstände aufmerksam macht und das durch das Heer von
Arbeiter- und Dorfkorrespondenten die Verbindung zwischen
Massen und Partei herstellt usw.”
Dieses Weltbild schließt natürlich jede geistige Selbständigkeit
aus, Es ist selbstverständlich, daß es neben dem Marxismus keine
andere Wahrheit gibt. Der Marxismus wird autoritativ gedeutet
durch die herrschende Partei. ihre politische und wirtschaftliche
        <pb n="136" />
        124 3. Teil. Die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik.

Arbeit. Alles wird von dieser sog. Generallinie aus gewertet.
Nur die Kunst hat Rechte, welche dieser Generallinie dient. Systematisch
 werden auch aus der sog. schönen Literatur alle sog. reinkünstlerischen
 Erscheinungen ausgeschaltet. Es gibt nur Tendenzkunst,
 die Ausdruck der gesellschaftlichen Entwicklung ist. Daher
hat nur die Kunst ein Existenzrecht, welche die gesellschaftliche
Entwicklung in bolschewistischem Sinne fördert. Mag sein, daß
sich von dieser Einstellung aus auch bedeutende Leistungen erzielen
 lassen. Die russischen Filme sind ein technisch vollendeter
Ausdruck dieser Mentalität, die in Politik und Wirtschaft das
letzte und höchste sieht, die den Klassenkampf feiert und die
Ausbeutung der Massen enthüllt. Es können auch Romane und
Dichtungen entstehen, in denen sich der Aufschwung der Massen,
ihr Glaube an Technik und Industrie usw. in lebendiger Weise
äußern. Es gelingt dem Bolschewismus, alle Kräfte für sich zu
beschlagnahmen, und von da aus werden ihm gelegentlich geradezu
dämonische Wirkungen möglich ®,
Aber es darf nicht verkannt werden, daß das alles auf Kosten
der Buntheit und Mannigfaltigkeit des Lebens, auf Kosten des
Menschen geschieht. Der einzelne wird ausgelöscht und ausgeschaltet,
 ganz bewußt, ganz systematisch. Seine Aktivität darf
tur rein politisch sein und sich in den Grenzen der Generallinie
bewegen. Das Entscheidende dabei ist die Verengung des Welthorizontes.
 Es gibt nur technische und politische Wirklichkeiten,
die in bestimmten Schlagworten vorgetragen werden. Von vornherein
 wird das Verständnis für alles, was über sie reicht, sich
sicht in sie pressen läßt, ausgeschaltet und vernichtet. Gesellschaft
und Wirtschaft als einzige Wirklichkeiten lassen selbstverständlich
keinen Raum für Religion. Die Religion lenkt ja von ihnen ab,
sie erzeugt ja Interesse für Welten, die nicht nur irdische Gesellschaft
 und Politik als einzige Wirklichkeiten kennen. Es gibt keine
Meinungs- und Diskussionsfreiheit; denn das könnte ja den Glauben
 an die Selbstverständlichkeit und Überlegenheit des Bolschewismus
 erschüttern. Alles muß von vornherein in eine bestimmte
Ausdrucksweise gepreßt werden, sonst kann es ja nicht der bolschewistischen
 Propaganda dienen. Gewiß kann auf diese Weise
die Arbeitsintensität gesteigert, eine einheitliche Mentalität in der
Jugend verbreitet werden, aber all das geschieht auf Kosten des
wahren Menschen. Die Bolschewisten werden da natürlich entgegnen,
 daß sie den wahren Menschen an Stelle des parasitären
setzen wollen, der sich um Unnötiges kümmere, die Massenausbeutunz
 zulasse, stütze und rechtfertige, aber es läßt sich mit
        <pb n="137" />
        Die Wirkungen der bolschewistischen Gesellschaftspolitik, 125

Hilfe der Beobachtung der russischen Gesellschaftswirklichkeit
feststellen, daß die bolschewistische Auffassung des Menschen als
eines reinen Wirtschaftswesens zu gesellschaftlichen Krankheiten
gefährlichster Art führt.

Die Wirkungen der bolschewistischen Gesellschaftspolitik,

Die Technisierung des Lebens, die Verwandlung der bolschewistischen
 Politik und Wirtschaft in die bestimmenden, alles
lenkenden Mächte, führt genau so wie die Leitung der Gesellschaft
durch zentralistische Zwangsmaßnahmen von oben nur zu einer
Umlagerung der Anarchie, welche die Bolschewisten aufheben
wollen. Alle Krankheiten, die der Bolschewismus bekämpft hatte,
kehren in einer neuen Form wieder. Es entwickelt sich ein neuer
parasitärer Menschentyp — der Mann der Parteischablone; er
paßt sich mehr oder minder geschickt der Terminologie an, er
benützt sie nur als Aufstiegsmittel. Der kommunistische Bürokrat
ist bloß eine Wiederholung seines Vorgängers, dabei fehlt ihm oft
die Sachkenntnis, und seine Macht ist viel weniger durch Gesetze,
Rücksichten usw. gebunden. Die Verwandlung der bolschewistischen
 Doktrin zur einzigen Wahrheit, die gelehrt und verbreitet
 werden darf, führt zu einem oft rein äußerlichen, elementaren
 Praktizismus. Alle selbständigen Absichten werden von vornherein
 diskreditiert, sie sind ja — auch wenn sie sich als marxistisch-bolschewistisch
 bezeichnen — bequem als von der Generallinie
 abweichend zu erledigen. Der Buchstabenglaube schlimmster
Art feiert Triumphe; man darf bezweifeln, ob es möglich sein wird,
mit diesem Buchstabenglauben, mit dieser Ersetzung geistiger
Selbständigkeit durch Aneinanderreihen von Stellen aus kanonischen
 Autoren wie Lenin, Stalin, Marx usw. den Wissensdurst der
Massen auf die Dauer zu befriedigen. Es kehrt daher allmählich
das alte Verhältnis wieder der duldenden, trotz aller Propaganda
 in der Passivität gehaltenen Massen zu der aktiven
Führung; ein Verhältnis, das bei dem ganzen Charakter der als
Ausdruck der Massen und ihres Aufstiegswillens auftretenden
Partei das ganze System auf die Dauer als sinnlos erscheinen
lassen muß. Die Radikalität des geistigen und gesellschaftlichen
Aufbaues führt endlich zu einer Gesinnung, die äußere Maßnahmen
und Mittel überschätzt. Man glaubt mit Gewalt, Strafandrohungen,
Propaganda, Resolutionen alles erreichen zu können, aber in Wirklichkeit
 bleiben die alten Verhältnisse hinter den Fassaden des
Zwanges und der Propaganda erhalten. Die alte Gesellschaft tritt
        <pb n="138" />
        126 3. Teil. Die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik.

nur ungehemmter auf, etwa durch Mißbrauch der Frauenbefreiung
zu sexuellem Genuß, durch Ausnützung der proletarischen Abstammung,
 die Aufstiegschancen eröffnet, durch Verwendung der
Parteizugehörigkeit, um persönliche Vorteile zu gewinnen.
Gewiß, gerade diese Zustände und Mißbräuche werden besonders
scharf bekämpft, wie die Prozesse gegen Fälle zügelloser Sexualität
 einflußreicher Parteigenossen zeigen. Aber genügt da der
äußere Zwang? Er führt gerade bei denen, die ihn ausüben, zu
einer Demoralisierung, Er wird zum entscheidenden Mittel im
politisch-gesellschaftlichen Machtkampfe. Die Massenaufklärung
wird einfach zum Hineinpressen in bestimmte Partei- und
Wissens- (besser Unwissens)formen. Da werden etwa veraltete
Aufklärungsschriften als jüngste Wissenschaft vorgetragen. Die
Materialisten des 18. Jahrhunderts feiern ebenso ihre Auferstehung
 wie die Welträtsel von Haeckel und popularisierte Ausgaben
 der Christusmythe von Drews. Ein ganz bestimmter
Menschentypus wird gefördert, der auf die Dauer nur zu einer
neuen Massenversklavung führen, die als provisorisch angekündigte
Existenz des Zwangsstaates nur festigen muß. Ob dieser Sklavenstaat
 sich von andern Sklavenstaaten dadurch unterscheidet, daß
in ihm die Führung von Menschen proletarischer Abstammung
ausgeübt wird oder nicht, ist für die Praxis belanglos.
Es wäre aber durchaus falsch, anzunehmen, daß dieses System
des bewußten Beschränkens des Menschen und Einengens seines
Weltbildes einen raschen Zusammenbruch des Bolschewismus
bringen muß. Der Bolschewismus tritt ja auf als Folge einer ganz
bestimmten gesellschaftlichen Lagerung und geschichtlichen Entwicklung.
 Doch bei aller Vorsicht, die bei der Beurteilung seiner
Zukunftsaussichten notwendig ist, läßt sich die Behauptung wagen,
daß die bolschewistische Gesellschaftspolitik in keiner Weise zu
einem System der Massenselbständigkeit und Freiheit führen kann.
Der Zwang brutalster Art gehört zu ihr, ist von ihr nicht abzulösen.
 Die bolschewistische Herrschaft benützt nur andere Ideologien,
 als sie bisher in Rußland üblich waren, und sie gibt Gelegenheit
 zum Aufstieg neuer Führergruppen und Führerschichten.
Aber die Herrschaft dieser Schichten über die Massen ist — vorsichtig
 ausgedrückt — nicht weniger energisch als die der früheren,
mag sie auch eine ganz andere Zielsetzung haben. Mit Blut und
Eisen, mit Aufpeitschen und Verwendung aller Masseninstinkte
wird Rußland in eine selbständige Provinz der gegenwärtigen
Weltwirtschaft, um sich an die Formel von Eckards anzulehnen,
verwandelt *. Alle geselischaftlichen Umlagerungen dienen diesem
        <pb n="139" />
        Die Wirkungen der bolschewistischen Gesellschaftspolitik. 127

Ziele. Sie vollziehen sich mit größter Rücksichtslosigkeit, da es
gilt, die modernste Wirtschaftstechnik in zurückgebliebene Massen
hineinzutragen. Da ist für nichts anderes Zeit und Raum vorhanden.
 Von dieser Arbeit aus erscheint alle Kultur, alle geistige
Tradition, alle sich nicht in technischen und organisatorischen
Fragen erschöpfende Problematik als sinnlos, als etwas, was nur
die Entwicklung der Gesellschaft hemmt. Daher werden sie von
den Bolschewisten mit allen Mitteln bekämpft. Die ganzen Kräfte
des Menschen sollen in die Wirtschaft hineingeleitet werden. Die
gesellschaftliche und wirtschaftliche Arbeit, die Arbeit an der
Erhaltung und Ausbreitung des herrschenden Regimes erhalten
eine gleichsam religiöse Weihe. Sie bilden die einzig sinnvollen
menschlichen Aufgaben.
Daher ist das bolschewistische Regime das Regime der vollständigen
 Politisierung und Vergesellschaftung des Menschen. Es
soll keinen Bereich im menschlichen Leben geben, der von ihm
unerfaßt bleibt. Der Mensch soll völlig im Dienste des bolschewistischen
 Staates und der von ilm geförderten Gesellschaftsordnung
 stehen, Daher kann man den Bolschewismus nicht nur
als eine Herrschaft ansehen, der es allein um Machterhaltung
geht und die zur Erreichung dieses Zieles alle praktisch nur
möglichen Mittel rücksichtsios verwendet. Die Herrschaft des
Bolschewismus greift viel tiefer in die Existenz des einzelnen und
der Gesellschaft ein. Der einzelne, die ganze Gesellschaft sollen
restlos in den Dienst der bolschewistischen Ordnung gestellt
werden. Es soll keine geistige, innerliche Sphäre mehr geben,
welche neben dieser Ordnung selbständig besteht. Nichts wird als
sinnvoll angesehen, was von dieser Ordnung unerfaßt bleibt ®?,
Nur das hat einen Sinn, hat Existenzberechtigung, was sich dieser
Ordnung fügt und ihr dient. Daher gibt es keine Möglichkeit
eines Kompromisses mit dem Bolschewismus. Der Bolschewismus
benützt alle Kompromisse nur als Atempausen, die aus technischen
Rücksichten notwendig sind. Man darf also diese Atempausen
nicht überschätzen und glauben, daß die objektiven Effekte der
bolschewistischen Herrschaft doch nie ihren marxistischen Zielen
entsprechen können und daß man daher den Bolschewismus opportunistisch,
 nicht prinzipiell behandeln könne.
Mag sein, daß seine Wirksamkeit nur zur Industrialisierung
bisher zurückgebliebener Gebiete führen wird, aber mit der Feststellung
 dieses Ergebnisses hat man nicht die eigentümliche Intensität
 erledigt, mit welcher das bolschewistische Regime den Anspruch
 erhebt, das ganze Leben des Menschen und der Gesell-
        <pb n="140" />
        128 3. Teil. Die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik.

schaft zu erfassen und zu bestimmen. Politik, Wirtschafts- und
Gesellschaftsarbeit sind für das bolschewistische Regime nicht nur
Angelegenheiten neben andern, sie sind die entscheidenden Zentralangelegenheiten,
 die Inhalte des gesamten Lebens. Erst wenn
man das erfaßt hat, versteht man die ganze Gewalt des Bolschewismus,
 seine Brutalität und Rücksichtslosigkeit, die Eindringlichkeit
 seiner Propaganda, die Ausschaltung aller Geistesfreiheit, die
künstliche Herstellung eines ganz bestimmten Weltbildes, innerhalb
dessen sich das ganze Leben abspielen soll.
        <pb n="141" />
        VIERTER TEIL.
Die bolschewistische Partei.

Bei der Beschreibung des politischen Aufstiegs der Bolsche«
wisten, des von ihnen errichteten Staates, ihrer Wirtschafts- und
Gesellschaftspolitik ergab sich immer als letzte bestimmende
Machtstelle die Partei. Die bolschewistische Partei entscheidet
über den Gebrauch des gesamten Staatsapparates, sie ist die
Trägerin der Staatsautorität, sie ist die Souveränin, die sich auch
der Sowjets als Werkzeuge bedient. Die Partei bestimmt über die
Richtung der Wirtschaftspolitik, sie beschließt die Maßnahmen,
die der Gesellschaftsumbildung dienen. Man kann sie nicht von
der politisch-gesellschaftlichen Wirklichkeit der Sowjetunion ablösen,
 sie ist die entscheidende Macht, welche diese Wirklichkeit
lenkt, formt und gestaltet.
Es ist völlig undenkbar, daß sie eines Tages als Machtträgerin
durch eine andere Gruppe, eine andere Partei abgelöst wird. Diese
Ablösung würde das Ende des ganzen Regimes bedeuten. Der
bolschewistische Staat ist nichts anderes als die Diktatur der
bolschewistischen Partei, die im Namen des Proletariats auftritt.
Man kann also die bolschewistische Partei nicht als eine Partei
bezeichnen, die mit den Parteien in einer konstitutionellen Moharchie
 oder einer parlamentarischen Demokratie, welche auf
Koalitionen beruht, vergleichbar ist. Sie kennt keine andere Partei,
die sich mit ihr als gleichberechtigte Teilhaberin zu einer Regierungskoalition
 vereinen könnte. Die Koalition mit den linken
Sozialrevolutionären der ersten Zeit war eine rein taktische Maßnahme,
 die zu einer Ausschaltung und politischen Vernichtung
dieser zuerst anerkannten Gruppe führte. Die bolschewistische
Partei kennt keine Opposition, die sie ersetzen könnte. Die gesamte
 Verfassung der Sowjetunion verliert ihren Sinn, wenn die
bolschewistische Partei nicht mehr regiert, mag auch in ihr nicht
von der Partei, sondern von Räten die Rede sein. Man hat aber
mit der formalen Feststellung, daß das bolschewistische Regime
eine Parteidiktatur ist, nicht viel gewonnen. Man hat mit ihr
weder einen Zugang zum eigenartigen Aufbau der Partei eröffnet
Noch ein Verständnis für ihre Geistesart und ihre Methoden erlangt.
 Nur die geschichtlich-gesellschaftliche Beschreibung kann
da die formal-iuristische Bestimmung anschaulich machen.
Gurian, Der Bolschewismus.

Die Grundlagen.
        <pb n="142" />
        130 4. Teil. Die bolschewistische Partei.

Es ist bereits im 1. und 2. Teile die Vorgeschichte der bolschewistischen
 Partei gegeben worden. Die bolschewistische Partei ist
eine Gruppe, die von streng disziplinierten, auf dem Boden des
revolutionären Marxismus stehenden Berufsrevolutionären geführt
wird. Sie verzichtet bewußt auf weite Anhängerkreise, sie will
zwar der Vortrupp des Proletariats sein, aber nicht das ganze
Proletariat sofort erfassen, in ihre Reihen ziehen. Sie betrachtet
sich, von den Erfahrungen der illegalen, unterirdischen Arbeit
während des alten Regimes bestimmt, als Kerngruppe für die
Massenpropaganda und Massenagitation*. Sie will also nicht eine
von den Massen getrennte Elite.sein. Sie will nur das Gehirn der
Massen darstellen, um eine Wendung ihrer offiziellen Ausdrucksweise.
 zu gebrauchen, die „Avantgarde“ der Massen sein. Ihre
Autorität beruht also auf der Verbindung mit den Massen; diese
Verbindung wird durch zentrale Körperschaften hergestellt. Sie
will eine Aktionspartei sein und nicht eine Koalition aus verschiedenen,
 miteinander ewig streitenden Fraktionen wie andere sozialistische
 Parteien. Strenge Disziplin ihrer Anhänger ist zur Erhaltung
 dieser Einheit — der offizielle Ausdruck lautet: der
„Monolitnosti“ der Partei — notwendig. Nur diese Disziplin vermag
 sie zum Gehirn des Proletariats, zur Führerin der Massen
zu machen, die sie zu dem ihrem Willen entsprechenden Ziele
lenken kann, ohne jeweils ihren augenblicklichen Stimmungen
nachzugeben. Lenin hat ausdrücklich betont, daß die Partei die
Massen zu führen habe, daß sie nicht als ein Spiegel der Massenlaunen
 betrachtet werden dürfe.
Die Partei ist gleichzeitig Ausdruck und Erzieherin der Massen.
Es ist ihre Aufgabe, ihre Politik so einzurichten, daß sie jeweils
weiß, was man den Massen zumuten kann, um sie dem Ziele näherzubringen.
 Die Partei betont stets ihren proletarischen Charakter,
ihre Verbindung mit den positiven, arbeitenden, produktiven
Schichten der Gesellschaft.
Die Partei ist kein Diskussionsklub für Intellektuelle, sie ist eine
Partei der politischen Tat, der wirtschaftlichen Gestaltung, In der
Zusammensetzung der bolschewistischen Partei soll die Tatsache
zum Ausdruck kommen, daß die Wirtschaft für die Bolschewisten
die Lebensmacht schlechthin ist und daß die Massen Träger, nicht
mehr Obiekte der Staatsgewalt sind. Die organisatorischen Arbeiten
 der Partei, die Kontrolle ihrer alten Mitglieder, die Werbung
neuer Mitglieder sind ständig angewandte Mittel, um gleichzeitig
die Verbindung der Partei mit den Massen und ihren Elitecharakter
zu erhalten. Es wird jeweils dafür gesorgt, daß der proletarische
        <pb n="143" />
        Die Grundlagen der bolschewistischen Partei. Ihre Entwicklung 131

Anteil an der Partei nicht sinkt, sondern steigt. Jede Wahlkampagne
für die Räte, jede Propagandaaktion wirtschaftlicher Art ist mit
der Werbung neuer Mitglieder verbunden.
Diese Werbung dient gleichzeitig Propagandazwecken und dem
Beweise für die Richtigkeit des Parteikurses, d. h. der Staatspolitik.
Da wird mitgeteilt, daß eine ganze Reihe armer Bauern, Proletarier
 von der Werkbank sich um Aufnahme in die Partei bemüht
habe. Da heißt es, daß das Auftreten von Klassengegnern, von
reichen Bauern, welche gegen die Kollektivierung der Landwirtschaft
 protestierten, von Antisemiten, welche an die Instinkte
ungenügend Aufgeklärter sich wandten, von Kirchenvertretern,
welche die religiösen Vorurteile der Masse ausnützten und sie
gegen die Sowjetregierung aufzupeitschen suchten, eine Empörung
 der besten proletarischen Elemente und ihre Meldung zum
Parteieintritt hervorgerufen hätte. Wird dadurch nicht immer
wieder das Vertrauen der Massen zur bolschewistischen Partei
bewiesen? Auch die sog. Reinigungen (Tschistka), die seit 1920
regelmäßig innerhalb der Partei durchgeführt werden und deren
Umfang man daraus ersehen kann, daß im Jahre 1921 nicht weniger
als ein Drittel der Mitglieder ausgeschlossen wurde, dienen dazı,
die Verbindung mit den Massen wenigstens propagandistisch aufrechtzuerhalten
 *. Durch diese Reinigungen, welche mißliebige Mitglieder
 aus der Partei entfernen sollen, kann der Eindruck der
Massen geschwächt werden, daß die bolschewistische Herrschaft
eine Diktatur der Partei über sie bedeutet. Es wird immer wieder
betont, daß die Reinigungen nicht nur eine Methode der innern
Parteikontrolle sein dürfen. Auch die Massen der werktätigen
Parteilosen sollen zu ihnen herangezogen, an ihnen aktiv beteiligt
werden. Dadurch wird die Möglichkeit geschaffen, einem Selbstherrschertum
 bei untergeordneten Instanzen, das sich auf die
Partei beruft, entzegenzutreten.

Die Entwicklung der bolschewistischen Partei.

Die Entwicklung der Partei zu einer festen, disziplinierten
Aktions- und Kampfgruppe, die auf Verbindung mit den Massen
entscheidenden Wert legt und doch den zur Führung notwendigen
Elitecharakter nicht verlieren will, wird in ihrer Bedeutung erst
dann klar, wenn man die innere Parteigeschichte in ihren wichtigsten
 Etappen kennt. Auch die Möglichkeiten, welche die Partei
für eine politische Verwendung bietet, werden erst dann in ihrem
ganzen Umfang ersichtlich ®.
        <pb n="144" />
        132

4. Teil. Die bolschewistische Partei.

Es wäre ganz falsch, anzunehmen, daß von der Bildung der
bolschewistischen Partei an ihr heutiger Charakter wenigstens in
seinen grundlegenden Zügen klar war. Gewiß, Lenin betonte stets
die Bedeutung der zentralen, autoritären Führerkörperschaften.
Er lehnte es ab, die Partei für Mitläufer, Mitfühlende zu öffnen.
Gerade das führte zur Bildung der bolschewistischen Partei als
einer Gruppe, die trotz aller Einigungsversuche ipr Sonderdasein
in der sozialdemokratischen Partei nicht mehr aufgab. Aber noch
war die entscheidende Bedeutung dieses Parteistreites nicht zu
erfassen, zumal ja die Taktik Lenins in der Revolution von 1905
bis 1906 zu keinen großen, praktischen Erfolgen führte. Im Gegenteil,
 sie erschien nur als Ausdruck eines lebensfiremden, doktrinären
 Radikalismus, der zu sinnlosen bewaffneten Aufständen
trieb, die für die Revolution notwendige bürgerliche Unterstützung
verscheuchte. Dazu kamen noch bald nach der Revolution ausbrechende
 Streitigkeiten innerhalb des Gefolges Lenins, die infolge
ihres Charakters die Weltfremdheit und theoretische Verranntheit
des Gründers der bolschewistischen Partei zu beweisen schienen.
Fs kam zu seiner Verteidigung des marxistischen Materialismus
gegen die angeblich idealistischen Versuche des Kreises um Bogdanow,
 den Sozialismus mit Hilfe eines modernen Positivismus zu
verjüngen, es kam zu seinen Protesten gegen die sog. Parteischule
 auf Can Be sich um Gorki gruppierte. Lenin schien völlig
isoliert zu seing Mir noch ein kleines Gefolge von Berufsagitatoren
in Rußland zu besitzen. Diese arbeiteten mit allen Mitteln des
unterirdischen Kampfes gegen das herrschende Regime, von gelegentlichen
 Expropriationen (d. h. gewaltsamen Geldwegnahmen
bei Banktransporten usw.) zur Auffrischung der Parteifinanzen
angefangen bis zur Errichtung von Geheimdruckereien, die mit
großen Opfern in Betrieb gehalten wurden.
Immerhin gelang es den Lenin treubleibenden Bolschewisten,
in der von der sozialistischen Propaganda ergriffenen Arbeiterschaft
 festen Fuß zu fassen; sie hatten da jedenfalls mehr Anhang
als die Menschewisten, die verschiedenen Gruppen der marxistischen
 Gegner Lenins. Aber erst nach der Februarrevolution
1917 konnten sich die organisatorischen Prinzipien Lenins entfalten,
 erst da trat ihre entscheidende Bedeutung sichtbar zu Tage.
In Lenins Hand verwandelten sie die bolschewistische Partei in die
einzige feste Machtgruppe des neuen republikanischen Regimes.
Allerdings war die Beobachtung der Parteidisziplin nicht erzwingbar,
 da eben die Bolschewisten noch nicht die Staatsgewalt besaßen.
 Fs kam zu Parteidiskussionen, in denen Lenin sich nur
        <pb n="145" />
        Die Entwicklung der bolschewistischen Partei. 133

kraft seiner persönlichen Autorität durchzusetzen vermochte, von
dem Kampfe gegen seine grundlegenden Aprilthesen bis zur
Opposition gegen den Oktoberaufstand und den Verzicht auf eine
Koalitionsregierung aus allen sozialistischen Parteien. Die Machtergreifung
 und der mit ihr verbundene Zwang zur Führung des
Staatsapparates trieb zu einer festen Disziplinierung. Gerade die
Diskussionen um den Frieden von Brest-Litowsk und das mit
ihnen verbundene Auftreten der sog. Linkskommunisten, die mit
der vorsichtigen Taktik Lenins unzufrieden waren, zeigten, wie
gefährlich das Zurücktreten der straffen Disziplin in der Partei
war“, Nur dann, wenn die Bolschewisten als Einheit handelten
und wenn es ihnen gelang, alle Machtzentren (die Armee, die
Verwaltung usw.) durch ihre Vertreter zu kontrollieren, konnten
sie sich behaupten. Der Bürgerkrieg und der mit ihm verbundene
 Aufbau eines militärischen Kampfapparates förderte
weiter die Parteidisziplin. Die Parteimitglieder wurden mobilisiert,
 an die jeweils bedrohten Punkte zur Verteidigung des Regimes
 gesandt,
Hier zeigte sich die entscheidende Bedeutung der Tatsache, daß
die Zentralinstanzen der Partei über einen Stamm an Gehorsam
gewöhnter Mitglieder verfügten. Der Besitz und die Festigung der
Staatsmacht veranlaßte daher dazu, immer mehr zu betonen, wie
wichtig eine straffe Parteidisziplin sei. Parteidiskussionen führten
ja nicht mehr wie früher zu weiter nicht bedeutenden Absplitterungen
 von der Partei, sondern sie erschütterten das gesamte
Regime. Nach Beendigung des Bürgerkrieges konnte mit der
Parteidisziplin nicht gebrochen werden, sie mußte zu einer innern
Eroberung des Staats- und Wirtschaftsapparates verwandt werden.
Daß durch die Eroberung und erfolgreiche Verteidigung der Staatsmacht
 das Sendungsbewußtsein der Partei stieg, ist selbstverständlich.
 Die Parteiansprüche schienen sich in der Praxis zu bewähren.
Die Partei arbeitete aktiv an der Massenerziehung und Massenlenkung.

Mit den wachsenden Aufgaben trat die organisatorische Arbeit
in den Vordergrund. Dafür ist eine Schrift aus dem Jahre 1924,
dem Beginne der NEP, sehr bezeichnend, in der Rechenschaft
abgelegt wird über die Menschenverteilungspolitik der Partei ®. Die
Einsicht in den entscheidenden Charakter dieser organisatorischen
Aufgabe hat den Generalsekretär Stalin zur Macht getragen. Fr
vernachlässigte zunächst die hohe Politik, er widmete sich dem
innern Parteiaufbau und Parteiausbau. Die Parteimaschine wurde
von ihm genau kontrolliert, und so konnte er zum Herrn jenes
        <pb n="146" />
        134 4. Teil. Die bolschewistische Partei.

politischen Systems werden, das als Diktatur des Proletariats
die Diktatur der bolschewistischen Partei bedeutet.
Bereits in der Endepoche des Bürgerkrieges tauchten gegen die
feste Disziplin der Partei und damit gegen das System der Diktatur
 gerichtete Losungen auf. Die sog. Arbeiteropposition Schliapnikows,
 in der sie einen besonders charakteristischen Ausdruck
fanden, wollte die politische Macht der gesamten Arbeiterschaft,
also den Gewerkschaften, Genossenschaften usw., übertragen.
Damit wäre die Parteidiktatur selbstverständlich erledigt gewesen,
denn die Einheit der Gewaltträger wäre aufgelöst worden. Das
bolschewistische Regime hätte wohl binnen kürzester Frist ein
ähnliches Ende gefunden wie die provisorische Regierung Kerenskis.
 Lenin bekämpfte daher diese Arbeiteropposition, die mit der
Losung „Sowijet gegen die Partei“ sympmpathisierte, mit allen nur
möglichen Mitteln.
Gewiß, er scheute nicht vor eingehenden theoretischen Diskussionen
 zurück, aber er fürchtete auch nicht, Druckmaßnahmen
gegen widerspenstige Mitglieder anzuwenden, er war mit Verhaftungen
 usw. durchaus einverstanden; denn er wußte, daß nur
die Einheit der bolschewistischen Partei, die autoritativ die Grenzen
der öffentlich erlaubten Diskussionen festsetzte, das bestehende
Regime erhalten könne. Er wollte auch keineswegs den Elitecharakter
 der Partei aufgeben; die Partei sollte trotz ihres proletarischen
 Charakters nicht einfach mit den Massen zusammenfallen,
 sondern weiter ihre Avantgarde bleiben. Und so lehnte er
auch im Jahre 1920 Trotzkis Bestrebungen ab, die Gewerkschaften
zu Staatsinstitutionen zu machen und damit für die Partei ein
Verbindungsmittel zu den Massen auszuschalten. Denn die
Gewerkschaften waren wie die Genossenschaften auch Parteilosen
 zugänglich, mochten sie auch unter bolschewistischer Führung
 stehen. Ihre Verwandlung in einen Teil des Staatsapparates
hätte sie nicht mehr als Sprachrohre für Massenstimmungen verwenden
 lassen. Die in dieser sog. Gewerkschaftsdiskussion auftretenden
 Parteistreitigkeiten veranlaßten Lenin, eine noch schärfere
 Bekämpfung aller Fraktionsbildungen als bisher zu empfehlen.
Ihr sollte die zugleich zur Beobachtung des gesamten Staatsapparates
 geschaffene Kontrollkommission dienen, die im Jahre
1921 auf Lenins Anregung umgebildet und neben das Zentralkomitee
 gestellt wurde ®.
Doch wurden die innern Parteikämpfe durch diese Maßnahme
nicht beseitigt. Besonders nach Lenins Erkrankung, die bereits
1922 ihn aus der regelmäßigen aktiven politischen Tätigkeit aus-
        <pb n="147" />
        Die Entwicklung der bolschewistischen Partei. 135

schaltete, traten sie wieder in den Vordergrund. Sie wurden durch
die Versuche hervorgerufen, die sog. innere Parteidemokratie
durchzuführen, die den Aufstieg jüngerer Parteigenossen erlaubt
und die Stellung der führenden Organe geschwächt hätte. Trotzki
entwickelte sich zum Vorkämpfer dieser Parteidemokratie, die
gegen eine gefährliche Parteierstarrung sich wandte. Aber auch
ihm gegenüber erwies sich der Parteiapparat als stärker, mochte
auch die Stimmung in den Parteimassen für ihn sein. Die zentralen
Instanzen sprachen sich gegen ihn aus und lenkten die Parteigruppen
 in ihrem Sinne. Die Organisationsabteilung des Zentralkomitees
 zeigte ihre Wirksamkeit. Sie verteilte die Posten so,
daß Trotzkis Anhänger kaltgestellt wurden. Gleichzeitig arbeitete
sie mit Parteireinigungen und Neuaufnahmen von Mitgliedern.
Besonders der sog. Leninsche Prisyw (Aufgebot), die nach dem
Tode des Parteibegründers 1924 veranstaltete Massenaufnahme
von Proletariern, wurde dabei von entscheidender Bedeutung.
Die Parteiführung arbeitete in dieser Epoche der innern Kämpfe
— zunächst alle Führer gegen Trotzki, dann der Generalsekretär
Stalin gegen die mit Trotzki zu einem Block zusammengeschlossenen
 Sinowjew-Kamenew bis zum Ausschluß der Opposition aus
der Partei im Jahre 1927 — durchaus mit Mitteln, die der Parteiauffassung
 Lenins entsprechen. Denn für Lenin selber war stets die
Einheit der Partei als Kampforgans, die Beseitigung aller störenden
 Diskussionen und die Ausschaltung aller lähmenden, im russischen
 Sozialismus so beliebten Fraktionsbildungen entscheidend
gewesen. Dabei wurde die Methode einer künstlichen Parteizusammensetzung
 gebraucht, die für Stalin eine feste, überwältigende
 Mehrheit in allen Parteikörperschaften, Parteizellen usw.
sicherte, Die Leninsche Methode, die den Bolschewisten stets
den entscheidenden Einfluß in den Sowiets verliehen hatte, wurde
also auf die Partei übertragen. Die aus der Öffentlichkeit vertriebene
 Opposition konnte daher bequem, sobald es zweckmäßig
erschien, aus der Partei ausgeschlossen werden. Damit wurde sie
vor die Frage gestellt, entweder auf jede politische Tätigkeit zu
verzichten oder sich der Parteileitung zu unterwerfen,
Es konnte gegen die Opposition bequem die Tatsache angeführt
werden, daß sie, im Gegensatz zu den Herrschern des Parteiapparates,
 es nicht verstand, Fühlung mit den Massen zu halten,
Ausdruck des Massenwillens zu sein. Konnte es denn einen
andern Massenausdruck geben als die bolschewistische Partei?
Und so war die Möglichkeit gegeben, die Opposition, weil sie die
eine Partei angeblich durch eine andere, zweite, zu bekämpfen und
        <pb n="148" />
        136 4. Teil. Die bolschewistische Partei.

zu ersetzen suchte, mit allen den Beherrschern des Staatsapparates
nur zugänglichen Mitteln zu erledigen. Auf den Parteiausschluß
folgte die Verbannung, die für Trotzki mit der Ausweisung endete,
während die meisten führenden Vertreter der Opposition von
Sinowjew und Kamenew bis zu Radek sich unterwarfen und seitdem
 auf untergeordneten Posten von Stalin verwandt werden.
Daß es beim Kampfe gegen die Opposition nicht zu Todesurteilen
gegen die Führer kam, war eine politische Zweckmäßigkeitsangelegenheit.

Wenn sich auch die Opposition in ihren politischen Sondermeinungen
 (Ablehnung einer allzu großen Nachgiebigkeit gegenüber
 den reichen Bauern, stärkere Betonung der Weltrevolutionspropaganda
 aus der Überzeugung heraus, daß es unmöglich sei, in
einem einzigen Lande den Sozialismus aufzubauen, Fordern stärkerer
 Industrialisierung , verschiedene Bewertung der Chinarevolution
 usw.) sich auf Lenin zu berufen pflegte, so ist es doch
fraglos, daß ihre Methoden des innern Parteikampfes die
Leninsche Auffassung der Partei gefährdete’. Ob Stalin dabei
geistig der Überlegene war, ob die von ihm angewandten Kampfmittel
 moralisch und menschlich einwandfrei waren oder nicht,
ist unwesentlich. Gerade vom bolschewistischen Standpunkt aus
muß gesagt werden, daß er durch die politische Bewährung recht
behalten hat. Im Grunde genommen handelte es sich um einen
organisatorischen Machtkampf innerhalb des Regimes, mögen sich
auch politische Argumente von größter praktischer Tragweite für
die Begründung der verschiedenen Stellungnahmen gefunden
haben. Dabei muß man, gerade wenn man der Meinung ist, daß die
sachlichen Argumente nicht so wichtig sind wie der organisatorische
 Kampf zwischen dem Generalsekretär und den auf ihre
Popularität stolzen Führern, auch den menschlichen Hintergrund
des Kampfes beachten. Er ist von ganz entscheidender Bedeutung
für die Fntwicklung des in der bolschewistischen Partei maßgebenden
 und damit das ganze Parteiregime bestimmenden
Menschentyps. Er ist also bezeichnend für die Auslese, die durch
die bolschewistische Partei für die führenden Schichten vorgenommen
 wird.

Die Typen der Bolschewisten,

Um diese Ausleseentwicklung zu verstehen, muß man auf die
ursprünglichen Typen, die in der bolschewistischen Partei maßgebend
 waren, zurückgreifen, Da sind zwei ganz verschiedene
        <pb n="149" />
        Die Typen der Bolschewisten, 137

Gruppen zu unterscheiden, die in ihrem Grundcharakter gezeichnet
werden müssen, um die Entwicklung der Parteigeschichte wirklich
zu verstehen. Das Gemeinsame dieser beiden Gruppen ist der
absolute Glaube an den politisch-sozialen Umsturz, der durch die
gesellschaftlich-politischen Verhältnisse des alten Regimes hervorgerufen
 wurde und der vielfach durch die russische Mentalität,
ihren Radikalismus und die besondere Lage der Fremdvölker
(Juden, Letten, Georgier usw.) einen extremen Ausdruck erhielt.
Aber dieser Glaube entfaltet sich bei den beiden Typen ganz verschieden.
 Der eine Typus ist der Revolutionstheoretiker, Revolutionsliterat
 und Revolutionsagitator, der andere Typus ist der
Revolutionspraktiker, der Mann, für den die Revolution und der
Sozialismus die einzige soziale Aufstiegschance und das Bildungserlebnis
 darstellen.
Der Revolutionstheoretiker und -literat ist oft intellektueller
Herkunft. Zu diesem Typus gehören zahlreiche Männer und
Frauen jüdischer Abstammung, denen das alte Regime nicht genügend
 Gelegenheit zu geben schien, zur Geltung zu kommen.
Diese Revolutionsliteraten und Intellektuellen neigen dazu, die
Revolution zu romantisieren. Sie lieben die revolutionäre Phrase,
sie arbeiten stark mit ethischen Argumenten, mit Entrüstung über
die barbarischen Methoden des Zarismus, die Unmenschlichkeit
des bürokratischen Apparates usw. Man darf aber nicht meinen,
daß sie vor der revolutionären Tat zurückscheuen. Aus ihren
Reihen sind zahlreiche Attentäter hervorgegangen, doch ist es
bezeichnend, daß die revolutionäre Tat zugleich als eine romantische
 Tat empfunden wird. Systematische Agitation ohne sichtbare
 Erfolge, praktische Organisationsarbeit liegt diesem Typus
meistens nicht. Er spielt in der Emigration eine entscheidende
Rolle. Er neigt, wenn er theoretisch interessiert ist, zur Rechthaberei,
 zu unendlichen Diskussionen, die zu Parteispaltungen
führen.
Man kann sagen, daß Lenin diesen Typus als den Krebsschaden
der Revolution angesehen und betrachtet hat. Gegen ihn vor allem
war die Forderung gerichtet, eine geschlossene, straff organisierte
 Partei zu bilden. Das sog. Emigrantengeschwätz, die
Emigrantenskloka, um den üblich geworden russischen Ausdruck
zu gebrauchen, waren ihm besonders verhaßt. Gleichzeitig lehnte
er die sog. revolutionäre Phraseologie ab, als deren Typ ihm in
der Nachrevolutionszeit Kerenski erschien, die einfach auf Stimmungen,
 nicht auf einer klaren theoretischen Erkenntnis beruhte.
So konnte dieser intellektuelle Literatentypus sich in der bolsche-
        <pb n="150" />
        138

4. Teil. Die bolschewistische Partei,

wistischen Partei bereits vor der Revolution nicht halten, wie die
Konflikte Lenins mit Bogdanow, Lunatscharski und andern Kulturrevolutionären
 bewiesen. Er drang in die Partei erst wieder ein
nach der Februarrevolution, als die sog. Meschrayonzen, keiner
sozialistischen Fraktion zugehörige Intellektuelle, sich mit der
bolschewistischen Partei vereinigten. Zu ihnen gehörten Männer
wie Trotzki, Joffe, der erste bolschewistische Botschafter in Berlin,
Lunatscharski usw.
Neben dem revolutionären Literaten- und Theoretikertypus
wurde die revolutionäre Bewegung von dem Revolutionspraktiker
getragen. Dieser Praktiker liebte es nicht, über die Grundlagen
der Partei, der er sich einmal angeschlossen hatte, weiter nachzugrübeln
 und nachzudenken. Für ihn war die praktische Arbeit
entscheidend, die Agitation in der Arbeiterschaft, die Organisation
der Geheimdruckerei, die systematische Gewinnung geeigneter
Mitglieder usw. Der Beweglichkeit des Literaten gegenüber war
er durch seinen beschränkten Gesichtskreis unterlegen, aber dafür
zeichnete ihn größere Energie aus, Eindeutigkeit und Gradlinigkeit.
Zu diesem Typus gehörten vielfach Männer, die von frühester
Jugend an, fast von der Schulbank an, sich der Revolution gewidmet
 hatten, und daher kaum, mögen sie auch studiert haben,
als Intellektuelle zu bezeichnen sind. Vielfach waren für ihn ehemalige
 Proletarier bezeichnend, Männer, die aus ärmsten Verhältnissen
 aufstiegen und für die der Aufstieg mit der Zugehörigkeit
zur Partei zusammentfiel.
Lenins entscheidende Bedeutung für die russische Revolution
und: den siegreichen Machtaufstieg des Bolschewismus besteht
darin, daß er es verstanden hat, die Vorteile beider Typen für
sein Werk zu verwerten. Es gelang ihm durch seine radikale
Ziele verfolgende, scheinbar extrem eingestellte Organisation jene
Intellektuellen sich zu sichern, die für kritische Zeiten von einer
zanz entscheidenden Bedeutung sind. Anderseits verstand er es,
durch seinen Praktizismus, seine Forderung, von der Praxis zu
lernen, sich nach dem Leben zu richten, das Gefolge der Praktiker
zu gewinnen. Seine unersetzliche Bedeutung für die Partei lag
darin, daß er während seines Lebens es vermocht hat, die Praktiker
 mit den Intellektuellen zusammenzuhalten. Er bewahrte
ainerseits die Partei vor der Gefahr, sich an revolutionären Phrasen
und Forderungen zu berauschen und darüber die taktisch-praktischen
 Notwendigkeiten zu vergessen, anderseits schützte er sie
vor der Erstarrung in einer geistlosen, keinen Meinungsaustausch
kennenden bürokratisch-taktischen Routine. Weder der Revo-
        <pb n="151" />
        Die Typen der Bolschewisten. 139

iutionslyriker noch der Generalsekretär wurden von ihm an die
Spitze der Partei gelassen. Er benützte die Organisation der
Partei, seine führende Stellung in ihr, die auf keiner Satzung,
sondern auf seiner persönlichen Autorität beruhte, um die Partei
zu erziehen.
„Lenin als Erzieher“, so möchte man einen großen Teil seiner
Tätigkeit nach 1917 bezeichnen‘. Da warnt er vor Formalismus,
Bürokratismus, vor der Kinderkrankheit des sog. Linkskommunismus,
 der nur auf der Unfähigkeit beruht, aus den Erfahrungen der
Tagesarbeit zu lernen und Ausdruck kleinbürgerlicher Lebenseinstellung
 ist, die zwischen hysterischer Begeisterung, Überschätzung
 des Entwicklungstempos und Panik wechselt. Da
tadelt er alle Versuche, für seine Sondermeinung durch taktisch
geschickte Fraktionsbildung zu kämpfen und nicht durch sachliche
Argumente, durch Mitarbeit an Kommissionen. Da wendet er sich
gegen giftige Methoden der Parteipolemik usw. Es geht ihm
darum, die Partei zu einer Schule von Männern und Frauen zu
machen, welche zugleich revolutionäre Marxisten und Praktiker
sind. Die Partei soll dazu dienen, die neuen, zur Führung berufenen
 Schichten als Schule für das Proletariat zu erziehen. Sie
sollen lernen, zu verwalten, zu organisieren, die Wirtschaft zu
bestimmen. Die Partei soll wahre Sachkenner heranbilden, um
gerade dadurch an Stelle der alten sachfremden, höchstens technisch
 geschickten Bürokratie eine unmittelbare Regierung und
Verwaltung durch die Massen, durch die Gesellschaft zu setzen.
Aber gerade diese Betonung der Praxis und ihre Verbindung
mit einer festen, wenn auch biegsamen Doktrin führte dazu, daß
in der Partei nach dem Ausscheiden von Lenin sich ganz bestimmte
 Ausleseprinzipien zeigten. Der Praktizismus führte zu
einer Abschnürung aller Diskussionsfreiheit, zum Vorherrschen des
Praktikertypus, für den die Doktrin zu einem starren, leicht
faßbaren Schema wurde, das nur allgemein genug sein mußte,
um alle taktischen Manöver zu erlauben und zu rechtfertigen.
Der Sekretär bemächtigte sich der Partei. Gewiß, ein Sekretär,
der zugleich ein ungemein geschickter Taktiker war, sich also an
das Leben anzupassen verstand, aber doch ein Sekretär blieb, der
keine neuen Ideen hatte, sondern nur die alten organisierte und
anwandte, als der „treueste Schüler“ des Meisters. Da war kein
Raum mehr für Diskussionen, da siegte die Auffassung der Partei
als einer Zwangsmaschine über alle Versuche, sie in eine Schule
sich gegenseitig Erziehender zu verwandeln. Die dabei erfolgende
 Auslese, die Verdrängung aller Intellektuellen durch die
        <pb n="152" />
        140

4. Teil. Die bolschewistische Partei.

sog. Praktikergarde der alten Bolschewisten, der Männer, die
unter Lenins Leitung aus dem Auslande in Rußland die bolschewistische
 Partei organisiert und geführt hatten, in Gemeinschaft
mit Massenvertretern, die erst nach der Revolution in die Partei
gekommen waren, vollzog sich aber unter Berufung auf Grundsätze,
 die Lenins eigener Tätigkeit gedient hatten. Es galt, den
Menschentyp zu fördern, der Träger der sozialistischen Alltagsaufbauarbeit
 sein könnte.
Da war keine Zeit mehr für theoretische Diskussion. Da konnte
man nicht mehr die Helden der Revolutionsromantik brauchen,
die während der aufregenden Zeiten des Bürgerkrieges als sehr
nützlich betrachtet wurden. Da genügte für die Theorie der Verfertiger
 handfester, einfacher Resolutionen, die leicht praktischagitatorisch
 zu verwerten waren als jeweilige Rechtfertigung der
Parteipolitik und ihrer taktischen Ziele. Da kam es vor allem auf
die Arbeits- und Organisationsfähigkeit an, für die Leistung und
nicht augenblicklich sichtbare Wirkungen entscheidend waren, Da
kam es nicht auf interessante Persönlichkeiten an, sondern auf
Männer, die sich einzuordnen und einzugliedern verstanden, die
yicht mit dem oppositionellen Jungkommunisten Stän verlangten,
die Parteiweisungen durch individuelle Erfahrungen auf ihre
Richtigkeit hin nachzuprüfen.
Auf die Dauer siegte also der durchaus ungeistige, aber dafür
um so energischere Revolutionspraktiker über den Revolutionsromantiker
 und Literaten, der als Mann der kühnen Vorschläge
und Neuerungen für die Übergangszeiten von großem Werte gewesen
 war. Dieser Typ bestimmt heute die Partei. Sie ist in seiner
Hand zu einem festen Gebilde geworden, das den sozialistischen
Aufbau, die Verwirklichung des Fünfiahresplanes mit allen Mitteln,
von friedlicher Propaganda angefangen bis zur Gewaltanwendung,
zu fördern sucht. Kommt es da auf das geistige Niveau an? Der
Praktizismus, das alleinige Interesse für praktisch-wirtschaftliche
ınd politisch-organisatorische Fragen ist entscheidend geworden,
Über den Wert aller Theorie entscheidet ihre Bedeutung für die
wirtschaftlich-politische Tagesarbeit.
Gerade diese geistige Primitivität, dieses bewußte Absehen von
aller geistigen Selbständigkeit, diese ausschließliche Einstellung
auf die wirtschaftlich-politische Praxis, die von einer zum Schema
erstarrten marxistischen Terminologie und Zielsetzung bestimmt
wird, gibt heute der Partei eine ganz besondere Schlagkraft. Sie
hat zum Nachdenken keine Zeit mehr. Ihr ganzes Dasein ist nur
der Arbeit geweiht, denn die praktischen Projekte des soziali-
        <pb n="153" />
        Die Typen der Bolschewisten. 141

stischen Aufbaues nehmen die ganze Zeit in Anspruch. Mag sein,
daß in dieser wirtschaftlich-politischen Arbeit sich Machtgier auswirkt,
 aber daß sie mit der Machtgier zusammenfällt, verleiht ihr
gerade einen leidenschaitlich-fanatischen Charakter. Es gibt nichts
außer ihr. Die nach den Parteiweisungen geleitete wirtschaftende
Gesellschaft ist die einzige Wirklichkeit. ;
Daher hat die sich unter dem Regime Stalin vollziehende Entgeistigung
 der Partei sie in keiner Weise geschwächt; ganz im
Gegenteil, sie ist dadurch als politisches Machtinstrument nur noch
wertvoller geworden. Die Parteimitglieder wissen, was sie zu tun
haben, sie werden nicht mehr durch öffentliche Führerstreitigkeiten
unsicher gemacht. Wer sich mit der bestimmenden Parteibürokratie
 nicht verträgt, wird als Verräter am Sozialistischen
Aufbau erledigt. Es heißt entweder, daß er wie die Linksopposition
Trotzkis sich an Phrasen berauscht, aber in Wirklichkeit an der
Fähigkeit des Proletariats zweifelt, den sozialistischen Aufbau in
Rußland allein zu beginnen, oder daß er, wie die Männer der
Rechtsopposition, nur als Verteidiger der Kulaken auftritt, als
ungebildeter Marxist wie Bucharin die dialektischen Grundlagen
des Leninismus nicht erfaßt hat. Kommt es auf die Begründung
und Richtigkeit der Vorwürfe an? Es kommt nur darauf an, daß
die von der Parteimaschine bestimmte Öffentlichkeit sich gegen
jemanden wendet, Sofort ist er vernichtet als Feind der Generallinie,
 welche die Partei beschlossen hat. Man hat für ihn nur
noch insoweit Zeit, als die Polemik gegen ihn Propaganda für den
sozialistischen Aufbau darstellt, als gerade an seinen Irrtümern
die Richtigkeit des offiziellen Kurses sich zeigt. Sein Ausschluß
aus der Öffentlichkeit erlaubt es, auch von ihm zu lernen, d.h. seine
Kritik zu verwerten, ohne daß die Öffentlichkeit von diesem Lernen
der Parteileitung etwas erfährt. Im Kampfe gegen die verschiedenen
 Oppositionen vollzieht sich die Stärkung der Partei, bewährt
 sich ihr Wirken, geht ihre Bewältigung der praktischen
Arbeit vor sich. Die Fähigkeit, die Organisationsmaschine zu
handhaben und zugleich sich durch Propaganda an die herrschende
Terminologie (Ausdrucksweise) anzugleichen, ist für den maßgebenden
 Parteityp der Gegenwart bezeichnend. Damit ist zugleich
 eine gewisse Garantie für seine sachliche Bewährung in der
wirtschaitlich-politischen Arbeit gegeben; denn natürlich muß die
Parteimaschine ständig arbeiten; sie muß ständig die Gesellschaft
vorantreiben. die Wirtschaft neu organisieren und umbilden.
        <pb n="154" />
        1732

4. Teil. Die bolschewistische Partei.

Die Parteiorganisation.

Wie ist die Parteimaschine organisiert, die heute vom ungeistigen,
 aber taktisch gewandten, mit Sinn für wirtschaftliche
Wirklichkeit und Massenbehandlung begabten Praktiker beherrscht
wird?* Ihre Grundlagen bilden die Parteizellen, die über das ganze
Gebiet der Sowjetunion zerstreut sind; sie sind in jedem Orte,
jedem wichtigen Betrieb, in jeder Fachschule, in jeder Organisation
 (Gewerkschaft, Genossenschaft usw.) vorhanden. Sie sind
für das richtige Parteileben und für die Durchführung der Weisungen
 der Zentrale verantwortlich. Über sie und ihre Leitung,
ihr „Büro“ wird öffentlich Klage geführt, wenn irgendwo Mängel,
Nachlässigkeiten in der Arbeit, Faulheit, MiBßachtung der Pläne usw.
auffallen. Die Zellen sind zu Bezirken zusammengeschlossen, die
eigene Sekretäre besitzen. Die Sekretäre werden zwar gewählt, aber
diese Wahl ist im Grunde genommen nur eine formale Bestätigung
 der Vorschläge des Zentralkomitees. Alle Postenbesetzung
wird heute durch die seit dem Ende des Bürgerkrieges in den
Vordergrund tretende Organisationsabteilung des Zentralkomitees
geleitet. In letzter Zeit werden die sog. Instruktoren des Zentralkomitees
 immer wichtiger, welche zur Erteilung der richtigen
Weisungen und zur Anleitung in die verschiedenen Bezirke entsandt
 werden. Die zentralen Instanzen sind das Zentralkomitee
und die sog. Kontrollkommission, die über Parteistreitigkeiten entscheiden
 soll, gegen Mißstände im gesamten Apparat der Partei
und des Staates vorgeht. Lenin hoffte, daß sie eine Art Gegengewicht
 gegen das Zentralkomitee bilden würde‘, Aber sie wurde
nur zu einem Vollzugsorgan in der Hand des Generalsekretärs.
Eine neue Kontrollinstanz zur Aufsicht über die Ausführung der
Beschlüsse der zentralen Instanzen durch den Staatsapparat .ist
Anfang 1931 geschaffen worden.
Das Zentralkomitee bildet Ausschüsse, darunter das wichtige
politische Büro, das allerdings heute nach der Verdrängung der
Rechtsopposition durch Stalin an Bedeutung eingebüßt hat. Das
Zentraikomitee wird wie die Kontrollkommission vom Parteitag
gewählt, der heute alle zwei Jahre zusammentritt. Aber diese
innere Demokratie ist eine Propagandaangelegenheit, da über die
Zusammensetzung des Parteitages das bisherige Zentralkomitee
und das Generalsekretariat entscheiden können, dank des Ausschlußrechtes
 und der Möglichkeit, jede öffentliche Diskussion zu
verbieten oder zu einer rein formalen Angelegenheit zu machen,
        <pb n="155" />
        Die Parteiorganisation.

143

dank der Auswahl der Parteibeamten, die wiederum die Zusammensetzung
 der Parteizellen beeinflussen können usW.
Die Parteileitung bestimmt die Zusammensetzung der Staatsbehörden,
 also des Rates der Volkskommissare, des revolutionären
Kriegsrates, an dessen Spitze der Kriegskommissar steht usw.
Der Vollzugsausschuß des Rätekongresses und sein Präsidium
sind nur Instrumente, die nach dem Ermessen der Parteileitung
zusammengesetzt und gehandhabt werden. Jede Bundesrepublik
hat eine eigene Partei, die ebenso organisiert ist wie die gesamte
Bundespartei, aber der Föderalismus ist in der Partei ebenso eine
Fiktion wie in der Staatsverfassung. Der Zentralismus wird im
Parteiapparat durch die Möglichkeit für die Zentralinstanz, unmittelbar
 einzugreifen, garantiert. Es ist also nicht möglich, daß
eine Opposition, die von der Bundespaitei verurteilt ist, sich in
einer nationalen kommunistischen Partei auf die Dauer festsetzt.
Immerhin hat es einige Schwierigkeiten mit den Nationalparteien
gegeben, insbesondere in der Ukraine und im Kaukasus as‘
Die Fühlung der Partei mit den werktätigen Massen wird systematisch
 gepflegt. Es wird stets Wert darauf gelegt, den Anteil
der Werktätigen, vor allem der sog. „Arbeiter von der Werkbank“,
zu steigern. Reinigungen, Ausschlußverfahren, je nach der sozialen
Herkunft bemessene Prüfzeiten bei der Aufnahme sollen für die
Erhaltung des proletarischen Elitecharakters der Partei wirken
und steigern das Selbstbewußtsein der Parteimitglieder. Die Vergehen
 von Parteimitgliedern, zu deren Verfolgung man sich entschließt,
 werden streng beurteilt, wenn sie geeignet sind, das
Ansehen der Partei zu schädigen. Ständig werden Versuche unternommen,
 die sog. Parteiethik auf einer gewissen Höhe zu halten.
Gegen luxuriösen, auffallenden Lebenswandel wird eingeschritten.
 Das Einkommen ist für die Parteimitglieder begrenzt, so daß
Fabrikdirektoren, Ingenieure usw., die zur Partei gehören, viel
weniger erhalten als bürgerliche Spezialisten. Diskussionen darüber,
 ob ein Parteimitglied das Recht habe, Gewinne staatlicher
Prämienanleihen anzunehmen, sind für diese Einstellung bezeichnend.
 Natürlich ist vielfach die Beachtung der Parteiethik eine
rein theoretische Angelegenheit. Ein großer Teil der Auschlußverfahren
 wegen ständiger Trunkenheit, Unfähigkeit, Mißbrauch
der Amtsgewalt usw. wird nur darum durchgeführt, weil auf diese
Weise die innern Parteistreitigkeiten erledigt werden können **. Die
Beschränkung im Geldeinkommen wird aufgehoben durch zahlreiche
 soziale und politische Vorrechte, durch die Möglichkeit,
billige Lebensmittel zu beziehen, Vergünstigungen in öffentlichen
        <pb n="156" />
        144 4. Teil. Die bolschewistische Partei.

Anstalten, bei der Wohnungszuweisung usw. Immerhin wird
gegen die Herausbildung einer Satrapenklasse aus Parteimitgliedern
 angekämpft, wie Prozesse gegen Parteimitglieder beweisen,
die Frauen auf Grund ihrer Stellung verführt haben usw.

Die Partei besitzt eine eigene statistische Abteilung, welche jährlich
sine Zusammenstellung: „Die WKP“ (russische Abkürzung für kommunistische
 Partei des Bundes) herausgibt. In diesen Statistiken wird besonderer
 Wert auf die Analyse der sozialen Herkunft gelegt. Nach dem
statistischen Jahrbuch der Union für 1928 (Moskau 1929) zählte die
Bundespartei nach den Ermittlungen ihrer statistischen Abteilung am
1. Oktober 1928 (ohne die Kommunisten der Roten Armee und der Rätevertretungen
 im Auslande) an Mitgliedern und Kandidaten 1360 469. Vor
dem Eintritt in die Partei waren davon Arbeiter 832177, also 61,2%;
nach dem Eintritt 570171, also 41,9%; Bauern vor dem Eintritt in die
Partei 286979, also 21,1°/o; nach dem Eintritt 169624, also 12,5°/o; Angestellte
 vor dem Eintritt 222 539, also 16,3°/o; nach dem Eintritt 443 143,
also 32,6%. Unter der Rubrik „Übrige“ werden vor dem Eintritt 18774,
also 1,4°/o; nach dem Eintritt 141095, also 10,4°% geführt; wozu noch
nach dem Eintritt 19793, also 1,4°/a jüngere Angestellte von Sowietämtern
 kommen. Diese charakteristische Statistik beweist die herrschende
Stellung der Partei im gesamten Staats- und Verwaltungsapparat. Die
Zahl der Arbeiter und Bauern nimmt nach dem Parteieintritt ab, d. h. sie
verwandeln sich in Angestellte, Geschäftsführer der Dorisowjets, Direktoren,
 Parteibeamte usw. Das geht aus der Verdoppelung der Angestellten
 und dem auffallenden Anwachsen der Rubrik „Übrige“ hervor,
in der sich wohl auch Arbeiterstudenten, sog. freie Berufe, Spezialisten
 usw. bergen 14

Die Partei ist umgeben von einer Reihe Hilfsorganisationen.
Zu ihnen kann man die Räte rechnen, die „direkten Organe der
proletarischen Diktatur“, deren Wahlen zugleich mit Feldzügen
für Gewinnung neuer Parteimitglieder verbunden sind. Zu den
Hilfsorganisationen gehören auch die Genossenschaften, die Gewerkschaften,
 die Kolchosen, die zwar nicht nur Kommunisten
als Mitglieder aufnehmen, aber genau so wie alle vom Staate
geförderten kulturellen Vereine (Bund der Gottlosen, der proletarischen
 Radiohörer usw.) unter kommunistischer Führung stehen.
Die aktiven Elemente dieser Organisationen werden nach Möglichkeit
 der Partei zugeführt. In jüngster Zeit (April 1931) ist beschlossen
 worden, nur noch Vereine zu erlauben, die mit den
Staatszielen in Übereinstimmung stehen. Die Durchführung dieses
Frlasses würde der bisher theoretisch immerhin gegebenen Möglichkeit
 ein Ende bereiten, Vereine mit individueller Zwecksetzung,
d. h. Zwecksetzung nach den Wünschen ihrer Gründer, zu bilden.
        <pb n="157" />
        Die Parteiorganisation,

145

Alle Vereine würden sich damit offen in Hilfsorganisationen der
herrschenden kommunistischen Partei verwandeln.
Besonders wichtig für die Parteientwicklung sind die Jugend-Organisationen,
 denen daher eine besondere Aufmerksamkeit seitens
der führenden Instanzen gewidmet wird. Eine Kinderorganisation
sind die sog. Pioniere (etwa bis zu fünfzehn, sechzehn Jahren) *.
Diese Organisation ist die Vorstufe für den Bund kommunistischer
Jugend (Komsomol). Die Pioniere suchen möglichst die ältere
Generation zu beeinflussen. Sie werden veranlaßt, den bolschewistischen
 Geist in die Familie hineinzutragen, dabei wird in keiner
Weise eine elterliche Autorität oder ein Vorrang der Eltern anerkannt.
 Im Gegenteil, der bolschewistische Wille der Pioniere
Keht über die Weisungen der Eltern. Wie weit es mit der Be-Schränkung
 der elterlichen Autorität bei den Kindern kommen
kann, geht daraus hervor, daß während der Schädlingsprozesse
gegen Ramsin der Sohn des Mitangeklagten Sytnin gegen seinen
Vater öffentlich die Todesstrafe in Zuschriften an Zeitungen verlangte,
 Die Pioniere werden bewußt politisch und wirtschaftlich
interessiert. Sie sollen sich bereits tätig an der Selbstkritik beteiligen.
 In ihrem Organ, der „Pionerskaija Prawda“, erscheinen
Klagen über mangelnde Schulräume, gegenrevolutionären Unterricht,
 Forderungen an das Unterrichtskommissariat. sich an den
Kongressen zu beteiligen usw,
Der Komsomol, der die Jugend bis zu etwa zwanzig, fünfundzwanzig
 Jahren erfaßt, ist die unmittelbare Vorschule für die
Partei®®, Er wird auf alle nur mögliche Weise für die wirtschaftliche
und politische Arbeit herangezogen. Er soll führend sein bei der
Agrarkollektivierung, er soll Brigaden zur Durchführung besonders
dringlicher Arbeiten bilden, er soll die Durchführung des Fünfjahresplanes
 kontrollieren, etwa durch Behebung von Transportschäden,
 durch Hinweis auf Fehlorganisationen usw. Besonders
stark wird er als Hilfstruppe für die Rote Armee herangezogen,
er soll die militärische Erziehung aller seiner Mitglieder fördern,
So daß man ihn direkt als einen Wehrverband bezeichnen kann.
Während des Bürgerkrieges hat er sich besonders lebhaft an den
Kämpfen beteiligt.
Der Komsomol umfaßt zwar nicht nur Parteimitglieder, aber
&amp;amp;r ist doch in einer steten Verbindung mit der Partei. Er besitzt
eine eigene Zeitung, aber sie hat ebensowenig wie sein Zentralkomitee
 das Recht zu einer eigenen Politik. Der Komsomol soll
nur die aktive Jugendgruppe bilden, die im Parteisinne arbeitet,
mögen auch die Versuche, ihn durch Jugendabteilungen der Partei
üurian, Der Bolschewiamus. 10
        <pb n="158" />
        146 4. Teil. Die bolschewistische Partei.

zu ersetzen, aufgegeben worden sein. Es soll gerade der Jugend
der Schein einer gewissen Selbständigkeit, einer großen Aktivität
gegeben werden. Mit besonderer Aufmerksamkeit werden alle
Versuche verfolgt und unterdrückt, den Komsomol gegen die
Generallinie der Partei auszuspielen, ihn für eine oppositionelle
Strömung zu gewinnen. Alle diese Versuche sind bisher restlos
mißglückt, von Trotzki im Jahre 1924 an bis zum sog. Rechts-Linksblock
 Syrzow-Lominadse im Jahre 1930, der an der Aufbauarbeit
 des Fünfijahresplanes schärfste Kritik übte, über Bürokratismus,
 gefälschte Statistiken klagte und Diskussionsfreiheit
in der Partei verlangte.
Die mit diesem Block Sympathisierenden, zu denen auch Mitbegründer
 des Komsomols, z. B. Tschaplin, gehörten, wurden einfach
 abgesetzt und aus den Reihen des Komsomols ausgeschlossen.
Es erging ihnen also. ebenso wie den Petersburger Führern, die
es im Jahre 1926 abgelehnt hatten, die Entscheidungen des kommunistischen
 Parteitages als richtig anzunehmen. Auch die These von
der Neutralität des Komsomols in den Parteikämpien wird verworfen.
 Der Komsomol hat die Hilfstruppe der Parteileitung bei
der Verwirklichung ihrer Pläne zu sein — weiter nichts. Sein
Aktivismus wird durch die Praxis dieser Pläne befriedigt. Der
Komsomol muß die eifrigsten Mitarbeiter am Fünfiahresplan
stellen; da darf es keine Zeit und Möglichkeit für jenen Individualismus
 geben, der über Parteientschlüsse unter Berufung auf die
junge Generation und ihre Mentalität zu diskutieren wagt.
Besonders eifrig wird auch auf die Bewahrung des Komsomols
vor sog. antiproletarischen Einflüssen gesehen. Als Träger dieser
antiproletarischen Einflüsse werden Söhne von ehemaligen reichen
Bauern, Angestellten usw. betrachtet, die vielfach aus rein äußern
Gründen in den Komsomol eintreten. Denn dadurch schaffen sie
sich Aufstiegschancen, ermöglichen sich das Studium usw. Der
Klassengegner innerhalb des Komsomols ist eine ständige Erscheinung
 in kommunistischen Zeitungen, Man darf aber nicht aus
dieser Tatsache auf einen dauernden, verborgenen Konflikt zwischen
 der Jugend und der herrschenden Partei schließen. Im
Gegenteil, gerade auf die Jugend hat der Abschluß des öffentlichen
Lebens Rußlands im bolschewistischen Sinne einen besondern
Einfluß ausgeübt. Sie kann sich eine andere Welt kaum noch
vorstellen, die bolschewistische Terminologie ist ihr selbstverständlich
 geworden, und vor allem: Ihr Aktivismus erhält durch
die zahlreichen Aufgaben des Wirtschaftsaufbaues stets neue
Betätigungsmöglichkeiten.
        <pb n="159" />
        Die Parteiorganisation.

147

Im Dienste der Partei stehen eine große Anzahl von Spezial-Schulen
 und Instituten, die gerade dem Aufstiegswillen der
Komsomol-Mitglieder besonders förderlich sein sollen. Sie ver-Mehren
 sich heute ständig, da Stalin die Parole: „Schafft kommunistische
 Spezialisten!“ ausgegeben hat. Besondere Bedeutung
haben die Schulen für die künftigen Lehrer und Spezialingenieure,
das Institut der Roten Professoren, die Kommunistische Akademie,
welche heute das gesamte geistige Leben überwachen und auf
seine Beziehung zur Praxis des Fünfjahresplanes prüfen soll. Enge
Verbindung unterhält die Partei auch mit der Roten Armee! Die
militärische Schulung soll die ganze Jugend und alle Werktätigen
Ohne Unterschied des Geschlechtes umfassen. Es gehört ia zur
bolschewistischen Beschlagnahme der Öffentlichkeit, zur Rechtfertigung
 der Gewaltherrschaft, auf die drohende Gefahr einer
ausländischen Intervention im Interesse der Bourgeoisie hinzuweisen.
 Dadurch bekommt die ganze Öffentlichkeit einen militaristischen
 Charakter, es kommt darauf an, die Errungenschaften
der Revolution durch militärische Schulung der Werktätigen zu
sichern. Die Rote Armee wird zugleich als Bildungsgelegenheit
wie als Stätte zur Erziehung von Propagandisten benützt.
Besondern Wert wird auf die politische Schulung, die sog. Politgramotnosti,
 gelegt. Diese Politgramotnosti besteht in der Kenntnis
 von Zitaten aus den Werken von Marx, Lenin und Stalin und
in der kritiklosen Übernahme der herrschenden offiziellen Terminologie,
 Mit Hilfe der Pioniere und des Komsomols, mit Hilfe aller
Erziehungseinrichtungen, die sich auch an Ältere wenden, will die
herrschende Partei neue Schichten zur Führung der Gesellschaft
heranbilden. An Stelle der alten Spezialisten sollen neue proletarische
 treten. Daher wird auf Klassen- und Parteizugehörigkeit
bei allen Bildungsanstalten so großer Wert gelegt, daher werden
nach Möglichkeit alle, die nicht in einer von bolschewistischer
Gesinnung bestimmten Umgebung aufwachsen, von ihnen ausgeschlossen
 und verdrängt. Wie rücksichtslos man dabei vorgeht,
 beweist eine Zuschrift an die „Komsomolskaija Prawda“, die
verlangt, daß man von einem Sozialtechnikum die Tochter des
wegen Sabotage und Schädigung verurteilten Ramsin entferne,
Obgleich sie sich selber keines Vergehens schuldig gemacht hat.
Die Zerstörungsaktion gegen die alten Lehranstalten durch Prüfung
 der Professoren seitens der kommunistischen Studenten über
ihre Gegenwartsnähe, ihre Stellung zum Marxismus dient dem
gleichen Zwecke, die Jugend und das der Parteimentalität, wie
angenommen wird, besonders nahestehende Proletariat, zu den
10*
        <pb n="160" />
        148 4. Teil. Die bolschewistische Partei.

Trägern der neuen Führer- und Spezialistenkaders zu machen.
Damit wird eine Losung Lenins erfüllt, welche die Diktatur des
Proletariats zugleich als eine Erziehung des Proletariats hinstellt.
Zuerst ergreift das Proletariat durch seine Partei die politische
Macht, dann zwingt es die Zwischenschicht der technischen Intelligenz,
 für seine Interessen zu arbeiten, endlich ersetzt es diese
technische Intelligenz, die aus dem Bürgertum hervorgegangen
ist, durch eine Intelligenz proletarischer Herkunft und Gesinnung
 *8,
Die Dritte Internationale kann ebenso unter die Schul- und
Propagandaorganisationen der bolschewistischen Partei gerechnet
werden wie der Komsomolbund **, Gewiß steht sie, die 1919 von
Lenin begründet wurde, theoretisch über der bolschewistischen
Partei der Sowjetunion. Aber in Wirklichkeit ist sie natürlich von
dem einzigen proletarischen Staate der Welt abhängig. Nicht nur
aus äußern Gründen, also aus Rücksicht auf die Finanzen, auf die
Zufluchtsstätte für die Agitatoren, auf den Sitz der Zentrale, sondern
 auch darum, weil die Existenz des proletarischen Staates
tatsächlich von entscheidender Bedeutung für die Weltrevolution
ist. Infolgedessen unterstützt sie alles, was diesem Staate dient,
und wird damit zum politischen Organ der jeweils die russische
Partei beherrschenden Gruppe. Versuche der Opposition, sich auf
dem Umwege über die Dritte Internationale der Macht in der
Partei zu bemächtigen, mußten jämmerlich scheitern, weil die
Parteien der Dritten Internationale von der Unterstützung durch
die Union abhängig sind und infolgedessen alle Oppositionsbestrebungen
 in den ausländischen Sektionen der kommunistischen
Internationale ebenso behandelt werden wie in der russischen.
Genau wie die russische Partei ist auch die kommunistische
Internationale von einer Reihe Hilfsorganisationen umgeben. Da
gibt es die kommunistische Jugend-Internationale, die revolutionäre
 Gewerkschaftszentrale, da hat sich aus der kommunistischen
Opposition gegen die sozialistische Führung der Freidenker-Internationale
 eine eigene revolutionäre Freidenker-Zentrale gebildet,
in welcher der Russische Bund der Gottlosen die entscheidende
Rolle spielt. Diese Organisationen, zu denen auch die Rote Hilfe und
der Verein der Freunde der Sowjetunion gehören, dienen zum Auffangen
 von Sympathien, die die Arbeiten der Dritten Internationale
erleichtern und vorbereiten; sie protestieren gegen angebliche
Verleumdungen Sowijetrußlands, sie organisieren, wie es etwa die
Gottlosen tun, Korrespondenzen zwischen russischen und ausländischen
 Proletariern, die zu Propagandazwecken dienen, sie
        <pb n="161" />
        Lenin.

149

klären über die im bolschewistischen Reich herrschenden Verhältnisse
 auf. Ihre zanze Existenz ist an die Existenz des bolschewistischen
 Staates in Rußland gebunden, man kann sie daher
als Propagandastellen des heutigen Rußland, der Sowietunion
und der sie beherrschenden bolschewistischen Partei betrachten.
Ganz einfach gesagt: die Dritte Internationale steht dadurch
im Dienste der bolschewistischen Partei der Sowjetunion, daß
sie die Weltrevolution vorbereitet. Sie sucht mit ihrer Propaganda
Gegner des einzigen proletarischen Staates der Welt, also der
bolschewistischen Parteidiktatur, zu schwächen und die bestehende
 Gesetzgebung durch Heereszersetzung, Kampf gegen die
Kirchen, durch Wirtschaftsspionage usw. zu lähmen. Die Wirksamkeit
 einer der Dritten Internationale entsprechenden Organisation,
 die etwa für religiöse Aufklärung, Bekämpfung des
Marxismus usw. eintreten würde, ist selbstverständlich in der
Sowjetunion unmöglich. Diese Wirksamkeit würde als eine Unterstützung
 der Gegenrevolution und der drohenden Intervention
kapitalistischer Mächte angesehen und abgeurteilt werden.
Die Dritte Internationale ist nicht in den Staatsapparat eingegliedert,
 und daher kann offiziell die Verantwortlichkeit der
Regierung für ihre Handlungen abgeleugnet werden. Das geschieht
 aber nur mit einer rein formal-juristischen Begründung.
In der Dritten Internationale ist nur die bolschewistische Partei,
also weder der Rat der Volkskommissare noch der Rätevollzugsausschuß,
 vertreten. Daß aber die kommunistische Partei in
Rußland Trägerin der Staatssouveränität ist, wird unter Berufung
auf die juristische Fiktion verschwiegen. Der bürgerlichen Welt
gegenüber wird ruhig der sog. „Rechtsfetischismus‘“ angewandt,
gegen den der Bolschewismus wegen seiner Verschleierung der
wirklichen Verhältnisse kämpft. Wie unwichtig in der heutigen
Sowjetunion der Rat der Volkskommissare ist, geht daraus hervor,
daß Stalin sich nicht die Mühe macht, ihm anzugehören, er begnügt
sich mit der Stellung eines Generalsekretärs der Partei; zwar
gehört er dem Bundesvollzugsausschuß der Räte an, aber er
überläßt das Präsidium in dieser angeblich souveränen Körperschaft
 Kalinin.
Lenin.

Die Charakteristik besonders wichtiger und bezeichnender
Führer der bolschewistischen Partei soll die Übersicht über den
Aufbau, die Entwicklung und die Organisation der die Sowjetunion
beherrschenden Gruppe abschließen. Lenin, der Gründer und be-
        <pb n="162" />
        150

4. Teil. Die bolschewistische Partei.

stimmende Führer der Partei, ist schon bisher sehr oft genannt
worden *, Ohne ihn ist der Bolschewismus auch in seiner heutigen
Form schlechthin undenkbar. Wenn auch entgegen seinen Wünschen
 die Zusammenarbeit von Trotzki und Stalin nicht zu erhalten
war, die er für die fähigsten Mitglieder des Zentralkomitees hielt,
so bestimmt er als Vorbild doch bis heute alle Bolschewisten.
Alle Richtungen berufen sich auf ihn, von Stalin bis Trotzki, dem
Manne der sog. Linksopposition, und Bucharin-Rykow, den Führern
der sog. Rechtsabweichung. Aber so unerschütterlich auch seine
Autorität nach dem Tode zu sein scheint, so wäre es doch falsch,
anzunehmen, daß er zu Lebzeiten die Partei als unumschränkter
Diktator regiert hätte. Immer wieder mußte er sich gegen mehr
oder minder energische Oppositionsströmungen wenden, von seiner
Rückkehr aus der Emigration bis zu den Kämpfen um die Eröffnung
 des Oktoberaufstandes, von den erregten Diskussionen
um den Frieden von Brest-Litowsk, in denen er sich nicht gleich
durchsetzte, bis zu den Streitigkeiten um die Gewerkschaften und
die neue ökonomische Politik.
Lenin als Erzieher, so ist bereits seine‘ Wirksamkeit .in der
Partei charakterisiert worden. Seine Autorität wuchs ständig, da
er in der Praxis fast immer recht bekam. Suchanow berichtet,
wie der zuerst schwankende Kamenew schließlich zugeben mußte:
„Lenin hat in seinen politischen Urteilen immer recht behalten.“
Radek pflegte diese Tatsache in seiner saloppen Art zu verkünden,
wenn er von der Unfehlbarkeit des Alten sprach. Die Eigenart
Lenins besteht in der eigenartigen Verbindung eines streng theoretisch-doktrinären
 Denkens mit einer sehr geschickten, biegsamen
Taktik und Propaganda. Er vermochte es, seinen Ideen eine Form
zu geben, die den Massen verständlich war. Dabei konnte er mit
der Verkündigung seiner eigentlichen Ziele außerordentlich zurückhaltend
 sein.
Als er, 1917 nach Rußland zurückgekehrt, bemerkt hatte, daß
die Zeit noch nicht gekommen war, um offen seine Ablehnung der
Souveränität der Nationalversammlung und seine Kriegsfeindschaft
auszusprechen, verstand er es sehr geschickt, seine Massenpropaganda
 umzuformen. Er wußte, wenn es notwendig war, sich
der Parteidisziplin zu fügen. Er verzichtete im April 1917 auf die
Umbenennung der Partei — sie sollte sich nach ihm aus der
sozialdemokratischen in eine kommunistische verwandeln —, er
folgte 1918 dem Wunsche der Majorität, die Verhandlungen von
Brest-Litowsk nach Trotzkis Vorschlag ohne Annahme der deutschen
 Friedensbedingungen mit der Formel: „Weder Krieg noch
        <pb n="163" />
        Lenin.

151

Frieden“ abzuschließen; denn er wußte, daß er sich doch auf die
Dauer durchsetzen würde. Die Partei nannte sich tatsächlich 1918
seinem Vorschlag entsprechend um, und es trat die Notwendigkeit
ein, den deutschen Vormarsch durch Annahme der zuerst verworfenen,
 jetzt noch, wie Lenin vorausgesehen hatte, verschärften
Friedensbedingungen aufzuhalten.
Ganz falsch wäre es also, Lenin als einen Fanatiker anzusehen,
der sofort seinen Willen durchsetzen will und bedingungslose Annahme
 seiner Vorschläge erwartet. Im Gegenteil, Lenin liebt die
sachliche Diskussion. Er will seine Entscheidung nicht aufzwingen,
sondern aus sachlichen Erwägungen heraus annnehmen lassen.
Berühmt sind seine Zettel mit kurzen Anfragen, Projekten, Kritiken.
 Aber diese Biegsamkeit hat ihre Grenzen. Lenin ist Taktiker
und Erzieher nur innerhalb einer ganz bestimmten Doktrin. Der
Marxismus und die Deutung, die er ihm gibt, sind für ihn selbstverständliche
 Grundlagen seines ganzen Denkens und Handelns.
Es geht ihm nur darum, Erfahrungen zu sammeln, zu lernen.
Die Taktik, die Biegsamkeit ist nur eine Angelegenheit der Methode,
 sie führt nicht zu einer grundsätzlichen Änderung. Schon
die Vorstellung eines neuen Glaubens, einer Abkehr vom Marxismus
 ist für Lenin ganz unmöglich,
Der Leninsche Marxismus — das muß bereits in dieser psychologischen
 Charakteristik bemerkt werden — trägt ganz besondere
Züge, Für ihn ist der politische Machtwille charakteristisch. Lenin
will sich nicht nur auf die objektiv notwendige Entwicklung zum
Sozialismus verlassen. Er betont die Wichtigkeit des Handelns,
der straffen Organisation für die marxistische Partei. Er hebt
die entscheidende Bedeutung der Staatsmacht als Geburtshelferin
der sozialistischen Gesellschaft hervor. Er lehnt alle revolutionären
 Phrasen ab. Die Zweite Internationale ist ihm verhaßt
wegen des Zwiespaltes zwischen ihrem Reden und Handeln.
Lenin will seine Doktrin verwirklichen; es ist für ihn selbstverständlich,
 daß sie zum Verändern der Wirklichkeit zwingt
und treibt. Wie das im einzelnen geschehen soll, darüber ist er
sich unklar. „Es ist viel besser, aus Revolutionen zu lernen, als
über sie zu schreiben“, bemerkt er, als er nach der Machtergreifung
 die vorher verfaßte Schrift „Staat und Revolution“ herausgibt.
 Lernen und noch einmal lernen, ist seine Losung während
seiner ganzen Regierungszeit. Man soll verwalten lernen, Menschen
 behandeln und auswählen lernen, man Soll sich nicht mit
schönen Phrasen und nichtssagenden Schlagworten begnügen.
Sozialismus ist Rechenschaftsablegung, erklärt er. Er will sach-
        <pb n="164" />
        152 4. Teil. Die bolschewistische Partei.

kundige Spezialisten schaffen, er will kein Gefolge aus Revolutionshelden
 ohne Kenntnisse um sich haben.
Dieses Lernen der Gesellschafts- und Wirtschaftspraxis soll
eine ganz bestimmte Klasse beeinflussen, sie zur Führerin der
neuen Gesellschaft machen, — nämlich das Proletariat. Daß
das Proletariat die berufene Klasse ist, war für den Marxisten
Lenin ebenso selbstverständlich wie das Recht seiner Partei zur
Herrschaft. Der Glaube an das Proletariat bestimmte seine ganzen
politischen und wirtschaftlichen Versuche. Die neue Gesellschaft
kann nicht sofort glatt arbeiten, sie entsteht unter {f{urchtbaren
äußern Verhältnissen, sie kommt nicht von selber, sie ist nicht
sofort da in aller Vollkommenheit. Das hat er immer wieder
betont. Mag sein, daß er vielfach, besonders beim Beginne seiner
Herrschaft, die Schwierigkeiten der sog. Übergangsperiode zu
gering eingeschätzt hat, aber er hat sie doch stets gesehen und
später immer mehr hervorgehoben. Hat er darum den Glauben an
das sozialistische Endziel aufgegeben? Wurde für ihn der marxistische
 Glaube allmählich zu einer reinen Ideologie, d. h. zur
Rechtfertigung seiner eigenen Herrschaft und Macht? Nichts
spricht für diese Entwicklung. Es trat nur infolge der Berührung
mit der Praxis für ihn die Notwendigkeit der Erfahrung und Erziehung
 immer mehr hervor. Er lernt selber während der Experimente.

In diesem Betonen der Einheit von Theorie und Praxis, die eine
unendliche Fülle von Möglichkeiten zu dialektischen Selbstrechtfertigungen
 gibt, zeigt sich vielleicht am deutlichsten Lenins
menschliche Unmenschlichkeit. Er ist durchaus unmenschlich im
Glauben an seine Doktrin, an das Kommen der sozialistischen
Gesellschaft, an das Recht einer Partei, dieses Kommen mit
allen Mitteln zu fördern, an die Berufung des Proletariats, die
neue Gesellschaft zu schaffen, also während der Übergangszeit
zu herrschen. Es gibt da für ihn keine Rücksichten auf Ethik,
auf Menschlichkeit. Er hat nichts dagegen, daß die Bourgeoisie
durch Erschießungen und erniedrigende Arbeiten (Klosettreinigen)
zur Mitarbeit getrieben wird, er betrachtet den Terror als ein
nur nach Zweckmäßigkeitsgründen zu benützendes politisches
Instrument. Alle Freundschaften, persönlichen Rücksichten, Sympathien
 hören für ihn auf, wenn es sich um die Sache handelt.
Er ist darin von einer unbarmherzigen Härte, aber diese Härte ist
zugleich von einer so ungebrochenen sachlichen EFindeutigkeit getragen,
 daß sie menschlich wirkt.
Es finden sich bei ihm gelegentliche Äußerungen, die von einem
        <pb n="165" />
        Lenin,

153

geradezu naiven Vertrauen auf den Klasseninstinkt zeugen, Erzählungen
 aus dem Alltag, die von einer wirklichen Liebe zu
den Massen sprechen. Er ist durchaus selbstlos in allem, was
ihn selber betrifft, Völlig uneitel sieht er es aus rein sachlichen
Gründen als selbstverständlich an, daß ihm und seiner Partei als
Trägern der sozialistischen Gesellschaft die Herrschaft zukommt.
Er beruft sich nicht auf irgend eine Sendung, sondern einfach auf
die Sache. Er verschwindet ganz hinter ihr, und gerade darin
liegt die Eigenart seiner Persönlichkeit. Auch seine Leidenschaften
Werden von ihr regiert. Er haßt nicht den einzelnen Bürger, sondern
 das Bürgertum, nicht den einzelnen Menschewisten, sondern
den Menschewismus. Um so intensiver und rücksichtsloser ist
sein Haß. Denn als Träger der weltgeschichtlichen Entwicklung
zur Gerechtigkeit hat er die Verpflichtung, alles, was sich ihr
entgegenstellt, mit allen Mitteln zu bekämpfen.
Gerade dieser absolute Glaube an den Marxismus ist das
Menschliche an Lenin. Denn er ist durch sein Wurzeln in der
russischen Tradition bedingt. Er wird dadurch ein typischer russischer
 Intellektueller, der fanatisch seine politisch-sozialen Ansichten
 als die zur Rettung der Welt notwendige, das Reich der
Gerechtigkeit bringende Religion ansieht. Lenin ändert sich nicht,
als er aus dem aszetischen Leben der Emigrationsiahre zur politischen
 Macht emporsteigt. Nur seine Biegsamkeit wird durch
die Notwendigkeiten der Praxis verstärkt. Vorher galt es ia,
die orthodoxe Doktrin, das feste Gefolge zu sichern, jetzt kam
die so lange vermißte, bisher nur in der Diskussion und Parteiorganisation
 sich zeigende Praxis zur Theorie. Durch dieses Betonen
 der Praxis sondert er sich von den russischen Intellektuellen
ab, ist er der Mann, der sie mit den Männern des Revolutionsalltags
 zusammenbringen und zu einer Gruppe zusammenschweißen
kann. Dieses Betonen der Praxis unterstreicht seine menschlichen
Züge. Es verleiht seiner ganzen Erscheinung fast etwas Hausbackenes,
 Spießbürgerliches. Er liebt es, sich auf den gesunden
Menschenverstand zu berufen, sich über schöne Deklamationen und
effektvolle Phrasen lustig zu machen. Diese Züge Lenins haben
für seine Wirkung als Massenvorbild eine entscheidende Bedeutung
erhalten. Er ist nicht nur der Träger der wahren Doktrin, er ist
der Mann der Tat, des Alltags. Unter Berufung auf ihn wird in
der Sowjetunion der Praktiker erzogen, der es nicht lieben soll,
viel zu reden und zu diskutieren — wie der russische Intellektuelle
 —, der nicht faul und träge ist, sondern der die Arbeit
schätzt, dem es darauf ankommt, die wirtschaftlichen Aufgaben
        <pb n="166" />
        154

4. Teil. Die bolschewistische Partei.

zu bewältigen, gut zu verwalten, zu organisieren. Diesen Menschen
 hat Lenin als den Menschen des Sozialismus gepriesen und
gepredigt — er erhält bei seinen Jüngern einen noch primitiveren
Charakter als beim Meister. Vor allem fehlt ihm die Größe und
Genialität der Persönlichkeit Lenins, bei dem die Predigt der
Praxis immerhin als bewußte Selbstdisziplinierung entstanden war,
nicht als Folge äußerer Beschränkung des Horizontes und mangelnder
 Lebens- und Bildungserfahrungen,
Es ist nicht ganz einfach, die biographischen Hintergründe für
die Verbindung des Sachlichkeitsfanatismus mit einer amoralischunmenschlichen
 Herrschaftsmethode bei Lenin festzustellen. Sein
Leben ist durchaus frei von besondern romantischen Ereignissen.
Sofort nach Abschluß des Studiums wird der Sohn des Schulinspektors
 Berufsrevolutionär als einer der ersten Mitarbeiter an
den marxistischen Arbeitszirkeln in Petersburg; nach der üblichen
Verbannung in Sibirien lebt er als Emigrant im Ausland. Nur
während der Revolution 1905/06 kehrt er illegal nach Rußland
zurück. Die zweite Heimkehr 1917 ist die Vorbereitung zur Machtergreifung.
 Während dieser Emigrationsiahre leitet er tatsächlich
die unter seinem Einfluß 1903 entstandene Partei — er ist ihr
einziger Kopf, da Intellektuelle im allgemeinen seine Diktatur
und seine Unduldsamkeit nicht lange ertragen. Seine erbitterten
gehässigen Polemiken sind ebenso berühmt wie sein scheinbar so
unpraktischer Radikalismus. Erst nach 1917 zeigen sich seine
Fähigkeiten als politischer Führer größten Stils, die ihn nicht mehr
als das praktisch unwichtige Haupt einer marxistischen Sekte
erscheinen lassen. Er ist glücklich verheiratet, liebenswürdigmenschlich
 im Verkehr mit Freunden, sehr bescheiden, fremd allem
revolutionären äußern Auftreten. Auch als Vorsitzender des Rates
der Volkskommissare hat er für die von Lunatscharski, dem
Bildungskommissar, geförderte neue Kunst kein Verständnis gehabt.
 Fr liebte Zola und Jack London. Er hätte gut ein Professor
werden können. Miliukow, der Kadettenführer, hat bekannt, daß
Lenin auf ihn den Eindruck eines seine Thesen hartnäckig verteidigenden
 Gelehrten gemacht habe.
Zwei Freignisse sind immerhin geeignet, eine Erklärung für
den Fanatismus und Amoralismus seiner politischen Tätigkeit zu
geben. Das erste ist die Hinrichtung seines älteren Bruders, der
sich an einer Verschwörung gegen Alexander III. beteiligt hatte **,
Lenin hat bekannt, welchen starken Eindruck das Verhalten der
bürgerlichen Umgebung auf ihn machte. Sie zog sich von seiner
Familie zurück — man wollte sich ja nicht Unannehmlichkeiten
        <pb n="167" />
        Stalin und Trotzki,

155

aussetzen, sich verdächtig machen. Das hat Lenins Urteil über das
Bürgertum bestimmt. Es erschien ihm als eine Gesellschaft von
Feiglingen, die ihre Grausamkeit hinter schönen Phrasen und
Deklamationen verbergen. Diese Überzeugung von der sich nur
menschlich gebenden Unmenschlichkeit schwingt hinter allen
Attacken Lenins auf die Bourgeoisie und ihre Lakaien, die Menschewisten,
 Sozialdemokraten usw. Sie meinen gar nicht Freiheit und
Gerechtigkeit, wenn sie sich auf sie berufen. Diese Berufung ist
nur Verschleierung der wahren Wirklichkeit, des brutalen Egoismus.
Das zweite Ereignis ist die Enttäuschung über die erste Begeghung
 mit Plechanow, die stattfand, als Lenin aus Sibirien zum
ersten Male ins Ausland kam??. Plechanow, der erste bedeutende
Theoretiker des russischen Marxismus, erschien dem jungen Agitator
 und Literaten als eine Art Halbgott. Und nun erwies er sich
bei der ersten Begegnung als ein eitler Intrigant, der sich mit dem
jungen Besucher und seinem Begleiter — dem späteren Menschewisten
 Potressow — über die herauszugebende Zeitschrift nicht
einigen konnte, der unehrlich war, diplomatische Kniffe anwandte.
Lenins ideale Welt brach zusammen, wie er in Briefen aus der
damaligen Zeit bekennt. Er erkannte die Notwendigkeit sachlich-Unmenschlichen
 Verhaltens. Dieses Verhalten hat später seine
ganze Stellung in den Parteikämpfen bestimmt. Die Parteikämpfe
wiederum wurden für seine Politik des Hasses und der Gewalt
gegen alle Gegner während seiner Regierungszeit vorbildlich. Es
gibt für Lenin außer der zur Erreichung der klassenlosen gerechten
Gesellschaft notwendigen brutalen Welt der politischen und wirtschaftlichen
 Tatsachen keine andere Wirklichkeit mehr. Die Predigt
 des Marxismus gegen alle Idealismen, welche den Menschen
von den einzigen Wirklichkeiten, der Wirtschaft und Gesellschaft,
ablenken, ist für ihn zur Lebensmacht geworden. Er nimmt sie
nicht nur theoretisch an — sein Leben und Handeln wird von ihr
bestimmt. In der Leidenschaft seiner Abkehr von allem Transzendenten
 zeigt sich sein Idealismus, die Tatsache, daß für ihn der
Marxismus zur Religion, zu etwas Absolutem geworden ist.

Stalin und Trotzki.

Stalin, der heute als der treueste Jünger Lenins bezeichnet wird
und ebenso wie Lenin die faktische Führung der Bolschewistenpartei
 besitzt, hat als Mensch nur sehr wenig Ähnlichkeit mit
seinem Meister *. Er ist Georgier, während Lenin Großrusse war,
wie es scheint, mit stark mongolischem Einschlag. Zwar hat er
        <pb n="168" />
        156

4. Teil. Die bolschewistische Partei.

einige Schulbildung genossen, da er Priester werden sollte. Aber
man kann nicht das georgische Seminar, das er besuchte, als
eine Bildungsanstalt ansehen, Bereits früh verließ er es, durch
marxistische Agitationsbroschüren für die Revolution gewonnen.
Von einer sorgfältigen, theoretischen Durchbildung kann bei Stalin
im Gegensatz zu Lenin keine Rede sein. Um so mehr ist er als
Revolutionspraktiker und straffer Organisator hervorgetreten. Er
organisierte‘ die tollkühnen Expropriationen, die zur Füllung der
bolschewistischen Parteikasse notwendig waren. Immer wieder
wurde er nach Sibirien verschickt, um immer wieder aus der
Verbannung zur revolutionären Agitation zurückzukehren. Emigrant
 ist Stalin nie gewesen, da er Rußland nur für kurze Zeit
verlassen hat, um Parteikongresse zu besuchen. Eine Schrift von
ihm über die Nationalitätenfrage soll — wie Gegner mit einiger
Wahrscheinlichkeit behaupten — von Lenin diktiert sein. Nach
der Oktoberrevolution stand Stalin zuerst im Hintergrund — er
war trotz einiger Schwankungen im allgemeinen ein treuer Gefolgsmann
 Lenins, ohne weiter hervorzutreten. Als Nationalitätenkommissar
 sorgte er für den Abbau der großrussischen Vorherrschaft.
 Als Mitglied des revolutionären Kriegsrates scheint er in
einer gewissen Opposition gegen Trotzki gestanden zu haben.
Ob die ihm heute zugeschriebenen militärischen Verdienste wirklich
 so groß sind, wie seine Lobredner behaupten, kann nicht entschieden
 werden. Seine Macht stieg, als er 1921 Generalsekretär
der Partei wurde. Er verstand zunächst im Bündnis mit Sinowiew-Kamenew
 Trotzki auszuschalten, um dann, als seine Macht gefestigt
 war, auch die mit Trotzki zum Oppositionsblock vereinigten
Kamenew-Sinowiew zu erledigen. Der Kampf gegen alle gefährlichen
Gegner wurde durch die Erledigung der Rechtsopposition Bucharin-Rykow
 1929/30 fortgesetzt. Heute ist Stalin der unumschränkte
Parteiführer, dessen besondere Stellung offen anerkannt wird.
Im Unterschiede zu Lenin liebt er keine sachlichen Auseinandersetzungen.
 Als schlauer Taktiker duldet er nach der Sicherung
seiner Machtposition keine gefährlichen Genossen um sich. Rein
praktisch eingestellt, hat er nirgendwo originelle Ideen entwickelt.
Er führt Lenins Erziehungsarbeit zur Praxis, zur wirtschaftlichorganisatorischen
 Tätigkeit energisch fort, die Theorie als bequemes
 Schema benützend. Er ist die reinste Verkörperung des
Revolutionspraktikers aus der Zeit vor der Machtergreifung —
von seinen Genossen Enukidse, Ordschonikidse, Bubnow usw.
zeichnet er sich nur durch größere Energie, Rücksichtslosigkeit
und taktische Raffiniertheit aus. Er ist ein typischer Vertreter
        <pb n="169" />
        Stalin und Trotzkli. 157

jener Klasse alter Bolschewisten, über deren Beschränktheit auch
Lenin geklagt hat, die aber durch die Erfahrungen der. Macht mit
dem Selbstgefühl und Selbstbewußtsein einer aufsteigenden Schicht
sich zu guten Organisatoren und Taktikern entwickelt haben,
Im Unterschiede zu Lenin, der ein Gelehrter hätte sein können,
besitzt er keine geistigen Interessen. Der Bolschewismus ist für
ihn etwas völlig Selbstverständliches — da sein ganzes Leben
durch ihn bestimmt worden ist. Die raffinierte Taktik und das
Entwickeln diplomatischer Fähigkeiten während der Parteidiskus-Sionen
 ist mit einer Grobheit verbunden, die auch vor Lenin selber
nicht haltgemacht hat.
Stalins Gegenspieler in der Partei ist Trotzki”. Ein typischer
Revolutionsliterat, dem es sehr stark auf äußere Effekte ankommt,
der sich nicht, wie Stalin, einfach mit der Machtausübung begnügen
könnte. Den alten Bolschewisten erscheint er als typischer Vertreter
 eines Emigrantentums, das sich im Grunde genommen vor
der lästigen Alltags- und Organisationsarbeit gedrückt hat. Der
Phraseur, der Revolutionsheld — das ist die Charakteristik, die ihm
in diesen Kreisen gegeben wird. Im Unterschiede zu Lenin ist er moralisch
 eine sehr problematische Figur. Die Eitelkeit läßt oft schwer
entscheiden, ob er wirklich der Sache oder der eigenen Person dient.
Vielseitig interessiert, liebt er über die verschiedensten Themen
zu schreiben. Der Kriegskommissar veröffentlicht literargeschichtliche
 Studien. Fin zündender Redner, der in kritischen Augenblicken,
 wie seine Rolle während des Oktoberaufstandes beweist,
unentbehrlich ist. Lenin hat seine organisatorischen, die Umgebung
elektrisierenden Fähigkeiten während des Aufbaues der Roten
Armee anerkannt. Doch fehlt ihm die einheitliche Linie, die Sicherheit,
 die Stalin auszeichnet. Er hat mehr Einfälle als Ausdauer.
Widerspruch erträgt er nicht, wie seine Neigung zu offener Mitarbeitsverweigerung
 — z. B. an einer Kommission während des
sog. Gewerkschaftsstreikes — beweist. Die wohl unbewußte Überschätzung
 seiner persönlichen Bedeutung läßt ihn die Wichtigkeit
der Organisationstechnik im Alltag, die Stalin so meisterhaft handhabt,
 unterschätzen. Auch sein Anhänger Eastman hat betont, daß
er es nicht verstanden habe, um sich zuverlässige Mitarbeiter zu
£Truppieren.
So wird er von Stalin allmählich isoliert, zumal er sich — bei
allen Anläufen zur Machtergreifung in der Partei — doch nicht
zu einem Bruche der Disziplin entschließen konnte. Die Koalition
mit den andern, von Stalin zurückgedrängten Führern Kamenew,
Sinowjew, Radek, Preobraschenski, Smilga usw. kommt zu spät.
        <pb n="170" />
        158

4. Teil. Die bolschewistische Partei.

Die „bedeutenden“ Führer dringen nicht mehr in die Öffentlichkeit
 — der Apparat ist ihnen überlegen. Nach ihrer Erledigung
durch Parteiausschluß und Verbannung setzt Stalin die Isolierung
Trotzkis fort. Nach Kamenew-Sinowiew verlassen ihn allmählich
fast alle andern wichtigen Vertreter der Opposition. Denn Stalin
führt tatsächlich durch die Industrialisierung und Kollektivierung
bedeutende Teile des Trotzkischen Programms durch. Der ins
Ausland verschickte Trotzki ist seitdem nur noch eine Größe aus
der Vergangenheit, in der Gegenwart ohne Macht, mindestens so
lange, als es Stalin gelingt, sich in der Organisation zu behaupten.
Aber ob selbst ein Sturz Stalins für Trotzki günstig wäre, ist zu
bezweifeln — denn er hat zu viele persönliche Gegner und kein
zuverlässiges Gefolge.
Es hat Trotzki sehr geschadet, daß er, im Unterschiede zu
Stalin, kein alter Bolschewist ist, sondern erst im Juli 1917 Parteimitglied
 wurde. Bis dahin nahm er eine Stellung zwischen den
Bolschewisten und Menschewisten ein. Dem revolutionären Marxismus
 näherte er sich durch die Theorie der sog. permanenten
Revolution, die verlangte, daß das Proletariat die diktatorische
Erziehung des Bauernlandes zum Sozialismus übernehme. Den
Menschewisten stand er nahe durch seine Ablehnung der bolschewistischen
 Organisationsprinzipien. Lenin führte gegen ihn die
egrbittertsten Polemiken; Stalin hat diese Polemiken gegen seinen
Rivalen ausgenützt, mochte dieser sich auch jetzt als orthodoxer
Leninjünger bekennen. Es ist unstreitig, daß seine Forderungen
nach einer innern Parteidemokratie bei konsequenter Durchführung
 zum Sturze des Bolschewismus geführt hätten. Die Einheit
der Partei wäre gesprengt worden — und es war praktisch unmöglich,
 wie Trotzki es verlangte, zuerst offen zu diskutieren, und
dann die Entscheidung mit eiserner Disziplin durchzuführen. Aber
man kann annehmen, daß Trotzki diese offene Diskussion nur
verlangte, weil nicht er die Macht in der Organisation besaß. Denn
er hat sich vielfach gerade als Mann des Terrors erwiesen. Im
Unterschiede zu Lenin und Stalin ist Trotzki eine sog. „interessante
 Individualität“ — aber gerade das hindert ihn, als Vorbild
für einen zur Alltagsarbeit bestimmten Typ zu wirken.

Die andern Führer.

Neben Lenin, Stalin und Trotzki verdient Dscherschinski, der
erste langjährige Leiter der Tscheka und GPU, eine besondere
Charakteristik. Er ist der idealistische und darum um so rück-
        <pb n="171" />
        Die andern Führer, 159

Sichtslosere Revolutionsfanatiker. Seine persönliche Reinheit und
Ehrlichkeit sind ebenso unbestritten wie seine schrankenlose, nur
durch Zweckmäßigkeitsgründe politischer Art bestimmte, objektive
Grausamkeit. Er war ein Intellektueller aus polnischem Adel —
auch sein Nachfolger Menschinski ist dieser Herkunft —, der sich
restlos der bolschewistischen Partei und Revolution ergeben hatte.
An ihm zeigt sich vielleicht am klarsten die unmenschlich machende
Wirkung einer mit absoluten Ansprüchen auftretenden sozialen
Doktrin. Im Namen der Revolution wurde er zum Henker von
Tausenden, mochte er auch im persönlichen Verkehr alles andere
als ein brutaler Machtmensch sein. Es ist schwer zu entscheiden,
ob die oft gehörte Behauptung von einer pathologischen Verirrung
Tichtig ist oder nicht. Aber sie berührte jedenfalls nicht sein
Urteils- und Handelsvermögen. Der Glaube an die Revolution war es,
der ihn alle Humanität vergessen ließ, der ihm die Entschlußkraft
zu Massenmorden — wie man die Hinrichtung aller nur möglicher
Politischer und sozialer Gegner bezeichnen kann — einflößte.
Das Zeugnis persönlicher Lauterkeit kann man Sinowjew und
Kamenew nicht ausstellen. Sie sind Intellektuelle jüdischer Ab-Stammung.
 Wie ihr Widerstand gegen das Wagnis der Oktoberrevolution
 und des Kampfes gegen die nichtbolschewistischen
Sozialisten bewies, schlossen sie sich erst dem Regime der Diktatur
an, als es gesiegt hatte. Beide zeichnen sich durch einen Mangel an
Dersönlichem Mut aus, wie auch ihr Verhalten gegenüber Trotzki
gezeigt hat. Sie kämpften erst mit Stalin gegen Trotzki, um sich
dann nach ihrer Ausschaltung aus der Parteiführung zusammen
mit dem vorher so energisch Bekämpften gegen Stalin zu wenden.
Das hinderte sie aber nicht, ihn wiederum als die ersten nach
seiner Niederlage zu verlassen. Kamenew erscheint nach den
Aufzeichnungen von Suchanow als ein charakterloser, weicher
Durchschnittsmensch, der nicht den Mut besitzt, einem energischen
 Willen sich entgegenzustellen. Sinowjews ganzes Wirken
ist von einem persönlichen Machtbewußtsein bestimmt. Es ist
bezeichnend, daß der Kampf gegen sie, die an der Spitze der
Petersburger und Moskauer Sowiets standen, mit der Losung:
„Gegen die Satrapenwirtschaft in der Partei“, geführt wurde.
Der früher vielgenannte Bildungskommissar Lunatscharski ist
ein radikaler Intellektueller, der sich nur zufällig in den Bolsche-Wismus
 verirrt hat. Daß ihn Stalin von seinem Posten entfernt
hat, hängt mit der Wendung zum Wirtschaftlich-Praktischen
Zusammen. Da war keine Zeit mehr für die ästhetischen Experimente
 Lunatscharskis; da glaubte man auf die Sympathien der
        <pb n="172" />
        160 4. Teil. Die bolschewistische Partei.

internationalen Boheme verzichten zu können, auf die Lunatscharski
 mit seiner Begeisterung für alle neue Kunst und seinen
kühnen Proiekten großen Eindruck gemacht hatte. Tschitscherin,
der langjährige Außenkommissar, ist wie Ossinski (Obolenski) ein
Mann aus altem Adel, der sich, von der revolutionären Intelligenz
begeistert, dem revolutionären Marxismus angeschlossen hatte.
Wie Krassin gehört er zu jenen alten Bolschewisten, die in der
Zeit nach der Oktoberrevolution vor allem als Fachmänner hervorgetreten
 sind, aus deren Tätigkeit keine besondere Anhänglichkeit
an die Doktrin zu erkennen ist.
Ähnliches gilt von den Männern der Rechtsopposition, vor allem
ihren Führern Tomski und Rykow. Beide erscheinen als Praktiker,
die gern auf die Durchführung der radikalen Projekte verzichten
würden, um die Lebenshaltung des russischen Volkes zu verbessern.
 Es ist daher verständlich, daß der Gewerkschaftler
Tomski des sozialdemokratischen Revisionismus und Rykow der
Kulakenfreundlichkeit beschuldigt wird.
Fine Sonderstellung nimmt in der Rechtsopposition Bucharin ?®
ein, der sich vom Linkskommunismus zum Verkünder einer stärkeren
 Rücksicht den Bauern gegenüber, eines langsameren Industrialisierungstempos
 umentwickelt hat. Lenin hat ihn gelegentlich
als einen Mann bezeichnet, dem man bei allen seinen verschiedenen
Ansichten nicht böse sein könne. Er meinte auch, daß ihm trotz
seines ökonomischen Wissens die strenge Kenntnis der materia-Jistischen
 Dialektik, der Grundlage des Marxismus, fehle. Trotzki
hat ihn in seinen Erinnerungen als einen Mann ironisiert, der sich
immer an jemanden anschließen müsse. Er ist ein typischer russischer
 Intellektueller, der zu schreiben liebt, der zu dialektischen
Spielereien neigt, die er — wie Lenin kritisch feststellt — mit einer
komplizierten wissenschaftlichen Terminologie zu umkleiden pflegt.
Fine Zeit lang diente er Stalin als Theoretiker, um nach dem
Beginne der radikalen Industrialisierung und Kollektivierung aus
der politischen Führung völlig verdrängt zu werden,
Radek, der heute nach seiner Trennung vom Oppositionsblock
wieder als Auslandspropagandist und Journalist verwendet wird, ist
der Typus des „internationalen Bolschewisten“, wie er der populären
Vorstellung entspricht. Zynisch, sehr intelligent, nihilistisch, erscheint
 er als der ewige revolutionäre Agitator, der an der Zerstörung
der bestehenden bürgerlichen Welt das größte Interesse hat.
Hat es Sinn, die verschiedenen neuen Männer, die an Stelle
Trotzkis, Rykows, Kamenews, Sinowjews usw. getreten sind, zu
charakterisieren? Für sie ist die völlige Ungeistigkeit bezeichnend
        <pb n="173" />
        Die andern Führer.

161

und ihr Gegensatz zum Typus des revolutionären Intellektuellen,
wie ihn in verschiedener Prägung Trotzki und Radek vertreten.
Sie sind auch keine Revolutionsfanatiker völlig selbstloser Art
wie Dscherschinski. Man kann sie durchweg mit ihrer Herkunft
aus der Revolutionspraxis oder aus proletarischen Kreisen, die
durch den Bolschewismus in Bewegung gebracht wurden, charakterisieren.
 Sie sind viel zu unproblematisch, um das Wagnis einer
Abkehr von Lenins bei der Gründung des Regimes so erfolgreichen
 Doktrinen auf sich zu nehmen. Sie sehen den Bolsche-Wismus
 als etwas Selbstverständliches an, da er ihren Aufstieg
Srmöglicht hat. Sie sind zu nüchtern, um sich von Literatur und
intellektuellen Konstruktionen beeinflussen zu lassen. Trotzki hat
sie als Bürokraten gehaßt — aber sie haben über ihn gesiegt. Sie
haben nicht die geringste Beziehung zur Kultur, außer zur Technik,
zur Hygiene usw. Sie verachten die Bildung, da sie nur politische
und wirtschaftliche Machtfragen interessieren. Ihr Fanatismus ist
nur Ausdruck ihrer politischen und wirtschaftlichen Sachlichkeit —
da ist nichts von jenem Idealismus zu spüren, dem Willen, dem
Volke zu helfen, wie er sich noch etwa bei Lenin und einigen
intellektuellen, nicht im Parteigetriebe aufgegangenen alten Bol-Schewisten
 hinter aller Sachlichkeit verbirgt. Ob man Woroschilow,
den Großrussen und heutigen Kriegskommissar, oder Tschubar,
den Ukrainer und Vorsitzenden des ukrainischen Rates der Volkskommissare,
 oder Ordschonikidse, den Georgier und Leiter des
Volkswirtschaftsrates, vor sich hat — bei allen individuellen
Verschiedenheiten ist ihnen die Zugehörigkeit zu diesem Typ
Zemeinsam. Nur graduell unterscheiden sie sich. von Stalin — die
Zeiten sind vorbei, da die bolschewistische Partei unter Lenin von
tiner Auslese ganz verschiedener Typen geführt wurde **.
Heute herrscht der Alltags- und Organisationspraktiker, neben
dem hin und wieder mehr oder minder streberische, unlautere
Intellektuelle, Sinowjews in Miniaturformat, wie der heutige Außen-Kommissar
 Litwinow, auftauchen, Die Periode neuer Entwicklungen
 ist für den Bolschewismus abgeschlossen. Nicht zufällig
bezeichnet sich Stalin als der beste und treueste Jünger Lenins.
Die Vorherrschaft der Fpigonen Lenins zeigt sich auch in dem Typ
der Führer, die heute an der Spitze der Partei stehen und die
verschiedenen Wirtschafts- und Staatsposten bekleiden.

Öurlan, Der Bolschewismus.

1
        <pb n="174" />
        FÜNFTER TEIL.

Die bolschewistische Doktrin.

Die Wichtigkeit der theoretischen Grundlage.
Es wäre durchaus falsch, zu glauben, daß das Emporkommen
des Arbeiterbolschewisten und des Mannes der Praxis in der
Parteiführung eine Abkehr von der Doktrin herbeigeführt hätte.
Im Gegenteil: mit dieser Menschenauslese ist ein starres Festhalten
 am Buchstaben der Lehre verbunden. Gewiß, einige Thesen
der Doktrin wirken nur noch als Zukunftsversprechen, deren Einlösung
 immer mehr und mehr hinausgeschoben wird, während
andere immer stärker in den Vordergrund treten — aber das
ändert nichts an den Grundlagen des Glaubens. Der Leninismus
ist bis heute unerschüttert. Er bestimmt die Partei und damit die
ganze Öffentlichkeit in der von ihr beherrschten Sowjetunion.
Ohne seine Thesen, seine Grundeinstellung hätte sich die Partei
nicht so entwickeln können, wie sie sich entwickelt hat. Wirklich
nicht zufällig bezeichnet sich Stalin als den treuesten Jünger
Lenins. Auch die Meinungsverschiedenheiten mit der Opposition
können nicht als eine Sprengung des Leninismus angesehen werden,
mögen sie auch gewisse Grunddogmen über das praktische Verhalten
 in der Gegenwart, das Verhältnis zur Weltrevolution, die
Stellung zum sozialistischen Aufbau in einem Lande betreffen.
Es hieße den Bolschewismus gewaltig unterschätzen, seine Gefahr
als Welterscheinung und Träger der Weltrevolution zu gering
anschlagen, wenn man seine Berufung auf Marx und die im Gefolge
 von Marx durch Lenin entwickelten Theorien und Methoden
einfach als Herrschaftsideologien, an die er nicht mehr glaubt,
einschätzen würde. Mit Recht hat Dobb, der Verfasser der Wirtschaftsgeschichte
 Rußlands seit dem Jahre 1917, vor der Anschauung
 gewarnt, nach der die Bolschewisten bald nach ihrer
Machtergreifung den utopischen Charakter ihrer Doktrinen erkannt
hätten. Die Ansicht ist ein Irrtum, daß sie nicht mehr ihre Lehre
ernst nehmen, sie nur zur Massentäuschung und Verführung, zur
Rechtfertigung ihrer in ganz andern Bahnen sich bewegenden
Herrschaft benützen. Man kann den Bolschewismus überhaupt
nicht verstehen, wenn man seine Doktrin nicht kennt. Gewiß, ihre
Entstehung und Wirkung hängt sehr stark mit bestimmten geschichtlichen
 und sozialen Umständen zusammen, Aber sie geht
nicht in ihnen auf, sie ist nicht einfach als Ausdruck und Recht-
        <pb n="175" />
        Die Wichtigkeit der theoretischen Grundlage. 163

lertigung eines Wechsels der Rußland führenden Schichten anzusehen,
 Sie hat tatsächlich die Entwicklung weitgehend bestimmt.
Ohne sie wäre sicher manches ganz anders gekommen, hätten
Sich z. B. die Hoffnungen derer erfüllt, die die NEP als den Beginn
einer Rückkehr zur privatkapitalistischen Wirtschaft ansahen, die
Sich bald beeilten, den Bolschewismus als eine neue Form des
Missischen Volksnationalismus zu bagatellisieren, die meinten, daß
seine Anwendung von Gewalt, seine Forderung von Disziplin, sein
Aufbau einer straff organisierten Militärmacht eine glatte Abkehr
vom Marxismus seiner Jugend bedeute. Unterschätzungen der
bolschewistischen Doktrin gegenüber muß immer wieder energisch
und eindringlich betont werden: Gewiß hat sich Lenin in vielen
Einzelheiten geirrt. Gewiß hat er viele seiner Projekte, durch die
Praxis der Machtausübung belehrt, ändern, direkt aufgeben, mindestens
 zurückstellen müssen. Aber das hat ihn keineswegs zur
Aufgabe seiner Grundeinstellung gezwungen. Im Gegenteil, es
gehört zu ihr, daß sie in der Praxis sich bewährt, ihre konkrete
lebendige Verwirklichung erst in der Praxis erhält und damit
durch Irrtümer, Fehlprojekte usw. nicht widerlegt wird. sondern
an ihnen wächst und sich entwickelt.
Der Bolschewismus ist eine Weltanschauung im strengsten
Sinne des Wortes. Man kann ihn nicht als bloße Herrschaifts-Methode,
 als demagogische Technik von Herrschsüchtigen ansehen.
 Trotz aller Unvollkommenheiten seiner Vertreter, trotz
aller Grausamkeiten seiner Praxis, die sich natürlich nicht durch
die Unbedingtheit des Glaubens an die Doktrin rechtfertigen lassen,
hat er bis heute diesen weltanschaulichen Charakter behalten, mag
auch der Schwung seiner ersten Jahre vorübergegangen sein und
einer allzu nüchternen, allzu schwunglos-bürokratisch anmutenden
Routine Platz gemacht haben. Aber die Terminologie, in der die
Kanze Praxis heute geübt wird, ist durchaus vom Leninismus, der
Formulierung seiner Weltanschauung, bestimmt geblieben, und
man darf die Macht einer Terminologie, welche die gesamte Öffentlichkeit
 beherrscht, nicht zu gering einschätzen, Sie geht gleichsam
in Fleisch und Blut über. Ihre Begriffe werden nicht mehr als
Begriffe empfunden, sondern als selbstverständliche Wirklichkeiten.
Sie verwandelt sich aus einer bewußten, herangetragenen Weltanschauung
 in eine tatsächliche Lebensmacht, in eine natürliche
Weltanschauung, die auch unreflektiert, unausgesprochen, unge-Wollt
 alle Urteile und Wertungen bestimmt und trägt. Man darf
also die Wirkung der bolschewistischen Doktrin und ihren weltanschaulichen
 Anspruch nicht zu gering einschätzen, mag auch
11*
        <pb n="176" />
        164 5. Teil. Die bolschewistische Doktrin.

die bolschewistische Wirklichkeit noch so sehr gewissen Forderungen
 der Doktrin zu widersprechen scheinen, mögen auch die
Bolschewisten gelegentlich selber den Eindruck erwecken, als ob
sie ihre Theorie nicht mehr recht ernst nehmen.

Der Leninismus.

Es ist nicht möglich, an dieser Stelle eine genaue geistesreschichtliche
 Analyse der bolschewistischen Doktrin, des Leninismus,
 zu geben. Es kann also nicht untersucht werden, ob ihre
historischen Ansprüche berechtigt sind, ob der Leninismus wirklich
 die orthodoxe Deutung und Fortführung der Lehren von Karl
Marx darstellt *. Es kann sich bei dieser Skizzierung des Leninismus
 nur darum handeln, die entscheidenden Vorstellungen und
Begriffe aufzudecken, um zu zeigen, zu welcher Praxis er führt;
es geht also darum, die bisher beschriebene bolschewistische Wirklichkeit
 von der Doktrin aus zu erklären, ihre Bedingtheit durch
die Doktrin zu zeigen. Dadurch werden die Grundlagen der
bolschewistischen Weltanschauung als einer sozialen Macht klargelegt,
 die keine Religion, keine Philosophie usw. neben sich
duldet, die in ganz eigenartiger Weise den Anspruch erhebt, den
ranzen Menschen zu bestimmen und zu erfassen, darum ihrem
ranzen Wesen nach unduldsam ist, also bei aller taktischen Biegsamkeit
 keine priuzipiellen Kompromisse kennt.
Um die Eigenart des Leninismus zu erfassen, ist es vielleicht
am besten, von seinem Gegensatz zu allen andern Spielarten des
marxistischen Sozialismus auszugehen. Er lehnt alle diese Spielarten
 ab — sie sind für ihn nichts weiter als Opportunismus, Vertat
 an der Arbeiterklasse, Verwandlung der Lehren von Marx zu
Banalitäten, Lakaientum gegenüber der Bourgeoisie usw. Der
Leninismus tritt mit absoluter Sicherheit als die einzig wahre
Deutung des Marxismus auf, Was faßt er nun als die wesentlichen
Lehrinhalte von Karl Marx auf, die er getreu bewahrt und weiter
antwickelt im Gegensatz zu allen Scheinmarxisten? Da ist als
antscheidend der sog. dialektische Materialismus hervorzuheben.
Dialektischer Materialismus: so pflegt der Bolschewismus selber
seine Weltanschauung, seine Philosophie usw. zu charakterisieren.
Der dialektische Materialismus unterscheidet sich zunächst von
allem metaphysischen Materialismus, wie er im 18. Jahrhundert
and bei bürgerlichen Naturwissenschaftlern des 19. Jahrhunderts
verbreitet war. Für ihn ist die Welt nicht eine statisch ruhende
reschichtslose Welt — sie ist eine geschichtliche, sich bewegende
        <pb n="177" />
        Der Leninismus.

165

und verändernde Wirklichkeit. Die Dialektik ist die Lehre von
diesen Veränderungen und Bewegungen, die Methode ihrer Erfassung,
 aber sie ist keine idealistische Angelegenheit wie bei
Hegel, sondern sie beruht auf dem obiektiven Materialismus; sie
ist die Erfassung der Veränderungen, Wandlungen der geschichtlich-gesellschaftlichen
 Wirklichkeit, die materiell, d. h. durch die
Produktionsverhältnisse und die auf ihnen beruhenden Klassenschichtungen
 begründet sind. Die Dialektik kann nicht als geistige
Bewegung der gesellschaftlich-geschichtlichen Wirklichkeit gegenübergestellt
 werden. Sie ist ein Ausdruck für das Entstehen,
Werden dieser Wirklichkeit. Infolgedessen lehnt sie allen Idealismus
 ab, der nur Ausdruck einer subjektiven, von der gesellschaftlichen
 Wirklichkeit losgelösten Welteinstellung ist.
Lenin hat immer wieder die Bedeutung des dialektischen Materialismus
 hervorgehoben. Nur der dialektische Materialismus
Karantiere die Ansprüche des Marxismus auf objektive Wahrheit,
die die Welt zugleich erkenne und verändere, Er betont also
energisch den Zusammenhang von Marx und Hegel. In seinen
nachgelassenen philosophischen Aufzeichnungen findet sich der
Satz: „Ohne Hegel kann man das ‚Kapital‘ von Marx nicht begreifen.“
 ? Immer wieder hebt Lenin hervor, daß die Dialektik den
Materialismus aus einer statisch-metaphysischen Doktrin in die
Erkenntnis geschichtlich-gesellschaftlicher Wirklichkeit verwandle.
Aber die Dialektik ist für ihn nicht etwas Geistiges, Ideelles, sie
ist objektiv, von der durch die Produktionsverhältnisse bestimmten
gesellschaftlich-geschichtlichen Wirklichkeit getragen. Man darf
sie nicht als eine bestimmte Doktrin, von der Wirklichkeit 1o0sgelöste
 Theorie ansehen. Zwar gibt es auch Dialektik als formale
Lehre von den Denkgesetzen, als Erkenntnistheorie, aber die Wirklichkeit
 ist etwas Konkretes, und daher ist die Dialektik nur dann
tichtig angewandt, wenn sie im Zusammenhang mit den geschichtlich-gesellschaftlichen
 Verhältnissen steht.
Energisch wendet sich also Lenin einerseits gegen alle Versuche,
an Stelle des dialektischen Materialismus, dieser Verbindung
Hegelscher Logik mit der marxistischen Gesellschafts- und Klassenanalyse,
 einen „Scientifismus“, Sog. naturwissenschaftlich-mechanistische
 Auffassungen, zu setzen. Die Dialektik ist mehr als das
Ergebnis, die Methode der naturwissenschaftlichen Erkenntnis, ist
mehr als die Lehre von den materiellen Gleichgewichtsverändetungen,
 die das Verhältnis des Menschen zur Natur und damit
auch zur Produktion bestimmen ®. Sie ist die Waffe zur Erkenntnis
der konkreten Aufgaben und der konkreten Struktur aller ge-
        <pb n="178" />
        166 5. Teil. Die bolschewistische Doktrin.

schichtlich-gesellschaftlichen Verhältnisse. Sie ist zugleich abstrakt
und konkret. Sie gibt die Möglichkeit, die konkrete Wirklichkeit in
abstrakten Formulierungen zu erfassen — wie es Marx vorbildlich
getan hat — sie läßt ihre Widersprüche und Entwicklungsstadien
ergreifen, ohne sie zu vereinfachen, da sie nicht wie die formalistische
 Logik an den Satz des Widerspruchs gebunden ist, sondern
 gerade die Veränderungen, das Werdende, Entstehende und
Sich-Wandelnde zu erfassen berufen ist. Daher vermag sie den
Sinn aller geschichtlichen Verhältnisse und Prozesse zu durchschauen.
 Sie steht nicht unter dem Banne eines Glaubens an
kontinuierliche Entwicklung ohne Sprünge. Denn sie kennt das
Gesetz des Umschlages der Quantität in die Qualität, das sich in
der Gesellschaft mit revolutionären Erschütterungen und der Notwendigkeit
 energischer Nachhilfe verbindet. Sie ist also revolutionär
 und bejaht doch zugleich alle Ergebnisse der geschichtlichgesellschaftlichen
 Entwicklung. Man kann nicht eindringlich genug
hervorheben, wie sehr ‘der Leninismus die Hegelsche Dialektik
schätzt, die er allerdings mit dem Materialismus als dem Glauben
an die Bestimmtheit der geschichtlich-gesellschaftlichen Verhältnisse
 durch die Produktion verbindet und gleichsam umstülpt.
Daß er dabei Marx selber entspricht, im Unterschiede zum
Revisionismus, der die Dialektik ablehnt und durch einen in der
Außenwelt weiter nicht begründeten, marxistisch ausgedrückt:
idealistischen Glauben an die Gerechtigkeit, den Willen zur Humanität
 ersetzt, der auch die Arbeiterklasse berücksichtigen müsse
usw., wird der Historiker zugeben müssen, ohne damit natürlich
etwas über die sachliche Berechtigung dieser Position gesagt zu
haben.

Der dialektische Materialismus darf in keiner Weise als eine
theoretische Deutung der gesellschaftlich-geschichtlichen Wirklichkeit
 angesehen werden, von der dann die Praxis zu unterscheiden
wäre als konkrete Verwirklichung seiner abstrakten Erkenntnisse *.
Da muß wieder an den berühmten Satz erinnert werden: „Es
kommt nicht darauf an, die Welt zu erkennen, sondern sie zu
verändern.“ Der dialektische Materialismus Lenins will in seiner
Welterkenntnis — genau so wie die ganze theoretische Arbeit
von Marx selber — zu einer sozialen Weltveränderung führen.
Er wendet auf sich selber den Satz vom Zusammenhang aller
Erkenntnis mit ihren sozial-gesellschaftlichen Vorbedingungen an
— er ist die Erkenntniswaffe der Revolution und der zur Revolution
 berufenen Klasse, des Proletariats. Infolgedessen können seine
Ergebnisse nie der Revolutionspraxis entgegengestellt werden. Sie
        <pb n="179" />
        Der Leninismus,

167

sind ja, wenn sie richtig sind, d.h. eben dem dialektischen Materialismus
 entsprechen, revolutionäre Taten, in denen sich die Veränderung
 der Welt ankündet und äußert.
Der dialektische Materialismus entwickelt also den Grundsatz
der Einheit von Theorie und Praxis: Es gibt keine formal-wahre
Welterkenntnis ohne Zusammenhang mit der gesellschaftlich-ge-Schichtlichen
 Wirklichkeit — alles steht im Dienste dieser Wirklichkeit,
 auch die angeblich reine Theorie. Es gibt aber ebensowenig
 eine reine Praxis, die von der Theorie ımabhängig ist.
In jeder ihrer Taten äußert sich eine ganz bestimmte Auffassung
der geschichtlich-gesellschaftlichen Wirklichkeit. Lenin hat eindringlich
 von Jugend an die Einheit von Theorie und Praxis
betont, und — wie man zugeben muß — in seinem Leben verwirklicht.

Was ergibt sich aus diesem Grundsatze? Die Unablösbarkeit
der Theorie vom Proletariat und der Partei, die als Avantgarde
des Proletariats auftritt. Im Proletariat, im Auftreten und Arbeiten
dieser proletarischen Partei äußert sich ja gerade der dialektische
Materialismus des Marxismus, bewährt er sich und wächst er in
der gesellschaftlich-geschichtlichen Wirklichkeit. Daher wird vom
Bolschewismus aller Opportunismus der sog. Gewerkschafts- oder
Parlamentspraktiker abgelehnt, der den Marxismus nur noch als
eine hemmende Ideologie empfindet, die heute für die Tagesarbeit,
die Verbesserung des Aufstieges der arbeitenden Klasse usw.
keine große Bedeutung mehr hat, nur noch aus traditionellen
Gründen beibehalten wird, zum mindesten umrevidiert werden muß
durch Ausschalten utopischer Elemente usw. Der Leninismus hält
an der Notwendigkeit der marxistischen Theorie unverfälschter
Art fest, da ohne sie es nur zur falschen Führung des Proletariats,
der Arbeiterbewegung, zu gefährlichen Parteiumbildungen usw.
kommen kann. Aber anderseits lehnt er auch alle reine Theorie
ab, die sich nicht vom Kriterium der sozial-politischen Taktik
bestimmen läßt, da sie zum Formalismus, zum rein verbalen
Radikalismus der Phrase ireiben muß, der in Wirklichkeit nur
Kapitulation vor dem Opportunismus bedeutet. Es gibt keinen
dialektischen Materialismus außerhalb der Verbindung mit dem
Proletariat und seiner Partei, genau so wie Abweichungen vom
dialektischen Materialismus nur zu Verlangsamungen in der ge-Schichtlich
 - gesellschaftlichen Mission des Proletariats führen
müssen.
Der dialektische Materialismus zwingt also in der konsequenten
Durchführung, die ihm Lenin gibt, zu seiner engsten Verbindung
        <pb n="180" />
        168

5. Teil. Die bolschewistische Doktrin.

mit der proletarischen revolutionär-marxistischen Partei. Die
Partei hat ihn zur Grundlage, und die Partei ist zugleich die
geschichtlich-gesellschaftliche Wirklichkeit, in der er wächst und
sich entfaltet. Daß damit die größte geistige Intoleranz scheinbar
theoretisch gerechtfertigt wird, ist selbstverständlich. Die offizielle
 Parteimeinung fällt mit der richtigen Theorie zusammen.
Daher ergibt sich aus dem Grundsatz der Einheit von Theorie
und Praxis nicht nur grundsätzliche Unduldsamkeit gegen alle
Nichtmarxisten und als marxistisch auftretenden Doktrinen, sondern
 auch gegen alle geistig selbstständigen Parteigenossen. Sie
können bei der geringsten Selbständigkeit ohne weiteres als
Männer, die den Grundsatz der Einheit von Theorie und Praxis
verletzen, angeklagt und verfolgt werden. Und das geschieht tatsächlich
 bei der geringsten politischen Abweichung, die sie bei den
Parteiherrschern mißliebig macht. Dann werden ihre bis dahin
vorliegenden Irrtümer — wie etwa die tatsächlich vorliegende
Verfälschung des dialektischen Materialismus bei Bucharin — an
den Pranger gestellt, über die vorher geschwiegen worden war;
da werden Marxisten wie Riasanow einer unfruchtbaren Marxscholastik
 beschuldigt, die Marx den Massen nicht habe näherbringen
 können, da werden philosophische Streitigkeiten, etwa mit
Deborin und Luppol, die bisher als treue Leninisten galten, unter
Androhung von Parteiausschlüssen usw. durchgefochten®. Der
Grundsatz strenger Einheit von Theorie und Praxis führt in der
Wirklichkeit zu einer Vorherrschaft der Praxis, die sich allerdings
ihrerseits wiederum durch Berufung auf bestimmte bei Marx und
Lenin vorgezeichnete Grundbegriffe und Vorstellungen theoretisch
zu rechtfertigen sucht.

Die Deutung der Gegenwart. — Der Imperialismus.

Was sind das nun für Begriffe und Vorstellungen, welche die
Praxis, als Führung der revolutionären Bewegung in der Gegenwart,
 bestimmen? Ihre Eigenart ist am besten wiederum am
Gegensatz zu den von dem Bolschewismus als opportunistisch angesehenen
 sozialistischen Strömungen zu erfassen. Die Bolschewisten
 nehmen zunächst die Marxsche These über die notwendige
 Entwicklung zum Sozialismus, zur klassenlosen Geseilschaft
mit einer planmäßig nach dem Gesichtspunkte der Bedürfnisse
geleiteten und zugleich alle Fortschritte der Technik bejahenden
Wirtschaft durchaus ernst. Für sie ist es wie für Marx selbstverständlich,
 daß das Proletariat und die es vertretende marxi-
        <pb n="181" />
        Die Deutung der Gegenwart, — Der Imperialismus. 169

stische Bewegung (Partei) als Instrument dieser Entwicklung zu
dienen hat. Aber im Unterschiede zu den Opportunisten, die nur
theoretisch diesen Glauben nicht aufgegeben haben, betonen sie das
Aktivitätsmoment bei dieser Entwicklung zum Sozialismus. Der
dialektische Materialismus zeige, daß es Sprünge in der Geschichte
gibt, daß die Entwicklung sich nicht in stets fortschreitender
Kontinuität vollzieht. „Manche Tage bedeuten so viel wie mehrere
Jahrzehnte“, stellte Lenin gelegentlich fest. Infolgedessen lehnen
sie eine evolutionistische Deutung des Marxismus ab.
Sie betonen die entscheidende Bedeutung der politischen Machtergreifung
 durch das Proletariat — und so stellen sie dem Glauben
an die Demokratie den bei Marx vorhandenen, aber durch die
Praxis insbesondere der deutschen Sozialdemokratie verwischten
und in Vergessenheit geratenen Begriff der Diktatur des ProletatHats
 entgegen. Mit der Verwendung dieses Begriffes, den sie dem
Glauben an die einzigartige, unaufhebbare Bedeutung der parla-Mmentarischen
 Arbeit, des Kampfes für politische Demokratie entgegenhalten,
 bewegen sie sich durchaus in den Traditionen des
tussischen Marxismus. Bereits vor 1905/06 war theoretisch die
Möglichkeit einer nichtsozialistischen Majorität bei demokratischen
 Wahlen erwogen worden, schon damals hatten sich einzelne
Stimmen erhoben, die den Sozialismus gegen den Willen der
Majorität durchführen wollten ®.
Die Bolschewisten betonen die Wichtigkeit des Staatsapparates
als Instrument für das siegreiche Durchfechten des Klassenkampfes
der proletarischen Massen. Sie lehnen es ab, die revolutionäre
Tat durch den Glauben an die langsame Entwicklung ersetzen zu
lassen. Sie betonen, daß die neue sozialistische Gesellschaft nicht
auf friedliche Weise sofort entstehen könne. Sie werde genau so
Wie der Kapitalismus sich mit Gewalt durchsetzen müssen, und
vor allem, sie werde nicht sofort in aller Vollkommenheit da sein
— die Geschichte entfalte sich in der Praxis und nicht am Schreibtische.
 Lenin glaubte, diese Theorie von der Diktatur des Proletariats
 nicht nur wie Marx durch die Erfahrungen der Pariser Kommune
 stützen zu können. Er sah in den Räten die Organe der
proletarischen Diktatur. Er meinte, daß ihre Herrschaft einen
höheren Staatstyp darstelle als die parlamentarische Demokratie,
die nur die Herrschaft der Bourgeoisie durch Geschwätz und
schöne Phrasen maskiere, während die Diktatur des Proletariats
direkt und unmittelbar ohne Beschönigung ihren Klassenkampf-Charakter
 offen bekenne ”.
Zur Durchführung dieser Diktatur des Proletariats wie zur Be-
        <pb n="182" />
        170 5. Teil. Die bolschewistische Doktrin.

wahrung der proletarischen Bewegung auf den richtigen Bahnen
erweist sich eine starke, organisierte Partei als notwendig. Das
zu betonen, wurde Lenin nicht müde. Diese Partei ist die Avantgarde
 der Massen; sie treibt die Massen vorwärts in ihrer Wirksamkeit;
 sie beruft sich auf den Willen der Massen, die sie aber
gleichzeitig erzieht. Diese Partei kann auch in der Periode nach
der Machtergreifung, also der Diktatur des Proletariats, nicht in
den Massen aufgehen — denn sie ist ja ein Erziehungsinstrument.
Sie muß sich oft auf nichtproletarische Massen stützen. Zum
Beispiel in Rußland war die Machtbehauptung nur durch das
Bündnis mit den Massen der armen Bauernschaft möglich. Daher
lehnt Lenin die opportunistisch-menschewistische Parteiauffassung
ab, die jedermann in die Partei aufnehmen will, im Namen der
innern Parteidemokratie den autoritären Kampfcharakter der Partei
verwischt.
Auch von dieser Parteiauffassung aus ergibt sich die Ablehnung
der Deutung des Marxismus als einer Theorie, die an eine Entwicklung
 zum Sozialismus über die parlamentarische Demokratie
mit friedlichen, nichtrevolutionären Mitteln glaubt. Gewiß, der
Parlamentarismus wird nicht prinzipiell abgelehnt, aber er darf
nicht zum Selbstzweck werden. Das Parlament ist und bleibt nur
eine Tribüne zur Vorbereitung der Diktatur des Proletariats. Weiter
wird der Glaube abgelehnt, daß der Sozialismus nicht aus einer
Wirtschaft im Krisenzustand entstehen könne. Ganz im Gegenteil,
Krisen sind gerade für die Machtergreifung der proletarischen
Partei, für den Beginn der Diktatur des Proletariats durchaus
günstig. Der Sprung von der Diktatur des Proletariats in den
Sozialismus kann nicht sofort gemacht werden; oft muß die Diktatur
 des Proletariats überhaupt erst die Grundlagen der Produkton
 wiederherstellen, wie in Rußland die kapitalistische Entwicklung
 durch Industrialisierung nachholen. Es bleibt stets entscheidend,
 daß man nicht wie die Opportunisten den Sozialismus zu
einer rein fiktiven Angelegenheit macht, weil man nicht mehr den
Mut zur Machtergreifung besitzt. Abkehr vom Legalismus (dem
Willen, nur gesetzlich erlaubte Mittel anzuwenden), Pazifismus,
Moralismus — das predigt Lenin den sozialistischen Massen, Die
Bolschewisten sind eine machthungrige Partei — sie opfern diesen
Machthunger nicht kleinbürgerlich-opportunistischen, menschheitlich-pazifistisch-demokratischen
 Träumereien.
Also ist Lenin ein Blanquist, d. h. ein Mann, der wie Blanqui an
Putsche einer Minorität glaubt!® Dieser Vorwurf, der vielfach
nach seiner Rückkehr aus der Schweiz erhoben wurde, ist nicht
        <pb n="183" />
        Die Deutung der Gegenwart, — Der Imperialismus. 171

richtig, Denn die Machtergreifung muß doch durch genaue Klassenanalyse,
 d. h. marxistische Interpretation der sozialen Verhältnisse
gerechtfertigt sein. Die Herrschaft der Partei als einer Minorität
Ist durchaus nicht Selbstzweck, sondern sie soll gerade dem Vorantreiben
 der Massenbewegung und Massenentwicklung dienen.
Der Leninismus ist von Stalin als revolutionärer Marxismus in der
Segenwärtigen, d. h. imperialistischen Periode bezeichnet worden.
Seinen Glauben an die Möglichkeit einer politischen Machtergreifung
 durch die revolutionär-marxistische Partei hat Lenin durch
Theorien über die Lage der gegenwärtigen Gesellschaft, über die
heutige Phase des Kapitalismus, den sog. Imperialismus, zu rechtfertigen
 gesucht.
_ Was versteht Lenin unter Imperialismus, der Epoche des Kapitalismus
 der Gegenwart??? Die Bestimmung Lenins sei wegen ihrer
entscheidenden Bedeutung — Stalin hat den Leninismus als Markismus
 in der Epoche des Imperialismus bezeichnet — wörtlich
angeführt: „Der wirtschaftliche Imperialismus ist die höchste Stufe
der Entwicklung des Kapitalismus. Die Produktion ist so groß
geworden, daß die Konkurrenz durch das Monopol ersetzt wird.
Darin besteht das wirtschaftliche Wesen des Imperialismus. Das
Monopol zeigt sich in Trusts, Syndikaten, in der Allmacht der
Riesenbanken, in dem Aufkauf der Rohstoffquellen, in der Konzenration
 des Bankkapitals. Der politische Überbau der neuen Ökonomik,
 des Monopolkapitalismus (der Imperialismus ist der
Monopolkapitalismus) zeigt sich in der Wendung von der Demokratie
 zur politischen Reaktion. Der freien Konkurrenz entspricht
lie Demokratie. Die politische Reaktion (d. h. heute Faszismus,
bürgerliche, cäsaristische Diktatur usw. W.G.) entspricht dem
Monopol.“ An andern Stellen betont Lenin die außenpolitische
Voraussetzung des Imperialismus. Die ganze Welt ist bereits unter
lie reichsten Länder geteilt, und es hat die Verteilung der Welt
unter die internationalen Trusts begonnen. Er hebt hervor, daß
zwar die Regulierung der Wirtschaft im Monopolkapitalismus eine
zanz andere Rolle spiele als im Kapitalismus der freien Konkurrenz.
 Aber es handelt sich doch um kapitalistische Monopole,
die nur zur Verteuerung der Lebensführung, Verschärfung der
Wirtschaftskämpfe, zu Kriegen um die Beute und die Rohstoiffquellenverteilung
 führen. Die Schrecken der Not, die Verwilderung,
welche der imperialistische Krieg von 1914 hervorrief, all das
zeige, daß diese Zeit des Kapitalismus den Beginn der proletatischen,
 sozialistischen Revolution bedeute.
Was folgt aus dieser Imperialismusbestimmung? Die radikalste
        <pb n="184" />
        172 5. Teil. Die bolschewistische Doktrin,

Ablehnung der friedlichen Evolutionshoffnungen des opportunistischen
 Sozialismus. Aus dem Monopolkapitalismus führt kein
direkter Weg zur sozialistischen Planwirtschaft. Er hebt in keiner
Weise die Anarchie der Produktion auf. Seine Pläne und Regulierungen
 dienen ausschließlich egoistischen Gruppeninteressen.
Dann wird die politische Demokratie, das Regime des allgemeinen,
gleichen Wahlrechts, außerordentlich gering eingeschätzt. In dieser
Zeit der Kriege kommt es auf die starke Staatsgewalt an — die
Diktatur des Proletariats tritt in den Vordergrund gegenüber der
friedlichen demokratisch-parlamentarischen Arbeit, die der Zeit
der Zweiten Internationale, der vorimperialistischen Periode des
Kapitalismus, entsprach.
Heute hat man keine Zeit mehr, auf die Reife der gesamten
Welt zum Kapitalismus zu warten, wie die Opportunisten meinen,
um dann mit Hilfe der vereinigten Weltproletarier die Revolution
zu vollziehen, wenn sich der Kapitalismus nicht friedlich durch
Entwicklung in den Sozialismus verwandeln will. Heute muß
gehandelt werden; es gilt, die revolutionären Situationen in den
verschiedenen Ländern und Völkern auszunützen, Sie entstehen
gerade dadurch, daß der Imperialismus durch Kapitalausfuhr und
damit verbundene Unterdrückung schwacher Länder und Völker,
Ausbeutung zurückgebliebener Bezirke gekennzeichnet ist im Unterschiede
 zum Konkurrenzkapitalismus, für den Warenausfuhr charakteristisch
 war. Da ist es — wie Lenin betont — unsinnig, zu
erwarten, daß der soziale Umsturz gleichzeitig in allen Ländern
beginnen soll. Er kann das gar nicht, weil die Mehrzahl der Länder
und die Mehrzahl der Weltbevölkerung noch gar nicht die kapitalistische
 Stufe der Entwicklung erreicht haben oder erst an ihrem
Anfange stehen. Die soziale Revolution muß sich also als Epoche
vollziehen, die den Bürgerkrieg zwischen Proletariat und Bourgeoisie
 in den fortgeschrittenen Ländern mit einer Reihe demokratischer
 revolutionärer, darunter auch national-freiheitlicher Bewegungen
 in den unentwickelten, zurückgebliebenen und dunklen
Massen vereinigt. „Der Kapitalismus entwickelt sich ungleichmäßig
und zeigt uns in einer Reihe mit hochentwickelten, kapitalistischen
Nationen eine ganze Reihe von Nationen, die schwach und ökonomisch
 unentwickelt sind.“
Wozu führen diese Anschauungen, die auch ökonomische Schichtungen
 innerhalb der Nationen unterscheiden — also die gleichzeitige
 Existenz von kapitalistischer und feudaler Wirtschaftsstruktur
 als durchaus möglich ansehen? Dem revolutionären Aktivismus
 wird in unserer Zeit ein besonders großes Feld zugeteilt.
        <pb n="185" />
        Die Deutung der Gegenwart. — Der Imperialismus. 173

Er kann sich auch da betätigen, wo die Entwicklung noch nicht
reif genug ist, um den sofortigen Übergang zum Sozialismus zu
ermöglichen. Da kommt es darauf an, die Entwicklung zu be-Schleunigen,
 gleichsam unter Druck die versäumte Entwicklung
Schnell nachholen zu lassen und sie sofort nach Möglichkeit zum
Endziel, dem Sozialismus, hin zu orientieren.
Daher kann Lenin in Rußland für eine sofortige Machtergreifung
durch die proletarische Partei eintreten. Sie schafft zwar nicht
sofort den Sozialismus, aber sie bemächtigt sich des Staatsapparates,
 um die Gesellschaftsentwicklung zu fördern und zu be-Schleunigen.
 Sie verhütet damit die Machtergreifung des Imperialismus
 in Rußland, der ohne die Diktatur des Proletariats ein
neues Ausbeutungs- und Kapitalausfuhrgebiet sich gesichert hätte.
Der proletarische Staat Rußland wirkt als Aufmarschstätte der
Weltrevolution — denn er unterstützt den Kampf der Proletarier
in den imperialistischen Gebieten und Völkern, er ist gleichsam
das stets bereite Arsenal der Weltrevolution. Daher widerspricht
das vorläufige Ausbleiben der Weltrevolution prinzipiell in keiner
Weise Lenins Doktrinen. Sie vollzieht sich nicht von heute auf
morgen. Die Welt muß für sie reif gemacht werden — am günstigsten
 ist für sie der im Imperialismus auf die Dauer unvermeidliche
 Krieg. Der Staat der Diktatur des Proletariats bereitet die
Weltrevolution vor. Er sucht bei sich die Entwicklung nachzuholen.
 Fr vollendet die bürgerliche Revolution, Er beginnt mit
dem Aufbau des Sozialismus. Er rüstet militärisch, er ist die
Propagandazentrale der Revolution, die Zufluchtstätte für ihre
Agenten und ihre Träger. Schon die Existenz der proletarischen
Diktatur in einem Lande ist ein ungeheurer Gewinn für das Welt-Proletariat,
 mag sie sich auch vorläufig noch nicht auf andere
Länder ausbreiten können.
Die Theorie macht sogar verständlich, warum die Machtergreifung
 gerade in dem ökonomisch zurückgebliebenen Rußland möglich
 war. Hier konnte sich die proletarische Revolution mit der
Zertrümmerung des noch mächtigen Feudalismus durch die
Bauernschaft verbünden!. Die Bourgeoisie war noch schwach,
unorganisiert, und so konnte die proletarische Diktatur dadurch,
daß sie, zunächst wenigstens, im Bunde mit den Bauern vorging,
sich der Gewalt bemächtigen. Aus dem Entwicklungsstande der
Gesellschaft und Wirtschaft in Rußland folgt die Notwendigkeit,
sie als eine Arbeiter-Bauerndiktatur zu handhaben, in der allerdings
 die Arbeiterschaft und ihre Avantgarde, die Partei, die
Führung besitzt. Denn der Feudalismus muß endgültig vernichtet
        <pb n="186" />
        174 5, Teil. Die bolschewistische Doktrin.

werden. Aber nach seiner Zertrümmerung durch die erste Agrarrevolution
 im Interesse des Kleinbesitzes, nach der dadurch notwendigen
 Periode der NEP folgt die Umwandlung des Kleinbesitzes
durch die Kollektivierung, durch den Neuanmarsch des Proletatiates
 gegen alle kapitalistischen Elemente.
Das russische Beispiel beweist die ganze Biegsamkeit der
Theorie, die durch die Einführung der Lehre vom Imperialismus
mit den verschiedenen ungleichen Stufen des Gesellschafts- und
Wirtschaftswachstums bewirkt wird. Diese Biegsamkeit ermöglicht
Aktivität und Wagnis, sie bewahrt vor dem Versinken in Routine,
in einen rein theoretischen, sich in Phrasen ergehenden Radikalismus,
 der revolutionäre Maßnahmen verlangt, ohne die jeweiligen
Gesellschaftsbedingungen zu beachten, also etwa sofort nach der
Enteignung der Großgrundbesitzer wie in Räteungarn die Schaffung
 sozialistischer Mustergüter erwartet. Sie ist aber zugleich
energisch gegen allen Opportunismus gerichtet, der ‚sich mit
momentanen Erfolgen taktischer Art begnügt, die politische Machtergreifung
 unterschätzt, unter Berufung auf friedlich langsame
Evolution (Entwicklung) den Sozialismus, das Ziel der Gesellschaftsentwicklung,
 zu einer unwirklichen Angelegenheit macht,
die zunächst noch zu Agitationszwecken gelegentlich hervorgezogen
 wird, um dann praktisch ganz zu verschwinden — also
nur als Ideologie benützt wird, um die Massen bei den sozialistischen
 Parlamentariern, Gewerkschaftsführern usw. zu halten.

Die Grundlagen der Religionskritik,

Die Deutung der Gegenwart mit Hilfe des Begriffes „Imperialismus‘“
 und der Diktatur des Proletariats als Übergangserscheinung
zur Sozialistischen Gesellschaft beweist, daß der dialektische
Materialismus vor allem politisch und sozial interessiert ist. Man
könnte also meinen, daß er im Grunde genommen nur eine politische
 und soziale Theorie und Anweisung für die Praxis bedeute,
die eigentlich nichts mit weltanschaulichen Inhalten, mit Metaphysik
und vor allem der Religion zu tun habe. Ihre philosophische
Terminologie sei eine rein äußerliche Angelegenheit, die sich
leicht ablösen lasse, Aber diese Ansicht, die gelegentlich auch
einzelne westeuropäische Kommunisten wie Höglund vertreten
haben, der an die Vereinbarkeit von Kommunismus und Religion
glaubte und dafür aus der Dritten Internationale ausgeschlossen
wurde ?!!, zeugt von einem völligen Mißverstehen der Grundlagen
        <pb n="187" />
        Die Grundlagen der Religionskritik. 175

des dialektischen Materialismus. Der dialektische Materialismus
enthüllt gerade in seiner Anwendung, in seinen politischen und
sozialen Deutungen, in seiner Betonung des politischen und gesellschaftlichen
 Lebens seine weltanschauliche Eigenart, seinen Charakter
 als einer Ersatzreligion, die an Stelle der bisherigen Religion,
insbesondere des Christentums, treten soll.
Alle politischen und sozialen Theorien, alle Deutungen der Gesellschafts-
 und Geschichtsentwicklung, alle Erörterungen über
Imperialismus, die Diktatur des Proletariats usw. sind vom Glauben
bestimmt, daß das Ziel des menschlichen Wesens und der Menschbeit
 in der Organisation der irdischen Gesellschaft und der für sie
entscheidenden Wirtschafts- und Produktionsverhältnisse besteht.
Das Ziel der Entwicklung ist genau gegeben, an Stelle des durch
die Geschichte zum Selbstbewußtsein gelangenden absoluten
Geistes der Hegel folgenden Idealisten ist die Selbsterkenntnis der
Produzierenden, arbeitenden Menschheit getreten. Wegen ihrer
vollkommenen Wirtschafts- und Gesellschaftsorganisation ist sie
nicht mehr von der Natur abhängig; sie kennt keine Herrschaft
der Sachen, der Ware des Kapitalismus und ihrer Marktgesetzlichkeit
 über den Menschen, sie erfaßt ihr eigenes Wesen dadurch,
daß sie es versteht, die Wirtschaft zu organisieren; jeder erhält
die Fähigkeit, seine Gaben zu entfalten, es gibt also keinen Gegen-Satz
 mehr zwischen dem Ganzen und einzelnen Gruppen, da die
gesamte Produktion nach einem gesellschaftlichen Gesamtplan
erfolgt, der Überraschungen durch Krisen ausschließt, die im
Kapitalismus durch die Anarchie des Marktes, die Konkurrenz usw.
hervorgerufen werden. Die sozialistische Wirtschaft verwirklicht
dadurch die Forderungen der Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit,
 die im Kapitalismus leere Schlagworte, abstrakte Formeln
bleiben müssen.
Es ist also eine Selbstgenügsamkeit der produzierenden Menschheit,
 welche vom strengen Marxismus, dem dialektischen Materialismus
 als Sinn der Geschichte erkannt und aufgestellt wird. Durch
dieses Ziel, das zugleich den immanenten Sinn der Entwicklung
enthält, wird alle Transzendenz überflüssig, d. h. der Marxismus,
und zwar der Marxismus von Marx selber, ist streng atheistisch,
weil das Ziel der Geschichte kein Jenseits zuläßt, überhaupt unmöglich
 macht. Jede Religion ist diesem Jenseits zugeordnet, sie
ist also geradezu Verneinung des marxistischen Zieles, der sich
selbst genügenden, produzierenden Gesellschaft, daher ist der
Marxismus seinem ganzen Wesen nach antireligiös. Andere
sog. ideologische Formen, nicht unmittelbar wirtschaftliche Tätig-
        <pb n="188" />
        176 5, Teil. Die bolschewistische Doktrin.

keiten des Menschen, Kunst und Wissenschaft, werden auch in der
sozialistischen Gesellschaft erhalten bleiben, sie werden sich sogar
erst in ihr voll entwickeln und frei entfalten können, da sie dann
nicht mehr, wie in der heutigen Welt, als Verkappungen ungerechter
Verhältnisse, als Ausdruck vorübergehender sozialer Erscheinungen
 aufzutreten brauchen. Dann sind sie der Ausdruck der
menschlichen, produktiven Entwicklung. Aber die Religion stirbt
mit dem Kommen der sozialistischen Gesellschaft ab.
Religion und sozialistische Gesellschaft im marxistischen Sinne
schließen einander aus. Es gibt nur ein Absolutes, und daher ist
das Absolute des Jenseits der Religion mit dem Absoluten der
sozialistischen Gesellschaft unvereinbar. Die Umstülpung Hegels,
des Idealisten, durch Marx ist der tiefste Grund für die Unvereinbarkeit
 des Marx wirklich folgenden Marxismus mit der Religion.
Darüber helfen keine Erörterungen über die materialistische Geschichtsauffassung
 hinweg, die nur als methodisches Prinzip gemeint
 sei, keinen metaphysischen Vorrang der Materie oder der
Wirtschaft bedeute.
Der entscheidende Gegensatz des Marxismus zur Religion, d. h.
dem Glauben an die Jenseitsbestimmung und Jenseitsgerichtetheit
des menschlichen Lebens, wie er in der ersten Katechismusfrage
so klar und scharf zum Ausdruck kommt, beruht gar nicht, wie
vielfach behauptet wird, auf der sog. materialistischen Geschichtsauffassung,
 die als entscheidende Triebkraft der Geschichte die
Veränderung der ökonomischen Verhältnisse durch die Wandlungen
 der Produktionsformen ansieht. Der entscheidende Gegensatz
 wird durch die marxistische Bestimmung der Wirklichkeit
gegeben, von der aus auch die materialistische Geschichtsauffassung
 gedeutet werden muß. Die marxistische Wirklichkeit ist die
produzierende Gesellschaft, die sich selbst genügt. Von dieser
Anschauung aus ist der ganze Kampf des Marxismus gegen die
Religion zu verstehen. Die Religion ist nichts anderes als die
Verzerrung der Wirklichkeit, eine Verfälschung des Wirklichkeitsbewußtseins,
 ein Fetischismus, um den Ausdruck von Karl Marx
zu zebrauchen; sie hängt auf das engste mit der Herrschaft der
Sachen, der Ware und des Geldes, Verkörperungen des Marktprinzips,
 über die Menschen im Kapitalismus zusammen. Je mehr
die wahre Wirklichkeit, also die von Bewußtseinstäuschungen
befreite sozialistische Gesellschaft hervortritt, desto mehr verschwindet
 mit den andern Verzerrungen des menschlichen Geistes
die Religion. Ist die wahre Wirklichkeit erkannt, d. h. durch das
Vorhandensein der sozialistischen Gesellschaft verwirklicht. dann
        <pb n="189" />
        Die Grundlagen der Religionskritik. 177

Muß die Religion mit den andern Erscheinungen des Kapitalismus,
der Ware und dem Markte usw. verschwinden. Sie ist keine
[deologie, die notwendig zum menschlichen Dasein gehört, sie ist
nur der deutliche Beweis für das Vorhandensein unvollkommener
gesellschaftlicher Verhältnisse, die zu ändern sind.
„Religion ist Opium für das Volk.“ In diesem berühmten Satz
von Marx, den die Bolschewisten als Kernsatz übernommen haben
und den Lenin noch gröber formuliert hat — „Religion ist Fusel“
(siwuschka) # __ ist die ganze marxistische Einstellung zur Reli-8i0n
 zusammengefaßt. Religion ist Opium für das Volk, das heißt
Zunächst: Religion ist Rechtfertigung der herrschenden, gesell-Schaftlichen
 Verhältnisse, der Ausbeutung der Massen durch den
Kapitalismus usw. Die Massen werden durch dieses Opium daran
Eehindert, die wahre soziale Wirklichkeit zu erkennen. Die Fefische
 der Religion verbergen ihnen die herrschenden Verhältnisse.
Der Fetisch hinderte seinen Anbeter an der Erkenntnis der Naturgesetze,
 ebenso hindert alle Religion die Erkenntnis der sozialen
Gesetze, der Gesetze des Gesellschaftslebens. Damit ist die zweite
Bedeutung des antireligiösen Grundsatzes von Marx gegeben:
die Religion entspricht einer gesellschaftlichen Ordnung, in der
Noch die Sachen den Menschen beherrschen und der Mensch
darum in seinem gesellschaftlichen Dasein immer wieder vor
Überraschungen, Rätsel usw. gestellt wird. Da ist ihm die Reli-Zion
 ein Opium, das diese Rätsel und Überraschungen ihm dadurch
erträglich macht, daß es sie durch die Berufung auf das Jenseits,
die göttliche Vorsehung, die göttlichen Strafen für Sünden usw.
deutet und erklärt.
Der Leninismus fügt der Religionskritik von Karl Marx nichts
Neues hinzu. Er führt sie nur praktisch durch und wendet sie
Massenagitatorisch an. Dabei läßt er sich genau so wie in der
Dolitischen Theorie, die den Glauben an eine friedliche Entwicklung
zum Sozialismus mit Hilfe der parlamentarischen Demokratie
ablehnt, auf keinerlei Konzessionen und Kompromisse ein. Lenin
hat betont, daß der berühmte Satz des Erfurter sozialdemokralischen
 Programms, „die Religion ist Privatsache‘“, nicht etwa
eine Duldung der Religion als einer Gewissensangelegenheit des
anzelnen bedeuten soll. Man müsse diesen Satz von den gesellschaftlich-geschichtlichen
 Verhältnissen her betrachten, er bedeute
die endgültige, ehrliche Trennung der Öffentlichkeit, des Staates
von der Religion, er eröffne in keiner Weise die Möglichkeit für
den Sozialisten, die Jenseitsreligion zu beiahen. Er sei ein politisch-taktischer
 Satz, der die prinzipielle Ablehnung aller Jenseits-Qurian.
 Der Bolschewismus. 12
        <pb n="190" />
        178 5. Teil. Die bolschewistische Doktrin,

religionen durch den Marxismus nicht ausschließe; im Gegenteil,
die Trennung der Öffentlichkeit von der Religion sei nur als Etappe
zur Vernichtung und zum Absterben der Religion durch das
Kommen der sozialistischen Gesellschaft anzusehen. Aber die
grundsätzliche Religionsfeindschaft, welche Lenin dazu trieb, alle
Formen des sog. religiösen Sozialismus in besonders scharfer
Weise als Kompromisse mit dem antisozialistisch-bürgerlichen
Geiste zu bekämpfen, fordert doch nicht ein sofortiges Verschwinden
 der Religionen mit Hilfe von Gewaltmitteln, Auch hier zeigt
sich wieder die für den revolutionären Marxismus so bezeichnende
Verbindung des Glaubens an Gewaltmittel, staatlichen Druck,
Terror, gesellschaftliche Umorganisation mit der Rücksicht auf
die bestehenden Verhältnisse, die als Beweis für die Notwendigkeit
taktischer Anpassung betrachtet werden. Zwar kommt das Ziel
mit Notwendigkeit, aber es vereint in sich alle Stadien der Entwicklung.
 Es kann nicht, wie die Utopisten meinen, gleichsam sofort
die sozialistische Gesellschaft und damit der Atheismus durch ein
Dekret geschaffen werden. Die Religion wird noch so lange bestehen
 bleiben, als die sozialistische Gesellschaft nicht verwirklicht
ist, und da ist ein antireligiöser Feldzug, welcher auf die bestehenden
 gesellschaftlichen Verhältnisse mit ihren sog. religiösen
Vorurteilen keine Rücksicht nimmt, sinnlos, ja sogar schädlich,
weil er die politische Herrschaft und die Propaganda der marxistischen
 proletarischen Partei gefährdet. Es genügt also nicht ein
abstrakter Atheismus, ein bürgerliches Freidenkertum. Die antireligiöse
 Aufklärung des Bolschewismus predigt den Atheismus
im Unterschiede zu der bürgerlichen, nicht um seiner selbst willen
als eine neue, der Wissenschaft entsprechende Metaphysik, die
an Stelle der alten Theologie zu treten habe, sondern ihr Atheismus
ist an die Verwirklichung der sozialistischen Gesellschaft gebunden
 *. Daher muß er stets den Klassencharakter der Religion,
die sog. sozialen Wurzeln der Religion, mitenthüllen, und das ist
so zu machen, daß sorgsam auf die Einstellung zurückgebliebener
Schichten geachtet wird.
Was folgt aus diesen Anweisungen? Es ergibt sich aus ihnen
der zweideutige Charakter der bolschewistischen Religionspolitik,
die bereits im zweiten Teile geschildert worden ist. Es kann
scheinbar Toleranz, Rücksicht auf Traditionen, Warnung vor
sog. Verwaltungsdruck gegen Religion verkündet werden, aber
das ist alles nur Taktik, die ebensogut Gewaltmaßnahmen, Förderung
 atheistischer Feiern, atheistischer Erziehung durch den Staat
zuläßt. der von einer atheistischen Partei beherrscht wird. Die
        <pb n="191" />
        Die Grundlagen der Religionskritik. 179

Toleranz wird nur so lange geübt, als dadurch das atheistische
Ziel der bolschewistischen Herrscher gefördert wird. Die Trenlung
 der Öffentlichkeit von der Religion wird immer energisch
Unterstrichen, und zwar in ihrem atheistisch-antireligiösen Chatakter,
 Dabei ist es für die Durchführung der Religionskritik des
Marxismus bezeichnend, daß der Atheismus gleichzeitig mit wirt-Schaftlicher
 und politischer Tätigkeit verbunden wird. Da veranlassen
 etwa kommunistische Zellen Betriebsbelegschaften, zu
verkünden, daß sie an kirchlichen Feiertagen arbeiten und dadurch
 den Fünfiahresplan besonders fördern wollen. Da wird
betont, daß die Schaffung der Kolchose mit der Verdrängung des
Noch vorhandenen kirchlichen Einflusses verbunden werden müsse.
Da werden etwa Brigaden aus Arbeitern, die zugleich kämpfende
Atheisten, Mitglieder des Gottlosen-Bundes sind, geschaffen, die
durch ihre Tätigkeit vorbildlich wirken, also für den Atheismus
werben sollen.
Diese Praxis ist die durchaus folgerichtige Anwendung der
Marxistischen Religionskritik; für sie ist Atheismus mit einer Veränderung
 der gesamten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ordnung
 verbunden. Er besteht gerade in der Verwirklichung dieser
Änderungen und Wandlungen. Die sozialistische Gesellschaft ist
eine atheistische Gesellschaft, — etwas anderes ist für den revolutionären
 Marxismus undenkbar. Mit dieser Gleichsetzung von
atheistischer und sozialistischer Gesellschaft steht und fällt der
Marxistische Bolschewismus, das muß immer wieder betont
werden. Ebensowenig wie man den Bolschewismus von den
Marxistischen Doktrinen lösen kann, ebensowenig kann man ihn
vom Atheismus befreien. Gerade die Grundlegung des Atheismus
durch den Wirklichkeitsbegriff, der Zusammenhang der absoluten
Wirklichkeit mit der sozialistischen Gesellschaft, die eine Entfaltung
 der Menschheit in Freiheit und Gerechtigkeit ermöglicht,
bringt diese unlösliche Verbindung des Atheismus mit marxistischem
 Sozialismus und Kommunismus hervor. Die atheistische
Propaganda ist also nicht nur Ausdruck von roher Barbarei, wie
es ihre äußern, unzivilisierten, groben Formen erscheinen lassen.
Die atheistische Propaganda des Bolschewismus ist Ausdruck
eines neuen religiösen Glaubens, eines Glaubens an ein irdisches
Absolutes, welches Gott, den Schöpfer und Herrn der Welt, auf
den alles im Diesseits, auf den die gesamte Welt hingeordnet ist,
als überflüssige, als ein Truzgespinst erweisen soll.
        <pb n="192" />
        180

5. Teil. Die bolschewistische Doktrin.

Das Absolute des marxistisch-bolschewistischen Glaubens.

Der neue „Gott“ ist die sozialistische Gesellschaft, die Grund-Jage
 des Kommunismus, die sich durch die sozialen Kämpfe und
politischen Aktionen der Gegenwart entwickelt, der das durch die
marxistischen Parteien der Dritten Internationale, insbesondere
die Bolschewisten der Sowietunion geführte Proletariat und seine
Diktatur als Bezwinger des Imperialismus dienen. Der Glaube
an diesen neuen „Gott“ ist es, der für den ganzen Bolschewismus
entscheidend ist, der sich hinter seinen gesellschaftlichen Unvollkommenheiten
 und Unzulänglichkeiten birgt; man kann ihn nicht
wegleugnen durch Berufung auf seinen asiatischen Charakter.
Dieser Glaube ist es, der den Bolschewismus zu immer neuen
Wirtschafts- und Gesellschaftsversuchen treibt, der ihn an der
marxistischen Doktrin festhalten läßt. Man kann ihn nicht in ein
Ergebnis sozialer Gegebenheiten und Umstände auflösen, mag
man ihre Bedeutung auch noch so hoch einschätzen. Dieser
Glaube, der natürlich für den Christen als Irrglaube erscheinen
muß, macht den Bolschewismus zum Feinde der Religion und insbesondere
 der katholischen Kirche. Dieser Glaube läßt ihn alle
Religionen bekämpfen, als Verbündete der Reaktion, der Ausbeutung,
 des Kapitalismus usw. hinstellen. Dieser Glaube läßt ihn
hinwegsehen über Mißerfolge, erlaubt ihm keine prinzipiellen Konzessionen,
 sondern nur Atempausen im Kampfe. Dieser Glaube
verwandelt ihn in eine Gegenkirche, welche versucht, auf Erden
einen neuen „babylonischen Turm“ zu errichten: die sozialistische
Gesellschaft nämlich, die durch ihre innere Harmonie, ihren Aufbau,
 den göttlichen Ordner überflüssig macht, die keines Erlösers
bedarf, da ihr überhaupt die Möglichkeit, daß der Mensch und die
Menschheit erlösungsbedürftig sein können, als sinnlos erscheint.
Erst von diesem Glauben aus läßt sich die dem Bolschewismus
eigene mechanistische Betrachtung der Gesellschaft verstehen. Die
bolschewistische Partei ist dem dialektischen Materialismus gemäß
die Macht, welche die in der Gesellschaft und ihren Gesetzen
angelegte Entwicklung mit allen Mitteln fördert. Daher kennt der
Bolschewismus keine Rücksichten auf Tradition, Humanität usw.,
er kennt nur Erwägungen der politischen Zweckmäßigkeit — weiter
nichts. Politische Zweckmäßigkeit bedeutet Machtbehauptung, die
alle .Maßnahmen erlaubt, um das Kommen der sozialistischen
Gesellschaft zu fördern. Der Bolschewismus ist in seiner ganzen
Wirksamkeit nichts anderes als der Geburtshelfer der mit Notwendigkeit
 zur Welt kommenden Ordnung. Seine mechanistische
        <pb n="193" />
        Das Absolute des marxistisch-bolschewistischen Glaubens, 181

Gesellschaftsauffassung, die mit ihr verbundene Mißachtung der
einzelnen Persönlichkeit und ihrer Rechte, der Glaube an die entscheidende
 Wirksamkeit äußerer Maßnahmen und Druckmittel,
der Versuch, die Grundzelle der bisherigen Gesellschaft, die
Familie, aus ihrer Stellung auch rechtlich zu verdrängen und
damit eine Entwicklung zu bejahen, die bereits im Kapitalismus
angelegt war, all das wird vom Glauben an eine sozialistische Gesellschaft
 bestimmt, die Selbstzweck ist, die keine höheren Ziele
kennt, auf die sie hingeordnet erscheint. Sie ist Selbstzweck, —
das bedeutet, daß auch der einzelne Mensch auf sie hingeordnet ist.
Der Mensch findet seine Bestimmung erfüllt in der sozialistischen
Gesellschaft und ihrer Tätigkeit. Sie hebt den Konflikt zwischen
Individuum und Gemeinschaft auf; denn erst sie gibt dem
Individuum die Möglichkeit, sich zu entfalten. Man kann also
diese sozialistische Gesellschaft als eine Selbstvergöttlichung der
Menschheit bezeichnen. Sie ergibt sich aus allen Stadien und den
mit ihnen verbundenen Leiden der Weltgeschichte, sie nimmt alle
diese Stadien mit ihren Errungenschaften in sich auf und erhebt
sie auf die Stufe der Vollkommenheit. Sie verhält sich also zur
Weltgeschichte genau so wie der absolute Geist Hegels, der durch
sie zum Selbstbewußtsein gelangt; nur ist sie nicht durch Erkenntnis
 charakterisiert, sondern durch Produktion, organisatotische
 und wirtschaftliche Betätigung.
Die opportunistischen Richtungen des Sozialismus, die Parteien,
 welche an die Entwicklung glauben und damit sich praktisch
 auf den Boden der bestehenden Gesellschaftsordnung stellen,
vergessen mehr oder minder die Utopie von der sozialistischen
Gesellschaft — von dem auf dem Boden dieser sozialistischen Gesellschaft
 erwachsenden Kommunismus ganz zu schweigen —. Bei
den Bolschewisten dagegen ist sie lebendig und dient ihnen als
Rechtfertigung für ihre Gewaltmethoden. Sie ist die Macht, welche
das heutige Stadium der Not unter Druckanwendung der wirtschaftlichen
 und gesellschaftlichen Unvollkommenheiten sinnvoll macht.
Sie gibt allen Unternehmungen des Bolschewismus das für sie
eigentümliche Zukunftspathos, d. h. sie läßt sie als vorläufige
Versuche erscheinen, die erst durch die kommende sozialistische
Gesellschaft in ihrem ganzen Sinne sich erfüllen werden. „Wir
bewegen uns auf den Sozialismus zu, wir haben mit dem Aufbau
des Sozialismus begonnen“, so heißt es immer wieder im bolschewistischen
 Reiche. Aber diese Rechtfertigung der bestehenden
Verhältnisse, der gewagtesten Experimente, der größten Rücksichtslosigkeiten
 und Grausamkeiten aus dem Glauben an die
        <pb n="194" />
        182 5. Teil, Die bolschewistische Doktrin,

Utopie der sozialistischen Gesellschaft heraus führt zu einer
eigentümlichen Erstarrung des Bolschewismus.
Auch er verwandelt sich genau so wie der opportunistische
parlamentarisch-demokratische Sozialismus in die Rechtfertigung
einer bestimmten Machtlage. Man kann nicht ungestraft die
Grenzen der Menschlichkeit verlassen, um einen Zustand der allgemeinen
 Gerechtigkeit und Gewaltlosigkeit herzustellen. In der
sozialistischen Gesellschaft stirbt der Staat als Gewaltinstrument
ab, die Gesellschaft soll sich ja selber durch ihren Gesamtplan
ohne jede Druck- und Gewaltanwendung ordnen. So heißt es
wenigstens in der Theorie. Aber in der Wirklichkeit verwandelt
sich das als Übergangserscheinung gedachte Stadium der Gewaltanwendung
 und Unmenschlichkeit in eine dauernde Einrichtung.
Immer mehr und mehr wird der Druck angewandt und der Gewaltapparat
 ausgebaut. Der Druck verwandelt sich aus einem zuerst
zur Abschreckung geübten Terror in ein System des politischen
und wirtschaftlichen Terrors, das auch im Alltag stets angewandt
wird. Gewiß, der Terror wendet sich nicht nur gegen Klassenfeinde,
 er wird auch gegen die Träger des Terrors, die Parteimitglieder,
 angewandt; unsaubere und unfähige Elemente aus dem
Proletariat erliegen ihm oft ebenso wie die bürgerlichen Klassengegner.

Aber der Terror schafft doch einen ganz bestimmten Menschentyp,
 ruft eine ganz bestimmte Gesinnung in den führenden Schichten
 hervor, welche den zuerst echten Glauben an die Utopie erschüttert.
 Gewiß, die führenden Bolschewisten glauben auch heute
noch an die sozialistische Gesellschaft, aber ihre Praxis hat zu
einem stets stärkeren Auseinanderklaffen zwischen dem Glauben
und der Wirklichkeit geführt, Die Gewalt nimmt nicht ab, sie
wird immer stärker, gerade darum, weil sie planmäßig geübt wird.
Die Druckmittel erzeugen eine Klasse von Strebern, die sich dem
herrschenden Regime durch äußere Übernahme seiner Terminologie
 ohne irgend ein inneres Verhältnis anschließen. Mag sein,
daß die sozialistischen Experimente fortgesetzt werden, daß also
der Glaube an den Sozialismus noch da ist und als letzte Triebkraft
 bei der Führung wirkt, aber er ist erstarrt, hat sich in eine
Rechtfertigung der Gewaltmaßnahmen und der eigenen Herrschaft
gewandelt, über die immer weniger nachgedacht wird. Die Theorie
hat zu einer Politik geführt, die ihren Zielen widerspricht.
Ihr realistischer Teil konnte angewandt werden, die Staatsmacht
konnte erobert, mit Terrormethoden, mit Hilfe neuer Propagandamittel,
 des Appells an die Aktivität der Massen usw. behauptet
        <pb n="195" />
        Das Absolute des marxistisch-bolschewistischen Glaubens. 183

werden. Es konnte daher der Versuch gemacht werden, gigantische
 Gesellschaftsexperimente anzustellen, welche die Welt er-Schüttern,
 die heutige Welt, in der die bestehende Gesellschaftsordnung
 als fragwürdig erscheint; aber die sozialistische Gesellschaft
 der Gewaltlosigkeit ist eine Utopie geblieben, und zwar
verwandelt sie sich aus einer Utopie, welche die bestehende Ge-Sellschaftsordnung
 sprengt, also zukunftsweisend ist, allmählich
in eine Ideologie, d. h. eine Rechtfertigung bestehender Verhältnisse.
Noch ist dieser Wandel in Rußland, der Sowjetunion nicht vollendet.
 Denn noch wirkt sich der Bolschewismus da als Schöpfer
Siner neuen Gesellschaftsordnung aus, als Träger der Industriali-Sierung,
 der Massenaufklärung usw., noch gilt es, Rußland die
fünfzig Jahre nachholen zu lassen, die es technisch und wirtschaftlich
 hinter den fortgeschrittenen Ländern zurückgeblieben war,
aber doch ist bereits heute klar zu erkennen, daß zwischen den
realistischen, taktischen, von einer Kritik des Imperialismus und
Bejahung der modernen Masse ausgehenden Teilen der bolsche-Wistischen
 Theorie und ihrer Zielsetzung in Wirklichkeit keine
notwendige Verbindung besteht. Die Zielsetzung ist eine Pro-Pagandaangelegenheit,
 eine Utopie, welche die bestehenden Verhältnisse
 zwar sprengt, aber nicht in ihrem Sinne wandelt. Die
realpolitischen Erfolge führen in keiner Weise dem Ziele der sozialistischen
 Gesellschaft näher, und daher wird eines Tages der
Zeitpunkt kommen, wo die heute durch die Utopie als Übergangserscheinung
 bezeichnete Gewaltherrschaft sich in eine reine Gewaltherrschaft
 verwandelt; wo selbst die heutige theoretische Grundlage
 der Gewaltherrschaft nicht einmal in der schematischen
Form, die sie bei Stalin angenommen hat, zu halten ist. Dann
wird der Bruch zwischen Theorie und Praxis, also die Verneinung
des entscheidenden Grundsatzes von ihrer Einheit, durch die soziale
Wirklichkeit sichtbar werden. Daß er bereits heute vorliegt, wird
durch die Aufgaben der sozialen Wandlung, die Industrialisierung
usw. verdeckt. Aber eines Tages wird er allgemein sichtbar
werden. Es wird sich dann zeigen, daß die Utopie, die zur Rechtfertigung
 der Gewaltherrschaft usw. diente, einfach falsch angesetzt,
 eine Konstruktion war, die zu ganz andern praktischen
Erfolgen führte, als sie selber infolge ihres Anspruches, dem Sinn
der geschichtlichen Entwicklung notwendig zu entsprechen, angekündigt
 hatte. Dann wird der Bolschewismus sich nicht mehr
durch die Zukunftsperspektive rechtfertigen können, dann wird
gerade das, was heute seine Stärke ausmacht, die Behauptung,
die geschichtliche Entwicklung zu kennen und ihr zu helfen, sich
        <pb n="196" />
        184 5. Teil. Die bolschewistische Doktrin.

gegen ihn wenden. Seine Wirklichkeit, seine Selbstherrschaft
werden seinen eigenen Ansprüchen entgegenstehen, und er wird
dann der gleichen Macht zum Opfer fallen, die er gegen alle seine
Gegner angerufen hat. Die Geschichte wird ihn erweisen als einen
Versuch, der auf ganz bestimmten politisch-gesellschaftlichen
Voraussetzungen beruht, deren Wegfall seine Ansprüche, die Erlösung
 der Menschheit zu bringen, als nichtig erweist. Der Bolschewismus
 ist, wie unsere ganze bisherige Darstellung gezeigt hat,
die Macht, welche die Industrialisierung Rußlands vollzieht, das
Selbstbewußtsein der russischen Massen weckt, aber er ist nicht
fähig, die Frage: „Wirtschaftliche Wandlung, und was dann?“
zu beantworten **, Da gibt er nur Steine statt Brot, da verkündet er
nur eine Scheinlösung, da zeigt er sich als ein Opium, das den
Menschen über seine wahre Wirklichkeit täuscht und an ihre
Stelle eine Utopie setzt.
        <pb n="197" />
        SECHSTER TEIL.

Kritik des Bolschewismus.

Der bolschewistische Mensch,

Eine Kritik des Bolschewismus muß sich bemühen, ihn nicht nur
abzulehnen, sondern ihn auch geschichtlich zu erklären, um dadurch
 die Gründe seiner Wirksamkeit in der heutigen Welt erkennen
 zu lassen. Wie konnte er eine Macht werden, welche die
Sowjetunion, also ein Sechstel des Erdballes beherrscht, über die
Geschicke von etwa 160000000 Menschen politisch entscheidet
und dazu noch auf große Massen Westeuropas, ja der ganzen
Welt einen starken Einfluß ausübt? Diese Frage läßt sich nur
dann beantworten, wenn man seine Theorien in ihrer geschichtlichen
 Umwelt betrachtet, die Kräfte des Menschen erfaßt, an die
er sich wendet, die besondern gesellschaftlichen Aufgaben genau
zu bestimmen sucht, die er zu lösen und zu bewältigen beansprucht.
Eine Aufzählung seiner Mißerfolge und Herrschaftsergebnisse er-Weist
 sich auf die Dauer als ein nicht sehr wirksames Kampfmittel,
da er ja, wie eingehend gezeigt worden ist, seine Gegenwart als
durchaus unzulänglich anerkennt und ihren Unzulänglichkeiten
Zukunftsaufgaben und Zukunftsentwicklungen, denen er dient,
entzegenstellt. Erst von einer grundsätzlichen Kritik des Bolschewismus
 aus, die ihn als Ergebnis geschichtlich-weltanschaulicher
Entwicklungen erfaßt, kann man zeigen, warum die Mißstände,
die seine Herrschaft in Rußland aufzuweisen hat, nicht nur
Wachstumserscheinungen sind, sondern Erscheinungen, die aus
seinem ganzen Wesen folgen. Sie sind nicht zufällig entstanden,
da sie auf seiner ganzen Auffassung vom Menschen beruhen.
Diese Auffassung vom Menschen trägt seine ganze Theorie. Sie
ist die ihm selber nicht bewußte metaphysisch-religiöse Entscheidung,
 welche die Richtung seiner politisch-sozialen Anschauungen
bestimmt. Der Glaube an die sözialistische, sich selbst genügende
Gesellschaft als das Ziel der Menschheitsgeschichte ist der Ausdruck
 dieser Auffassung vom Wesen des Menschen. Die gesellschaftlich-wirtschaftliche
 Tätigkeit ist für den Menschen entscheidend.
 Sie vermag ihn voll und ganz zu befriedigen, da der
Sinn des menschlichen Lebens ganz in ihr beschlossen ist. Die
Kute Organisation des gesellschaftlich-wirtschaftlichen Lebens
bringt die Lösung aller Fragen des Menschenlebens, sie macht
aller menschlichen Not ein Ende, sie verwirklicht die ethischen
        <pb n="198" />
        186 6. Teil. Kritik des Bolschewismus.

Forderungen der Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit; sie gibt
dem Individuum alle Möglichkeiten, sich zu entfalten; alle Tragik
und Unzufriedenheit verschwindet vor ihr; das ist die Utopie,
welche als Glaube an die Sinnerfüllung des Lebens durch gesellschaftliche
 Tätigkeit und Organisation die gesamte bolschewistische
Theorie bestimmt und trägt.
Für den vom Bolschewismus als Ideal und Träger der Zukunftsentwicklung
 betrachteten Menschen gibt es kein Jenseits mehr.
Er kennt keine Gefühle, die höher stehen als die Gefühle der
gesellschaftlichen Zusammengehörigkeit. Für diesen Menschen ist
gesellschaftliche Arbeit das Höchste; Technik, Vermehrung eines
Wissens, das als Grundlage weiterer wirtschaftlicher Fortschritte
dient, sind die entsprechenden Lebensaufgaben. Der bolschewistische
Mensch ist der Mensch des Diesseits, — aber doch nicht ein
[ndividualist, der sich mit persönlichem Genuß zufrieden gibt, der
ainfach den Ablauf der Weltgeschichte betrachtet und an dieser
Betrachtung sein Vergnügen hat oder durch sie immer tiefer in die
Verzweiflung gerät. Der bolschewistische Diesseitsmensch ist ein
soziales Wesen. Er ist ein Gesellschaftstier, für das die Tatsache
der allen Gliedern entsprechenden Ordnung und Tätigkeit der
Gesellschaft den Sinn des Daseins darstellt, das für diese Gesellschaftsorganisation
 in der heutigen Welt mit allen Mitteln
kämpft.
Daher betrachtet er den Kampf für diese Gesellschaftsorganisation,
 die zugleich eine Forderung und ein Ergebnis der natürlichzeschichtlichen
 Entwicklung bildet, als etwas Ethisches. Die Ethik
des bolschewistischen Menschen ist eine Kampfethik; alles, was
dem revolutionären Klassenkampf des Proletariats dient, ist gut: —
so hat ihren Grundsatz Jaroslawski formuliert *. Im Klassenkampfe,
in seinem Träger, der Partei, sind schon Lebensformen der kommenden
 sozialistischen Gesellschaft vorgebildet. Er zwingt zu
Solidarität, zu freiwilliger, fester Disziplin, zu Fleiß, zum Verzichte
 auf individuelle Wünsche und zum Zurücktreten der eigenen
Person hinter den Forderungen der Partei. Man kann also sagen,
daß alles dem Menschen eigene Streben nach einem sinnvollen
Leben, alles natürliche Bedürfnis des Menschen, über seinen Alltag
hinauszukommen, seiner Tätigkeit einen überpersönlichen Sinn zu
zeben, dem bolschewistischen Menschen durchaus möglich ist.
Aber er ist nicht der ganze Mensch, sondern ein Mensch, dessen
Wesen gleichsam verstümmelt, entscheidender Teile beraubt ist.
Alles Streben des Menschen wird nach diesem Krüppelwesen
bemessen. d. h. die wirtschaftliche und gesellschaitliche Tätigkeit
        <pb n="199" />
        Der bolschewistische Mensch.

137

bestimmen die Fntwicklung aller Tugenden, des geistigen Lebens
 usw.
| Dabei ist noch zu beachten, daß die Entwicklung dieser Tätigkeit
in das durch die marxistische Doktrin bestimmte Schema gepreßt
wird. Der Proletarier ist der Träger des Guten, der sozialistischen
Gesellschaft; die Industrie ist die entscheidende Wirtschaftsmacht,
der Großbetrieb ist die grundlegende Gesellschaftsform. Von hier
aus ergibt sich eine eigentümliche Entleerung des Lebensinhaltes.
Zwar ist alles klar und übersichtlich, aber dafür ist die Fülle des
Lebens verschwunden. Es sind ganz einfache Formen, in denen
das Leben erfaßt werden soll. Sie sind zwar sehr leicht zu handhaben,
 aber sie schalten wesentliche Lebensbezirke des Menschlichen
 aus. Gewiß, diese Äußerungen des Menschlichen können
auch bei den bolschewistischen Menschen auftreten, aber nur im
Panzer dieser das Leben bestimmenden Formeln. Gerechtigkeit,
Freiheit, Güte, Mut, Leidenschaft sind nur dazu da, um. den
marxistisch-leninistischen Formeln zu dienen. Sie werden nur dann
Zewertet, wenn sie dem Klassenkampfe nützen, im Dienste des
Industrieaufbaus der proletarischen- Partei stehen usw. Es ist
dafür bezeichnend, daß die Bolschewisten von Parteiethik sprechen.
Es handelt sich dabei nicht um eine Ethik der Beziehungen ZWischen
 Parteigenossen, sondern um eine Ethik, welche die bisherige
Ethik ersetzen soll.
Es sind ganz bestimmte geschichtlich-gesellschaftliche Eigentümlichkeiten,
 welche diesem Menschenbilde eine verführerische
Gewalt in der heutigen Welt verliehen haben. Der bolschewistische
Mensch ist nämlich der Mensch, welcher die Entwicklung der
modernen Gesellschaft beiaht und zugleich so formen will, daß
sie allen Menschen zugute kommt. Er scheint also diese Entwicklung
 auch ethisch zu rechtfertigen. Man kann den bolschewistischen
Menschen als Erzeugnis der modernen bürgerlichen Gesellschaft
bezeichnen, gerade darum, weil sein Kampf gegen die bestehende
Ordnung dieser Gesellschaft geht. Denn er will ihre Triebkräfte
zu den einzigen Grundlagen der kommenden Gesellschaft machen,
und zwar in einer Weise, welche die Produktion am meisten stei-Zert
 und zugleich allen zugute kommen läßt.
Der bolschewistische Mensch bejaht die Arbeit, den wirtschaftlich-gesellschaftlichen
 Erfolg als die entscheidenden Lebensmächte.
Darin ist er ganz mit der bürgerlichen Gesellschaft des Kapitalismus
 einig. Aber er verwirft die in der bürgerlichen Gesellschaft
noch gegebene Spaltung des Lebens und der Gesellschaft in einen
Bereich des Privaten, in dem noch andere Werte außer wirtschaft-
        <pb n="200" />
        188

6. Teil. Kritik des Bolschewismus.

lichen anerkannt werden, und einen Bereich des Öffentlichen, der
durch die wirtschaftliche Gesetzmäßigkeit bestimmt wird; alles
soll für ihn öffentlich werden. Die Gesellschaft fällt für ihn mit
dem menschlichen Dasein überhaupt zusammen. Daher erscheint
ihm die Trennung von Privatem und Öffentlichem als Ausdruck
einer schlechten Gesellschaftsorganisation. Noch ist die Ordnung
der Gesellschaft nicht so beschaffen, daß die gesellschaftliche
Tätigkeit allen, also der Gesellschaft als Ganzem, nützt. Es gibt
eben noch einen Bereich des Privaten, der über der Gesellschaft
steht, die Ergebnisse der gesellschaftlichen Tätigkeit für sich behält.
 Davon will der bolschewistische Mensch nichts wissen. Er
versteht nicht, wie sich diese Trennung noch rechtfertigen läßt,
wenn die Öffentlichkeit den gesellschaftlich-wirtschaftlichen Erfolg
als entscheidend ansieht. Er zieht aus dieser Bewertung nur die
Folge, wenn er das Private als unmoralisch, als unethisch erklärt.
Es besteht ia nur in der Verwendung der gesellschaftlichen Arbeit,
der wirtschaftlichen Erfolge für persönlichen Genuß. Er setzt
diesem moralischen Individualismus seinen Glauben an den Sinn
der Menschheit in der sich selbst genügenden, das ganze Leben
erfassenden und umgreifenden Gesellschaft entgegen.
Der Atheismus des bolschewistischen Menschen, der als Formulierung
 für den Glauben an die Selbstgenügsamkeit der produzierenden
 Gesellschaft auftritt, setzt also eine bürgerliche Gesellschaft
 voraus, für die der Idealismus, die Betonung des Geistigen
und die Religion nur noch private Angelegenheiten sind, d. h. sie
bestimmen nicht mehr die Öffentlichkeit, sondern sie sind nur
noch als Mächte des Privatlebens vorhanden. Sie stehen in ihren
Forderungen neben dem gesellschaftlichen Leben; in diesem erscheint
 die wirtschaftliche Gesetzlichkeit als alles leitende und
bestimmende Macht. Alle Betonung des Geistigen, Religiösen
scheint nur dazu da zu Sein, um diese Gesetzlichkeit zu stützen
und zu rechtfertigen. Sie dienen der gesellschaftlichen Praxis, sie
sollen sie begünstigen, jedenfalls nicht einschränken. Die Religiosität
 ist so geformt, daß sie den sozialen Aufstieg des Standes, der
die wirtschaftliche Tätigkeit als Grundlage besitzt, des Bürgertums,
 rechtfertigt; sie gerät mit der traditionellen Religion in
Konflikt, wie Groethuysen in seiner Beschreibung des Verhältnisses
des französischen Bürgertums zur katholischen Kirche während der
Vorrevolutionszeit bewiesen hat, wenn diese traditionelle Religion
den sozialen Aufstieg zu hemmen scheint, ihn nicht als den Sinn
des öffentlichen Lebens betrachtet *.
Der Marxismus und damit der Bolschewismus sprechen die
        <pb n="201" />
        Der bolschewistische Mensch. 189

geheime, verborgene Weltanschauung der bürgerlichen Gesellschaft
offen aus, wenn sie die Gesellschaft und die wirtschaftliche Tätigkeit
 als das Absolute ansehen. Zugleich bewahren sie auch noch
ihren ethischen Charakter, wenn sie das Absolute, die wirtschaftende
 Gesellschaft so zu ordnen suchen, daß Gerechtigkeit, Gleichheit
 und Freiheit, die ursprünglichen Forderungen des aufsteigenden
 Bürgertums, für alle möglich werden. Die Wirtschaft ist durch
den Aufstieg des Bürgertums, durch die Entwicklung der bürgerlichen
 Gesellschaft zum Mittelpunkt des öffentlichen Lebens geworden.
 Das Proletariat soll diesen Prozeß fortsetzen und die
egoistischen Sicherungen des Bürgertums, die Bewahrung eines
Privaten, idealistisch-religiösen Bereiches zur Rechtfertigung wirtschaftlicher
 Ungerechtigkeit und Ungleichheit, vernichten.
Wie sieht nun die Wirklichkeit gegenüber dieser Konstruktion
aus? Wie verhält sich der bolschewistische Mensch zum wirklichen
 Menschen? Da muß zunächst zugegeben werden, daß die
kritische Stellung dieses Menschenbildes außerordentlich stark ist.
Der bolschewistische Mensch scheint ja tatsächlich der herrschenden
 Weltanschauung zu entsprechen, die er nur offen ausspricht
und den Massen nicht vorenthält. Der bolschewistische Mensch
scheint der Mann der Wirklichkeit zu sein, der die Interessen der
Massen wirklich auf die wesentlichen Aufgaben lenkt: Er betont
ihre politisch-wirtschaftliche Sendung. Und so wirkt der Bolschewismus
 in einer Welt, die den wirtschaftlich-gesellschaftlichen
Erfolg betont, auf die, denen dieser Erfolg nicht zuteil wird. Er er-Scheint
 ihnen als die Macht, die dem Leben der Gegenwart einen
Sinn verleiht. Der Bolschewismus scheint die Weltanschauung zu
sein, welche von den wirtschaftlichen Tatsachen der Gegenwart
ausgeht und zeigt, daß sie doch einen weltgeschichtlichen Sinn
haben, nicht nur kleinen Menschengruppen nützen.
Damit ist eine entscheidende Voraussetzung der bolschewistischen
Wirksamkeit in der heutigen Welt gegeben. Der Bolschewismus
ist die Utopie, welche den Massen als Ausdruck der wirklichen
Entwicklung erscheint und sie zur Aktivität treibt. Der Bolsche-Wismus
 wendet sich nicht gegen die Welt des Alltags mit ihrer
Bestimmtheit durch Wirtschaft und Arbeit, er verlangt also keine
grundsätzlichen Wandlungen, aber er ermöglicht in dieser Welt
eine Aktivität, er wendet sich an das Sendungsbewußtsein, er
scheint die Grundlage für eine scharfe und doch nicht in Phantastereien
 verpuffende Opposition zu geben. Der Bolschewismus
Wird zum Glauben des Menschen, der durch die moderne bürgerliche
 Gesellschaft entweder jede wirkliche lebendige Beziehung
        <pb n="202" />
        190 6. Teil. Kritik des Bolschewismus.

zur Tradition verloren hat oder dessen Tradition, natürliche Weltanschauung,
 selbstverständliche Religiosität zusammenbricht vor
den Unerträglichkeiten des Alltags. Da erscheint ihm jeder Versuch,
 auf eine Welt des Jenseits zu verweisen, als unwahr und
unwirklich; die Behauptung macht auf ihn Eindruck, daß die Religion
 nur eine Rechtfertigung bestimmter gesellschaftlicher Verhältnisse
 sei, die er als unmöglich, unerträglich empfindet.
Dabei ist zu beachten, daß gerade die barbarische Primitivität
des Bolschewismus, die Einfachheit seiner Formeln besonders
wirksam ist. Sie kann — wie das vor allem in der Sowietunion
der Fall ist — auf Menschen den größten Eindruck machen, die
noch keine lebendige Berührung mit der Zivilisation gehabt haben,
denen daher der Bolschewismus als Träger der Aufklärung usw.
erscheint®. Da wirkt sich die Absperrung der Öffentlichkeit im
Interesse des Bolschewismus als entscheidend aus, die ganze
Öffentlichkeit wird von den bolschewistischen Formeln beschlagnahmt,
 die ganze Aktivität fällt mit dem Bolschewismus zusammen.
Aber die Primitivität des Bolschewismus kann auch auf Schichten
wirken, die von der geschichtlichen Tradition nicht mehr lebendig
bestimmt werden, denen die ganze Kultur und die zuihr gehörende,
wenigstens im Bewußtsein mit ihr verbundene Religion als sinnlos
erscheinen, als etwas, das sie nichts mehr angeht. Nur die Errungenschaften
 der Zivilisation und der Technik werden als sinnvoll
 angesehen, und da kann der Bolschewismus anknüpfen, wobei
er gerade da besonders einflußreich werden kann, wo die Enttäuschung
 über die parlamentarische Arbeit des Sozialismus eingesetzt
 hat.
Das sind die beiden entscheidenden Massentypen, der noch nicht
zur Zivilisation gelangte Russe, Asiate usw. und der durch die
moderne Welt des Kapitalismus Entwurzelte, auf die der Bolschewismus
 am leichtesten Einfluß gewinnt. Ihrer Einstellung erscheint
der bolschewistische Mensch als etwas Sinnvolles und Verlockendes,
 als der Mensch der Wirklichkeit und nicht als ein Krüppel,
dem entscheidende Lebensgebiete fremd sind. Daneben sind noch
die zu nennen, welche den Bolschewismus einfach als Auflösungserscheinung
 begrüßen, die ihn als Gelegenheit zum Aufstieg betrachten,
 der sonst nicht möglich wäre, als Rechtfertigung moralischer
 Zügellosigkeit ansehen, als moderne Form des Liberalismus
einschätzen, weil er gegen die Reaktion sei. Aber man würde den
Bolschewismus gewaltig unterschätzen, wenn man ihn mit diesen
mehr oder minder schmarotzenden Mitläufern gleichsetzen würde.
Seine große Gefahr liegt darin begründet, daß er als die Welt-
        <pb n="203" />
        Von der Utopie zur Tyrannei.

191

anschauung den Massen in der bürgerlichen Gesellschaft des
Kapitalismus erscheinen kann, die ihre wirtschaftliche Tätigkeit
zur Grundlage einer neuen Gesellschaft machen und ihren Aufstierswillen
 befriedigen wollen.

Der Bolschewismus ist eine Macht, die sich als Erbin und Überwinderin
 der bürgerlichen Gesellschaft fühlt. Er beruft sich auf
die Unzulänglichkeiten der bürgerlichen Gesellschaft, auf den sich
in ihr mit Notwendigkeit ausbildenden Gegensatz zwischen den
verelendenden, mindestens keine Aufstiegschancen besitzenden
Massen und den wirtschaftlich Erfolgreichen, auf ihre Wirtschaftskrisen,
 auf ihre innern Gegensätze, die die Welt mit ständiger
Kriegsgefahr bedrohen. Er beruft sich auf ihren praktischen
Materialismus, der alle Ideale und Religionen nur So weit anerkennt,
 wie sie sich der sozialen Geltung und dem wirtschaftlichen
Fortschritt als nützlich erweisen. Er beruft sich auf seinen eigenen
Wagemut, den der greisenhaft werdende Hochkapitalismus mit
seinen Monopolen, seiner Finanzbürokratie USW. nicht mehr kennt.
Gerade die Tatsache, daß der Bolschewismus in Rußland, in der
Sowietunion noch nicht fertig ist, daß er dort erst Versuche des
sozialistischen Aufbaues anstellen muß. wird als Zeichen der Überlegenheit
 hingestellt.
Sicher wäre es durchaus falsch, etwa wegen der Wirkung des
Fünfijahresplanes den Beweis für die erfolgreiche Überlegenheit
der neuen planwirtschaftlichen Methoden als erbracht anzusehen,
aber es kommt für eine grundsätzliche Kritik nicht auf die einzelnen
 Versuche des Bolschewismus an, es kommt nicht darauf an,
zu entscheiden, ob er in der Praxis wirklich seine Versprechungen
erfüllt oder ob nicht sein sog. sozialistischer Aufbau nur einen
Staatskapitalismus schafft, der von einer kleinen Gruppe unter
Zwangsmaßnahmen geleitet und gefördert wird. Es kommt darauf
an, den grundsätzlichen Charakter des Bolschewismus als einer
heuen Religion zu erkennen, die mit der modernen Wendung zu
Politik und Wirtschaft als den Mächten, die dem Leben Sinn verleihen,
 Ernst macht, und diese Wendung mit ethischen Fordetungen
 und Zukunftsversprechungen verbindet. Dadurch erhält
der Bolschewismus eine Schwungkraft und Eindeutigkeit, welche
ihn allen modernen liberalen und nachliberalen Formen des Relativismus
 überlegen macht. Er hat auf alles eine klare Antwort,
und diese Antwort wirkt gerade, weil sie einfach, den Massen

Von der Utopie zur Tyrannei,
        <pb n="204" />
        192 6. Teil. Kritik des Bolschewismus.

verständlich ist, der geheimen Weltanschauung der modernen Welt
entspricht und sich an verschiedene Lagen, Entwicklungen usw.
anpassen kann.
Man kann also den Bolschewismus nicht allein mit politischwirtschaftlichen
 Erwägungen bekämpfen. Er ist eine Heilslehre,
die gerade dadurch modern ist, sich als Kind der bürgerlichen
Gesellschaft erweist, weil sie das Heil der Welt und die Erlösung
der Menschheit mit Hilfe von politischen Maßnahmen und wirtschaftlichen
 Umstellungen erreichen zu können glaubt. Die wirtschaftliche
 und politische Lage der Welt hat sich heute so gestaltet,
 daß man einer solchen politisch-wirtschaftlichen Heilslehre
nicht mit Berufung auf die bewährte bisherige Ordnung entgegentreten
 kann. Es wäre ja zu dieser utopischen Heilslehre und vor
allem zu ihrer Auswirkung nicht gekommen, wenn sich die bestehende
 Ordnung bewährt hätte. Ihr Entstehen und ihre Wirksamkeit
 ist gerade ein Beweis dafür, daß da etwas nicht stimmt.
Der Bolschewismus ist zugleich das Erzeugnis und das Gericht
über die bürgerliche Gesellschaft. Er zeigt, wozu es führt, wenn
wirklich Ernst gemacht wird mit der geheimen Weltanschauung
der bürgerlichen Gesellschaft, wenn damit also ihre Versicherungen
bei ihr an sich fremden Mächten wie der Religion durch die Beibehaltung
 eines privaten Lebensbereiches wegfallen.
Die Kritik des Bolschewismus darf also nicht von seinem Kampfe
gegen die bestehende bürgerliche Gesellschaft ausgehen. Denn von
hier aus ergeben sich nur ganz allgemeine Feststellungen historischpsychologischer
 Art. Da kann es heißen, daß er der besondern
wirtschaftlich zurückgebliebenen Lage Rußlands entspricht. Nur
der Zwang des Bolschewismus konnte die trägen russischen
Massen zur Arbeit bringen, er sei also etwas Asiatisches, das für
den fortgeschrittenen Westen nicht in Frage käme. Damit hat er
sich aus einer religiös-weltanschaulichen Gefahr in eine politischwirtschaftliche
 verwandelt. Er fällt mit der sog. russischen Gefahr
zusammen, die in der raschen Hineinziehung Rußlands in das
moderne Wirtschaftsleben besteht. Die bolschewistische Großmacht
 entwickle ihre Theorien nur zu außenpolitischen Propagandazwecken,
 zur Rechtfertigung der in ihr herrschenden Verhältnisse
 usw. Man nimmt also den Bolschewismus als Heilslehre
ebensowenig ernst wie die eigenen idealistischen Wendungen, mit
denen man seine Geschäfte, seine Machtkämpfe verbirgt. Von hier
aus ist der Bolschewismus höchstens als Gefährdung der Kultur
zu bekämpfen, wobei es aber unklar bleibt, was unter der zu
verteidigenden Kultur zu verstehen ist. Denn die Vertreter dieser
        <pb n="205" />
        Von der Utopie zur Tyrannei. 193

Kultur haben erst ziemlich spät deren Zusammenhang mit dem
Christentum entdeckt. Im 19. Jahrhundert waren sie durchaus
liberal, aufklärerisch, antireligiös eingestellt. Gewiß, alle politischen
und kulturellen Deutungen des Bolschewismus sind sehr wichtig,
aber sie lassen nicht seinen Charakter als Heilslehre erkennen.
Nur dann, wenn man das tut, kann man dem Bolschewismus
Wirklich gefährlich werden. Das wissen die Bolschewisten selber
ganz genau, die gerade die Religion als ihren gefährlichsten
Gegner ansehen. Denn das Absolute der Religion, der Gott, auf
den als Herrn und Schöpfer der Welt die Menschheit und der
einzelne Mensch hingeordnet sind, läßt den Glauben an die Utopie
der sich selbst genügenden sozialistischen Gesellschaft nicht zu.
Die Enthüllung der Unzulänglichkeit und Unwirklichkeit des
bolschewistischen Menschen, der Träger der bolschewistischen
Theorie und Vorbild für die bolschewistische Praxis ist, darf auch
Nicht von allgemeinen Erwägungen ausgehen. Es genügt nicht,
wenn man gegen seine Entleertheit, seine seelische Armut sich
wendet. Die heutige Welt ist auf einer Ebene angelangt, in der
die Höhen des seelischen Lebens nicht mehr zu sehen sind. Man
hat sich in ihr zu viel und zu oft auf Ideen und Ideale berufen,
SO daß die Ideen und Ideale an Glaubwürdigkeit verloren haben.
Die Stärke des Bolschewismus besteht in seinem Ausgehen von der
Sozialen und politischen Wirklichkeit, und man muß den Bolsche-Wismus
 gerade da bekämpfen, wo seine Stärke liegt. Dabei gilt
es, sich nicht an einzelne seiner Unvollkommenheiten zu halten,
Sondern zu zeigen, daß er gar nicht die Ansprüche erfüllt, in deren
Namen er auftritt, daß sein Mensch gar nicht der wirkliche Mensch
ist, daß seine Herrschaft zu ganz andern Ergebnissen führen muß,
als er erreichen will, daß er sich also seiner Utopie nicht nähert,
Sondern sich von ihr nur entfernt. Dabei muß als Ausgangspunkt
das angesetzt werden, was in der bisherigen Beschreibung sich
als Ergebnis der Entwicklung ergab.
Der Bolschewismus wendet den Terror nur im Interesse der
Herbeiführung einer gewaltlosen Gesellschaftsordnung an. Was
ist in Wirklichkeit aus dieser Behauptung geworden? Der Terror
hat sich immer mehr und mehr ausgedehnt. An Stelle der freiwilligen
 Solidarität wird immer mehr der Terror angewandt. Nicht
nur gegen Klassengegner, sondern auch gegen Parteigenossen, die
anders denken als die Führer, also die Sog. Generallinie nicht
anerkennen wollen. Das hat zu einer moralischen Korruption
Schlimmster Art geführt; es herrscht Unwahrhaftigkeit, es ent-Wickelt
 sich eine soziale Anpassungstechnik an die maßgebende
Qurian, Der Bolschewismus. 13
        <pb n="206" />
        194 6. Teil. Kritik des Bolschewismus.

Meinung. Die Bolschewisten haben der bürgerlichen Freiheit den
Vorwurf der Unehrlichkeit gemacht; sie sei nur eine Scheinfreiheit,
welche die Herrschaft einer Klasse rechtfertige. Die Diktatur des
Proletariats ist zu einer Diktatur über das Proletariat geworden,
mögen auch ihre Träger noch an ihren Zielen festhalten. Denn es
ist unmöglich, eine Grenze des Terrors festzusetzen, wenn man ihn
einmal als politische Waffe anerkannt hat. Trotzki beklagt sich
völlig zu Unrecht über die terroristischen Mittel, die Stalin im
Kampfe gegen ihn gebraucht hat*. Stalin behandelte Trotzki als
eine Gefahr für den Bolschewismus, und da war eben jedes Mittel
gerechtfertigt. Denn wer entscheidet, was eine Gefahr für den
Bolschewismus ist, nachdem man einmal sich auf den Boden der
bolschewistischen Doktrin begeben. hat, welche die Partei als
Instrument zur Errichtung der sozialistischen Gesellschaft betrachtet?
 Die Parteileitung. Daher gibt es gar keine moralischen
Grenzen für den bolschewistischen Terror. Das Terrorsystem hat
einen bestimmten herrschenden Typus entwickelt, für den die
Herrschaft, mag er auch noch an der Doktrin festhalten, mehr
bedeutet als alles andere. Dabei ist diese Herrschaft anders begründet
 als früher. Die persönliche Bewährung ist sicher wichtiger
geworden als in der Vergangenheit; aber diese Bewährung braucht
durchaus keine Bewährung zu sein, die mit dem Interesse der
Gesamtheit zusammenfällt, im Gegenteil, sie beruht auf persönlicher
 Rücksichtslosigkeit, Grobheit usw.
Damit ist gesagt, daß von dem Absterben der Bürokratie, das
Lenin als ein Hauptziel des Bolschewismus angekündet hat, keine
Rede sein kann, Sie ist durch eine neue, gewiß nicht so gut gesicherte
 wie die alte, dafür aber technisch noch weniger gewandte
und noch weniger an Rücksichten gebundene ersetzt worden. Ist
das alles zufällig? Ein Ausdruck vorübergehender Unvollkommenheit?
 Das ist nicht zufällig, sondern nur ein Beweis für die rein politische
 Bedeutung der bolschewistischen Vorstellung vom Menschen
und der ihm entsprechenden sozialistischen Gesellschaft. Die
Erhebung des politischen und wirtschaftlichen Lebens zur entscheidenden
 Daseinsmacht hat zu einer Entmenschlichung des
Menschen geführt. Er muß sein Ziel auf alle nur mögliche Weise
zu erreichen suchen, und da das Ziel unerreichbar ist, da die Gesellschaft
 nicht harmonisch von selber arbeiten kann, Autoritäten
und Führer besitzen muß, die sie leiten und bestimmen, führt der
Glaube an die Utopie von der sich selbst genügenden Gesellschaft
zu einer ständigen Steigung des Druckes gerade bei denen, die
an die Utopie glauben, sie wirklich ernst nehmen und nicht nur als
        <pb n="207" />
        Von der Utopie zur Tyrannei. 195

Möglichkeit und Rechtfertigung des eigenen Aufstiegs benützen.
Der Druck wiederum erzeugt als Folge eine moralische Korruption
und Heuchelei, von der aus kein Weg zur Reinigung der Gesellschaft
 führt. Daher steigern Druck und Heuchelei einander immer
mehr, bis der Zeitpunkt kommt, an dem der Terror aus dem
Willen, die Doktrin, die Utopie zu verwirklichen, sich in einen
Terror im Interesse der Machterhaltung verwandelt. Hier zeigt
sich die Unwirklichkeit: aller Heilslehren, die eine Erlösung auf
Erden versprechen. Eines Tages erweisen sie sich als Ausdruck
gegebener Verhältnisse, als Rechtfertigung bestehender, ungerechter,
 unerträglicher Verhältnisse, und die neue Revolution wendet
Sich gegen sie, die ursprünglich durch die Revolution zur Macht
gekommen sind. Im Namen einer neuen Utopie wendet man sich
gegen die alte, welche nur zur Rechtfertigung des Unrechts, der
Wnerträglichen Gegenwart geworden ist. Von der Utopie zur
Tyrannei ist immer nur ein Schritt, und oft merken die Träger der
Utopie gar nicht, wann sie diesen Schritt gemacht haben.
Die Tyrannei, zu welcher die bolschewistische Heilslehre führt,
darf nicht mit politischem und wirtschaftlichem Druck gleichgesetzt
werden. Sie ist viel umfassender und damit viel unerträglicher
als eine normale Gewaltherrschaft, weil sie auf einer grundsätzlichen
 Weltanschauung, einer bestimmten Auffassung vom Wesen
des Menschen, vom Ziele der Gesellschaft usw. beruht. Sie will
dem Menschen ganz bestimmte Ansichten aufzwingen, sie begnügt
sich nicht mit seinem Gehorsam gegenüber staatlichen und wirt-Schaftlichen
 Vorschriften. Der Mensch soll restlos vom Bolsche-Wismus
 ergriffen und erfaßt werden. In Zukunft soll es ja keinen
Gegensatz zwischen dem einzelnen und der Gesellschaft geben.
Dann muß das Leben des einzelnen mit der als Ziel der Geschichte
gedachten sozialistischen Gesellschaft zusammenfallen. Und daher
hat heute nur das ein Recht zum Dasein, was dieser Entwicklung
dient, Dies führt zu einem geistigen Druck von unerhörtem Ausmaße.
 Alles geistige Leben soll vernichtet werden, Soweit es nicht
bolschewistischen Zielen und Zwecken dient. An die Stelle der
geistigen Freiheit und Selbständigkeit treten die Formeln der
bolschewistischen Lehre, — die Religion hat zu verschwinden, die
wissenschaftliche Forschung hat nur die Ergebnisse zu erzielen,
Welche den Thesen des dialektischen Materialismus entsprechen
und vor allem der bolschewistischen Herrschaft dienen.
Diese Beschlagnahme des gesamten Lebens durch den Bolsche-Wismus
 wird um so unerträglicher, je mehr es sich zeigt, daß die
bolschewistischen Formeln der Wirklichkeit nicht entsprechen, je
13*
        <pb n="208" />
        196 6. Teil. Kritik des Bolschewismus.

mehr sich der Bolschewismus aus einer Utopie in. eine politische
Tyrannei verwandelt. Die bolschewistische Herrschaft führt zu
einer Massenverdummung im größten Stil; der die moderne Technik
beherrschende Barbar, — das ist der bolschewistische Mensch,
wie er bestenfalls in der Wirklichkeit aussieht. Nur die Technik,
die Wirtschaftsbewältigung, die Behauptung im gesellschaftlichen
Kampfe interessiert ihn. Alles andere fällt weg, wird ausgeschaltet.
Gewiß, auf Massen, welche die moderne Zivilisation nicht kennen
und erst zu ihr hingeführt werden müssen, deren Land erst industrialisiert
 werden muß und deren Lebensniveau bisher außerordentlich
 niedrig war, kann die bolschewistische Erziehung als
Fortschritt wirken, aber diese Wirkung wird eines Tages aufhören.
Von der Zukunftsperspektive, von wirtschaftlichen Versprechungen
allein kann der Mensch auf die Dauer nicht leben. Selbst im Falle
des Gelingens der wirtschaftlichen Pläne, der damit verbundenen
Besserung des Lebensniveaus und Regelung der Aufstiegschancen
würde eine geistige Krise des Bolschewismus eintreten.

Die Krankheiten der bolschewistischen Gesellschaft,

Heute kann der Bolschewismus über die Leerheit seines Menschenbildes,
 die Armut seiner Menschheitsziele durch das Pathos des
Kampfes wegtäuschen; dieses Pathos kann die Unzulänglichkeit
der bestehenden Verhältnisse verdecken, es kann die Tatsache
verbergen, daß die Doktrin sich aus einer zukunftsweisenden Utopie
in die Rechtfertigung des Terrorsystems, der Rechtlosigkeit des
einzelnen gegenüber dem Parteistaat verwandelt hat. Aber kann
dieses Pathos auf die Dauer anhalten? Wenn der Fünfjahresplan
erfüllt ist, soll ein neuer Wirtschaftsplan wahrscheinlich für zehn
Jahre an seine Stelle treten. Aber kann das den Menschen auf die
Dauer befriedigen? Kann das ihm hinweghelfen über das Versagen
 der Theorie, auf die sich die Herrschenden berufen, gegenüber
 der Wirklichkeit? Gerade die Tatsache, daß das Leben sich
nicht gemäß den marxistischen Vorschriften entwickeln will, zwingt
zu einer ständigen Steigerung des Druckes auch auf geistigem
Gebiete. Es soll nicht mehr die Möglichkeit bestehen, sich eine
andere Lebensmöglichkeit als die des bolschewistischen Regimes
zu denken.
Diese Aufgabe erfüllt die Absperrung Rußlands vor der Außenwelt.
 Die nichtbolschewistische Welt erscheint nur noch in der
Verzerrung bolschewistischer Formeln und Propagandalosungen.
Sie besteht nur in der Unterdrückung des Proletariats, der Organi-
        <pb n="209" />
        Die Krankheiten der bolschewistischen Gesellschaft. 197

sierung von Kommunistenverfolgungen, der Vorbereitung von
Interventionen gegen den proletarischen Staat. Das Absterben
geistiger und religiöser Bedürfnisse soll, weil die Zensur sich nicht
als ausreichend erweist, mit Gewalt und Druck gefördert werden.
Aber auf die Dauer wird da die Gewalt ebenso versagen, wie sie
als Mittel für die Herstellung einer gewaltlosen Gesellschaft bisher
versagt hat. Die Gewaltanwendung führt dazu, daß die Gewalt
Sich absolut setzt, — das zeigt Sich in der heutigen Sowietunion
immer mehr und mehr. Sie wirkt nicht als Geburtshelferin neuen
Lebens; von einem Wachsen der proletarischen Kultur im bolsche-Wistischen
 Sinne ist keine Rede. Die Kultur wird zur Übernahme
westeuropäischer Zivilisation, die dadurch, daß sie auf frische,
Unverbrauchte Schichten stößt, eine andere Tönung bekommt. Die
Technik erscheint als etwas Absolutes, Göttliches, aber bald setzt
die Enttäuschung ein. Der Bolschewist, der, aus dem Bürgerkriege
Zzurückgekommen, sich nicht in das Alltagsleben einordnen kann,
wird heute vom Bolschewisten abgelöst, der verzweifelt, weil er
merkt, daß die Technik, die wirtschaftliche Arbeit ihn nicht zu
befriedigen, zu erfüllen vermag.
Diese Mentalität, diese Enttäuschung braucht natürlich nicht zu
tinem völligen Zusammenbruch zu führen. Beim Durchschnitts-Menschen
 führt sie einfach zur Anpassung, d. h. er nimmt die
bestehenden Herrschaftsbegründungen nicht mehr ernst, er benützt
sie nur als Gelegenheit zum Aufstieg, zur Selbstbehauptung, Auf
diese Weise entwickelt sich der bolschewistische Spießbürger, der
in der Sowietunion immer mächtiger wird. Er benützt die bestehenden
 Organisationen, um sich Vorteile zu verschaffen, er sagt
sich etwa öffentlich von seinen nichtproletarischen Eltern los und
tritt dem Komsomol bei, um sich die Möglichkeit zum Studium zu
verschaffen. Er ist der treueste Vorkämpfer der Sog. Generallinie,
des herrschenden Parteikurses, weil er dadurch Karriere macht,
er wendet sich gegen persönliche Feinde mit der Anklage,‘ daß sie
den Fünfijahresplan sabotieren oder daß sie trotz äußerer Zugehörigkeit
 zur Partei nicht mehr an die sozialistische Sache
glauben®. In keiner Weise erweist sich die von den Bolschewisten
Feschaffene Gesellschaft als ein Mittel zur Hebung des Menschen,
im Gegenteil, gerade dadurch, daß Technik, wirtschaftlicher Erfolg
entscheidend werden, sinkt das Niveau des gesamten Lebens, die
Tugenden können sich gleichsam nur verkappt äußern, es wird eine
Barbarei und Primitivität gefördert, die durch die Losung: „Es
gilt, die fortgeschrittenen Länder einzuholen!“ nicht verändert
Wird.
        <pb n="210" />
        38

6. Teil. Kritik des Bolschewismus.

Die neuen Gesellschaftsformen, die der Bolschewismus geschaffen
hat, entwickeln sich also in einer Richtung, die in keiner Weise
den Zielen der bolschewistischen Utopie entspricht. Die Ehegesetzgebung
 hat zu einer Verrohung der Beziehungen der Geschlechter
 geführt, insbesondere Schädigung der Frau hervorgerufen,
 an die ihre Urheber, von den Theorien verblendet, nicht
gedacht hatten. Was nützen alle wirtschaftlichen Sicherungen,
wenn die zu zahlenden Alimente einfach nicht einzutreiben sind,
wenn durch den Wechsel der Beziehungen, wie gerade Bekenntnisse
 bolschewistischer Jugendlicher und Gerichtsverhandlungen
beweisen, menschliche Schädigungen eintreten? Man kann Fälle,
wie die Ermordung der untreuen Gattin durch den bolschewistischen
 Arbeiter, nicht durch Berufung auf bewahrte bürgerliche
Vorurteile erledigen®. Die Behauptung des bolschewistischen Eherechtes,
 daß es auf die Treue der Gatten nicht ankomme, weil das
Zusammenleben der Geschlechter nicht ein Besitzverhältnis be-Zründe,
 erweist sich einfach als dem Leben, der menschlichen
Natur nicht entsprechend. Da sind alle Hinweise auf die Zeit
des Übergangs nicht durchschlagend, weil es unmöglich ist, das
Wesen des Menschen durch wirtschaftliche Umorganisation zu
ändern. Nationale Gegensätze werden, wie die. häufigen Klagen
der bolschewistischen Presse beweisen, ebenfalls nicht durch die
Klassenzugehörigkeit, wie die Theorie behauptet, überwunden.
Nationen, die zum Selbstbewußtsein gelangt sind, lassen sich nicht
durch die bolschewistische Wirtschaftspolitik ohne Druck zu einer
Einheit zusammenfassen. Die bolschewistische Wirtschaftspolitik
wird stark bestimmt durch die Notwendigkeit, nationale Gegensätze
 in der Form einer Rücksichtnahme auf Bundesrepubliken
zu beachten. Sie ist also ihrem Ideal der rein rationalen Planmäßigkeit
 nicht treu geblieben. Die wirtschaftlichen Erfolge erzeugen,
um den entscheidenden Einwand gegen die bolschewistische Utopie
anzuführen, nicht den Träger der neuen sozialistischen Gesellschaft,
 sondern einen selbstbewußten Fgoisten, auf den nur Argumente
 der Gewalt Eindruck machen.
Das alles wird heute noch durch den Kampf verschleiert. Es
kann heute heißen: „Noch sind wir nicht so weit, noch muß man
gegen die jahrhundertealten religiösen und nationalen Vorurteile
ankämpfen, noch wirkt das Erbe der bürgerlichen Gesellschaft,
noch zeigen sich die Unzulänglichkeiten des alten Regimes.“ Aber
nehmen diese Unzulänglichkeiten in der neuen Ordnung wirklich
ab? Sie nehmen nicht ab, sie kehren nur in neuen Formen wieder.
Merkt man etwas von neuen menschlichen Beziehungen in der
        <pb n="211" />
        Die Krankheiten der bolschewistischen Gesellschaft. 199

Partei? Gewiß, da gibt es Elemente, die durch Erinnerungen an
die gemeinsamen Leiden der Vergangenheit, an die Verfolgungszeit
 des Zarenregimes zusammengehalten werden, die an die Utopie,
für die sie ihr Leben eingesetzt haben, glauben; aber das hat nicht
Kämpfe gehindert, die sich in den häßlichsten Formen als Kämpfe
um die persönliche Macht abgespielt haben. Auch da zeigt sich
iene Heuchelei und Streberei, welche die Bolschewisten als Triebkräfte
 der bürgerlichen Gesellschaft kennzeichnen. Für die bolsche-Wistische
 Partei selber gilt also die Frage: „Gesellschaftliche Um-Zruppierung,
 wirtschaftliche Neuordnung, aber was dann?“ Die
Änderungen der gesellschaftlichen und politischen Struktur vermö-Zen
 nicht den Menschen zu ändern, sie vermögen nur die AÄußerungsformen
 der menschlichen Tugenden und Laster zu wandeln.
Nun könnte man die Ansicht vertreten, daß Unzulänglichkeiten,
Wie sie im Bolschewismus gegeben sind, in jeder Gesellschafts-Ordnung
 auftauchen, und daß es daher falsch ist, sie dem Bolsche-Wismus
 besonders vorzuhalten. Diesem Einwande gegenüber muß
aber doch festgestellt werden: Der Bolschewismus will ja gerade
die Erlösung der Menschheit durch politisch-gesellschaftliche Maßnahmen
 erreichen. Das unterscheidet ihn von andern Gesellschaftsbewegungen,
 die nur augenblickliche politische und wirtschaftliche
Ziele verfolgen, also etwa ein bestimmtes Regime durch ein anderes
ersetzen wollen und daher nur Ausdruck einer Zirkulation der
Eliten, einer Ablösung der führenden Gruppen darstellen. Man kann
den Bolschewismus nicht von seiner Utopie lösen oder seine Utopie
nur als ein Propagandamittel betrachten. Seine ganze Stoß- und
Wirkkraft beruht ja auf dem Anspruch, die wahre Gesellschafts-Ordnung
 zu bringen und zu schaffen. Nur von diesem Anspruch
aus läßt sich seine Politik verstehen, die oft andere Bahnen hätte
einschlagen können, wenn nicht die bolschewistischen Führer an
der Utopie festgehalten hätten.
Die nüchterne Betrachtung seiner Wirksamkeit zerstört allerdings
 diesen Anspruch und läßt damit seine Wandlung in ein
Regime neben andern als notwendig erscheinen. Gerade weil der
Bolschewismus in seinen grundsätzlichen Anschauungen der
Menschennatur nicht entspricht, muß er zu einem politisch-wirtschaftlichen
 System führen, das seinen Theorien radikal entgegengesetzt
 ist. Fr kann diese Kluft zwischen seiner Utopie und der
Wirklichkeit zwar heute noch durch die Berufung auf die Sog.
Übergangszeit verdecken, aber je länger er herrscht, desto klarer
wird es sich zeigen, daß das, was er als Übergangszeit ausgibt,
sich in seinem Gewaltcharakter immer mehr und mehr befestigen
        <pb n="212" />
        200 6. Teil. Kritik des Bolschewismus.

wird. Seine eigenen Theorien und Heilsversprechungen sind in
Wirklichkeit das, was er der Religion vorwirft: Sie sind Opium. Sie
ermöglichen und rechtfertigen Anstrengungen, die bei klarer Einsicht
 in die Wirklichkeit nicht möglich wären. Sein grundlegender
Irrtum ist die Betrachtung des Menschen als eines gesellschaftlichwirtschaftlichen
 Wesens, das seinen Lebenssinn in der gut organisierten
 Gesellschaft findet, das mit Hilfe von gesellschaftlichen
Reformen und Änderungen gewandelt werden kann.
Der wirkliche Mensch ist viel schwieriger zu verstehen als der
bolschewistische Mensch. Er besitzt Traditionen und Leidenschaften,
 die keine gesellschaftliche Änderung aufheben kann, die
in allen gesellschaftlichen Ordnungen wiederkehren. Er ist ein
Mensch, auf den stets ein gewisser Zwang ausgeübt werden muß,
weil er sonst gerade zu einem menschlichen, sozialen Verhalten
nicht zu gewinnen wäre, Der wirkliche Mensch kann nie Träger
einer sich selbst genügenden Gesellschaft sein; wenn er diese sich
selbst genügende Gesellschaft schaffen will, so wird er zum Tyrannen.
 Eine bestimmte Schicht bemächtigt sich der Herrschaft
über die andern, die von ihren gesellschaftlichen Idealen nichts
wissen wollen, und damit bildet sich das alte Verhältnis von
Führern und Geführten neu heraus. Der Bolschewismus wird
gerade durch seine Entwicklung zu einer Tyrannei, durch die Verwandlung
 seiner Utopie, seiner Heilslehre in eine Ideologie zur
Rechtfertigung der Herrschaft seiner Vertreter ein unfreiwilliger
und darum um so eindrucksvollerer Zeuge für das Vorhandensein
einer unverbrüchlichen Gesellschaftsordnung, die darauf beruht,
daß es keine vollkommene, sich selbst genügende menschliche
Gesellschaft geben kann. Die Unmenscklichkeiten des Bolschewismus
 sind gerade darin begründet, daß er die menschliche Natur
und damit auch die Grenzen der Gesellschaft in ihrer Bedeutung
verkennt. Er glaubt, daß es eine vollkommene Gesellschaft geben
kann, und damit verwandelt er sich gerade in das Instrument
größter Tyrannei.
Die Wirksamkeit der bolschewistischen Utopie in der heutigen
Welt beruht darauf, daß der Bolschewismus sich auf die bestehende
Wirklichkeit beruft: Seine Utopie sei nur der Ausdruck der notwendigen
 Entwicklung. Er behauptet, die Schwierigkeiten des
Kapitalismus lösen zu können. Bereits im heutigen Rußland sei ja
die Arbeitslosigkeit verschwunden, er bezeichnet sich als Befreier
von augenblicklichen unerträglichen Verhältnissen. In Rußland
kam er zur Macht, weil er die Friedenssehnsucht der Massen zu
befriedigen schien, und heute verspricht er der gesamten Welt, sie
        <pb n="213" />
        Die Krankheiten der bolschewistischen Gesellschaft. 201

von der drohenden Kriegsgefahr, die durch den Gegensatz der
kapitalistisch-imperialistischen Mächte hervorgerufen wird, zu beireien,
 Man muß stets bei der Kritik des Bolschewismus die Tatsache
 beachten, daß er ein Produkt der bürgerlichen Gesellschaft
ist und mit dem Anspruch auftritt, sie in einer für alle befriedigenden
 Weise zu organisieren. Es ist ein beliebter Vorwurf der Bol-Schewisten
 gegen alle, die ihn bekämpfen, daß sie im Grunde
genommen nur praktische Materialisten sind, sich auf Geist, Kultur
und Religion nur aus politisch-wirtschaftlichen Gründen zur Erhaltung
 ihrer Machtstellung und ihrer wirtschaftlich günstigen Lage
berufen. Daher darf der Kampf gegen den Bolschewismus nicht
mit einer völlig unkritischen Verteidigung der bestehenden Gesellschaftsordnung
 zusammenfallen. Das päpstliche Organ, der „Osservatore
 Romano“, hat in einem berühmt gewordenen Artikel über
bolschewistische Blasphemien, die Christus als einen Wand-Schirm
 für das Treiben der Ausbeuter hinstellen, die Frage aufgeworfen:
 Wie konnten diese Blasphemien so wirksam werden,
Wie konnten sie einen starken Eindruck auf Massen machen? Und
es beantwortete diese Frage mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit,
 für eine gerechte Gesellschaftsordnung einzutreten.
Es wäre durchaus falsch, aus der Unvereinbarkeit der bolschewistischen
 Utopie mit jeder Religion und ihrer verhängnisvollen
Wirkung in der Praxis, ihrer Entwicklung zu einer Gewaltherrschaft
 den Schluß zu ziehen, daß das Auftreten des Bolschewismus
eine rein negative Bedeutung habe, daß der Bolschewismus einfach
 als eine böse Macht in einer gesunden, trotz aller Unvollkommenheiten
 zu verteidigenden Gesellschaft entstanden sei. Der
Bolschewismus muß als ein Gericht über die bürgerliche Gesell-Schaft
 aufgefaßt werden, als eine Enthüllung bestehender Miß-Stände,
 an denen man vielleicht zu lange, ohne auf sie zu achten,
vorbeigegangen war. Er läßt diese Mißstände in aller Schärfe erkennen;
 darin besteht seine Bedeutung, er ist eine Warnung davor,
sich einfach mit den bestehenden Verhältnissen zufrieden zu geben.
Der bolschewistische Materialismus, die bolschewistische Behauptung,
 daß es vor allem auf Wirtschaft und Politik ankomme,
mußte in einer Welt Eindruck machen, die tatsächlich in wirtschaftlichen
 und politischen Machtkämpfen den Sinn alles öffentlichen
 Lebens zu sehen schien. Der Bolschewismus tritt auf im
Gefolge von politischen Krisen, welche deutlich beweisen, daß es
in den Machtkämpfen der Staaten keine Rücksicht auf die sooft
verkündeten Losungen der Gerechtigkeit, Freiheit usw. gibt, er
berleitet als gefährlicher Schatten die Wirtschaftskrisen, die an-
        <pb n="214" />
        202 6. Teil. Kritik des Bolschewismus.

zudeuten scheinen, daß die bestehende Wirtschaftsordnung infolge
falscher Organisation den Lebensbedarf aller Menschen trotz aller
Überproduktion nicht zu decken vermag. Der Bolschewismus ist
das notwendige Ergebnis einer Welt, für die das Christentum, ihre
HAinordnung auf das Jenseits zu einem privaten Glaubensartikel
geworden ist, der auf die Gestaltung der Öffentlichkeit keinen
Einfluß mehr hat.
Da scheint der Bolschewismus die neue Wahrheit, die neue
Religion zu sein, welche dem sinnlos gewordenen, unerträglichen
Leben einen neuen Sinn verleiht. Da scheint der Bolschewismus
durch seine Wirtschaftsexperimente etwas Neues in eine Welt
bringen zu können, die egoistisch, kraftlos geworden, an alten
Gegebenheiten starr festhält. Da scheint er gegenüber allen
Sonderbestrebungen einzelner gesellschaftlicher Gruppen, einzelner
Staaten die Vorstellung von der Einheit der Menschheit und der
Weltgeschichte wieder zu wecken; ihr gegenüber verblassen alle
einzelnen politischen und wirtschaftlichen Kämpfe, erst sie gibt
ihnen den zusammenfassenden und überwältigenden Hintergrund.
Des Relativismus, des Hinweises auf eine allmähliche Entwicklung
müde, neigen Schichten der Menschheit, welche sich als Opfer der
bestehenden Verhältnisse betrachten, dazu, vom Bolschewismus
etwas Neues, etwas Erlösendes zu erwarten. Er verbündet sich
mit den kulturkritischen Strömungen, mit einer Katastrophengesinnung,
 die keine Rettung außer durch Gewaltexperimente sieht,
er benützt die nationalen Freiheitsbewegungen in Asien und den
Kolonien, um die Unehrlichkeit der bürgerlichen europäischen
Gesellschaft mit ihren Gerechtigkeits- und Freiheitslosungen in
der ganzen Welt zu enthüllen, er wird zum Träger aller Bewegungen,
 welche gegen die bestehende Ordnung gerichtet sind.
Gewiß, er erleidet dabei mancherlei Enttäuschungen: Die nationale
Revolution in China verwandelt sich nicht, wie die Führer der
Sowjetunion gehofft hatten, in eine proletarische, aber es ist nicht
zu verkennen, daß der Bolschewismus sich als eine aufsteigende
Bewegung gegenüber der bisher fortgeschrittenen, übersättigten
Welt fühlt, gerade weil er in einem wirtschaftlich zurückgebliebenen
 Gebiete zur Macht gelangt ist.

Die Kirche zwischen Bolschewismus und bürgerlicher
Gesellschait.

Die Stellung des Christen zum Bolschewismus ist darum nicht
einfach zu bestimmen, weil die Wirksamkeit seiner Utopie auf dem
        <pb n="215" />
        Die Kirche zwischen Bolschewismus und bürgerlicher Gesellschaft. 203

Bestehen einer allem andern als christlicher Auffassung entsprechenden
 Ordnung des Gesellschaftslebens beruht. Es darf aber,
trotzdem es falsch wäre, keinen Unterschied in den Fronten des
Christentums und der bürgerlichen Gesellschaft zum Bolschewismus
 zu sehen, nicht verkannt werden, daß die bolschewistische
Bewegung für das Christentum eine entscheidende Gefahr darstellt.
 In der bürgerlichen Gesellschaft kann die Kirche noch
Wirken, sie wird zwar praktisch mehr und mehr als bestimmende
Macht aus der Öffentlichkeit verdrängt, nur noch als eine moralische
 Kraft der Nation anerkannt, aber immerhin hat sie noch die
Möglichkeit, zu wirken und ihre Lehre zu verbreiten. Das gilt
Selbst für einen Staat mit einer so extrem antikirchlichen Gesetzgebung,
 wie es etwa Frankreich ist. Die Kirche hat in der bürgerlichen
 Gesellschaft und ihrem Staate die Möglichkeit, ihre
Stimme zu erheben. Selbst der antiklerikale Staat wagt es nicht,
mit Gewalt und rücksichtsloser Beschlagnahme der Öffentlichkeit
für den Atheismus die Religion zum Absterben zu bringen. Er ist,
Mag er auch auf einer antikirchlichen Doktrin beruhen, doch kein
Staat, der es wagt, mit seinen Doktrinen wirklich Ernst zu machen.
Dazu ist die bürgerliche Gesellschaft und ihr Staat noch allzu
stark an Kulturtraditionen gebunden, die christlich bestimmt sind.
Gerade ihre weltanschauliche Neutralität muß sich nach einer
Periode des Versuches, das Christentum aus der Öffentlichkeit,
aus seiner bisher vorherrschenden Stellung zu verdrängen, in eine
Duldung christlicher Betätigung, kirchlichen Wirkens usw. wandeln.
Dem Bolschewismus ist diese Toleranz und diese Rücksichtnahme
auf traditionelle Gegebenheiten fremd. Er hat eine ganz bestimmte
Geschichtsphilosophie, deren Verwirklichung sein Staat und seine
Wirtschaftsversuche zu dienen hat. Diese Geschichtsphilosophie
sieht als Ziel der Menschheit die sich selbst genügende Gesellschaft
 an, und daher ist der Bolschewismus seinem ganzen Wesen
nach gegenüber dem Christentum, der Kirche intolerant. Er kann
also nicht ein Wirken der Kirche in seiner Gesellschaft und seinem
Staate auf die Dauer dulden, er ist in dieser Auffassung viel konsequenter
 als der Staat der bürgerlichen Gesellschaft. Er will eine
vollständige Einheit zwischen Öffentlichkeit und privater Gesinnung.
 Fr ist sozialer Atheismus; daher gilt ihm jede Tätigkeit der
Kirche, jede Propaganda der Religion als ein Zeichen der Rückständigkeit,
 als ein Beweis dafür, daß sein Ziel noch nicht erreicht
 ist.
Da der Bolschewismus mit Versuchen verbunden ist, die kirchliche
 Tätigkeit aus der Öffentlichkeit zu verdrängen — die vor-
        <pb n="216" />
        204 6. Teil. Kritik des Bolschewismus.

läufige Toleranz ist nur ein Ausdruck dafür, daß die Gesellschaftsordnung
 noch rückständig ist, sie ist also von Zweckmäßigkeitserwägungen
 bestimmt —, da der Bolschewismus die Möglichkeiten
kirchlicher Wirksamkeit immer mehr und mehr einengt, ist es
verständlich, daß die Kirche ihm gegenüber die Ordnung der
bürgerlichen Gesellschaft und ihres Staates vorzieht. Denn hier
ist noch die Möglichkeit zum Wirken gegeben, hier ist noch die
Möglichkeit vorhanden, den Versuch zu machen, die Öffentlichkeit
im christlichen Sinne zu beeinflussen, hier sind noch gesellschaftliche
 Grundsätze wirksam, die auf der christlichen Tradition
beruhen. Trotz aller Bedrohungen durch die Entwicklung des
Wirtschaftslebens, trotz aller Lockerungen der Scheidungsgesetzgebung
 ist die Einehe noch rechtlich besonders geschützt und
gesichert. Trotz aller ihrer Unvollkommenheiten wahrt die bürgerliche
 Gesellschaft also jene Menschenrechte, welche dem Bolschewismus
 nicht bekannt sind. Der Staat steht nicht im Dienste einer
bestimmten gesellschaftlichen Doktrin, die mit dem Christentum,
mit jeder Religion schlechthin unvereinbar ist. Das sind die Tatsachen,
 welche die Stellung der Kirche im Kampfe gegen den
Bolschewismus an den Seiten der bürgerlichen Gesellschaft begründen.

Neben der grundsätzlichen Unvereinbarkeit der bolschewistischen
Utopie von der sich selbst genügenden Gesellschaft mit der christlichen
 Lehre sind es die politischen und gesellschaftlichen Methoden
 des Bolschewismus, die seinen Gegensatz zur Kirche begründen.
 Der Bolschewismus hat infolge seiner mechanistischen
Gesellschaftsauffassung — er betrachtet gesellschaftliche Umorganisationen
 und Umgruppierungen als Mittel zur Wandlung des
menschlichen Wesens — die Neigung, mit Gewalt und äußern
Maßnahmen, Gesetzen, Dekreten usw. gegen alles Bestehende
vorzugehen. Er hat keinen Sinn für Tradition, für Rücksichtnahme
auf Gegebenes. Was sich nicht der ihm als notwendig erscheinenden
 Entwicklung fügen will, wird auf alle als politisch zweckmäßig
 betrachtete Weise bekämpft, und zwar handelt es sich bei
diesem Kampfe um einen Vernichtungskampf gegen bestimmte
gesellschaftliche Gruppen, gegen Klassen, die als Träger der Ausbeutung
 hingestellt werden. Dadurch wird der politische und
soziale Terror gerechtfertigt. Es gitt eben soziale Schichten, die
im Interesse der Menschheit, d. h. der kommenden sozialistischen
Gesellschaft zu verschwinden haben.
Diese Ausschaltung der Gerechtigkeit, auf die alle Staatsbürger
und alle Gesellschaftsglieder Anspruch haben, im bolschewistischen
        <pb n="217" />
        Die Kirche zwischen Bolschewismus und bürgerlicher Gesellschaft. 205

Staate, der bewußt als Partei- und proletarischer Klassenstaat
Organisiert wird, widerspricht der grundlegenden Aufgabe alles
staatlichen und gesellschaftlichen Lebens. Das Allgemeinwohl wird
durch die Konstruktion der Diktatur des Proletariats für die
Gegenwart, für die Übergangszeit ausgeschaltet, es verwandelt
Sich in eine abstrakte Zukunftsvorstellung. Die sozialistische Gesellschaft
 ist Ausdruck des Allgemeinwohls, daher dienen die
Ungerechtigkeit und Grausamkeit des heutigen Klassenkampfes,
der Diktatur des Proletariats dem Wohle der gesamten Menschheit.
Eine abstrakte Menschheitsvorstellung rechtfertigt also jede Gewalt
und Rücksichtslosigkeit in der Gegenwart. Diese Anschauung
Widerspricht nicht nur wegen ihres Inhaltes, der sich selbst genügenden
 sozialistischen Gesellschaft, dem Wirklichkeitssinne der
Kirche, sie ist schon darum mit der kirchlichen Lehre unvereinbar,
weil sie ganze Menschengruppen einfach außerhalb des Gesetzes
stellt, gleichsam als eine Horde schädlicher Tiere betrachtet, die
man mit allen Mitteln zu vernichten habe. Es sind menschliche
Rücksichten, die Ablehnung des durch den Glauben an eine
Zukunftsutopie begründeten bolschewistischen Terrors, die zum
Kampfe der Kirche gegen die bolschewistische Herrschaft führen.
Sie erweist sich dadurch als Schützerin der Wirklichkeit gegenüber
dem Versuche, sie durch den Glauben an bestimmte Entwicklungsgesetze
 zu unterschlagen. Man kann also sagen, daß nicht die
Bolschewisten, sondern die Kirche für die Menschheit kämpft.
Der Bolschewismus hat ganz bestimmte Vorstellungen über
das gesellschaftliche Leben, die er als allgemein verbindlich hinstellen
 will. Es ist für ihn selbstverständlich, daß die Fortschritte
der Technik wichtiger sind als Rücksichten auf Tradition, es
ist für ihn selbstverständlich, daß das Industrieproletariat die
Klasse sei, welche die kommende Entwicklung zu bestimmen habe.
Es ist für ihn selbstverständlich, daß der Großbetrieb zur Grundzelle
 der kommenden Gesellschaft werden müsse, und daß er
daher ihre Grundlagen zu bestimmen habe im Gegensatz zur alten
Ordnung, in der die Familie entscheidend zu sein schien. Gewiß,
der Glaube an diese Vorstellungen kann sich auf viele Wirklichkeiten
 des heutigen Lebens berufen, darin zeigt sich ja gerade der
Zusammenhang des Bolschewismus mit der bürgerlichen Gesellschaft,
 Aber muß man diese Tendenzen beiahen und verherrlichen?
Die Richtung der bolschewistischen Gesellschaftsänderung bewegt
sich auf Bahnen, die nicht zur Beseitigung der Schäden führen,
von denen die bisherige Ordnung gefährdet und bedroht wurde.
Die Berufung auf die Tendenzen der bürgerlichen Gesellschaft,
        <pb n="218" />
        206 6. Teil. Kritik des Bolschewismus,

die folgerichtige Durchführung ihrer Prinzipien mag eine Überlegenheit
 über die begründen, welche diese Prinzipien aus egoistischen
 Gründen, aus Trägheit, aus Gewohnheit nicht rein durchführen
 wollen, aber sie gewährt in keiner Weise eine Überlegenheit
über die Stellung, welche die Kirche einnimmt; denn da wird der
Kapitalismus, die Spaltung der Gesellschaft in einen Bereich der
Öffentlichkeit, der eine rein natürliche Gesetzlichkeit kennt, und
den Bereich des Privaten, in dem Geist und religiöse Erwägungen
noch als entscheidend betrachtet werden können, ebeno abgelehnt
wie der Versuch, diese Spaltung dadurch zu überwinden, daß die
Öffentlichkeit, die Gesellschaft sich absolut setzt, als Selbstzweck
betrachtet.
Der Kampf der Kirche gegen den Bolschewismus ist — um
seine Gründe zusammenzufassen — in keiner Weise, wie es die
Bolschewisten behaupten, als ein Kampf für die bürgerliche Gesellschaft
 des Kapitalismus zu betrachten. In diesem Kampfe geht es
nur darum, dem Menschen die Möglichkeit zu bewahren, ‚sich
seinem wirklichen Wesen gemäß zu entwickeln. In der bürgerlichen
 Gesellschaft kann die Kirche versuchen, vom Bezirke des
Privaten aus die Öffentlichkeit zu bestimmen. Das ist da, wo der
Bolschewismus zur Herrschaft gelangt, nicht mehr möglich; denn
die gesamte Öffentlichkeit wird planmäßig für den Bolschewismus
beschlagnahmt. Die Kirche erhält da auf die Dauer nicht mehr die
Möglichkeit, als gesellschaftliche Gruppe zu existieren und zu
wirken, sie wird immer mehr und mehr zurückgedrängt; denn
der Bolschewismus ist eine Gegenkirche, welche die Kirche Christi
immer mehr verdrängen will. Er hat das Ziel, sie vollständig
überflüssig zu machen und sich an ihre Stelle zu setzen.
Die geschichtliche und gesellschaftliche Bedeutung
des Bolschewismus.

Es gibt also für den Christen keine Möglichkeit, die bolschewistische
 Utopie oder auch nur den bolschewistischen Staat der
Übergangszeit mit seinen gesellschaftlichen und politischen Methoden
 zu bejahen. Aber damit ist noch nicht die Frage nach der
tatsächlichen geschichtlich-gesellschaftlichen Bedeutung des Bolschewismus
 beantwortet. Welche objektive Wirkungen und Ergebnisse
 hat sein Auftreten in der heutigen Welt? Beschränkter sich
darauf, einen Gewaltstaat unter Berufung auf eine verführerische
Utopie zu errichten? Ist er also einfach eine Erscheinung, die keine
grundlegende gesellschaiftlich-geschichtliche Bedeutung besitzt?
        <pb n="219" />
        Die geschichtliche und gesellschaftliche Bedeutung. 207

Um diese wichtige Frage zu beantworten, gilt es zunächst sich
gegen eine Vorstellung zu wenden, die den Bolschewismus wegen
seiner für den Christen abzulehnenden Doktrinen und politischgesellschaftlichen
 Methoden einfach als eine rein negative Macht
hinstellt und daher nicht fähig ist, die geschichtliche Bedeutung
seiner Herrschaft und seiner Propaganda zu erfassen. Kann es
aber nicht sein, daß er doch bestimmte Ergebnisse und Wirkungen
erzielt, die zwar seinen Doktrinen und Vorstellungen vom Sinne
des geschichtlichen Ablaufes nicht entsprechen, aber dennoch von
einer grundlegenden Bedeutung für die Entwicklung der Gesell-Schaft
 sind? Wird man seine Auswirkungen nicht mit denen der
Französischen Revolution vergleichen können? Gewiß sind die
Grundsätze der Männer, welche die große Französische Revolution
führten, nie in einer Form, an die sie selber dachten, wirksam
Zeworden. Aber es ist doch keine Frage, daß die Französische
Revolution und ihre Ideen, die sog. allgemeinen Menschenrechte,
die politische und gesellschaftliche Ordnung des europäischen
19. Jahrhunderts weitgehend bestimmt haben. Sie veranlaßten auch
die Kirche zur Anwendung neuer Wirksamkeits- und Seelsorgs-Methoden;
 sie mußte auf das Bestehen des liberalen modernen
Staates, der keinen religiösen Glauben mehr als Grundlage besitzt,
Rücksicht nehmen, nicht darum etwa, weil sie ihre Grundsätze
wandelte, sondern weil es galt, auf die Zeit und die in ihr Lebenden
zu wirken. Es kann also durchaus sein, daß auch aus Bewegungen,
die ursprünglich, wie die Französische Revolution, keine Möglichkeit
 für das Wirken der Kirche zu geben scheinen, doch als Er-Zebnis
 eine Ordnung entsteht, die Lebensmöglichkeiten für die
Kirche gewährt. Es ist ja gerade ein Beweis gegen alle Utopien,
Welche ein absolutes Reich der Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit
 auf Erden errichten wollen, daß sie auf die Dauer sich nicht
verwirklichen können, daß sie nicht zu gesellschaftlichen Umgrup-Pierungen
 und Umwandlungen im Sinne ihres Zieles führen können.
Natürlich ist es heute sehr schwer, über die geschichtlich-gesellschaftliche
 Bedeutung des Bolschewismus ein Urteil abzugeben.
Da muß — und hier wird nur ein Ergebnis der ganzen Beschreibung
 zusammengefaßt — sorgfältig zwischen seiner Stellung in
der russischen Geschichte und seinem Einflusse auf die gesamte
Welt als einer sozialen Bewegung unterschieden werden. In der
russischen Geschichte erweist er sich als eine entscheidende Kraft,
die die wirtschaftlich zurückgebliebenen Gebiete des alten rus-Sischen
 Reiches an die moderne kapitalistische Wirtschaft angleicht.
 Es ist durchaus richtig, wenn die Bolschewisten energisch
        <pb n="220" />
        208 6. Teil. Kritik des Bolschewismus.

die von ihnen mit allen Mitteln geförderte Abkehr von der Vorstellung
 des Mütterchens Rußland betonen. Wenn Sorel, der französische
 Soziologe, Lenin mit Peter dem Großen vergleicht, so hatte
er unstreitig recht’. Es ist durchaus möglich, daß das Werk der
bolschewistischen Herrschaft in Rußland von gleicher Bedeutung
sein wird wie das Werk Peters des Großen. Peter der Große führte
Rußland in den Kreis der politischen Großmächte ein, die Bolschewisten
 steigern seine wirtschaftliche Bedeutung, verwandeln es
aus einem Objekte der Weltwirtschaft in ein Subjekt der Weltwirtschaft.
 Der Bolschewismus ist also eine Steigerung der sog.
russischen Gefahr; diese Steigerung besteht darin, daß ein zurückgebliebenes
 Wirtschaftsgebiet plötzlich in einem ungewöhnlich
raschen Tempo modernisiert wird. Wie auch die Herrschaft des
Bolschewismus enden möge, es ist sehr unwahrscheinlich, daß das
alte Mütterchen Rußland wiederkehrt; dafür hat sich die gesamte
Struktur der russischen Gesellschaft und der russischen Wirtschaft
zu sehr geändert; die alten herrschenden Schichten sind durch
neue ersetzt, die aus der Masse emporgestiegen sind. Natürlich
ist es heute noch sehr schwierig, die kommende Entwicklung
dieser sog. durch den Bolschewismus auf das Gebiet der Wirtschaft
 getragenen russischen Gefahr abzumessen. Es ist durchaus
möglich, daß sie selbst bei einem überraschend schnellen Gelingen
der Industrialisierungspläne auf absehbare Zeit hinaus viel geringer
sein wird, als man annimmt. Der innere Markt wird einen großen
Teil der neuen Erzeugnisse aufnehmen können; man kann sicher
die größte Autofabrik Europas in Rußland errichten, aber die
Erzeugnisse dieser Fabrik setzen die Anlage von Straßen voraus,
ebenso werden sich Eisenbahnbauten größten Stils als notwendig
erweisen; dann muß auch noch daran erinnert werden, daß
gerade ein Gelingen der Industrialisierungspläne eine Hebung des
Lebensstandards, eine Abkehr von den heutigen Notverhältnissen
erzwingen wird ®.
Mit dieser Erwägung über die Bolschewisten als Erben Peters
des Großen ist aber noch nicht die Frage gestellt, welche von
ihnen selber als entscheidend betrachtet wird. Ist durch ihre Methoden
 des Wirtschaftsaufbaus die sozialistische Planwirtschaft
als überlegen erwiesen worden oder handelt es sich bei ihrer sog.
Planwirtschaft nur um eine Übertragung der zentralistischen Methoden
 des Absolutismus, die mit Hilfe von Gewaltmaßnahmen die
Bildung fester politischen Einheiten, des modernen Staates, erzwangen,
 auf das Gebiet der Wirtschaft? Von Beckerath hat die
Tendenz zum absolutistischen Staate als bezeichnend für die
        <pb n="221" />
        Die geschichtliche und gesellschaftliche Bedeutung. 209

Gegenwart angesehen und Carl Schmitt spricht von einer Wendung
 zum sog. totalen Staat, der alle Bezirke des Lebens zu erfassen
 sucht, dem die Trennung zwischen Staat und Gesellschaft,
wie sie sich im 19. Jahrhundert entwickelt hatte, nicht mehr
bekannt ist, da die entscheidende Bedeutung der wirtschaftlichen
Vorgänge immer mehr und mehr hervortritt und besonders in
Krisenzeiten erkannt wird. Ist also die bolschewistische Plan-Wirtschaft
 nicht nur ein Ausdruck der Tatsache, daß es galt, ein
Wirtschaftlich zurückgebliebenes Land, dessen bisherige gesell-Schaftlich
 führende Schichten sich als unfähig erwiesen hatten, in
raschem Tempo zu industrialisieren, mit Gewalt auf das Niveau
der modernen Wirtschaft zu heben? Wäre also die zentralistische
Planwirtschaft nur eine Folge der geringen sozialen Differenziertheit
 des alten Rußland? Das heißt, sie aktiviert die Massen, welche
bisher vom politischen und gesellschaftlichen Leben kaum ergriffen
Waren, nach Vertreibung der alten führenden Gruppen.
Würde diese Auffassung stimmen, so wäre ein großer Teil der
Zrundsätzlichen Ansprüche des Bolschewismus sachlich erledigt.
Für sie kann man verschiedene Tatsachen als Beweis anführen.
Die rein wirtschaftliche Zweckmäßigkeit der Planwirtschaft ist
keineswegs bisher erwiesen. Das Wachsen des Bürokratismus, die
Schwierigkeiten der genauen Rechenschaftslegung trotz aller
Gewaltmaßnahmen und Weisungen, trotz des immer stärkeren
Hervorhebens der persönlichen Führung und Verantwortung,
Sprechen vorläufig gegen den wirtschaftlichen Erfolg der neuen
Methoden. Sie werden ausschließlich aus politischen und sozialen
Erwägungen heraus gerechtfertigt und ermöglicht. Man muß das
heutige Rußland mit einem Staate im Belagerungszustande vergleichen,
 der mit allen Mitteln seine wirtschaftliche und seine
Politische Selbstgenügsamkeit erzielen will und daher weder auf
Unkosten noch auf menschliche Rücksichten Wert legen kann. Das
Gelingen zahlreicher Wirtschaftsproijekte ist einfach eine Folge
der bisher unausgeschöpften wirtschaftlichen Möglichkeit; es
werden eben sofort die modernsten technischen Methoden an-Zewandt,
 und da sind natürlich große Wachstumserfolge durchaus
 möglich ®,
Aber damit ist in keiner Weise bewiesen, daß die Wirtschaftsentwicklung
 tatsächlich von einem aus wirtschaftlich-gesellschaftlichen
 Bedürfnis sich ergebenden Plan reguliert wird, der Plan
ist eine politisch-soziale Angelegenheit, er ist eben ein Instrument
Zenau so wie die rechtlich unbegrenzte Diktatur des Proletariats,
d. h. der bolschewistischen Partei, um bestimmte soziale und wirt-Gurian,
 Der Bolschewismus. 14
        <pb n="222" />
        210 6. Teil. Kritik des Bolschewismus.

schaftliche Entwicklungen unter Druck im Eiltempo nachzuholen.
Man könnte also die Ansicht vertreten, daß das Gelingen der
sog. Planwirtschaft in Rußland nur ein Ausdruck der Zurückgebliebenheit,
 der mangelnden sozialen Interessiertheit usw. ist.
Es ist bisher nichts durch die Ergebnisse der bolschewistischen
Herrschaft in Rußland gegen die Behauptung bewiesen, daß die
sog. Planwirtschaft nur ein Staatskapitalismus in Hand einer den
Staat beherrschenden Gruppe ist. Das bolschewistische Experiment
 in Rußland beweist nichts für oder gegen die Möglichkeiten
einer Planwirtschaft in einer sozial und wirtschaftlich fortgeschrittenen,
 d. h. vom Kapitalismus wirklich bestimmten Gesellschaft.
Nun beruht die Wirkung des Bolschewismus über Rußland hinaus
 gerade auf seiner Behauptung, wirtschaftliche und gesellschaftliche
 Neuerungen zu bringen. Seine Propaganda beruht auf der
Vorstellung, daß er wirklich etwas Neues darstelle, die bisherigen
Wirtschafts- und Gesellschaftskrisen zu lösen fähig sei. Dabei
wendet er sich gerade an die Schichten und die Gruppen, welche
gegen die bestehende Ordnung eingestellt sind, er wendet sich an
das Sendungsbewußtsein der Arbeiterbewegung, er ruft die unterdrückten
 Völker zum Aufstand, von China und den Kolonien bis
zu den Nationen, die unter der Ordnung des Versailler Vertrages
am meisten leiden, Da scheint er eine rein massen- und völkerdemagogische
 Wirksamkeit zu entfalten; .denn irgend welche
positiven eigenen Lösungen bringt er nicht, er wirkt nur als Förderer
 revolutionärer und sozialer Bewegungen, die bisher überall
da, wohin sie gelangen, zu gesellschaftlichen Formen führten, die
wie etwa das heutige chinesische Regime seinen Absichten in
keiner Weise entsprechen.
Man kann annehmen, daß der Bolschewismus da einfach als eine
kritische Erscheinung der bestehenden Ordnung anzusehen ist,
unfähig, überlegene politisch-soziale Formen zu schaffen. Er wirkt
da nur als Mahner gegen die bestehende gesellschaftlichen Schäden.
 Aber es scheint nicht, daß er die Kraft hat, wie in Rußland,
an bestimmte nationale Traditionen und soziale Gegebenheiten
anzuknüpfen. Die kommunistischen Parteien haben bisher nicht
vermocht, eine Führerschicht zu entwickeln, die Masseninstinkte
so geschickt einzufangen und auszunützen verstand, wie es die
Bolschewisten in Rußland 1917 unter der Führung Lenins zu tun
gewußt hatten. Selbst da, wo es ihnen, wie es etwa bei uns der
Fall ist, gelang, größere Massen zu gewinnen, erscheinen diese
Massen als politisch umgeformt, d. h. sie sind mehr Ausdruck augenblicklicher
 unerträglicher Verhältnisse als eine feste Gefolgschaft.
        <pb n="223" />
        Die geschichtliche und gesellschaftliche Bedeutung. 211

In Europa kann der Bolschewismus nur als eine Zerstörung der
letzten Bindungen mit der Tradition und der Kultur wirken, als
Ausdruck einer Gesinnung, die infolge der modernen Zivilisation
nicht mehr fähig ist, etwas anderes außer dem sozialen Leben in
seinen einfachsten Formen zu sehen. Er kann da nicht jenen
Charakter des Glaubens an etwas Neues annehmen, den er in
Rußland darum annehmen konnte, weil da die Zivilisation, die
Herrschaft der Technik, der Aufklärung usw. noch nicht verwirklicht
 war. Daher konnte der Bolschewismus für verhältnismäßig
weite Kreise Rußlands als eine neue Religion erscheinen. Bei uns
im Westen dagegen wirkt der Bolschewismus, mögen auch seine
Theorien westlicher Herkunft in ihren wesentlichen Teilen unverändert
 geblieben sein, nur als eine politisch-soziale Theorie neben
andern, die nur wirksam wird, wenn Krisen die bereits kapitalistische
 Welt erschüttern. Das entscheidende Problem für die
Zukunft des Bolschewismus besteht also in der Herstellung einer
Dolitischen Ordnung, welche die allgemeine Unzufriedenheit zu
Mindern geeignet ist!. Nicht zufällig rechnen die Bolschewisten
mit einem Siege gerade in Ländern, die unter dem Versailler
Vertrag am meisten leiden und die darum durch die Wirtschaftskrise
 doppelt hart getroffen werden. Die Stabilisierung politischen
Unrechts in der heutigen Welt ist ja ein Hauptargument ihrer
Propaganda. Der Bolschewismus ist nicht wegen seiner Doktrinen
für die heutige Welt gefährlich, sondern darum, weil die heutige
Welt stark an Vorstellungen festhält, die der gewandelten gesellschaftlichen
 Wirklichkeit nicht entsprechen. Das führt zu einem
Kampfe aller gegen alle, zu einer allgemeinen Unsicherheit, die
nur als Rechtfertigung für den Bolschewismus dient. Denn sie
liefert dem Bolschewismus den Vorwand, zu behaupten, daß sie
die einzigen Gläubigen in der heutigen Welt sind, denn nur sie
Seien es, welche einen Sinn der Geschichte kennen, der über die
Verteilung der Welt in Einflußsphären hinausreicht.
Man wird also den Bolschewismus geschichtlich als eine Macht
betrachten können, welche die Träger der bestehenden Weltordnung
 zur Selbstbesinnung über die Grundlagen ihrer Herrschaft
und ihrer gesellschaftlichen Wirksamkeit treibt und zwingt. Er
gehört zu jenen Mächten, welche die allgemeine Unsicherheit steigern
 und erhöhen. Zwar bringt er keine positiven Lösungen, zwar
ist er gerade als Gegenspieler von der bürgerlichen Gesellschaft
zu sehr abhängig, um sie wirklich überwinden zu können; aber
damit ist seine Mission nicht erledigt, welche in der Enthüllung
des Widerspruches zwischen der gesellschaftlichen Wirklichkeit
14»
        <pb n="224" />
        212 6. Teil. Kritik des Bolschewismus.

unserer Zeit und den Ideen, auf die sie sich beruft, besteht. Die
Grenzen der parlamentarischen Demokratie, die Unmöglichkeit, an
eine harmonische Selbstregelung der dem Spiele freier Kräfte
überlassenen Wirtschaft in einer Zeit der Finanz- und Wirtschaftsmonopole
 zu glauben, werden durch die bolschewistische Propazanda
 aufgewiesen *!,
Damit wird der Bolschewismus zu einer Mahnung gegen die
Beruhigung in den bestehenden Verhältnissen. Er wird zu einer
negativen Kraft der gesellschaftlichen Reform. Gerade seine
Utopien, die Wirksamkeit seiner Herrschafitsmethoden und ihre
Folgen beweisen, daß in der heutigen Welt Gesetze des gesellschaftlichen
 Lebens verletzt werden — so z. B. das Bedürfnis nach
Sicherheit und Stabilität. Ohne ihre Verletzung wäre es ja nicht
möglich geworden, daß der Glaube an die bolschewistische Utopie
den starken Einfluß gewonnen hätte, wie er sich in der heutigen
Welt zeigt. Es genügt nicht, die Irrtümer zu widerlegen, man muß
sie durch das Verständnis ihrer Grundlagen überwinden. Diese
alte Wahrheit gilt auch für den Bolschewismus.
        <pb n="225" />
        BOLSCHEWISTISCHE DOKUMENTE
        <pb n="226" />
        Lenins Lehren.

Die Grundlagen der bolschewistischen Partei,

im Jahre 1902 veröffentlichte Lenin eine Broschüre „Was tun?“, in der
er seine Anschauungen über die Organisation der sozialistischen Bewezung
 darlegt. Man kann diese Schrift als die beste Einführung in das
Wesen der bolschewistischen Partei bezeichnen, deren Grundthesen bis
heute nicht überholt sind. Allerdings bergen sie sich, wie in allen Schriften
Lenins, hinter scheinbar rein tagespolitischen Polemiken.
Einige Abschnitte der Schrift sollen zeigen, wie sehr der Gründer der
bolschewistischen Partei um die Notwendigkeit einer politischen Führung
der Massen wußte. Er geht sogar so weit, sich gegen alle Theorien von
der schöpferischen „Spontaneität‘“ der Massen zu wenden und zu betonen,
 daß das sozialistische Bewußtsein von bürgerlichen Intellektuellen
an sie herangetragen werde. Lenins Parteiauffassung schließt eine blinde
Anbetung der jeweiligen Massenstimmungen aus — im Gegenteil, die
Masse soll durch ihre Partei geführt und erzogen werden. Diese Partei
besitzt eine ganz bestimmte theoretische Grundlage, nämlich den Marxismus,
 Dabei ist aber zu beachten, daß die Theorie den Notwendigkeiten
der praktischen Bewegung dient. Bemerkenswert ist auch die Sendung,
welche Lenin den russischen Revolutionären zuschreibt. Ein Sturz des
Zarismus, so meint er, würde das russische Proletariat zur Avantgarde
des Weltproletariates machen. Die ganze Leninsche Parteiauffassung
geht sehr stark von den eigenartigen Bedingungen des russischen Lebens
aus — man kann sagen, daß sie das Gegenstück zur deutschen Sozialdemokratie
 bildet, die sich ja trotz des Sozialistengesetzes unter ganz
andern Bedingungen entwickelt hat.
Zitiert ist nach der deutschen Ausgabe von Lenins Werken (künftig
d. W. W) IV. Berlin-Wien 1929.

Gegen die Meinungsfreiheit in der Partei,

Freiheit ist ein großes Wort, aber unter dem Banner der Freiheit
 der Industrie wurden die räuberischsten Kriege geführt, unter
dem Banner der Freiheit der Arbeit die Werktätigen ausgeplündert.
Dieselbe innere Verlogenheit liegt in der jetzigen Anwendung des
Wortes „Freiheit der Kritik“. Leute, die tatsächlich davon überzeugt
 wären, daß sie die Wissenschaft vorwärts gebracht haben,
würden nicht die Freiheit der neuen Auffassungen neben den alten
fordern, sondern die Ablösung der alten durch die neuen. Das
moderne Geschrei „Es lebe die Freiheit der Kritik“ erinnert zu
sehr an die Fabel vom leeren Faß.
Wir marschieren als kleines Häuflein, uns fest an den Händen
        <pb n="227" />
        216

Lenins Lehren,

haltend, auf steilem und abgründigem Wege. Wir sind von allen
Seiten von Feinden umgeben und müssen fast immer unter ihrem
Feuer marschieren. Wir haben uns nach freigefaßtem Beschlusse
zusammengetan, eben um gegen die Feinde zu kämpfen und nicht
in den benachbarten Sumpf zu geraten, dessen Bewohner uns von
Anfang an schalten, weil wir uns zu einer besondern Gruppe vereinigt
 und den Weg des Kampfes anstatt den Weg der Versöhnung
gewählt haben. Und nun beginnen einige von uns zu rufen: „Gehen
wir in diesen Sumpf!“ Wenn man sie aber eines Besseren belehrt,
erwidern sie: „Was seid ihr doch für rückständige Leute! Und
wie schämt ihr euch nicht, uns das freie Recht abzusprechen, euch
auf einen besseren Weg zu rufen!“ O ja, ihr Herren, ihr seid frei,
nicht nur zu rufen, sondern auch zu gehen, wohin ihr wollt, selbst
in den Sumpf; wir sind sogar der Meinung, daß euer wahrer Platz
gerade im Sumpfe ist, und wir sind bereit, euch nach Kräften zu
helfen, dahin überzusiedeln. Aber laßt unsere Hände in Ruhe,
klammert euch nicht an uns und besudelt nicht das große Wort
„Freiheit“, denn wir sind ja auch „frei“, zu gehen, wohin wir
wollen, frei, nicht nur gegen den Sumpf zu kämpfen, sondern auch
gegen diejenigen, die sich dem Sumpfe zuwenden! (134).
Die Wichtigkeit der revolutionären Theorie.

Ohne revolutionäre Theorie kann es auch keine revolutionäre
Bewegung geben. Dieser Gedanke kann nicht genügend betont
werden zu einer Zeit, wo die zur Mode gewordene Predigt des
Opportunismus sich mit der Begeisterung für die engherzigsten
 Formen der praktischen Tätigkeit paart.... Die sozialdemokratische
 Bewegung ist ihrem ganzen Wesen nach international.
Das bedeutet nicht nur, daß wir den nationalen Chauvinismus zu
bekämpfen haben. Das bedeutet auch, daß die in einem jungen
Lande einsetzende Bewegung nur erfolgreich sein kann, wenn sie
die Erfahrungen der andern Länder verarbeitet. Für ein solches
Verarbeiten aber genügt nicht die einfache Kenntnis dieser Erfahrungen
 oder das einfache Abschreiben der letzten Resolutionen.
Dazu ist es notwendig, daß man versteht, diesen Erfahrungen
kritisch gegenüberzustehen und sie selbständig zu überprüfen. Wer
sich nur vergegenwärtigt, wie gewaltig die moderne Arbeitsbewegung
 angewachsen ist und sich verzweigt hat, der wird begreifen,
welch ein Vorrat an theoretischen Kräften und politischen (und auch
revolutionären) Erfahrungen zur Bewältigung dieser Aufgabe notwendig
 ist.
Die nationalen Aufgaben der russischen Sozialdemokratie sind
        <pb n="228" />
        Die Grundlagen der bolschewistischen Partei. 217

solche, wie sie noch vor keiner sozialistischen Partei der Welt
gestanden haben. Wir werden weiter unten auf die politischen
und organisatorischen Pflichten zu sprechen kommen, die uns
diese Aufgabe der Befreiung des gesamten Volkes vom Joche des
Absolutismus auferlegt. Jetzt möchten wir nur darauf hinweisen,
daß die Rolle des Vorkämpfers nur eine Partei erfüllenkann,dievoneiner
 fortschrittlichenTheorie
Zeleitet wird.
Um sich auch nur einigermaßen konkret vorzustellen, was das
bedeutet, möge sich der Leser an solche Vorläufer der russischen
Sozialdemokratie erinnern, wie Herzen, Bielinski, Tscherny-Schewski
 und die glänzende Schar der Revolutionäre der siebziger
Jahre, möge er denken an die internationale Bedeutung, die jetzt
die russische Literatur gewinnt, möge er..., aber auch das genügt
ja schon! ... (152—153).

Die russische Sendung.
Dem russischen Proletariat stehen noch unermeßlich schlimme
Prüfungen bevor, ihm steht der Kampf gegen ein Ungeheuer bevor,
m Vergleich mit dem das Sozialistengesetz in einem konstitutionellen
 Lande (d. h. dem Deutschen Reich) als ein wahrer Zwerg
erscheint. Die Geschichte hat uns jetzt vor eine dringende Aufgabe
Bestellt, die die revolutionärste aller dringenden Aufgaben
 des Proletariats irgend eines andern Landes ist. Die Ver-Wirklichung
 dieser Aufgabe, die Zerstörung der mächtigsten Stütze
ticht nur der europäischen, sondern auch (können wir jetzt sagen)
der asiatischen Reaktion würde das russische Proletariat zur
Avantgarde des internationalen Proletariats machen. Und wir
haben das Recht, zu glauben, daß wir diesen Ehrennamen erringen
werden, den sich schon unsere Vorgänger, die Revolutionäre der
siebziger Jahre, verdient haben, wenn wir es verstehen werden,
unsere tausendmal mehr in die Tiefe und in die Breite gehende
Bewegung mit ebenso bedingungsloser Entschlosenheit und Tatkraft
 zu erfüllen (155).

Die Intelligenz als Trägerin des sozialistischen Bewußtseins.

Wir haben bereits im vorhergehenden Kapitel die Begeisterung
für die Theorie des Marxismus, die die gesamte gebildete russische
Jugend um die Mitte der neunziger Jahre erfaßt hatte, hervorgehoben.
 Einen ebenso allgemeinen Charakter hatten um diese
Zeit, nach dem berühmten Petersburger Industriekrieg von 1896,
die Arbeiterstreiks angenommen. Ihre Ausdehnung über ganz Ruß-
        <pb n="229" />
        218

Lenins Lehren,

land: zeugte offensichtlich von der Tiefe der neu einsetzenden
Volksbewegung, und wenn man schon vom „spontanen Element“
reden will, .so wird man natürlich eben diese Streikbewegung als
eine spontane anerkennen müssen. Aber es gibt verschiedene
Arten von Spontaneität. Streiks hat es in Rußland auch in den
siebziger und in den sechziger Jahren (und sogar schon in der
ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts) gegeben, begleitet von einer
„spontanen‘ Maschinenstürmerei usw. Verglichen mit diesen „Revolten“
 kann man die Streiks der neunziger Jahre sogar als „bewußte“
 bezeichnen, sosehr bedeutend ist der Schritt vorwärts,
den die Arbeiterbewegung in dieser Zeit getan hat.
Das zeigt uns; daß das „spontane“ Element eigentlich nichts
anderes darstellt als die Keimform der Zielbewußtheit. Auch
die primitiven Revolten brachten ein gewisses Erwachen des
Bewußtseins zum Ausdruck: Die Arbeiter verloren den althergebrachten
 Glauben an die Unerschütterlichkeit des sie unterdrückenden
 Regimes, sie begannen die Notwendigkeit einer kollektiven
 Abwehr, wenn nicht zu verstehen, so doch zu fühlen, und
brachen entschieden mit der sklavischen Unterwürfigkeit gegenüber
der Obrigkeit. Aber das war viel eher ein Ausbruch der Verzweiflung
 und der Rache als ein Kampf. Die Streiks der neunziger
 Jahre zeigen schon viel mehr Anzeichen vom Erwachen des
Bewußtseins: Es werden bestimmte Forderungen aufgestellt, es
wird vorher überlegt, welcher Moment der günstigere ist, die
bekanntgewordenen Fälle und Beispiele an andern Orten werden
besprochen usw.
Wenn die Revolten nur eine Auflehnung unterdrückter Menschen
waren, so brachten die systematischen Streiks bereits die Keime
des Klassenkampfes zum Ausdruck, aber erst die Keime. An und
für sich waren diese Streiks ein trade-unionistischer und noch
kein sozialdemokratischer Kampf; sie kennzeichneten das Erwachen
 des Antagonismus zwischen Arbeitern und Unternehmern,
aber den Arbeitern fehlte noch — und mußte noch fehlen — die
Erkenntnis der unversöhnlichen Gegensätzlichkeit
 ihrer Interessen zu dem gesamten gegenwärtigenpolitischenund
 sozialen Regime, d.h. es fehlte
ihnen das sozialdemokratische Bewußtsein. In
diesem Sinne blieben die Streiks der neunziger Jahre, trotz ihres
gewaltigen Fortschrittes im Vergleich zu den „Revolten“ eine rein
spontane Bewegung.
Wir haben gesagt, daß die Arbeiter ein sozialdemokratisches
Bewußtsein noch nicht haben konnten. Dieses konnte ihnen
        <pb n="230" />
        iS

fl

I 219
nur von außen gebracht werden. Die Geschitchr „Mbdh-Länder
 zeigt, daß die Arbeiterklasse es ihren
eigenen Kräften einzig und allein He
Stisches Bewußtsein herauszuarbeiten % rat
d.h. die Überzeugung von der Notwendigkeit, STtR
zu Verbänden zusammenzuschließen, einen Kampf
Zegen die Unternehmer zu führen, von der Regierung
 diese oder jene für die Arbeiter notwendigen
Gesetze zu fordern usw. Die Lehre des Sozialismus
 ist jedoch aus jenen philosophischen, histotischen
 und ökonomischen Theorien herausgewach-Sen,
 dievondengebildeten Vertreternder besitzenden
 Klassen, der Intelligenz, geschaffen wurden.
Auch die Begründer des modernen wissenschaftlichen
 Sozialismus, Marx und Engels, gehörten ihrer
Sozialen Lage nach der bürgerlichen Intelligenz an. Ebenso ist
auch in Rußland die theoretische Lehre der Sozialdemokratie ent-Standen,
 ganz unabhängig von dem spontanen Anwachsen der
Arbeiterbewegung, sie ist entstanden als natürliche und unvermeidliche
 Folge der Ideenentwicklung in der revolutionär-sozialistischen
 Intelligenz (158 £.).

5 \
n
x
CO
z
&amp;lt;
Es
NS

Gegen die spontane Entwicklung der Arbeiterbewegung.
Jede Herabsetzung der sozialistischen Ideologie, jedes Sich-Entiernen
 von ihr bedeutet gleichzeitig eine Stärkung der
bürgerlichen Ideologie. Man spricht von Spontaneität. Aber die
Spontane Entwicklung der Arbeiterbewegung führt eben zu
ihrer Unterordnung unter die bürgerliche Ideologie, denn die
Spontane Arbeiterbewegung ist Trade-Unionismus, ist Nur-Gewerk-Schaftlerei,
 der Trade-Unionismus aber bedeutet eben gerade die
ideologische Versklavung der Arbeiter durch die Bourgeoisie.
Darum besteht unsere Aufgabe, die Aufgabe der Sozialdemokratie,
in dem Kampf gegen die Spontaneität, sie besteht
darin, die Arbeiterbewegung von dem spontanen Streben des Trade-Unionismus,
 sich unter die Fittiche der Bourgeoisie zu begeben,
abzubringen und sie für die revolutionäre Sozialdemokratie
zu gewinnen. Die Behauptung, daß keine noch so große Anstrengung
 vonseiten der begeisterten Ideologen die Arbeiterbewegung
vom Wege abbringen könne, der durch die Wechselwirkung der
materiellen Elemente und der materiellen Umgebung bestimmt
werde, ist daher vollkommen gleichbedeutend mit dem
Verzichtauf den Sozialismus, und wenn diese Verfasser
        <pb n="231" />
        220

Lenins Lehren,

fähig wären, das, was sie sagen, unerschrocken und konsequent
bis zu Ende durchzudenken, wie jeder seine Gedanken durchdenken
 muß, der die Arena der literarischen und öffentlichen
Tätigkeit betritt, so würde ihnen nichts anderes übrig bleiben, als
„auf der leeren Brust die untätigen Hände zu falten“ und ... und
den Herren Struve und Prokopowitsch das Feld zu überlassen, die
die Arbeiterbewegung den Weg des geringsten Widerstandes,
d. h. den Weg des bürgerlichen Trade-Unionismus führen, oder
den Herren Subatow, die sie auf den Weg der Popen- und Gendarmen-,„Ideologie‘“
 ziehen.
Warum aber — wird der Leser fragen — führt die spontane
Bewegung, die Bewegung in der Richtung des geringsten Widerstandes,
 zur Herrschaft der bürgerlichen Ideologie? Aus dem einfachen
 Grunde, weil die bürgerliche Ideologie ihrer Herkunft nach
viel älter ist als die sozialistische, weil sie vielseitiger ausgebaut
ist, weil sie über unvergleichlich mehr Mittel der Verbreitung
verfügt. Und ie jünger die sozialistische Bewegung in einem
Lande ist, um so energischer muß darum der Kampf gegen alle
Versuche, die nichtsozialistische Ideologie zu festigen, geführt
werden, um so entschlossener müssen die Arbeiter gewarnt werden
vor den schlechten Beratern, die gegen die „Überschätzung des
bewußten Elementes‘“ usw. zetern.... Wir haben uns also davon
überzeugt, daß der grundlegende Fehler der „neuen Richtung“ in
der russischen Sozialdemokratie in der Anbetung der Spontaneität
besteht, im Nichtbegreifen der Tatsache, daß die Spontaneität der
Masse von uns Sozialdemokraten ein großes Maß an Zielbewußtheit
 erfordert. Je stärker die spontane Erhebung der Massen ist,
um so breiter wird die Bewegung sein und um so mehr Zielbewußtheit
 erfordert sowohl die theoretische als auch die politische
und die organisatorische Arbeit der Sozialdemokratie.
Die spontane Erhebung der Massen in Rußland ist mit solcher
Geschwindigkeit vor sich gegangen (und geht auch jetzt noch so
rasch vor sich), daß die sozialdemokratische Jugend sich als
unvorbereitet für die Erfüllung ihrer gewaltigen Aufgabe erwiesen
hat. Diese mangelnde Vorbereitung ist unser allgemeines Übel,
das Übel aller russischen Sozialdemokraten. Der Aufschwung
der Massen ist unaufhörlich und stetig vorwärts und in die Breite
gegangen, er hat nicht nur nicht dort aufgehört, wo er begonnen
hat, sondern immer neue Ortschaften und neue Bevölkerungsschichten
 erfaßt (unter dem Einfluß der Arbeiterbewegung ist die
Gärung in der studierenden Jugend, in der Intelligenz im allgemeinen,
 und sogar in der Bauernschaft recht lebhaft geworden).
        <pb n="232" />
        Die Grundlagen der bolschewistischen Partei, 221

Die Revolutionäre aber sind hinter diesem Aufschwung zurückgeblieben,
 und weder in ihren „Theorien“ noch in ihrer Tätigkeit
 ist es ihnen gelungen, eine stetige und kontinuierliche Organi-Sation
 zu schaffen, die fähig wäre, die ganze Bewegung zu
leiten ... (170. 172. 185).

Der politische Charakter der Sozialdemokratie.

Die Sozialdemokratie leitet nicht nur den Kampf der Arbeiterklasse
 um günstige Bedingungen für den Verkauf ihrer Arbeitskraft,
 sondern auch den Kampf um die Beseitigung der Gesell-Schaftsordnung,
 die die Besitzlosen zwingt, sich an die Reichen zu
Verkaufen. Die Sozialdemokratie vertritt die Arbeiterklasse nicht
Nur in ihrem Verhältnis zu einer bestimmten Unternehmergruppe,
Sondern in ihrem Verhältnis zu allen Klassen der modernen Gesell-Schaft,
 zum Staat als der organisierten politischen Macht. Daraus
folgt, daß die Sozialdemokraten sich nicht nur auf den ökono-Mischen
 Kampf beschränken können, sondern es auch nicht zulassen
 dürfen, daß die Organisierung der ökonomischen Enthüllungen
 zu ihrer hauptsächlichen Tätigkeit wird. Wir müssen aktiv
an die politische Erziehung der Arbeiterklasse, an die Entwicklung
ihres politischen Bewußtseins herangehen,
Die revolutionäre Sozialdemokratie hat den Kampf um Reformen
 stets in ihre Tätigkeit eingeschlossen und tut das auch
heute, Aber sie nützt die „ökonomische“ Agitation aus, um an die
Regierung nicht nur die Forderung von allerhand Maßnahmen zu
Stellen, sondern auch (und vor allem) die Forderung, daß sie aufhöre,
 eine absolutistische Regierung zu sein. Außerdem hält sie
es für ihre Pflicht, der Regierung diese Forderung nicht nur
auf dem Boden des ökonomischen Kampfes zu stellen, sondern
auch auf dem Boden aller Äußerungen des sozialpolitischen Lebens
im allgemeinen. Mit einem Wort, sie ordnet den Kampf um Reformen
 dem revolutionären Kampf um die Freiheit und den Sozialismus
 als Teil dem Ganzen unter.... In Wirklichkeit kann „die
Steigerung der Aktivität der Arbeitermasse“ nur dann erreicht
Werden, wenn wir uns nicht auf die „politische Agitation auf
ökonomischem Boden“ beschränken. Eine der wichtigsten
Bedingungen für die notwendige Erweiterung der politischen Agitation
 ist aber die Organisation allseitiger politischer Enthüllungen.
 Anders als durch diese Enthüllungen kann das politische
 Bewußtsein und die revolutionäre Aktivität der Massen
Nicht erzogen werden....
Das Bewußtsein der Arbeiterklasse kann kein wahrhaft politisches
        <pb n="233" />
        222

Lenins Lehren.

sein, wenn die Arbeiter es nicht gelernt haben, auf alle und je gliche
 Fälle der Willkür und der Unterdrückung, auf Gewalttaten
und Mißbräuche zu reagieren, welche Klassen diese Fälle
auch betreffen mögen, — und zwar müssen sie eben vom sozialdemokratischen
 und nicht von irgend einem andern Standpunkt
aus reagieren.
Das Bewußtsein der Arbeitermassen kann kein wahrhaftes
Klassenbewußtsein sein, wenn die Arbeiter es nicht an konkreten
und außerdem unbedingt aktuellen politischen Tatsachen und
Ereignissen lernen werden, jede der übrigen gesellschaftlichen
Klassen in allen Erscheinungen des intellektuellen, moralischen
und politischen Lebens dieser Klassen zu beobachten; wenn sie
es nicht lernen, die materialistische Analyse und materialistische
Beurteilung aller Seiten der Tätigkeit und des Lebens sämtlicher
 Klassen, Schichten und Gruppen der Bevölkerung in der
Praxis anzuwenden.
Wer die Aufmerksamkeit, die Beobachtungsgabe und das Bewußtsein
 der Arbeiterklasse ausschließlich oder sogar nur vorwiegend
 auf sie selber richtet, der ist kein Sozialdemokrat, denn
die Selbsterkenntnis der Arbeiterklasse ist untrennbar verbunden
mit der absoluten Klarheit nicht nur der theoretischen — besser
gesagt, nicht so sehr der theoretischen wie der an Hand der Erfahrungen
 des politischen Lebens ausgearbeiteten — Vorstellungen
von den Wechselbeziehungen sämtlicher Klassen der modernen
 Gesellschaft. Darum ist die Predigt unserer Ökonomisten,
daß der ökonomische Kampf das weitest anwendbare Mittel zur
Hineinziehung der Massen in die politische Bewegung sei, sosehr
schädlich und ihrer praktischen Bedeutung nach sosehr reaktionär.
Um Sozialdemokrat zu werden, muß der Arbeiter eine klare Vorstellung
 haben von dem ökonomischen Wesen und dem sozialpolitischen
 Antlitz des Gutsbesitzers und des Pfaffen, des hohen
Beamten und des Bauern, des Studenten und des Bettlers; er muß
ihre starken und schwachen Seiten kennen, muß die Schlagworte
und alle Sophismen kennen, unter denen jede Klasse und jede
Schicht ihre egoistischen Ziele und ihr wahres Wesen zu verbergen
 sucht; er muß verstehen, sich darüber Rechenschaft zu
geben, welche Institutionen und welche Gesetze diese oder jene
Interessen zum Ausdruck bringen und in welcher Weise sie es tun.
Diese „klare Vorstellung‘ aber kann aus keinem Buche gewonnen
werden; sie kann nur gegeben werden durch lebendige Darstellungen
 und den Ereignissen unmittelbar folgende Enthüllungen
dessen, was in gegebenem Moment um uns herum geschieht, was
        <pb n="234" />
        Die Grundlagen der bolschewistischen Partei, 2923

Man sich gegenseitig erzählt oder zuflüstert, was in bestimmten
Ereignissen, in bestimmten Zahlen, in bestimmten Gerichtsurteilen
 usw. usw. zum Ausdruck kommt. Diese allseitigen politischen
 Enthüllungen sind eine notwendige und grundlegende
Bedingung für die Erziehung der Massen zur revolutionären
Aktivität.
Warum zeigt der russische Arbeiter noch so wenig revolutionäre
Aktivität angesichts der viehischen Behandlung des Volkes durch
die Polizei, angesichts der Verfolgungen der Sektierer, der Mißhandlungen
 der Bauern, des Wütens der Zensur, der Soldaten-Mißhandlungen,
 der Verfolgungen selbst der unschuldigsten kulturellen
 Bestrebungen usw.? Darum etwa, weil ihn nicht der
„Ökonomische Kampf“ dazu „stößt“, weil ihm das keine „greifbaren
 Resultate“ verheißt und wenig „Positives“ gibt? Nein, eine
Solche Ansicht ist, wir wiederholen es, nichts anderes als der
Versuch, die eigene Schuld andern in die Schuhe zu schieben, das
eigene Philistertum (alias Bernsteinianertum) auf die Arbeiter-Masse
 abzuwälzen. Wir müssen uns selbst anklagen, weil wir
hinter der Bewegung der Massen einherhinken, weil wir es noch
Nicht verstanden haben, genügend umfassende, auffallende, rasche
Enthüllungen all dieser Schandtaten zu organisieren. Wenn wir
das tun (und wir können und müssen es tun), so wird auch der
einfachste Arbeiter verstehen oder fühlen, daß der Student
und der Sektierer, der Bauer und der Schriftsteller von derselben
reaktionären Macht beschimpft und mißhandelt wird, die ihn selbst
auf Schritt und Tritt unterdrückt, und sobald er das empfunden
haben wird, wird er auch selbst unbedingt reagieren wollen, er
Wird dann heute den Zensoren eine Katzenmusik machen, morgen
Vor dem Hause des Gouverneurs demonstrieren, der einen Bauernaufstand
 unterdrückt hat, übermorgen den Gendarmen im Priesterrock,
 die die Arbeit der heiligen Inquisition verrichten, eine Lektion
erteilen usw.... (190, 197, 205{.).

Für eine Organisation der Berufsrevolutionäre.

Die Behauptung des „Raboscheie Dielo“, der ökonomische
Kampf sei das weitest anwendbare Mittel der politischen Agitation,
 und es sei jetzt unsere Aufgabe, dem ökonomischen Kampf
Selbst einen politischen Charakter zu verleihen usw., bringt eine
enge Auffassung nicht nur von unsern politischen, sondern auch
von unsern organisatorischen Aufgaben zum Ausdruck.
Für den „ökonomischen Kampf gegen die Unternehmer und die
Regierung“ ist eine allrussische zentralisierte Organisation, die
        <pb n="235" />
        224

Lenins Lehren.

sämtliche Kundgebungen der politischen Opposition, des Protestes
 und der Empörung zu einem gemeinsamen Ansturm vereinigt,
 eine Organisation, die aus Berufsrevolutionären besteht und
von wirklichen politischen Führern des ganzen Volkes geführt
wird, nicht notwendig; darum kann sie sich auch im Verlaufe
dieses Kampfes nicht herausbilden, und das ist verständlich....
Die Anbetung der spontan entstehenden. Organisationsformen
jedoch, die mangelnde Erkenntnis dessen, wie beschränkt und
primitiv unsere Organisationsarbeit ist, weiche „MHMandwerkler‘“ wir
auf diesem Gebiete noch sind, der Mangel der Erkenntnis, sage
ich, ist wirklich eine Krankheit unserer Bewegung....
Wir wollen ein kleines Bild von der Tätigkeit eines typischen,
sozialdemokratischen Zirkels in den Jahren 1894—1901 entwerfen.
Wir haben bereits auf die allgemeine Begeisterung der studierenden
 Jugend jener Zeit für den Marxismus hingewiesen. Diese
Begeisterung bezog sich natürlich nicht nur und nicht sosehr auf
den Marxismus als Theorie, wie als Antwort auf die Frage „Was
tun?“ als Aufruf zum Feldzug gegen den Feind. Und die neuen
Kämpfer zogen mit erstaunlich primitiver Ausbildung ins Feld.
Sehr oft war sogar fast kar keine Ausrüstung und nicht die geringste
 Ausbildung vorhanden. Man zog in den Krieg, wie die
Bauern vom Pfluge, nur mit einem Knüppel bewaffnet. Ein
Studentenzirkel knüpft Beziehungen zu Arbeitern an und beginnt
zu wirken, ohne irgend welche Verbindung mit den alten Führern
der Bewegung, ohne Verbindung mit Zirkeln an andern Orten
oder auch nur an andern Teilen der Stadt (oder in andern Lehranstalten),
 ohne irgend eine Organisation der einzelnen Zweige
der revolutionären Arbeit, ohne irgend einen systematischen Plan
der Tätigkeit für eine einigermaßen lange Zeitspanne. Der Zirkel
entfaltet allmählich eine immer umfassendere Propaganda- und
Agitationsarbeit, weckt durch die Tatsache seines Hervortretens
die Sympathie ziemlich breiter Arbeiterschichten, die Sympathie
eines gewissen Teiles der gebildeten Gesellschaft, die Geld hergibt
und dem „Komitee“ immer neue und neue Jugendgruppen zur
Verfügung stellt. Die Anziehungskraft des „Komitees“ (oder des
„Kampfbundes‘“) wächst, es wächst der Umfang seiner Tätigkeit,
und es erweitert diese Tätigkeit vollkommen spontan: dieselben
Leute, die vor einem Jahr oder einigen Monaten in Studentenzirkeln
 auftraten. und die Frage „Wohin gehen“ zu lösen suchten,
die Beziehungen zu Arbeitern anknüpften und unterhielten, Flugschriften
 verfaßten und verbreiteten, knüpfen Beziehungen an zu
andern Revolutionären, verschaffen sich Literatur, beginnen eine
        <pb n="236" />
        Die Grundlagen der bolschewistischen Partei. 225

lokale Zeitung herauszugeben, von der Veranstaltung einer Demon-Stration
 zu reden, und gehen schließlich zu offenen Kriegshandlungen
 über (wobei eine solche offene Kriegshandlung — je nach
den Umständen — entweder schon das erste Agitationsflugblatt
Oder die erste Nummer einer Zeitung oder die erste Demonstration
 sein kann). Und gewöhnlich führt schon der Beginn dieser
Aktionen sofort zum vollständigen Auffliegen. Sofort und voll-Ständig,
 eben weil diese Kriegshandlungen nicht das Resultat eines
Systematischen, vorbedachten und von langer Hand vorbereiteten
Planes für einen langen und hartnäckigen Kampf waren, sondern
einfach das spontane Anwachsen traditionell betriebener Zirkelarbeit;
 weil die Polizei natürlich fast immer die Hauptführer der
lokalen Bewegung, die sich schon in ihrer Studentenzeit „mißliebig
Zemacht“ hatten, kannte und nur den günstigen Augenblick für
ihren Überfall abwartete, nachdem sie den Zirkeln absichtlich die
Möglichkeit gegeben hatte, sich auszubreiten und zu entfalten,
Um ein greifbares „corpus delicti“ zu haben. Ein paar ihr wohlbekannte
 Leute ließ die Polizei dabei stets übrig — zur weiteren
„Zucht“ (wie der technische Ausdruck heißt, der, soweit mir
bekannt ist, sowohl von uns als auch von den Gendarmen angewandt
 wird). Man kann nicht umhin, einen solchen Krieg mit
einem Feldzug von mit Knüppeln bewaffneten Bauernbanden gegen
ein modern ausgerüstetes Heer zu vergleichen. Und man muß
Sich nur über die Lebensfähigkeit der Bewegung wundern, die
Sich ausbreitete, wuchs und Siege davontrug trotz dieses absoluten
 Mangels an Vorbereitung bei den Kämpfenden, Vom ge-Schichtlichen
 Standpunkt aus war allerdings die Primitivität der
Ausrüstung zu Beginn nicht nur unvermeidlich, sondern Sogar
Kesetzmäßig, als eine der Vorbedingungen für eine breite
Heranziehung von Kämpfern. Aber sobald ernste Kriegshandlungen
 begonnen hatten (und sie haben eigentlich schon mit den
Streiks im Sommer 1896 begonnen), da machten sich die Mängel
Unserer militärischen Organisation immer stärker und stärker
fühlbar....
Die außerordentliche Zersplitterung der lokalen Führer, die zu-Ällige
 Zusammensetzung der Zirkel, der Mangel an Vorbereitung
und der enge Gesichtskreis auf dem Gebiete der theoretischen,
Politischen und organisatorischen Fragen waren das unvermeidliche
 Resultat der geschilderten Verhältnisse. Es ist so weit gekommen,
 daß an verschiedenen Orten die Arbeiter infolge unseres
Mangels an Ausdauer und Konspiration von Mißtrauen gegen die
Intelligenz erfaßt werden und sich von ihr zurückziehen; die
Gurian, Der Bolschewismus. 15
        <pb n="237" />
        226

Lenins Lehren,

Intellektuellen, sagen sie, führen durch ihren Leichtsinn das Auffliegen
 der Zirkel herbei! (239, 240.)
Der Aufbau der Organisation.
Ich behaupte: 1. daß keine einzige revolutionäre Bewegung ohne
eine widerstandsfähige und die Kontinuität wahrende Führerorganisation
 von Dauer sein kann; 2. daß, je breiter die Masse
ist, die spontan in den Kampf hineingezogen wird, die Grundlage
der Bewegung bildet und an ihr teilnimmt, um so dringender die
Notwendigkeit einer solchen Organisation ist und um so fester
diese Organisation sein muß (denn um so leichter wird es allen
Demagogen fallen, die rückständigen Schichten der Masse mitzureißen)
 ; 3. daß eine solche Organisation hauptsächlich aus Leuten
bestehen muß, die sich berufsmäßig mit revolutionärer Tätigkeit
befassen; 4. daß es einem absolutistischen Lande um so schwieriger
 sein wird, eine solche Organisation „abzufangen“, je mehr
wir die Mitgliedschaft so weit beschränken, daß nur noch
Mitglieder übrig bleiben, die sich berufsmäßig revolutionär betätigen
 und die in der Kunst des Kampfes gegen die politische
Polizei berufsmäßig geschult sind; und daß 5. um so breiter
der Kreis der Personen sowohl aus der Arbeiterklasse wie aus
den übrigen Gesellschaftsklassen sein wird, die die Möglichkeit
haben werden, an der Bewegung teilzunehmen und sich aktiv in
ihr zu betätigen....
Die Konzentrierung aller konspirativen Funktionen in den
Händen einer möglichst geringen Zahl von Berufsrevolutionären
bedeutet keineswegs, daß die Berufsrevolutionäre „für alle denken
werden“, daß die Masse keinen tätigen Anteil an der Bewegung
nehmen wird. Im Gegenteil, diese Berufsrevolutionäre werden in
immer größerer Zahl aus der Masse hervorgehen, denn die Masse
wird dann wissen, daß es nicht genügt, wenn sich ein paar Studenten,
 die einen ökonomischen Kampf führen, zusammentun, um
ein „Komitee“ zu bilden, sondern daß es notwendig ist, sich durch
jahrelange Arbeit zu einem Berufsrevolutionär emporzuarbeiten;
und die Masse wird nicht nur an „Handwerklerei‘ denken, sondern
gerade an eine solche Durchbildung. Die Zentralisierung der
konspirativen Funktionen der Organisation bedeutet keineswegs
 die Zentralisierung aller Funktionen der Bewegung. Die
aktive Mitarbeit der breitesten Massen an der illegalen Literatur
wird nicht geringer, sondern zehnmal stärker werden, wenn
„zehn‘“ Berufsrevolutionäre die konspirativen Funktionen dieser
Arbeit zentralisieren. So und nur so werden wir es erreichen, daß
        <pb n="238" />
        Die Grundlagen der bolschewistischen Partel. . 227

das Lesen der illegalen Literatur, die Mitarbeit an ihr, zum Teil
auch deren Verbreitung, fast aufhören werden, eine kon-SPDirative
 Angelegenheit zu sein, denn die Polizei wird
sehr bald die Unsinnigkeit und Unmöglichkeit einer gerichtlichen
und administrativen Verfolgung wegen eines jeden Exemplars der
zu Tausenden verbreiteten Schriften einsehen. Und das bezieht
Sich nicht allein auf die Presse, sondern auch auf alle Funktionen
der Bewegung, einschließlich der Demonstrationen. Die aktivste
und breiteste Teilnahme der Massen an der Bewegung wird nicht
nur keinen Abbruch erleiden, sondern im Gegenteil viel dadurch
gewinnen, daß „zehn“ bewährte, beruflich nicht schlechter als
unsere Polizei geschulte Revolutionäre die ganze konspirative
Arbeit, wie z. B. die Herstellung von Flugblättern, die Aufstellung
eines annähernden Planes, die Einsetzung einer Anzahl von Leitern
für jeden Stadtbezirk, für jedes Fabrikviertel, für jede Lehranstalt
 usw. zentralisieren werden (ich weiß, man wird mir das
„Undemokratische“ meiner Ansichten vorwerfen, aber ich werde
auf diesen absolut unklugen Vorwurf weiter unten eingehen). Die
Zentralisierung der konspirativen Funktionen durch eine Organi-Sation
 der Revolutionäre wird nicht schwächend, sondern berei-Chernd
 wirken auf die Ausdehnung und den Gehalt der Tätigkeit
einer ganzen Masse anderer Organisationen, die auf eine breite
Masse berechnet und darum möglichst lose und möglichst wenig
konspirativ sind: der Gewerkschaftsverbände der Arbeiter, der
Arbeiterzirkel für Selbstbildung und der Lesezirkel für illegale
Literatur, ferner der sozialistischen und auch der demokratischen
Zirkel in allen übrigen Bevölkerungsschichten usw. usw. Solche
Zirkel, Verbände und Organisationen sind überall in möglichst
Zroßer Zahl und mit den mannigfaltigsten Funktionen erforderlich,
 aber es ist sinnlos und schädlich, sie mit der Organisation
der Revolutionäre zu verwechseln, die Grenzen zwischen
 ihnen zu verwischen, in der Masse die ohnehin sehr unklar
Zewordene Erkenntnis zu verdunkeln, daß zur „Bedienung“ der
Massenbewegung Menschen erforderlich sind, die sich voll und
ganz der sozialdemokratischen Tätigkeit widmen, und daß diese
Menschen sich mit Geduld und Beharrlichkeit zu Berufsrevolutionären
 emporarbeiten müssen.
Ja, diese Erkenntnis ist unglaublich verdunkelt worden. Unsere
Hauptsünde in organisatorischer Beziehung besteht darin, daß wir
durch unsere Handwerklerei das Prestige der
Revolutionäre in Rußland herabgesetzt haben.
Weichlich und schwankend in theoretischen Fragen, mit engem
15»
        <pb n="239" />
        228

Lenins Lehren,

Horizont, seine Schlappheit rechtfertigend mit der Spontaneität
der Massen, einem Trade-Union-Sekretär ähnlicher als einem
Volkstribun, unfähig, einen umfassenden und kühnen Plan aufzustellen,
 der auch den Gegnern Achtung einflößen würde, unerfahren
 und ungeschickt in der Kunst seines Berufes — im Kampf
gegen die politische Polizei —, das ist doch wirklich kein Revolutionär,
 sondern ein kläglicher Handwerkler.
Kein Praktiker möge mir dieses scharfe Wort übelnehmen, denn
soweit es sich um mangelnde Schulung handelt, beziehe ich €S
vor allem auf mich selber. Ich arbeitete in einem Zirkel, der sich
sehr breite, allımfassende Aufgaben stellte, und wir alle, die Mitglieder
 dieses Zirkels, mußten es schmerzlich und qualvoll empfinden,
 daß wir nur Handwerkler sind in einem historischen
Moment, wo man, einen bekannten Ausspruch variierend, sagen
könnte: gebt uns eine Organisation von Revolutionären, und wir
werden Rußland aus den Angeln heben! Und je öfter ich seitdem
an dieses glühende Schamgefühl zurückdenken mußte, das ich
damals empfand, um so mehr Bitternis sammelte sich in mir an
gegen iene Pseudo-Sozialdemokraten, die durch ihre Predigten
den Beruf des Revolutionärs schänden, die nicht verstehen, daß
es unsere Aufgabe ist, nicht den Revolutionär zum „Handwerkler“
zu degradieren, sondern die Handwerkler auf das Niveau von
Revolutionären emporzuheben (267, 268).

Die Notwendigkeit der Tagesarbeit.

Es wäre der größte Fehler, wollte man die Parteiorganisation
aufbauen nur mit der Aussicht auf eine Revolte oder einen Straßenkampf
 oder nur auf den „fortschreitenden Gang des grauen Tageskampfes“.
 Wir müssen unsere tägliche Arbeit ständig leisten
und immer zu allem bereit sein, denn es ist oft fast ganz unmöglich,
 die Ablösung von Perioden der Erregung durch Stillstandperioden
 vorauszusehen, in den Fällen aber, wo das möglich ist,
könnte man dieses Voraussehen nicht ausnützen für den Umbau
der Organisation, denn eine solche Ablösung erfolgt in einem
absolutistischen Lande ungeheuer rasch, da sie zuweilen nur abhängt
 von einem nächtlichen Überfall der zaristischen Schergen.
Auch die Revolution selber darf man sich nicht in der Form eines
einmaligen Aktes vorstellen, sondern in der Form eines rasch
aufeinanderfolgenden Wechsels von mehr oder weniger starken
Ausbrüchen und mehr oder weniger langen Stillstandsperioden,
Darum muß der Hauptinhalt der Tätigkeit unserer Parteiorganisation,
 der Brennpunkt dieser Tätigkeit eine Arbeit Sein, die
        <pb n="240" />
        Revolutionäre Taktik des Jahres 1917. 2929

sowohl in der Periode des stärksten revolutionären Ausbruches
als auch in der Periode des vollständigen Stillstandes möglich und
notwendig ist, und zwar: die Arbeit der politischen Agitation, die
in ganz Rußland einheitlich zusammengefaßt sein muß, die alle
Seiten des Lebens beleuchtet und in die breitesten Massen dringt.

Revolutionäre Taktik des Jahres 1917.

twickeln. Am
in sein Programm zu en “ einen
v iz begann Lenin sein u Volksrecht“ eine
Noch in der pt er in dem „Züricher hen Staates her-A
 rail don er die Notwendigkeit des proletarisc
ufsatz, in dem
vorhebt.

Welche Taktik soll das Proletariat anwenden? Wir stehen in
einem Übergang von der ersten Etappe der Revolution zu der
zweiten, vom Aufstande gegen den Zarismus zum Aufstande gegen
die Bourgeoisie, gegen den imperialistischen Krieg, im Übergang
zum Konvent, der aus der konstituierenden Versammlung sich
entwickeln kann, wenn die Regierung tatsächlich ihr Versprechen
einlösen wird und die Versammlung einberuft.
Die besondere Aufgabe des jetzigen Standpunktes bestehtin
der Organisierung des Proletariats. Aber nicht in der
schablonenhaften Form der Organisation, mit der sich die Verräter
 am Sozialismus, die Sozialpatrioten, die Opportunisten aller
Länder, begnügen, sondern in der revolutionären Organisation.
 Diese Organisation soll erstens eine allgemeine sein,
zweitens in sich die militärischen und staatlichen
Funktionen vereinigen.
Marx lehrt uns aus der Praxis der Kommune 1871, daß die
„Arbeiterklasse nicht die fertige Staatsmaschine einfach in Besitz
nehmen und sie für ihre Zwecke in Bewegung setzen kann“. Das
Proletariat soll und muß diese Maschine (Armee, Polizei, Bürokratie)
 zerbrechen. Das ist es, was die Opportunisten entweder
 bestreiten oder vertuschen. Das ist die wi chtigste praktische
 Lehre der Pariser Kommune und der russischen Revolution
von 1905.
Wir unterscheiden uns von den Anarchisten, indem wir die
Notwendigkeit des Staates für die revolutionäre Umwälzung
anerkennen. Wir unterscheiden uns aber von den Opportunisten
und Kautskyanern, indem wir sagen: Wir brauchen nicht die
„fertige“ Staatsmaschinerie, wie sie in den demokratischen bürgerlichen
 Republiken existiert, sondern die unmittelbare
        <pb n="241" />
        230

Lenins Lehren,

Machtbewafifneter und organisierter Arbeiter. Das
ist der Staat, den wir brauchen. Das waren, ihrem Wesen nach,
die Kommune 1871 und die Arbeiterdelegiertenräte in
Rußland 1905 und 1917. Auf diesem. Fundament müssen wir weiterbauen.

(Zitiert nach Lenin, d. W. W. XX 1, 82—83.)

IL

Gleich nach seiner Ankunft in Petersburg entwickelte Lenin seine berühmten
 sog. Aprilthesen, die auch in seiner eigenen Partei Widerspruch
erregten.
1. In unserer Stellung zum Krieg, der vonseiten Rußlands auch
unter der neuen Regierung Lwow u. Co., infolge des kapitalistischen
Charakters dieser Regierung, unbedingt ein imperialistischer Raubkrieg
 bleibt, ist auch das kleinste Zugeständnis an das „revolutionäre
 Oboronzentum“ (d. h. an die Verteidigung des jetzigen
bürgerlichen Staates W. G.) unzulässig.
Finem revolutionären Kriege, der die revolutionäre Vaterlandsverteidigung
 wirklich rechtfertigen würde, kann das klassenbewußte
 Proletariat zustimmen nur unter der Bedingung: a) des
Übergangs der Macht in die Hände des Proletariats und der sich
ihm anschließenden ärmsten Teile der Bauernschaft; b) des Verzichts
 in Taten und nicht nur in Worten auf alle Annexionen;
c) des tatsächlichen und völligen Bruchs mit allen Interessen des
Kapitals.
Die breiten Schichten der Anhänger des revolutionären Oboronzentums
 in der Masse, die es zweifellos ehrlich meinen und den
Krieg nur als notwendiges Übel gelten lassen, nicht aber weil sie
Eroberungen wollen, die jedoch von der Bourgeoisie betrogen
werden, muß man besonders gründlich, beharrlich und geduldig
über ihren Fehler aufklären. Man muß ihnen den untrennbaren
Zusammenhang zwischen Kapital und imperialistischem Krieg
klarmachen, man muß ihnen beweisen, daß die Beendigung des
Krieges durch einen wahrhaft demokratischen Frieden, nicht durch
einen Gewaltfrieden, ohne den Sturz des Kapitals unmöglich ist.
Organisierung der breitesten Propaganda dieser Auffassung
unter den Fronttruppen., Verbrüderung.
2..Die Eigenart der gegenwärtigen Lage in Rußland besteht in
dem Übergang von der ersten Etappe der Revolution, die infolge
des ungenügend entwickelten Klassenbewußtseins und der mangelhaften
 Organisiertheit des Proletariats die Bourgeoisie an die
Macht brachte, zur zweiten Etappe, die die Macht in die Hände
        <pb n="242" />
        Revolutionäre Taktik des Jahres 1917. 231
des Proletariats und der armen Schichten der Bauernschaft
legen muß.
Dieser Übergang wird charakterisiert einerseits durch ein
Höchstmaß von Legalität (Rußland ist zur Zeit das freieste von
allen kriegführenden Ländern), anderseits durch das Fehlen einer
Gewaltherrschaft über die Massen und endlich durch die blinde
Vertrauensseligkeit der Massen gegenüber der Regierung der
Kapitalisten, der ärgsten Feinde des Friedens und des Sozialismus.

Diese Figenart verlangt von uns die Fähigkeit, uns den be-Sondern
 Bedingungen der Parteiarbeit unter den ungeheuren,
eben erst zum politischen Leben erwachten Massen des Proletatats
 anzupassen.
3. Keinerlei Unterstützung der provisorischen Regierung, Aufdeckung
 der ganzen Verlogenheit all ihrer Versprechungen, be-Sonders
 der des Verzichts auf Annexion. Entlarvung an Stelle der
Ynzulässigen, Illusionen erweckenden „Forderung“, diese Regierung,
 die Regierung der Kapitalisten, solle aufhören, imperialistisch
 zu sein....
4. Nicht parlamentarische Republik — eine Rückkehr von den
Arbeiterdeputiertenräten zu dieser wäre ein Schritt rückwärts —,
Sondern eine Republik von Arbeiter-, Landarbeiter- und Bauerndeputiertenräten
 im ganzen Lande, von unten bis oben.
Abschaffung der Polizei, der Armee, des Beamtentums.
Entlohnung aller Beamten, die durchweg wählbar und jederzeit
absetzbar sein müssen, nicht über den Durchschnittslohn eines
Yualifizierten Arbeiters.
5, Im Agrarprogramm Verlegung des Schwergewichts auf die
Landarbeiterdeputiertenräte.
Enteignung des gesamten adligen Grundbesitzes.
Nationalisierung des gesamten Bodens im Lande; über ihn
verfügen die örtlichen Landarbeiter- und Bauerndeputiertenräte.
Schaffung von besondern Deputiertenräten der armen Bauern.
Errichtung von Musterwirtschaften aus allen großen Gütern (im
Umfang von etwa 100 bis 300 DeBiatinen, unter Berücksichtigung
der örtlichen und sonstigen Verhältnisse und nach dem Ermessen
der örtlichen Behörden) unter Kontrolle des Landesarbeiterdeputiertenrates
 und auf öffentliche Kosten.
6. Sofortige Verschmelzung aller Banken des Landes zu einer
Nationalbank, die der Kontrolle des Arbeiterdeputiertenrates
untersteht.
7. Nicht „Einführung“ des Sozialismus als unsere unmittel-
        <pb n="243" />
        232

Lenins Lehren,

bare Aufgabe, sondern einstweilen nur sofortige Übernahme der
Kontrolle der gesellschaftlichen Produktion und Verteilung der
Erzeugnisse durch den Arbeiterdeputiertenrat.
(Zitiert nach Lenin, d. W. W, XX 1, 114{f.)

IN.

Aus einem Referate auf der Petrograder Stadtkonferenz der Bolschewisten
 (am 14. [27.] April).
Was sind die Räte der Arbeiter- und Soldatendeputierten? Ihre
Klassenbedeutung ist die direkte Macht. Vollständige politische
Freiheit haben wir natürlich nicht. Aber eine Freiheit wie in
Rußland gibt es jetzt nirgends. „Nieder mit dem Krieg“ bedeutet
nicht das Wegwerfen der Gewehre. Es bedeutet den Übergang
der Macht auf eine andere Klasse. Das klarzumachen, darin liegt
der Schwerpunkt der ganzen gegenwärtigen Situation. Der Blanquismus
 bestand darin, daß er die Machtergreifung anstrebte,
gestützt auf eine Minderheit. Bei uns liegt die Sache ganz anders.
Wir sind noch in der Minderheit, wir erkennen die Notwendigkeit
an, die Mehrheit zu gewinnen. Wir erkennen, zum Unterschied von
den Anarchisten, die Notwendigkeit des Staates für den Übergang
zum Sozialismus an. Die Pariser Kommune hat uns das Muster
eines Staates vom Typus der Arbeiterdeputiertenräte, der direkten
Macht der organisierten und bewaffneten Arbeiter, der Diktatur
der Arbeiter und Bauern gegeben. Die Rolle der Räte, die Bedeutung
 einer solchen Diktatur ist die organisierte Gewalt gegen
die Konterrevolution, der Schutz der Errungenschaften der Revolution
 im Interesse der Mehrheit, gestützt auf die Mehrheit. Eine
Doppelherrschaft kann es im Staate nicht geben. Die Deputiertenräte
 sind der Typus eines Staates, in dem die Polizei unmöglich
ist. Hier regiert das Volk sich selbst, hier ist die Rückkehr zur
Monarchie unmöglich. Das Heer und das Volk müssen sich verschmelzen
 — das ist der Sieg der Freiheit! Alle müssen Waffen
besitzen. Um die Freiheit behaupten zu können, ist die Bewaffhung
 des gesamten Volkes notwendig — das ist das Wesen der
Kommune. Wir sind keine Anarchisten, die die Staatsorganisation
ablehnen, d. h. die Gewalt überhaupt und insbesondere die des
Staates der organisierten und bewaffneten Arbeiter selbst, die
Organisation des Staates durch ihre Räte. Das Leben hat die
Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft mit der Diktatur
der Bourgeoisie verflochten. Die weitere Stufe ist die Diktatur
des Proletariats, dieses ist aber noch nicht genügend organisiert
und aufgeklärt, es muß aufgeklärt werden. Im ganzen Lande
        <pb n="244" />
        Revolutionäre Taktik des Jahres 1917. 9233

müssen solche Arbeiter- und Deputiertenräte geschaffen werden —
das fordert das Leben. Einen andern Weg gibt es nicht. Das ist
eben die Kommune! Der Rat der Arbeiterdeputierten ist keine
Gewerkschaft, wie es die Bourgeoisie gern haben möchte. Das
Volk sieht ihn anders und richtiger an; es sieht in ihm ein Machtorgan,
 Es sieht, daß der Ausweg aus dem Krieg der Sieg der
Arbeiterdeputiertenräte ist. Das eben ist der Typus eines Staates,
unter dem man zum Sozialismus vorwärtsschreiten kann. Wenn
die Macht von einer Gruppe ergriffen wird, so bedeutet das noch
nicht viel. Die russische Revolution hat eine höhere Stufe erreicht:
eine andere Staatsgewalt als die der Räte kann es nicht geben,
und das fürchtet die Bourgeoisie. Solange die Räte die Macht
nicht ergriffen haben, werden wir sie nicht übernehmen. Die Räte
aber müssen durch eine lebendige Kraft zur Macht gestoßen
werden, sonst kommen wir nicht aus dem Kriege heraus, den die
Kapitalisten, indem sie das Volk betrügen, führen. Alle Länder
stehen am Rande des Abgrundes; das muß man begreifen; außer
der sozialistischen Revolution gibt es keinen Ausweg. Die Regierung
 muß gestürzt werden — aber das wird nicht von allen richtig
begriffen. Da die Macht der Provisorischen Regierung sich auf
den Rat der Volksdeputierten stützt, kann man sie nicht „einfach“
stürzen. Sie kann und muß gestürzt werden, indem man die Mehrheit
 in den Räten erobert. Entweder vorwärts, Zur unumschränkten
Macht der Arbeiter- und Soldatendeputierten, oder rückwärts.
zum imperialistischen Krieg — einen andern Weg gibt es nicht.
(Zitiert nach Lenin, d. W. W. XX 1, 236.)

IV.

Aus dem Referat zur politischen Lage auf der allrussischen Parteikonferenz
 der Bolschewisten (am 24. April [7. Mai]), auf der Lenin immer
hoch mit einer starken Opposition kämpfen muß.
Wir sind alle darin einig, daß die Macht in den Händen der
Arbeiter- und Soldatenräte liegen muß. Aber was können und
sollen sie tun, wenn die Macht auf sie übergeht, d. h. wenn die
Macht sich bei den Proletariern und Halbproletariern befinden
wird? Eine komplizierte und schwierige Lage. Und wenn wir von
der Machtübernahme sprechen, taucht da eine Gefahr auf, die
schon in früheren Revolutionen eine große Rolle spielte: nämlich
daß die revolutionäre Klasse die Staatsmacht in ihre Hände nimmt
und nicht weiß, was sie damit anfangen soll. Beispiele von Revolutionen,
 die gerade daran gescheitert sind, sind in der Revolutionsgeschichte
 vorhanden. Die Arbeiter- und Soldatendeputiertenräte,
        <pb n="245" />
        234

Lenins Lehren.

die jetzt wie ein Netz ganz Rußland überziehen, stehen gegenwärtig
im Mittelpunkt der ganzen Revolution; es will mir jedoch scheinen,
daß sie von uns noch nicht genügend begriffen und studiert sind.
Wenn diese Räte die Macht in ihre Hände nehmen, dann wird es
kein Staat im gewöhnlichen Sinne des Wortes mehr sein. Eine
solche Staatsmacht, die sich längere Zeit gehalten hätte, hat es
in der Welt noch nie gegeben, aber die ganze Arbeiterbewegung
der Welt lief darauf hinaus. Das wird eben ein Staat vom Typus
der Pariser Kommune sein. Eine solche Macht ist eine Diktatur,
d. h. sie stützt sich nicht auf das Gesetz, nicht auf den formalen
Willen der Mehrheit, sondern direkt, unmittelbar auf die Gewalt.
Die Gewalt ist ein Werkzeug der Macht. Auf welche Weise werden
die Räte diese Macht anwenden? Werden sie zur alten Regiererei
mittels der Polizei zurückkehren, werden sie die Verwaltung mittels
der alten Machtorgane ausüben? Meines Erachtens werden sie
dies nicht tun können, und jedenfalls steht vor ihnen die unmittelbare
 Aufgabe der Errichtung eines nichtbürgerlichen Staates.
Ich gebrauchte unter Bolschewiki den Vergleich dieses Staates
mit der Pariser Kommune in dem Sinne, daß sie die alten Verwaltungsorgane
 zerschlagen und sie durch völlig neue, direkte,
unmittelbare Organe der Arbeiter ersetzt hat. Man beschuldigt
mich, daß ich im gegenwärtigen Augenblick ein Wort gebrauche,
das die Kapitalisten am meisten schreckt, da sie es als die Absicht
unmittelbarer Einführung des Sozialismus auslegten. Aber ich
gebrauchte es lediglich im Sinne der Ersetzung der alten Organe
durch neue, proletarische. Marx sagte, daß dies den größten
Schritt der gesamten proletarischen Weltbewegung nach vorwärts
bedeute. Die Frage der sozialen Aufgaben des Proletariats ist für
uns von gewaltiger praktischer Bedeutung, einerseits, weil wir
jetzt mit allen übrigen Ländern verkettet sind und aus diesem
Knäuel nicht herauskönnen: entweder wird sich das Proletariat
In seiner Gesamtheit losmachen oder es wird erdrosselt werden;
anderseits sind die Arbeiter- und Soldatendeputiertenräte eine Tatsache.
 Niemand wird bezweifeln, daß sie ganz Rußland erfaßt
haben, sie sind eine Macht, und eine andere Macht kann es nicht
geben. Wenn dem aber so ist, so müssen wir uns darüber klar
werden, wie sie diese Macht gebrauchen können. Man sagt, daß
diese Macht dieselbe sei wie in Frankreich und Amerika, aber dort
ist nichts Derartiges vorhanden. eine solche unmittelbare Macht
besteht dort nicht.
... Welches sind nun die Aufgaben des revolutionären Proletariats?
 Der Hauptmangel, der Hauptfehler aller Betrachtungen der
        <pb n="246" />
        Revolutionäre Taktik des Jahres 1917. 235

Sozialisten besteht darin, daß die Frage zu allgemein gestellt
wird — Übergang zum Sozialismus, während man über die konkreten
 Schritte und Maßnahmen sprechen muß. Die einen sind
schon reif, andere noch nicht. Wir durchleben jetzt eine Übergangszeit.
 Wir haben offensichtlich Formen hervorgebracht, die den
dürgerlichen Staatsformen nicht ähnlich sind: Arbeiter- und
Soldatendeputiertenräte — das ist eine Staatsform, die es in
keinem Staate gibt noch je gegeben hat. Das ist eine Form, die
die ersten Schritte zum Sozialismus darstellt und am Beginn der
Sozialistischen Gesellschaft unvermeidlich ist. Das ist eine ent-Scheidende
 Tatsache. Die russische Revolution hat Räte geschaffen.
In keinem bürgerlichen Lande der Welt gibt es Staatseinrichtungen
dieser Art und kann es sie auch nicht geben, und keine einzige
Sozialistische Revolution wird mit einer andern Macht außer dieser
DDerieren können. Die Arbeiter- und Soldatendeputiertenräte
Müssen die Macht übernehmen, nicht um eine gewöhnliche bür-Berliche
 Republik zu schaffen oder um unmittelbar zum Sozialis-Mus
 überzugehen. Das ist unmöglich. Also wozu denn? Sie
Müssen die Macht übernehmen, um die ersten konkreten Schritte
für diesen Übergang zu tun, die man tun kann und soll. Angst
ist in dieser Hinsicht der schlimmste Feind. Man muß den Massen
Predigen, daß diese Schritte sofort getan werden müssen, sonst
Wird die Macht der Arbeiter- und Soldatendeputiertenräte sinnlos
Sein und wird dem Volke nichts geben.... Wozu wollen wir, daß
die Macht in die Hände der Arbeiter- und Soldatendeputiertenräte
Äbergeht?

Die erste Maßnahme, die sie verwirklichen müssen, ist die
Nationalisierung des Grunds und Bodens. Darüber reden alle
Völker. Man sagt, diese Maßnahme sei die utopischeste, und dennoch
 gelangen alle zu ihr, gerade deswegen, weil der russische
Landbesitz so verworren ist, daß es einen andern Ausweg als
diesen, den gesamten Grund und Boden in Staatseigentum zu ver-Wandeln,
 nicht gibt. Das ist jene Aufgabe, die vor uns steht, weil
die Mehrheit ‚des Volkes dafür eintritt. Dazu brauchen wir die
Räte. Diese Maßnahme läßt sich mit den alten Staatsbeamten
üinmöglich durchführen.
Die zweite Maßnahme. Wir können nicht sagen, wir wollen den
Sozialismus „einführen“, — das wäre der größte Unsinn. Wir
müssen den Sozialismus propagieren. Die Mehrheit der Bevölketung
 in Rußland besteht aus Bauern, Kleinbesitzern, die an den
Sozialismus nicht einmal denken können. Was aber können sie
dagegen haben, daß in jedem Dorfe eine Bank bestehen soll, die
        <pb n="247" />
        236 Lenins Lehren.

ihnen die Möglichkeit geben würde, die Wirtschaft zu verbessern?
Dagegen können sie nichts sagen. Wir müssen diese praktischen
Maßnahmen unter den Bauern propagieren und in ihnen das Bewußtsein
 innerer Notwendigkeit festigen.
(Zitiert nach Lenin, d. W. W. XX 1, 331, 334 {f.)

Bolschewismus und Sozialdemokratie. -

Dieser Artikel, der den Titel führt „Über unsere Revolution“, gehört zu
den letzten Arbeiten, die Lenin schrieb. Er ist Anfang Januar 1923 abgefaßt.
 Suchanows Erinnerungen an die Revolution von 1917 (vom Sturze
des Zaren bis zur Eroberung der politischen Macht durch die Bolschewisten),
 von denen er ausgeht, stehen auf dem Standpunkte eines linksgerichteten
 Sozialismus, der zwar Kerenski ablehnt, aber auch nichts von
den bolschewistischen Methoden wissen will. Suchanow ist im Jahre
1931, wie schon erwähnt wurde, von den Bolschewisten als Führer der
Menschewisten wegen gegenrevolutionärer Betätigung zu zehn Jahren
Gefängnis verurteilt worden. Aus dem Artikel Lenins geht der Unterschied
 des Bolschewismus von allem opportunistischen Sozialismus, der
an eine friedliche Entwicklung, parlamentarische Demokratie usw. glaubt,
deutlich hervor. Zitiert wird nach Lenins russ. Werken Bd. XXVIL
In diesen Tagen habe ich die Erinnerungen Suchanows an
die Revolution durchgeblättert. Ganz besonders fällt da auf der
pedantische Charakter aller unserer kleinbürgerlichen Demokraten
und aller Helden der Zweiten (d. h. sozialistischen) Internationale.
Man braucht nicht einmal davon zu sprechen, daß sie außergewöhnlich
 feige sind, daß sogar die Besten von ihnen zu Ausreden
 greifen, wenn die Rede ist von der geringsten Abweichung
vom deutschen Vorbild (d. h. dem Glauben der deutschen Sozialdemokratie
 an Parlamentarismus und Demokratie. W.G.). Man
braucht nicht von dieser Eigenschaft aller kleinbürgerlichen Demokraten,
 die sie genügend im Laufe der gesamten Revolution gezeigt
haben, zu sprechen; auch so fällt ihr sklavisches Bestreben, dem
Vergangenen nachzuahmen, auf,
Sie nennen sich alle Marxisten, aber sie verstehen den Marxismus
 pedantisch bis zu einem unmöglichen Maße. Sie haben das
Entscheidende im Marxismus gar nicht begriffen, nämlich seine
revolutionäre Dialektik, selbst Hinweise von Marx darauf, daß
in den Momenten der Revolution eine maximale Biegsamkeit notwendig
 ist, sind von ihnen völlig unverstanden, ja sie haben sie
nicht einmal bemerkt, so z. B. den Hinweis von Marx in seinem
Briefwechsel, der sich wohl auf das Jahr 1856 bezieht, wo er
seine Hoffnung aussprach, einen deutschen Bauernkrieg, der re-
        <pb n="248" />
        Bolschewismus und Sozialdemokratie. 9237

volutionäre Verhältnisse schaffen könnte, mit der Arbeiterbewegung
zu verbinden, — selbst diesen direkten Hinweis umgehen sie und
kreisen ebenso um ihn, wie ein Kater um den heißen Brei.
In ihrem ganzen Benehmen erweisen sie sich als feige Reformer,
die Angst haben, von der Bourgeoisie fortzugehen; von einem
Bruche mit ihr schon gar nicht zu reden! Gleichzeitig aber verbergen
 sie ihre Feigheit hinter hohlster Phrasendrescherei und
Prahlerei, Aber bereits rein theoretisch fällt bei ihnen die voll-Ständige
 Unfähigkeit auf, folgende Überlegung des Marxismus zu
begreifen: Sie sahen bisher einen bestimmten Weg der Entwicklung
 des Kapitalismus und der bürgerlichen Demokratie in Westeuropa,
 und so können sie sich nicht vorstellen, daß dieser Weg
Nur-mit einigen Abänderungen, die vom Standpunkte der Welt-Keschichte
 als unbedeutend gelten müssen, vorbildlich sein kann.
. Das erste — die Revolution, die verbunden ist mit dem ersten
imperialistischen Weltkrieg. In dieser Revolution mußten sich
neue Züge zeigen oder Artveränderungen in Abhängigkeit gerade
vom Kriege; denn nirgends in der Welt gab es einen solchen
Krieg unter derartigen Umständen. Bis heute sehen wir, daß die
Bourgeoisie der reichsten Länder nach diesem Kriege nicht die
normalen bürgerlichen Beziehungen herstellen kann; aber unsere
Reformer, Kleinbürger, die sich als Revolutionäre aufspielen, sahen
und sehen als eine Grenze, die man ja nicht überschreiten darf,
die normalen bürgerlichen Beziehungen an, wobei sie diese Norm
außerordentlich schablonenmäßig und eng fassen. Das Zweite —
völlig fremd ist ihnen jeder Gedanke daran, daß die allgemeine
Gesetzmäßigkeit der Entfaltung in der Weltgeschichte keinesfalls
einzelne Abschnitte dieser Entwicklung ausschließt, sondern im
Gegenteil voraussetzt, welche Figenartigkeiten, sei es der Form, sei
es der Ordnung dieser Entwicklung darstellen. Es fällt ihnen nicht
einmal ein, daß Rußland, das auf der Grenze der zivilisierten
Länder und der Länder, die durch den Krieg zuerst und endgültig
in die Zivilisation hineingezogen werden, steht, der Länder des
gesamten Ostens, der außereuropäischen Länder, daß Rußland
darum einige Figentümlichkeiten haben kann und muß. Diese
liegen selbstverständlich in der Linie der Weltentwicklung, aber
sie unterscheiden doch die russische Revolution von den vorhergehenden
 in den westeuropäischen Ländern und bringen einige
Teilneuheiten beim Übergang in die Ostländer.
So erweist sich z. B. als völlig schematisch eine Behauptung,
die sie in Zeiten der Entwicklung der deutschen Sozialdemokratie
auswendig gelernt haben. Sie besteht darin, daß wir noch nicht
        <pb n="249" />
        238

Lenins Lehren.

zum Sozialismus reif geworden sind, daß bei uns, wie einige
ihrer gelehrten Herrschaften sich ausdrücken, die objektiven wirtschaftlichen
 Voraussetzungen für den Sozialismus nicht da sind.
Niemandem fällt es ein, zu fragen: Konnte nicht ein Volk, das
einer revolutionären Lage begegnete, einer solchen Lage, wie sie
sich im ersten imperialistischen Kriege entwickelt .hatte, konnte
ein solches Volk sich nicht gerade unter dem Einfluß der Ausweglosigkeit
 seiner Lage in einen Kampf stürzen, der irgend
welche Chancen ihm eröffnete, um für sich selber nicht gewohnte
Bedingungen zum weiteren Wachstum der Zivilisation zu erobern?

Rußland hat nicht die Höhe der Produktionskräfte erlangt, in
der der Sozialismus möglich ist. Mit dieser These gehen die
Helden der Zweiten Internationale, und darunter natürlich auch
Suchanow, hausieren. Diese unstreitige Feststellung wiederholen
sie auf tausenderlei Art, und es erscheint ihnen, daß sie entscheidend
 ist für die Wertung unserer Revolution.
Was dann aber, wenn eigenartige Umstände Rußland zunächst
in den imperialistischen Weltkrieg hineingezogen haben, an dem
alle irgendwie einflußreichen westeuropäischen Länder beteiligt
sind? Was dann aber, wenn die Eigentümlichkeit der Umstände
Rußland an die Grenze der anfangenden und bereits schon begonnenen
 Revolutionen des Ostens gestellt hat? Und zwar gerade
unter den Bedingungen, durch die wir gerade das Bedürfnis des
Bauernkrieges mit der Arbeiterbewegung verwirklichen konnten,
von dem als von einer der möglichen Perspektiven ein solcher
Marxist, wie Marx im Jahre 1856, sich auf Preußen beziehend,
schrieb? Was dann, wenn die völlige Ausweglosigkeit der Lage
die Kräfte der ‚Arbeiter und Bauern verzehnfachte und ihnen
damit die Möglichkeit eröffnete für einen andern Übergang, um
grundlegende Voraussetzungen der Zivilisation zu schaffen, als
in allen andern westeuropäischen Staaten? Hat sich dadurch die
allgemeine Linie der weltgeschichtlichen Entwicklung geändert,
haben sich dadurch die grundlegenden Beziehungen der grundlegenden
 Klassen in einem Staate verändert, der hingezogen
wird und hingezogen ist in den allgemeinen Gang der Weltgeschichte?

Wenn zur Schaffung des Sozialismus ein bestimmtes Kulturniveau
 notwendig ist (obgleich niemand sagen kann, worin eigentlich
 dieses bestimmte Kulturniveau besteht), so ergibt sich die
Frage, warum wir nicht beginnen sollen, auf revolutionäre Weise
die Voraussetzungen für dieses bestimmte Niveau zu erobern. um
        <pb n="250" />
        Die Diktatur des Proletariats. 239

erst dann auf Grundlage der Arbeiter- und Bauernmacht und des
Sowjetregimes damit zu beginnen, die andern Völker einzuholen?

Ihr sagt, daß zur Schaffung des Sozialismus Zivilisation verlangt
wird. Sehr schön, aber warum konnten wir nicht damit anfangen,
Solche Voraussetzungen der Zivilisation bei uns zu schaffen, wie
die Vertreibung der Gutsbesitzer und russischen Kapitalisten, um
erst dann die Bewegung zum Sozialismus zu beginnen? In welchen
Büchern habt ihr gelesen, daß derartige Veränderungen der normalen
 historischen Ordnung unerlaubt oder unmöglich sind?
Napoleon hat geschrieben: „On s’engage et Duis on voit.“ In
freier Übersetzung heißt es: „Man muß zunächst sich in einen
ernsten Kampf verwickeln, dann wird man schon sehen.“ Nun
haben wir uns im Oktober 1917 in einen ernsten Kampf verwickelt,
 und erst dann haben wir solche Entwicklungseinzelheiten
(vom Standpunkte der Weltgeschichte sind es natürlich Einzelheiten)
 wie den Frieden von Brest-Litowsk und die Neue Ökonomische
 Politik gesehen. In der Gegenwart ist es schon zweifellos
klar, daß wir im Grundlegenden gesiegt haben.
Unsere Suchanows (um von den rechterstehenden Sozialdemokraten
 nicht zu sprechen) denken nicht daran, daß auf eine andere
Weise Revolutionen gar nicht gemacht werden können, Unsere
europäischen Spießer denken nicht einmal im Traum daran, daß
die weiteren Revolutionen in den viel reicher bevölkerten und viel
stärker sich durch die Mannigfaltigkeit der sozialen Verhältnisse
heraushebenden Ländern des Ostens ihnen zweifellos noch mehr
Eigentümlichkeiten vorführen werden als die russische Revolution.
Sicher war ein nach Kautsky abgefaßtes Lehrbuch für seine Zeit
eine sehr nützliche Sache. Aber es ist doch Zeit, den Gedanken
aufzugeben, daß dieses Lehrbuch alle Formen der weiteren welt-Zeschichtlichen
 Entwicklung vorausgesehen hat. Es ist wirklich
Zeit, alle die, die so denken, zu Dummköpnfen zu erklären.

Die Diktatur des Proletariats.

1920 plante Lenin eine Broschüre über die Diktatur des Proletariats,
er kam aber nur zur Ausarbeitung einer. Disposition. Doch gibt gerade
diese Disposition mit ihren Stichwörtern einen Jlehrreichen Einblick in
seine Staatsauffassung. Einige dieser Stichwörter seien zitiert nach der
russischen Ausgabe von Lenins Werken, Band XXV.
A. Die Diktatur des Proletariats als neue Form des Klassenkampfes
 des Proletariats.
        <pb n="251" />
        240

Lenins Lehren.

1. Die Grundlage des „sozialistischen“ Nichtverstehens der
Diktatur des Proletariats ist die Nichtzuendeführung der Klassenkampfidee.
 Die Diktatur des Proletariats ist die Fortsetzung des
Klassenkampfes des Proletariats in neuen Formen. Das ist das
Entscheidende, das versteht man nicht. Das Proletariat als besondere
 Klasse setzt allein seinen Klassenkampf fort.
2. Der Staat ist nur die Waffe des Proletariats in seinem Klassenkampf.
 Ein besonderer Knüppel! Nichts weiter!
3. Die Formen des Kampfes des Proletariats können bei seiner
Diktatur nicht die alten sein. Fünf neue Aufgaben und entsprechende
 Formen:
4. a) Die Unterdrückung des Widerstandes der Ausbeuter.
1) Eine besondere Schärfe des Klassenkampfes. 2) Neue Formen
des Widerstandes, die den Kapitalismus in seinem höchsten Stadium
 entsprechen (Verschwörungen. Sabotage, Einfluß auf das
Kleinbürgertum).
5. b) Der Bürgerkrieg, die Verwandlung des imperialistischen
Krieges in den Bürgerkrieg.
6. c) Neutralisation des Kleinbürgertums, insbesondere der
Bauernschaft,
7. d) Ausnützung der Bourgeoisie. Spezialisten. Nicht nur Unter-Ädrückung
 des Widerstandes, nicht nur Neutralisation, sondern
Annahme zur Arbeit, Zwang, dem Proletariat zu dienen.
8. e) Erziehung zu einer neuen Disziplin. 1) Die Diktatur des
Proletariats und die Gewerkschaft. 2) Kommunistische Musterarbeiter.
 3) Die Reinigung der Partei und ihre Bedeutung. 4) Prämien
 und Lohn nach Leistung.
B. Die Diktatur des Proletariats als Zerstörung der bürgerlichen
und Schaffung der proletarischen Demokratie.
1. Diktatur und Demokratie als allgemeine, nach Karl Kautsky
reine Begriffe. Die Diktatur als Verneinung der Demokratie. Für
wen? Der abstrakte, kleinbürgerliche demokratische Gesichtspunkt
und der Marxismus (Klassenkampf).
2. „Freiheit“ des Warenbesitzers: Freiheit wofür? wovon?
warum? worin?
3. Die Gleichheit der Warenbesitzer.... (Lenin meint: Keine
Gleichheit der Besitzenden und der Besitzlosen in der bürgerlichen
Gesellschaft WG)

Recht und Terror.

Bei der Abfassung des Strafgesetzbuches für die russische Bundesrenublik
 im Jahre 1922 interessierte sich Lenin besonders für die Re-
        <pb n="252" />
        Recht und Terror. Ein Bekenntnis zum Materialismus, 941

Strafung der Gegenrevolution mit Hilfe des Auslandes. Wie der folgende
Brief an den Justizkommissar Kurski beweist, ist der sich mit dieser
Gegenrevolution befassende 57. Artikel unter dem entscheidenden Einfluß
Lenins formuliert worden. Er machte für ihn mehrere Vorschläge, von
denen der erste zitiert sel:

Propaganda oder Agitation oder Teilnahme an der Organisation
üder Mitwirkung an Organisationen, die in der Richtung einer
Hilfe wirksam sind für jenen Teil der internationalen Bourgeoisie,
Welche das zur Ablösung des Kapitalismus kommende System
des Figentums nicht als gleichberechtigt anerkennt und danach
Strebt, es mit Gewalt zu stürzen, auf dem Wege der Intervention
Oder Blockade oder Spionage oder Pressefinanzierung und ähnlicher
 Mittel, wird mit dem Strafhöchstmaß bestraft. Bei mildernden
 Umständen tritt an seine Stelle Freiheitsberaubung. oder
Ausweisung ins Ausland,
Diesem Entwurfe fügte Lenin einen Brief bel, in dem er den politischen
Terror zu rechtfertigen suchte.
17. Mai 1921. Genosse Kurski, in Anschluß an unser Gespräch
Sende ich Ihnen den Entwurf für einen ergänzenden Paragraphen
des Strafgesetzbuches.... Der grundlegende Gedanke ist wohl
klar: Offen die prinzipielle und politisch wahre (und nicht nur
juristisch-enge) These herausstellen, welche das Wesen und die
Rechtfertigung des Terrors, seine Notwendigkeit und seine Grenzen
begründet. Das Gericht soll nicht den Terror beseitigen. Das zu
versprechen wäre Betrug oder Selbstbetrug, sondern ihn prinzipiell
begründen und in Gesetzesform bringen, klar, ohne Unaufrichtigkeit
 und ohne Beschönigung. Man muß möglichst weit formulieren,
denn nur das revolutionäre Rechtsgefühl und Gewissen werden
über die mehr oder minder weite Anwendung in der Praxis ent-Scheiden.

(Zitiert nach Bolschewik vom 31. Oktober 1930.)

Ein Bekenntnis zum Materialismus.

Im Jahre 1922 veröffentlichte Lenin in der neugegründeten Zeitschrift
‚Unter dem Banner des Marxismus‘ (Märzheft) einen programmatischen
Artikel, in dem er seine atheistischen Anschauungen und die Methoden
Ihrer Propaganda darlegt. Er betont, daß es eine der entscheidenden
Aufgaben der neuen materialistischen Zeitschrift sein müsse, sich gegen
alle nichtmaterialistischen philosophischen Modeströmungen zu wenden
und damit die Tradition des materialistischen Denkens, die in der rus-Sischen
 Intelligenz sich entwickelt hatte, fortzusetzen. Zitiert ist nach
Lenins russ. Werken Bd. XXVIL
Öurian, Der Bolschewismus.
        <pb n="253" />
        2492

Lenins Lehren.

Es genügt, an die überwiegende Zahl der modischen philosooöhischen
 Richtungen zu erinnern, die so häufig in europäischen
Ländern entstehen, etwa von denen angefangen, die mit der Entdeckung
 des Radios entstanden sind, um mit denen zu enden, die
sich heute an Finstein klammern, und man kann sich die Verbindung
 vorstellen zwischen den Klasseninteressen und der
Klassenlage der Bourgeoisie, ihrer Unterstützung aller Formen
der Religion und den ideellen Gehalten modischer philosophischer
Richtungen.
Aus dem Dargelegten ist klar, daß eine Zeitschrift, die ein
Organ des kämpfenden Materialismus sein will, ein Kampforgan
sein muß erstens im Sinne der unbeugsamen Enthüllung und Verfolgung
 aller zeitgenössischen „diplomierten Lakaien des Pfafifentums“,
 wobei es gleichgültig ist, ob sie als Vertreter der amtlichen
Wissenschaft auftreten oder als Freischärler, die sich demokratische,
 linksgerichtete oder ideell-sozialistische Publizisten nennen.
Eine solche Zeitschrift muß zweitens ein Organ des kämpfenden
Atheismus sein. Bei uns gibt es Behörden oder mindestens staatliche
 Einrichtungen, die diese Arbeit lenken. Aber diese Arbeit wird
außerordentlich matt, in einer völlig unbefriedigenden Weise geführt,
 sie leidet offenbar unter dem Drucke der allgemeinen Bedingungen
 unseres russischen, wenn auch sowjetrussischen Bürokratismus.
 Es ist daher sehr wesentlich, daß zur Ergänzung der
entsprechenden staatlichen Einrichtungen, zu ihrer Verbesserung
und Belebung eine Zeitschrift geschaffen wird, die sich zur Aufgabe
 stellt, ein Organ des kämpfenden Materialismus zu werden,
und eine ununterbrochene atheistische Propaganda und Aktion
führt. Es ist nötig, alle entsprechende Literatur in allen Ländern
zu verfolgen; man muß alles Wertvolle auf diesem Gebiete übersetzen
 oder mindestens referieren.
Engels hat schon lange den Führern des gegenwärtigen Proletariats
 den Rat gegeben, die kämpferische atheistische Literatur
des endenden 18. Jahrhunderts zur Massenverbreitung zu übersetzen.
 Zu unserer Schande haben wir das bisher nicht getan.
Einer der zahlreichen Beweise dafür, daß es viel leichter ist, in
ainer revolutionären Epoche die Macht zu erobern, als es zu verstehen,
 diese Macht richtig zu brauchen!. (Diese Klage ist heute
überholt; die gewünschten Übersetzungen sind angefertigt worden;
2s erscheint in der Sowjetunion eine umfangreiche Buch- und
Zeitschriftenliteratur zur Förderung des Atheismus. W. G.)
Gelegentlich hat man diese Mattigkeit, Untätigkeit und Un-
        <pb n="254" />
        Ein Bekenntnis zum Materialismus. 243

fähigkeit mit allerlei höheren Erwägungen zu rechtfertigen ge-Sucht;
 so sei die alte atheistische Literatur des 18. Jahrhunderts
veraltet, unwissenschaftlich, naiv usw. Es gibt aber nichts Schlim-Meres
 als solche angeblich wissenschaftliche Sophismen, hinter
denen sich in Wirklichkeit nur Pedantentum oder vollkommenes
Mißverstehen des ‚Marxismus verbirgt. Gewiß findet sich vieles
Unwissenschaftliche und Naive in den atheistischen Schriften der
Revolutionäre des 18. Jahrhunderts, aber niemand verbietet es den
Herausgebern dieser Schriften, sie zu kürzen oder mit kurzen
Vorworten zu versehen, in denen auf den Fortschritt der wissenschaftlichen
 Kritik an der Religion hingewiesen wird, den die
Menschheit seit dem Ende des 18. Jahrhunderts erlebt hat, mit
Hinweisen auf die entsprechenden neuesten Werke usw. Es wäre
der größte und der schlimmste Fehler, den ein
Marxist begehen könnte, wenn er glauben würde,
daß zahlreiche, Millionen umfassende Volksmas-Sen
 insbesondere der Handwerker und der Bauern),
die durch die gegenwärtige Gesellschaft zur
Dunkelheit, Unwissenheit und Vorurteilen verürteiltsind,
 aus dieser Dunkelheit sich nur aufder
Linie der rein marxistischen Aufklärung befreien
können. Man muß diesen Massen das verschiedenste
Materialderatheistischen Propaganda geben; man
muß sie mit Tatsachen aus den verschiedensten Gebieten des
Lebens bekannt machen, man muß an sie auf alle Weise heran-Zehen,
 um sie zu interessieren, um sie aus dem religiösen Schlaf
aufzuwecken, um sie aufzurütteln von den verschiedensten Seiten.
auf die verschiedensten Weisen usw.
Die flotte, lebendige, talentierte, scharf und offen das herrschende
 Pfaffentum bekämpfende Publizistik der alten Atheisten
des 18. Jahrhunderts ist durchweg tausendmal geeigneter, die
Leute aus dem religiösen Schlafe zu wecken als die langweiligen,
trockenen, fast nie durch geschickt gewählte Tatsachen veranschaulichten
 Nacherzählungen des Marxismus, die in unserer
Literatur vorherrschen und die, offen gesagt, auch den Marxismus
verfälschen. Alle wichtigen Werke von Marx und Engels sind
bei uns übersetzt. Es besteht wirklich kein Grund dafür, daß der
alte Atheismus und der alte Materialismus nicht jene Verbessetungen
 erhalten, die Marx und Engels angebracht haben. Das
Allerwichtigste besteht darin — das vergessen sehr häufig unsere
angeblich marxistischen, in Wirklichkeit aber den Marxismus nur
verstümmelnden Kommunisten —, die noch völlig unentwickelte
16 *
        <pb n="255" />
        244

Lenins Lehren.

Masse für eine bewußte Beziehung zu religiösen Fragen und für
eine bewußte Kritik der Religion zu interessieren!
Anderseits sehe man sich die heutigen Vertreter der wissenschaftlichen
 Religionskritik an; fast alle diese Vertreter der gebildeten
 Bourgeoisie ergänzen die eigenen Widerlegungen der
religiösen Vorurteile mit Gedanken, die sie als ideelle Sklaven der
Bourgeoisie, als diplomierte Lakaien des Pfaffentums enthüllen.
Der bekannte deutsche Gelehrte Arthur Drews, der in seinem
Buche über die Christusmythe die religiösen Vorurteile und Märchen
 widerlegt, indem er erzählt, daß es überhaupt keinen Christus
zab, spricht sich zum Schlusse seines Buches für die Religion aus,
wenn auch eine erneuerte, eine gereinigte, eine verfeinerte, die
fähig ist, dem täglich mehr und mehr steigenden naturalistischen
Strome Widerstand zu leisten. Das ist ein offener, bewußter
Reaktionär, der offen den Ausbeutern hilft, die alten und verfaulten
religiösen Vorurteile durch neue, noch schlechtere und gemeinere
Vorurteile zu ersetzen.
Das bedeutet natürlich nicht, daß man Drews nicht übersetzen,
soll. Das bedeutet, daß die Kommunisten und alle folgerichtigen
Materialisten die Pflicht haben, wenn sie sich auch bis zu einem
gewissen Grade mit dem fortgeschrittenen Teile der Bourgeoisie
verbinden, sie unweigerlich zu enthüllen, sobald sie reaktionär
wirkt. Das bedeutet, daß man den Marxismus und Materialismus
verrät, wenn man sich des Bündnisses mit der Bourgeoisie des
18. Jahrhunderts schämt, also der Zeit, als sie revolutionär war. ...
Außerordentlich wichtig sind alle Dokumente, die sich auf die
Vereinigten Staaten von Amerika beziehen, in denen sich weniger
die offizielle, staatliche Verbindung von Kapital und Religion zeigt.
(Lenin denkt offenkundig an die amerikanische Trennung von
Kirche und Staat. W.G.) Aber dafür wird uns klarer, daß die
sog. gegenwärtige Demokratie (vor der so unvernünftig die
Menschewisten, die Sozialrevolutionäre und teilweise die Anarchisten
 kriechen) nichts anderes darstellt als die Freiheit, das zu
verkünden, was zu verkünden für die Bourgeoisie vorteilhaft ist.
Und vorteilhaft ist hier die Verkündigung der reaktionärsten
[Ideen der Religion, des Aberglaubens, der Verteidigung der Ausbeuter
 USW.

Lenin schließt seinen Artikel mit der Forderung des Kampfes gegen
jene naturwissenschaftlichen Richtungen, welche auf eine philosophische,
für Lenin also materialistische Grundlegung der Wissenschaften verzichten
zu können glauben. Dabei tritt seine Überzeugung von der unlösbaren
Verbindung des Marxismus mit Hegel klar hervor.
        <pb n="256" />
        Ein Bekenntnis zum Materlalismus. 245

Wir müssen begreifen, daß weder Naturwissenschaften noch
ein Materialismus, der keine soliden philosophischen Grundlagen
besitzt, den Kampf gegen den Ansturm bürgerlicher Ideen und
die Wiederherstellung der bürgerlichen Weltanschauung führen
können. Um diesen Kampf zu führen und zum siegreichen. Ende
zu bringen, muß der Naturwissenschaiftler ein Materialist unserer
Zeit sein, also ein bewußter Anhänger jenes Materialismus, den
Marx darstellt, d. h. er muß ein dialektischer Materialist sein.
Die Mitarbeiter der Zeitschrift „Unter dem Banner des Marxismus“
müssen zur Erreichung dieses Zieles ein systematisches Studium
der Dialektik Hegels von materialistischem Gesichtspunkte aus
organisieren, d. h. das Studium jener Dialektik, die Marx prakfisch
 anwandte in seinem „Kapital“ und seinen historischen und
Politischen Arbeiten. Er wandte sie mit einem solchen Erfolge an,
daß heute jeder Tag des Erwachens neuer Klassen zum Leben und
zum Kampfe im Osten (Japan, Indien, China, d. h. jener Hunderte
Millionen von Menschen, welche den größten Teil der Erdbevölketung
 bilden und die durch ihre geschichtliche Tatenlosigkeit und
ihren geschichtlichen Schlaf bisher den Stillstand und das Faulen
in den führenden Staaten Europas bedingten), daß also jeder Tag
des Erwachens neuer Völker und neuer Klassen zum Leben immer
mehr und mehr den Marxismus bestätigt.
Natürlich ist die Arbeit bei diesem Studium, dieser Deutung und
dieser Propaganda der Hegelschen Dialektik außerordentlich
schwer, und sicher werden die ersten Versuche in dieser Richtung
mit Fehlern verbunden sein. Aber nur der begeht keine Fehler,
der nichts tut. Wir müssen uns darauf stützen, wie Marx die
materialistisch aufgefaßte Dialektik Hegels anwandte; wir können
und müssen diese Dialektik von allen Seiten bearbeiten, wir müssen
in der Zeitschrift Abschnitte aus den wichtigen Werken Hegels
bringen, wir müssen sie materialistisch deuten, wir müssen sie mit
Beispielen der Anwendung der Dialektik bei Marx kommentieren,
wir müssen sie aber auch kommentieren mit Beispielen der Dialektik
 aus dem Bereiche politischer und wirtschaftlicher Beziehungen.
 Solcher Beispiele bringt die neueste Geschichte, insbesondere
 der gegenwärtige imperialistische Krieg und die Revolution,
 besonders viele. Die Gruppe der Redakteure und der Mitatbeiter
 der Zeitschrift „Unter dem Banner des Marxismus“ muß
meiner Ansicht nach eine Art Gesellschaft der materialistischen
Freunde der Hegelschen Dialektik sein. Die Naturforscher der
Gegenwart werden in der materialistisch gedeuteten Dialektik
Hegels (wenn wir nur zu suchen verstehen und wenn wir lernen,
        <pb n="257" />
        246

Lenins Lehren,

ihnen zu helfen) eine Reihe Antworten auf die philosophischen
Fragen finden, die durch die Revolution für die Naturwissenschaften
 gestellt werden, und durch die die Verehrer der bourgoisen
 Mode aus der Intelligenz in die Reaktion abgelenkt werden.
Weitere Zeugnisse für Lenins Stellung zur Religion brauchen nicht
angeführt zu werden, da man sie fast vollständig zusammengestellt findet
im Auswahlbändchen „Lenin über die Religion“ (Wien-Berlin 1926).
        <pb n="258" />
        Das Ziel des Fünfjahresplanes.

Am 5. Februar 1931 hielt Stalin vor den Führern der sozialisierten
russischen Industrie eine programmatische Rede, die für die gesamte
bolschewistische Wirtschaftspolitik und die Zielsetzung des Fünfiahres-Dlanes
 bezeichnend ist.
Zunächst kündigte er an, daß man im Jahre 1931 die Produktion um
45% steigern müsse. Dann warnte er davor, in der Durchführung des
Planes ebenso zurückzubleiben wie im vorigen Jahr, in dem man statt
31° Zuwachs nur 25° erzielt hatte. Nach dieser Einleitung begann er
mit seiner grundsätzlichen Darlegung.

Die natürlichen, wirtschaftlichen und politischen Vorbedingungen,

Welche Garantie gibt es dafür, daß dieses Jahr der Fall des
vorigen Jahres sich nicht wiederholen wird, daß der Plan vollständig
 erfüllt werden wird, daß wir alle vorhandenen Möglichkeiten,
 soweit es notwendig ist, ausnützen werden, daß unser Ver-Sprechen
 zu einem gewissen Teile nicht auf dem Papiere bleibt?
In der Geschichte der Staaten, der Länder, der Heere gab es
Fälle, wo alle Möglichkeiten für den Erfolg, für den Sieg vorhanden
 waren, aber diese Möglichkeiten blieben unausgenützt,
denn die Führer bemerkten sie nicht, verstanden es nicht, sie
auszunützen, und so erlitten die ‘Heere Niederlagen.
Besitzen wir die Möglichkeiten, die notwendig sind, um die
Kontrollziffern für das Jahr 1931 zu erfüllen? Wir besitzen diese
Möglichkeiten. Worin bestehen, diese Möglichkeiten? Was ist notwendig,
 um diese Möglichkeiten zu erfüllen?
Vor allem sind notwendig ausreichende Naturschätze: Eisenerz,
Kohle, Öl, Brot, Baumwolle. Besitzen wir sie? Ja, wir besitzen
sie. Sie sind bei uns reichlicher vorhanden als in irgend einem
andern Land. Man nehme nur als Beispiel den Ural, der eine
solche Verbindung von Reichtümern darstellt, wie man sie in
keinem andern Lande finden kann. Erz, Kohle, Kupfer, Öl, Getreide
 — was gibt es nicht auf dem Ural? Bei uns gibt es alles,
vielleicht außer Kautschuk, aber in ein bis zwei Jahren werden
wir auch Kautschuk zu unserer Verfügung haben. Was Naturschätze
 anlangt, sind wir vollständig versorgt. Wir besitzen sie
sogar reichlicher als es notwendig ist.
Was ist noch erforderlich?
Es ist erforderlich das Vorhandensein einer solchen Macht,
welche den Willen und das Vermögen besitzt, die Ausnützung
dieser ungeheuren Naturschätze zu Gunsten des Volkes zu ver-
        <pb n="259" />
        248 Das Ziel des Fünfjahresplanes.

anlassen. Ist eine solche Macht bei uns vorhanden? Sie ist vorhanden.
 Gewiß, unsere Arbeit, um die Bodenschätze auszubeuten,
geht nicht ab olıne Reibungen zwischen unsern Arbeitern. So
mußte z. B. im vorigen Jahre die Sowijetmacht einen gewissen
Kampf führen um die Bildung eines zweiten Eisen-Kohlebezirkes,
ohne den wir uns nicht mehr entwickeln können. Aber wir haben
diese Schwierigkeit bezwungen, wir werden in kurzer Zeit diesen
Bezirk besitzen,
Was ist noch erforderlich?
Es ist erforderlich, daß diese Macht die Unterstützung der
Millionen-Masse von Arbeitern und Bauern besitzt. Besitzt unsere
Macht diese Unterstützung? Ja, sie besitzt sie. Man wird auf der
ganzen Welt keine zweite Macht finden, welche eine derartige
Unterstützung seitens der Bauern und Arbeiter besitzt, wie sie
die Sowjetmacht besitzt. Ich will mich nicht berufen auf die Tatsache
 des Anwachsens der sozialistischen Wettbewerbe, der
Musterarbeiter, auf den Feldzug für den von den Massen zur
Gegenkontrolle ausgearbeiteten Wirtschaftsfinanzplan. All diese
Tatsachen sind allgemein bekannt, aus denen sich deutlich die
Unterstützung der Rätegewalt seitens der Millionen-Massen ergibt.
Was ist noch erforderlich, um die Kontrollziffern für 1931 zu
erfüllen?
Es muß ein solches Regime vorhanden sein, das frei ist von den
unheilbaren Krankheiten des Kapitalismus und zugleich eine ernsthafte
 Überlegenheit über den Kapitalismus gibt. Krieg, Arbeitslosigkeit,
 Verschwendung, Armut der breiten Massen, das sind
die unheilbaren Krankheiten des Kapitalismus. Unser Regime
leidet nicht unter diesen Krankheiten; denn die Macht ist in unsern
Händen, in den Händen der Arbeiterklasse; denn wir führen eine
Planwirtschaft, wir sammeln planmäßig Einkünfte an und verteilen
sie richtig auf die verschiedenen Zweige der Volkswirtschaft. Wir
sind frei von den unheilbaren Krankheiten des Kapitalismus. Darin
besteht unser Unterschied vom Kapitalismus, darin besteht unsere
entscheidende Überlegenheit über den Kapitalismus. Man beachte
nur, wie die Kapitalisten die Krise überwinden wollen, Sie senken
im Höchstmaß den Arbeitslohn der Arbeiter, Sie senken im Höchstmaß
 die Preise für Rohstoffe und Lebensmittel. Aber sie wollen
in keiner Weise ernsthaft die Preise der Industrieprodukte senken.
Das heißt, sie wollen die Krise überwinden auf Kosten der wahren
Verbraucher, auf Kosten der Arbeiter, auf Kosten der Bauern, auf
Kosten der Werktätigen, auf Kosten der Länder, die Rohstoffe und
Lebensmittel erzeugen.
        <pb n="260" />
        Die natürlichen, wirtschaftlichen und politischen Vorbedingungen, 9249

Die Kapitalisten sägen den Ast ab, auf dem sie sitzen. Statt des
Auswegs aus der Krise ergibt sich nur ihre Vertiefung, ergibt sich
nur die Ansammlung neuer Voraussetzungen für eine neue, noch
schärfere Krise. Unsere Überlegenheit besteht darin, daß wir
keine Krisen der Übererzeugung besitzen, daß wir nicht haben und
haben werden Millionen von Arbeitslosen, daß wir keine Anarchie
in der Erzeugung kennen. Denn wir haben eine Planwirtschaft.
Aber das ist nicht alles. Wir sind das Land der konzentriertesten
Industrie. Das bedeutet, daß wir unsere Industrie auf der Grundlage
 der besten Technik aufbauen können, daß wir darum eine
Noch nie gesehene Produktivität der Arbeit, ein noch nie gesehenes
Tempo der Ansammlung sichern können. Unsere Schwäche in der
Vergangenheit bestand darin, daß diese Industrie begründet war
auf einer zerstäubten Bauernwirtschaft (d. h. auf landwirtschaftlichem
 Zwergbetrieb). Aber das war einmal. Das gibt es bereits
heute nicht mehr. Morgen, vielleicht in einem Jahre werden wir
das Land der größten Landwirtschaftsbetriebe in der Welt sein.
Die Sowchosen und die Kolchosen — und sie sind Formen von
Großbetrieben — geben bereits in diesem Jahre die Hälfte unseres
Warengetreides. Das bedeutet, daß unser Regime, das Sowietregime,
 uns solche Möglichkeit für eine Vorwärtsbewegung er-Öffnet,
 an die kein bürgerliches Land denken kann.
Was ist noch erforderlich, um vorwärtszuschreiten mit Sieben-Mmeilenschritten?

Es ist erforderlich das Vorhandensein einer Partei, die genügend
Keschlossen und einig ist, um die Anstrengungen der besten Vertreter
 der Arbeiterklasse an einer Stelle zu vereinigen, die genügend
 erfahren ist, um nicht vor den Schwierigkeiten zu kapitulieren,
 und systematisch die richtige revolutionäre bolschewistische
Politik durchzuführen. Besitzen wir eine solche Partei? Ja, wir
besitzen sie. Ist ihre Politik richtig? Ja, sie ist richtig, denn sie
erzielt ernste Erfolge. Das erkennen nicht nur die Freunde. sondern
auch die Feinde der Arbeiterklasse....

Um die Beherrschung der Technik.

So besitzen wir die erste Bedingung für die Erfüllung des
Planes — die objektiven Möglichkeiten. Besitzen wir aber die
zweite Bedingung, die Fähigkeit, diese Möglichkeiten auszunützen,
anders gesagt: gibt es bei uns die richtige Führung der Fabriken,
der Betriebe, der Bergwerke? Steht damit alles gut? Bedauerlicherweise
 steht da nicht alles gut, und wir müssen das als
Bolschewisten offen und ehrlich sagen.
        <pb n="261" />
        250 Das Ziel des Fünfjahresplanes,

Was bedeutet es, die Erzeugung zu führen? Bei uns betrachtet
man nicht immer mit bolschewistischem Auge das Problem, wie
Unternehmungen zu leiten sind. Bei uns glaubt man häufig, daß
Führen Unterschriften zu geben bedeute. Das ist traurig, aber eine
Tatsache. Man muß unfreiwillig denken an die Pompadoure
(d. h. karikierten Gouverneure aus der Zarenzeit. W. G.) bei
Schedrin (einem russischen Satiriker). Man erinnere sich, wie die
Frau des Pompadours den jungen Pompadour belehrte: „Zerbrich
dir nicht deinen Kopf über der Wissenschaft, dring nicht in die
Sache ein, andere können sich damit befassen, das ist nicht deine
Aufgabe, deine Aufgabe besteht darin, Papiere zu unterschreiben.“
Wir müssen zu unserer Schande gestehen, daß auch bei uns
nicht wenige Bolschewisten vorhanden sind, die mit Hilfe des
Unterschreibens von Papieren führen. Um in die Sache einzudringen,
 die Technik zu beherrschen, der Herr des Betriebes zu
werden, — dafür geschieht nichts.
Wie ist es möglich, daß wir Bolschewisten, die wir drei Revolutionen
 durchgemacht haben, die wir im grausamen Bürgerkrieg
gesiegt haben, die wir die schwierige Aufgabe der Schaffung einer
Industrie gelöst haben, die wir die Bauernschaft auf den Weg zum
Sozialismus gebracht haben, wie ist es möglich, daß wir, wenn es
darum geht, die Produktion zu bestimmen und zu lenken, vor dem
Papier kapitulieren?
Der Grund für diese Erscheinung liegt darin, daß es leichter ist,
Papiere zu unterschreiben als die Erzeugung zu leiten. Und so
sind viele Wirtschaftsarbeiter auf der Linie des geringsten Widerstandes
 gegangen. Das ist auch unsere Schuld, die Schuld der
Zentrale. Vor zehn Jahren wurde folgende Losung ausgegeben:
Da die Kommunisten die Produktionstechnik noch nicht, so wie es
sich gehört, beherrschen, da sie noch die Wirtschaftsführung
lernen müssen, so sollen die Techniker und die Ingenieure, die
Spezialisten, die Produktion leiten; ihr Kommunisten sollt euch
nicht in die Technik des Betriebes einmischen, aber ihr müßt
doch, wenn ihr euch auch nicht einmischt, die Technik erlernen,
die Wissenschaft von der Leitung der Produktion erlernen, damit
ihr gemeinsam mit den uns ergebenen Spezialisten die wahren
Führer der Erzeugung, die wahren Herren des Betriebes werden
könnt. So war die Losung. Aber was wurde aus ihr in der Wirklichkeit?
 Man verwarf den zweiten Teil der Formel, denn es ist
schwer zu lernen, und banalisierte den ersten Teil. Man deutete
die Nichteinmischung als Ablehnung, die Technik der Erzeugung
zu lernen. Es kam ein Unsinn heraus, ein gefährlicher und schäd-
        <pb n="262" />
        Um die Beherrschung der Technik, 251

j besser belicher
 Unsinn, von dem wir uns je schneller, desto
freien müssen.

‚Stalin führt die Schädlingsarbeit als Beweis gegen diese Ablehnung
einer Wirtschaftsführung durch die Kommunisten an und fährt fort:

Wie konnte es geschehen, daß die Schädlingsarbeit derartige
Ausmaße annahm, wer ist daran schuld? Wir selber sind daran
schuld. Wenn wir die Frage der Wirtschaftsleitung anders gestellt
hätten, wenn wir viel früher zum Lernen der Erzeugungstechnik
übergegangen wären, zum Beherrschen der Technik, wenn wir uns
häufiger und vernünftig in die Wirtschaftsführung eingemischt
hätten, so wäre es den Schädlingen nicht gelungen, soviel Schaden
zu stiften,
Wir müssen selber Spezialisten werden, zu Herren des Betriebes,
Wir müssen uns zur Technik hinwenden, zum technischen Wissen....
Es ist schon lange an der Zeit, sich zur Technik zu wenden. Man
muß die alte Losung, die überlebte Losung von der Nichteinmischung
 in die Technik verwerfen, man muß selber zum Spezialisten
werden, zum Kenner der Sache, zum vollkommenen Herrn des
Betriebes.
Man fragt häufig, warum es bei uns keine Einheit in der Befehls-Zewalt
 gibt. Es gibt sie nicht und wird sie nicht geben, bis wir
nicht uns der Technik bemächtigt haben. Solange es unter uns,
unter den Bolschewisten, nicht genügend Leute gibt, die gut vertraut
 sind mit technischen, wirtschaftlichen und finanziellen Fragen,
Solange wird es bei uns keine wirkliche Einheit der Beiehlsgewalt
geben. Schreibt soviel Resolutionen wie ihr wollt, schwört, wie
ihr wollt, aber solange ihr nicht die Technik, Ökonomik, die Finanzen
 der Fabrik, des Betriebes, des Bergwerkes beherrscht, solange
Wird keine Ordnung sein.
Die Aufgabe besteht also darin, daß wir selber uns der Technik
bemächtigen, daß wir selber zu Herren des Betriebes werden. Nur
darin liegt die Garantie dafür, daß unsere Pläne vollkommen erfüllt
 werden und die Einheit der Befehlsgewalt durchgeführt wird.
Das ist selbstverständlich keine leichte Angelegenheit, aber sie
ist doch zu verwirklichen. Die Wissenschaft, die technische Erfahrung,
 Kenntnisse, all das ist eine Sache des Lebens. Heute hat
man sie nicht, aber morgen wird man sie haben. Die Hauptsache
ist hier, daß man den leidenschaftlichen bolschewistischen Wunsch
besitzt, sich der Technik, der Wissenschaft von der Erzeugung, zu
bemächtigen. Mit einem leidenschaftlichen Wunsche kann man
alles erreichen, kann man alle Schwierigkeiten überwinden.
        <pb n="263" />
        252

Das Ziel des Fünfjahresplanes.

Die russische Aufgabe.

Gelegentlich fragt man, ob man nicht etwa das Tempo verlangsamen,
 die Bewegung anhalten kann. Nein, das ist nicht möglich!
Genossen, man darf nicht mit dem Tempo heruntergehen. Umgekehrt,
 nach Maßgabe der Kräfte und der Möglichkeiten muß
man es erhöhen. Das verlangen von uns unsere Verpflichtungen
vor den Bauern und den Arbeitern der Sowjetunion. Das verlangen
 von uns unsere Verpflichtungen vor der Arbeiterklasse
der gesamten Welt. Das Tempo verlangsamen bedeutet zurückbleiben,
 Die Zurückgebliebenen werden geschlagen, aber wir
wollen nicht geschlagen werden. Nein, wir wollen das nicht. Die
Geschichte des alten Rußland bestand darin, daß man es ununterbrochen
 schlug wegen seiner Zurückgebliebenheit. Es schlugen die
mongolischen Khans, es schlugen die türkischen Beis, es schlugen
die schwedischen Adligen, es schlugen die polnisch-litauischen
Pane, es schlugen die englisch-französischen Kapitalisten, es
schlugen die japanischen Barone. Sie schlugen wegen der Zurückgebliebenheit,
 wegen der militärischen, kulturellen, staatlich-industriellen,
 landwirtschaftlichen Zurückgebliebenheit. Sie schlugen
darum, weil das Vorteile einbrachte und ohne Strafe ablief. Erinnert
 euch an die Worte des vorrevolutionären Dichters: „Du
Mütterchen Rußland, Du bist ärmlich und zugleich reich an Überflüssen,
 Du bist mächtig und zugleich ohne Kräfte.“ Diese Worte
des alten Dichters haben sich diese Herrschaften gut gemerkt.
Sie schlugen und sagten dazu: „Du bist reich an Überflüssen, daher
kann man Beute machen.“ Sie schlugen und sagten dazu: „Du bist
ärmlich und kraftlos, also kann man dich schlagen und berauben
ohne Strafe.“ Das ist das Gesetz des Kapitalismus, die Zurückgebliebenen
 und Schwachen zu schlagen. Das Wolfsgesetz des
Kapitalismus. Du bist zurückgeblieben, du bist schwach, also hast
du unrecht, also kann man dich schlagen und versklaven. Du bist
mächtig, also hast du recht, daher muß man sich vor dir hüten.
Darum dürfen wir nicht mehr zurückbleiben.
In der Vergangenheit gab es bei uns und konnte es bei uns kein
Vaterland geben, aber jetzt, wo wir eine Arbeiterregierung besitzen,
 jetzt gibt es für uns ein Vaterland, und wir werden seine
Unabhängigkeit verteidigen. Wollt ihr, daß unser sozialistisches
Vaterland geschlagen wird und daß es seine Unabhängigkeit verliert?
 Wenn ihr das nicht wollt, so müßt ihr in kürzester Zeit
seine Zurückgebliebenheit liquidieren und ein wirklich bolschewistisches
 Tempo in der Entwicklung seiner Wirtschaft anschlagen.
Andere Wege gibt es nicht, darum sagte Lenin in den Tagen des
        <pb n="264" />
        Die russische Aufgabe.

253

Oktober: „Entweder den Tod oder es gilt, die fortgeschrittenen
kapitalistischen Länder zu erreichen und überholen.“
Wir sind von den fortgeschrittenen Ländern um fünfzig bis
hundert Jahre zurückgeblieben. Wir müssen diesen Abstand
durchlaufen in zehn Jahren. Entweder erreichen wir das oder
man wird uns zertrampeln.
Das diktiert uns unsere Verpflichtung vor den Arbeitern und
Bauern der Sowietunion.
Aber wir besitzen andere, noch wichtigere und noch ernstere
Verpflichtungen. Das sind die Verpflichtungen vor dem Welt-Proletariat.
 Sie fallen zusammen mit den Verpflichtungen der
ersten Art. Aber wir stellen sie höher. Die Arbeiterklasse der
Sowjetunion ist ein Teil der Weltarbeiterklasse. Wir haben gesiegt
nicht nur dank den Anstrengungen der Arbeiterklasse in der
Sowjetunion, sondern auch dank der Unterstützung der Weltarbeiterklasse.
 Ohne diese Unterstützung hätte man uns längst
erledigt. Man sagt, daß unser Land den Stoßtrupp bildet des
Proletariats aller Länder. Das ist gut gesagt. Weswegen unterstützt
 uns das internationale Proletariat, weswegen haben wir
diese Unterstützung verdient? Dadurch, daß wir als erste uns
stürzten in den Kampf mit dem Kapitalismus, haben wir als erste
die Arbeitermacht errichtet, haben wir als erste begonnen, den
Sozialismus zu bauen. Dadurch, daß wir eine Arbeit verrichten,
die im Falle des Erfolges die ganze Welt umwandeln wird und
die gesamte Arbeiterklasse befreien wird.
Was ist für diesen Erfolg notwendig? Liquidierung unserer
Zurückgebliebenheit, die Entfaltung hohen bolschewistischen Tempos
in unserem Aufbau. Wir müssen so vorwärtsschreiten, daß die
Arbeiterklasse der gesamten Welt, wenn sie auf uns ‚sieht, sagen
kann: „Da ist sie, meine Vortruppe, da ist sie, meine Stoßbrigade,
da ist sie, meine Arbeiterregierung, da ist es, mein Vaterland. Sie
verrichten ihre Arbeit, unsere Arbeit. Es ist gut! Wir wollen sie
unterstützen gegen die Kapitalisten und das Feuer der Revolution
anfachen.“ Müssen wir die Hoffnungen der Weltarbeiterklasse
rechtiertigen? Ja, wir müssen es, wenn wir nicht in Schande
geraten wollen.
Das sind unsere Verpflichtungen, Ihr seht, daß sie uns bolschewistische
 Tempos der Entwicklung diktieren.
Ich will nicht sagen, daß bei uns für die Leitung der Wirtschaft
in den letzten Jahren nichts geschehen ist. Es ist geschehen und
sogar ziemlich viel geschehen. Wir haben die Produktion der
Industrie im Vergleich zur Vorkriegszeit verdoppelt. Wir haben
        <pb n="265" />
        254 Das”Ziel des Fünfjahresplanes.

die in der Welt größte landwirtschaftliche Produktion geschaffen,
aber wir könnten noch mehr erreichen, wenn wir uns rechtzeitig
bemühen würden, wirklich die Produktion zu beherrschen, ihre
Technik, ihre finanzielle und wirtschaftliche Seite.
Höchstens in zehn Jahren müssen wir den Abstand durchlaufen,
der uns von den fortgeschrittenen Ländern des Kapitalismus
trennt. Dafür besitzen wir alle objektiven Möglichkeiten, es fehlt
noch die Fähigkeit, diese Möglichkeiten wirklich zu benützen.
Aber das hängt von uns ab, nur von uns. Es ist Zeit, daß wir
lernen, diese Möglichkeiten auszunützen, es ist Zeit, ein Ende zu
bereiten der faulen Nichteinmischung in die Erzeugung. Es ist
Zeit, entsprechend der gegenwärtigen Periode ein neues Verhalten
zu lernen, sich in alles einzumischen. Wenn du Leiter der Fabrik
bist, so mische dich in alle Geschäfte, dringe in alles ein, versäume
 nichts, lerne und lerne noch einmal. Die Bolschewisten
müssen sich der Technik bemächtigen. Es ist Zeit, daß die Bolschewisten
 selber Spezialisten werden. Die Technik entscheidet
in der Periode des Aufbaues über alles. Fin Wirtschaftsarbeiter,
der nicht die Technik erlernen will, der sich nicht der Technik
bemächtigen will, ist eine Anekdote, aber kein Wirtschaftsarbeiter.
Man sagt, daß es schwer ist, sich der Technik zu bemächtigen.
Das ist unrichtig. Es gibt keine Festungen, welche die Bolsche«
wisten nicht einnehmen können. Wir haben eine Reihe schwierigster
 Aufgaben gelöst, wir haben die Macht erobert, wir haben
den Mittelbauern auf den Weg zum Sozialismus gebracht. Das
Wichtigste für den Aufbau haben wir schon getan. Uns ist wenig
übriggeblieben. Die Technik erlernen, der Wissenschaft uns bemächtigen.
 Wenn wir das tun, so werden bei uns derartige Tempos
kommen, an die wir heute nicht einmal zu denken wagen. Und
wir werden das erreichen, wenn wir das wirklich wollen.
        <pb n="266" />
        Schwierigkeiten und Methoden des sozialistischen
Aufbaus.

Stalins Vorschläge vom 23. Juni 1931.

Bei der Durchführung des Fünfjahresplanes stellten sich 1931 Tempo-Verluste
 heraus. Die vorgesehene Steigerung der Wirtschaftsproduktion
Wurde nicht in erwartetem Umfange erreicht. Es wäre falsch, aus diesem
Zurückbleiben auf einen Mißeriolg des Fünfjahresplanes zu schließen. Es
handelt sich um eine „taktische Angelegenheit“, die für den gesamten
Wirtschaftlichen Feldzugsplan bei energischen Gegenmaßregeln nicht gefährdet
 werden kann.
Stalin hat diese energischen Gegenmaßnahmen in seiner Rede vom
23, Juni 1931, die in der „P raw da“ vom 5. Juli veröffentlicht worden ist,
angekündigt. Man hat über diese Vorschläge vielfach mit der Überschrift
„Stalins Abkehr vom Kommunismus“ berichtet. Diese Überschrift ist in-Sofern
 verfehlt, als Stalins Vorschläge durchaus den taktischen Prin-Zipien
 Lenins entsprechen. Auch Lenin trat, wenn es politisch und wirt-Schaftlich
 zweckmäßig war, für die bürgerlichen Spezialisten ein. Auch
r war ein Gegner der allgemeinen Lohngleichheit und Feind einer
Kollegienverwaltung, die eine einheitliche Leitung von Unternehmungen
unmöglich macht. Stalin erweist sich also in seiner Rede durchaus als
tin getreuer Jünger seines Meisters.

Das Zurückbleiben des Entwicklungstempos.

Stalin beginnt mit einer Beschreibung der Wirtschaftslage:
Es gibt Wirtschaftszweige, die in den letzten fünf Monaten im
Vergleich zum vorigen Jahre eine Steigerung der Erzeugung um
40—50°/ aufweisen. Andere Zweige weisen nicht mehr als 20 bis
30° Steigerung auf. In einigen Zweigen hat es nur einen minimalen
Zuwachs gegeben. Irgend welche 6—10°% und noch weniger. Zu
diesen Zweigen gehört u. a. der Kohlenbergbau.
Stalin führt diese Entwicklung auf die Tatsache zurück, daß zahl-Teiche
 Wirtschaftsführer die neuen Verhältnisse, die sich seit dem Beginne
 des Fünfiahresplanes entwickelt haben, nicht genügend beachten.

Das Arbeiterproblem.

Früher kamen die Arbeiter von selber auf die Fabriken. Dieses
„Vonselberkommen“ entstand dadurch, daß es eine Arbeitslosigkeit
gab, daß eine Umschichtung im Dorfe vor sich ging, daß Armut
und Angst vor dem Hunger sich geltend machten und die Men-
        <pb n="267" />
        256 Schwierigkeiten und Methoden des sozialistischen Aufbaus.

schen aus dem Dorfe in die Stadt trieben. Darum war der Bauer
bereit, sich selbst an den Teufel zu wenden, um irgend eine Arbeit
zu bekommen. Heute hat sich die Lage geändert. Wir haben
erstens die Arbeitslosigkeit beseitigt, also gerade das vernichtet,
was auf den Arbeitsmarkt drückte. Wir haben zweitens die Umschichtung
 im Dorfe in ihren Grundlagen getroffen (Stalin meint
die Vernichtung des Kulakentums als Klasse durch die Kollektivierung.
 Dadurch wurde die Umschichtung durch weitere Verarmung
 der mittleren und kleineren Bauern beseitigt. W.G.). Wir
haben damit die Massenarmut aufgehoben, die den Bauern aus dem
Dorie in die Stadt trieb.... Daher gibt es nicht mehr ein Strömen
der Bauern in die Stadt. Daher kommt die Arbeitskraft nicht mehr
von selber. Man muß also zur Politik einer organisierten Werbung
der Arbeiter übergehen. Dafür gibt es nur einen Weg; es gilt Verträge
 abzuschließen zwischen Wirtschaftsorganisationen (also
Industriegemeinschaften usw.) und Kolchosen (mit andern Worten:
die Kolchosen sollen veranlaßt werden, bestimmte Arbeitskräfte
zur Verfügung zu stellen. W.G.)..
Weiter wendet sich Stalin gegen den häufigen Arbeiterwechsel in den
Betrieben. Er behauptet, daß es wenige Betriebe gibt, deren Arbeiterschaft
 nicht im Laufe eines halben oder viertel Jahres zu 30 oder 40°
wechselt. Stalin führt diese Erscheinung auf falsche Lohnsysteme zurück,
Schuld daran ist eine unrichtige Organisation der Entlöhnung,
eine sich scheinbar „linker“ Losungen bedienende Gleichmacherei
in der Entlöhnung. In einer Reihe von Unternehmungen sind die
Tarife so beschaffen, daß es zwischen qualifizierter und unqualifizierter
 Arbeit kaum einen Unterschied gibt. Die Gleichmacherei
 führt dazu, daß der ungelernte Arbeiter kein Interesse
hat, ein gelernter zu werden; es fehlt ihm der Antrieb, vorwärtszukommen.
 Er fühlt sich als eine Art „Sommergast‘“ im Betriebe.
Die Gleichmacherei führt dazu, daß der gelernte Arbeiter von
einem Betrieb zum andern wandert, um einen Betrieb zu finden,
der die gelernte Arbeit entsprechend bezahlt.... Marx und Lenin
behaupten, daß ein Unterschied zwischen qualifizierter und nichtqualifizierter
 Arbeit selbst während des Sozialismus nach der
Vernichtung der Klassen existiere, daß dieser Unterschied erst im
Kommunismus verschwinden, daß also selbst im Sozialismus der
Lohn nach der Leistung und nicht nach dem Bedürfnis bemessen
werde,
Stalin verlangt die Bildung qualifizierter Arbeitergruppen, die an einem
bestimmten Betriebe fest gebunden sind. Er wendet sich dagegen, daß
die ununterbrochene Arbeitszeit zu einer Abnahme der Verantwortung
        <pb n="268" />
        Stalins Vorschläge. Die Autofabrik von Nischni-Nowgorod. 257

bestimmter Arbeitergruppen für Maschinen, Werkzeuge usw. führt. Man
müßte dafür sorgen, daß durch eine richtige Organisation der Arbeit die
gleichen Arbeiter an die gleichen Maschinen usw. kommen.

Das Spezialistenproblem. — Wirtschaftlichkeit.

Stalin verlangt weiter, daß die Arbeiterklasse eine eigene technische
Intelligenz heranbilde. Dabei müsse man beachten, daß man auch die
Darteilosen Arbeiter, nicht nur die Parteikommunisten, in führende Stellungen
 zu bringen habe.
Man muß gerade diese parteilosen Kameraden besonders auf-Merksam
 behandeln, man muß sie in führende Stellungen bringen,
um sie zu überzeugen, daß die Partei (die kommunistische Partei
natürlich. W. G.) alle fähigen und begabten Arbeiter schätzt. Einige
Genossen nehmen an, daß man nur Parteimitglieder auf führende
Stellungen in den Betrieben stellen könne. Man braucht ihnen
Nicht zu beweisen, daß eine derartige Politik nur die Partei diskreditieren
 kann und daß durch sie die parteilosen Arbeiter von
der Partei abgestoßen werden. Unsere Politik besteht nicht darin,
die Partei in eine geschlossene Kaste zu verwandeln.
Neben der Forderung einer proletarischen technischen Intelligenz erhebt
Stalin die Forderung, die bürgerliche technische Intelligenz mehr als
bisher zu berücksichtigen. Er glaubt, daß ihre Hoffnungen auf Intervention
 des Auslandes enttäuscht sind und daß in ihr daher wieder der
Wille zur loyalen Zusammenarbeit mit der führenden Arbeiterklasse in
den Kreisen der alten Intelligenz vorherrschend geworden ist.
Endlich verlangt Stalin größte Sparsamkeit in der Wirtschaftsführung.
Die alten Quellen — Gewinne aus der leichten Industrie, der Landwirt-Schaft,
 Zuschüsse aus dem Staatsetat — können bei der Größe der neuen
Projekte nicht ausreichen. Jedes Prozent der Selbstkostensenkung bedeutet
 eine Ansammlung von 150 bis 200 Millionen Rubel. Zur Erzielung
dieser sparsamen Wirtschaitsführung ist persönliche Verantwortung
eines Leiters notwendig. Daher müssen jene Riesentrusts, die 200 Werke
umfassen, zerschlagen werden. Der Leiter eines staatlichen Trusts muß
fähig sein, direkte Fühlung mit jedem seiner Werke zu haben.
Die Autofabrik von Nischni-Nowgorod.

Diese Anlage ist eines der größten Projekte des Fünfjahresplanes. Die
Fabrik soll die größte Autofabrik Europas werden; nicht weniger als 140 000
Wagen mit 20% Reserveteilen soll sie jährlich erzeugen. Als Tag des
Betriebsbeginnes ist der 1. Oktober 1931 festgesetzt, Am 24. März 1931
brachte das Zentralorgan der kommunistischen Partei der Sowjetunion
„Prawda“ eine ganze Seite ihres großen Acht-Spalten-Formats mit
Kritiken über die bisherigen Bauergebnisse und Baumethoden. Diese
Gurian, Der Bolschewismus. 27
        <pb n="269" />
        258 Schwierigkeiten und Methoden des sozialistischen Aufbaus.

Kritiken zeigen die Verhältnisse, unter denen die Errichtung neuer Anlagen
 in Rußland vor sich geht.
Die Serie der kritischen Artikel eröffnet eine Allgemeine Übersicht. Es
wird in ihr festgestellt, daß man mit der Montierung begonnen habe, aber
gs sei ein Stillstand des Tempos eingetreten:

Die Gründe dieses Durchbruchs sind vor allem die Unzulänglichkeiten
 der wirtschaftlichen Führung und das Nachlassen
der Partei- und Massenarbeit. Die Partei kann den Erbauern der
Autofabrik keine Fristverlängerung gewähren. Sie müssen, wie €S
Bolschewisten ziemt, alle Kräfte mobilisieren, alle Durchbrüche
liquidieren, die Fabrik zur Frist fertigstellen und in Betrieb setzen.
Es ist noch sehr wenig geschehen, um die Fabrik in Betrieb zu
setzen. Der Vorbereitung der Belegschaft für das künftige Werk
wird keine Aufmerksamkeit gewidmet. Es sind zwar Schulen
und Unterrichtsbasen organisiert, aber sie haben nicht einmal das
Mindestmaß von dem, was für eine normale Unterrichtstätigkeit
notwendig ist. Als ein besonderer Mangel der Autofabrik erweist
sich die Schwäche, oder, um es deutlicher zu sagen, das völlige
Fehlen des Kampfes für die Senkung der Baukosten.
Kann von einem Kampfe für die Senkung der Kosten die Rede
sein, wenn man auf der Autofabrik nicht weiß, wie teuer die eine
oder die andere hier vor sich gehende Arbeit ist? Für diesen
stärksten Mangel sind die Wirtschaftsorgane und Parteiorganisationen
 der Fabrik verantwortlich.
Es folgt die Einzelkritik. An erster Stelle werden die Opportunisten
angegriffen, die für eine Verlangsamung des Bautempos eintreten:

Die Parteiorganisationen der Autofabrik mußten den starken
Widerstand der Opportunisten überwinden, welche das schnelle
Tempo des Baues verlangsamen wollten. Der Techniker Sedow,
ein Parteimitglied, machte folgende Erklärung: „Die Aufforderung
des Zentralkomitees (das Werk zu vollenden) wird nicht die Lage
ändern können.... Das Tempo, das der Plan vorsieht, ist nicht
zu verwirklichen.“ Die Parteizelle schloß den Opportunisten Sedow
aus ihren Reihen aus und erreichte mit Hilfe einer Mobilisierung
und Aktivierung der Massen eine Überschreitung des vorgesehenen
Programms.
Es folgen Klagen über die Unzulänglichkeit der Arbeitsorganisation,
Vorschläge ausländischer Arbeiter für eine Kostensenkung. Mitgeteilte
Einzelheiten zeugen von einem vollständigen Versagen der Organisation.
So wird mitgeteilt, daß die höchsten Wirtschaftsbehörden befohlen haben,
25 Ingenieure binnen 20 Tagen der Autofabrik zur Verfügung zu stellen.
Die Frist ist längst verstrichen, aber kein Ingenieur ist gekommen.
        <pb n="270" />
        Die Autofabrik von Nischni-Nowgorod. 259

Alle Unzulänglichkeiten werden als Selbstkritik offen mitgeteilt. Dadurch
 soll gerade die Energie der am Bau Beteiligten aufgepeitscht und
aufgestachelt werden. Dabei ist zu beachten, daß den Parteiorganisationen
 eine entscheidende Rolle zuerteilt wird. Die von Arbeiterkorrespondenten
 verfaßten Berichte schließt eine Beschreibung der Wohnungs-Verhältnisse
 ab, die beweist, unter welchen Opfern die neuen Industrieanlagen
 errichtet werden:

Zwei bis drei Kilometer von der Autofabrik entfernt wird die
Sozialistische Stadt des Werkes gebaut. Hier soll ein Arbeiterzentrum
 von 40000 bis 50000 Einwohnern entstehen. Aber schon
heute macht die Autofabrik eine außerordentliche Wohnungsnot
durch. Es kommen ständig Gruppen von Arbeitern und Spezialisten
für den Bau an, es werden ausländische Arbeiter erwartet, aber
man kann sie nirgendwo ansiedeln. In den vorhandenen Baracken
sind 12200 Arbeiter verteilt. Nach zwei bis drei Monaten werden
beim Bau 35000—40000 Arbeiter beschäftigt sein. Wo soll man
Sie ansiedeln?
_ Man muß unbedingt die Bautätigkeit erweitern. Im ersten Vierteljahr
 ist eine Wohnfläche für 1520 Menschen fertiggeworden. Im
Zweiten Vierteliahr soll eine für 6000 fertig werden. Man muß
dabei gestehen, daß dieser Voranschlag, der schon an sich ungenügend
 ist, durch das Material nicht gesichert wird. Der Bau
der ersten Häuser sollte zum 1. November 1930 fertig werden.
Aber 30 Häuser sind erst zur Hälfte gebaut, 8 Häuser von eineinhalb
 bis zwei Stock sind nicht einmal im Rohbau fertig. ... In
den Zimmern sind Türen eingesetzt, die an sich für die Toiletten
 bestimmt waren. Die Wasserleitungen und Kanalisationen
werden schlecht angelegt. Bei der Planung sind weder die
Wasserleitungs- noch die Kanalisationsarbeiten in Anschlag gebracht
 worden.
Die Häuser sind furchtbar überfüllt. Im Hause Nr. 1 liegen statt
250 Einwohnern 400. In den Häusern, die bereits benützt werden,
gibt es bis heute weder Toiletten noch Wasser, in einigen Häusern
fehlt sogar Licht....
Das Haus der Kultur: Der Plan sollte zum Februar fertig
werden, aber bis heute ist nichts getan. Man hat vor, ihn erst
Ende Juli fertigzustellen. Die Schule: Sehr viele Projekte sind
vorhanden, aber keines ist endgültig angenommen. Das Volksaufklärungskommissariat
 schlug vor, das Typenproiekt von Magnitostroi
 zu gebrauchen, aber die Bezirksbehörde hat das abgelehnt
und ihr Proiekt vorgelegt. Eine Brigade des marxistisch-leninistischen
 pädagogischen Instituts kam aus Moskau angefahren. Sie
170
        <pb n="271" />
        260 Schwierigkeiten und Methoden des sozialistischen Aufbaus.

fand beide Projekte ungeeignet und gab ihre Zustimmung kund, ein
eigenes Proiekt zu senden, aber bis heute ist noch nichts geschehen.

Wie die Stadt Magnitogorsk gebaut wird.

Magnitogorsk ist eine sozialistische Stadt, die im Mittelpunkt eines
neuen Industriegebietes am Ural errichtet werden soll. Sie ist in Deutschland
 besonders dadurch bekannt geworden, daß der deutsche Architekt
May an ihrer Planung beteiligt war. Aber man darf nicht annehmen, daß
der Plan des Architekten May ohne weiteres verwirklicht wird. Einen
lehrreichen Einblick in die Methoden des Wirtschaftsaufbaus in der heutigen
 Sowjetunion gibt ein Artikel von Ignatius in der „KomSsomolskaja
 Prawda“ vom 28. März 1931, der die bezeichnende
Überschrift trägt: „Für wen die Gesetze nicht geschrieben sind. Das
Durchdrücken eines abgelehnten Projektes.“ Aus diesem Artikel ersieht
man, in welcher Weise in der Sowjetunion Meinungskämpfe durchgefochten
 werden. Man verdächtigt einfach den Gegner als Schädling,
als Feind der Gemnerallinie. Gleichzeitig beweist er, daß die zentralen
Stellen von untergeordneten Instanzen leicht irregeführt werden können.
Wegen seiner typischen Bedeutung folgt die Übersetzung der wichtigsten
Teile dieses Artikels mit den Zwischenüberschriften des Originaltextes:
Zwei Jahre stritt man darüber, wie man die Stadt Magnitogorsk
auf dem linken Ufer des Uralflusses bauen soll. Sechzehn Proiekte
wurden vorgelegt und alle sechzehn erwiesen sich als völlig untauglich.
 Endlich fertigte nach dem Vorschlag der Zekombank der
deutsche Architekt May ein Proiekt für die Errichtung der Stadt
auf dem linken Ufer an. Die Anhänger des linken Ufers hielten
dieses Projekt für geeignet, um die Stadt auf dem linken Ufer
zu bauen. Nun wandte sich aber gegen das Projekt des Architekten
May und überhaupt gegen den Bau der Stadt auf dem linken
Ufer die öffentliche Meinung der Arbeiterschaft des Ural. Der
Uralsowiet nahm das Projekt an, nach dem die Stadt auf dem
rechten Ufer gebaut werden sollte. Die Musterarbeiterbrigaden
des Uralsowijets nahmen in einer außerordentlich kurzen Frist das
rechte Ufer auf und stellten das Projekt für den Bau der Stadt
auf dem rechten Ufer fertig.
Am 20. März 1931 wurde die Frage über den Bau der Stadt
Magnitogorsk in der Sitzung des Sownarkom (des Rates der
Volkskommissare) behandelt. Es wurden beraten sowohl das Projekt
 des Architekten May wie das Projekt der Musterarbeiterbrigaden
 des Uralsowijets. Und der Sownarkom ordnete an: „Anbetracht
 der Tatsache, daß die neu vorgenommene Erforschung
des rechten Uralufers die völlige Zweckmäßigkeit erwiesen hat,
die Stadt Magnitogorsk auf diesem Ufer zu bauen, ist es als not-
        <pb n="272" />
        Wie die Stadt Magnitogorsk gebaut wird. 261

wendig anzusehen, den Bau der Stadt Magnitogorsk auf dem
rechten Ufer des Ural zu verwirklichen.“ Mit dieser Anordnung
lehnte der Sownarkom das Projekt des Architekten May ab und
nahm als Grundlage des Baues der Stadt Mazgnitogorsk das Projekt
der Musterarbeiterbrigaden des Uralsowjets an.
Die natürliche Form der Körperkultur.

Was schlug der deutsche Spezialist May und was schlugen die
Musterarbeiterbrigaden des Uralsowiets vor? Nach dem Projekte
des Architekten May befand sich die Stadt Magnitogorsk fern vom
Wasser (vom Fluß und vom See) im Sattel der Berge und im
Rauch, der den Bewohnern des Ortes einige Unannehmlichkeiten
bereiten wird. Bei einer Lage der Stadt in den Bergen, 2—4 km
von der Fabrik entfernt, ist für das Jahr 1931 kein kommunales
Verkehrsmittel vorgesehen. Der Architekt May schlug den Arbeitern
 von Magnitogorsk vor, täglich Spaziergänge zum und
vom Werke zu machen (4—8 km), sie sollten zur Fabrik heruntersteigen
 und in die Stadt heraufsteigen, im Regen, im Schmutz
und bei Glatteis. Nach einem Briefe vom 2. Februar 1931 an die
Uralplanbehörde hält der Architekt May das für eine natürliche
Form der Körperkultur.
Die Arbeiter von Magnitogorsk hätten viel zu leiden gehabt,
wenn man die Stadt auf dem linken Ufer gebaut hätte. Bei dem
Bau der Stadt auf dem linken Ufer wäre die Anlage einer besondern
 Eisenbahn in einer Länge von 20,5 km für die Stadt notwendig
 geworden. Sie hätte 5 Millionen Rubel gekostet und
1500 Tonnen Stahl verbraucht. Man hätte weiter 15—20 km über-Hüssige
 Wasserleitungsrohre legen und an Stelle einer drei bis
vier Kanalisationsstationen bauen müssen. Außerdem hätte sich
die Stadt bei einer Anlage auf dem linken Ufer nicht an der Transiteisenbahnstrecke
 Kartala-—-Magnitogorsk—Ufa befunden, und die
Eisenbahnstrecke Swerdlowsk—Magnitogorsk—Mittelasien wäre
nicht an der Stadt Magnitogorsk vorbeigegangen. Endlich wäre
es möglich gewesen, daß die Stadt bei einer Anlage auf dem linken
Ufer auf bergbaulichen Lagerungen gelegen hätte, und so hätte
man nach dem Beispiele von Alapajewsk die Stadt überhaupt
abtragen müssen.

Die objektiven Gründe sind gefunden, die Nachkommen
werden nicht verurteilen.
Die Verteidiger des Links-Ufer-Planes schlagen vor, die Stadt
zu bauen, ohne ihre künftige Entwicklung in Rechnung zu stellen.
        <pb n="273" />
        262 Schwierigkeiten und Methoden des sozialistischen Aufbaus.

Denn sie sagen, es ist besser, diese große Stadt nicht zu entwickeln,
 sondern erst für 50 000—60 000 Bewohner eine gut eingerichtete
 Siedlung zu schaffen. Wenn uns die Nachkommenschaft
verurteilen wird, so wird bei uns festgelegt sein, daß wir gar keine
Perspektiven und Voranschläge über die Entwicklung der Stadt
besaßen. Natürlich erklärte sich der Plan, eine Siedlung für
50000 Einwohner zu bauen, nicht aus dem Fehlen von Perspektiven,
 sondern aus der Tatsache, daß es unmöglich ist, auf dem
linken Ufer eine Stadt von 150000 bis 200000 Bewohnern zu
bauen....

Der rationalisierte kapitalistische Bau.

Man muß auch unbedingt die Meinung der Sachverständigenkommission
 über den Typ des Planes von May beachten. Am
5. Dezember 1930 fällte die Sachverständigenkommission folgende
Entscheidung: Der Plan des Architekten May unterscheidet sich
in nichts von der Projektierung eines rein kapitalistischen Typs.
Dasselbe sagte auch ein deutscher Spezialist, Genosse Blumenfeld,
der in einer Diskussion nach einem Referat Mays erklärte: „Die
Pläne Ernst Mays wiederholen in ihrer Grundlage die Pläne eines
rationalisierten kapitalistischen Baues. Man kann sie nicht als
sozialistische ansehen.“
Nach der Enthüllung der völligen Untauglichkeit des Links-Ufer-Planes
 und insbesondere des Planes Mays, ferner nach der
Anordnung des Rates der Volkskommissare, die Stadt auf dem
rechten Ufer zu errichten, hätte man die Gespräche darüber beenden
 müssen, daß das linke Ufer doch besser sei als das rechte.
Man hätte mit dem konkreten Bau einer sozialistischen Stadt auf
dem rechten Ufer beginnen müssen. Um so mehr wäre das notwendig
 gewesen, als die Fristen, die der Rat der Volkskommissare
für die endgültige Planierung der Stadt bemessen hatte, ziemlich
kurz festgesetzt waren.

Es folgt eine Polemik gegen die Zeitschrift „Das wirtschaftliche Leben“,
die trotz allem weiter für den Plan des Architekten May eintritt. Ironisch
werden auch die sowjetrussischen Zeitungen behandelt, die den Architekten
 May darum feiern, weil er in vierzehn Tagen eine Arbeit fertigstellte,
 über die man zwei Jahre beraten hätte. Es wird als Kritik dieser
Arbeitsweise, die auch in der deutschen Presse als Zeichen wirtschaftlicher
Überlegenheit gefeiert worden ist, die Meinung des Genossen Tolmatschew
angeführt, der auf einer Regierungssitzung erklärte: „Der Architekt May
hat uns Bilder mitgebracht, die ich täglich in unsern Zeitungen sehe. Auf
einem dieser Bilder steht ein Hammel gezeichnet, das ist ein symbolischer
        <pb n="274" />
        Wie die Stadt Magnitogorsk gebaut wird. 263

Hammel, der die darstellt, welche voll Bewunderung die Arbeit des Architekten
 May betrachten.“
Der Schluß des Artikels ist bezeichnend dafür, wie im heutigen Sowietstaate
 wirtschaftliche Meinungsverschiedenheiten ausgetragen werden.
Man verdächtigt einfach die Andersdenkenden als Feinde der Generallinie
 der Partei, als antisozialistische Elemente. Man ruft zu Gewaltmaßnahmen
 gegen sie.

Wie die Verteidiger des abgelehnten Planes aussehen.

Wer sucht auch heute noch alle dadurch irrezuführen, daß er
die Stadt Magnitogorsk auf dem linken Ufer errichten will? Es
sind Schädlinge, von denen ein Teil bereits verhaftet ist. Es sind
Personen, die Schädlinge als ihre Vertreter hinterlassen haben.
Da ist z. B. der Ingenieur Frolow. Er ist zwar Verkehrsingenieur,
aber er ist aus unbekannten Gründen doch nicht für das Verkehrswesen
 mobilisiert. Frolow ist der Leiter des Baues der
Sozialistischen Stadt Magnitogorsk. Frolow führt bis heute alle
irre über die Fragen des Baues von Magnitogorsk. Er erklärt
nämlich, daß die Stadt auf dem linken Ufer gebaut wird. Die
verantwortungslosen Erklärungen von Frolow drohen die praktische
 Ausführung der Regierungsanweisungen zunichte zu machen.
Man muß Frolow zur Verantwortung ziehen. Als eifrige Anhänger
 des Links-Ufer-Planes haben sich die ehemaligen Anarchisten
 erwiesen, die, trotzdem sie Mitglieder der Gewerkschaften
sind, die Existenz der Gewerkschaften als unnötig ansehen und
nn Mitarbeit an der Rätepresse als unnötige Verschwendung von
apier....

Es folgt eine Aufzählung von Opportunisten und Schädlingen, die für
den Bau auf dem linken Ufer eintraten. Diese Aufzählung schließt mit
folgendem Satz: „Zu diesen Verteidigern gehören auch kriminelle Verbrecher
 wie der Leiter der geodäsischen Abteilung des Magnitostroi,
Bürger Sidorenko., der mehrfach verurteilt worden ist.“

Man muß die Entscheidungen des Rates der Volkskommissare
ausführen.

So haben sich also in ein einziges antisozialistisches Lager
die Schädlinge, die Bürokraten, die Opportunisten, die Saboteure
und die kriminellen Verbrecher vereinigt. Eine wirklich rührende
Verbindung.... Die Anhänger des linken Ufers greifen zur Lüge,
um eine Änderung der Entscheidung des Sownarkom zu erzielen.
Sie behaupten, daß auf dem linken Ufer schon große Bauten
durchgeführt sind, daß man daher viele Häuser abreißen, also
        <pb n="275" />
        264 Schwierigkeiten und Methoden des sozialistischen Aufbaus.

Millionenverluste erleiden würde. Ein Telegramm des Vorsitzenden
des Stadtsowjets von Magnitogorsk vom 25. März 1931 widerlegt
diese Lüge. Mit dem Bau der Stadt auf dem linken Ufer steht es
wie bisher. Nichts ist getan, man muß sofort auf das rechte Ufer
übergehen und den Bau der angefangenen Häuser auf dem linken
Ufer beenden. Die Attacken auf die Entscheidung des Rates der
Volkskommissare müssen beendet werden. Man muß nicht streiten,
Wo die Stadt zu bauen, sondern sie heute auf dem rechten Ufer
bauen.... Das opportunistische Schwanken, das einzige
 Hindernis für den Bau der Stadt Magnitogorsk, ist das
Ergebnis des Einflusses von fremden Elementen. Man muß diese
fremden Elemente vertreiben. Noch unversöhnlicher mit dem
rechten Opportunismus kämpfen, und die sozialistische Stadt
Magnitogorsk wird gebaut sein!
        <pb n="276" />
        Der Kampf gegen die Religion.

Aus den kommunistischen Programmen,

Im Programm der Kommunistischen Partei Rußlands vom März 1919
heißt es unter den Forderungen „Auf allzemein-politischem Gebiet“,
Ziffer 13:
In Bezug auf die Religion begnügt sich die KPR nicht mit der
bereits dekretierten Trennung der Kirche vom Staat und der
Schule von der Kirche, d. h. mit Maßnahmen, die von der bürgerlichen
 Demokratie in ihren Programmen aufgestellt, aber infolge
der mannigfaltigen Bande, die in Wirklichkeit das Kapital mit der
religiösen Propaganda verknüpfen, nirgends in der Welt von ihr
zu Ende geführt worden sind. ;
Die KPR läßt sich von der Überzeugung leiten, daß nur die
Verwirklichung planmäßiger und zielbewußter Ordnung auf dem
Gebiete der gesamten allgemein-wirtschaftlichen Tätigkeit der
Massen das völlige Absterben der religiösen Vorurteile nach sich
ziehen wird. Die Partei ist bestrebt, das Band zwischen den Ausbeuterklassen
 und den Organisationen religiöser Propaganda vollständig
 zu zerstören, indem Sie durch eine umfassend organisierte
wissenschaftlich-aufklärende und antireligiöse Propaganda zur
tatsächlichen Befreiung der werktätigen Massen von religiösen
Vorurteilen beiträgt. Dabei ist jede Verletzung der Gefühle der
Gläubigen sorgfältig zu vermeiden, da das nur zur Festigung des
religiösen Fanatismus führt.
In entsprechender Weise heißt es im Programm der Kommunistischen
ale (als Entwurf angenommen vom 5. Weltkongreß der KI
24):
Unter den Aufgaben des Kampfes gegen bürgerliche Vorurteile
und Aberglauben nimmt der Kampf gegen die Religion eine besondere
 Stellung ein. Ein Kampf, der mit dem ganzen notwendigen
Taktgefühl und aller Vorsicht geführt werden muß, insbesondere
in jenen Schichten der Werktätigen, wo die Religion bisher im
alltäglichen Leben festverwurzelt war.
Die proletarische Staatsmacht muß jede staatliche Unterstützung
der Kirche aufheben, jede Finmischung der Kirche in die staatliche
organisierte Erziehung verhindern und ferner jede konterrevolutionäre
 Tätigkeit der kirchlichen Organisationen oder ihrer einzelnen
 Funktionäre rücksichtslos bekämpfen.
Die deutsche Übersetzung ist zitiert nach der Sammlung: „Lenin über
die Religion‘, Berlin-Wien 1926.
        <pb n="277" />
        2C6

Der Kampf gegen die Religion.

Die Befreiung der Millionen.

Unter diesem Titel veröffentlichte die „Prawda“ am 14. August 1930
einen Artikel Budnys, der für die Verbindung aller kulturellen Arbeit und
der Landwirtschaftskollektivierung mit atheistischer Propaganda bezeichnend
 ist:
Die antireligiöse Kulturrevolution. .

Der Übergang zur Politik der Liquidierung des Kulakentums auf
der Grundlage der völligen Kollektivierung hat neue Grundlagen
geschaffen, um die Frage der antireligiösen Propaganda und ihrer
Bedeutung für das System der politischen Massenaufklärung zu
stellen. Es ist eine klare Aufgabe gegeben, nämlich die geduldige
und ständige Vernichtung der Besitzideologie bei den Massen der
armen und mittleren Bauern, die in Kolchose eingetreten sind,
ihre sozialistische Umerziehung, Der entfaltete Angriff auf die
kapitalistischen Elemente ‘hat in breiten Kreisen die Frage aufgeworfen,
 ob es notwendig ist, die alten Überzeugungen durch neue
zu ersetzen, die individualistische Weltanschauung durch eine
kollektivistische Weltanschauung. Es gilt bei den Massen
in den Kolchosen eine neue Weltanschauung zu
schaffen, die frei ist von aller Religiosität. Die
Produktionsverhältnisse, welche auf einer prinzipiellen, freien
sozialistischen Grundlage umgebaut werden, führen zu einem
grundsätzlichen Umbau der Weltanschauung des gesamten Alltazslebens
 in den Dörfern,
Es findet eine Kulturrevolution, eine grundlegende ideologische
Umwälzung bei der Hundertmillionenmasse der Bevölkerung der
Sowjetunion, der Bauernschaft, statt, bei diesem großen Reservoir
aller kleinbürgerlichen Ideologien, die das Sektierertum, die „tote“
und die „lebendige“ Kirche, die Religion in Dorf und Stadt nährt.
Durch die Kolchosen wird die landwirtschaftliche Produktion fest
eingefügt in eine einheitliche, planmäßige sozialistische Wirtschaft,
die frei ist von der Anarchie und von Krisen, welche die Figentümlichkeit
 kapitalistischer Systeme bilden. Es wird hier der
gesamte Boden vernichtet, der die Wurzeln aller Religiosität
nährt.
Die kollektiv organisierte Arbeit, die neue Daseinsweise, das
allgemeine kulturelle Wachstum, die Vereinfachung der wirtschaftlichen
 und gesellschaftlichen Lage der Massen mit Hilfe der
Wissenschaft und der höchststehenden maschinellen Technik —
all das schafft die materiellen und die ideologischen Vorbedingungen,
        <pb n="278" />
        Befreiung der Millionen.

267

welche bestimmt zum Verschwinden der Religiosität helfen und
führen, Dafür ist besonders bezeichnend die Tatsache, daß der
Bund der Gottlosen im letzten Jahre — und zwar besonders in
Verbindung mit der Kolchosenbewegung — stark gewachsen ist.
Er zählte früher 800000 Mitglieder, im Juli 1930 3*/z Millionen
Mitglieder. Es ist klar, daß diese Befreiung der Mas-Senvonderreligiösen
 Verdummung auchunter den
neuen Verhältnissen nicht von selber kommt, SOnNdern
 in der Form eines sich verschärfenden Klassenkampies
 stattfindet....
Die revolutionäre Entschlossenheit der Massen der armen und
mittleren Bauern, von der individuellen Wirtschaftsweise zu einer
kollektiven überzugehen, diese revolutionäre Entschlossenheit,
welcher der Wille folgt, die gesamte Daseinsform, die Weltanschauung,
 die Überzeugung zu ändern, sucht der Kulak zu
dämpfen, überhaupt zu ersticken. Die kulturelle Zurückgebliebenheit,
 die aus Jahrhunderten ererbte Reli-Kiositätnützter
 geschickt für seine Ziele aus. Alle
Propaganda undalle Agitationder Kulaken, Popen
und Sektierer für Gott, für die Religion ist unmittelbar
 verbunden mit der Propaganda und der
Agitation gegen die Maßnahmen der Sowjetmacht
für die Kollektivierung der Massen der armen und
mittleren Bauern, gegen die in dieser Etappe grundlegende
Aufgabe: Liauidierung des Kulakentums als Klasse auf der Grundlage
 der vollkommenen Kollektivierung. Unter diesen Umständen
bekommt die antireligiöse Propaganda eine ganz besondere Bedeutung,
 verlangt nach einem neuen Inhalt, nach neuen Methoden,
mit deren Hilfe „die Partei die bedeutenden Erfolge befestigen
und entwickeln muß, welche in der Befreiung der Massen von den
reaktionären Einflüssen erreicht sind“ (aus der Resolution des
16. Parteitages nach dem politischen Bericht des Genossen
Stalin). ...

Die Methoden des antirellgiösen Kampfes.

Ps ist notwendig, zu kämpfen mit linken Übertreibungen, die sich
äußern in dem Versuch einer rein administrativen Schließung der
Kirchen, in der Anwendung von Methoden, wie sie etwa der Wettbewerb
 über die Herabnahme und Fntfernung der Ikonen darstellt.
Diese Methoden der Arbeit verwirren trotz der Direktiven der
Partei durch ihren äußerlichen, revolutionären Charakter hie und
da die Köpfe. Aber auf der andern Seite erweist sich heute als
        <pb n="279" />
        268 Der Kampf gegen die Religion.

eine noch ernstere Gefahr die opportunistische Gleichgültigkeit,
die Hoffnung, daß alles von selber kommen werde, die nicht genügende
 Bewertung der antireligiösen Propaganda, die Überlassung
einer politischen Freiheit an kapitalistische Elemente, welche die
religiöse Zurückgebliebenheit und Unbildung der Massen ausnützen.
 Die örtlichen Mitteilungen berichten von einem solch
kühlen Verhältnis sehr vieler Organisationen.
In großem Maße ist diese Tatenlosigkeit und dieses Stehenbleiben
 bedingt durch die Unfähigkeit, die antireligiöse Propaganda
den neuen Verhältnissen entsprechend neu aufzuziehen. Zunächst
übersieht man eine so wirksame Methode wie die einfache Erhöhung
 der Qualität, d. h. die gute Anlage der einfachsten kulturellen
 Arbeit. In der neuen Lage der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen
 Beziehungen, die auf dem Dorfe durch Kollektivierung
entstehen, geben gut organisierte Gespräche und Leseabende des
politischen, landwirtschaftlichen und antireligiösen Buches gute
Resultate, um neue Überzeugungen bei den Massen der Kolchosenmitglieder
 zu bilden. . Sie geben den Anstoß dazu, daß die Mitglieder
 der Kolchose sich von den religiösen Ketten befreien, sie
führen dazu, daß sie öfters von selbst ohne jeden Druck von irgend
einer Seite die Ikonen entfernen und aufhören, die Dienste des
Popen zu beanspruchen. Die Errichtung irgend eines gut arbeitenden
 Musik- oder Gesangskreises, die kulturell eingestellte Arbeit
des Kinos — der lebendigen Zeitung — im Dorie führt zur Verminderung,
 wenn nicht zum Aufhören der Teilnahme der Jugend
an kirchlichen und Sektierer-Chören, zum Aufhören des Kirchenbesuches
 usw. Es ist sehr charakteristisch, daß gerade mit Hilfe
dieser einfachen Methoden (Chorgesang, Deklamation, Musik,
kulturell aufgezogene Abende der selbständigen Tätigkeit usw.)
die Popen und.insbesondere die Sektierer ihren Einfluß auf die
Massen behalten (vor allem auf die Jugend).
Eine besondere Bedeutung für die Liquidierung der Religiosität
besitzt die Tatsache des Umbaues des gesellschaftlichen Alltagslebens,
 die Erziehung zu einer neuen Moral, einer neuen gesellschaftlichen
 Disziplin. Alte, auf der Sitte beruhende Beziehungen,
die durch die Religion geheiligt und gestützt werden, stürzen
zusammen. Die Ketten zerbrechen, welche sie zusammenhielten.
Es verschwindet die Religion. Darum ist die Kultivierung neuer
Lebensformen, die Verdrängung und der Ersatz alter Sitten durch
neue Formen einer kollektivistisch-kameradschaftlichen Daseinsweise
 die allerwichtigste Aufgabe aller kulturellen Arbeit.
        <pb n="280" />
        Die Befreiung der Millionen.

259

Antireligiöse Propaganda und sozialistischer Aufbau.

„Gewöhnlich wird bei den Massen die Jandwirtschaftliche, technische
 und wirtschaftliche Propaganda ohne jede Verbindung mit
der antireligiösen Propaganda, mit der Bildung neuer Überzeugungen
 betrieben. Diese Propaganda, die die Masse der Men-Schen
 mit Kenntnissen versieht, um das Leben nach einem Plan
umzugestalten, den diese Massen selber angenommen haben, erzieht
 den Willen, das Vertrauen der Massen auf eigene Kraft.
Sie befreit den Geist von antiwissenschaftlichen, religiösen Vor-Stellungen
 und Frklärungen der Lebenserscheinungen, und führt
im Ergebnis häufig zur Befreiung von der Religiosität. Auf alle
Fälle bereitet sie den Boden vor für eine materialistische Erklätung
 der Welt, die unvereinbar ist mit der Vorstellung eines
Gottes.
Heute nimmt die Propaganda des großen, mit
Maschinen arbeitenden, landwirtschaftlichen Betriebesin
 Verbindung mit der Aufgabeder völligen
Kollektivierung einen unglaublich großen Auf-Schwung.
 Diese Propaganda muß zu einem erstrangigen
 Faktor werden auch für die antireligiöse
Bewegung der Massen. Die Agronomen, die Tierärzte, die
Ingenieure und die technischen Kräfte, die Lehrerschaft, die Ärzte
und alle andern Spezialisten, welche ietzt mehr als je in die
Massenpropaganda hineingezogen werden und für die Vorbereitung
 von Massenkadern verwandt werden, müssen ihrer Arbeit
deutlich die Richtung geben auf Verdrängung der religiösen Unbildung
 der Massen durch wissenschaftliche Kenntnisse. ...
Die antireligiöse Arbeit kann man nicht gesondert führen von
der allgemeinen Kulturarbeit. Jeder Schritt auf dem Wege zur
Umerziehung der Massen muß verbunden sein mit der Befreiung
der Massen von der religiösen Verdummung. Der einheitliche
Plan der kulturellen Arbeit darf nicht nur einheitlich sein im
Sinne der Verbindung der Tätigkeit verschiedener Organisationen,
er muß ein einheitlicher sein im Wesen und im Gehalte der Arbeit.
Alle Arbeitin allen Zweigen des kulturellen Feldzuges
 muß mit den Elementen einer antireligiösen
Aufklärung durchtränkt sein. Der ganze kulturelle Feldzug
 muß dazu helfen, die Massen in dem Verein der „Kämpfenden
Gottlosen‘“ zu organisieren. Gleichzeitig muß sowohl der ganze
kulturelle Feldzug wie die 'antireligiöse Propaganda völlig den
Aufgaben des Klassenkampfes in der gegebenen Etappe unterworfen
 sein, den Aufgaben des sozialistischen Aufbaues.
        <pb n="281" />
        &amp;gt;77

Der Kampf gegen die Religion.

Die jungen Gottlosen und der Kampf
gegen das Osterfest.

A, Wakurowa berichtet im „Antireligiosnik“, Wissenschaftlich-methodische
 Monatsschrift, Organ des Zentralkomitees des Bundes kämpfender
Gottlosen der Sowjetunion, Heft 3, März 1931:
Es gilt, den Aufbau der Grundlage sozialistischer Wirtschaft zu
vollenden, das ist die grundlegende Losung des dritten Jahres des
Fünfjahresplanes. Will man diese Losung erfüllen, so gilt es, ein
schnelleres Tempo des Wachstums sozialistischer Industrie anzuschlagen,
 so gilt es, das Wachstum der Kollektivierung noch
stürmischer zu gestalten und das kulturelle Niveau der Arbeiter
zu heben. Lenin lehrte, den Kampf gegen die Religion fest zu
verbinden mit dem Klassenkampf des Proletariats gegen das
Kapital, mit dem Kampfe des Proletariats für den Sozialismus.
Während des osterfeindlichen Feldzuges des dritten entscheidenden
 Jahres des Fünfiahresplanes (1931) müssen alle Gottlosen in
aktivster Weise teilnehmen an der Entwicklung eines bolschewistischen
 Arbeitstempos, an der Steigerung des sozialistischen
Wettbewerbs und der Musterarbeit auf die höchste Stufe.
In diesem Jahre fällt der osterfeindliche Feldzug zusammen mit
der Durchführung des zweiten bolschewistischen Frühlings, der die
entscheidende Rolle haben soll in der Entwicklung der vollständigen
 Kollektivierung und Liquidierung des Kulakentums als
Klasse. Unsere 4 Millionen Pioniere und die Millionen junger
Gottlosen werden nicht erst morgen Errichter des Sozialismus
werden; bereits heute arbeiten sie aktiv an der Errichtung der
Grundlagen sozialistischer Wirtschaft. Auch in diesem zweiten
Frühling der Kolchose müssen die jungen Gottlosen in der Zahl
der Musterarbeiter sein, die für die Ausführung des Planes bolschewistischer
 Aussaat wirken....
Aber es wäre doch zu wenig, sich auf eine Sortierung der
Samen im bolschewistischen Frühling zu beschränken. Lenin
schrieb: „Die heranwachsende Generation kann den Kommunismus
nur lernen, wenn sie jeden Schritt ihres Lernens, ihrer Erziehung
und Bildung verbindet mit dem ununterbrochenen Kampfe der
Proletarier und Werktätigen gegen die ausbeutende Gesellschaft.“
Unsere Klassenfeinde verschärfen den Widerstand in Verbindung
mit dem Sozialistischen Vormarsch und der Liquidierung des
Kulakentums als Klasse auf der Basis einer vollkommenen Kollektivierung.
 Die Kinder, die kommenden Errichter des Sozialismus,
entgehen nicht ihrer Aufmerksamkeit, Die Kulaken mit ihren
        <pb n="282" />
        Die jungen Gottlosen und der Kampf gegen das Osterfest. 271

Agenten, den Popen, den Mullas, den Rabbinern dringen ein in die
Schulen, in die Kindergärten. Sie bemühen sich, der immer mehr
a hsenden kommunistischen Kinderbewegung Widerstand zu
eisten.
Die Ergebnisse des weihnachtsfeindlichen Feldzuges beweisen,
daß nicht immer die jungen Gottlosen den richtigen Widerstand
zu leisten wissen. Vielfach ist vorgekommen, daß Kinder um einen
Weihnachtsbaum feierten. So wird z. B. aus der 27. Schule des
Frunsebezirkes Moskaus berichtet, daß zehn Oktoberkinder nicht
auf dem weihnachtsfeindlichen Abend waren ınd um einen ge-Schmückten
 Weihnachtstannenbaum tanzten. Aber es gibt noch
ernstere Tatsachen; das ist das Feiern am Weihnachtstage. In der
Schule, die nach Tolstoi genannt wird, fehlten fünfzig Schüler am
7, Januar, dem russischen Weihnachtsfeste; und in der Armenierschule
 fehlten 75° der Kinder. In einigen Schulen wurden an
diesen Tagen Gebetbücher, Kreuzchen, Flugblätter mit religiösem
Inhalt verkauft.
Die feierlichen Ostergottesdienste, das Erscheinen mit Gratulationen
 in den Häusern nützen die Popen auch dafür aus, um noch
einmal eine Agitation gegen die Kollektivierung, den bolschewi-Stischen
 Frühling usw. zu entfalten. Rote Ostereier, geweihte
Osterkuchen werden das Lockmittel sein, mit dem die Popen
Kinder fangen werden. Die jungen Gottlosen müssen rechtzeitig
die Ausfälle der Klassenfeinde enthüllen, an konkreten Beispielen
den gegenrevolutionären Charakter ihres Auftretens zeigen. Eine
Schande für jeden jungen, kämpfenden Gottlosen wird es Sein,
wenn er, verführt vom roten Osterei und süßen Teig, seine Sendung
vergessen und in die Netze des Feindes geraten würde. Der
16. Parteitag hat alle Parteiorganisation ganz besonders auf die
Verstärkung eines systematischen Kampfes für die Kaders (d. h.
die Erneuerung der Parteimitglieder im Wechsel der Generation)
aufmerksam gemacht. Die jungen Gottlosen müssen diese Weisung
erfüllen und dafür in dem osterfeindlichen Feldzuge ihre Teilnahme
an der Kulturrevolution überprüfen.
Pine besonders große Aufmerksamkeit muß man dem Kampfe
für den allgemeinen Unterrichtszwang widmen. Die Häupter der
Sekten führen eine hartnäckige Agitation, um den allgemeinen
Unterrichtszwang unmöglich zu machen. Im Sochranowschendorfe
 läßt die sektiererische Organisation der Fedorowzen ihre
Kinder nicht lernen und macht dadurch den allgemeinen Unterricht
 unmöglich. In der Arbeitersiedlung der Stadt Ischewsk versammelten
 die Evangelisten, als es galt, den allgemeinen Unter-
        <pb n="283" />
        272 Der Kampf gegen die Religion.

richt durchzuführen, die Kinder und jagten ihnen Schrecken ein,
man wird euch alle in die Schule treiben, ein wenig lernen lassen,
aber dann wird man euch Krieg führen lassen, d. h. bald wird
es einen Krieg geben. Mit derartigem Geschwätz wollten die
Sektierer den allgemeinen Elementarunterricht unmöglich machen
-— also die Grundlage der Kulturrevolution zerstören.
Die 9. Tagung des Kommunistischen Jugend-Verbandes hat {folgende
 Resolution für den Kampf um den allgemeinen Unterricht
erlassen: „Es gilt, eine‘ große Propaganda für den allgemeinen
Unterricht zu machen ..., es gilt, zu kämpfen für die Entfaltung ..-der
 in der Stadt allgemein verpflichtenden polytechnischen Schule...
es gilt, alle Heranwachsenden mit organisiertem Unterricht zu
erfassen, die nicht lesen und schreiben können oder es nur sehr
unvollkommen können.“ Die jungen Gottlosen müssen für die
Durchführung dieser Entschlüsse kämpfen. Während sie den
osterfeindlichen Feldzug durchführen, sollen die Kinder weder das
katholische, jüdische, lutherische Osterfest noch das Fest Kurban-Bairam
 vergessen. Wenn es in den Schulen Kinder anderer Nationalitäten
 gibt, so muß man mit ihnen sich unterhalten über das
hundertprozentige Erscheinen in der Schule an ihren religiösen
Feiertagen.
Während der Durchführung des osterfeindlichen Feldzuges darf
man nicht nachlassen in der Aufmerksamkeit, die man den Verteidigungsmöglichkeiten
 unseres Landes entgegenbringt. Mit der
Losung: „Das Auftreten der Pfaffen gegen die Sowjetunion beantworten
 wir mit der Festigung der Macht unseres Landes und
der Verteidigungsstärke der Roten Armee“, müssen die jungen
Gottlosen die Sammlung für den Kampf der Gottlosen fortsetzen;
auch ihre Eltern müssen sie dafür heranziehen. Der osterfeindliche
 Feldzug muß erfolgen unter aktiver Teilnahme aller Schulorganisationen
 mit Heranziehung der Eltern, des Werkes und des
Kolchosen. Die Unterschätzung der politischen Bedeutung des
Feldzuges, die Verwischung des Klassencharakters der Religion
ist eine rechtsopportunistische Abweichung, gegen die man entschieden
 ankämpfen muß. Aber man darf auch nicht so handeln,
wie die Kinder der Maischule (Donezbassin) gehandelt haben. Sie
beschlossen: „Wer nicht in die Zelle des Bundes der Gottlosen
eintritt, wird aus der Schule ausgeschlossen werden.“ Gegen
solche Äußerungen der linken Übertreibung muß man auch
kämpfen. Nur durch einen entschiedenen Kampf an zwei Fronten
kann man die erfolgreiche Durchführung eines osterfeindlichen
Feldzuges sichern.
        <pb n="284" />
        Der Kampf gegen das Weihnachtsfest 1930. 273

Dieser Artikel ist für die Methoden des antireligiösen Kampfes cha-Takteristisch.
 Es wird die wirtschaftliche und politische Tätigkeit von
vornherein mit dem Kampfe gegen die Religion verknüpft. Als Spekulation
 auf die Unwissenheit und das geringe kulturelle Niveau der Massen
ist die Behauptung anzusehen, die als selbstverständlich vorausgesetzt
Wird, daß Religion und Wissen einander ausschließen. Man beachte auch
die Anwendung der bolschewistischen Formeln, die als einzig-sinnvolle
Deutung des Lebens hingestellt werden. Es gilt, den Fünfiahresplan zu
erfüllen, die Landesverteidigung zu Sichern und die Verteidigung der
Generallinie der Partei durch Anklagen gegen Rechts- und Linksabweichung
 zu führen.

Der Kampf gegen das Weihnachtsfest 1930.

Im gleichen Hefte findet sich ein Bericht über die Art und Weise, wie
lie gegen religiöse Feiertage gerichteten Feldzüge durchgeführt werden.
Es wird das Ergebnis des weihnachtsfeindlichen Feldzuges 1930 aus
Neunundzwanzig Schulen Leningrads mitgeteilt. Einige Stellen aus diesem
Berichte seien zitiert:

Der weihnachtsfeindliche Feldzug in den Schulen war eng verbunden
 mit der Rechenschaftsablegung und Wahlkampagne der
Räte für den Leningrader Kreis und die Rayons, mit der Vorbereitung
 für das dritte, entscheidende Jahr des Fünfiahresplanes,
mit der Verstärkung der Verteidigungsfähigkeiten des Landes, mit
dem Kampfe für die polytechnische Schule, für eine neue Lebens-Ordnung.
 (Man beachte in dieser Formulierung die Herrschaft ganz
bestimmter Ausdrücke, die jeweils durch Parteiresolutionen vorgeschrieben
 werden. W.G.) Die entfaltete massenorganisatorische
Tätigkeit brachte eine große Bewegung und steigerte das Interesse
der Schüler, insbesondere der Gruppen der jungen Gottlosen, für
die antireligiöse Arbeit. Eine Reihe von Vorträgen, von Unterhaltungen,
 kulturelle Feldzüge unter den Schülern erhöhten die
Qualität der antireligiösen Arbeit.
Fine besondere Belebung brachte der Abschluß von Sozialistischen
 Verträgen zwischen Gruppen und den Belegschaften der
Unternehmungen für ein hundertprozentiges Erscheinen in den
Rechenschafts- und Wahlversammlungen. In den jüngeren Klassen
wurde der Plan durchgearbeitet: „Wir wollen den Räten helfen,
die Wahlkampagne durchzuführen“; auf diese Weise nahm der
aktive Kreis der Gottlosen unmittelbar an dem sozialistischen
Aufbau teil.
In einer ganzen Reihe von Schulen wurden antireligiöse Vorschläge
 gemacht: die Einrichtung von Planetarien, der Bau eines
Krematoriums, das Aufhören des Verkaufes aller möglichen reli-Qurian,
 Der Bolschewismus. 18
        <pb n="285" />
        274 Der Kampf gegen die Religion.

giösen Schmuckgegenstände und Obiekte religiösen Kultes, Verbot,
Weihnachtsbäume zu fällen und zu verkaufen, das Aufhören des
Glockenläutens usw.... Es wurde eine Sammlung für den Kampf
der Gottlosen veranstaltet....
Die Abende, welche von den Schulen veranstaltet wurden,
wurden größtenteils am 24. und 25. Dezember, am 6. und 7. Januar
(also den Weihnachtstagen) durchgeführt. Für die Abende war
eine Reihe künstlerischer Aufführungen, Gymnastik und Chor,
Demonstrationen, künstlerischer Erzählungen vorbereitet. Es waren
Abende des Humors, Abende der Frage und Antwort eingerichtet.
Sechsundsiebzig Theatervorstellungen wurden im weihnachtsfeindlichen
 Feldzug durchgeführt. Es wurden aufgeführt: „Sichere die
Wiederwahl der Räte, indem du gegen die Religion kämpfst“ —
„Alle müssen sich an der Erneuerung der Räte beteiligen“ — „Ein
Analphabet ist ein Blinder“ — „Das Abc des Gottlosen“ — „Galila“
 und eine Darstellung des Prozesses gegen die der Gegenrevolution
 beschuldigte Industriepartei. Auch ein Puppenspiel nach
dem Evangelium trat in Aktion.
Es wird weiter berichtet, daß verschiedene Museen und Ausstellungen,
 darunter auch die antireligiöse Vorstellung, ferner das
Theater des Gottlosenhauses, besucht wurden. Einige Schulen
organisierten Veranstaltungen, auf denen die Kinder durch Kartoffelbearbeitung
 25 Rubel verdient haben, um für diese Summe
die Anleihe „Der Fünfiahresplan in vier Jahren“ zu erwerben. Mit
den Vorträgen waren die Lehrer beauftragt, aber einige Schulen
wandten sich auch, um Redner zu erhalten, an den Bezirksrat des
Gottlosenbundes.
Es werden die Themen dieser Vorträge und Ansprachen genannt:
„Der Gottlosenbund als Stoßtrupp im Kampfe für das dritte entscheidende
 Jahr im Fünfjahresplan“ — „Die Wahl der Sowjets
sind die Aufgaben des Gottlosenbundes‘“ — „Die Entstehung des
Weihnachtsfestes und sein Klassencharakter“ — „Religion und
Geistlichkeit im Dienste bei den Gutsbesitzern und der Bourgeoisie“
— „Kirche, Religion und das Jahr 1905“ (die Zeit der ersten russischen
 Revolution) — „Die kulturelle Revolution und die Religion“
 — „Warum man keine Sektierer in die Räte lassen darf“ —
„Die Religion und die Kriegsdrohung“ — „Wem nützt das Märchen
vom Weihnachtsfeste“, ...
Die Arbeit auf den Unternehmungen äußerte sich vor allem in
dem allgemeinen sozialistischen Wettbewerb der Schulgruppen
mit den Belegschaften der ihnen als Chefs (d. h. Patrone im Sinne
der alten Fürsten- und Fürstinnenpatronage über Regimenter: der
        <pb n="286" />
        Die internationale Arbeit der Gottlosen von Iwanowo-Wosnesensk. 275

Zar war Chef eines deutschen Regiments, um ein Beispiel anzuführen.
 W.G.) zugewiesenen Werke, in hundertprozentigem Erscheinen
 in den Weihnachtstagen, in der Hebung der Arbeitsergiebigkeit,
 in der Erfüllung des Industriefinanzplanes. Stoßtrupps von
Schülern und Lehrern führten in den Werken während der Mittags-Dause
 Gespräche durch; es wurden da Versammlungen, Demonstrationen
 organisiert, es wurden gemeinsame Abende in den
Schulen und den Fabrikklubs mit Vorträgen und Vorstellungen
veranstaltet.

Die internationale Arbeit der Gottlosen
von Iwanowo-Wosnesensk,

Charakteristisch ist ein Bericht über die internationale Verbindungsarbeit
 der Gottlosen. Im Märzheft 1931 des „Antireligiosnik“ wird die
internationale Arbeit in der Gruppe des Gottlosenbundes von Iwanowo-Wosnesensk
 geschildert:

Man schritt an diese Arbeit seit der Mitte des September
vorigen Jahres; für sie wurde beim Bezirksrat ein Ausschuß von
Gottlosen-Esperantisten geschaffen und auch Vertreter der Zellen
des Gottlosenbundes der Stadt für die Durcharbeit der konkreten
Frage über die Ziele und die Aufgabe internationaler Arbeit be-Stimmt.
 In dieser Beratung wurde ein internationaler Sektor des
Bezirksrates der Gottlosen gebildet, der mit der Arbeit begann.
Die erste Aufgabe bestand darin, Gruppen von gottlosen Auslandskorrespondenten
 zu schaffen, mit denen unsere Gottlosen in Brief-Wechsel
 hätten treten können, von denen sie Material über die
Lage der Gottlosenbewegung hätten erhalten können. Die zweite
Aufgabe war die Veranstaltung eines sozialistischen Wettbewerbes
unserer Organisation mit der Leipziger Organisation. Die dritte
— Instruktion unserer örtlichen Organisationen des Gottlosenbundes
 über die internationale Arbeit.
Am schwierigsten zu lösen erschien die erste Aufgabe. Trotzdem
 wir schon eine Gruppe von Gottlosen-Esperantisten hatten,
gelang es nur mit großer Mühe, eine Gruppe von Korrespondenten
aus ausländischen Gottlosen zusammenzubringen. Wir erließen
eine Anzeige in der Zeitung „Der Internationalist“ über die Heranziehung
 von gottlosen Korrespondenten zur unmittelbaren Verbindung
 mit dem Sektor, darauf erhielten wir Mitteilungen und
Briefe von zwei Korrespondenten. Finer von ihnen erwies sich als
ein sehr aktiver Jungkommunist und Gottloser; er schreibt flammende
 revolutionäre Artikel; allerdings hat er über die direkte
'18®
        <pb n="287" />
        276 Der Kampf gegen die Religion.

Gottlosenarbeit nur einen Brief geschrieben. Jetzt hat sich beim
Sektor eine Gruppe ausländischer Korrespondenten gebildet, sie
teilen vor allem Tatsachen des allgemein-politischen Kampfes der
Arbeiter des Auslandes mit; häufig treffen Korrespondenzen über
sexuelle Vergehen von Vertretern der Religion ein, aber bisher
sind sehr wenig Artikel eingetroffen über die Bedeutung der Kirche
im Klassenkampf.
Wir erhalten viele antireligiöse Zeitungen und Zeitschriften aus
fast allen Ländern, viele Flugblätter, Plakate; so sind z. B. aus
Deutschland fast alle Plakate des Wahlkampfes der Partei angekommen.
 Die engsteVerbindung besteht mitDeutschland.
 Alles Material, das behalten wird, wird verwandt. Man
übersetzt die Briefe der Gottlosen, die aus dem Ausland kommen,
verbreitet sie in mehreren Exemplaren und übergibt sie örtlichen
Zeitungen, in die Zeitung der Gottlosen und die lokale Radiostelle.
Dann wird geschildert, wie das Material, das aus dem Auslande
kommt, zur Veranstaltung von antireligiösen Ausstellungen über -Themen
wie: Religion und Krieg, die Rolle der Religion in den Grenzstaaten, bei
der Vorbereitung des Überfalles auf die Sowjetunion usw. verwendet wird.

Die Gottlosen von Odessa und Leipzig.

Wie sehen die sozialistischen Wettbewerbe zwischen den Organisationen
 der Gottlosen und revolutionären Freidenkern in den verschiedenen
 Ländern aus? Als Beispiel sei das Abkommen zwischen der Gottlosengruppe
 von Odessa und der Leipziger Gruppe des proletarischen
Freidenkerbundes (ebenfalls nach dem Märzheift des „Antireligiosnik“)
zitiert.
Da wird zunächst angeführt, daß die Bourgeoisie in ihrem Kampfe mit
dem Proletariat alle möglichen Mittel anwendet, darunter auch die Kirche,
die ja zu allen. Zeiten die Bedeutung einer Waffe der Klassenunterdrückung
 der Werktätigen gehabt hätte. Was ist nun der Inhalt des
Wettbewerbs?

Beide Teile verpflichten sich, aktiv am Klassenkampf des Proletariats
 innerhalb der Reihen der Kommunistischen Partei teilzunehmen.
 Die russischen Gottlosen versprechen, in den ersten
Reihen des sozialistischen Aufbaues tätig zu sein, Der zweite
Paragraph lautet: „Ablenkung der Werktätigen von den Ideen
religiöser Verdummung. Wir verpflichten uns, die größtmögliche
Zahl der Werktätigen von den kirchlichen Gemeinden abzubringen
und ebenso sie zur Verweigerung der Beitragszahlung für die
Kirche zu veranlassen. Die Gruppe des Gottlosenbundes von
Odessa verpflichtet sich, die Zahl ihrer Mitglieder bis auf 40000 zu
        <pb n="288" />
        Die Gottlosen von Odessa und Leipzig. 9277

erhöhen. Die Organisation der revolutionären Freidenker Leipzigs
verpflichtet sich, außer der möglichen Steigerung der Mitgliederzahl
 gegen alle verleumderischen Predigten und Handlungen aufzutreten,
 die die Geistlichkeit aller Konfessionen Deutschlands
gegen die Sowjetunion richtet und die versuchen, den mächtigen
sozialistischen Aufbau des ersten proletarischen Staates der Welt
Zu vernichten.
Der dritte Paragraph: Eine möglichst radikale Umgestaltung
unserer Lebensordnung. Die Organisation von Odessa verpflichtet
sich, alle Anstrengungen zu entfalten, um zu agitieren für die Wei-Serung,
 religiöse Feiertage Zu begehen, und für ein hundertprozentiges
 Erscheinen der Arbeiter und Angestellten zur Arbeit an den
religiösen Feiertagen. „Wir verpflichten uns, Zu erreichen, daß in
den Familien der Gottlosen die Lebensweise grundlegend geändert
wird, wir verpflichten uns insbesondere, die Ablehnung all dessen
Zu erreichen, was irgendwie mit der Religion verbunden ist (religiöser
 Schmuck, Ringe, religiöse Gewohnheiten, insbesondere Be-Zrüßung
 im Namen Christi, backen von Osterkuchen usw.). Wir
halten die vollständige Verwirklichung der Losung für notwendig:
Der Gottlose muß eine gottlose Familie besitzen.“
Dann folgen Verpflichtungen zu antireligiöser Propaganda. So
soll in Odessa eine antireligiöse Abend-Universität, eine antireli-Kiöse
 Radio-Universität, zwei Seminare höheren Typs für Lehrer
und Militär, ein Seminar für Frauen, ein Seminar für Jungkommunisten
 und ein Seminar für Mitglieder von Kolchosen errichtet
werden. Der 7. Paragraph regelt die Frziehungsaufgaben. Es
sollen in allen Schulen Odessas Zellen junger Gottloser unter
Heranziehung der Eltern zur Mitarbeit geschaffen werden. Mit
Hilfe der Schulzellen der jungen Gottlosen und der Elternausschüsse
 soll endgültig eine wissenschaftlich eingestellte antireligiöse
 Arbeit des Lehrpersonals, insbesondere in den Naturwissenschaften,
 erreicht werden. In der Stadt Leipzig soll ein
entschiedener Kampf für die Vertreibung des Religionsunterrichtes
geführt werden gegen das abgeschlossene (in Preußen) und das
noch abzuschließende Konkordat, für die Finführung naturwissenschaftlich-materialistischer
 Disziplinen in den Schulen usw.

Antireligiöse Arbeit bei Frauen.

Man i{indet in den antireligiösen Organen eine Fülle von Artikeln, in
denen Methoden der antireligiösen Propaganda für alle Schichten der
Bevölkerung, die verschiedenen Nationalitäten, die Kinder, die Mitglieder
der Kolchosen und vor allem für die Frauen behandelt werden. Aus dem
        <pb n="289" />
        278 Der Kampf gegen die Religion.

Februarheft des „Antireligiosnik“ sei als Beispiel ein Bericht über die
antireligiöse Arbeit bei Frauen zitiert. Auch hier zeigt sich die Verbindung
 der antireligiösen Propaganda mit dem Versuche, die politischen
und wirtschaftlichen Pläne zu verwirklichen und das Wissen der Massen
zu steigern. Der religiöse Mensch soll durch den wirtschaftlichen ersetzt
werden; er ist der Feind der Sowjets, er hemmt den kulturellen Aufstieg,
lie Verbreitung der Bildung usw.
Der Bericht Popows über die antireligiöse Arbeit bei Frauen im Bezirke
von Iwanowo geht davon aus, daß die Frau ein besonders leichtes Opfer
religiöser Bearbeitung werde:

Daran ist schuld die kulturelle Zurückgebliebenheit, die eine
Folge bestimmter Lebensgewohnheiten ist, deren Wandlung die
wichtigste Aufgabe der kulturellen Revolution zu sein hat.... In
einem Dorfe erklärte ein Pope: „Ihr müßt durch Frauen wirken“;
in dieser Versammlung wurden gegen die Räte gerichtete Handlungen
 vorbereitet.
Popow klagt, daß ein eigener Stab von 96 Schwestern, frommen
Frauen usw. zur Befestigung religiöser Vorurteile dient. Es wird
darauf hingewiesen, daß die Zahl der Analphabeten zu 83°/o aus
Frauen besteht und daß darum da die religiöse Propaganda
besonders leicht ist. Was für Mittel werden dieser religiösen Verdummung
 bei den Frauen entgegengestellt? Von 100000 Mitgliedern
 des örtlichen Gottlosenbundes sind 36000 Frauen. Der
Gottlosenbund soll 1931 um 35°, 1932 um 40% und 1933 um
weitere 60° auf 834456 Mitglieder wachsen. Besonderer Wert
wird auf die Verbreitung antireligiösen Unterrichtes unter den
Frauen gelegt. Es sind eigene, besondere Seminare und Kreise
für weibliche antireligiöse Agitatorinnen eingerichtet; aber Popow
stellt fest, daß diese Massenagitatorinnen nicht ausreichend sind.
Daher sind sog. höhere antireligiöse Kurse eingerichtet; in dem
antireligiösen Technikum von Alexandrowk sind die grundlegenden
Fächer die antireligiösen Disziplinen dialektischer und historischer
Materialismus. Da ist die Theorie der Gottlosigkeit fest verbunden
mit der Praktik, Nach sechsmonatlichem Unterricht folgt eine
sechsmonatliche Praxis in dem Bezirke. Von vierzig Studenten
der ersten Aufnahme waren vierzehn Frauen. So kann Popow
ankündigen, daß nach Beendigung der ersten Lehrzeit im März
1931 vierzehn Bezirke qualifizierte antireligiöse Agitatoren erhalten
 werden.
Die antireligiöse Arbeit geht vor sich im Klub, in der Roten
Ecke (d. h. der Wand, dem Zimmerteil, der mit revolutionären
Plakaten, Lenin- und Stalinbildern geschmückt ist), in der Werk-
        <pb n="290" />
        Antirellgiöse Arbeit bei Frauen. 279

Statt, in dem Wohnhaus. Die grundlegenden Formen sind Lek-Amen,
 Lesen und Gespräch, künstlerische Aufführungen, Ausüge,

Eine große Rolle spielt die individuelle und gruppenmäßige
Agitation im Betriebe und im allgemeinen Wohnhaus; so können
die Gottlosen Sektiererschädlinge entdecken und enthüllen. Gewöhnlich
 versammelt sich in der Wohnung. eine Gruppe von
Frauen. Man fängt mit Alltagsangelegenheiten an. Allmählich
werden die antireligiösen Momente herausgestellt, und so entfaltet
sich das Gespräch. Es werden nicht nur Arbeiterinnen, sondern
auch Hausfrauen in die antireligiöse Arbeit herangezogen. Die
Hausfrauen von Perejaslawl, die Mitglieder des Gottlosenbundes
sind, haben für 1665 Rubel Anleihescheine verbreitet, haben
1256 Stück Wäsche für Kinderkrippen genäht.
Es ist bekannt, daß die Kulaken und ihre kirchlich-sektiererische
Agentur unsere Schwierigkeiten für sich auszunützen suchen,
Drovozierende Gerüchte verbreiten USW. Die gottlosen Frauen
mischen sich auf dem Markte und in Läden in diese Gespräche,
enthüllen die Verleumder. Öfters sammelt sich um einen Bauernwagen
 eine Gruppe von Bäuerinnen, die sich für eine kurze antireligiöse
 Unterhaltung interessieren,
Nach solchen Begegnungen entwickelt sich bei mancher Frau
der Zweifel. Der antireligiöse Kämpfer hat die Aufgabe, mit Hilfe
weiterer Bearbeitung diesen Zweifel sich zur Gottlosigkeit entwickeln
 zu lassen. In der Stadt Iwanowo und in Nawoloki gibt es
gottlose Läden und eine gottlose Brigade in einer Apotheke, Außer
dem Bemühen, den Käufer recht gut zu bedienen, das Schlangestehen
 zu bekämpfen, verbreitet der Laden antireligiöse Bücher.
Unfreiwillig interessiert sich die Frau für antireligiöse Plakate;
man empfiehlt ihr ein Buch, man erklärt ihr den Inhalt, und so
erwirbt die Käuferin häufig gemeinsam mit den Produkten auch
ein antireligiöses Buch. Die Apotheke hat außer dem Kampf für die
Qualität der Produkte die Aufgabe, auf ihre Besucher antireligiös
einzuwirken....
Fine besondere Bedeutung für die Arbeit unter den Frauen soll
die Stelle zur Beseitigung des Analphabetentums haben. In Jaroslawl
 sind bei einer solchen Stelle drei Zellen und zwei aktive
Mitarbeiter vorhanden. Folgende Arbeit wird durchgeführt: Antireligiöse
 Gespräche, Ausflüge, Hineinziehen in Zellen des Gottlosenbundes.
 Man muß mit Hilfe einer systematischen antireligiösen
 Arbeit in den Stellen für die Bekämpfung des Analphabetentums
 und in den Schulen, die für schlecht Lesende und Schreibende
        <pb n="291" />
        280 Der Kampf gegen die Religion,

bestimmt sind, erreichen, daß die Frauen freiwillig und vollkommen
mit den religiösen Gemeinschaften brechen.
In den Schulen von Iwanowo schließt man Verträge zwischen
Mutter und Kind, um bestes Arbeiten und Lernen zu erreichen
ınd das hundertprozentige Erscheinen zum Unterricht an religiösen
Festtagen zu erzielen.

Mit der Arbeit in den Dörfern steht es noch schlecht. Die vorhandene
Erfahrung ist noch unbefriedigend, und nun wird ein lehrreiches Beispiel
für die Verbindung der landwirtschaftlichen Kollektivierung mit der gottlosen
 Propaganda angeführt:
Als es sich herausgestellt hatte, daß die Kollektivwirtschaft „Der
Gottlose‘“ mit Erfolg arbeitete, als die arme Bäuerin Anufriewa,
die vor der Kollektivierung Brot höchstens bis zum Januar besaß,
im Kolchos alle Produkte bis zur neuen Saat und außerdem
120 Rubel in Geld bekam, da traten die Frauen mit ihren Sympathien
 auf die Seite des Kolchos; es begannen Anmeldungen in den
Kolchos und in die Zellen des Gottlosenbundes, Die Mitglieder des
Kolchos sagen, daß jetzt bei uns nur noch eine uralte Greisin
rläubig geblieben ist.

Antireligiöse Arbeit bei primitiven Massen.

Einige Zitate aus der Schrift von Chlebzewitsch: Der Massenleser
 und die antireligiöse Propaganda. Ein Versuch, die
Leserinteressen, Formen und Methoden für die antireligiöse Propaganda
und Lektüreleitung zu lehren (Moskau-Leningrad 1928), zeigen, in welcher
Weise die Berührung der primitiven Massen mit technischen Errungenschaften
 der Zivilisation zu antireligiöser Provdaganda verwendet wird.

Der Einfluß von Flugzeugen auf die Entwicklung der Gottlosigkeit
ınd die Verwendung von Agitationsflügen.

In irgend einem Dorf war irgend ein kirchlicher Feiertag. In der
Dorfkirche fand der Gottesdienst statt. Um 8 Uhr morgens flog
äber dem Dorf ein Flugzeug. Wegen des schlechten Wetters ging
es in einem Tal bei dem Dorf nieder. Man betet in der Kirche.
Plötzlich hört man vom Himmel her das starke Geräusch des
Motors, welches den Kirchengesang übertönte. Das Flugzeug fliegt
gerade zu uns auf das Feld. Die Kirchenbesucher hörten auf mit
ihrem: „Herr erbarme dich.“ Keinen Augenblick versäumend, liefen
hinter Kindern die jungen Burschen her, hinter den Burschen die
Mädchen, hinter den Mädchen die Männer, hinter den Männern
die alten Frauen. stöhnend und ächzend. hinter den alten Frauen
        <pb n="292" />
        Antireligiöse Arbeit bei primitiven Massen. 281

die Pfarrersfrau mit dem ganzen Chor, und es blieb in der Kirche
allein zurück der Pope. „Nun, wenn ich jetzt sterbe, habe ich es
gesehen“, sagte eine Greisin und bewunderte das Flugzeug. So
hat das Fluyzeug den Gottesdienst verhindert!

Die Chemie zwang das Bild Christi, zu agitieren für den Eintritt
In den Gottlosenbund.

Auf einem antireligiösen Vortrag in der Stadt Jaroslawl wurde
ein interessantes Experiment vorgeführt....
Nach der Mitteilung des Genossen Iwanow wurde dem Auditotum
 eine alte Ikone Christi gezeigt. Der Lektor sagt mit einem
Lächeln: „Sie werden selbstverständlich nicht zu dieser Ikone
beten. Wir wollen sie einfach fragen: ‚Christus, bist du für oder
gegen. den Gottlosenbund?‘ “ Plötzlich vollzog sich vor aller Augen
ein „Wunder“. Die alte Ikone fing plötzlich an zu glänzen wie eine
neue Geldmünze und um die Krone erschienen Überschriften in
allen Farben des Regenbogens: „Schreibe dich recht schnell in
den Gottlosenbund ein“, und „Es lebe der Wundertäter Emelian“
(Jaroslawski, der Vorsitzende des Gottlosenbundes, ist gemeint.
W.G.). Für einen Augenblick blieb das Publikum starr vor Staunen,
dann fing es an laut zu lachen. Einige Zeit später bekam das
Antlitz Christi Falten, und aus den Augen fingen Tränen zu fließen
an, „Christus weint.“ Als das Gelächter aufzuhören begann, erklärte
 der Lektor „das Wunder“. Es stellte sich heraus, daß die
{kone für das Wunder im Laboratorium der chemischen Fabrik
vorbereitet war; es wurden Röhrchen und Gefäße mit chemischen
Stoffen eingebaut. Für die Tränen war ein technisches Fett angewandt
 worden. Die Wunder der Pfaffen waren enthüllt, die
Chemie zwang sogar die Ikone Christi zur Agitation für den
Gottlosenbund! Wir halten eine mündliche und mit Wandplakaten
arbeitende Propaganda für entsprechende Bücher während der
Lektionen für sehr nützlich.
        <pb n="293" />
        Eherecht.

Das heute geltende bolschewistische Eherecht, d. h. das Eherecht für
den größten Bundesstaat der Union, die russische sozialistische föderative
Sowijetrepublik, das 1927 in Kraft trat, zeichnet sich durch offizielle Anerkennung
 der sog. faktischen, d. h. nicht staatlich registrierten Ehe aus.
Seine Einführung stieß auf zahlreiche Bedenken, wie aus der Sammlung
von Artikeln und Materialien über das Ehe- und Familienrecht hervorgeht,
 die 1926 vom damaligen Justizkommissar Kurski herausgegeben
wurde. Diese Sammlung enthält neben Artikeln bolschewistischer Juristen
die stenographischen Berichte über zwei Sitzungen des russischen Zentralexekutivkomitees,
 in denen das neue Ehe- und Familienrecht beraten
wurde, Aus diesen Diskussionen ergibt sich, daß nicht nur parteilose,
kulturell zurückgebliebene Bauern und Bäuerinnen, sondern auch bolschewistische
 Politiker wie Kalinin und Juristen wie Krassikow größte Bedenken
 gegen das neue Eherecht hatten. Eine Anzahl bolschewistischer
Juristen verlangte eine Definition der Ehe, ohne die eine allgemeine
Anarchie einreißen würde.
Ihre Forderungen wurden von den Anhängern des neuen Eherechtes mit
der Begründung abgewiesen, daß auch das bürgerliche Recht keine
genaue Bestimmung der Ehe kenne. Es lehne ja die alte metaphysischtheologische
 Eheauffassung ab, und so sei sein Festhalten an der Fiktion
der unauflösbaren Ehe bei allen Scheidungserleichterungen eine rein wirtschaftliche
 Angelegenheit, ein Ausdruck sozialer Heuchelei. Brandenburgski
 meinte, daß die. bourgeoise bürgerliche Gesetzgebung nicht dazu
zwingen will, die außerehelichen Frauen zu unterhalten. Wenn sie folgerichtig
 wäre, so müßte sie die Autorität der kirchlichen Lehre von der
Ungesetzlichkeit außerehelicher Beziehungen zerstören. Wenn man den
heutigen Verhältnissen entsprechend die Freiheit der Scheidung anerkennt,
 so muß man auch die faktische Ehe, das, was man als Konkubinat,
 wilde Ehe usw. bezeichnet, mit der staatlich anerkannten, in juristischer
 Form geschlossenen, standesamtlichen, registrierten Ehe in ihren
Folgen gleichsetzen. Brandenburgski erklärt:
Den Gesetzgebern der Sowiets diktiert das Leben die Notwendigkeit,
 einen Schritt vorwärts zu machen; denn von allem,
was die Ehe vom Konkubinat unterscheidet, ist nichts Wesentliches
 mehr vorhanden, außer einer einzigen Tatsache, nämlich
der formalen Eheschließung, oder nach unserer Ausdrucksweise,
der Eheregistrierung.

Die faktische Ehe.

Diese Auffassung wird durch den Glauben begründet, daß die Ehe eine
rein natürlich-wirtschaftliche Angelegenheit ist. Brandenburgski erklärt
weiter:
        <pb n="294" />
        Die faktische Ehe, 283

Die Ehe ist kein Geheimnis, die Ehe ist nicht eine Verbindung
vom Göttlichen und Menschlichen, wie man früher sagte. Die Ehe
ist eine den Naturgesetzen entsprechende Erscheinung des gesellschaftlichen
 Lebens, die von der Form der Produktionsverhältnisse
abhängt. Vollkommen richtig spricht der Genosse Goichbarg von
der Fhe als von einer „Einrichtung, die ihr Entstehen und ihre
Entwicklung bestimmten wirtschaftlichen Verhältnissen verdankt;
deren Abänderung wird auch die Ehe ändern und deren Ver-Schwinden
 wird auch die Ehe zum Verschwinden bringen“.
Warum ist dann die staatliche Registrierung überhaupt noch notwendig?
Brandenburgski stellt fest:
Durch die Registrierung wird die Tatsache des ehelichen Zusammenlebens
 und ihrer rechtlichen Folgen nicht geschaffen. Wir
lehnen es kategorisch ab, die Registrierung als eine Bedingung
anzusehen, ohne die es keine Fhe gibt und geben kann. Die Regi-Strierung
 ist notwendig, aber sie ist notwendig als die Registrierung
einer bestimmten Tatsache. Für uns ist die Ehe vor allem eine
Tatsache, und aus der Tatsache, aber nicht aus dem {juristischen
Akt, können und müssen bestimmte juristische Folgen entstehen....
Man darf nicht ernsthaft denken, daß die Registrierung das Zusammenleben
 von Mann und Frau zu etwas wesentlich anderem
macht als es das Zusammenleben ohne Registrierung ist.
Die Registrierung ist zweckmäßig als eines der bequemen Mittel,
um die Art der gegenseitigen Beziehungen festzustellen (das Vorliegen
 nicht registrierter ehelicher Beziehungen muß beim Vorliegen
 eines Streites erst bewiesen werden — zu beachten ist auch,
daß die Anhänger des Entwurfes gegen bolschewistische Kritiker
feststellen: Gelegentliche geschlechtliche Verbindungen, etwa mit
einer Dirne, sind nicht als faktische Ehe zu betrachten; also
gehört zur faktischen Ehe eine gewisse Dauer und Öffentlichkeit.
W. G). Aber der gleiche Charakter der Beziehungen, der nicht
in die festgesetzte‘ Form der Registrierung gekleidet ist, hört
nicht auf, eine lebendige Wirklichkeit zu sein.... Die ganze Frage
ist dahin zusammenzufassen, ob das Leben genügend Fälle ehelicher
 Beziehungen aufweist, die nicht in der Registrierabteilung
aufgenommen sind, um den Gesetzgeber zur Reaktion auf diese
Erscheinungen als Massenerscheinungen zu bringen, um zu erreichen,
 daß das durch die Revolution entstehende Recht eine
Spiegelung und genügende Regulierung im Überbau des geschriebenen
 Rechtes erhält. Das wirkliche Leben, nicht nur des führenden
städtischen Industrieproletariats, sondern auch des Dorfes, weist
viele Fälle tatsächlicher ehelicher Beziehungen auf. Es gab sie vor
        <pb n="295" />
        284

Eherecht.,

der Revolution, sie haben sich nach der Revolution stärker verbreitet,
 sie werden sich auch künftig verbreiten, unabhängig davon,
wie im Kodex die Ehefrage gelöst wird. Selbst wenn wir die
Registrierung als Verpflichtung anerkennen würden, so würde das
keinesfalls bedeuten, daß wir beim Vorliegen einer nicht registrierten
 Ehe sie nach dem Beispiele bürgerlicher Gesetze außerhalb
 des Rechtes stellen würden. Die Praxis des Sowijetgerichtes
würde zweifellos an einem solchen Gesetze vorübergehen. Die
Zukunft gehört zweifellos dem, was wir heute faktisch Ehe nennen.
Wozu von der Zukunft sprechen? Es ist zweifellos, daß wir
dazu (d. h. zur Vorherrschaft der faktischen Ehe, W.G.) kommen
werden, aber auch heute darf nicht die Form das Wesen ersetzen.
Es ist lächerlich, davon zu sprechen, daß die Form die Ehe festigen
oder ihr eine größere Dauer verleihen kann. Kein einziger bürgerlicher
 Gelehrter hat das zu behaupten gewagt und kann das
behaupten” Wenn wir vor sieben Jahren abgelehnt haben, die
Kinder in eheliche und uneheliche zu trennen, so kann man fragen,
ob es nicht vielleicht heute Zeit ist, die Trennung der Ehe in
gesetzliche und ungesetzliche aufzuheben. Jede Ehe ist eine Ehe,
wenn in ihr die Momente des faktischen Zusammenlebens von
Mann und Frau vorhanden sind und sie keine zufällige geschlechtliche
 Verbindung ist: alle rechtlichen Folgen müssen sich aus
faktischen ehelichen Beziehungen ergeben, auch wenn sie nicht
registriert sind.

Der Unterschied der Eherechte von 1918 und 1927.

Das Eherecht von 1927 kennt also nicht mehr die für staatliche Anerkennung
 der ehelichen Folgen obligatorische staatliche Eheregistrierung,
die die Ehegesetzgebung von 1918 festgesetzt hatte. Diesen Unterschied
begründet der Justizkommissar Kurski in seinem erklärenden Schreiben
zum Projekte:
Im Jahre 1918 wurde die Trennung der Kirche vom Staat erst
durchgeführt. Darum mußten sich natürlich die ersten revolutionären
 Gesetze über die Ehe auf die Zerstörung der kirchlichen
Ehe richten, nach den alten Gesetzen der einzigen Quelle materieller
 Rechte und Verpflichtungen für die Gatten, Heute ist die
Notwendigkeit des Kampfes mit der kirchlichen Ehe, wenn nicht
ganz weggefallen, so doch iedenfalls nicht mehr so stark (d. h. die
Bevölkerung hat nicht mehr die alte Stellung zur kirchlichen Ehe,
wie Kurski in einer Verteidigung des Entwurfes gegen bolschewistische
 Gegner bemerkt, die meinen, daß die Aufhebung der obligatorischen
 Registrierung zu einer Neubelebung der kirchlichen Ehe-
        <pb n="296" />
        Die Eherechte von 1918 und 1927. Das Ziel der Gesetzgebung. 285

Schließung führen würde. W. G.). Die Aufmerksamkeit der Verfasser
 des Entwurfes hat sich daher nicht auf die Herausstellung
der formalen Kennzeichen der Familie und der Ehe konzentriert,
sondern auf die Verteidigung der schwächeren Subjekte des Eheund
 Familienrechtes.
Der Entwurf gibt der offiziellen Registrierung der Ehe nur
die Bedeutung eines technischen Mittels, um eine bestimmte
Tatsache festzustellen, den Nachweis der Existenz einer Ehe zu
erleichtern, wenn die Notwendigkeit besteht, die Rechte bei
Unterhaltungsforderungen, die Feststellung der FEherechte zu verteidigen
 usw. Daher ist die alte Formel, daß nur die bürgerliche
weltliche Ehe ... Rechte und Pflichten erzeugt, die als Entgegenstellung
 der neuen bürgerlichen Ehe zur alten kirchlichen zu verstehen
 ist, schon darum überflüssig geworden, weil diese Formel
die Grundlage gab, anzunehmen, daß die Rechte nicht entstehen
als Ergebnis der Beziehungen, d. h. der Tatsache des Eintretens
in eheliche Beziehungen, sondern als Folge der Erfüllung von
Formalitäten, der Registrierung in einer bestimmten Behörde. In
vorliegendem Entwurfe ist die Bestimmung aufgenommen, daß
die Registrierung der Ehe festgesetzt wird mit dem Ziele, den
Schutz der persönlichen und Vermögensrechte und Interessen der
Gatten und Kinder zu erleichtern. Damit übereinstimmend ist in
einer Reihe der Paragraphen angegeben, daß für die Personen,
welche in faktischen ehelichen Beziehungen leben, die gleichen
Rechte anerkannt sind wie für die registrierten Gatten, nur mit
dem augenscheinlichen Unterschiede, daß die ersten, d. h. die faktischen
 Gatten im Falle eines Streites ihren ehelichen Zustand vor
dem Gerichte oder einem andern Regierungsorgan beweisen
müssen, während er für die letzteren, d. h. für die registrierten
Gatten. schon feststeht.

Das Ziel der Gesetzgebung.

Als Ziel der Gesetzgebung stellt Brandenburgski die Beireiung der
Beziehungen zwischen Mann und Frau von religiös-kirchlichen Einflüssen
und Traditionen fest. Nachdem er berichtet hat, daß die weltliche Ehe
in bürgerlichen Staaten eingeführt ist, meint er, daß ihr weltlicher Charakter
 da nur eine formal-juristische Angelegenheit bleibt:
Die Ehe- und Familiengesetzgebung in Frankreich und andern
bürgerlichen Ländern ist bis heute nicht befreit vom praktischen
Finfluß der Kirche und der Geistlichkeit. Der religiöse Inhalt der
Phe ist bewahrt — das zeigt sich in den Bedingungen für die
        <pb n="297" />
        286

Eherecht.

Eheschließung, in der leibeigenen Stellung der Ehefrau, in den
Gründen für die Ungültigkeit der Ehe, in den Anlässen zur Ehescheidung
 (die Verpflichtung zur Treue ist im bolschewistischen
Eherecht unbekannt, die Scheidung, d. h. Streichung der Registrierung,
 ist an kein Schuldprinzip gebunden, W.G.), in den
Formalitäten, von denen die Ehe umgeben ist....
Die Normen, welche die Ehe regulieren, müssen als Grundbestimmung
 die Aufgabe besitzen, die Frau aus ihrer Leibeigenschaft zu
befreien; wenn das fehlt, so ist die Frage völlig zweitrangig, wo
und wie die Ehe registriert wird, Die grundlegende Bedeutung des
Kodexes von 1918 liegt darin, daß er mit der kirchlichen Fhe
gebrochen hat, aber diese Bedeutung steigert sich und gewinnt
für uns ein besonderes Interesse darum, weil der Kodex die
materiellen Normen festgelegt hat, die dazu helfen und beitragen,
die Frau aus der Leibeigenschaft zu befreien.
Es hat sich die Notwendigkeit ergeben, die Grundbestimmungen
dieses Kodexes durchzusehen, um sie in volle Übereinstimmung
mit der neuen Sitte zu bringen, die sich in der Arbeiter- und
Bauernmasse unseres Landes herausbildet, damit der Kodex der
weiteren Entwicklung der revolutionären Sitte helfen kann, damit
die ehelichen Beziehungen völlig frei werden von allen Vorurteilen,
Erlebnissen und sinnlosen Bedingtheiten der bürgerlichen „Güte“,
um beizutragen zur völligen Befreiung der Frau von der Macht
des Mannes, um allmählich jede wirtschaftliche Abhängigkeit der
Frau vom Manne zu beseitigen. Das richtige Stellen der Fhe- und
Familienfrage in den Wirtschaftsverhältnissen des Sowietregimes
ist eine der wesentlichsten materiellen Bedingungen, welche tatsächlich
 die starke Beteiligung der Frau am gesellschaftlichen
Leben des Landes sichert. Unser Kodex der Ehe- und Familiengesetze
 muß die Familie als eine Arbeitsgemeinschaft betrachten,
und kann also nicht die geringste Ungleichheit der Gatten in den
Vermögensverhältnissen anerkennen.

Die Straflosigkeit der widernatürlichen Beziehungen.

Die Beziehungen der Geschlechter, das gesamte sexuelle Leben wird
als etwas Faktisches betrachtet. Daher wird die strafrechtliche Verfolgung
 der sog. unnatürlichen Beziehungen, der Blutschande USW., :abgelehnt.
 Immerhin werden derartige Beziehungen nicht begünstigt, sondern
 als Handlungen angesehen, die gegen die normale Ordnung gerichtet
sind. Für diese Auffassung ist ein Beispiel bezeichnend, das der langjährige
 Staatsanwalt Krylenko in einem Vortrag vor der Arbeiterinnenabteilung
 des Zentralkomitees angeführt hat. Dieser Vortrag ist wie die
        <pb n="298" />
        Die Straflosigkeit der widernatürlichen Beziehungen. 9287
Abhandlung Brandenburgskis in die amtliche Materialiensammlung aufgenommen
 worden:

Wir wissen, daß die Blutschande früher als ein kriminelles
Vergehen bestraft wurde. Sie wird bei uns auch noch in Aserbait-Schan,
 ich glaube dann noch in Armenien und irgendwo in Östlichen
 Republiken, bestraft. Für die russische sozialistische föderalive
 Sowietrepublik lehnen wir dieses Prinzip ab, denn es ist nicht
Möglich, vom Standpunkte der gesellschaftlichen Hygiene die
Schädlichkeit der Ehe zwischen Stiefgeschwistern Zu beweisen.
Noch mehr. Bei uns war ein Fall, daß man €s in Samara ablehnte,
eine Ehe zwischen Vater und Tochter zu registrieren, obgleich
diese Frau bereits zwei Kinder vom Vater hatte. Es entstand die
Frage über die strafrechtliche Verfolgung dieses Vaters oder
dieser Tochter. Das höchste Gericht, an das diese Frage kam,
lehnte es ab, ein Strafdelikt in dieser Tatsache zu sehen. Unser
Gesetz kennt keine strafrechtliche Bestrafung für derartige Formen
des Zusammenlebens. Das bedeutet natürlich nicht, daß wir derartige
 Tatsachen als normal betrachten. Aber auf jeden Fall kann
man nicht mit Hilfe von strafrechtlichen Bestrafungen gegen sie
vorgehen. Das Kommissariat für Volkshygiene hat auf unsere
Frage geantwortet, daß es da schwer ist, etwas Bestimmtes zu
sagen, daß aber auf alle Fälle eine Ehe zwischen lungenkranken
Verwandten vom Standpunkte der gesellschaftlichen Hygiene
schädlicher ist als dieser Fall der Beziehungen von Vater und
Tochter. Das war eine der Überlegungen, auf Grund deren wir die
strafrechtliche Verfolgung ablehnen.
Ich wiederhole, daß ich diese Tatsache nicht darum anführe,
weil derartige Formen der Ehe zu begünstigen sind. Selbst wenn
sie nach Ansicht des Volksgesundheitskommissariates völlig normal
wären, so gibt es doch noch Überlegungen ethischen Charakters,
die sich gegen derartige Beziehungen richten. (Diese Berufung auf
die Fthik widerspricht im Grunde genommen der bolschewistischen
Fheauffassung, die die Ehe als eine rein natürlich-wirtschaiftliche
Geschlechtsgemeinschaft betrachtet. Die Unsicherheit Krylenkos
geht aus den nächsten Sätzen hervor. W. G.) Es gibt solche
ethische Forderungen, die so €n£ mit unserem Bewußtsein verbunden
 sind, daß sich derartige T atsachen mit ihnen nicht vertragen,
 wenn wir auch nicht beweisen können, ob sie nützlich oder
schädlich sind. Darum richten wir die regulierende Rolle des
Gesetzes und seine ganze Autorität gegen derartige Ehen (also
sind doch Verbindungen von Vätern mit ihren Töchtern faktische
Ehen, wenn sie auch nicht registriert werden können? W.G.), Wir
        <pb n="299" />
        288

Eherecht.

stellen als Norm fest, daß wir derartige Ehen nicht registrieren
werden. Aber gleichzeitig wollen wir sie nicht strafrechtlich verfolgen.
 Es ist sinnlos, anzunehmen, daß, wenn heute derartige
Tatsachen vereinzelt vorkommen, alle morgen nach Abschaffung
ihrer Straffälligkeit auf diese Weise leben werden. Die aber,
welche das tun, wird man doch nicht durch Gefängnisstrafen
bessern.
        <pb n="300" />
        Erklärung bolschewistischer Ausdrücke.

Arbeiteropposition — die um 1920/21 auftretende Bewegung innerhalb der
kommunistischen Partei, die eine Umwandlung der Diktatur des Proletarlats
 verlangte. Sie wollte haben, daß die Macht von der herrschenden
bolschewistischen Partei an die gesamte Arbeiterschaft und ihre Organi-Sationen,
 Gewerkschaften, Genossenschaften usw. übertragen würde,
Lenin gelang es, diese Opposition, in der u. a. Schliapnikow und Frau
Kollontai eine führende Rolle spielten, zu unterdrücken.
Bednjak — der arme Bauer, der Vertreter der Dorfarmut (Bednota), den
die bolschewistische Partei in seinem Klassenkampfe gegen den reichen
Bauern (Kulak) unterstützt.
Generallinie — ist die Bezeichnung für den offiziellen Kurs der Parteimajorität,
 heute also für die Politik Stalins. Die Generallinie ist der
bolschewistische Maßstab zur Beurteilung aller Ereignisse.
GPU — so heißt seit der Einführung der neuen ökonomischen Politik die
Behörde, welche Trägerin des politischen Terrors ist, die oppositionelle
Bestrebungen gegen das Regime unterdrückt und gegenrevolutionäre
Schädlinge usw. beseitigt. Sie kann verhaften, Todesurteile fällen und
vollstrecken ohne alle öffentlichen Verhandlungen. GPU sind die Anfangsbuchstaben
 der russischen Bezeichnung „Gosudarstwennoe polititscheskoe
 uprawlenie“ (Staatliche politische Verwaltung).
Kolchos — Abkürzung für „Kollektiwnoe choseistwo“, die landwirtschaftliche
 Großbetriebsform, die durch den Fünfjahresplan eingeführt wird.
Die Kolchosen sind Vereinigungen von Bauernwirtschaften zur gemeinsamen
 kollektiven Landbestellung, die zentralistisch geleitet und organisiert
 ist. Die Bauern, die nicht in die Kolchosen hineingehen, heißen
„Edinolitschniki“ (etwa: Finzelbauern).
Komsomol — Abkürzung für „Komunistitscheskij sojus molodeschi“ (Kommunistischer
 Jugendbund).
Kriegskommunismus — die Wirtschaftspolitik der Sowjetregierung in der
Zeit des Bürgerkrieges, die den Versuch machte, das Wirtschaftsleben
staatlich-zentralistisch zu organisieren.
Kulak — der reiche Bauer, der als Klassenfeind des armen Bauern bes
trachtet wird. Die Einführung der Kolchose dient zugleich dem Bestreben
 der Sowjetregierung, den Finfluß des Großbauern zu brechen,
das Kulakentum als Klasse zu vernichten.
Linksopposition — der unter Führung von Trotzki, Sinowjew, Kamenew,
Radek usw. stehende Block der Gegner Stalins, die ihm Vorbereitung
des Bonapartismus, des Sog. Thermidors (Vergleich mit der Französischen
 Revolution: im Thermidor erfolgte der Sturz der revolutionären
Jakobinerdiktatur), Kapitulation vor dem Kulakentum, Bürokratismus
usw., vorwarfen. Dieser Block bestand 1926/27 und fand mit dem Aus-Surian,
 Der Bolschewismus, 19
        <pb n="301" />
        290 Erklärung bolschewistischer Ausdrücke,

schluß seiner Führer aus der Partei ein Ende. Die Mehrzahl seiner
Anhänger unterwarf sich. Nur Trotzki blieb mit seinem Gefolge außerhalb
 der Generallinie, Daher werden vielfach die Trotzkisten als die
eigentlichen Vertreter der Linksopposition bezeichnet.
Die erste Linksopposition in der Partei trat 1918 auf; sie wandte
sich gegen die opportunistische Außen- und Wirtschaftspolitik LeninS:
sie bekämpfte insbesondere die Kapitulation vor dem imperialistischen
Deutschland durch den Frieden von Brest-Litowsk. Zu ihren Führern
gehörte damals Bucharin, der heute zu der Rechtsopposition zählt.
Monolitnostj — das übliche Bild für die geschlossene Festigkeit der
proletarischen bolschewistischen Partei. Sie wird als Monolith (harter
Steinblock) bezeichnet. Gelegentlich wird auch das Proletariat von
den Bolschewisten als Hegemon, als Träger der Hegemonie, der führenden
 Stellung in der Revolution, charakterisiert,
NEP — die neue ökonomische Politik, durch die Lenin seit 1921 den
Kriegskommunismus ablöste. Es wird wieder der Markt erlaubt, der
Handel gestattet, der Bauernschaft werden Konzessionen gemacht usW-Der
 Nep-Bürger ist der Kaufmann und Händler, der mit dem Nep
wieder offiziell auftaucht. Durch den Fünfjahresplan sind zwar die
Konzessionen der Nep erheblich eingeschränkt worden, aber von ihrer
völligen Aufhebung kann wegen der Beibehaltung des Marktprinzips
nicht geredet werden. NEP sind die Anfangsbuchstaben von
‚Nowaia ekonomitscheskaja politika“ (Neue ökonomische Politik).
Permanente Revolution — die aus Anlaß der ersten russischen Revolution
 (1905/06) von Trotzki in Anlehnung an Parvus-Helphand aufgestellte
 Theorie über die Bedeutung des Proletariats in dem zurückgebliebenen
 russischen Reiche. Die permanente Revolution ist die Zusammenfassung
 der bürgerlichen und sozialistischen Revolution. Unter
Führung des Proletariats wird die versäumte soziale und wirtschaftliche
 Entwicklung nachgeholt. Die Gegner Trotzkis werfen dieser
Theorie vor, die Bedeutung des Bauerntums zu unterschätzen und damit
 die Grundanschauung Lenins von der notwendigen Verbindung des
Proletariats mit der armen und mittleren Bauernschaft (russisch:
smytschka) nicht zu beachten. Lenin hat sich öfters vor 1917 gegen
die Theorie von der permanenten Revolution gewandt.
Pioniere — so heißen die Mitglieder der kommunistischen Kinderorganisation.
 Gelegentlich werden auch die bolschewistischen Kinder als
Oktoberkinder, als „Oktiabriaty‘“ bezeichnet.
Rechtsopposition — so wird die gegen Stalins Politik eingestellte Richtung
 in den leitenden Organen der Partei bezeichnet, die 1929/30 unter
der Führung von Rykow und Bucharin sich bemerkbar machte. Auch
Tomski, der Führer der Gewerkschaften, zählte zu ihr. Sie war für ein
vorsichtigeres Tempo der Industrialisierung, für eine mildere Behandlung
 der Kulaken, für stärkere Rücksicht auf die Lebensverhältnisse.
Es gelang Stalin, sie zu erledigen und ihre Führer auf unwichtigen
        <pb n="302" />
        Erklärung bolschewistischer Ausdrücke, 291

Posten kaltzustellen: Bucharin wurde aus der Dritten Internationalen
entfernt, Rykow mußte den Vorsitz im Rate der Volkskommissare
der Union niederlegen und sich mit der Stellung eines Postkommissars
begnügen. Dem Parteiausschlusse kamen die Führer der Rechts-Opposition
 durch öffentliche Reueerklärungen Zuvor.
Der sog. Rechts-Links-Block unter der Führung des Vorsitzenden
des Rates der Volkskommissare der russischen Bundesrepublik Syrzow
und des Trotzkisten Lominadse trat 1930 gelegentlich in Erscheinung
durch Proteste gegen Bürokratie, gefälschte Statistiken, Unzulänglichkeit
 der Führer usw. Er wurde ebenso wie die Rechtsopposition mit
der Losung, daß er nur Ausdruck einer Mutlosigkeit sei und vom Unglauben
 an das Proletariat und den Sozialismus bestimmt sei, erledigt.
Sdelschina — die Entlohnung nach dem Leistungsprinzip. Diese Entlohhung
 hatte bereits Lenin verlangt. Aber immer wieder wurden Neigungen
 zu einer Verwischung aller Lohnunterschiede bemerkbar. Das
zeigte sich insbesondere in den Kolchosen; hier mußte immer wieder
auf die Notwendigkeit, den Lohn, die Naturalentschädigung USW. nach
der geleisteten Arbeit und ihrer Bedeutung zu bemessen, und nicht die
Erträgnisse einfach nach der Schlüsselzahl der Familiengröße zu verteilen,
 hingewiesen werden. Im Juni 1931 wandte Stalin sich gegen die
Vernachlässigung der Sdelschina in der Industrie. Es ist falsch, darin
einen Bruch mit dem bisherigen Prinzip der bolschewistischen Wirtschaftspolitik
 zu sehen.
Serednjak — der Mittelbauer, der von den Bolschewisten als notwendiger
Mitträger der Landwirtschaftskollektivierung betrachtet wird. Es ist
sehr schwer, objektiv zu bestimmen, wo die Grenze zwischen dem
Serednjak und dem Kulak läuft; daher ist hier eine große Elastizität
möglich.
Spezialist — der bürgerliche Fachmann, der Vertreter der technischen
Intelligenz, der von den Bolschewisten zur Mitarbeit herangezogen
wird. Die Politik gegenüber den Spezialisten ist eines der Haupt-Drobleme
 der Sowietunion. Sie schwankt hin und her zwischen Mißtrauen
 gegen Spezialisten, die angeblich zur Unterstützung von gEgeNrevolutionären
 Plänen, Interventionen usw. neigen, und ihrer Begünstigung,
 da sie für den Wirtschaftsaufbau unentbehrlich sind. Die
ersten Jahre des Fünfjahresplanes waren eine Zeit der Spezialisten-Prozesse;
 man denke nur an den Prozeß gegen Ramsin 1930, zegen
die Menschewisten Anfang 1931. Aber Stalin proklamierte am
23. Juni 1931, daß die Zeit einer Neigung der Spezialisten zur Schädigungsarbeit
 vorbei Sei, daß man daher wieder mehr die Unentbehrlichkeit
 der Spezialisten betonen müsse. Es sind also noch nicht genügend
proletarische und bolschewistische Spezialisten vorhanden. Die Erscheinung
 der Verfolgung der Spezialisten durch mißtrauische Parteiorgane,
 Arbeiter USW. wird als Spezeedswo (Spezialistenfresserei)
bezeichnet,

'ns
        <pb n="303" />
        292 Erklärung bolschewistischer Ausdrücke,

SSSR — Abkürzung für „Sojus sowetskich sozialistischeskich respublik“
 (Bund oder Union der sozialistischen Sowijetrepubliken, abgekürzt
 UdSSR).
Tscheka — russische Abkürzung für die Bezeichnung „Tschreswytschainaja
 komissija“ (außerordentliche Kommission), die zur Bekämpfung
 der Gegenrevolution, Sabotage und Spekulation gleich nach
der Oktoberrevolution eingesetzt wurde. Sie war die Trägerin des
politischen Terrors und heißt heute GPU. (Siehe S. 289).
Udarniki — Musterarbeiter, die in Stoßtrupps organisiert werden und in
ihrer Arbeitsleistung vorbildlich zu wirken haben. Sie sollen Ausdruck
dafür sein, daß in der Sowietunion die Arbeit als höchster Wert gilt.
Die Udarniki haben sich aus den von Lenin angeregten Subbotniki entwickelt,
 die freiwillig Arbeitsleistungen an freien Tagen übernahmen uSW-
        <pb n="304" />
        Literaturhinwels.

Diese Zusammenstellung gibt nur die zur ersten Einführung geeigneten
Werke verschiedener Richtungen an,
Ausführliche Literaturangaben werden in den Anmerkungen gegeben,
Allgemeines. Berg, Was sagt Sowietrußland von sich selbst,
Üladbach 1931; v. Eckardt, Rußland, Leipzig 1930; Fülöp-Miller,
 Geist und Gesicht des Bolschewismus, Leipzig 1926;
Iliin und andere, Die Welt vor dem Abgrund, Berlin 1930 (Arbeiten
to russischen Emigranten); Rollin, La Revolution russe, Paris
931.

Reisebeschreibungen. W.H. C hamberlin, Soviet Russia, London
 1930; Feiler, Das Experiment des Bolschewismus, Frankfurt
 a. M. 1929; Hodann, Sowietunion, Berlin 1930 (linkssozialistisch);
 Knickerbocker, Der rote Handel droht, Berlin 1931;
Scheffer, 7 Jahre Sowjetunion, Leipzig 1930; Seibert, Das
rote Rußland, München 1931; H. u. E. Weichmann, Alltag im
Sowiet-Staat, Berlin 1931.
Wirtschaftsübersichten und Statistiken. D obb, Russian Economic
 Development since the Revolution, London 1928; Großmann,
Artikel „Bolschewismus“ in Elsters Wörterbuch der Volkswirtschaftslehre,
 Jena 1931; Haensel, Die Wirtschaftspolitik Sowjetrußlands,
 Tübingen 1930; Jugow, Die Volkswirtschaft der
Sowietunion, Dresden 1929 (menschewistisch); Pollo ck, Die
Dlanwirtschaftlichen Versuche in der Sowjetunion 1917—1927,
Leipzig 1929.
Spezialarbeiten. CleinowW, Neu-Sibirien, Berlin 1928; Cleinow,
 Roter Imperialismus, Berlin 1931; Dobbe rt, Das einheitliche
 Staatsbudget der UdSSR, Jena 1930; Dobbert, Der Zentralismus
 in der Finanzverfassung, Jena 1930; Itschb oldin,
Die russische Handelspolitik der Gegenwart, Jena 1930; Just,
Die Presse der Sowjetunion, Berlin 1931; Schiller, Die Kollektivbewegung
 in der Sowietunion, Berlin 1931.
Bolschewistische Werke. Von den Arbeiten Lenins seien nur
die wichtigsten genannt: Der Staat und die Revolution; Der Imperialismus
 als jüngste Etappe des Kapitalismus; Die Kinderkrankheit
 des Radikalismus im Kommunismus (in verschiedenen Ausgaben);
 vgl. auch die Auswahl, die 1928 im Neuen Deutschen Verlag
 zu Berlin erschienen ist. — Stalin, Lenin und Leninismus,
Wien 1924; Trotzki, Mein Leben, Berlin 1930.
        <pb n="305" />
        Anmerkungen.

Erster Teil. Die geschichtlichen und gesellschaftlichen
Voraussetzungen des Bolschewismus.
* Von den in deutscher Sprache zugänglichen, allgemeinen Darstellungen
 der russischen Geschichte seien genannt: Kliutschewski
Geschichte Rußlands, 4 Bde,, Stuttgart 1925{.; Platonow, Geschichte
Rußlands, Leipzig 1927; Pokrowski, Geschichte Rußlands, Leipzig
1929 (bolschewistisch). — Kulturgeschichtliche Darstellungen: Miliukow,
 Skizzen russischer Kulturgeschichte, 2 Bde., Leipzig 1898-—1901;
Pokrowski, Otscherk istorli russkol kultury, Kursk 1924. — Für das Verständnis
 des alten Regimes, besonders der letzten Zeit, auch heute noch
unentbehrlich: Hoetzsch, Rußland (Neudruck Berlin 1917): hier auch
umfassende Literaturangaben. Über die Anfänge des Scheinkonstitutionalismus
 unterrichten die Arbeiten von Max Weber: Zur Beurteilung der
gegenwärtigen politischen Entwicklung Rußlands und Rußlands Übergang
zum Scheinkonstitutionalismus (Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik
 XXIII, XXI, Beilagen, Tübingen 1906).
Die Entstehung des Absolutismus gehört zu den umstrittensten Problemen
 der russischen Geschichte. Gegen die Behauptung, daß der Absolutismus,
 das Selbstherrschertum in der Natur des russischen Volkes begründet
 sei, wenden sich zahlreiche Werke russischer Historiker und
Publizisten. Besonders wichtig ist das Werk des bereits vor dem Kriege
gestorbenen Historikers Pawlow-Silwanski, Feodalism w drewnei Russl,
Moskau 1923. In ihm wird der Versuch gemacht, nachzuweisen, daß es
im mittelalterlichen Rußland einen Feudalismus gegeben habe, daß also
die russische Verfassungsentwicklung sich nicht prinzipiell von der europäischen
 unterscheide.
Pawlow-Silwanski entwickelt dabei folgendes Schema der russischen
Geschichte: Erste Periode bis 1169, Grundinstitution die Dorf- und Feldgemeinschaft,
 Stammesselbstverwaltung. Zweite Periode bis 1565 (Terror
des Zaren Iwan des Grausamen gegen den hohen Adel, die Bojaren);
Vorherrschaft des Bojarentums, des Großgrundbesitzes — es entwickelt
sich eine feudale Ordnung. Dritte Periode 16.—19. Jahrhundert: Ständische
 Monarchie. In der dritten Periode zwei eng miteinander verbundene
 Abschnitte: Die Epoche der Moskauer Ständemonarchie und des
Petersburger Absolutismus (seit Peter dem Großen). Die Regierung Peters
 des Großen ist nicht mehr der entscheidende Abschnitt — das Einteilungsprinzip
 „Rußland und die Europäisierung“ fällt. Die Reformen
Peters des Großen erscheinen nur als Vollendung des Absolutismus. Die
Tendenz Pawlow-Silwanski ergibt sich aus seiner Prognose, daß nach
einer Epoche, in der die mit dem Absolutismus verbundene Ständeordnung
sich auflöst, eine neue freie bürgerliche Ordnung sich bilden werde. Auf
die Probleme der ideologischen Vorbereitung des Selbstherrschertums,
        <pb n="306" />
        Anmerkungen,

295

der Auswirkung der Tatarenherrschaft — vgl. Hoetzsch 33 — geht
Pawlow-Silwanski nicht ein.
Der marxistisch eingestellte Historiker N. Roschkow betont in seinem
Werke Proischoschdenie samoderschawija v Rossij, Moskau 1906, daß
der entscheidende Grund für das Aufkommen des Selbstherrschertums
die Entstehung und Entwicklung der Geldwirtschaft mit einem umfassenden
 Markte war. — Vgl. auch M. Aleksandrow, Gosudarstwo, Biurokrafism
 i absoliutism, Petersburg 1910, S. 16f. (Hinweis, daß der Begriff
„Selbstherrscher“ [samoderschez] amtlich zuerst 1625 verwandt wird).
Einen Überblick über die verschiedenen Theorien gibt Pokrowskis
Vortrag: Die Entstehung des russischen Absolutismus (abgedruckt in dem
von Hoetzsch herausgegebenen Sammelbande: Aus der historischen
Wissenschaft der Sowjetunion, Berlin 1928). Der Marxist Pokrowski
lehnt natürlich alle staatlichen und geopolitischen Theorien ab, welche
vom Kolonialcharakter, von der Lage in Steppen, von der militärischen
Organisation usw. ausgehen. Für ihn ist — wie für Roschkow — der
Absolutismus verbunden mit der Zersetzung der Naturalwirtschaft und
dem Übergang zur Geldwirtschaft. Wie der westeuropäische Absolutis-Mus
 des 14.—17. Jahrhunderts ist auch der russische ein Werkzeug der
kapitalistischen Akkumulation.
Die marxistische Theorie setzt das Bestehen des Feudalismus im
mittelalterlichen Rußland voraus, — das betont Pokrowski ausdrücklich.
Die Vorstellung, daß vor Peter dem Großen keine Verbindung mit Europa
bestanden habe, entspricht nicht den geschichtlichen Tatsachen. Vgl.
Platonow, Moskwa i sapad, Berlin 1926. Platonow schließt sich S. 141 f.
der These S. Solowiews über Peter den Großen an: „Die Notwendigkeit,
einen neuen Weg zu beschreiten, War erkannt ..., das Volk bereitete sich
vor, den neuen Weg zu beschreiten... man wartete auf den Führer, und
der Führer erschien.“
? Es gibt zahlreiche Veröffentlichungen über die Dekabristen; vgl. die
Bibliographien Tschenzow-Piksanow, Vostanie Dekabristow, Moskau
1926, und SeliwanoW, Dekabristy, 1825—1925, Sistematscheski] ukasatel
russkol literatury, Moskau 1926. Das Jubiläumsiahr 1925 brachte eine
Fülle neuer Publikationen; von ihnen seien nur genannt das von der
Akademie veröffentlichte Sammelwerk Pamjati dekabristow, 3 Bde.,
Leningrad 18926, und Oksman-Tschegolew, Bunt dekabristow, Leningrad
1926. Auch zur antireligiösen Propaganda wird die Erinnerung an die
Dekabristen benützt: Voronicin, Dekabristy i religija, Moskau 1928.
Von den Werken, die Schilderungen der äußern Vorgänge beim Dekabristenputsch
 geben, seien genannt Schiemann, Geschichte Rußlands
unter Kaiser Nikolaus [L., Bd. Il, Berlin 1908, und Schilder, Imperator
Nikolai pervyi, 2 Bde., Petersburg 1903. Für die Psychologie der Dekabristen
 aufschlußreich sind die Bemerkungen bei Gerschenson, Dekabrist
Kriwzow, Moskau-Berlin 1923, S, 189£. Vgl. auch Pypin, Obschestwennoe
dwischenie v Rossi pri Alexsandre I, Bd. 11, Petrograd 1918. — Hervorgehoben
 sei noch als gute Finführung in die Dekabristenliteratur S, Hes-
        <pb n="307" />
        296

Anmerkungen,

sen, Dekabristy pered sudom istorii, Leningrad 1926. (Leider mußten die
Kapitel über die Dekabristen in der nichtrussischen Geschichtsschreibung
wegfallen. Das Werk Hessens ist natürlich scharf gegen das alte Regime
eingestellt.)
3 Eine umfassende, ideengeschichtliche und soziologisch befriedigende
Darstellung der russischen Intelligenz fehlt trotz aller wertvollen Materlalsammlungen
 und Monographien. Nur die besonders wichtigen und
charakteristischen Werke können genannt werden.
Allgemeine Darstellungen: Th. G. Masaryk, Zur russischen Geschichts-
 und Religionsphilosophie, 2 Bde., Jena 1913; Nötzel, Die
soziale Bewegung in Rußland, Stuttgart 1923; v. Eckardt, Rußland,
Leipzig 1930; I/wanow-Rasumnik, Istorija russkoi obschestwennoi mysli,
Petersburg 1914 (sozialrevolutionär); Martow-Maslow-Potressow, Obschestwennoe
 dwischenie Rossii v natschale XX. Weka, 4 Bde., Petersburg
1909 (menschewistisch) ; Plechanow, Istorija russkoi obschestwennoi mysll
russ. Werke, XX——XXIV, vor allem XXIII und XXIV, Moskau 1926;
P. Sakulin, Russkaja literatura 1 sozialism, 1. Teil, Moskau 1924. Allgemeine
 Kritik: Sammelwerk Wecht, Moskau 1909; Gerschenson, Istoritscheskija
 sapiski, Moskau 1910 (besonders 118f. über den typischen
Gegensatz Gogol, des Vertreters der Innerlichkeit, der moralischen Besserung
 des einzelnen, zu Belinski, dem Repräsentanten des Glaubens an
politisch-sozialen Umsturz), Vorgeschichte und Geschichte: Pypin,
Russkoe massonstwo XVII. i perwoi tschetwerti XIX. weka, Petrograd
1916; Pypin, Charakterestiki literaturnych mnenii ot dvadzatych do
platidesjatych godow, Petersburg 1909; Pypin, Isledowanja i statli po
gpoche Aleksandra I, 3 Bde., 1916/18; Miliukow, Nacionalism i obschestwennoe
 mnenie, 2 Teile, Petersburg 1901/03 (Dritter Band der Kulturgeschichte);
 Miliukow, Is istorii russkol intelligencil, Petersburg 1903;
Gerschenson, Istorija molodoi Rossli, Moskau 1923; A. Kornilow, Obschestwennoe
 dwischenie pri Aleksandre Il, Moskau 1909; Nestor Kotliarewski,
 Kanun oswoboschdenia, Petrograd 1916 (S. 46 Psychologie des
Radikalismus als einer Reaktion der gebildeten Jugend gegen Regierungsdruck).
 Literatur über revolutionäre Bewegungen in den Anmerkungen
zu S. 34f. Von den Monographien sei nur genannt: Gerschenson, Tschaadalew,
 Petersburg 1908. Unentbehrlich für das Verständnis der Intelligenz
 ist die Lektüre der Werke von Herzen (vor allem „Erinnerungen“)
und Dostojewski (vor allem „Dämonen“). Die Auffassung der Sozialrevolutionäre,
 daß die Intelligenz eine selbständige Rolle als Führerin
und Anregerin der revolutionären Bewegungen spiele, lehnten die Marxisten
 ab. Aber die Bolschewisten betrachten doch ihre Revolution als
Erbin und Erfüllerin aller Bewegungen der revolutionären Intelligenz.
* Herzen kann als russischer Vater dieser Anschauungen angesehen
werden, nach denen die russische Dorfgemeinde (obschina) als Grundlage
des Sozialismus anzusehen sei. Ihre Vertreter — früher die sog. Narodniki,
 heute die Sozialrevolutionäre — glauben infolge der Existenz der
Obschina an eine „wirtschaftliche und soziale Entwicklung Rußlands unter
        <pb n="308" />
        Anmerkungen.

297

Umgehung des Kapitalismus, der im Leben des Westens dem Geiste des
Kleinbürgers und Philistertums Zur Herrschaft verholfen habe“ (Brutzkus,
 Agrarentwicklung und Agrarrevolution in Rußland, Berlin 1926, 80).
Vgl. dafür den charakteristischen Brief Herzens an Michelet über das
russische Volk und den Sozialismus von 1851 (neue Sonderausgabe in
Kniga dija wsech, Bd. 46. 46, Berlin 1921). In diesem Schreiben kommt die
für den Agrarsozialismus eigentümliche Überzeugung von der besondern
russischen (slawischen) Sendung zum Ausdruck. Da wird die Obschina
als Rettung des Volkes von allem äußern Zwang hingestellt. Daher sel
die Tatsache, daß das russische Volk gleichsam außerhalb Europas lebe,
ein Glück. Denn die Berührung des russischen Volkes mit der europä-Ischen
 Zivilisation hätte die Obschina zersetzt. In Rußland sei der Bauer
ebenso der Mann der Zukunft wie in Frankreich der Arbeiter.
Auch die konservativen Siawophilen feierten die Obschina. Von Haxthausen
 hat in seinem Werke: Studien über die innern Zustände, das
Volksleben und Insbesondere die ländlichen Finrichtungen Rußlands,
3 Bde., Berlin 1847/52, zuerst die Aufmerksamkeit auf sie gelenkt.
Der entscheidende Unterschied der Marxisten von den Agrarsozialisten
besteht in der verschiedenen Bewertung der Obschina: Die Marxisten
sehen sie als eine der Vernichtung geweihte zurückgebliebene Wirtschaftsform
 an.
5 Vgl. für die Zeit vor dem Kriege Martow-Maslow-Potressow
aa O0. I (Lenski über die Nationale Bewegung) und mm (Salewski
über Nationale Parteien). Über Anfänge des jüdischen Bundes einiges
Interessante bei AkimowW, Otscherk raswitija sozialdemokratii, Petersburg
1906. Gesamtdarstellungen seiner Entwicklung bei Dubnow, Die neueste
Geschichte des jüdischen Volkes, Bd. X, Berlin 1929, 351 ff., und in der
Encyclopedia Iudaica IV. — Über die Lage der Juden in Sowietrußland
 siehe Larin, Evrei £ antisemitism v S.S.S.R., Moskau 1929.
8 Über die industrielle Entwicklung seit den achtziger Jahren vgl.
Hoetzsch a. a. O. 9. Kap., bes. 351f.; vgl. auch Wanag-Tomsinski,
Ekonomitscheskoe rasvitie Rossii, Moskau 1928. (Fine Chrestomathie!)
Für die letzte Zeit vor dem Kriege: Miller, Margaret S., The economic
development of Russla 1905/14, London 1926. Zur ersten Einführung sehr
geeignet das erste Kapitel von Friedrich Pollock, Die planwirtschaftlichen
 Versuche in der Sowjetunion 1917/27, Leipzig 1929. — Über die
Semstwos siehe die große Geschichte von Weselowski, Istorija semstwa,
4 Bde., Petersburg 1909f. Hier wird in Bd. 4 S. 215f. die entscheidende
Feststellung gemacht, daß die Führung in den Semstwos der Adel mit
mittlerem Grundbesitz hatte. Beim Konflikt der Semstwos mit dem herrschenden
 Regime spielte der Gegensatz lokaler Interessen g6g€en die
bürokratische Zentralisierung eine entscheidende Rolle. Aus Belokonski,
Semskoe Dwischenle, Moskau 1914, ergibt sich ein Einblick in das Wesen
der mit den Semstwos verbundenen Intelligenz, der Ärzte, Agronomen,
Angestellten usw., die in ihrer Opposition führte.
7 Siehe das über die Arbeitsmethoden der illegalen bolschewistischen
        <pb n="309" />
        298

Anmerkungen.

Partei in der Vorkriegszeit unterrichtende Sammelwerk Technika bolschewistkago
 podpolja, Moskau 1925. Krassin berichtet in seinem Beitrag
über die Finanzierung der bolschewistischen Partei durch Vertreter der
guten Gesellschaft. Morosow bedachte auch in seinem Testament die
bolschewistische Partei.
8 Auch hier können nur einige Werke aus der umfangreichen Literatur
genannt werden. Außer auf Hoetzsch sei zur ersten Einführung wiederum
auf Pollock verwiesen, der zahlreiche statistische Angaben — etwa über
die Unterernährung der Bauernschaft — bringt. Statistisches Material
stellen Jug ow (Die Volkswirtschaft der Sowjetunion, Dresden 1929) und
der Emigrant Iljin in seinem Beitrage über die Agrarkrise zum Sammelwerk:
 Die Welt vor dem Abgrund, Berlin 1930, zusammen. Sering bezeichnet
 in seiner Vorrede das Werk von Brutzkus (Agrarentwicklung
 und Agrarrevolution in Rußland, Berlin 1925) als die erste Untersuchung
 der Zusammenhänge zwischen der Revolution und dem allgemeinen
 Gang der agrarischen, volkswirtschaftlichen und politischen
Entwicklung Rußlands. Brutzkus ist antibolschewistisch und ein Gegner
der Dorigemeinschaft,
Über die Agrarorganisation der Dorfgemeinschaft unterrichtet das
Werk von Tschuproöw, Die Feldgemeinschaft, Straßburg 1902, und
A. Kaufmann, Russkala Obschina, Moskau 1908. Tschuprow ist ein Anhänger
 der Feldgemeinschaft. Kaufmann glaubt, daß sie im Gegensatz
zu den Anschauungen von Tschitscherin, Miliukow usw. nicht durch
staatliche Eingriffe als Steuererhebungsorganisation entstanden, sondern
durch die natürliche Entwicklung hervorgerufen sei. Sering zählt in
seiner Vorrede die Verfasser deutscher Werke über die Feldgemeinschaft
auf, die bei mir als gesellschaftliche Organisation Dorifgemeinschaft genannt
 wird. Von allgemeinen Darstellungen des Agrarproblems sei noch
genannt die Arbeit Peter Maslows, Die Agrarfrage in Rußland, Stuttgart
 1907.
Über die Struktur und die Wirkungen der Bauernbefreiung von 1861
sehr lehrreich Ljaschenko, Otscherki agrarnol ewoljucti Rossi, Petersburg
 1926; siehe vor allem S. 134 die Statistiken, aus denen hervorgeht,
daß die Bauern in fruchtbaren Gegenden weniger Land zugeteilt erhielten,
 als sie vorher zur Verfügung hatten. In den Gegenden dagegen
ohne Schwarzerde bekamen die Bauern mehr Land als vorher. Durch
diese auffallende Teilung sollten die Gutsbesitzer begünstigt werden. Es
galt, die Bauern der fruchtbaren Gegenden zur Arbeit für die Gutsbesitzer
 zu veranlassen; die Bauern der unfruchtbaren Gegenden sollten
das schlecht verwendbare Land der Gutsbesitzer durch die Loskaufzahlungen
 erwerben. Die Loskaufzahlungen und die Steuerverpflichtungen,
welche auf der Bauernschaift lagen, waren so hoch, daß sie zum Getreideverkauf
 auch auf Kosten des eigenen Bedarfs zwangen. Einzelheiten
über diesen Verkauf, die Wirkungen des Eisenbahnbaues usw. siehe bei
Ljaschenko.
® Siehe Weselowski a. a. O0. Band I und II.
        <pb n="310" />
        Anmerkungen.

299

N Siehe auch Hoetzsch 193.
Die Schätzungen über die höhere FErtragsfähigkeit des Gutslandes
gehen, wie Pollock a. a. O0. 19 seststellt, stark auseinander. Pollock
zitiert eine Angabe, welche die Mehrerträge auf 38°/o bemißt. Vgl. auch
die statistischen Angaben bei Ju g OW S. 124 über den hohen Anteil der
Gutsbesitzerwirtschaft an der Jandwirtschaftlichen Marktproduktion.
22 Siehe die Zitate aus der Schrift Lenins „Was ist zu tun?“ S. 223—6.
BB Vol. auch die Angaben bei Pollock a. a. O. 12. Lenin betrachtete
den Gegensatz der Industriekonzentrierung ZUr zurückgebliebenen politischen
 und landwirtschaftlichen Struktur als entscheidenden Faktor
der Revolution. Vgl. darüber das aufschlußreiche Werk von Litwinow,
Ekonomitscheskie posledstwija stolypinskogo agrarno£0 sakonodatelstwa,
Moskau 1929. Lenins Formel lautet: „Der Widerspruch, der am
tiefsten die russische Revolution erklärt: Die zurückgebliebenste Land-Wirtschaft,
 das unkultivierteste Dorf — der fortgeschrittenste Industrieund
 Finanzkapitalismus.“ Die Industriebezirke bildeten einige Zentren,
etwa Petersburg, das Donezbecken. Die Industrie war stark von Staatsaufträgen
 und Zollprotektionismus abhängig. Das ausländische Kapital
Spielte in ihr eine große Rolle. Erst nach 1906 kam sie mit den Bedürf-Assen
 des innern Marktes gleichsam in unmittelbare Fühlung. Vgl. auch
nm, 15,
Die Kustarniki waren häuerliche Handwerker, die man nicht mit
Industriearbeitern vergleichen kann. Ihre Existenz beruhte auf der Armut
des russischen Dorfes, das infolge seiner Geldnot keine teuren städtischen
Erzeugnisse sich leisten konnte, Immerhin verstanden es die Kustarniki,
ihre Produkte zu Marktartikeln auch für den Export zu machen. Vgl.
Hoetzscha. a. O. 343£. Lehrreich ist auch die von Pollock (S. 13)
angeführte Statistik, nach der die Produktion der sog. ländlichen Kleinindustrie
 20°/, der gesamten Industrieproduktion ausmacht.
Über die Lage der Arbeiterschaft, ihre schlechte Entlöhnung, die sich
auch in Zeiten der Hochkonjunktur vor dem Kriege nicht der Steigerung
der Lebenshaltungskosten entsprechend erhöhte, vgl. Pollock a. a. 0.
16f.; Köhler, Die russische Industriearbeiterschaft von 1905 bis 1917,
Leipzig u. Berlin 1921; Litwinow 2a. % O. 83f. Vgl. auch die Artikel
über die Arbeiterschaft im Sammelwerk Martow- Maslow-Potressowa.
 a. O0. Bd. 1 u. II 1; ferner Elnicki, Istorila rabotschego dwischeni]a
v Rossii, Moskau 1926.
u Siehe Hoetzsch 3381.
15 Die angeführten Zahlen sollen nur einen ersten Eindruck von der
Stolypinschen Reform geben. Aus der Literatur sei noch angeführt das
Werk von Dietze, Die Stolypinsche Agrarreform und Feldgemeinschaft,
Leipzig 1920; Karpow, Agrarnaja politika Stolypina, Moskau 1925, und
Dubrowski, Stolypinskala retorma, Leningrad 1925.
Lenins Stellung zur Reform wird eingehend bei Litwinow charakterisiert.
Lenin war als Marxist ein Feind der Dorfgemeinde und begrüßte daher
die negative Seite der Stolypinschen Reform; die Reform erschien ihm
        <pb n="311" />
        300

Anmerkungen.

gleichzeitig als Anbahnerin der Proletarisierung. Das Industrieproletariat
wurde durch sie endgültig vom Dorfe gelöst und ein Landproletariat g®-schaffen,
 das auf die Dauer in einen Gegensatz zu den von Stolypin
begünstigten Großbauern geraten mußte. Ferner wurde durch die Reform
die Aufnahmefähigkeit des russischen Marktes außerordentlich gestärkt.
Da trotz des Aufschwungs die russische Industrie diese Bedürfnisse nicht
ihrer ständigen Steigerung entsprechend befriedigen konnte, mußte trotz
aller Abneigung eine stärkere Einfuhr einsetzen. Infolgedessen verschlechterte
 sich die russische Handelsbilanz. Das bedrohte wiederum
die Industrie, da Rußland als Agrarausfuhrland für die Stabilität seiner
Währung und für die Deckung der im Ausland aufgenommenen Schulden
auf eine aktive Handelsbilanz angewiesen war (vgl. Litwinow 88—97,
der u. a. eine bezeichnende Denkschrift der Industrie- und Handelsvertreter
 von Juni 1914 anführt).
Die Gefährdung der Handelsbilanz durch Sperrungen der Dardanellen;
die die russische Getreideausfuhr empfindlich störten, machte eine eXpansive
 Außenpolitik in russischen Wirtschaftskreisen populär. Die russische
 Ausdehnungspolitik ist also ohne die eigentümliche Wirtschaftsstruktur
 Rußlands nicht zu verstehen. Litwinow formuliert nach Lenin
das entscheidende Dilemma für die russische Geschichte des 19. und
20. Jahrhunderts: Es galt, entweder durch neue Eroberungen den Markt
für russische Erzeugnisse auszudehnen oder durch innere Reformen die
Aufnahmefähigkeit des innern Marktes zu erweitern. Auf den Verlust
des Krimkrieges folgte die Bauernbefreiung, auf den Verlust des japanischen
 Krieges die Stolypinsche Reform. Aber die Stolypinsche Reform
vermochte nicht, den Gegensatz zwischen der modernen Industrie und
der zurückgebliebenen politisch-sozialen Gesamtstruktur aufzuheben. Und
daher stieg wieder die Neigung zu außenpolitischen Abenteuern.
Diese bolschewistische Konstruktion kann natürlich nicht die Gesamtheit
 der Gründe, die zur russischen Expansionspolitik trieben, erfassen.
Sie sieht ganz ab von traditionellen Momenten, vom Eigengewicht politischer
 Vorstellungen usw. Ihre vollständige Durchführung müßte auch
noch das Verhältnis Rußlands zum ausländischen Kapital berücksichtigen.
Sie wird hier nur angeführt als Kritik des Glaubens, daß ohne die Störung
durch den Krieg die Stolypinsche Reform die innern Schwierigkeiten des
alten Regimes auf ein Mindestmaß gebracht hätte.
1 Über die Anfänge der russischen Sozialdemokratie siehe Lj/adow,
Kak natschala skladywatsja RKP (Moskau 1925; 2. Auflage der Geschichte
der sozialdemokratischen Partei von 1906), und W. Newski, Otscherki po
istoril RKP, Bd. I (bis 1898); Martow-Dan, Geschichte der russischen
 Sozialdemokratie, Berlin 1926; ferner die bolschewistische Dokumentensammlung
 Sch. Lewin-Tatarow, Istorija RKB (b) w dokumentach
1 (1883—1916), Leningrad 1926.
7 Über die Terroristen und die Nihilisten, die Vorläufer der Narodniki,
siehe Oldenberg, Der russische Nihilismus von seinen Anfängen bis
zur Gegenwart, Leipzig 1888: Thun, Geschichte der revolutionären Be-
        <pb n="312" />
        Anmerkungen.

301

wegung in Rußland, Leipzig 1883; K ulczycki, Geschichte der russischen
Revolution Bd. I—111, Gotha 1910/14; General Spiridovitsch, Histoire
du terrorisme russe, Paris 1930. Die Narodniki waren typische Agrar-Sozialisten,
 die fest an eine besondere russische Wirtschaftsentwicklung
glaubten auf Grund der Obschina, des Artels, der russischen Arbeits-Zenossenschaft
 und des Dorfhandwerkes, (Kustarnitschestwo). Sie lehnten
die Industrialisierung ab; ihre Erben, die Sozialrevolutionäre, denken, wie
Suchanow in seinem Werke K woprosu 0 selsko-choseistwennol ew0-Äucii
 Rossii (Moskau 1923) feststellt, in Industriefragen ebenso wie die
Marxisten, glauben aber weiter an eine besondere russische Agrarentwicklung.
 Über die Anfänge der sozialrevolutionären Partei siehe
Tschernow, Sapiski socialista-rewolutionera, Bd. I, Berlin 1922.
1 Siehe Lenin, Sämtliche Werke Bd. If, Berlin-Wien 1926 f.;
ferner Jaroslawski, Geschichte der kommunistischen Partei der
Sowjetunion, Hamburg 0. J.; Lewin-Tatarow a. a. 0.
1 Siehe die Anklagerede des bolschewistischen Staatsanwalts Krylenko
in Sa pjatj ljet, Moskau 1923.
% Vgl. Pollock 21£ Prokopowitsch kommt in seinem Werke Woina
{ narodnoe choseistwo zu einem vernichtenden Urteil über die wirtschaftliche
 Organisation während des Krieges (z. B. S. 229).
2 Über die letzte Zeit des Zarenregimes zahlreiche Zeugnisse im Archiv
russkoi revoliucit, Berlin 1921 f.; Memoiren bürgerlicher Politiker uSW.
sind zusammengestellt bei S. Aleksejew, Rewoliucha 1 graschdanskaja
Woina w wospominanilach belogwardeizach, Moskau 1925 f.

Zweiter Teil. Eroberung und Ausbau der politischen
Macht in Rußland durch die hbolschewistische Partei

1 Von den zahlreichen Erinnerungen an die Zeit der provisorischen
Regierung ist am hedeutsamsten Suchanow, Sapiskl 0 rewoljucii, Berlin
1922/23, 7 Bde. Es kommt nicht auf den Standpunkt ihres Verfassers,
des linken Sozialisten, an; ihr Wert besteht in der oft unfreiwilligen Beschreibung
 der gesellschaftlichen Psychologie des provisorischen Regimes.
 Das Werk Trotzkis über die Revolution von 1917 (bisher
1. Band Berlin 1931), ist lange nicht so aufschlußreich wie die Arbeit
Suchanows. Vgl. auch das bolschewistische Sammelwerk Pokrowskli,
Otscherki po istorli oktjabrskoi rewoliucil, 2 Bde., Moskau 1927 (Trotzkis
Hauptquelle; Bd. 1 enthält soziale und wirtschaftliche Vorgeschichte der
Februarrevolution.).
? Die bürgerliche Hauptpartei bildeten die Kadetten. Die Sozialrevolutionäre
 waren eine uneinheitliche Masse, die von rechten, zum Antisemitismus
 neigenden Elementen bis zu mehr oder minder anarchistisch
eingestellten Kreisen reichte. Die Sozialisten zerfielen in die beiden Haupttichtungen
 der Oboronzen, der Anhänger der unbedingten Fortführung
des Krieges (zu ibnen gehörte auch Plechanow, der eine eigene kleine
besonders extreme Gruppe hatte), und der Internationalisten, die auf dem
        <pb n="313" />
        302

Anmerkungen.

Standpunkt der sozialistischen Konferenz von Zimmerwald standen, also
für einen demokratischen Frieden ohne Annexionen usw. eintraten. Aber
diese Internationalisten waren unter sich uneinig. Zu ihnen gehörten SOwohl
 Männer, die für eine Koalition mit den Bürgerlichen sich einsetzten,
wie linkseingestellte Sozialisten, die sich zumeist um den alten Menschewistenführer
 Martow gruppierten. Ein wichtiges Organ dieser linkSeingestellten
 Sozialisten war Gorkis Zeitung „Nowaja Schisn‘“, an der
Suchanow tätig war. Die Erinnerungen Suchanows geben einen lehrreichen
 Einblick in das herrschende Durcheinander, die Streitigkeiten um
den Charakter der Revolution, die Koalitionsregierungen usw. Alle Krankheiten
 des Parlamentarismus waren vorhanden, mochte auch ein gewähltes
 Parlament fehlen. Weder die Männer der provisorischen Regierung
 noch die verschiedenen Fraktionen der Sowiets merkten, daß ihr
taktisches Spiel sie immer mehr zu bloßen Begleitern der sich scheinbar
mit objektiver Zwangsläufigkeit voliziehenden Entwicklungen, der Wirtschaftskrise
 und des Steigens der Anarchie machte.
® Über die Bauernbewegung von 1917 siehe vor allem Kotelnikow-Meller,
 Krestlanskoje dwischenije w 1917 godu, Moskau 1927, (Bemerkenswert
 die Vorrede Jakowlews, in der die verschiedenen Formen
des Vorgehens der Bauern gegen die Gutsbesitzer geschildert und der
unpolitische Charakter dieser Agrarrevolte nachgewiesen wird.) Dubrowski,
 Die Bauernbewegung 1917, Berlin 1929,
* Siehe Suchanow Bd. 5. Vgl. auch die Sammlung „weißer“ Memoiren;
 Mjatesch Kornilowa, ‚Leningrad 1928,
5 Interessant ist die Feststellung Suchanows, daß diese Presse gelegentlich
 unter der Flagge des Sozialismus auftrat.
® Siehe Suchanow Bd. 4. Die Projekte Tschernows sind zu ersehen
aus seinen Berichten an den Bauernrat Semelnyi wopros, Petrograd 1917.
7 Auch Trotzki verwertet a. a. O. den Bericht Suchanows. Die entscheidende
 Rolle Lenins geht auch aus den Erinnerungen des bolschewistischen
 Marineoffiziers Raskolnikow (Kronstadt i Piter w 1917 godu,
Moskau 1925) hervor: „Die Ankunft Lenins bedeutete überhaupt einen
Rubikon in der Taktik unserer Partei.... Man muß gestehen, daß vor
seiner Ankunft in der Partei ein ziemlich großes Durcheinander herrschte.
Es gab keine bestimmte durchgehaltene Linie. Die Aufgabe, sich der
Staatsgewalt zu bemächtigen, erschien der Mehrheit als ein fernes Ideal
und wurde von ihr gewöhnlich nicht als nächste unmittelbare Tagesaufgabe
 gestellt.“ In der Partei machte sich Uneinigkeit bemerkbar: Es
fehlte der „Führer mit großer Autorität, der sie zu einer Einheit zusammenschweißen
 konnte. In Lenin bekam die Partei diesen Führer.“
$ Vgl. das Buch von Radin, Perwyi sowjet rabotschich deputatow,
Petersburg 1906, Die Menschewisten betonten die Bedeutung des Sowjets
als einer Verbindungsstelle der Partei mit dem Proletariat, die Bolschewisten
 betonen die Bedeutung der Räte als Keime für die Organe der
revolutionären Macht. Sie schrieben ihnen auch die Aufgabe zu, das
Proletariat zu bewaffnen.
        <pb n="314" />
        Anmerkungen. 303

9 Über Lenins Kämpfe mit der Opposition in seiner Partei siehe Bd. 20
der deutschen Ausgabe seiner sämtlichen Werke, Berlin-Wien 1926. Stalin
scheint nach Suchanow im Juli für eine Machtergreifung seitens der
Bolschewisten gewesen zu sein, während Lenin schwankte. Die Bolsche-Wisten
 bestritten, daß die von ihnen inszenierten Petersburger Massendemonstrationen
 für einen politischen Umsturz gebraucht werden sollten,
9 Diese Meschrayonzen, Intellektuelle ohne Massenanhang, konnten
Sich einen wirklich politischen Einfluß nur durch Anschluß an die bolsche-Wistische
 Partei sichern. Wenn Lenin ein beschränkter Doktrinär ge-Wesen
 wäre, hätte er sie nie in die Partei aufgenommen. Denn er war
Mit vielen von ihnen in erbitterte Polemiken verwickelt gewesen, So z. B.
mit Trotzki und Lunatscharski, dessen Versuch eine proletarische Religion
 zu konstruieren, den Sozialismus als die neue Menschheitsreligion
hinzustellen, von ihm scharf abgelehnt worden war. Allerdings ist zu
beachten, daß Lenin sich 1917 in einem gewissen Gegensatz zu den Sog.
alten Bolschewisten befand, die nur zögernd ihm folgten.
Heute sind die Meschrayonzen entweder, wie Trotzki, aus der Partei
entfernt oder auf unwichtigen Posten, wie Lunatscharski, kaltgestellt.
4 Die Stellung der Bolschewisten zur verfassunggebenden Nationalversammlung
 war nicht eindeutig. Die Forderung ihrer baldigen Einberufung
 wurde von ihnen als demagogisches Mittel im Kampfe zegen
die provisorische Regierung erhoben. Aber daneben entwickelte Lenin
Schon seine Konzeption vom Rätestaat. Alle Macht den Räten! wurde zu
einer zweiten Losung im Kampfe gegen die provisorische Regierung,
Eine offene Stellung gegen die verfassunggebende Nationalversammlung
nahmen die Bolschewisten damals nicht ein, da die Einberufung als eine
Selbstverständliche revolutionäre Forderung galt.
Denn 1917 schienen jene Strömungen im russischen Sozialismus zurückgedrängt
 zu sein, die, wie etwa Akimow berichtet, verkündet hatten, daß
sie auch im Falle einer Wahlniederlage den Sozialismus durchführen
würden. Plechanow hatte sich gelegentlich zum Sprecher dieser Richtungen
 gemacht. ;
Es ist überhaupt zu beachten, daß man Lenin nicht als einen den
Parlamentarismus und alle parlamentarische Arbeit ablehnenden Syndikalisten
 betrachten darf. Er hatte vor dem Kriege die Richtung der
Otsowisten in der bolschewistischen Partei bekämpft, die eine Abberufung
der bolschewistischen Dumadeputierten ‚verlangte. Aber der Parlamentarismus
 erschien ihm nicht als eine Verwirklichung der Demokratie, SoOndern
 als ein bürgerliches Regime: Kann es eine wahre Gleichheit zwischen
Ausbeutern und Ausgebeuteten. geben, zwischen Besitzern und Besitzlosen?
 Schon seiner ganzen Parteiauffassung nach konnte er nicht zu
ihm jenes Verhältnis haben wie die vom Vorbilde der deutschen Sozialdemokratie
 bestimmten Menschewisten, Sein politischer Machtwille und
sein Glaube an den Marxismus ließen ihn sich nicht mit der Rolle des
Führers einer diskutierenden Partei im Systeme des bürgerlichen Parlamentarismus
 begnügen. Die demokratische Argumentation für den Parla-
        <pb n="315" />
        304

Anmerkungen,

mentarismus lehnte er ab im Namen der FEnthüllung des bürgerlichen
Charakters der parlamentarischen Demokratie. Das Parlament erschien
ihm also nur als Mittel zum Zweck, als Agitationsbegründung, als Werbestätte,
 als Gelegenheit, die innern Widersprüche des herrschenden SYystems
 zu enthüllen.
» Eine Schilderung der sich öffentlich vollziehenden Vorbereitungen
zum Oktoberputsch gibt Suchanow Bd. 7. Vgl. auch Trotzkis Zusammenstellung
 seiner Artikel, Aufrufe, Reden usw. aus dieser Zeit 1917,
Moskau 1924. Ferner die lehrreichen Erinnerungen des bolschewistischen
Offiziers Min-Schenewski, Ot fewralla k sachwatu wlasti, Leningrad 0. J.
die einen Einblick in die bolschewistenfreundliche Stimmung der Soldaten
gewähren. Eine Bibliographie der Publikationen über die Oktoberrevolution
 gibt Danischewski, Moskau 1926.
1 Vgl. die Erinnerungen Kerenskis an seinen Sturz in der Sammlung
seiner Aufsätze /sdaleka, Paris 1925, in denen gegen die Darstellung
Krasnows im Archiv Russkoi rewoljuci] polemisiert wird.
1 Siehe die Werke des von ihnen gestellten Justizkommissars Stelnberg:
 Warum wir gegen den Brester Frieden sind, Genf 1918; Ot Fewralla
po Oktjabr] 1917, Berlin 1920; Als ich Volkskommissar war, München
1929; Gewalt und Terror, Berlin 1931. Die linken Sozialrevolutionäre, die
von Frau Spiridonowa geführt wurden und denen ein Dichter wie Alexander
 Block nahestand, faßten die russische Revolution als einen Ausdruck
 elementarer Volksinstinkte. Sie waren Idealisten, die für die politische
 Taktik Lenins kein Verständnis hatten. Manche von ihnen schlossen
sich später der bolschewistischen Partei an, um dann wieder, wie der
Botschaftsrat an der Pariser Sowietbotschaft Bessedowski, von ihr abzufallen.

* Diese Einstellung zeigt sich deutlich in dem Verhalten der Nationalversammlung
 gegenüber, deren rasche Wahl die Bolschewisten von der
zögernden provisorischen Regierung verlangt hatten, um sie dann aber
bei ihrem Zusammentritt als längst überholte Angelegenheit verächtlich
abzutun. Aber es ist zu beachten, daß Lenin bereits in seinen Aprilthesen
1917 die Errichtung der Räterepublik verlangt hatte. Daher wendet sich
der heute Stalin nahestehende Parteibeamte Kaganowltsch in seiner
Schrift über die Räteselbstverwaltung Mestnoe sowetskoe samouprawlenie,
Moskau 1923, gegen die Behauptung, daß die Bolschewisten erst dann
sich gegen die Nationalversammlung gestellt haben, als der Wahlausfall
gegen sie entschied.
1 Über die Entstehung der bolschewistischen Partei unterrichtet die
bereits in der Anmerkung 16 zum 1. Teil genannte bolschewistische Dokumentensammlung
 Sch. Lewin-Tatarow I. Die Polemik mit den
Menschewisten in den Jahren 1903/04 faßt das bolschewistische Quellenbuch
 Kak roschdalas} partija bolschewikow, Leningrad 1925, zusammen.
Wie Jaroslawski in seiner Geschichte der kommunistischen Partei
der Sowjetunion, Hamburg 0o.J., 97f., betont, folgte zwar die Mehrheit
des Parteitages Lenin nicht bei der Formulierung des ersten Paragraphen
        <pb n="316" />
        Anmerkungen. 305

der Parteisatzung, in der seine Parteiauffassung sich deutlich zeigte, aber
das war insofern nebensächlich, als die Mehrheit sich für Lenin bei der
Wahl des Zentralkomitees entschied. So konnte Lenin mit seinem Gefolge
 die Grundlage für eine eigene Partei schaffen. Der dritte Parteitag
War ein rein bolschewistischer; alle späteren FEinigungsversuche zwischen
Menschewisten und Bolschewisten führten zu keinem dauernden Erfolg.
Trotzki war in allen organisatorischen Fragen ein scharfer Gegner
Lenins, dessen Verteidigung des revolutionären Marxismus gegen den
Sog. Ökonomismus er zunächst publizistisch unterstützt hat. Die sich aus
dieser Stellung ergebenden Polemiken, die mit größter Schärfe geführt
Wurden, nützte Stalin später im Kampie gegen Trotzki aus,
17 Siehe die von Stalin zur Diskreditierung seiner damaligen Gegner
veranlaßte Dokumentensammlung Partija protiw streikkbrecherstwa
Sinowjewa i Kamenewa, Moskau 1927.
8 Ve]. die bezeichnenden Schilderungen über die Umwälzungen In der
Justiz bei P. Stutschka, 13 Let borby sa rewoliuzionnoin marxistskulu
teorliu prawa, Moskau 1931, besonders S. 34.
1 Bine eingehende Schilderung der Frmordung Duchonins gibt Lydia
Bach, La revolution russe I, Paris 1930; über die Vorbereitung des
Vorgehens gegen das Hauptquartier Antonow-Owseenko, Sapiski 0
Kraschdanskoi woine, Bd. I, Moskau 1924.
2% Vgl]. die Charakteristik des Kulaken und die Gründe seines Aufstiegs
Nach der Revolution, Otto Schiller, Die Kollektivbewegung in der
Sowjetunion, Berlin 1931, 29f. Über die Dorfdifferenzierung siehe Krizman,
 Klassowole rassloenie sowjetskoi derewni, Moskau 1926, und Gaister,
Rassloenie sowjetskol derewni, Moskau 1928,
21 (Jber die Entwicklung in der Stellungnahme zur Gesetzgebung des
alten Regimes vgl. Stutschka a. a. O0. Seite 229 ist das berühmte Dekret
Vom 24. November 1917 abgedruckt, das die alten Gerichte und die alte
Justizorganisation abschaffte, Hier wird festgestellt, daß die Gesetze der
gestürzten Regierung nur so weit befolgt werden dürfen, als sie von der
Revolution nicht abgeschafft sind und nicht dem revolutionären Rechtsbewußtsein
 widersprechen. Bereits 1918 wurde aber überhaupt ijede
Bezugnahme auf vorrevolutionäre Gesetze verboten.
22 Zahlreiche Beispiele in Sistematitscheskit sbornik waschnelschich
dekretow, Moskau 1920.
28 Die Zahlen sind dem Werke von Lydia Bach a. a. 0. entnommen.
Einen eindrucksvollen Bericht über die einzige Sitzung der Nationalversammlung
 und’ ihr Ende geben die Erinnerungen des linken Sozialrevolutionärs
 Mstislawski, Pjat] dnei, Berlin 1922.
% Bine Geschichte der Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk gibt
D. Lewin, Okt]abrskaja rewoliucija i Brestski] Mir, Moskau 1930. Vgl.
Trotzki, Ot oktjabrskoi rewoliueii do Brestskogo Mira, Charkow 1924.
Lenins Kämpfe um den Frieden von Brest-Litowsk sind in den Artikeln und
Dokumenten in Bd. XXII der russischen Ausgabe seiner Werke, Moskau
90

Qurian. Dear Bolschewismus
        <pb n="317" />
        306

Anmerkungen,

1929, zu verfolgen. Besonders wichtig sind die Thesen über den Friedensschluß
 193 ff. In den Anmerkungen zu diesem Bande werden die innern
Parteikämpfe eingehend dargestellt. ,
Nicht nur die sog. Linkskommunisten (vgl. über sie Sorin, Partija *
opposizija, Moskau 1925) unter Führung von Bucharin und Radek bekämpften
 den Abschluß des annexionistischen Friedens mit dem imperialistischen
 Deutschland, auch Trotzki hoffte, durch seine Formel „Weder
Krieg noch Frieden“ die notwendige Zeit gewonnen zu. haben, um den
Ausbruch der deutschen Revolution abzuwarten. Lenin dagegen glaubte
nicht an den sofortigen Ausbruch der deutschen Revolution; er betonte
in der These 15, daß die Bauernmehrheit der russischen Armee sich
unbedingt für den Abschluß des Friedens aussprechen und den revolutionären
 Krieg ablehnen würde, in der These 17, daß die Eröffnung des
revolutionären Krieges nur zu einem Sturz der russischen sozialistischen
Regierung führen würde, Die These 20 lautet: „Dadurch, daß wir den
Separatfrieden schließen, befreien wir uns in dem augenblicklich größtmöglichen
 Maße von den beiden feindlichen imperialistischen Gruppen;
wir nützen ihre Feindschaft und ihren Krieg aus, die eine Einigung gegen
uns erschweren; wir nützen das aus und erhalten dadurch eine bestimmte
Zeit der Freiheit, um die sozialistische Revolution fortzusetzen und zu
befestigen. Die Neuorganisierung Rußlands auf der Grundlage der Diktatur
 des Proletariats, auf der Grundlage der Nationalisierung der Banken
und der Großindustrie bei einem naturalwirtschaftlichen Produktionsaustausch
 der Stadt mit dörflichen Verbrauchergesellschaften kleiner
Bauern ist ökonomisch völlig möglich für den Fall, daß einige Monate
friedliche Arbeit gesichert wird. Eine solche Neuorganisierung wird den
Sozialismus in Rußland und in der ganzen Welt unbezwingbar machen
und zugleich eine feste wirtschaftliche Basis für eine mächtige große
Armee aus Arbeitern und Bauern schaffen.“
Wenn im Artikel „Brest“ der großen boschewistischen Enzyklopädie
Lenins Haltung als vorbildlich bezeichnet wird für die bolschewistische
Diplomatie in der sog. Übergangszeit, in der der proletarische Staat in
eine kapitalistische Umwelt hineingestellt ist, so gilt das ganz besonders
für die 20. These. Man muß natürlich, um ihre politische Bedeutung zu
erfassen, von der falschen Einschätzung der sog. Temposchwierigkeiten
durch Lenin absehen. Lenin glaubte, wie diese These beweist, an eine
schnelle Organisation des neuen Staates und die rasche Einführung einer
neuen Wirtschaftsordnung. Entscheidend ist die Vorstellung, daß es gilt,
Zeit zu gewinnen, um die bolschewistische Macht in Rußland zu behaupten
und Rußland politisch und wirtschaftlich völlig unabhängig zu machen.
Dabei müssen die innern Gegensätze der imperialistisch-kapitalistischen
Gegenspieler ausgenützt werden. Aber diese friedliche Aufbaupolitik
wartet doch noch auf den Moment der Entfesselung einer Revolution. Das
Wachstum des Sozialismus in einem Lande soll der Revolution dienen.
Vorzeitige Abenteuer, wie es etwa der Krieg im Jahre 1918 gewesen
wäre, würden nur der Weltrevolution schaden.
        <pb n="318" />
        Anmerkungen. 307

Lenins Verhalten im Kampfe um den Frieden von Brest-Litowsk festigte
Seine Autorität in der Partei. Von hier aus datiert auch sein Vorgehen
gegen einen Linkskommunismus, dessen kühne und utopische Projekte
ihm nur als Ausdruck mangelnden Wirklichkeitssinnes und pseudorevolutionären
 Kleinbürgertums erschienen.
Über den Aufbau der Roten Armee vgl. L. Trotzki, Materialy i doku-Mmenty
 po istorli krasnoi armii 2 Bde., Moskau 1923/24, und B. Tall,
Isforija krasnoi armii, Moskau 1928.
25 Das Dekret über die Verhaftung der Kadettenführer als Führer des
Segenrevolutionären Bürgerkrieges vom 28. November 1917 wird in der
Sigenhändigen Niederschrift Lenins im XXM. Bande seiner Werke (rus-Sische
 Ausgabe) wiedergegeben.
26 Siehe bei Krylenko a. a. O. die Anklagerede, die zum Verbote
der linksliberalen Russkiia Wedomosti führte.
, 27 Das grundlegende Werk über die bolschewistische Staatsauffassung
ist Lenins berühmte Arbeit von 1917: „Der Staat und die Revolution.“
 Eine populäre Darstellung gibt Berman, Osnownye woprosy teoril
Proletarskogo gosudarstwa, Moskau 1924. Sehr einflußreich. auf die bol-Schewistische
 Praxis ist das Werk von Stutschka, Utschenie 0 g0sudarstwe
 (zuerst 1919). Vgl. auch Magerowski, Gosudarstwennaia wlast}
i gosudarstwennyi apparat, Moskau 1924, und das Sammelwerk Paschu-AS,
 Chrestomatija po gosudarstwennomu ustroistwu S. S. S. R., Moskau
28,
Von nichtbolschewistischen Darstellungen sei erwähnt die auf dem
Standpunkt der reinen Rechtslehre stehende Arbeit von Mirkin-Geze-Witsch,
 Die rechtstheoretischen Grundlagen des Sowietstaates, Leipzig-Wien
 1929. — Sehr beachtlich auch als Darlegung der Grundlagen des
gesamten Regimes (nicht nur des Staates) Essen, Puti stroitestva
S.S.$.R., Moskau 1929.
28 Lenin hat immer wieder betont, daß die Bolschewisten im Unter-Schied
 von den Anarchisten den Staat als Mittel zur Herstellung einer
Neuen Gesellschaftsordnung benützen. In dieser neuen Gesellschaftsordhung
 allerdings wird der Staat überflüssig werden. Die Staatsfunktionen
Werden stets einfacher, bis sie sich eben in der Wirtschaftsordnung und
«regulierung erschöpfen. Von diesen grundsätzlichen Anschauungen aus
muß man die bolschewistischen Äußerungen betrachten, die etwa in der
Planbehörde und dem Volkswirtschaftsrat die entscheidende Einrichtung
Sehen, welche sich immer mehr und mehr entwickeln werden. Besonders
klar kommt die bolschewistische Staatsauffassung bei Magerowski zum
Ausdruck. Auf S. 5 weist er auf eine Feststellung Bucharins hin, der der
Zweiten Internationale Unterschätzung des Staates vorwirft.
29 Durch Carl Schmitts „Hüter der Verfassung“, Tübingen 1931,
ist der in der fascistischen Literatur vorkommende Begriff des totalen
Staates auch in Deutschland aktuell geworden. Carl Schmitt betrachtet
es als ein grundliegendes Kennzeichen des totalen Staates, daß in ihm die
Ol) #
        <pb n="319" />
        308

Anmerkungen.

Unterscheidung des 19. Jahrhunderts zwischen Staat und Gesellschaft
wegfällt. Da ist es bezeichnend, wenn Magerowski auf S. 154 vom
bolschewistischen Staate bemerkt: „Bei uns verwandelt sich der App?“
rat, der früher privatwirtschaitlich war, in einen Staatsapparat.“ Der
Inhalt des bolschewistischen totalen Staates ist allerdings wirtschaftlich
bestimmt, so daß er zum Schlusse eine totale Gesellschaft, deren Wirtschaftsfunktionen
 alles Politische überflüssig machen, werden soll. Aber
diese Entwicklung vollzieht sich faktisch durch ständige Eingriffe und
Erweiterungen des Staatsapparates, Da der totale Staat des Bolschewismus
 auf einer eigenen geschichtsphilosophischen Doktrin beruht, kann er
nicht, wie der fascistische, bestimmte Daseinsbezirke, etwa die Religiol,
in ihren inhaltlichen Bestimmungen außerhalb seines MachtbereicheSs
lassen. Seine Totalitätsansprüche äußern sich auch darin, daß sie die
Religion, wie alles nicht von seinen Doktrinen bestimmte Leben, allmählich
überflüssig machen wollen.
3% Von deutsch erschienenen Arbeiten über die Verfassung der
Sowjetunion seien genannt: Timaschew, Grundzüge des sowietrussischen
 Staatsrechts, Mannheim 1925 (der Bedeutung der kommunistischen
 Partei wird eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet), und
N. N. Alexejew, Die Entwicklung des russischen Staates in den Jahren
1923/25: Jahrbuch des öffentlichen Rechts Bd. XIV, 1926. Timaschew und
Alexejew sind Emigranten. Von bolschewistischen Arbeiten seien genannt:
Gurwitsch, Osnowy Sowetskei konstitucii, Moskau 1930; E. A. Engel,
Osnowy Sowetskoi konstitucii, Moskau 1923; Magerowski, Sojus
sowetskich socialistitscheskich respublik, Moskau 1923; Malickt, Sowetskoe
gosudarstwennoe prawo, Charkow 1926. Bemerkenswert ist die Spezialarbeit
 über das Wahlrecht von Brodowitsch, Sowetskoe isbirateljnoe
prawo, Leningrad 1925. Auf S. 128 wird betont, daß die kommunistische
Partei alle gesellschaftliche Aktivität vereinheitliche. Die Parteiorganisationen
 sind mit einem gigantischen Hebel zu vergleichen, der die zahllose
Masse der Werktätigen in Bewegung bringt; sie bilden den Grundkern
aller gesellschaftlichen und aller Staatsorgane. Mit Recht wird hervorgehoben,
 daß das Wahlrecht für die Räte nicht mit einem demokratischparlamentarischen
 verglichen werden kann, da nur eine Partei existiere.
Brodowitsch hebt auch die Existenz des Werktätigenzensus und die
Privilegien für das Industrieproletariat hervor. Die Bestimmung des
wahlberechtigten Werktätigen kann der Innenpolitik der Räteregierung
eine gewisse Elastizität verleihen. Denn in Zeiten des Rückzuges können
praktisch auch Kulaken usw. als Werktätige definiert werden.
31 Die Peststellung bei Djablo, Sudebnoja ochrana konstitucii, Moskau
1928, ist bemerkenswert, daß nur der ukrainische Bundesstaat sich um
die sorgfältige Beachtung der Bundesverfassung kümmert. Von 33 Verfassungsbeschwerden
 in den Jahren 1925/26 gingen nicht weniger als 27
von der Ukraine aus. — Über Föderalismus in der Sowjetunion unterrichtet
 als Materialsammlung Reichel, Sowetskit federalism, Moskau 1930.
Einen lehrreichen Einblick in die Kämpie gegen den großrussischen
        <pb n="320" />
        Anmerkungen.

309

Chauvinismus und gegen die Versuche, die Befreiung der eigenen Nation
über die proletarische Gemeinsamkeit zu stellen, bringt das gegen innerkommunistische
 ukrainische Häresien gerichtete Werk von Girtschak,
Na dwa fronta, Moskau }930.
32 Vgl. den auf S. 241 abgedruckten Brief Lenins an den Justizkommis-Sar
 Kurski. Das Problem des Terrorismus führte zu den Polemiken
Lenins und Trotzkis mit Kautsky. (Trotzki, Terrorismus und Kommu-Nismus,
 und Lenin, Die proletarische Revolution und der Renegat
Kautsky.)
35 Vgl. H. Freund, Strafgesetzbuch Sowjetrußlands, Mannheim 1925,
70i, Ferner Krylenko, Vorwort zu Sa plat] Het, Moskau 1923. Die
Umbenennung der Tscheka in GPU hat keine wesentlichen Änderungen
gebracht. Die Regulierung des politischen Terrors bleibt eine reine
Zweckmäßigkeitsirage.
% Diese Definition ist entnommen dem Werke Kurs Sowjetskogo
Graschdanskogo Prawa Bd. 1, Moskau 1927.
% Im Folgenden wird das Strafgesetzbuch von 1922 benützt, das heute
geltende von 1926 ist bei aller Zurücknahme von Konzessionen an den
NEP-Geist in seinen Grundlagen mit dem von 1922 identisch. Über die
Entwicklung des Sowjetrechtes vgl. das bereits erwähnte Werk von
Stutschka, 13 let, Moskau 1931. Eine deutsche Ausgabe des Strafgesetzbuches
 von 1922 gab Freunda, a. O. heraus; das Strafgesetzbuch von
1926 deutsch von Gollas, Berlin 1931. Über die Grundlagen des Straf-Techtes
 siehe A. Piontkowski, Ugolownoe Prawo, Moskau 0. J.; charaktetistisch
 ist auch der Aufsatz von Krylenko, Osnowy Peresmotra ugonoWnogo
 kaodeksa RSFSR in der Zeitschrift Rewoliuchja prawa 1929, Heit 1
und 2. Hier heißt es auf S. 93 im Anschluß an die 1919 formulierten
Grundprinzipien: Das grundlegende Ziel ist der Schutz der Interessen
der herrschenden Klasse im proletarischen Staat vor Handlungen, die
unmittelbar die Ordnung untergraben, weiche das Proletariat für die
Übergangszeit festgelegt hat. Auf S. 113 wird die liberale Theorie abgelehnt,
 daß jeder nur für begangene Verbrechen abgeurteilt werden
könne. Auch wird der Unterschied zwischen „Erledigung“ vor Gerichten
oder außerhalb von Gerichten — also GPU — abgelehnt. Sehr scharf
wird auch die Notwendigkeit der Repression, um abzuschrecken, betont.
Der von mir angewandte Unterschied zwischen den ordentlichen Gerichten
 und der GPU entspricht also nicht der bolschewistischen An-Schauung.

Frwähnt seien noch das von Magerowski herausgegebene Sammelwerk
Osnowy sowetskogo Drava, Moskau 1929, und Paschukanis, Allgemeine
Rechtslehre und Marxismus, Wien-Berlin 1929-a
 Krylenko a. a. O. im Vorwort.
87 Siehe die Anklagerede von Krylenko in der Sammlung Sudebnye
retschi 1922/30, Moskau 1931.
38 Gesetzestext mit Kommentar Gidul]janow, Kodeks Sakonow 0 brake,
Leningrad 1927. Auf S. 4 wird eine Äußerung des Justizkommissars
        <pb n="321" />
        310

Anmerkungen.

Kurski zitiert: „Es wird eine Zeit kommen, in der wir die Registrierung
in allen Beziehungen mit der praktischen Ehe gleichsetzen oder völlig
beseitigen werden. Die Registrierung wird diese Erscheinung des Zusammenlebens
 von Mann und Frau nur statistisch feststellen, solange ihre
Feststellung überhaupt notwendig sein wird.“ Ein Teil der Diskussionen
die die Einführung des neuen Eherechtes hervorrief, ist gesammelt als
Sbornik Statei i materialow po bratschnomu i semeinomu prawu, Moskau
1926. (Vgl. die Zitate auf S. 282—288.) Von Darstellungen der Grundlagen
 des bolschewistischen Eherechts im bolschewistischen Sinne seien
genannt: Werchowskoi, Nowye formy braka i semja, Leningrad 1925;
Goichbarg, Bratschnoe prawo, Moskau 1920 (hier wird gegen die in
Westeuropa herrschende Ehegesetzgebung der Vorwurf erhoben, daß sie
nicht gewagt habe, den Bruch mit der religiösen Eheauffassung konsequent
durchzuführen), und Goichbarg, Srawniteljnoe semeinoe prawo, Moskau
1927 (S. 176f. das Sowjetrecht).
Die bürgerliche Eheschließung wurde von den Bolschewisten am 18. Dezember
 1917, die Ehescheidung am 19. Dezember 1917 eingeführt. Lenins
Anschauung über die Ehefragen kommt in einer Rede auf dem 1. Allrussischen
 Arbeiterinnenkongreß vom 19. November 1918 klar zum Ausdruck
 (Bd. XXI der russischen Werke S. 285). Lenin feiert die Freiheit
der Ehelösung, die den Scheidungsprozeß beseitigt habe, die Aufhebung
des Unterschiedes in der Lage des ehelichen und unehelichen Kindes: er
betrachtet die bolschewistische Ehegesetzgebung als Beseitigung der
Rechtlosigkeit der Frau. Im Dorfe herrsche leider noch infolge des
Priestereinflusses die kirchliche Ehe vor. Man muß dagegen kämpfen,
aber man müsse beachten, daß man gegen religiöse Vorurteile sehr vorsichtig
 vorzugehen habe. Viel Schaden bringen die, welche diesen Kampf
durch Beleidigung des religiösen Gefühles führen! Man müsse diesen
Kampf mit Hilfe der Aufklärung führen.
* Vgl. das Werk von Krassilinikian, Russische Erfahrungen mit
der Freigabe der Abtreibungen, Berlin 1930. Leider begnügt sich dieses
Werk mit der Beschreibung der tatsächlichen Folgen des die soziale
Indikation in Krankenanstalten unter Berufung auf die wirtschaftliche
Notlage infolge des Bürgerkrieges und traditionelle Vorurteile freigebenden
 Dekretes vom 18. November 1920. Eine prinzipielle Darlegung der
bolschewistischen Stellung zur Bevölkerungspolitik fehlt. Die Bolschewisten
 betrachten die Abtreibung als Ausdruck einer ungerechten Gesellschaftsordnung.
 In der neuen sozialistischen Gesellschaft würde sie
wegen des vorhandenen Überflusses wegfallen. Wenn heute die Abtreibung
 immer mehr erschwert wird, so geschieht das nicht auf Grund
ethischer Erwägungen, sondern auf Grund hygienischer Argumente.
‘0 Siehe die Vorrede Kurskis zum Sbornik a. a. O., in der er sich
gegen die utopischen Vorstellungen derer wendet, die bereits heute dem
Staate die Kindererziehung übertragen wollen und damit alle individuellen
Rechte in Ehe- und Familienfragen verneinen. Man kann diese Ansicht,
so meint Kurski, aus praktischen Gründen nicht zur Grundlage einer
        <pb n="322" />
        Anmerkuugen,

311

Gesetzgebung für die Übergangszeit machen. Aber auch er stellt eine
gesellschaftliche Entwicklung für die Zukunft in Aussicht, in der der
Staat die Sorge für die Kinder und das heranwachsende Geschlecht auf
Sich nehmen werde, In der jüngsten Zeit haben sich allerdings bolschewistische
 Stimmen erhoben, die unter Berufung auf natürliche, psychologische
 Gesetze sich für die Erziehung durch die Mutter aussprachen und
damit das Ideal der familienlosen Kindererziehung durch gesellschaftliche
Einrichtungen als unwirklich ablehnten.
41 Bine Sammlung der verschiedenen Gesetze, Erlasse usw. über die
Trennung der Kirche vom Staat, die Behandlung der Priester USW. enthält
 Giduljanow, Otdelenie zerkwi ot gosudarstwa w S.S.S. R., Lenin-Krad
 1926.
42 Über die verschiedenen Methoden des antireligiösen Kampfes vgl.
das Werk von Jaroslawski, Na antireligiosnom fronte, Moskau 1925.
Jaroslawski ist auch unter Stalin der Führer der amtlichen antireligiösen
Propaganda geblieben. Unter den „wissenschaftlichen‘“ Bekämpfern der
Religion ist es häufig zu Meinungsverschiedenheiten über die richtigen
antireligiösen Argumente gekommen. Gegen die zeitweise sehr moderne
sog. Mythenschule, welche die Religion, das Christentum, dem Beispiele
von Drews folgend, als Übertragungen von Sternenmythen in die Geschichte
 hinzustellen und zu erledigen sucht, die also die Existenz Christi
leugnet, wurde von den Vertretern der Generallinie der Vorwurf erhoben,
daß sie sich zu sehr von den sozialen Gegebenheiten der Gegenwart entferne,
 die Aufdeckung. der S08. sozialen Wurzeln der Religion, ihres
klassenbedingten Charakters USW. vernachlässige. Zahlreiche antireligiöse
Schriften werden publiziert, von umfangreichen Werken gegen die Existenz
Christi bis zu populären Broschüren, die Anweisungen für die antireligiöse
 Propaganda unter bestimmten sozialen und nationalen Schichten
geben. Nur ein Beispiel für das Niveau dieser Literatur: In der für die
antireligiöse Propaganda unter den Mohammedanerinnen bestimmten
Schrift von Gali Ibragimow, Moskau 1928, heißt es auf S. 62, daß die
Religion gegen die Medizin eingestellt ist. Als Beweis werden mohammedanische
 Gebräuche wie die Beschneidung, Sandabreibungen USW. aNgeführt.
 Die antireligiöse Literatur sucht nachzuweisen, daß wirtschaftlicher
 Fortschritt, Aufklärung, Wissensvermehrung und Religion einander
ausschließen, daß die Religion wissenschaftlich widerlegt ist, daß sie nur
ein Werkzeug Zur Erhaltung der Massenausbeutung darstelle usw. Diese
Argumente wiederholen sich in monotoner Eintönigkeit. Beispiele werden
 auf S. 265—281 angeführt. Es gibt auch eigene antireligiöse Zeitschriften;
 außer dem ZUr Massenverbreitung bestimmten Besboschnik
(Gottlosen) seien die beiden sich als wissenschaftlich bezeichnenden
Organe des Zentralrates det Gottlosen genannt: Antireligiosnik und
Woinstwuiuschi] Ateism. In diesen Publikationen findet man Übersichten
über die antireligiöse Arbeit und die antireligiöse Literatur, Der. „Antireligiosnik“
 ist mehr organisatorisch interessiert.
Ursprünglich wurden die Sekten von den Bolschewisten in gewisser
        <pb n="323" />
        312

Anmerkungen,

Weise wegen ihres Gegensatzes zur Staatskirche begünstigt. Heute wird
ihrer Bekämpfung, da es ihnen gelungen ist, ihren Einfluß zu steigern,
besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Vgl. z. B. Iwanowskl, Sektantswo
} boriba s nim, Charkow 1930.
1 Vgl. Jaroslawski a. a. O0. 171£. In diesem Aufrufe, die Behauptung
zu widerlegen, daß geweihtes Wasser ebenso beschaffen sei wie anderes
Wasser, heißt es: „Wir sind bereit, nachzuweisen, daß die Sterblichkeit
und die Krankheiten bei den getauften Kindern nicht nur nicht geringer
sind, sondern da, wo unwissende Popen taufen, wo die Taufbecken unsauber
 gehalten werden und wo der Pope selber sich nicht genügend um
Sauberkeit kümmert, gerade das Taufbecken die Quelle von Krankheiten
und Ansteckung bildet.“ Weiter heißt es, es sel falsch, wenn die Kirchenvertreter
 nachzuweisen suchen, daß Wissenschaft und Glaube in allem
miteinander übereinstimmen. „Wir wollen durch Erfahrung das Gegenteil
nachweisen.“

Dritter Teil. Die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik
des Bolschewismus.

ı v.Eckardt, Rußland, Leipzig 1930. Man muß allerdings beachten,
daß die Behauptung v. Eckardts nur in einem ganz bestimmten Sinne zu
verstehen ist. Man kann selbstverständlich nicht sagen, daß das heutige
Rußland sich dem heutigen kapitalistischen Gesellschaftssystem, das
auf der Existenz von Unternehmern basiert, annähert. Die Übernahme
moderner kapitalistischer Methoden vollzieht sich gemeinsam mit dem
Versuche, ohne die Unternehmer auszukommen, Funktionen der Unterhehmer
 planwirtschaftlichen Organen, einer bestimmten politischen Gruppe
der kommunistischen Partei usw. zu übertragen.
* Man muß auch beachten, daß Lenin der bolschewistischen Revolution
die Aufgabe zuschrieb, in einem möglichst schnellen Tempo die bürgerliche
 Revolution zu vollenden, Rußland von den noch vorhandenen Bindungen
 an den Feudalismus zu befreien.
* Die Idee der Arbeiterkontrolle wird heute selbst von so begeisterten
Anhängern des Kriegskommunismus wie Krizman als utopisch hingestellt,
 Immerhin findet sie noch bolschewistische Verteidiger, z. B.
Kwiring, Otscherkit raswitija promyschlennost! S.S.S, R., Moskau 1929,
14f. Lenin betrachtete sie als Erziehungsmaßnahme, als Beginn des
Wirtschaftsumbaues von unten.
* Vgl. die bekannten Reden von Lenin, Die nächsten Aufgaben der
Sowjetmacht, Berlin 1919, und von Trotzki, Arbeit, Disziplin und
Ordnung werden die sozialistische Sowjetrepublik retten, Berlin 1919.
Bolschewistische Autoren betonen heute, daß Lenin von Anfang an an
eine Wirtschaftspolitik in der Art der späteren neuen ökonomischen
Politik gedacht habe. Er wäre bereit gewesen, mit kapitalistischen Trusts
zu kooperieren unter Beibehaltung des politischen Systems der Diktatur
des Proletariats. Aber das erwies sich als praktisch undurchführbar, weil
        <pb n="324" />
        Anmerkungen.

313

der politische Druck gegen die Bourgeoisie, die technische Intelligenz usW.
Zu stark war, um es ihr zu gestatten, sich freiwillig in den Dienst des
Neuen Systems zu stellen, wie Lenin es gehofft hatte. Lenin hatte also,
Wie auch Magerowski a. a. O. zugibt, trotz allem die Notwendigkeit der
völligen Umstellung des Staats- und Gesellschaftsapparates unterschätzt.
5 Eine Übersicht über Geschichte und Entwicklung der russischen
Gewerkschaften gibt die Chrestomatie Hessen-Gerschenson, Chrestomatija
DO istorii rabotschego klassa | profdwischenija, 2 Bde., Leningrad 1925.
Überblick über die Entwicklung seit 1917 bei Essen a, a. 0. 231 f. — Die
Gewerkschaften gelten wie die Genossenschaften als Verbindungsstellen
der Partei zu den partellosen Massen. Daher lehnt Lenin ihre von Trotzki
geforderte Verwandlung in Staatsorgane ab. Die Führung der Wirtschafts-Politik
 ist in Händen der Partei, nicht der Gewerkschaften. Sie sollen nur
die Arbeiterinteressen vertreten. Als erster Überblick geeignet Tom ski
Der gegenwärtige Stand der Gewerkschaftsbewegung in Rußland, Berlin
1923; Gewerkschaften während der NEP siehe Tomski, Statji 1 retschl
VI, Moskau 1928. Neueste Entwicklung: Tomski, Wsegda s massami,
Moskau 1929. Tomski ist als Mann der „Rechten“ von Stalin aus der
Gewerkschaftsführung verdrängt worden. — Vgl. auch die Gewerkschaftsbewegzung
 in Rußland, Intern. Arbeitsamt, Genf 1927.
8 Dieses Projekt wurde am 7./10. Januar 1918 entworfen (Russische
Werke Bd. XXI, S. 168 {.). Lenin gab diese Projekte allerdings bald auf.
Er machte den Versuch, die Wirtschaft mit Hilfe der von der Diktatur
des Proletariats kontrollierten Bourgeolsie und ihrer Spezialisten wieder
in Gang zu setzen — ein Versuch, der infolge der Unmöglichkeit für die
Bourgeoisie, weiter an ihren Betrieben und Unternehmungen unter den
herrschenden Verhältnissen festzuhalten und an der dadurch bedingten
Verschärfung des politischen Widerstandes (Organisation der Bürgerkriege)
 scheiterte. Die Linkskommunisten hielten an den ursprünglichen
radikalen Plänen fest, ohne wie Lenin aus den konkreten politischen und
Sozialen Verhältnissen lernen zu wollen. Das Vorliegen der radikalen
Projekte beweist. daß die Frage, ob Lenin an eine Einführung des Sozialismus
 binnen kurzer Zeit gedacht habe, oder ob er mit der Sozialisierung
noch lange hätte warten wollen, nicht eindeutig zu beantworten ist.
7 Schon damals setzte sich Lenin für Akkordlöhne USW. ein. Die populäre
 Vorstellung von der holschewistischen Lohngleichheit ist völlig falsch.
So wird der Lohn nach Leistung (sdelnaja plata, heute sdelschina)
und ein Prämiensystem bereits auf dem Gewerkschaftskongreß von 1919
verlangt. (Vgl. Essen a. 3. O. 224.) Allerdings macht sich aus politischen
Gründen immer wieder die Nelgung bemerkbar, die Arbeiterlöhne im
Verhältnis zu den Ingenieurverhältnissen stark zu steigern.
s So führt Dobb a. a. 0. die bolschewistische Behauptung an, daß die
Sozialisierung dekretiert worden sei, um deutschen Eingriffen zuvorzukommen.
 Ebenso natürlich der auf dem Standpunkt der Generallinie
stehende Kwiring a. a. O0. 23.
® Vgl. auch den inhaltreichen Artikel von H. Großmann über Bol-
        <pb n="325" />
        314

Anmerkungen.

schewismus in Elsters Wörterbuch der Volkswirtschaftslehre, Jena 1931.
— Heute herrscht in bolschewistischen Kreisen die These vor, daß die
NEP den notwendigen Weg zum Sozialismus bedeute. Gegenüber Kritikern
 der NEP-Politik wird der Beweis geführt, daB gerade in dieser
Periode der Anteil des Privatkapitalismus an der Gesamtwirtschaft
zurückgegangen sel. Die vom Staat geleiteten Bezirke der Wirtschaft
hätten sich nicht nur absolut, sondern auch relativ gut entwickelt usW-Man
 beruft sich dabei, um den Kriegskommunismus als eine rein taktischpolitische
 Angelegenheit hinzustellen, auch auf Äußerungen Lenins aus
der NEP-Zeit. Demgegenüber muß aber immer wieder festgestellt werden,
daß verschiedene Maßnahmen des Kriegskommunismus nicht als Notangelegenheit
 abgetan werden können. Wäre das wirklich der Fall, so
hätten sich ja nicht ernste Diskussionen um die Einführung des NEP in
der Partei ergeben.
0 Vgl, GC. Sinowiew, Zwölf Tage In Deutschland, Hamburg 1921.
u Vg]. Haensel, Das Steuersystem Sowjetrußlands, Berlin 1928, und
Pollock a. a. O. 73£.
13 Siehe Lenins Schrift von 1917: Die drohende Katastrophe und wie
soll man sie bekämpfen? deutsch Berlin-Wien 1920, in der er u. a. sein
Wirtschaftsprogramm entwickelt: Nationalisierung der Banken, Nationalisierung
 der Syndikate, Abschaffung des Geschäftsgeheimnisses, ZwangSsyndizierung,
 zwangsweise Schaffung von Verbrauchergenossenschaften
{selbst in Deutschland sei ja die Brotkarte von den herrschenden Gruppen
umgangen worden!) ; Larin hat ein aus Artikeln der Kriegszeit zusammengestelltes
 Werk über die deutsche Kriegswirtschaft veröffentlicht:
Gosudarstwennyi kapitalism voennago vremeni w Germanii, Moskau 1928.
13 Außer den bereits genannten Werken von Krizman sei noch als
Darstellung des Kriegskommunismus genannt: Larin und Krizman,
Wirtschaftsleben und wirtschaftlicher Aufbau in Sowjetrußland 1917 bis
1920, Berlin 1921; von allgemeinen Darstellungen der Wirtschaftsgeschichte
 Müliutin, Istoria ekonomitscheskagzo raswitia S.S.S.R. 1917/27,
Moskau 1928. Vgl. auch Miliutin, Die Organisation der Volkswirtschaft
 in Sowjetrußland, Berlin 1921. Theoretische Deutungen: Buch arin,
 Ökonomik der Transformationsperiode, Hamburg 1922; Miliutin,
Novyi period mirowoi ekonomiki, Moskau 1926; Varga, Die wirtschaftspolitischen
 Probleme der proletarischen Diktatur, Hamburg 1921.
Wie immer gibt die beste Einführung die Lektüre der Bände von Lenins
Werken, in denen seine Artikel, Broschüren, Reden und Werke zusammengestellt
 sind (Band XXI f. der russischen Ausgabe). Alle Werke, die sich
mit dem heutigen Stande der Wirtschaft in Rußland beschäftigen oder
Gesamtüberblicke über die Entwicklung geben, enthalten natürlich mindestens
 Bemerkungen über den Kriegskommunismus. Interessante Einzelheiten
 über die Lage in der Endzeit des Kriegskommunismus findet man
bei Schirmunski, Tschastnyi torgowyi kapital w narodnom choseistwe
S.S.S.R., Moskau 1927, 37f. In der Periode des Kriegskommunismus
war das Privatkapital am Warenaustausch mit mehr als 50% beteiligt.
        <pb n="326" />
        Anmerkungen, 315

Die Versorgung der Bauern mit Fabrikaten beitrug 13° der Versorgung
von 1912. 1920 war die Industrieproduktion auf 24%/0, die landwirtschaftliche
 auf 84%/o der Vorkriegszeit gesunken, Über die Langsamkeit, mit
der die Sozialisierung während des Kriegskommunismus durchgeführt
wurde, siehe Kwiring a. a. O0. 1724.
4 Zur allerersten Einführung geeignet: 5 arabianow, Neue ökonomMische
 Politik, Berlin 0. J.; Zusammenstellung der die NEP begründenden
Gesetze: Die neue Sowietgesetzgebung, Berlin 1922. Lenins Arbeiten von
der Einführung der Neuen ökonomischen Politik bis zum Ausscheiden aus
der Öffentlichkeit umfassen die beiden Bände XXVI und XXVIT der russischen
 Ausgabe. Aus diesen Schriften deutsch: Die Vorbedingungen und
die Bedeutung der neuen ökonomischen Politik Sowietrußlands, Leipzig
1928. Über den Stand der Industrie im Jahre 1925 unterrichtet der
materialreiche Bericht des GPU-Leiters und damaligen Vorsitzenden des
Volkswirtschaftsrates Dscherschinski, Promyschlenost] S. S.S.R., Moskau
 1925. Aus der zahlreichen Spezialliteratur sei außer Kwiring noch das
Sammelwerk von Miliutin-Swiderskl, Na putjach socialistitscheskogo
stroiteljstwa, Moskau 1923, hervorgehoben. Umiassende Literaturangaben
bei Pollock und Dobb.
Finen guten Einblick in die innere Struktur der Neuen ökonomischen
Politik gibt das Werk von Larin, Tschastnyl kapital w S.S.S.R., Moskau
1927. Larin unterscheidet drei Epochen in der Neuen ökonomischen
Politik: 1921/23 Erneuerung des privatkapitalistischen Finflusses; 1924/26
erfolgreiche Wiedererreichung der Produktionsziffern; seit 1927 Vordringen
 des staatlichen Einflusses, der Planwirtschaft usW. Sehr beachtenswert
 ist Larins Schilderung der verschiedenen Methoden, mit
denen der Privatunternehmer das zum Betriebe notwendige Kapital sich
erwarb. Alle diese Methoden sind illegal, müssen aber angewandt werden,
da das durch die Zeit des Kriegskommunismus durchgerettete Kapital
sehr gering ist. Privatunternehmer treten als Agenten staatlicher Stellen
auf; sie schalten sich als Zwischenhändler in die Geschäfte staatlicher
Stellen ein, sie nützen Vorschüsse aus USW. Bemerkenswert Ist ferner die
Organisation von Scheingenossenschaften, da das die Betriebsführung
für den Privatkapitalismus erst rentabel macht; dabei bilden sich bestimmte
 Formen der Heimarbeitsorganisation heraus, die symptomatisch
dafür sind, daß die industrielle Produktion den Bedarf nicht befriedigt,
zu teuer ist USW. .
Das Grundproblem der neuen ökonomischen Politik ist das sog. Bündnis
(smytschka) des durch die kommunistische Partei vertretenen Proletariats
 mit der Bauernschaft. Dabei muß dieses Bündnis der Doktrin
nach so gehandhabt werden, daß es nicht den Großbauern zugute kommt.
Die Industrie, die in Staatshänden ist, ist in ihrem Absatz auf die Bauernschaft
 angewiesen. Eine zu große Differenz in der Preishöhe zwischen
Industrie- und Agrarprodukten (die sog. Schere — vgl. Seraphim, Das
Scherenproblem in Sowjetrußland: Weltwirtschaftliches Archiv XXID
bedroht die staatliche Industrie, die Finanzierung der Einfuhr usw. Daher
        <pb n="327" />
        316

Anmerkungen,

machte der Staat den Versuch, den Einfluß des Privatkapitals auch im
Handel durch seine Steuerpolitik, Begünstigung der Konsumgenossen-Schaften
 usw. aufzuheben, um dadurch die Kaufmöglichkeit der Bauernmasse
 zu heben; anderseits mußte der Aufstieg selbständiger starker
Bauern mit allen Mitteln verhindert werden, da sonst die ganze Wirtschaft
 durch ihre Käufe und Verkäufe reguliert worden wäre. Das Vorgehen
 gegen das Privatkapital und gegen das Kulakentum mußte sich also
mit Notwendigkeit aus der gesamten Struktur des NEP ergeben; es mußte
einsetzen, sobald die Industrie einigermaßen wieder instand gesetzt war,
also die sog. Periode der Wiederherstellung beendet war. Eine andere
Politik hätte die Industrie in Abhängigkeit von der Landwirtschaft gebracht
 und damit zu einer Pprinzipiellen Änderung der Grundlagen des
Regimes geführt. Der innerpolitische Streit ging um die Feststellung
dessen, was ein Kulak ist, um das Maß der Konzessionen an den Privathandel
 usw. Die Theorie der Smytschka gab ia auch die Möglichkeit,
sich für eine schonende Politik gegenüber der Bauernschaft einzusetzen.
Die Hoffnung einer direkten Zusammenarbeit mit dem ausländischen
Kapital durch Gewährung von Konzessionen usw. ist nicht erfüllt worden.
Die Konzessionen haben keine größere Bedeutung im Wirtschaftsleben
gewonnen.
1 Der Name Smenowechowzy ist nach dem Sammelwerk Smena Wech,
Prag 1921, gebildet. „Wechi“ hieß ein 1909 erschienenes Sammelwerk,
das eine Umorientierung der russischen Intelligenz verlangt; das Sammelwerk
 „Smena Wech“ verlangte eine Umorientierung der Intelligenz durch
Anerkennung des Bolschewismus als eines nationalen Regimes. Usfrialows
Hauptwerk ist Pod snakom rewoliucil, Charbin 1925. Es wird die NEP
hingestellt als Aufgeben des Kommunismus, um die Räte zu retten. Es
wird davor gewarnt, Kommunismus und Bolschewismus miteinander zu
verwechseln; es wird betont, daß der Bürgerkrieg einen Nationalkommuaismus
 erzeugt habe; es wird hervorgehoben, daß das herrschende Regime
 sich allmählich wandeln müsse, wenn es nicht verschwinden wolle.
Ustrialow hofft also, daß die NEP eine endgültige Wandlung des Bolschewismus
 bedeute, den Beginn einer Entwicklung zum „Thermidor“ bringe.
Diese Hoffnung Ustrialows wurde in den Diskussionen der Bolschewisten
 um den Charakter der NEP von den linken Richtungen (Trotzki;
Sinowjew in seinem Referate auf dem 14. Parteitage 1925) gegen alle
angeführt, die für eln Entgegenkommen an die Bauern, d. h..an die
Kulaken, eintraten. Gegen die verschiedenen Formen der NEP-Ideologie
richtet sich das bolschewistische Sammelwerk Na ldeologitscheskom
fronte, Moskau 1923. Vgl. auch A. Zajlcew, Ob Ustrialowe, neonepe |
schertwach ustrialowschiny, Moskau 1928.
1 Vgl. die schon früher erwähnten Werke von Gaister, Krizman
und Schiller. Skizzen aus dem Alltagsleben im Dorfe Bolschakow,
Derewnj]a 1917/27, Moskau 1927. Krizman hat seine Arbeiten über Agrarfragen,
 darunter auch die über die Differenzierung, zusammengefaßt im
Sammelbande Proletarskala rewoliucija 1 derewnja, Moskau 1929.
        <pb n="328" />
        Anmerkungen.

317

2 Finen Überblick über den Inhalt des Fünfjahresplanes gibt das Werk
von Grinko, Der Fünfjahresplan. Einen Einblick in das von ihm ge-Schaffene
 Regime verschafft die Reportage von Knickerbocker,
Berlin 1931. Auf eine Aufzählung der umfangreichen wissenschaftlichen
ınd populären Literatur kann verzichtet werden, da sie mehr oder minder
sachlich- agitatorisch die Grundideen des Fünfjahresplanes der Wirt-Schaft
 und der mit ihm verbundenen Projekte des kulturellen Aufbaues
darlegt. Bei den wissenschaftlichen Arbeiten handelt es sich um Er-Örterung
 von Voranschlägen, um Koniunkturberechnungen, die oft von
der tatsächlichen Entwicklung bereits überholt sind; die populäre Literatur
 — nur ein Beispiel: Elgers, Die Kulturrevolution in der Sowjetunion,
 der einen Überblick über die gesamte Kulturpolitik zu geben beansprucht
 — besteht in mehr oder minder geschickten statistischen
Zusammenstellungen und Ihre Ausdeutung. Die Entwicklung der Plan-Wirtschaft
 beschreibt eingehend das grundlegende Werk von Pollock.
— Text des Fünflahresplanes der Sowietunion: Pjatiletnyi plan narod-Rochoseistwennogo
 stroiteljstwa S. $.S.R., 2. Aufl., Moskau 1929. Dazu der
Wichtige Diskussionsband: O platiletnom plane raswitija narodnogo chose-Istwa
 S.5.S.R., Moskau 1928. Vgl. auch die Darstellung des Fünfijahres-Planes
 in Tafeln und Diagrammen von Kabakow, Moskau 1929. Neben
dem Plane der Planbehörde für die Union gibt es noch Darlegungen der
speziellen Fünfjahrespläne. Vgl. etwa über die Verbrauchergenossenschaften:
 Pjatiletnyi plan potrebiteljnoi kooperacii S.$S.S.R., Moskau
1929. Von den Spezialarbeiten sei nur die dem Entwicklungstempo gewidmete
 Schrift von Motylew, Problema tempa raswitija S.S.S. R., Moskau
1929 (Vergleiche mit der Entwicklung in den Ver. Staaten) genannt, Vgl.
auch die Zukunftsperspektive Sabsowitsch, S.5.5.R. tscheres 15 let,
Moskau 1929, mit Ankündigung staatlicher Kindererziehung, da die
Frauen für die Arbeit frei sein müssen. und sozialistischer Städte ohne
Familienhaushalte usw.
1 Vgl. Schiller a. a. O., mit eingehendem Literaturverzeichnis;
ferner die Werke von Iljin, Kolchosy S.S. 5. R. i perspektiwy ich raswitja,
Moskau 1930, und Kolchosy S.S. S.R. i ich udeljnyl wes w stroitelstwe,
Moskau 1930; Zylko, Putfi raswitija selskago choseistwa, Moskau 1930
(mit zahlreichen Statistiken über die Zahl, den Ertrag usw. der Kolchosen).
Sehr aufschlußreich über die innere Organisation der Kolchosen Dmitfriew,
Organisacija truda w kolchosach, Woronesch 1930 (57 ff. Beispiele für
die verschiedene Bewertung der verschiedenen Arbeitsleistungen). — Es
gibt je nach dem Umfang der Vergesellschaftung drei Typen der Kolchosen:
 Artel, Genossenschaft, Kommune (da soll auch kollektive Wohnorganisation
 das Ziel sein!); vgl. darüber Großmann, Bolschewismus,
im Wörterbuch der Volkswirtschaftslehre, Jena 1931. Die Fortschritte
der Kollektivierung haben zu einer Krise auf dem Arbeitsmarkte geführt.
Bisher lebte der Arbeitsmarkt der Industrie vom Zustrom aus der Landbevölkerung
 (vgl. Minz, Agrarnoe perenaselenie i rynok truda v S.S.S.R.,
Moskau 1929, 445f.). Dieser Zustrom hat nun aufgehört, wie Stalin in
        <pb n="329" />
        318

Anmerkungen.

seiner aufsehenerregenden Rede vom 23, Juni 1931 (Prawda vom 5. Juli
1931) hervorhebt. Unstreitig haben die Kolchosen wenigstens für die erste
Zeit die Lage der sog. Dorfarmut gebessert, die nun über ein gewisses
Lebensminimum verfügt, das sie früher infolge der Winzigkeit ihres
Ackerbodens, ihrer mangelnden Ausrüstung usw. nicht besaß. Um die
hotwendigen Arbeitskräfte zu sichern, will Stalin die Werbung der
Arbeiter bei den Kolchosen organisieren. Genau wie die Kolchosen Kontrakte
 (sog. kontraktacija) über die landwirtschaftlichen Lieferungen
abschließen, genau so sollen sie Verträge über die Stellung von Arbeitskräften
 schließen.
Die Landwirtschaftskollektivierung soll also die stets drohende Ge-Jahr
 des Auseinanderbrechens der staatlichen Industrie und Landwirtschaft
 beseitigen. Es ist zu beachten, daß sie zu einer starken Vermehrung
 des bürokratischen Apparates führt, insbesondere wenn die Entlohnung
 der Kolchosenmitglieder nicht gleich sein soll, d. h. wenn sie je
nach ihrer Leistung entschädigt werden sollen. Welche Bürokratisierung
würde etwa die tatsächliche Durchführung der Vorschrift erzeugen, in
allen Kolchosen Arbeitsbücher zu verteilen!
1 Auch in der Rede vom 23. Juni 1931, in der er sich für eine stärkere
Heranziehung bürgerlicher Spezialisten einsetzte, erhebt Stalin die Forderung,
 eine eigene technische Intelligenz aus der Arbeiterklasse heranzubilden.
 Dabei ist zu beachten, daß die kommunistische Partei als
Vertreterin der gesamten, also auch der Darteilosen, Arbeiter auftritt.
Es soll sich wenigstens der Theorie nach kein Gegensatz zwischen der
Partei und den aktiven Elementen der Arbeiterschaft entwickeln.
2% Vgl. Elgers a. a. O. 53: „Jetzt geht die Schule der Sowjetunion
dazu über, ein Hort der gottlosen Erziehung zu sein.“ Vgl. auch Panfilow,
Kulturnye pjatiletki, Moskau 1930, 36: „Die Sowjetschule lehrt, daß es
keinen Gott gibt.“ Das Werk Panfilows über die kulturellen Fünfiahrespläne
 ist eine Kritik an der mangelnden Zentralisation der Kulturpolitik
der Sowjetunion. Es verlangt eine zentrale Kulturplanbehörde für die
gesamte Union. Panfilows materialreiche Arbeit gibt einen lehrreichen
Einblick in die technisch-wirtschaiftliche Bildungsauffassung der bolschewistischen
 Kulturpolitik. Es gilt die notwendigen Ingenieure zu schaffen,
die Übernahme westeuropäischer Produktionsmethoden zu ermöglichen.
Noch 1926 gab es im Bundesstaat Rußland 49,2°/, Analphabeten. Panfilow
ist ein Anhänger der staatlichen Kindererziehung (sog. Vorschulerziehung),
damit die Frau für die Arbeit freigemacht wird.
21 Bereits der 9, Parteitag stellte ausdrücklich in einer Resolution fest,
daß „die Organisation der Arbeitenden im Interesse der arbeitenden Mehrheit
 keineswegs das Element des Zwanges vernichtet, Der Zwang spielt
und wird noch im Laufe einer großen historischen Periode eine große
Rolle spielen.“ Die ganze Gesellschaftsorganisation verbindet Zwang und
Aktivität miteinander. Im Namen der aktiven Massen werden bestimmte
Forderungen aufgestellt und Leistungen verlangt. Man kann sich nicht
gegen sie wenden, ohne in die Gefahr zu kommen, als Feind des Res
        <pb n="330" />
        Anmerkungen.

319

Simes, der Arbeiterinteressen USW. geschädigt zu werden, die von der
bolschewistischen Partei und ihren Organisationen beherrschte Öffentlichkeit
 gegen sich zu haben usW. Aus dieser Verbindung von Zwang
Ind Freiheit ergibt sich der eigentümliche Sowietbürokratismus, der sich
siner bestimmten, oft in ihren Forderungen antibürokratischen Terminologie
 anpaßt. Wird Kollektivierung verlangt, so kollektiviert er und
berichtet von begeistertem Zustrom der armen Bauern zu den Kolchosen.
Wird die Kollektivierung abgeblasen, SO ist er sofort gegen sie.
22 Der berühmte Satz Lenins, daß das heutige Räterußland ein Räte-Staat
 mit bürokratischer Verzerrung sei, ist eigentlich die schärfste
Kritik an der bolschewistischen Propaganda vor der Machtergreifung, die
Sich gegen die Bürokratie wandte. Die verschiedenen innerkommuni-Stischen
 Oppositionen werfen der Partei vor, von der Bürokratie, und
Zwar der Parteibürokratie, regiert zu werden, nicht mehr Organ einer
Klasse, des Proletariats, sondern eine zwischen den verschiedenen Klassen
 hin und her pendelnde bürokratische Gewalt zu sein uSW.
2 Siehe Cleinow, Neu-Sibirien, Berlin 1928.
2 Das schwankende Verhältnis zu den Spezialisten begleitet das gesamte
 Sowietregime. Trotzki mußte mit kommunistischen Gegnern des
Heranzieheus zaristischer Offiziere Zur Ausbildung der Roten Armee
Ppolemisieren. Immer wieder ist der bürgerliche Spezialist von dem Verdacht
 bedroht, in seiner Tätigkeit die Politik der Klassendiktatur zu
Ssabotieren. Gelegentliches Vorgehen gegen Spezialistenfresserei, so z.B.
gegen die Parteimitglieder, die den Moskauer Ingenieur Oldenberger in
den Tod trieben, ändert nichts an der drückenden Atmosphäre. Immer
besteht die Gefahr, daß die aus sachlichen Gründen von Ansichten kommunistischer
 Mitarbeiter abweichenden Entscheidungen des Spezialisten
als politische Akte gedeutet werden. Heute ist auf eine Periode des Mißtrauens
 infolge der Rede Stalins vom 23. Juni 1931 eine Periode neuen
Vertrauens gefolgt. Der sozialistische Aufbau sei so gesichert, daß die
schwankende technische Intelligenz sich in seinen Dienst ehrlich stelle.
Über die Lage des Spezialisten vgl. die aufschlußreichen Erinnerungen
Larsons, Als Expert im Sowijetdienst, Berlin 1929.
25 Cleinow a. a. O.
26 Aber diese Forderung kann wieder, wie es heute der Fall ist, beim
Auftreten von Wirtschaftsschwierigkeiten für den Augenblick zurücktreten.
27 Über die Methoden bolschewistischer Wissenschaftsorganisation
vgl. in der Zeitschrift für osteuropäische Geschichte 1931, Heft 1 und 3,
den Artikel von Jonas über die Geschichtsforschung in Sowjetrußland.
28 Zur Zeit ist der berühmte Geologe Lasarew verhaftet, ohne daß man
über sein Schicksal genau unterrichtet ist. Nach dem menschewistischen
Socialistitscheski Westnik soll er von der GPU zu zehn Jahren Gefängnis
verurteilt worden sein.
20 Über die bolschewistische Presse vgl. die gründliche Arbeit von
Just, Die Presse der Sowjetunion, Methoden diktatorischer Massen-
        <pb n="331" />
        320

Anmerkungen.

führung, Berlin 1931; Ingulow, Kulturnaja rewoliuclja i petschat]. Moskau
1928.
%0 Die offizielle bolschewistische Kritik sucht alle Werke nach ihrer
Bedeutung für den sozialistischen Aufbau, für die Durchführung der
Generallinie zu bewerten. Aber es wäre völlig falsch, die Erzeugniss®
bolschewistischer Dichter ausschließlich nach dem Niveau der bolschewistischen
 Kritik zu beurteilen. Es ist keine Frage, daß durch die mit dem
bolschewistischen Regime verbundene Umwälzung bisher träge VolkSmassen
 in Bewegung geraten sind. Aber der Erleichterung des sozialen
Aufstiegs steht die Tatsache der Reglementierung des gesamten Lebens
durch eine offizielle politisch-soziale Weltanschauung gegenüber. Auch
die Kunst steht also unter Zensur, und zwar einer Zensur, die ganz bestimmte
 soziale Forderungen an ein Kunstwerk stellt. An dieser Stelle
kann nicht auf die Entwicklung der russischen Literatur unter der bolschewistischen
 Herrschaft eingegangen werden. Bemerkt sei noch, daß
die verbreitete Vorstellung von Zusammenhängen zwischen Kubismus
Futurismus und Bolschewismus nicht richtig ist. Zwar liegt dem Bolschewismus
 besonders die Plakatkunst etwa eines Majakowski wegen ihrer
propagandistischen Einstellung, mochte auch Lenin zu ihr kein Verhältnis
gehabt haben, aber im Grunde genommen steht ihm der Realismus viel
näher.
$1 Vgl. Anmerkung 1 zu diesem Teil.
* In dieser Erfassung des gesamten Lebens äußert sich die Absolutsetzung
 des politisch-sozialen Bereiches durch den Belschewismus. Er
sucht diese Absolutsetzung bis in ihre letzten Konsequenzen durchzuführen,
 Darin besteht das, was man als seinen Rationalismus zu bezeichnen
 pflegt. Das Leben soll sich planmäßig in möglichst reiner Verwirklichung
 der sozialen Gesetzlichkeit vollziehen.

Vierter Teil Die bolschewistische Partei

* Außer der bereits früher genannten Literatur zur Geschichte der
bolschewistischen Partei vgl. noch das Werk des Generals Spiridowitsch,
Istoria bolschewikow. Paris 1922; Popow, Otscherk istorii WKP, Moskau
1928.
? Über die Reinigung vgl. Mitrofanow, Tschistka rliadow WKP, Moskau
 1929,
* Einen guten Einblick in die Organisations- und Aufbauentwicklung
der Partei gibt die zur Rechtfertigung der Generallinie zusammengestellte
Dokumentensammlung von Melkumow, Woprosy partijnogo stroiteljstwa,
Moskau 1927. Hier wird auch eine kurze Geschichte der grundlegenden
Bestimmungen der bolschewistischen Parteisatzungen gegeben.
* Über den Linkskommunismus von 1918 vgl. die schon erwähnte
Schrift von Sorina. a. 0. Die Linkskommunisten hatten zeitweise einen
sehr starken Einfluß in der Moskauer Parteiorganisation.
5 Rukowadjaschie kadry partil, Moskau 1924. Hier wird hervor-
        <pb n="332" />
        Anmerkungen.

391

gehoben, daß jetzt die Zeit gekommen sei zu einer richtigen Organisation
des Mitgliederbestandes der Partei.
. S Diese Kontrollkommission ist mit der sog. ‚Arbeiter- und Bauern-Inspektion,
 dem Rabkrin, zu einer Arbeitseinheit vereinigt. Lenin hoffte
in der allerletzten Zeit seiner Tätigkeit, daß der Rabkrin eine Muster-Organisation
 zur Beobachtung des gesamten Staats- und Parteiapparates
werden würde. In seinen letzten Arbeiten (Band XXVII seiner Werke)
beschäftigt er sich immer wieder mit dem Rabkrin (siehe Band XXVIL,
402f, der russischen Werke). Bezeichnend ist seine Feststellung in dem
Entwurfe einer nicht gehaltenen Rede vom Dezember 1922: „Der Staatsapparat
 — überhaupt außerordentlich schlecht; niedriger als alle bürgerliche
 Kultur.“ — Über die Bedeutung der letzten Maßnahmen und Vorschläge
 Lenins, die das Zentralkomitee in eine sich regelmäßig versammelnde
 höchste Parteikonferenz verwandeln und die Kontrollkommission
durch 75 bis 100 neue Mitglieder erweitern wollten, gehen die Deutungen
Stalins und der Opposition sehr auseinander. Trotzki behauptet, daß
Lenin in der letzten Zeit seines Lebens schon die Gefahr eines Regimes
Stalin erkannt habe. Er sei sogar SO weit gegangen, die persönlichen Beziehungen
 mit Stalin abzubrechen.
Fine Geschichte der innern Parteikämpfe geben die verschiedenen Dokumentenbände,
 die von der Parteileitung herausgegeben worden sind.
Über die Arbeiteropposition vgl. den Band Rabotschaja opposizi]a; über
den Gewerkschaftsstreit den Band Diskussija 0 profsoiusach; über den
ersten Konflikt der Parteileitung Stalin-Sinowiew mit Trotzki (Trotzkis
Forderung der innerparteilichen Demokratie, sein Appell, den Aufstieg
der Generationen in der Partei zu erleichtern) den Band Diskussija 1923 g.
Über den Konflikt Stalins mit der sog. Leningrader Opposition Snewjes-Kamenew,
 die ihm vorwarf, den Kulaken zu sehr zu begünstigen, den
Band Diskussija 1925 goda. Fine Aufzählung der verschiedenen gegen
den oppositionellen Block Trotzki-Sinowiew der Jahre 1926/27 und die
Rechtsopposition Rykow-Bucharin-Tomski gerichteten Schriften erübrigt
sich hier, da in ihnen immer wieder die gleichen Argumente wiederholt
werden. Es seien Nur erwähnt Stalins gesammelte Artikel und Reden
Protiw opposicii, Moskau 1928; das Sammelwerk Protiw opposicionnogo
bloka, Moskau 1927. Neben diesem literarischen Kampfe gegen die Opposition
 ging eine Reihe historischer Enthüllungen über die Streitigkeiten
Trotzkis mit Lenin, das Versagen Sinowjews und Kamenews im Jahre
1917, das Trotzki als erster in seiner Vorrede „Die Lehren.des Oktober“
zu seinem Werke 1917 (Moskau 1924) unter schärister Mißbilligung der
Parteileitung weiten Kreisen enthüllt hatte, über die vernichtende Kritik
Lenins an Bucharins Theorien USW. Die Opposition war diesen Angriffen
gegenüber zum Schweigen verurteilt; ihre Publikationen mußten im Ausland
 oder illegal gedruckt werden.
7 Lenin hatte stets die Anschauung abgelehnt, daß die Partei, wie es
bei den Menschewisten der Fall war, gleichsam ’eine Summe aus verschiedenen
 Fraktionen sein soll. Daher wird man den Vertretern der
Gurian. Der Bolschewismus. 21
        <pb n="333" />
        3922

Anmerkungen.

Generallinie zustimmen müssen, wenn sie gegen alle oppositionellen Forderungen
 nach größerer Meinungsfreiheit in der Partei sich auf die
grundsätzliche Parteianschauung Lenins berufen. Vgl. das gegen die
Arbeiteropposition gerichtete Bändchen Platforma Schliapnikowa i Medwedewa,
 Moskau 1927. Lenin hat sein Festhalten an dieser Parteiauffassung
 in seinem Kampfe gegen die Arbeiteropposition 1920/21 gezeigt.
8 Besonders bezeichnend für diese Einstellung ist die Rede über den
Gewerkschaftsstreit vom 30. September 1920, Band XXVI der russischen
Werke, S. 63f. Diese Rede zeigt den überlegenen Gebrauch seiner großen
Autorität durch Lenin; Ironie und Entschiedenheit vereinen sich so miteinander,
 daß die Forderung nach Disziplin und Einheit nicht als Ausschaltung
 der Meinungsfreiheit in den führenden Parteiorganen wirkt.
Diese Gabe, die strenge Parteidisziplin mit Aussprachen in Führerkreisen
zu vereinen, scheint im Unterschiede zu Lenin Stalin völlig zu fehlen.
Lenins Bemühungen, seine Parteigenossen zu erziehen, hinderten ihn aber
in keiner Weise daran, energische Maßnahmen gegen ihm gefährlich erscheinende
 Oppositionsströmungen wie die sog. Arbeiteropposition ZU
ergreifen,

® Vgl. die Schrift von Dworkin, Metod Bucharina, Moskau 1930. Die
theoretischen Streitigkeiten Lenins mit Bucharin haben ihre Zusammenarbeit
 nicht verhindert. Stalin ließ die theoretischen Fehler Bucharins
erst dann der Öffentlichkeit vorführen, als er sich zum Vorgehen gegen
die sog. Rechtsopposition entschloß.
% Einen lehrreichen Einblick in die organisatorische Entwicklung der
Partei unter Stalin — alle Zweige des Parteilebens und der Parteiaktivität
sollen nach bestimmten Schemen und Vorschriften sich entfalten — gibt
die Schrift von Duschak über die politische Aufklärungsarbeit der Partei:
Organisacija i metodika partijnogo prosweschenija, Moskau 1929.
u Über die verschiedenen Einzelheiten der Parteiarbeit und Parteiorganisation
 unterrichtet fortlaufend die Zeitschrift Partijnoe stroitelstwo.
Einen lehrreichen Einblick in die innere Parteiorganisation geben die
Forderungen der 1927 aus der Partei ausgeschlossenen Oppositionsgruppe
um Sapronow (Vor dem Thermidor, Hamburg o.J., 51f.). Da wird vor
allem die Aufhebung der Bestätigung von Sekretären usw. seitens des
Zentralkomitees verlangt. Da wird über die Parteisäuberung geklagt, die
zu einem Werkzeug des Fraktionskampfes geworden ist, da wird gefordert,
die Parteibeamten aus den Mitgliederbeiträgen zu bezahlen usw. Zu beachten
 ist auch, daß der Parteiausschluß mit volitischer und sozialer
Entrechtung verbunden ist.
12 Vgl. über die Streitigkeiten in der Ukraine das schon erwähnte
Werk von Girtschaka.a.O.
23 Vgl. über die Ausschließungen Seibert, Das rote Rußland, München
 1931, 99,
1 Über Parteistatistik siehe die Publikation WKP w zifrach, Moskau
1926 f.; oder auch Wsesoiusnalia partiinala perepis, Moskau 1927. Von
        <pb n="334" />
        Anmerkungen.

393

den stenographischen Berichten über wichtige Tagungen seien genannt
die Berichte über die Parteitage und die Parteikonferenzen.
15 Vgl. Soloweitschik, Sapiski starogo pionerrabotnika, Moskau 1929;
Komsomol i detskoe dwischenie, Moskau 1926.
16 Einen guten Einblick in die Aktivität des Komsomol gibt Leisero-Witsch,
 Komsomol na kultornom fronte, Moskau 1928; Mankowski, Pisma
komsomolskago aktivista, Moskau 1930; Bobryschew, Melkoburschuaznye
vlianja sredi molodeschi, Moskau 1928.
2 Vgl. über die Bildungsarbeit in der Roten Armee Du schaka.a.0.
1924£.; Dwuchletnaja programma politsanjati] s‘ krasnoarmeitzami
(1929/30), Moskau 1929, und Degtiarew, Politrabota w krasnol armii W.
Wwoennoe wremja, Moskau 1930 (Zersetzung des Gegners durch politische
Propaganda uswW.).
18 Von diesem Schema sind die Schwankungen im Verhältnis zu den
Spezialisten bestimmt.
1% Vgl. KabakschiewW, Die Entstehung und Entwicklung der Komintern,
 Hamburg 1929. Über Gründung der Komintern durch Lenin
Adoratski O teorii i praktike Leninisma, Moskau 1924, S. 88.
2% Von deutschen Schriften, die sich mit Lenin beschäftigen, seien
genannt Fülop-Miller, Lenin und Gandhi, Wien-Leipzig 1927; V alerio
 Marcu, Lenin, Leipzig 1928. Über die zahlreichen russischen
Publikationen (meistens Erinnerungen), Veröffentlichungen von Briefen
usw. unterrichtet die bibliographische Übersicht Leniniana, Moskau
1926 £. Sehr wertvolle Publikationen enthalten die Bände des Leninski]
Sbornik, Moskau 1924 f. Ein eigenes Institut, das Moskauer Lenininstitut,
ist zur Herausgabe seiner Werke und Vorbereitung einer wirklichen
umfassenden Biographie, die bisher fehlt, gegründet worden. Von den
Werken über Lenin sind am wichtigsten wohl die trotz aller Subjektivität
einen lebendigen Findruck von seiner Persönlichkeit vermittelnden Aufzeichnungen
 von Trotzki, Lenin, Berlin 1927, und die Spezialarbeit
des allerdings heute nicht mehr als ganz parteifromm geltenden Luppol,
Lenin i Alosofila, Moskau 1928.
21 Vgl. die bei Thun a. 3. O. wiedergegebenen Äußerungen des Bruders
 in seiner Verteidigungsrede, Er kündigt in ihnen an, daß er Nachfolger
 finden werde, die die Revolution zum Siege führen würden.
2 In einem Briefe, in dem Lenin seiner Enttäuschung Ausdruck verleiht,
 heißt es: „Die verliebte Jugend erhält von dem, was sie liebt, eine
bittere Lehre. Man muß sich allen Menschen gegenüber ohne Sentimentalität
 verhalten. Man muß immer den Stein in der Tasche bereithalten“
{Brief vom 2. September 1900, Leniniski] Sbornik Bd. I, 1924).
2 Vgl. die Biographie von Essad Bey, Berlin 1931.
2 Vgl. Trotzkis Autobiographie: Mein Leben, Berlin 1930, und die
Werke von Eastman, L. Trotzky: The portrait of a youth, Neuyork
1925: Depuis la mort de Lenine, Paris 1925,

18
        <pb n="335" />
        324

Anmerkungen.

2% Aus der Fülle der gegen die rechte Abweichung gerichteten Schriften
seien genannt: Bystrjanski, Prawy i uklon na nowom etape, Petersburg
1930; Leman-Pokrowski, Ideinye istoki prawogo uklona, Moskau 1930
{gegen Bucharin). Es wird den Männern der Rechten vorgeworfen, daß
sie zu sehr für die Kulaken eintreten, aus Angst vor augenblicklichen
Massenstimmungen das Tempo der Industrialisierung ‘ verlangsamen
wollen usw., im Grunde genommen nur Agrarsozialisten seien.
26 Eine besondere Erwähnung würde noch der bereits 1919 verstorbene
Vorgänger Kalinins als Vorsitzender des allrussischen Räte-Exekutivkomitees,
 Swerdlow, verdienen. Swerdlow, der jüdischer Abstammung
war, scheint genau so wie Dscherschinski durch seine unbestechliche
Geradheit und Rücksichtslosigkeit eine Art moralischer Autorität im
Kreise seiner Genossen gewesen zu sein. Lenin schätzte seine organisatorischen
 Gaben besonders hoch.
Jaroslawski, der Führer des antireligiösen Kampfes und Aufseher über
die Ethik der Parteigenossen, ist eine sehr beschränkte Persönlichkeit.
So beklagt er in seinem bereits‘ erwähnten Buche auf S. 136, daß Lenin
Ausdrücke wie: „Gott gebe es!“ „Gott sei Dank!“ gebrauche. Jaroslawski
gehört zu den Organisatoren der „historischen“ Literatur gegen die verschiedenen
 Oppositionsströmungen.
Eine Fülle negativer Charakteristiken der Führer des Bolschewismus
findet man bei ehemaligen Bolschewisten wie Solomon, Bessedowski,
Dumbadse usw. Der Historiker wird diese Urteile ebenso vorsichtig
bewerten müssen wie die Äußerungen einer byzantinischen Verherrlichung,
 die heute ebenso Stalin zuteil wird, wie sie früher Trotzki zuteil
wurde.

Fünfter Teil. Die bolschewistische Doktrin.
* Aus der bolschewistischen Literatur, die den Zusammenhang von
Hegel, Marx und Lenin zu beweisen sucht, sei nur Wainstein: Gegel,
Marx, Lenin, Moskau 1930, zitiert.
* Siehe Leninski] Sbornik IX, 199.
* Es kann hier nur angedeutet werden, daß Bucharins Werke — etwa
die Theorie des historischen Materialismus — von dieser Gleichgewichtslehre
 getragen werden. Diese Auffassung kann natürlich kein Verhältnis
zu Hegel haben, sondern ist von einem agnostizistischen Positivismus
bestimmt. In ihr zeigt sich die Auswirkung der Aufnahme des sog. Empiriokritizismus
 von Mach-Avenarius durch russische Sozialisten, vor allem
Bogdanow, der vor dem Kriege in der bolschewistischen Partei eine
Zeit lang der Gegenspieler Lenins auf dem Gebiete der Theorie war. Von
dieser Auffassung sind die sog. Mechanisten bestimmt, die keinen eigenen
Gegenstand der Philosophie anerkennen wollen. Lenins Hauptargument
gegen Bucharin war der Vorwurf einer abstrakten Fragestellung unter
Ausschaltung der geschichtlich-sozialen Besonderheiten. Dabei ist bemerkenswert.
 daß Lenin der von Bucharin geliebten Soziologie mit ihren
        <pb n="336" />
        Anmerkungen.

325

allgemeinen Gesetzen der Entwicklung USW. außerordentlich skeptisch
gegenüberstand. Die verbreitete ‚Vorstellung von der besondern Hinneigung
 des revolutionären Marxismus ZUr Soziologie ist also nur mit
sehr starken Einschränkungen berechtigt.
4 Am besten darüber Luppol a. a. 0.
5 Diese Streitigkeiten füllen die Seiten der bolschewistischen Kulturzeitschriften
 (etwa.der Rewoliucila ji Kultura), Man arbeitet mit dem
Vorwurie der mangelnden Parteitreue, der Abweichung von der Generallinie
 usw. Es erscheinen Kampfberichte von der philosophischen Front,
in denen über Koalitionen von oppositionellen Richtungen berichtet wird.
Gegen Doborin wird der Vorwurf erhoben, daß er Lenins philoso-Phische
 Originalität unterschätze, ihn einfach als Jünger Plechanows hinstelle
 usw.
$ Diese Anschauung hatte damals auch Plechanow vertreten, der
später während des Weltkrieges als Anhänger der Vaterlandsverteidigung
und des Kampfes gegen den deutschen Absolutismus sich zum schärfsten
Gegner Lenins entwickelte.
7 Vgl. die auf S. 239—240 abgedruckten Thesen über die Diktatur
des Proletariats. Lenin bestimmte die bürgerliche Demokratie als Betrug
der Werktätigen durch formale Gleichheit unter Beibehaltung der Knechtung
 durch die Kapitalisten (Leninski] Sbornik u).
8 In Rußland wurde Lenin gelegentlich auch als Erbe von Bakunin
und Tkatschew bezeichnet, die an Putsche kleiner revolutionärer Minderheiten
 glaubten. Der Bolschewismus wurde als Bündnis des Lumpenbroletariats
 mit dem sich nach der Heimat sehnenden Soldaten hingestellt.
® Fs ist natürlich nicht möglich, an dieser Stelle die Abhängigkeit und
den Unterschied der Theorien Lenins von Hilferdings „Finanzkapital“ zu
erörtern, die Polemik der Bolschewisten gegen die Imperialismustheorie
Rosa Luxemburgs darzustellen. Der politische Sinn dieser Polemiken
geht dahin, nachzuweisen, daß der revolutionäre Sozialismus das Recht
habe, die Macht in einem wirtschaftlich zurückgebliebenen Gebiete zu
ergreifen, und daß gerade diese Gebiete eine entscheidende Bedeutung für
die Weltrevolution haben. Vgl. auch Paschukanis, Imperialism i kolonialnala
 politika, Teil 1, Moskau 1928.
10 Jakowlew vergleicht in seiner Vorrede zu Kotelnikow- Meller
a. a. O. den Agrarumsturz von 1917/18 mit dem Sturze des feudalen
Regimes durch die große französische Revolution. Die theoretischen
Diskussionen über die bolschewistische Taktik können durch die verschiedenen
 Auffassungen über das Verhältnis der bürgerlichen und proletarischen
 Revolution formuliert werden.
1 Siehe J aroslawski a. a. O., der die Auffassung Höglunds entschieden
 ablehnt: „Es ist gleich, ob man für den Sozialismus im Namen
des Menschen oder im Namen Gottes eintritt.“ Er führt Lenins Auffassung
an, daß die atheistische Propaganda von der bolschewistischen Propaganda
 unlösbar ist. Lenin hat sich übrigens mit besonderer Schärfe gegen
den sog. religiösen Sozialismus gewandt.
        <pb n="337" />
        326

Anmerkungen.

2 Die verschiedenen Äußerungen Lenins über Religion und Kirche
Ändet man im Sammelbändchen: Lenin über die Religion, Berlin-Wien
1927, zusammengestellt,
1 Jaroslawski sondert die aufklärerisch-atheistische Propaganda des
bürgerlichen Radikalismus von der antikirchlich-klassenkämpferischen
des Bolschewismus.
1 Alle bolschewistischen Antworten auf Fragen wie der nach der Unsterblichkeit
 erheben sich nicht über das Niveau der Antwort Jaroslawskis
 a. a. O0. 55: „Wir Werktätigen haben eine solche Unsterblichkeit
(des Jenseits) nicht nötig. Wir können hier auf Erden ein Leben schaffen,
das voll wäre von Freuden. Für den Kommunisten besteht der Lohn in
seinem Kampfe in dem Umbau der menschlichen Beziehungen, die er
durch seinen Kampf bewirkt.“ Pokrowski leitet die Religion einfach ab
aus der Angst vor dem Tode. Lunatscharski spielt mit den Vorstellungen
einer Selbstvergöttlichung der Menschheit. Augenblicklich werden alle
religiösen Fragen zurückgedrängt durch den Hinweis auf die Praxis, auf
die sich vollziehenden sozialen und wirtschaftlichen Umwälzungen usw.

Sechster Teil. Kritik des Bolschewismus.
* Jaroslawski, O0 partethike, Leningrad 1925; er stellt fest, daß das
ethisch ist, was mit den proletarischen Interessen zusammenfällt.
*? Groethuysen, Die Entstehung der bürgerlichen Welt- und Lebensanschauung
 in Frankreich, 2 Bde., Halle 1927/28.
®* Zu beachten ist Bolschakow a. a. O., der S. 413 ff. feststellt,
daß die antireligiöse Propaganda im Dorfe — er beschreibt die Verhältnisse
 in einem Bezirke Sowjetrußlands — gerade zu einer Belebung des
religiösen Interesses geführt habe, Da führen etwa die Bauern gegen die
Vorträge, die mit Hilfe der Mythentheorie, der Naturwissenschaften, des
Hinweises auf die Überflüssigkeit der Priester usw. die Religion zu erledigen
 suchen, Folgendes an: „Aber die Sektierer haben doch keine
Priester, Auch gibt es ja Mediziner und Mathematiker, die das doch
alles ebenso wissen wie unser Komsomolmann. Aber sie glauben dabei an
Gott.“ Bolschakow rät daher, bei der antireligiösen Propaganda unter
den Bauern von den sozialen Alltagsverhältnissen auszugehen. Wenn die
Beschreibungen Bolschakows, der übrigens selber bäuerlicher Abstammung
 ist, richtig sind, so herrscht bei den Bauernmassen ein traditionalistisches
 Verhältnis zur Religion vor. So wird etwa gegen den Plan,
eine Kirche abzureißen, die Tatsache angeführt, daß doch die Großväter
sie gebaut haben und daß es also doch nicht angängig sel, die Kirche
aufzugeben,
* Vgl. Trotzki, Die wirkliche Lage in Rußland, Dresden 1928.
® Diese Argumente wurden ebenso gegen Trotzki wie gegen Sinowjew-Kamenew
 und die Rechtsopposition verwandt.
® Vgl. die aufschlußreichen Berichte über Gerichtsverhandlungen bei
Liebermann, Im Namen der Sowiets, Berlin 1931.
        <pb n="338" />
        Anmerkungen,

327

7 Vgl. Sorel, Über die Gewalt, Innsbruck 1928, 394.
8 Diese Notwendigkeit scheint bereits heute eingetreten Zu sein; in
Stalins Rede vom 23. Juni 1931 wird gefordert, die Lebensverhältnisse zu
bessern.
9 Fin entscheidendes Problem des bholschewistischen Wirtschaftsaufbaues
 ist die Frage, ob er sich auf die Dauer technisch und ökonomisch
weiterentwickeln kann. Die bolschewistische Führung hat dieses Problem
in seiner entscheidenden Bedeutung klar erkannt. Mit allen Mitteln soll
die Erfindertätigkeit der Arbeitenden begünstigt werden. Im Unterschied
zum Unternehmerkapitalismus sei ja das planwirtschaftliche System an
der Beibehaltung von Produktionsmethoden, die nur für einzelne Werke
besonders rentabel sind, nicht interessiert. Das private Geschäftsgeheimnis
ist aufgehoben; es ist gleichsam in die Hände des Staates übergegangen,
Bisher sind alle großen wirtschaftlich-technischen Neuerungen von der
Außenwelt übernommen worden. Das gilt besonders für die Landwirtschaft,
 deren Umbau durch Übernahme der deutschen Düngemittelverwendung
 und der amerikanischen Betriebsformen sich vollzieht (vgl.
Zylko a a. 0). Ausdrücklich werden Verträge über technische Hilfe
mit ausländischen erstklassigen Spezialisten gefordert und abgeschlossen.
Gegen Nachlässigkeiten und Durchbrüche greift der zentralistische
Druck, der politische Terror usw., ein. Der wirtschaftliche Mißerfolg an
einer Stelle wird ja nicht, wie es der Theorie nach im Unternehmerkapitalismus
 der Fall sein soll, durch wirtschaftliche Schädigung des
einzelnen bestraft, sondern durch moralisch-gesellschaftliche Maßregelung.
Dabei wird vor allem in jüngster Zeit versucht, gesellschaftliche Aktivität
mit persönlicher Verantwortung zu vereinen — der Fabrikleiter soll etwa
dafür sorgen, daß die Voranschläge nicht überschritten werden USW. —
aber diese Vereinigung geschieht doch mit Hilfe des terroristischen Drucks
der Zentralorgane.
Es erhebt sich daher immer wieder die entscheidende Frage, ob es gelingt,
 die neuen Industrieanlagen zu der vorgesehenen regulären Wirtschaftstätigkeit
 zu bringen, oder ob diese Neuerrichtung nur darum glückt,
weil die unermeßBlichen, unausgebeuteten Naturschätze und die Stärke der
politischen Gewalt, die keine Rücksichten zu nehmen braucht, den Wirtschaftsaufbau
 ohne Rücksicht auf Kosten und Opfer ermöglichen. Jedenfalls
 beweist der Verlauf der bisherigen bolschewistischen Gesellschaftsund
 wWirtschaftsarbeit in Rußland, daß große planwirtschaftliche
Wirtschaftsversuche nur in einem Staate mit stärkster Staatsgewalt, der
die öffentliche Meinung von oben bestimmt (wobel es gleich ist, ob diese
Bestimmung sich mit Recht oder Unrecht auf den Willen der Werktätigen
 beruft), möglich ist. Parlamentarische Demokratie und Versuche
einer Planorganisation, der Bildung einer umfassenden Wirtschaftseinheit
schließen einander aus.
10 Die ganze Weltrevolutionstheorie Lenins ist von der Anschauung
bestimmt, daß die imperialistischen Mächte sich nicht untereinander
werden einigen. können. Die gesamte Außenpolitik der Sowietunion ist auf
        <pb n="339" />
        328 Anmerkungen,

die Ausnützung dieser Uneinigkeit gerichtet; der proletarische Staat soll
wirtschaftlich und militärisch so stark sein, daß die Intervention einer
Mächtegruppe in russische Verhältnisse ausgeschlossen ist; dann soll
die Sowjetunion in der Lage sein, im Falle eines Konfliktes als Machtfaktor
 beachtet zu werden. Die Vorstellung der Intervention wird von
den Bolschewisten auch zu innerpolitischen Zwecken betont und aufrechterhalten,

14 Fraglos trifft Lenins Glaube im Negativen den Widerspruch zwischen
der Fiktion der politischen Gleichheit und der Existenz anonymer wirtschaftlicher
 Machtgzebilde, von deren Entfaltung die Gesamtheit abhängig
ist. Man kann diese wirtschaftlichen Machtgebilde nicht mehr als Privatunternehmungen
 ansehen, da ihr Zusammenbruch die Grundlagen des
gesamten Staatslebens bedroht. Der Eindruck, den die bolschewistische
Planwirtschaft bei uns macht, beruht vor allem auf der Existenz des
starken Staates, der keine großen Wirtschaftsgebilde als selbständige
Faktoren neben sich duldet.
        <pb n="340" />
        Namen- und Sachweiser‘”.

Die fettgedruckten Zahlen geben die wichtigsten Stellen über das betr. Stichwort an.

Absolutismus s. Monarchie, absolute.
Abtreibung 79 80 310.
Agrarirage im alten Regime 29 30.
Agrarkrise nach dem Umsturz 40 43.
Agrarpolitik des Bolschewismus S,.
Fünfjahresplan, Kolchosen, Kriegskommunismus,
 Landdekret.
a sozialrevolutionäres
Agrarreform Stolypins S. dort.
Agrarsozialismus 297 301.
Akademien 121 122.
Akimow 297 303,
Akkordlöhne s. Löhne, bolschewistische.

Aleksandrow 295.
Aleksejew 301.
Alexander I. 9.
— 11. 8 15 16 22 33 34.
— HL 33.
Alexejew 308,
Analphabetentum 112 318.
Anarchisten 50.
Antisemitismus unter dem alten Regime
 20,
Antonow-Owseenko 305.
Arbeiterkontrolle 60 61 97 100 312.
Arbeiteropposition 134 289 321 322.
Arbeiterschaft unter dem Zarenregime
25 —27.
Arbeitslosenunterstützung U. Fünfjahresplan
 S. dort.
Arbeitsmarkt u. Fünfjahresplan s. dort.
Arbeitspflicht 99.
Arbeitszwang 101.
Armenier 19.
Artel 111.
Asew 38.
Atheismus: Seine Propaganda 243,
u. Bolschewismus 85 88 89 178
179 188, u. Erziehung 112, u. Lenin
242.
Auslandsschulden 57.
Außenhandelsmonopol 110.
Außenpolitik, bolschewistische 306
7.
Autofabrik in Nischni-Nowgorod 257
bis 260.
Avenarius 324.

Bach, L. 305.
Zakunin 12 17 325.
Bauern im alten Regime 23—25; ihre
Befreiung von 1861 892324 33
298; Bauernbewegung Von 1917
302.
Beckerath, E. v. 208.
Bednjak 289.
Belinski 11 296.
Belokonski 297.
Berdiaiew 107.
Zerg, L. 293.
Berman 307.
Berufsrevolutionäre 1. bolschewistische
 Partei s. dort.
Bessedowski 304 324.
Bildung, ihre Politisierung in der
Vorkriegszeit 17; westliche u. nationale
 Tradition 12 13.
Bildungswesen u. Fünfjahresplan S.
dort.
Bildungsziel des Bolschewismus S.
dort.
Blanqui 170.
Block, A. 304,
Blutschande 79 286,
3lutsonntag 1905 26 34.
Bobryschew 323.
3ogdanow 53 132 138 324.
3ojarentum 294,
Zolschakow 316 326.
Bolschewiki 1. -
Bolschewismus: seine geschichtliche
u. gesellschaftliche Bedeutung 206
bis 212, sein Bildungsziel 121, seine
Doktrin 162 168 187, seine Gesellschaftsauffassung
 185 200, seine
Gewaltherrschaft 183 184 195 196,
zeine Grundhaltung 49-61, Legitimation
 seiner Herrschaft 57 Se
seine Machtergreifung 47—48, seine
Nationalitätenpolitik 68, sein Programm
 1 23, seine Taktik 2, Macht
seiner Terminologie 163; als Partei
s, Partei, bolschewistische; als russische
 Gefahr 193 208, als Weltanschauung
 u. Heilslehre 34 163
180 191 192 200 202. — B. u.
bürgerl. Gesellschaft 192 201, u.
BL
ı Zusammengestellt von Gerhard Jaeger in Berlin-Tegel.
Gurian, Der Bolschewismus, y1**
        <pb n="341" />
        330 Namen- und Sachweiser.

Christentum s. dort, u. Familie 181,
u. Justiz 71, u. Kapitalismus 92,
u, Klassenkampf 186, u. Kompromisse
 127 164, u. Krisen 3 201
202, u. Kunst 124 130, u. Marxismus
 50, u. Masseninstinkte 45 54,
u. nationale Bewegungen 2, u. Parlamentarismus
 170 308, u. Drovisofische
 Regierung 45, u. Räte 47,
u. Religion 193 202 203 206 308,
u. russische Geschichte 207, u. russische
 Mentalität 54, u. Sozialdemokratie
 236—239, u. Staat s. Staat,
bolschewistischer, u. Terror Z 73
129 182 193 194 204 240 241 327;
Ss. auch Terrorismus; u. Westeuropa
211, u. Zivilisation 190 191; s. auch
Atheismus.
Bolschewisten, ihre Typen 136—141;
Herkunft ihrer Führer s. Fremdvölker.

Brandenburgski 282 283 9287.
Braunstein 74.
Brest-Litowsk, Friedensschluß von,
49 97 133 239 305 306 307.
Brodowitsch 308.
Brutzkus 297 298,
Bubnow 156,
Bucharin 141 156 160 168 290 306
307 314 322 324.
Budny 266.
Bund der Gottlosen 88 112 148 267.
Bund kommunistischer Jugends.Komsomol.

Bundesrepubliken und Parteidiktatur
68.
Bürgerkriege seit 1918 63,
Bürgertum im bolschewistischen Staat
62 63; s. auch Gesellschaft, bürgerliche,

Bürokratismus im bolschewistischen
System 67 114 115 125 194 319; u.
Kriegskommunismus 103 104 105.
— _Unter dem Zarenregime 8 921 28
29 32 35.
Bystrjanski 324.
Chamberlin, W, H. 293.
Chlebzewitsch 280,
Christentum u. Bolschewismus 203
204; s. auch Atheismus, Kirche, Religion.

Cleinow 118 120 293 319.

Danischewski 304.
Deborin 168 325,
Degtiarew 323,
Dekabristen 9 295.

Denikin 100.
Denunziantentum 118.
Dialektik 165 166.
Dietze 299,
Diktatur des Proletariats 71 97 169
170 173 194 205 210 239 312 313 325.
Dimtriew 317,
Djablo 308.
Dobb 91 162 293 314.
Dobbert 293.
Jorfgemeinde 23 24 25 296 298, ihre
Auflösung 30 31 32 35; s. auch Obschina.

Dostojewski 13 14 18 296.
Drews 244.
Druck- u. Verlagswesen im bolschewistischen
 Staat 89.
Dscherschinski 19 158 159 161 315
324.
Dschugaschwili s, Stalin.
Dubnow 297.
Dubrowski 299 302,
Duchonin 56 305.
Duma 7 34 35 36 37.
Dumbadse 324.
Duschak 322 323.
Dworkin 3292.

Eastman 157 323.
Eckardt, v. 92 126 293 296 312.
Ehe: faktische 80 81 282—284, registrierte
 80—82 283.
Ehegesetzgebung 79—82 198 310, ihr
Ziel 285.
Eherecht von 1918 u. 1927, sein Unterschied
 284—285; s. auch Lenin,
Elektrifizierungsplanbehörde 108.
Elgers 317 318,
Elnicki 299,
Elster 100 107.
Engel 308.
Engels 91 96 219 242 243.
Enukidse 19 156.
Erziehung, atheistische, s. Atheismus.
Erziehungseinrichtungen der Partei
s. Partei, bolschewistische.
Erziehungswesen s, Schul- u. Erziehungswesen.

Essad Bey 323.
Essen 307 313.
Expansionspolitik des alten Regimes
s. Regime, altes,
Expropriationen 1392.

Familie im bolschewistischen Staat
82; s. auch Bolschewismus.
Farbmann 91.
Februarrevolution 27.
        <pb n="342" />
        Namen- und Sachweiser.

Goichbarg 283 310.
Zollas 309.
Gorki 302.
Zottlose: junge 270, ihre internationale
 Arbeit 275—276; u. Frauen
278; s. auch Bund der Gottlosen.
Sotz 20. ;
GPU 19 72 74 78 107 158 289 309
310 315 319; s. auch Tscheka.
Grinko 317.
Groethuysen 188 326,
Großbauer s. Kulak.
Großmann 293 313 317,
Zurwitsch 308.
Autschkow 36.

51

veiler 293.
Feldgemeinschaft 298.
Feudalismus 1 11 12 294 295.
Film 124.
Föderalismus in der Sowjetunion 309.
Forschungs- u. Meinungsfreiheit 122.
Frauen als antireligiöse Agitatorinnen
278 279 280.
Frauenbefreiung s. Ehegesetzgebung.
Fremdvölker als Hilfskräfte der Revolution
 19,
Freund 309.
Freunde des Neuen Rußland (der
Sowjetunion) 148.
Fülop-Miller 293 323.
Fünfjahresplan 110—115; sein Tempo
252 253 254, sein Ziel u. seine Vorbedingungen
 247—249; u. Arbeitslosenunterstützung
 113 114, u. Arbeitsmarkt
 255 256, u. Bildungswesen
 112, u. Handel 111, u. Industrialisierung
 110 116 117 127, u.
Kulturpolitik 318, u. Landwirtschaft
110—111, u. Massenerziehung 119,
u. die russische Aufgabe 252—254,
u. Technik 249—251,
Fünftagewoche 89.

Handel u. NEP 106, u. Fünfjahresplan
111.
Haensel 293 314.
Yaxthausen, v. 297.
Hegel 14 40 47 164 165 175 176 181
244 245 324.
Herzen 12 15 19 296 297.
Hessen, S. 295.
Hilferding 325.
Hochschulen unter bolschewistischem
Regime 121 122.
Hodann 293.
Höglund 174 325.
Hoetzsch 25 294 295 297 298 299,
Hungerkatastrophe von 1921 97.

Gaister 305 316.
Geistliche unter dem bolschewistischen
 Regime 84; S. auch Priester.
Generallinie der Partei s. Partei. bolschewistische,

Generalsekretariat der bolschewistischen
 Partei s. Partei, bolschewistische.

Georgier 19.
Gerichte als Organe des Klassenkampfes
 75, als Propagandastätten
77, ordentliche 74; s. auch Justiz,
Gerschenson 295 296.
Gesamtplanbehörde 108,
Geseilschaft, bolschewistische: ihre
Krankheiten 196—202.
— bürgerliche: u. Bolschewismus 57
188—192, u. Kirche 202 bis 206, u.
Terror 22, im Zarenre nn 21 22.
gebildete, im alten Rußland 9.
— sozialistische 180 181; s. auch Intelligenz.

Gesellschaftskrisis 1905 32 33.
Gewaltherrschaft s. Terror.
Gewerkschaften 142 144 313, als
Staatsorgane 102, u. Partei 134.
Gewerkschaftsstreit 134 322.
Giduljanow 309 311.
Girtschak 309 322.
Gogol 296.

bragimowW, Gali 311.
ljin, J., 31 293 298,
— (Bolschewist) 317.
— Schenewski 304.
Imperialismus 167 171 177.
Industrialisierung durch den Fünfjahresplan
 s. dort,
Inflation während des Kriegskommunismus
 102.
Ingulow 320.
Intelligenz: als gesellschaftliche
Gruppe 11, ihre Mentalität 13 14
16, russische 296; u. Bolschewismus
 316, u. Juden 20, u. Nihilismus
 15, u. sozialistisches Bewußtsein
 217, u. Volk 14 16 17, u. Terrorismus
 18, u. Zarenregime 17 18 29,
aternationale: Zweite 236 238, Dritte
2 148 149 174 323.
_ kommunistische, s. Internationale,
Dritte.
Itschboldin 293.
[wan der Grausame 294.
[wanow-Rasumnik 296.
Iwanowski 312.
        <pb n="343" />
        3392

Namen- und Sachweiser.

Jakowlew 302 325.
Jaroslawski 88 186 281 301 304 311
312 324 325 326.
Joffe 45 138,
Jonas 319.
Juden 297, als Bolschewistenführer
20 21, u. die revolutionären Parteien
 20,
Jugendorganisationen der bolschewistischen
 Partei s. Partei, bolschewistische.

Jugow 31 293 298 299.
Jünger, Ernst VI.
Just 293 319.
Justiz: ihre Politisierung 75 76; u.
Parteileitung 76, und proletarischer
Staat 75, u. Terror 71, u. Tscheka
72; s. auch Klassenjustiz: Lenin.

Knickerbocker 293 317.
Köhler 299,
Kolchosen 110 111 248 266 289 317
318.
Kollektivbetriebe s. Kolchosen.
Kolokol (Zeitschrift) 15.
Koltschak 100.
&amp;lt;omintern, s. Internationale, Dritte.
&amp;lt;ommune als Vorbild 232 234.
Kommunismus ss. Bolschewismus,
Kriegskommunismus, Linkskommunismus.

Kommunistisches Programm u. Religionskampf
 265,
Ang mel 87 145 146 148 197 289
323.
Kontrollkommission der kommunist!-schen
 Partei s. Partel, bolschewistische.

Konzessionen an Ausländer 316.
Kornilow, A. 296.
— General 40,
Kornilow-Putsch 41 46.
Xotelnikow-Meller 302 325.
&amp;lt;otljarewski, Nestor 296.
Krapotkin 50.
Srasnow 47 304.
&amp;lt;rassikow 282.
Crassilinikian 310.
&amp;lt;rassin 23 160 298.
Kriegskommunismus 99-—105, 289
314 315; u. Landwirtschaft 102.
Krisen u. Bolschewismus 201.
Krizman 98 100 103 104 105 305 312
314 316,
Krylenko 56 72 75 76 286 287 301
307 309,
Kulaken 66 109 111 117 289 305 316;
u. Religion 267, ihre Zwangsaussiedlung
 114.
Kulczycki 301.
Kulturautonomie in der Sowjetunion
s. dort.
Kulturpolitik u. Fünfjahresplan s. dort,
Kulturrevolution, antireligiöse 266
267.
Kunst und Bolschewismus s. dort.
Kurski 241 282 284 309 310.
Kustarniki 299.
Kutler 24.
Kwiring 312 313 315.

Kabakow 317.
Kabakschiew 328,
Kadetten (Partei) 34 35 61 301.
Kaganowitsch 304.
Kalinin 64 282 324.
Kamenew, eigentlich Rosenfeld, 21
43 48 93 136 156 158 159 289 305
321 326.
Kannengießer 20.
Kapitalismus: u. absolutes Regime
23, u. Bolschewismus 92, u. revolutionäre
 Bewegung 23; s. auch
Monopolkapitalismus u. Imperialismus.

Kaplan, Dora 20.
Karpow 299.
Kartensystem während des Kriegskommunismus
 102 103.
Katharina II. 9.
Kaufmann, A. 298.
Kautsky 239 309.
Kerenski 37 40 41 42 47 48 54 137
236 304.
Kinderbewegung, bolschewistische
271.
Kindererziehung, bolschewistische
310; s. auch Partei, Schul- u. Erziehungswesen.

Kinderorganisationen s. Pioniere,
Kirche: Gewaltmethoden gegen sie
88; u. Bolschewismus 202—206,
Kirchengesetzgebung s. Religionsgesetzgebung.

Kirchengüter, Konfiskation 85.
Klassenjustiz 62.
Klassenkampf 186.
— u, Religionsbekämpfung 267.
Klassenterror 62.
Kliutschewski 294,

Landdekret 56 97.
Landwirtschaft, ihre Bedeutung in
Rußland 25.
Larin, eigentlich Lurje 297 314 315.
“arsons 319.
Lasarew 319.
        <pb n="344" />
        Namen- und Sachweiser.

333

ıunatscharski 53 138 154 159 160
303 326.
Luppol 168 323 325.
uxemburg, Rosa 325.
Lwow 36 230.

Lawrow 13.
Lebensvereinfachung 120.
Leibeigenschaft 9 23.
Leiserowitsch 323.
Leman-Pokrowski 324.
Lenin, eigentlich Ulianow, 20 34 35
41 43 44 48 52 53 55 91 92 93 94
95 96 103 108 111 116 125 130 132
137 138 140 142 149—155 157 161
162 165 167 168 169 170 171 172
173 210 215 219 229 240 242 246
270 289 290 291 293 299 300 301
302 303 305 306 307 309 312 313
314 319 321 322 323 324 325 328;
als Erzieher der bolschewistischen
Partei s. dort, seine Aprilthesen
230, sein Aufbau des Staates 62,
seine Irrtümer 96 163, sein Marxismus
 151, seine Parteiauffassung 52
53 130 170 215, seine Rückkehr
nach Rußland 43 302, seine Taktik
1917 229, sein Wirtschaftsprogramm
314, seine Weltrevolutionstheorie
327; u. Arbeiteropposition 134, u.
Brest-Litowsk 306, u. die Bürokratie
 194, u. die Diktatur des Proletariats
 169 239, u. Eherecht 310,
u. Imperialismus 171, u. Zweite
Internationale 236, u. Justiz 66, u.
Massenerziehung S. Massen, u. Materialismus
 167 241, u. die Menschewisten
 170, u. Nationalisierung
der Volkswirtschaft 98, u. Nationalversammlung
 44, u. Neue ökon0-mische
 Politik 106 107 108, u. Par-Jamentarismus
 304, u. Rätesystem
232 303 319, u. Religion 177 178
942 246 265 270 326, u. die Sozialrevolutionäre
 49, u. die Spezialisten
95, 255, u. Stalin 156, u. der Terror
241, u. Trotzki 158.
Lenininstitut 323.
Leninismus 141 164—168 171.
Lenski 297.
Lewin 305.
Lewin-Tatarow 300 301 304.
Liebermann 326.
Linksopposition 141 289.
Linkskommunismus 133 139 320.
Litwinow (Volkskommissar) 21 161.
— 299 300.
Ljadow 300.
Ljaschenko 298.
Löhne, bolschewistische 101 114 299
313; Akkordlöhne 313, Gleichheit
313, nach Leistungsprinzip 291.
Lominadse 146 291.
Losski 107.

Mach 324.
Magerowski 307 308 309 313.
Magnitogorsk, seine Errichtung 260,
\4ajakowski 320.
Malicki 308.
Aalinowski 35 78.
Aanifest, kommunistisches 96.
Mankowski 323.
Marcu 323.
\arkt, freier 109.
Martow, eigentl. Zederbaum, 20 296
297 299 300 302.
AAarx. 96 125 162 165 166 168 169
175 176 177 219 234 236 238 243
254 324.
MWiarz-Engels-Institut 122.
Marxismus u. Religion S. dort; s. auch
Lenin, Bolschewismus.
Marzistische Zirkel u. Arbeiterschaft
unter dem Zarenregime 34.
Märzrevolution S. Februarrevolution,
Masaryk 296.
Maslow 296 297 298 299.
Massen: ihre Aktivierung 116—120,
ihre Aufklärung 121 126, ihre Erziehung
 117 121, ihre Versklavung
126, Lenin gegen ihre Spontaneität
215 218 219 220, 5. auch Bolschewismus.

assenbewußtsein,proletarisches 119.
Materialismus, dialektischer 164 166
Mi 168 169 174 175 195; 4. Lenin
May 260 261 262.
Meinungsfreiheit in der Partei s. dort.
Melkumow 320.
an der boschewistische 185 bis
91.
Menschewisten 43; ihre Parteiauffassung
 52; s. auch Lenin,
Menschewistenprozeß 1931 74.
Menschinski 19.
Meschrayonzen 138 303,
Michelet 297.
Miliukow 34 36 37 154 294 296 298.
Miliutin 314.
Miller, General 100.
— M. 297.
Minz 317.
Mirkin-Gezewitsch 307.
Mitrofanow 320.
Mobilmachung, totale VI VIL
        <pb n="345" />
        334

Namen- und Sachweiser.

Monarchie, absolute 7 9 10 294 295.
Monolitnostj 290.
Monopolkapitalismus 171 172.
Molotow 113.
Morosow 23 298,
Motylew 317.
Mstislawski 305.

bis 136, ihre Erziehungseinrich-‚ungen
 147, ihre Ethik 187, ihre
Generallinie 113 114 124 141 197
260 263 289 320, ihr Generalsekre-:ariat
 142, ihre Grundlagen 129 215
is 226, ihre Hilfsorganisationen
144—146, ihre Jugendorganisatio-Jen
 145, ihre inneren Kämpfe 321,
Ihre Kontrollkommission 134 142
321, ihre Organisation 51—55 142
228 322, ihre Reinigungen 131, ihre
Schule auf Capri 132; ihre Statistik
322, ihre Stellung im Staate 67,
hre Zellenbildungen142143, ihrZiel
71, ihre soziale Zusammensetzung
144; u. Berufsrevolutionäre 25 223,
1. Einkommen der Mitglieder 143,
u.Gewerkschaften 134, u. Meinungsfreiheit
 215, u. Proletariat 167.
Parteiauffassung, bolschewistische 52.
— menschewistische 52.
Darteidisziplin s. Partei.
7arteikämpfe, innere, s. Partei,
Darteimitglieder s, Partei.
Parteiorganisation s. Partei.
Parteischule auf Capri s. Partei.
Darteistaat 69 70 71.
Parteitag 142.
Yarvus-Helphand 290,
Paschukanis 307 309 325.
7awlow-Silwanski 294.
Perewersew 45.
en d. Gr. 7 8 10 18 92 208 294
295.
Petersburger Garnison 36.
Petrowski 73.
Piatiletka s. Fünfjahresplan.
Dilsudski 19.
Dionerskaja Prawda 145.
7ioniere 87 145 290; s. auch Kinderbewegung
 u. -erziehung,
Piontkowski 309.
&amp;gt;lanwirtschaft 209 210 327; s. auch
Fünfjahresplan,
7latonow 122 294 295,
Ylechanow 50 155 296 301 303 325.
Dokrowski 294 295 301 326.
Dolen 7 19 64.
’olitgramotnostj s. Politische Schulung.

Politik, neue ökonomische {(NEP) 91
105—110 163 239 290 314 315 316
317.
Politische Schulung 147.
Politisierung der Bildung s. dort.
— der Justiz s, dort.
Pollock 91 96 99 100 102 103 293
297 298 299 301 314 317.

Napoleon 239,
Narodniki 34 296 301; s. auch Sozialrevolutionäre
 u. Agrarsozialismus.
Nationale Bewegungen u. Bolschewismus
 2,
— Gegensätze in der Sowjetunion 198.
— Tradition u. öffentliche Meinung 8.
— — u, Westliche Bildung 12 13.
Nationalisierungsdekrete(Zusammenstellung)
 98.
Nationalitätenpolitik der Bolschewisten
 s. Bolschewismus.
Nationalkongreß in Moskau 41.
Nationalversammlung 39 41 303 304.
NEP s. Politik, neue ökonomische.
NEP-Bourgeoisie 109.
Netschajew 17.
Newski 300.
Nihilismus 15 300.
Nikolaus I. 8 12 295.
Nikolaus II. 28 30 37.
Nischni-Nowgorod s. Autofabrik.
Nötzel 296.
Novemberputsch 1917 (Oktoberrevotution)
 47.

Oboronzentum 230 301.
Ybschina (Dorfgemeinde) 296 297.
Ikonomismus 34 35,
Iksman-Tschegolew 295.
Iktoberkinder s. Pioniere.
Oktobermanifest 1905 7 34.
Oktoberrevolution s. Novemberputsch.

Öktobristen 35.
Oldenberg 300.
Oppositionelle Bewegungen 33.
Ordschonikidse 19 114 156 161.
Orthodoxie 8.
Osservatore Romano 201.
Ossinski, eigentl. Obolenski 160.
Osterfest, seine Bekämpfung 270.

Panfilow 318.
Panslawismus 28.
Parlamentarismus 304; s. auch Bolschewismus.

Partei, bolschewistische: ihr Aufbau
133, ihre Auslese 136, ihre Disziplin
 130 133, ihre Entwicklung 131
        <pb n="346" />
        te
re
7
P«
5

1]

Namen- und Sachweiser,

335

"opow 278 320.
Dotressow 155 296 297 299.
Preobraschenski 158.
Presse 123, bolschewistische 319,
ihre Knebelung 61.
Priester 84 311; s. auch Religion.
Drivateigentum am Boden, seine Abschaffung
 56.
Privatwirtschaftssektor 111.
Produktionsgemeinschaften 96.
Prokopowitsch 220 301.
Proletariat: seine Organisierung 229;
u. Partei 167; s. auch Diktatur des
Proletariats.
Proletarischer Staat 2 62 66 75 90
122.
Proletarisches Massenbewußtsein 119,
Propaganda, antireligiöse 84 89 243
269 277 281 286 311 312 326; 5.
auch Atheismus, Religion, Frau.
Propagandaprozesse 118.
Puschkin 12.
Pypin 295 296.

Atheismus, Gottlose, Kulturrevolution,
 Propaganda.
zeligionsgesetzgebung 83 84.
Zeligionskritik 174—179 244.
Zeligionspolitik, bolschewistische
178 265.
Zeligionsunterricht 84.
Revisionismus 166.
Revolution 1905 29 30; permanente
290; s. auch Februarrevolution, Novemberputsch.

Revolutionäre Bewegung: geschichtncher
 Überblick 51 52, ihre Krise
35.
Revolutionäre Gewerkschaftszentrale
148.
Zevolutionäre Theorie, ihre Wichtigkeit
 216.
Revolutionspraktiker 137 138 140.
Revolutionstheoretiker 137.
Rjasanow 168.
Zollin 293.
Zoschkow 295.
Zote Armee 60 62 95 101 102 108
145 319.
Rote Hilfe 148.
Zoter Terror 61 73.
Zusse, sein Charakter 17.
Zussisches Reich: Grundlage 8, Geschichte
 207.
Zussisch-japanischer Krieg 28.
Rykow 156 160 290 291.

Raboscheje Djelo 223.
Radek, eigentl. Sobelsohn 73 74 136
158 160 161 306.
Radin 302.
Raditschew 11.
Ramsin 145 291, sein Prozeß 77 78.
Raskolnikow 302.
Rasputin 36.
Räte 47 302 319, als politische Organe
 64; s. auch Sowjets.
Rätekongreß, sein Vollzugsausschuß
39 64.
Rätesystem 65 66; 8. auch Lenin.
Rätewahlen 65 66.
Recht u. Terror 240; s. auch Bolschewismus,
 Terrorismus.
Rechts-Linksblock 291.
Rechtsopposition 141 290.
Regierung, bolschewistische: ihre
ersten Aufgaben 55, u. Nationalversammlung
 58 59.
— provisorische 45 301 302 303, ihre
Schwäche 37 38 40 46 47.
Regime, altes, seine Expansionspolitik
38 300, seine Krise 30, sein innerer
 Zwiespalt 18; u. öffentliche Meiaung
 9; s. auch Monarchie, Absoiute.

Reichel 308,
Religion: ihre Bekämpfung 311 312,
u. Bolschewismus 3 85 86 193 308,
u. Leninismus 177, u. Lenin s. dort,
u. Marxismus 176 177, u. Sozialistische
 Gesellschaft 176; Ss. auch

Sabsowitsch 317.
Zakulin 296.
Salewski 297.
japronow 322.
Sarabianow 315.
Sawinkow 35.
Schapowalow 25.
Scheffer 293.
Scheinaktivismus 118.
Scheinkonstitutionalismus 7 29 30
294.
Schelling 14.
3cherenproblem 315.
3chiemann 295.
ichilder 295.
Schiller, Otto 293 305 316 317.
Schirmunski 314.
Schleichhandel 103.
Schliapnikow 134.
Schmitt, Carl vı 209 307,
3chul- und Erziehungswesen 87.
3cientifismus 165.
Sdelschina 291 313; s. auch Löhne,
Sedow 2688.
SZeihbert 293 322.
        <pb n="347" />
        336

Namen- und Sachweiser,

Sekten 87 268,
Selbstherrschertum s. Monarchie, absolute,

Selbstkritik 114 115.
Seliwanow 295,
Semlja i Wolja 16.
Semstwo 21 25 34 36 297.
Seraphim 315.
Serednjak 109 291,
Sering 298.
Sinowjew, eigentl. Radomysiski 21
48 93 101 136 156 158 159 289
305 314 316 321 326.
Slawophilentum 11 14.
5mena Wech 316.
Smenowechowzy 107 316.
Smilga 158.
Smytschka 97 315.
Solomon 324.
Soloweitschik 323,
Solowjew 295.
Sorel 208 327.
Sorin 306 320.
Sowchosen 11 249.
Sowjetrecht 309,
Sowjets 129, u, provisofische Regietung
 39 40; s. auch Räte.
Sowjetunion: Recht ihrer Bundesorgane
 69, Föderalismus 309, Kulturautonomie
 69, Selbstbestimmungsrecht
 der Bundesrepubliken 68 69,
Verfassung 60 308.
Sozialdemokratie: ihr politischer Charakter
 221; u. Bolschewismus 236.
Sozialdemokratische Partei in Rußland,
 ihre Gründung 34 301.
— Zirkel um 1900 224,
Sozialisierung der Betriebe 61.
Sozialismus u. Kulturniveau 239.
Sozialistischer Aufbau 92 93 94 101
255,
Sozialistischer Sektor 111.
Sozialrevolutionäre 34 43 45 48 49
öl 301 304.
Spencer 14.
Spezialisten 111 117 147 250 251
255 257 291 313 318 319.
Spezialistenprozesse 291.
5Spießbürger, bolschewistischer 197,
Spiridonowa 304.
Spiridovitsch 301 320.
Spitzelwesen 35.
SSSR 292.
Staat, bolschewistischer 60 61 63 64
90 307; Aufbau 62; Ziel 70; Einheit
 der Gewalten 66 70.
proletarischer 2 62 66 75 90 122;
8, auch Parteistaat:

Staat, totaler vr vı 63 307.
Staatsanleihen 113.
Stalin, eigentl. Dschugaschwili 19
92 111 115 116 119125 141 142
147 149 155—157 183 194 247 289
290 291 293 303 304 305 318 319
321 322; u. Arbeiterwechsel 256;
x. Lenin 156, u. Parteiaufbau 133,
u, der sozialistische Aufbau 255, U.
die Spezialisten 257, u. Trotzki 135
136.
5tän 140.
Ständemonarchie 294.
Stankow 41 117.
Steinberg 74 304.
Stolypin 30 32 35, seine Agrarreform
30—48 299 300.
Strafgesetzbuch der Sowjetunion 75
76 83 240 309; s. auch Justiz.
Struve 34 2920.
Studentenzirkel 224.
Stutschka 72 305 307.
Subatow 220.
Subatowschina 26.
Suchanow, eigentl. Himmer 43 44
96 150 159 236 301 302 303 304.
Swerdlow 21 59 324.
Swiderski 315.
5yrzow 146 291,
Sytrin 145.

Talj 307.
Tatarenherrschaft 7 295.
Terror u. Bolschewismus s. dort.
Ferrorismus 15 16 22 33 181 241 309.
Thun 300 323.
Timaschew 308,
"katschew 3925,
Todesstrafe 75,
Toleranz 85 86 88.
Tolstoi 21.
Tomski 160 290 313 321.
Trade-Unionismus 219 220.
Transportwesen nach dem Umsturz41.
Trennung von Kirche u, Staat 83 84
85 311; s. auch Kirche, Religion.
Trotzki, eigentl, Bronstein 20 46 48
64 65 93 95 101 135 138 141 146
150 156 157 158 161 194 289 290
293 301 302 303 304 305 306 307
309 312 316 319 321 322 323 326;
u. Gewerkschaften 134; u. Lenin
158, sein Anschluß an Lenin 45;
seine Verbannung 136. .
Tschaadaiew 13 296.
P’schaplin 146,
schaschni 61.
"sehcidse 19 43.
        <pb n="348" />
        3
2
39
9
3

U,
5

Namen- und Sachweiser.
Tscheka 19 20 60 61 72 73 74 158
291 309; s. auch GPU.
Tschenzow-Piksanow 295.
schernow 59 301 302.
[schernyscheski 15.
Tscherwonetz 107.
Tschitscherin 160 298.
T’schubar 161.
Tschuprow 298.
Turgeniew 15.

337

Währungsreform 107.
Nainstein 325.
wakurowa 270.
Wanag-Tomsinski 297.
Weber, Max 7 294.
Wechi 296.
Neichmann, H. u. E. 293.
Weihnachtsfest, seine Bekämpfung
273.
Neiße Armeen 99 100.
Weltanschauung, bürgerliche u. kommunistische
 189.
Neltrevolution 1 2 93 94 327.
Nerchowskoi 310.
Weselowski 297 298.
Wirtschaft, ihr Niedergang 1917 41.
Nirtschaftsanarchie 1917 94 97.
Mil hellen li bolschewistischer
327.
Nirtschaftsexperimente 95 98.
Nitte 30.
Nolgadeutsche 69 120.
Noroschilow 119 161.
Wrangel 64.

Überindustrialisierung 110.
Udarniki 292.
UdSSR 292.
Ukraine 19 41 322.
Ulianow s. Lenin.
— (Bruder Lenins) 154 323.
Uritzki 20 45 73.
Ustrialow 92 107 316.

Varga 314.
Vereinsleben 88.
Verfassung 1905 7 29.
Vergesellschaftung des Menschen 127.
Verlagswesen s. Druck- u. Verlagswesen.

Volkseinkommen während des Kriegskommunismus
 104 105.
Volkskommissare 48.
Volkswirtschaft, Rationalisierung 98.
Volkswirtschaftsrat 101.
Vollzugsausschuß S. Rätekongreß.
Voronicin 295.

Zajcew 316.
Zentralismus 143.
Zentralkomitee 142.
Zeretelli 20.
Zola 154.
Zwang 318; s. auch Terror.
Zwangsanleihen 113.
Zylko 317 327.
        <pb n="349" />
        Von Waldemar Gurian sind früher erschienen:

Die politischen und sozialen Ideen
des französischen Katholizismus
1789/1914

‚München-Oladbach 1929)

Der katholische Publizist
(Augsburg 1931)

Der integrale Nationalismus in Frankreich
Ch. Maurras und die Action Frangaise
Frankfurt a. M. 1931)
        <pb n="350" />
        THEODOR BRAUER
Professor an der Universität Köln

Der moderne deutsche Sozialismus
4.—6. Tausend. Großoktav. VIII und 400 Seiten
10 Mark; in Leinwand 11.60 Mark

INHALTSAUSZUG
Sozialistische Darstellung und Kritik der Gegenwart: Wesen
des modernen Sozialismus — Inhalt der Kritik: Anatomie der Gesellschaft /
Akkumulation / Scheidung von Arbeiter und Produktionsmittel / Marktüberfüllung
 / Krisen / Industrielle Reservearmee — Ausbeutung des Arbeiters:
 Reproduktion und Akkumulation / Absoluter und relativer Mehrwert
 |/ Fabrikgesetzgebung / Ländliche Produzenten / Moderne Kolonisation
 — Realisierung der Ausbeutung — Klassenkampf — Alte und neue
Sesellschaft: Schranken der kapitalistischen Produktionsweise / Zusammen.
bruch / Umwälzung / Neue Gesellschaft und ihre Bildungselemente — Kritik
der Kritik — Wissenschaftliche Sozialisten: Lederer / Heimann — Fortbildung
des Marxismus, Sozialismus als weltanschauliches Kampfobijekt:
Marxismus als Weltanschauung — Verzicht auf das religiöse Erlebnis —
Religiöser Sozialismus. Rechenschaft: Befund — Gegenwarts-Perspektive
 — Taktischer Sozialismus als soziales Befriedungsmittel?

EIN URTEIL (AUSZUG)
„Vollständig, modern und objektiv. Auf der positiven Darstellung liegt
das Hauptgewicht, die Kritik ist schlagkräftig. ...eine Fülle neuer Gesichtspunkte.
 ...Grundlage zur öffentlichen Auseinandersetzung mit dem Soziaismus,
 die in nichts den Schablonen folgt. (Schönere Zukunft, Wien.)

VERLAG HERDER ı FREIBURG IM BREISGAU
        <pb n="351" />
        32 1. Teil. Die geschichtlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen,

Denn die Auflösung der Dorfgemeinde bedeutete keinen Bruch mit
dem schwerfälligen bürokratischen Apparat, der unfähig war, mit
den modernen Wirtschafts- und Organisationsproblemen fertig zu
werden, wie es sich im Weltkrieg zeigte, in den Rußland weder
militärisch noch wirtschaftlich genügend gerüstet hineinging. Sie
bedeutete auch nicht eine dauernde Lösung der mit der Industrialisierung
 verbundenen Probleme. Wenn sie in den Jahren nach
1905/06, den Jahren einer russischen Hochkonjunktur, auch sichtbar
 zurücktraten, so wären sie doch bei einer Wirtschaftskrise
sofort mit größter Schärfe aufgetaucht. Darauf deutete der sich
verschärfende Gegensatz der Arbeiterschaft zum patriarchalischen
System hin, das als Begünstigung der Arbeitgeber wirkte. Es stand
Erscheinungen wie Streiks im Grunde genommen hilflos gegenüber.
Das zeigte sich nicht nur am berühmten blutigen Januarsonntag
von 1905. Das bewiesen auch die agitatorisch für die Radikalen
so wirksamen Erschießungen der streikenden Arbeiter in den
Lena-Goldfeldern. Auch die Unzufriedenheit der modernen bürgerlichen
 Gesellschaft mit dem bestehenden Regime, das die
nationalen Ansprüche nicht zu erfüllen vermochte, wäre wohl mit
der steigenden Industrialisierung gewachsen. Was wäre dann aus
den durch das Anwachsen des Großbauerntums landlos werdenden
proletarisierten Bauern auf die Dauer geworden? Sie hätten bestimmt,
 wie das ihre Rolle 1917/18 beweist, jür jede revolutionäre
Bewegung sehr wichtige Hilfskräfte geliefert. Endlich hätte die
Entstehung eines selbstbewußten großrussischen Bauerntyps auf
die Dauer zu aktiven Oppositionsströmungen geführt, welche die
bisherige Behandlung des Bauern als eines Objektes der Verwaltung
 nicht geduldet hätten. Wenn die Meinung der heutigen Anhänger
 Stolypins richtig ist, daß sich der russische Bauer durch
die Dorfgemeindeauflösung allmählich in eine Art Fermier verwandelt
 hätte, so darf doch nicht vergessen werden, daß der
Fermier in die bestehende politisch-soziale Welt der russischen
Monarchie gar nicht hineingepaßt hätte.
Aber nicht die wirtschaftliche Krise und die durch die Auflösung
 der Dorfgemeinde hervorgerufene soziale Entwicklung
brachten die für das herrschende Regime tödliche Gefahr. Bereits
der Verlust des Krieges gegen Japan und die damit verbundene
Abnahme des Anselens der Regierung hatte die liberal-sozialistischen
 Bewegungen zur sichtbaren Aktivität getrieben. Dieser
Krieg war verhältnismäßig unbedeutend gewesen und hatte nicht
das gesamte Leben Rußlands bis in seine letzten Grundlagen erschüttert.
 Aber trotzdem machte er die schon vor ihm sich zei-
        <pb n="352" />
        Geschichte und Wirksamkeit der oppositionellen Bewegungen. 33

gende Gesellschaftskrisis in aller Schärfe fühlbar. Er hatte als
Begleitung und Folge Bewegungen, welche die Verwaltung zeitweise
 fast völlig stillegten, zu anarchisch-revolutionären Explosionen
 führten, zu Generalstreiks, zum Aufstand in der Schwarzen-Meer-Flotte
 (darunter auf dem Schiffe „Fürst Potemkin“), “zu
Barrikadenkämpfen in Moskau. Seiner Bedeutung entsprechend
hatte der Weltkrieg viel gewaltigere Folgen als der Krieg mit
Japan. Er führte zum Sturze der Monarchie, die 1905/06 sich noch
hatte halten können.

Geschichte und Wirksamkeit der Oppositionellen
Bewegungen.

Ein Überblick über die wichtigsten Ereignisse und Bewegungen,
welche den Sturz der Monarchie vorbereiteten, soll die Beschreibung
 der gesellschaftlichen Kräfte des alten Rußland verdeutlichen.
Die wichtigsten innerpolitischen Ereignisse der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts waren die Bauernbefreiung Alexanders II. (1861)
und die darauf folgende Epoche der Reformen, die Rußlands
Verwaltung und Justiz an Westeuropa angleichen sollten. Aber
diese Reformen blieben stecken, sie wurden nicht zu Ende geführt,
sie vermochten nicht die revolutionäre Intelligenz zu befriedigen
und zur Mäßigung zu bringen, im Gegenteil, in der Regierungszeit
Alexanders Il. trat der Terrorismus zuerst auf. Aber dieser
Terrorismus hatte keine Verbindung mit den Massen, daher vermochte
 er nicht, trotz des gelungenen Attentats auf den Zaren im
Jahre 1881, zum Sturze des Regimes zu führen. Die Ermordung
Alexanders II. bewirkte nur, daß die nach vielen Schwankungen
geplante Schaffung einer Art russischen Parlamentes nicht zur
Durchführung kam, die Beteiligung der Gesellschaft an der Regierung
 blieb nur ein Plan.
Das Regime Alexanders Il. unterdrückte den Terrorismus und
kehrte zu einem strengen Absolutismus zurück. Die revolutionäre
Intelligenz arbeitete jetzt vor allem in Studienzirkeln. Im Ausland
bildete sich 1883 die erste größere Marxistengruppe aus ehemaligen
 Anhängern des Terrorismus, die in ihrer bisherigen revolutionären
 Propaganda eine feste Doktrin vermißt hatte. Gleichzeitig
Setzte die Industrialisierung ein. Sie wurde von den marxistischen
Theoretikern als notwendige Vorbedingung der kommenden sozialistischen,
 vom Proletariat zu bestimmenden Revolution begrüßt.
Rußland mußte also erst für die Revolution reif werden — damit
war eine deutliche Absage an den utopischen Terrorismus und

durlan, Der Bolschewismus.
        <pb n="353" />
        <pb n="354" />
        <pb n="355" />
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        <pb n="361" />
        <pb n="362" />
        <pb n="363" />
        <pb n="364" />
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
