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        <title>Der Einfluß des Deutschen Zollvereins 1834 bis 1918 auf die deutsche Eisenwirtschaft</title>
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            <forname>Jakob W.</forname>
            <surname>Reichert</surname>
          </persName>
        </author>
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            <idno>1859454801</idno>
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        Der

Einfluß des Deutschen Sollvereins

1834 bis 1918

auf die deutsche Eisenwirtschaft

Von

Or, J. W. Reichert

Düusse ldo rf
Verlag Stahleisen mb. 9,

150 31
        <pb n="2" />
        Alle Rechte,
nsbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen,
borbehalten
        <pb n="3" />
        Der

Einfluß des Deutschen Zollvereins

1834 bis 1918

auf die deutsche Eisenwirtschaft

Von

Dr. J, W. Reichert

Vortrag,

gehalten anläßlich der Mitgliederversammlung odes Vereins
Deutscher Eisen⸗ unoͤ Stahl-Industrieller am 17. Juni 1931

Düsseldorf

Verlag Stahleisen m,b. .
1931
        <pb n="4" />
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Der Einfluß des Deutschen Zollvereins (1834 bis 1918)3
auf die deutsche Eisenwirtschaft.

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8*

Wie im Leben der Menschen und der Bölker,
so taucht auch für die Wirtschaft von Zeit zu
Zeit die Schicksalsfrage auf, welchen Entwicklungszang
 sie einschlagen soll. Als vor über hundert
Jahren die Befreiungskriege und die Kontinental⸗
sperre zu Ende waren, da lautete die Schick—
salsfrage nicht nur, welche Form des poli—
ischen Zusammenschlusses, sondern auch, welche
Richtung der Wirtschaftspolitik die deutschen
Länder wählen sollten. Sollte man den Dingen
hren Lauf lassen, auf die Gefahr hin, den
heimischen Gewerbefleiß der Auslandskonkurrenz
zu opfern und als Ackerbaupolk auf magerem
Boden ein dürftiges Dasein zu fristen?
Für Deutschland, inmitten Europas gelegen
und oft zum Kriegsschauplatz gemacht, war diese
Frage zum mindesten für die Eisenwirtschaft
leicht zu entscheiden. Sie durfte nicht geopfert
werden. In Deutschland mag es damals 2500
bis 3000 Sütten- und Hammerwerke gegeben
haben. Die Eisenhütten waren über alle Ge—
»irge und über das Flachland zerstreute Klein—
etriebe, weitab von den großen Strömen und
Landstraßen. Diese Hütten waren durch sechzig
berschiedene Zollsysteme und durch zahlreiche
Ein-, Durch- und Ausfuhrverbote voneinander
zetrennt. Unter der Obhut der Landesfürsten
und der Kontinentalsperre hatten sie lange Zeit
eine gefährliche Konkurrenz kennengelernt.
In diese heute fast wie ein Joͤyll anmutenden
Berhältnisse griff mit rauher Hand der aus—
ändische Wettbewerb, sobald Kriegsbedarf und
Einfuhrsperre zu Ende waren. Englisches Eisen
drang damals wohl erstmals in größeren Mengen
ins Inland und machte den Hüttenleuten das
deben sauer.
Das Königreich Preußen, seit 1815
um gewerbereiche Gebiete Westfalens und der
Rheinlande vergrößert, hatte unter dem aus—
ändischen Wettbewerb besonders schwer zu leiden.
Es proklamierte 1818 den „Schutz des inländischen
Gewerbefleißes“, und zwar mit Errichtung einer
gemeinsamen Außenzollinie von Oberschlesien

bis zur Saar bei gleichzeitiger Abschaffung der
Binnenzölle und der Akzisen. Durch die inneren
Verkehrsschranken und lasten waren lange Zeit
nicht nur die einzelnen Landesteile voneinander
zetrennt gewesen, sondern auch der Waren—
rustausch, selbst zwischen den in nächster Nacharschaft
 lebenden Stadt- und Landleuten, ver—
euert worden. Die Beseitigung der Schlagäume
 und Zwischenzölle befreite Erzeuger und
gerbraucher von manchen Lasten und von der
»erkömmlichen Marktenge und verschaffte ihnen
ine größere Unternehmungsfreiheit. Land—
traßen und Binnengewässer blieben zwar vorerst
zie einzigen Berkehrswege. Später aber er—
eichterte der Zusammenschluß der Kßollgebiete
m Sinne Friedrich Lists die zweckmäßige Linienührung
 der Eisenbahnen, wie diese umgekehrt
»en Wert des größeren gemeinsamen Markt—
zebiets erhöht haben.
Die großen Vorteile der inneren Verkehrs—
reiheit und der Markterweiterung veranlaßten
nach und nach die deutschen Staaten, ihre poli—
ischen Hemmungen zu überwinden und den
Zollanschluß an Preußen zu suchen. Bom Stand⸗
»unkt der Eisenwirtschaft aus betrachtet, bilden
ür die Entwickelung des preußischen Zollgebiets
um Deutschen Zollverein folgende Jahre wich—
ige Marksteine: Zuerst trat 1828 das Groß—
»erzogtum BHessen dem preußischen gSollgebiet
»ei und 1831 folgte das Kurfürstentum Hessen.
Damit war genau vor 100 Jahren erstmals ein
Zollverein geschaffen.
Die eigentliche Gründung des „geutschen
Zollvereins“ fällt in das FJahr 1833
nit dem Gewinn von Bayern, Württemberg,
Zachsen und Thüringen. Das war zwar zunächst
uur eine Teillösung. Aber wie heute namentlich
Frankreich und die Tschechossowakei gegen den
Zollunionsgedanken mit Osterreich toben, so
zeigten sich damals Frankreich, Engkand und
Isterreich für die Unabhängigkeit der deutschen
Länder liebevoll besorgt. Durch solche Ein—
nischungsmanöver ließ man sich jedoch damals

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        <pb n="5" />
        Sie Entwicklung des Gebiets des Deutschen Zollvereins 1834 bis 1888.

RESM-Preutlscher

 Zollvorbond vor I803
InSchlüussse am I. Janvar 18)94
von 7To03* bis 1644
7959
1862 und 186
1672
1484

qus land
—DDDDDDD
— ⏑—, ————

den Zusammenschluß nicht stören. Dann traten
1836 Baden und Bessen Nassau dem Sollverein
dei, 1842 folgten Braunschweig und Luxemburg,
1854 Sannover und Oldenburg und 1872 kam
Elsaß-Lothringen in den Verband des neuen
Deutschen Reichs und damit zugleich in den Zollerein.
 Es vergingen FJahrzehnte schwerer poli—
tischer Kämpfe und kriegerischer Verwickelungen,
bis schließlich 1888 mit dem Beitritt der Hansestädte
der Zollverein ungefähr die Ausdehnung des
Deutschen Reichs erlangt haͤtte.
Jede Erweiterung des Zollgebiets bedeutete
eine neue Ausweitung des Binnenmarktes, er—
öffnete neue Bezugs- und Absatzmöglichkeiten
und wurde so zu einem Segen für Stadt und
Land. Die Bepölkerung des deutschen
Zollgebiets zählte bei der Gründung des Zoll—
oereins 23 Millionen Menschen, 1871 rund
10 Millionen und 1915 fast 67 Millionen.
An der Eisenerzeugung gemessen
var der Beitritt Nassaus (1836) mit
fast 10 v. H. Zuwachs der damaligen Zoll—
oereinsgewinnung wichtiger als der Beitritt
Luremburas (184) mit etwa 3 p. H. und

Zannovers (1853) mit etwa 15 v. H. der
eweiligen Gesamterzeugung. Lothringen
dagegen hat 1872 einen Zuwachs von etwa
7 v. H. Roheisenerzeugung gebracht. Die
Aufnahme der großen Eisenreviere in den Zoll—
erein hat der Eisenwirtschaft manch schwieriges
Problem gestellt. Wenn nicht jedes Land zu—
zleich eine Eisenverarbeitung mit eingebracht
ätte, die auch bei Elsaß-Lothringen in dem
ortigen Maschinenbau nicht zu unterschätzen
var, dann wären wohl noch länger dauernde
Marktstörungen eingetreten.
Aber die Erweiterung des Hollvereins und
er Eisenerzeugung hat zunächst keine so schwie—
igen Probleme mit sich gebracht wie die Not—
vendigkeit des Übergangs von mittelalterlicher
u neuzeitlicher Betriebsweise. Kaum
var bis zu den sechziger Jahren des 19. Jahr—
underts die Anpassung an die Errungenschaften
er englischen Technik in vollen Gang gesetzt,
»a traten neue Umwälzungen in der Eisen⸗—
üttentechnik und in den Verarbeitungszweigen
nä Erscheinung, die den Erfolg jahrzehntelanger
Mühe wieder in Frage stellten.
        <pb n="6" />
        — 9—
Das Deutsche Zollgebiet und Deutsch⸗sterreich nach den Friedensverträgen.

eutsches —RX
acqettetene
Loligehiete
T oterreich
Auslond
srqehief

Am nachhaltigsten wirkten auf die Ent—
wickelung der Eisenwirtschaft die drei ver—
schiedenen Phasen der ZSoll- und
Handelspolitit des Zollvereins.
Denn diese gaben den Ausschlag in der Frage,
ob die Anwendung kostspieliger technischer Neue—
rungen und die Standortsverlegung eine Förde—
rung erfuhren oder ob diese Umstellungsnaßnahmen
 erschwert wurden. Für unsere
Betrachtung ergeben sich zunächst folgende drei
Zeiträume:
1. die ersten 20 Jahre 1834 bis 1854 mit ziel⸗
bewußter Schutzzollpolitik,
2. die folgenden 25 Jahre bis 1879 mit der
Neigung zu freihändlerischen Experimenten,
3. die letzten 40 Jahre bis 1918 mit der Wieder⸗
umkehr vom Freihandel zum Schutzzoll.
Längst war man vor hundert Jahren in
England beim Hochofen- und Frischbetrieb von
der Holzkohlen- zur Koksverwendung über—
»egangen und aus den entlegenen Wäldern zur
Steinkohle und Wasserstraße abgewandert,
während in Deutschland Kokshochöfen und

Puddelöfen noch eine Seltenheit waren. Nicht
ninder groß war der Vorsprung der
Engländer in der Verwendung des Eisens,
in der Entwickelung der Dampfmaschine, des
kisenbahn- und des Schiffbaus. Die englische
xisenerzeugung war zur Zeit der Zollpereinszründung
 etwa acht- bis neunmal so groß wie
ie zollvereinsländische und erfreute sich eines
iesigen Selbstkostenvorsprungs dank günstigerer
üttenstandorte und dank mustergültiger Technik.
Hätte damals eine Enquete über die Lage
»er deutschen Industrie und ihre Zukunfts—
iussichten stattgefunden, so hätten wohl die
intischwerindustriell eingestellten Wochenblättchen
nit einem Schein von Recht vor dem wahn—
vitzigen Abenteuer gewarnt, in Deutschland
doksroheisen erblasen und Maschinen bauen zu
vollen, da es England ja so viel billiger konnte.
Trotz der Überlegenheit hat England
einer Eisenindustrie lange Zeit einen hohen
Zchuntz angedeihen lassen. Ein völliges Ein—
uhrverbot für Roheisen begünstigte die Hoch—
»fenwerke bis 1823. In derselben Zeit stand der
Ztabeisenzoll auf der erstaunlichen Höhe von
        <pb n="7" />
        e6. 1I0. - (130 Marh) für die Tonne. Später
wurde der Zoll auf &amp;amp; 3. —.— (60 Mark) gesenkt.

Erste Periode des Zollvereins
(1834 1854).

In den deutschen Zollvereinsländern war man
im Zollschutz mäßig, obwohl man sich technisch
und wirtschaftlich im Rückstand befand. Beim
Abschluß des Deutschen Zollvereins 1834 über—
nahm man den preußischen Eisen—
zolltarif, da er vor allen anderen Ländern
die höchsten Zollsätze enthielt. Eine Ausnahme
bestand allerdings bei Roheisen, das, im Gegen—
satz zu andern Ländern, in Preußen als Roh—
stoff zollfrei eingelassen wurde. Für den preu—
ßischen Zentner von 110 Pfund hatte man
für Schmiedeeisen oder Gußwaren 1 Taler,
für Bleche und ODraht 3 Taler 20 Silbergr.,
für ordinäre Eisenwaren 6 Taler,
für feine Eisenwaren 10 Taler
Eingangszoll zu zahlen. Auf Tonne und Mark
umgerechnet machten die Zölle aus
kür Gußwaren, Stabeisen und Schienen
54 WMark,
für Bleche und Draht 90 Mark, n
für ordinäre Eisenwaren etwa 320 Mark,
für feine Eisenwaren 540 Mark.
Nach Serings „Geschichte der deutschen Eisenzölle“
 sind die ganz einfachen Maschinen mit
einem Zoll von 60 Mark, die wertvollen Ma—
schinen viel höher und Lokomotiven mit Tender
mit über 300 Mark die Tonne geschützt worden.
Die Eisenverarbeiter waren also reichlich bedacht
worden, während die Hochofenbesitzer leer
ausgingen.
Die Folge dieses Zolltarifs war, daß wohl
die fremde Fabrikateinfuhr unterdrückt wurde,
daß aber die Roheiseneinfuhr bedeutend blieb.
Die heimische Roheisenerzeugung konnte jahre—
lang an dem stark steigenden Eisenverbrauch
keinen höheren Anteil erringen. In der
Krise der vierziger FJahre riß das
ausländische Roheisen mehr als die Hälfte
des deutschen Bedarfs an sich. Es war die
Zeit, in der die Preise für die Tonne schottisches
Gießereiroheisen auf 2. -. — (40 Mark) ge—
drückt waren. Damals waren die deutschen
Hochofenwerke geradezu dem Ruin preisgegeben,
aber die Roheisenabnehmer, die Puddelwerke
und Gießereien nebst dem Handel und den Ver—
brauchern begrüßten diese Einfuhr. Das Schicksal
der Holzkohlenhütten schien bereits damals be—
siegelt zu sein, da wurde 1844 zur Abwehr des
ausländischen Wettbewerbs ein bescheidener
Roheisenzoll von lso Silbergroschen gleich

WMark für 110 Pfund oder von 18 Mark für
die Tonne eingeführt. Dem damaligen Antrag,
den Zoll für Schmiedeeisen einschließlich Eisenbahnschienen
 um 50 v. H. auf etwa 80 Mark zu
rerhöhen, trat ein Zollvereinsland mit der Be—
gründung entgegen, man könnte sonst zu einer
Ausdehnung der Schienenerzeugung schreiten,
wie sie vielleicht nur vorübergehend nötig, aber
icherlich nicht den bleibenden künftigen An—
forderungen entspräche. Das geschah im Jahre
1842. So hat man also bereits vor 90 FJahren,
in den Anfängen des Eisenbahnbaus, Sorgen
vor einer „Uberkapazität“ der Schienenwalzwerke
 gehabt! Professor Sering nennt das in
seinem Buch eine etwas „philiströs anmutende
Motivierung“. Die „Philister“ waren glücklicherweise
 in der Generalkonferenz des Zoll—
hereins in der Minderzahl und haben die Zoll—
»höhung nicht verhindern können.
Leider aber wurde ein neuer schwerer Fehler
begangen, indem Preußen im belgischen
Handelsvertrag u. a. eine Senkung des
an sich schon zu niedrigen Roheisenzolls um
50 v. S. eintreten ließ. Infolgedessen trat nun
belgisches zur Einfuhr von englischem Roheisen
hinzu. Der ungenügende Zollschutz für
Roheisen ist geradezu Tradition geworden.
Diese grundfalsche Zollbehandlung hat zweifellos
ahlreiche Holzkohlenhütten zu einem vorschnellen
Tode verurteilt und zugleich das Emporkommen
der Kokshochöfen erschwert. Bei der Umstellung
der Hochofenwerke auf Koks hinkte Deutschland
länger als ein Menschenalter hinter den eng—
lischen Fortschritten her.
Der Wechsel von der Holzkohlen- auf Koks—
perwendung hat allmählich Causenden von Wald—
hütten das Leben gekostet. Namentlich mittelund
 süddeutsche Eisenhütten wurden damals der
Zollpolitik zum Opfer gebracht, während die
Puddel- und Walzwerke, die Eisengießereien und
die sonstige Verarbeitung gut vorankamen.
Ferner wurde der Steinkohlen—
bergbau zum Leben erweckt, und Eisenhütten
wie Kohlengruben gaben der Eisenverarbeitung
dauernd große Aufträge. Fast alle Steinkohlen—
reviere blühten auf, an der Ruhr, Inde, Wurm,
Saar, in Sachsen, Ober- und Niederschlesien.
Lange Zeit war Deutschland nächst England
)as größte Kohlenland der Welt.
Waren in den Jahren 1834 bis 1850
14 Aktiengesellschaften für Berg—
bau- und BSüttenwesen mit einem Gesamt—
kapital von 25 Millionen Talern gegründet
worden, so sah das darauffolgende Jahrzehnt
75 neue Gesellschaften mit 8o Millionen Talern
neuen Kapitals entstehen; in jener Zeit haben
sich Eisenhütten erstmals mit Steinkohlengruben
        <pb n="8" />
        unternehmungsmäßig verbunden, wie es früher
mit Erzgruben und Waldbesitz gewesen war.
Es war zugleich die Zeit einer weitgehenden
Selbstkostensenkung und Preisverbilligung, die
dem wachsenden Eisenverbrauch, dem weitaus—
greifenden Eisenbahnbau, der Ausbreitung der
Dampfmaschinen usw. große Aufstiegsmöglich—
keiten verlieh. Das neue ZSeitalter hätte für die
Eisenwirtschaft glücklich verlaufen können, wenn
nicht — neben dem mangelhaften Roheisenzoll —
technische Erfindungen und politische Störungen
von neuem revolutionierend gewirkt haben
würden.

Zweite Periode des Zollvereins.
(1855— 1879.

Die Erfindungen Bessemers,
Friedrich Siemens“ und Martins
in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts
leiteten eine grundlegende Anderung der Staͤhl—
gewinnung ein. Ungefähr zur selben ßSeit ließ
man sich im Deutschen Zollverein zu gefährlicher
Kursänderung in der Zoll- und
Handelspolitik verleiten. Das allen
anderen Eisenländern weit überlegene England
hatte 1846 seine Eisenzölle abgeschafft und
predigte seitdem den Freihandel als den einzig
richtigen Weg wirtschaftlichen Fortschritts. Der
Freihandel wurde jahrzehntelang auch den wirt—
schaftlich zurückgebliebenen Ländern als das
Allheilmittel für alle Wirtschaftsnöte gepriesen,
mit einer Schlagkraft, wie es heutzutage etwa
mit den sozialistischen und kommunistischen Re—
zepten geschieht.
In die gleiche Zeit fiel das Begehren Öster—
reichs, in den Deutschen Zollverein aufgenommen
zu werden. Preußen aber fürchtete dadurch
seinen Einfluß und seinen Vorrang im Zollverein
zu verlieren; es schloß deshalb 1854 nur einen
Handelsvertrag mitösterreich ab.
Preußen schlug lieber eine freihändlerische Richtung
 ein, als daß es das stark schutzzöllnerische
österreich in den Zollverein hereingelassen hätte.
Die durch die antiösterreichische Politik Preußens
hervorgerufene Zollvereinskrise erreichte ihren
Höhepunkt, als Preußen 1802 mit Frank—
reich einen Handelsvertrag abschloß,
mit der Einräumung der Meistbegünstigung
weitgehende Zollermäßigungen verband und
kurz danach die Kündigung aller Zoll—
vereinsverträge aussprach.
Indes ließen sich die Zollvereinsländer auch
unter den veränderten handelspolitischen Ver—
hältnissen zu eine Berlängerung des
Zollvereinsvertrags herbei. Damit
war nicht nur eine politische Wendung von

——
zroßer Tragweite eingeleitet, sondern auch die —
Lage der Eisenindustrie erschwert, und zwar 5
im so mehr, als mit der Senkung der deutfcher
Lisenzölle die französischen staatlichen Ausfuhr ·
ergütungen zusammenwirkten und neben den
englischen und belgischen künftig auch noch
zroße französische Einfuhrmengen ins deutsche
Zollgebiet geworfen wurden.
So tauchte in der Mitte des vorigen Jahr⸗
zunderts erneut die Schicksalsfrage der
deutschen Eisenwirtschaft auf.
Die Freihandelspropaganda zog
Handel und Landwirtschaft, Presse, Parlament
und Regierung, ja selbst Industrielle immer mehr
in ihren Bann. Im Fahre 1869 kam es zu
Parlamentsanträgen auf weitere Senkung der
kisenzölle. Dies wiederholte sich 1870 und
1873. Die Freihandelspsychose war inzwischen
o weit fortgeschritten, daß damals der Abgeordnete
pon Behr im Reichstag ausrufen konnte: „Es
liegt mir nichts ferner, als die Notwendigkeit der
Aufhebung der Eisenzölle zu beweisen. Axiome
heweist man nicht. Unsere Gegner haben zu be—
veisen, ob es noch länger notwendig sei, das
kisen zu besteuern.“
Die Eisenindustriellen hatten es schwer, gegen
die Berherrlichung des Freihandels anzukämpfen.
vSeheimrat Stumm hat in einer Reichstagsrede
 von 1873 den internationalen Freihandel
nicht gerade abgelehnt, sondern ausgesprochen,
‚die deutsche Eisenindustrie würde sogar besser
ahren, wenn die Bauptkontinentalstaaten sich
zu einem für Eisen freien Zollgebiet vereinigen
würden“. Stumm bekämpfte aber zielbewußt
ein einseitiges freihändlerisches Vorgehen Deutschlands,
 namentlich im Hinblick auf Krisenzeiten,
vo der Freihandel höchst verderblich wirken
nüsse.
Nichtsdestoweniger wurde das Gesetz betreffs
Aufhebung der Eisenzölle, das im Jahre 1877
zu einer vollständigen Zollfreiheit führen sollte,
1873 innerhalb weniger Tage im Reichstag
urchgepeischt. Professor Sering geißelt diese
überhastete Gesetzesmacherei in seiner oben er—
vähnten Schrift, indem er ausführt: „Es be—
teht ein himmelweiter Unterschied zwischen der
»ehäbigen Art der alten Generalkonferenz des
Zollvereins, die die Geschäfte im Laufe von
acht bis zehn Monaten abzuwickeln pflegte, und
der fieberhaften Tätigkeit im Parlament, das
nnerhalb von acht Tagen die Aufhebung der
Lisenzölle entschieden hat.“
Kaum war die Zollaufhebung be—
chlossen, als die Krise der siebziger Fahre
hegann. Mit der Nachfrage stürzten die Preise
auf die Hälfte des höchsten Standes von 1873
und später noch tiefer. Die Baisse, von der
        <pb n="9" />
        Abgeordneter Stumm vor—
ausahnend gesprochen hatte,
mußte die deutsche Eisen—
industrie um so tiefer nieder—
ziehen, je mehr ausländisches
Eisen im Laufe der zollfreien
Jahre 1877 bis 1879 eindrang.
Trotz der Verstärkung der
heimischen Erzeugung durch
Lothringen in Höhe von
17 v. H. wurde damals bis
zu einem Drittel des Gesamt—
bedarfs von der ausländischen
Eisenindustrie gedeckt. In der
Zeit der höchsten Eisennach—
frage waren 379 Hochöfen im
Feuer gewesen, von denen
jedoch bald über 100 aus—
geblasen worden sind.
In der Krise wurde das
Nachlassen der Nachfrage nach
deutschem Roheisen um so
fühlbarer, als der Zollfreiheit
hereits eine Bedarfs—
wandlung vorangegangen
war. Die Bedarfswandlung
bestand darin, daß das in
Aufnahme gekommene Bes⸗—
semerstahlverfahren
phosphorarmes Roheisen be—
nötigte, das leider aus den
deutschen Erzen ohne Bei—
mischung fremder Eisensteine
nur schwer herzustellen war.
Daher ist das Bessemer—
verfahren, für dessen An—
wendung allmählich über 80
Konverter aufgestellt waren,
den deutschen Hüttenleuten
sehr unbequem gewesen.
Kaum hatte man sich in
größerem Maße zur Einfuhr phosphorarmer
Erze aus Spanien und sonstigen Mittelmeerländern
entschlossen und sich auf große Erzverträge ein—
gelassen, da konnte man aus England, das
Selbstversorger in geeigneten Hämatiterzen war,
das Bessemerroheisen viel billiger beziehen als
in Deutschland herstellen. Damals schien es,
als ob der Ruin der deutschen Roheisenindufstrie
nicht mehr aufzuhalten sei.
Die Krise der siebziger FJahre hat sich
nicht nur auf die Eisen schaffende Industrie,
sondern auch auf die Gisenverarbeitung
erstreckt. Wie in der Gegenwart Lokomotiv—
und Waggonfabrikanten über die Auftrags—
einschränkung der Eisenbahn zu klagen haben,
so war es auch damals. Statt 1400 Ma—

Roheisengewinnung im Deutschen Jollgebiet.
In 1000t Eogarithmischer Maßstab.)
20000 j
5
29/. 191
7

*

27 * 100

1834 waren vereinigt: Preußen, beide Hessen, Bayern, Württemberg,
Sachsen und Thüringen.
Der Beitritt der übrigen Eisengebiete ist

schinen bekamen zu jener Zeit die deutschen
Lokomotivfabriken von den inländischen Eisenbahngesellschaften
 nur noch 2850 jährlich in Auf—
trag. Ferner klagten die Gießereien, der Ma—
schinenbau sowie die Eisen- und Stahlwarenfabrikanten
 über den zunehmenden englischen
und amerikanischen Wettbewerb und auch über
die Wirkung der staatlichen Ausfuhrvergütungen
Frankreichs. Der Rückschlag war allgemein.
Die Imwvestierungen im Bergbau, Hüttenwesen
und in zahlreichen Werkstätten der Eisen—
perarbeitung wie fast in allen sonstigen In—
dustriezweigen schienen eine dauernde Über—
kapazität aufzuweisen. Im Lauf der Jahrzehnte
bis zum Jahre 1870 waren in der ganzen Wirt—
schaft 410 Aktiengesellschaften mit einem Kapital
        <pb n="10" />
        J

Fluß⸗ und Schweißstahlgewinnung im Deutschen Jollgebiet.
Eogarithmischer Maßstab.)
In 10006
20000
94 1191.
4394 197.

inmittelbar und mittelbar
in Nahrung gesetzte Gesamt—
velegschaft nahezu eine Million
Arbeiter betragen haben.
Großbritannien, das
damals die Hälfte der ganzen
Weltgewinnung in Eisen und
Stahl auf sich vereinigte, hatte
wegen seiner Beherrschung
des Welthandels eine noch
größere Stellung als heute die
Vereinigten Staaten von
Nordamerika. Mit 314 Pudbdel-
 und Walzwerksbetrieben,
über 7500 Puddelöfen und
)00 Walzenstraßen war Engsands
 Industrie 1875 viermal
so groß wie die unsrige. Je
mehr man sich mit der eng—
lischen Konkurrenz beschäftigte,
desto deutlicher stellte sich
heraus, daß ihre Haupttärke
 in dem natur—
zegebenen Vor—
sprung, nämlich in den
iahe beisammen gelegenen
Vorkommen von Erz und Kohle
und deswegen in der Wahl der
Standorte bestand, einem Vor—
sprung, den es vor der ganzen
Welt voraus hat. Nirgends
onst waren und sind die Fracht⸗
kosten für Rohstoffe so niedrig.
Wenn also Deutschland
auch keine Mühe und keine
Kosten gescheut hatte, der
englischen Eisenindustrie nach—
zueifern, so konnte man doch
in Deutschland weder an den eisenarmen Erzen
ioch an der ungünstigen geographischen Lage
von Erz zu Kohle etwas ändern. Die weit
boneinander gelegenen Kohlen- und Erz—
borkommen ließen sich auch durch die Eisenbahnverbindungen
 nicht näher zusammenrücken. Die
Transportkosten zwischen den Kohlen- und Erz—
revieren blieben nach wie vor teuer und be—
reiteten große Sorge. Deshalb trat das
Problemder Transportkosten gegenüber
den Sorgen um den technischen Fortschritt von nun
an stark in den Vordergrund. In Deutschland
berechneten sich die Borfrachten für die Roh—
eisengewinnung auf etwa den dreifachen Betrag,
den man in England zu bezahlen hatte. Nicht
minder bedeutend war lange Zeit der Vorsprung
Englands in billigeren Seefrachten für die Ausfuhr.
Die schwachen Seiten der deutschen Eisen—
industrie konnten für ihre Zukunft das Schlimmste

10000

—

Fluß- und-—XREXI

—

8000

6000
5000

—

4

1000

—
7

Pot·

4000

1865. 180

3000

2000

1500

fFluß. und S*

1000

800

300
500

100

300

200

150

100

von insgesamt 3 Milliarden Mark gegründet
worden. Die in den folgenden vier Jahren
allein vorgenommenen 857 Neugründungen
von Aktiengesellschaften rechneten mit ins—
gesamt 4,3 Milliarden Mark. Die ausländische
Kapitalbeteiligung am Aufbau der deutschen
Industrie war nicht gering.
Die Arbeiterzahl betrug 18785 in Erzgruben
 und Eisenhüttenbetrieben 140 000 Mann,
in Eisengießereien und Emaillierwerken 34000,
in der Maschinen-,, Werkzeug- und Apparateindustrie
 184 000 Mann und in der Eisen- und
Stahlwarenindustrie einschließlich Handwerk
317 000 Mann. Das macht zusammen 6485 000
Arbeiter. Rechnet man die von den erwähnten
Industriezweigen im Kohlenbergbau, in den
sonstigen Hilfsgewerben sowie namentlich im Ver—
kehrsgewerbe Beschäftigten hinzu, so dürfte
schon damals die von der Eisenwirtschaft
        <pb n="11" />
        40 —

»efürchten lassen, wenn es
nicht gelang, aus der Not
eine Tugend zu machen.
Diesen und andere Vach—
eile der deutschen Eisen—
nndustrie hat die Enquete
des Jahres 1878
deutlich erwiesen. Trotzdem
zlaubten auch damals — wie
heute — gewisse Publizisten
nicht an die naturgegebene
ungünstige Lage unserer
Eisenindustrie, sondern sie
zgaben ihrer durch keinerlei
Sachkenntnis getrübten Mei—
nung Ausdruck, daß „die
Industrie mit übermäßiger
Anlagenausdehnung und
falscher Finanzierung ihre
schlechte Lage selbst ver—
schuldet“ habe. Gluͤcklicherweise
 kam die Enquete von
1878 zu richtigen Schluß—
folgerungen, vor denen wir
heute noch Hochachtung emp⸗
finden. Sie zeigte die Not—
wendigkeit, der deutschen
Eisenindustrie den heimischen
Markt zu sichern. Sonst hätten
alle Erfolge des Sollpereinszusammenschlusses,
 des Eisenbahnausbaus
 und vor allem
die der neuen Reichsgründung
aichts genutzt. Unternehmer
und Arbeiter zogen zusammen
an einem Strang und ver—
langten die Wiedereinführung
der Zölle. Die ersten an den
Reichstag gerichteten Peti—
tionen, die eine Hinaus— — — W
schiebung der Eisenzollauf⸗- 1860 1870 1880 18900 19000 1910 1920 1929
)ebung perlangten, hatten H Seit 1012 ausschl. Stahlgießereien.
leider nichts erreicht. Am *) Seit 1012 einschl. Stahigleßereien.
l. Januar 1877 waren alle ***) In „Stahl -und Walzwerke“ mitenthalten.
Lisenzölle der Eisen schaffenden
Industrie gefallen und nur ein Rest von Schutzzoll
für einen Teil der Eisenverarbeitung, nämlich
für die feinen Eisen- und Stablwaren. erhalten
zeblieben.
Es bedurfte erst einer lebhaften Propaganda
des zu diesem Zweck gegründeten jungen BVer—
ezins Deutscher EGisen-und Stahl—
Izndustrieller sowie des Central-—
verbands Deutscher Industrieller,
um Regierung und Reichstag 1879 zur Wieder—
umkehr vom Freihandel zum Schutzzoll zu be—
vegen. Anden Namen Bismar ist das un—

Deutsches Zollgebiet.
Arbeiterzahl in den Hochofen⸗, Stahl⸗ und Walzwerken
sowie in den Eisengießereien.
        <pb n="12" />
        11

Deutsches Zollgebiet.
Arbeiter im Steinkohlen⸗ und Eisenerzbergbau.

rganisatorische und technische
Zonderleistungen der deutschen
hůttenleute.
Hatte das Puddelverfahren
u einer Zusammenlegung von
Stahl-und Walzwerken und
nur vereinzelt zur Angliederung
»on Bochöfen und Zechen ge—
ührt, so legte das Thomas—
erfahren den Erwerb von
Minettefeldern und den Aus-»au
 gemischter Werke
iahe. Das bedeutete für
Puddelverfahren und reine
Walzwerke den Todesstoß.
Ferner verursachte diese
Neuerung, nachdem früher
chon die alten Holzkohlen—
zütten aufgegeben worden
varen, eine abermalige Opfe—
ung vieler Betriebsanlagen.
die Standortsver—
egung begann von neuem,
obald die eisenarmen Erze
»er Minette für den Hütten—
»etrieb lohnender wurden.
Jetzt erst erwiesen sich der
Ziegespreis Elsaß-Lothringen
nit seinen Erzfeldern und die
duxemburger Bodenschätze als
Sewinn für die deutsche Eisenndustrie.
 Von nun an ent—
tanden aus der gegenseitigen
Anziehungskraft von Minette
und Steinkohle mächtige Pro—
oleme.
Mit der Verfrachtung von
minette zur Kohle oder mit der
Reise der Kohle zum Erz
tanden im engsten Zusammen⸗
hang die Bemühungen, die
auf eine Verbilligung
der Rohstofftransporte auf den Eisen-»ahnen
 und den Wasserstraßen gerichtet waren.
rdeider war es den deutschen Eisenindustriellen nicht
ergönnt, stärkeren Einfluß auf die Privateisen-»ahnen
 zu gewinnen, wie es z. B. in den Ver—
inigten Staaten von Nordamerika der Fall
var. Daher wurde dort trotz riesiger Ent—
ernungen die lebenswichtige Verbilligung der
Fransportkosten gelöst. In Deutschland aber
am es mit der Verstaatlichung der
Sisenbahnen bald zu politischen Einflüssen
m Güterverkehr, die neben ihren guten leider
uuch gewisse schlechte Seiten hatten. Die Ver—
einheitlichung des deutschen Eisenbahnsystems ist
edoch unverkennbar eine Tat gewesen, die in

Bis 1911 mittlere Belegschaft,
eit 1912 berufsgenossenschaftlich Versicherte.

00 000

00 000

300 000

—300 000

100000

kohlenber

300 000

2001000

100000

—E

1860

270

1880 1890 1900

910 1920 1929

Luxemburg reichlich vorhandenen phosphor—
haltigen Erze zur Thomasstahlbereitung der
Weg geebnet. Daher kann man 1879 als
das Jahr der Wiedergeburt der deutschen Eisenund
 Stahlindustrie bezeichnen.

Dritte Periode des Zollvereins
0187909 1918).

Ausgerüstet mit Schutzzöllen und Thomas-»erfahren
 schritt man zum neuen Aufbau der
Eisenwirtschaft, unbekümmert um alle Unken—
uufe der Freihändler. Der Selbsterhaltungs—
trieb verlangte jedoch gegenüber einem weit
überlegenen Wettbewerber Sparsamkeit sowie
        <pb n="13" />
        12 —

——⸗

Verdienste der Hüttenarbeiter.
Tages⸗Durchschnittsverdienst der Arbeiter auf der Gußstahlfabrik Krupp.
Stunden⸗Durchschnittsverdienst der Gesamtbelegschaft auf den Hüttenwerken von Arbeitnordwest.

Mark / Tag

Vfq./Stunde

100

90

0

unden⸗
urpxhnins
verdiensf
NMordwest“

70

30

30

4

chsehnifisve rdionst
((Krupp)

10

30

0

10

1850 1880 1870 1880 1890

hrer Bedeutung der Schöpfung des ßollvereins
an die Seite gestellt werden kann. Das ein—
zeitliche Zollgebiet ist erst dank einer groß—
zügigen Verkehrspolitik zu neuen, ungeahnten
Entwickelungsmöglichkeiten geführt worden. Der
Eiserne Kanzler wollte, daß die Eisenbahntarifund
 wverkehrspolitik im zielbewußten Zusammenvirken
 mit der Zoll- und Bandelspolitik die
deutsche Wirtschaft stärken sollte.
Als Großlieferanten und Massenverfrachter
standen die Hüttenwerke von jeher in besonders
engen Beziehungen zu den Eisenbahnen. Trotzdem
 verschlossen sich die Staatseisenbahnverwal⸗
tungen bedauerlicherweise wichtigen Wünschen
der Eisenwirtschaft, namentlich hinsichtlich der
Rohstofftarife.
Die zwangsläufige Folge davon war, daß
die Eisenhüttenwerke sich auf den Wasser—
traßen ihre Betätigung ausbauten, in eigenen

1900 1913 1924 1550
I. I.
Halbjiahr

i)

häfen und Verladeeinrichtungen und dergl. Er—
parnismoͤglichkeiten suchten. Oaher rührt auch
ieben mittel- und ostdeutschen Kanalwünschen
her Gedanke des Ausbaus der Mosel und der Saar,
»in Antrag, der bald von nordwestlicher, bald von
üdwestlicher Seite stärker betrieben worden ist.
Die Ablehnung der Moselkanalisierung wie
zewifser Ausnahmetarifwünsche hatte die Wirkung,
aß im Südwesten des Zollgebiets die Eisenhütten
usehends vergrößert und vermehrt wurden. Selbst
die nordwestliche Eisenindustrie beteiligte sich
tark am Ausbau der lothringischen und luxem⸗
urgischen Hütten.
Die Standortsfrage hat gegen Ende des
»origen Jahrhunderts auch in Rheinland-Westalen
 ein neues Gesicht bekommen. Mangels
zenügender eigener Erze, wie sie im Sieg-,
Lahn- und Oillgebiet gefördert wurden, mußte
nan auf möglichst billige Herbeischaffung von
        <pb n="14" />
        13

Jahresverdienste auf den Hüttenwerken.
Jahres⸗Durchschnittsverdienst der berufsgenossenschaftlich
Versicherten (einschl. Angestellter) in der Rheinisch⸗West⸗
älischen Hütten- und Walzwerks-Berufsgenossenschaft.
Mark / Jahr Mark / Jahr
3000 3000

—

2800

2800

2600

2600

2400

2400

2200

2200

2000

2000

1800

1800

1600

1600

1400

400

1200

200

1000

10000

800

300

300

300

100

100

200

200

36 0
1885 1890 1900 1913 1924 1929

Minette und auf den Fernbezug ausländischer
Erze aus Nord- und Südeuropa, aus Afrika,
Asien und Amerika bedacht sein. Man rückte
deshalb immer näher an die Wasserstraßen des
Rheins und der Kanäle heran, um für die über
die Rheinseehäfen und Emden bezogenen Erze die
Eisenbahnfrachten zu sparen.
Die seit Jahrzehnten zu beobachtende Ratio—
nalisierung in der Standortwahl, in der tech—
nischen Ausrüstung der Werke, in der Ver—
besserung des Rohstoffbezugs und der Heran—
—
arbeiter hat allein nicht genügt, um den Be—
stand der deutschen Hüttenwerke zu sichern und
die fremde Konkurrenz einzuholen. Denn es
wuchsen infolge der Konzentration von Hütten
und Zechen sowie von Verarbeitungsbetrieben
Kapitalbedarf und Risiken. Es wuchsen ferner
die Ansprüche der Arbeitnehmer und die gesetzlichen
 Lasten. Das Streben nach Sicherung des
Errungenen und nach stetiger Entwickelung führte

u lebhafterer Pflege der Zusammenschlüsse.
hatte doch auch die deutsche Eisenindustrie
iatürlich viel länger gebraucht, die Krise der
iebziger Jahre zu überwinden, als es in Wirt—
chaftsländern alten und großen Wohlstands der
Fall war. In den Geschäftsergebnissen der
neisten Hütten läßt sich die furchtbare Krise bis
um Ende der achtziger Jahre verfolgen. Lange
zeit kam man aus Verlusten, Aktienzusammen—
egungen und Kapitalneuaufnahmen nicht heraus.
Verkaufsvperbände (Syndikate und
dartelle), wie sie seit 18940 und in stärkerem Maße
eit 1885 geschaffen wurden, versagten. Erst die
vründung des Kohlensyndikats im Jahre 1803,
dann des Roheisenverbandes 1807 und schließlich
des Stahlwerksverbandes im Jahre 1904 zeigten
endlich den richtigen Weg.
Der Zusammenschlußgedanke, der auch frei—
»ändlerischen Ländern keineswegs fremd war,
hat in ODeutschland tiefere Wurzeln geschlagen
als anderswo. Die Tatsache, daß die Selbst—
kostenunterschiede zwischen den Werken im Nord—
vesten, Südwesten, in Mittel-, Ost- und Süd—
deutschland sehr groß waren, zeigte die Not—
vendigkeit, die Verständigungen im Berbandsvesen
 über den ganzen Bereich des Zollvereinszebiets
 auszudehnen. Die Ausdehnung des
zollgebiets von Luxemburg bis nach Ober—
chlesien führte zu großräumigem Denken und zu
zroßzügigen Eisenverständigungen, die vielfach
inderen Wirtschaftszweigen als Vorbild gedient
»aben. Es spricht für die Größe der Leistung,
»aß die stärksten Führerpersönlichkeiten zur
Milderung des Wettbewerbs, zum Abschluß eines
Beruffriedens, einander die Hände gereicht haben.
Als die alten Kraftpole der deutschen Eisen—
ndustrie könnte man nennen: Zollverein und
deutsches Reich, zielbewußte Schutzpolitik,
donzern- und Kartellbildung, Eisenbahnen und
echnischen Fortschritt und nicht zuletzt weit—
lickende Unternehmer und tüchtige Arbeitnehmer.
Wären uns Krieg und Friedensdiktate erspart
zeblieben, dann hätten Deutschlands Eisenndustrielle
 trotz ungünstigerer natürlicher Ver—
»ältnisse mit kunstvoller Technik und großzügiger
Irganisation eine in jeder Beziehung muster—
zültige Industrie aufbauen können. Hatten wir
»och schon zu Beginn dieses Jahrhunderts
nanchem englischen Industriezweig unsere Über—
egenheit bewiesen und dazu den Vorsprung vor
inderen europäischen Eisenindustrien gewonnen.
Wer die Ergebnifse der Soll—
»ereinspolitik in wenigen Zahlen zu—
ammenfassen will, wird feststellen müssen, daß
die Roheisenerzeugung vom FJahre 1834 bis 1918
ↄon 110 000 Tonnen auf 19,3 Millionen Tonnen,
die Rohstahlgewinnung aus kleinen Anfängen
        <pb n="15" />
        14

bis zum FJahre 1918 auf 18,9
Millionen Tonnen gestiegen ist.
Die Zahl der Arbeiter, die im
Jahre 1913 im Erzbergbau,
Hochofen-⸗, Stahl- und Walzwerken
 beschäftigt worden sind,
betrug annähernd 2800000 Mann,
diejenige der Eisengießereien
rund 150 000 Mann. Bierzu
wird man einen großen Teil
der Belegschaft des Kohlenbergbaues
 und der Verkehrsgewerbe
 hinzurechnen dürfen,
die vorzugsweise für die Eisen
schaffende Industrie beschäftigt
sind. Die Lage der Arbeiter
hat sich fast ständig verbessert.
Nach der Kruppschen Statistik
sind die Tagesdurchschnittsverdienste
 in den Jahren 1850
bis 1913 von 1,265 Wark auf
6 Mark angewachsen. Der
Jahresverdienst hat sich in den
Jahren 1888 bis 1913 nach der
Statistik der Hütten- und Walzwerksberufsgenossenschaft
 im
niederrheinisch⸗westfälischen Industriegebiet
 von unter 1000
Mark auf über 1700 bis 1800
Mark gehoben. Die Ausfuhr
bewegte sich schließlich in Milliardenwerten.
 Der Eisenverbrauch
 ist von 1834 bis
—D——
auf den Kopf der Bevölkerung
angewachsen.
Der größte Kraftbeweis der
Erstarkung der deutschen Eisen⸗
industrie wurde im Welt
zrieg erbracht. Bei Kriegsausbruch
 war die Leistungsfähigkeit
 der deutschen Eisen
schaffenden Industrie derjenigen
der drei westeuropäischen Feindesmächte gleich,
nämlich Englands, Frankreichs und Belgiens.
Wenn die deutschen Eisenkräfte zielbewußter,
namentlich frühzeitiger und voll eingesetzt worden
wären, dann wäre ein anderer Ausgang des
Weltkriegs wahrscheinlich gewesen.
Auf den Zusammenbruch folgte das
Friedensdiktat. Der ZSollverein wurde
zerschlagen, Luxemburg trat aus und schloß
mit Belgien eine Zollunion. Lothringen wurde
alsbald von Frankreich einverleibt und das
Saargebiet bis zum FJahre 1935 dem fran—
zösischen Zollgebiet zugeschlagen. Im Osten

In 10008
6500

Deutsches Zollgebiet.

Ein- und Ausfuhr von Eisen und Stahl
(ausschl. Maschinen und Fahrzeugen).

hH2

—*
1834 1840 1860

* 1 4
1860 1870 1880 1890 1900 1913 1925 1930

verlor die Eisenindustrie den wertvollen Teil
von Ostoberschlesien an Polen. Der Versailler
Bertrag hat der deutschen Eisenindustrie außer⸗
dem acht Zehntel ihrer deutschen Erzgrundlage
gekostet.
So ist seit 1834 zum vierten
Male die Schicksalsfrage für die
deutsche Eisenindustrie auf—
zeworfen worden. Daß infolge des
Versailler Vertrages und der Begünstigung der
französischen Eisenindustrie wie infolge der Er—
starkung der belgisch-luxemburgischen Eisen—
industrie nicht nur die deutsche, sondern auch
        <pb n="16" />
        5

In Kilo
gramm

240]

Deutsches Zollgebiet.
Eisenverbrauch je Kopf der Bevölkerung
in Kilogramm.
Bis 1870 nach Sering, dann Erhebungen des Vereins
Deutscher Eisen- und Stahl⸗Industrieller.)

20

200

180

——

160

140

120

00

30

30

1857 44 54 18600 1870 1880 1800

900

die englische Eisenindustrie schwer getroffen
worden ist, kann für Deutschland keine Ge—
nugtuung bedeuten. Für die neue Überlegenheit
 des französisch- belgisch- luxembur-—
gischen Wettbewerbs haben nicht nur die un—
menschlich harten Friedensbedingungen und die
Reparationssachlieferungen an Kohle und Koks
und die Verschleuderung der hervorragenden
deutschlothringischen Hüttenwerke an ihre neuen
französischen Besitzer gesorgt, sondern auch eine
kluge, zielbewußte Wirtschaftspolitik jener westeuropäischen
 Länder. So diktieren heute
die Eisenindustrien der Frankenländer die
Weltmarktpreise. die auf einem bisher un—

zekannten Tiefstand an—
gelangt sind. Leider liegt
zwischen Deutschland und
den Frankenländern kein
Armelkanal und keine Nord⸗
see als Grenze, die
den Wettbewerb mildern
könnten. Deswegen ist
das Schutzbedürfnis der
deutschen Eisenindustrie
gegen den neuen starken
Wettbewerb ungleich größer
als früher gegen die
englische Industrie.
Zieht man eine Bilanz
der Eisenwirtschaft in den
letzten hundert Jahren,
dann muß man feststellen,
daß man vielleicht erst
heute die Bedeutung der
rüheren Aktiva der Eisenund
 Stahlindustrie voll
uind ganz ermessen kann.
Für den Aufstieg der
deutschen Eisenindustrie hat
der weite Raum des frü—
heren Zollvereins mit dem
Saargebiet, Lothringen und
Luxemburg sowie Ostober⸗
chlesien eine große Rolle
zespielt. Dazu kam das
gesicherte Reich und seine
Wehrmacht, der die Eisenndustrie
 vieles zu verdanken
at. Es herrschten geordnete
Finanzen und eine zuver—
ässige Währung; man er—
reute sich ruhiger parteioolitischer
 Verhältnisse und
einer zufriedenen Arbeiterschaft.
 Heute dagegen wird
ast an allen Grundlagen von Staat und Wirt—
chaft von draußen und drinnen gerüttelt.
Wir müssen uns ferner eines grundlegenden
Unterschieds in der Führung der Wirtschaftspolitik
 von einst und jetzt bewußt
ein. Die frühere Entwicklung unserer Industrie
var nicht bloß abhängig von dem, was staaticherseits
 geschah; ihr Gedeihen war vielmehr
nuch davon abhängig, daß manches nicht geschah,
daß vieles unterlassen wurde. Es gab früher
eine weise Zurückhaltung des Staats gegenüber
der Wirtschaft. Das betrachten wir, die wir
iberzeugte Anhänger des kopitalistischen
Wirtschaftssystem sind, nicht als eine Unter—

— — —
1913 1925 1930
        <pb n="17" />
        2
109

assungssünde, sondern als einen Unterlassungsegen.

In dem vorrevolutionären Deutschland gab
es ferner Selbstzucht, Unter- und ÄÜüberordnung,
die von keinem Parlament und von keiner Partei
angetastet worden ist. Es herrschte weitgehende
Bewegungsfreiheit für die Unternehmer, und
zwar nicht nur in technischer und finanzieller,
sondern auch in organisatorischer Beziehung.
kẽs gab keine Sondergesetze, die sich gegen das
Koalitionsrecht der Unternehmer in Kartellachen
 gerichtet hätten. Man kannte früher auch
teine politisch diktierte Zwangsregelung der Löhne
nit ihren unhaltbaren Übertreibungen und dem
Übermaß der Sozialversicherung. Schließlich,
aber nicht zuletzt, kannte man keine verzehrenden
Steuerlasten und vor allem keine Tribute, eben⸗
owenig eine Mißwirtschaft in der öffentlichen
Finanzgebarung.
Heutzutage hört man oft das Lippenbekenntnis,
 daß die Rohstoffindustrie schonend
zu behandeln sei. Aber leider ist es eine Tat⸗
ache, daß die eine Hand des Staates unserer
Industrie mehr nimmt, als ihr die andere Hand
gegeben hat. Daher ist die Stellung der deutschen

kisenindustrie heute schwerer denn früher. Sie
ührt einen Kampf gegen zwei Fronten. Die
eine Front liegt im Ausland; es ist namentlich
die von Natur aus und durch die Politik be—
zünstigte Eisenindustrie in Frankreich, Belgien
und Luxembuͤrg. Die innere Front, die gegen
ie deutsche Eisenindustrie ankämpft, läßt sich
nicht so leicht bezeichnen; sie besteht jedenfalls
ius einer gewissen Presse und gewissen Parteien.
A
edingungen der Eisenindustrie kein Verständnis
»aben und alles Erdenkliche tun, die Lage der
*iisenindustrie zu erschweren.

Daher ergibt sich die schwere Aufgabe, die
rregeleitete öffentliche Meinung immer wieder
»on neuem aufzuklären und den Regierungen
n Reich und Ländern immer wieder die not—
vendigen zweckdienlichen Ratschläge zu geben.
Entscheidend aber für den Fort—
bestand und für den Wiederauf—
stieg der deutschen ESisenindustrie
ist der unbeugsame Wille, die
schwierigen Schicksalsfragen trotz
alledem zu meistern.
        <pb n="18" />
        <pb n="19" />
        <pb n="20" />
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
