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In diesem „Versuch“ unternimmt es der Verfasser, zu den
wichtigsten Problemen der gebundenen Wirtschaft Stellung zu
nehmen. Die Arbeit hat nicht die Aufgabe, das Wesen der
gebundenen Wirtschaft nach allen Richtungen hin festzustellen,
sondern sie will in den drei Kapiteln lediglich die bedeutsamsten
Erscheinungsformen und Auswirkungen dieser Wirtschaftsepoche
darlegen. Die Arbeit ist eben nur ein „Versuch“.
Der Verfasser befaßt sich schon seit längerer Zeit namentlich
mit der Frage, welche Bedeutung den Kartellen in der heutigen
Zeit zukommt. Er befindet sich hierbei in bewußtem Gegensaß
zu den bisher herrschenden Auffassungen, er haf das erste Mal
in der Nr. 6 des Jahrganges 1928 der „Kartellrundschau“ seine
Auffassungen vertreten, die in dieser Arbeit noch näher begründet
 sind.
Aus den folgenden Ausführungen geht hervor, daß der Verfasser
nicht ein Anhänger der Lehren Karl Marx’ ist, um so mehr muß
aber betont werden, daß die Lehren dieses Mannes selbstverständlich
 Berücksichtigung gefunden haben. Es ist traurig,
daß sein Geisteswerk noch immer nicht die Beachtung gefunden
hat, die es für die Beurteilung unserer Verhältnisse verdient,
und das mag vor allem wohl daran liegen, daß seine Auffassungen
politisch angeblich von Parteien wahrgenommen werden, welche
bis vor nicht zu langer Zeit Oppositionsparteien waren und
heute noch von den Unternehmer-Schichten lediglich als ihre
Gegner angesehen werden. Man soll sich aber doch von solcher
Beurteilung frei halten; man soll das Gute dort nehmen, wo es
ist. Marx war der bedeutendste Wirtschaftskritiker, den wir
wohl je gehabt haben, ohne ihn ist eine Behandlung wirtschaftlicher
 Verhältnisse einfach nicht denkbar. Schmalenbach hat dies
mit Recht s. Zt. betont. Wenn wir uns Mühe geben, das, was
Marx wirklich geschaffen, ohne Rücksicht darauf, daß gewisse

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        Darteien angeblich seine Ideen vertreten, zu verarbeiten und uns
zu eigen zu machen, dann werden wir sicher weiter kommen.
Da es sich in der vorliegenden Arbeit um einen „Versuch“ handelt,
hat es der Verfasser nicht für nötig gehalten, Belegstellen beizubringen.
 Für den Kenner sind sie nicht nötig, der Leser im
allgemeinen aber wird durch sie nur gestört. Die Aufgabe dieser
Schrift soll darin bestehen, gewisse Erscheinungen der heutigen
Wirtschaftsepoche zu beleuchten, sie dadurch klarzulegen, und
hoffentlich Anregung zu einer weiteren Diskussion zu geben.

Der Verfasser.
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I. Gebundene Wirtschaft und Kartelle.

1. Es klingt trivial und muß doch immer bei einer Untersuchung
wirtschaftlicher Probleme betont werden, daß wirtschaften die
Befriedigung menschlicher Bedürfnisse bedeutet. Mag diese
Befriedigung in lange zurückliegenden Zeiten in der einfachsten
Weise vor sich gegangen sein, mag in der heutigen Zeit bei
den verwickelten Verhältnissen, in denen diese Befriedigung
stattfindet, der Ueberblick über die Wirtschaft sowohl in ihrer
Gesamtheit wie auch selbst in ihren einzelnen Teilen sehr
erschwert sein, die Grundlage ist und bleibt immer dieselbe
und im Endergebnis muß jede Betrachtung immer wieder auf
diesen Ausgangspunkt zurückführen. Es ist also die Produktion
 das Wesentliche; wie diese gestaltet ist und sich
auswirkt, kennzeichnet die Wirtschaft in ihren jeweiligen Erscheinungsformen.
 Selbstverständlich ist der Zweck der
Wirtschaft, durch die Produktion für die Konsumtion die nötigen
Mittel zu schaffen. Aber eine Konsumtion seöt eben stets
und ausnahmslos die Produktion voraus. Eine Wirtschaft
lediglich vom Standpunkt der Konsumtion aus zu befrachten,
erscheint demnach schon aus logischen Gründen immer verfehlt.
Damit soll keineswegs gesagt sein, daß die Erscheinungen
der Organisation der Konsumtion, die Art und Weise wie
sie erfolgt, die Einflüsse, die sich nach dieser Richtung hin
geltend machen, nicht ebenfalls der Aufklärung bedürfen, es
ist sogar häufig von größter Bedeutung, diesen Teil des
Wirtschaftslebens genau zu untersuchen, aber im Endergebnis
wird eine solche Untersuchung immer einseitig und mit Fehlern
behaftet sein, wenn sie sich ihres Ausgangspunktes, der
Abhängigkeit von der Produktion, nicht bewußt bleibt.
Bei der Produktion müssen wir uns aber weiter stets vergegenwärtigen,
 einmal, daß sie grundsäbßlich Beherrschung
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        der Natur im weitesten Sinne des Wortes ist, also Macht
und weiterhin, daß der einzelne Mensch entsprechend seiner
Natur niemals in der Lage ist, allein und auf sich angewiesen
diese Macht auszuüben. Dies vermag nur der in irgend einer
Form organisierte Mensch, also der mit anderen zusammen
produzierende Mensch. War es in früheren Zeiten die Sippe,
späterhin die sich aus dieser entwickelnde Dorf- und Markgenossenschaft,
 so ist es in der heutigen Zeit die organisierte
Volkswirtschaft, welche die Produktion betreibt. Also Macht
ınd Organisation sind die Grundelemente der Wirtschaft. Es
gibf keine Wirtschaft, es gibt kein wirtschaftliches Leben, in
welchem diese beiden Elemente fehlen. In der Praxis gehen
sie Hand in Hand, für die theoretische Untersuchung mag
es sich empfehlen, sie unter steter Berücksichtigung des
Umstandes, daß sie in der Praxis unzerfrennlich sind, einzeln
zu untersuchen.

Vergißt man diese Tatsachen bei der Beurteilung heutiger
wirtschaftlicher Verhältnisse, so wird man leicht zu Fehlschlüssen
 kommen, insbesondere dann, wenn man einseitig
wirtschaftliche Erscheinungen lediglich vom Standpunkt der
Konsumtion aus betrachtet

2. Auch für das Kartellproblem gilt das oben Gesagte. Seit wir
eine wissenschaftliche Bearbeitung des Problems kennen, ist
es merkwürdigerweise nur unter dem Gesichtspunkt der
Konsumtion behandelt worden. Die Einstellung erfolgte grundsäbßlich
 daraufhin, die Erscheinungen des Kartellwesens als
eine Folge der Konsumtion zu dem Zweck der Beseitigung
der Konkurrenz anzusehen, die Kartelle also lediglich unter
dem Gesichtswinkel der Konsumtion zu betrachten; sie hat
weiterhin als Kriterium des Kartells die monopolistische Beherrschung
 des Marktes, zum mindesten aber die Marktbeeinflussung
 angesehen, also ebenfalls wiederum die Konsumtion
als das Maßgebende in den Vordergrund gestellt. Bei dieser
Sachlage kann es nicht wundernehmen, daß über das Wesen
der Kartelle, ihre Bedeutung für die Wirtschaft, ihre Auswirkung
 im Wirtschaftsleben, sich Anschauungen geltend
machen, welche nicht zur Klärung, sondern eher zur Verschleierung
 des Problems führen, es ist eben immer vergessen
worden, dieses auch von der Produktionsseite her zu unter-
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        suchen. Mag auch hier und dort der Versuch unternommen
worden sein, den Nachweis zu führen, daß Kartelle auch
produktionsfördernd sein können und sind, so geschah das
doch auch stefs in der Absicht, die Angriffe gegen die Kartelle,
die von seiten der Konsumtion aus erhoben wurden, zu entkräften
 und den Nachweis zu führen, daß selbst ein wahrhaft
monopolistisches Kartell keineswegs produktionshindernd
wirke. Es ist aber niemals versucht worden, das Kartellproblem
bewußt von der Produktionsseite in dem oben ausgeführten
Sinne zu behandeln. Wenn dies geschieht, dürfte sich eine
Klärung eher ermöglichen lassen, weil damit eben die Untersuchung
 auf eine Grundlage gestellt wird, die, wie ausgeführt,
für jede Betrachtung des Wirtschaftslebens maßgebend ist.

5. Wirtschaft wird nicht künstlich gemacht, sondern sie entwickelt
 sich grundsäßlich aus der Art und Weise, wie produziert
wird. Wenn aus irgend welchen hier nicht zu erörternden
Gründen die technischen und menschlichen Kräfte, die einer
bestimmten Wirtschaftsepoche ihr Kennzeichen aufdrücken,
sich ändern, wenn diese Veränderung eine solche Entwicklung
nimmt, daß die bis dahin bestehenden, ihnen entsprechenden
Rechtsverhältnisse diesen wirtschaftlichen Kräften nicht mehr
entsprechen, dann wird es eben — über dieses Ergebnis der
materialistischen Geschichtsauffassung kommen wir nichf
hinweg, ohne daß man die sonstigen Folgerungen aus ihr
ziehen muß, die mif ihr häufig verknüpft werden — zu einer
wirtschafflichen Umwälzung kommen, die regelmäßig durch
wirtschaftliche Untersuchungen angekündigt wird.

Wir wissen heute von der unrichtigen Auffassung eines Adam
Smith, daß die sogenannte merkantilistische Epoche nicht
ein eigentliches Wirtschaftssystem im heutigen Sinne darstellt,
daß sie in ihren Erscheinungsformen in den verschiedenen
Ländern namentlich des westlichen europäischen Kontinents
jeweils eine andere Gestaltung annahm, überdies auch nicht
gleichzeitig sich entwickelte und ablief, sondern gleichzeitig
Entstehung von Volkswirtschaft und Staatsbildung bedeutet,
und zwar, wie Schmoller ausgeführt haft, Staatsbildung in
dem modernen Sinne, die staatliche Gemeinschaft zu einer
Volkswirtschaft zu machen. Zunftwesen, Manufaktur im volkswirtschaftlichen
 Sinne, beginnendes Verlagssystem, Aus-
        <pb n="8" />
        dehnung der Schiffahrt, insbesondere infolge der Neuentdeckungen,
 Einströmen der Edelmetalle aus Amerika und
Indien, alle diese Faktoren wirkten auf der Grundlage der
noch bestehenden landwirtschaftlichen Feudalwirtschaft in
ihrem Zusammenwirken dahin, daß sich in den einzelnen
Staaten Westeuropas jept Volkswirtschaften entwickeln, die
als merkantilistische bezeichnet werden, für die es eine einheitliche
 Auffassung nicht gibt, und für welche die französische
Wirtschaftsschule der Physiokraten, die doch gerade hauptsächlichsten
 Anlaß hatten, diese Verhältnisse zu untersuchen,
übrigens nicht den Ausdruck Merkantilismus, sondern regime
reglementaire verwendet. Wenn wir bedenken, daß grade
nach heutiger wissenschaftlicher Auffassung von einem einheiflichen
 System in der damaligen Zeit, also bis etwa zur
Mitte des 18. Jahrhunderts, nicht gesprochen werden kann, dann
erscheint uns gerade diese Bezeichnung, wenn man sie
namentlich als charakteristisch für eine Ordnung einer
werdenden Epoche ansieht. besonders bedeutsam.
In der Auseinandersebung mit diesen wirtschaftlichen Verhältnissen,
 als dann der Frühkapitalismus, insbesondere ein
immer ausgedehnteres Verlags- und Manufaktursystem bereits
seine Wirkungen zeigte, als die Verwendung des Dampfes
zuerst in den englischen Bergwerken stattfand, als die überkommene
 Bewirtschaftung des Bodens den Anforderungen
einer neueren Zeit nicht mehr entsprach, da haben die
Physiokraten zum ersten Male ein wirtschaftliches System
begründet, auf dem dann Adam Smith weiter baut. Gerade
des Legpteren Lehren, die wie immer wieder betont werden
muß, kommen mußten, weil die wirtschaftlichen Verhältnisse
eine solche theoretische Begründung verlangten, haben dann
wieder ihrerseits auf die weitere wirtschaftliche Entwicklung
eingewirkt, was ja naturgemäß ist, wenn man bedenkt, daß
ganze Generationen der Verwaltungsbeamten eines Staates
von diesen Lehren erfüllt wurden, so wie es heute wieder
mit anderen Lehren geschieht.

Smith geht bewußt von der Produktion aus, er sieht in der
Freiheit des Einzelnen von allen Bindungen, in der Möglichkeit,
 seine wirtschafflichen Kräfte frei zu entwickeln, zu
produzieren, wo und wie er will, die Grundlagen der Wirtschaft.
        <pb n="9" />
        Das entsprach auch den damaligen Produktionsverhältnissen.
Die Technik war bereits soweit fortgeschritten, daß der
Produzent sich infolge zu sehr einengender, beschränkender
Maßnahmen der Verwaltung nicht mehr in der Lage sah, so
zu produzieren, wie es der Bedarf verlangte. Dazu kam, daß
insbesondere in England, aber auch in Frankreich sehr viel
Arbeitskräfte aus den bekannten, hier nicht zu erörternden,
Gründen frei wurden, welche nur dann Aussicht hatten, ihren
Lebensunterhalt zu erwerben, wenn sie in der Industrie Beschäftigung
 fanden. Von Bedeutung war auch insbesondere
wieder in Frankreich, daß als Folge der Revolution bisher
gebundener Boden in den freien Verkehr gelangte, sodaß die
drei Produktionsfaktoren:

Grund und Boden, Kapital und Arbeit

zum ersten Male die Gelegenheit hatten, sich im allgemeinen
Zusammenwirken zu entwickeln. Jede Beschränkung dieser
Entwicklung mußte damals als eine Behinderung der Volkswirtschaft
 überhaupt angesehen werden, und es erschien
deshalb den führenden Geistern und Persönlichkeiten der
damaligen Zeit als der Weisheit lepter Schluß, die von allen
Bindungen namentlich rechtlicher Art befreite Produktion, den
ungehinderten Erwerb von Grund und Boden, die uneingeschränkte
 Bildung von Kapitalen, die Freizügigkeit der
Arbeiter, den, lediglich auf die Bestimmungen des, nur die
Interessen des Unternehmers schüßenden, Privatrechts abgestellten
 Lohnvertrag des Einzelunternehmers mit dem
einzelnen Arbeiter als das Endziel der Entwicklung überhaupt
anzusehen. Der Einzelne als solcher sollte so frei wie möglich
 dasfehen, ihn sollten keine Bindungen irgend welcher
Art daran hindern, sich so zu betätigen, wie er es für richtig
hielt, er sollte auch durch die Rechtsordnung die Möglichkeit
haben, sich wirtschaftlich in vollster Freiheit zu bewegen.
Jeder Zwang, der diesem privatwirtschaftlichen Streben auferlegt
 wurde, war nach damaliger Auffassung vom Uebel.
Wenn jeder in der Lage war, seine Interessen nach seinen
Kräften wahrzunehmen, war nach dieser Betrachtung die Voraussebung
 gegeben, daß die Volkswirtschaft sich harmonisch
gestalte. Wirtschaftlicher Invidualismus, politischer Liberalismus
 und freieste Entwicklung der Persönlichkeit in kultureller

Pa
        <pb n="10" />
        Hinsicht sind die verschiedenen Ausdrucksformen der zu
Grunde liegenden Produktionsgestaltung, wie es in früheren
Jahrhunderten unter anderen Verhältnissen Reformation und
Renaissance waren. Daß diese Entwicklung nicht eine absolut
einheitliche war, daß starke Bestandteile vergangener Zeiten
nicht ohne weiteres restlos verschwanden, ist die Folge eines
allgemeinen geschichtlichen Vorganges, der hier nicht ausgeführt
 werden kann; es gibt niemals einheitliche Klassen
einer neuen Zeit, sondern immer nur neben- und übereinander
lagernde Schichten, die aufeinander wirken und mehr oder
minder fest verbunden sind. (Zu vergl. die Ausführungen,
die der Verfasser in der Schrift: „Der kommende Hochkapitalismus“
 dieserhalb gemacht hat.) Nebenbei sei bemerkt,
daß anscheinend auch als historisches Geseß zu gelten hat,
daß neu aufkommende Schichten, vor allem das Bürgertum,
die Sitten und Anschauungen der bis dahin herrschenden
Schichten annehmen, die sie zum großen Teil wenigstens
verdrängen. Der siegreiche, auf niedrigerer Zivilisationsstufe
stehende Germane wurde romanisiert, der kräftigere Mandschu
zum Chinesen, das Bürgertum des westeuropäischen Kontinents
paßte sich den Anschauungen und Auffassungen des Feudaladels
 an. Die psychologische Ursache hierfür — es scheint
sich hier nur um eine solche, nicht um eine wirtschaftliche zu
handeln — kann hier nicht weiter erörtert werden.

A

Solange die drei Produktionsfaktoren genügende Möglichkeit
 hatten, sich zu entwickeln, solange genügend Boden
vorhanden war, um immer neue Produktionsstätten zu errichten
 und den ständig anwachsenden Arbeitsmassen Wohnung
zu schaffen, solange namentlich ohne verhältnismäßig zu
hohe Produktionskosten genügend fixes Kapital hergestellt
werden konnte, weil die Abbaukosten insbesondere der Kohle
und die Herstellung von Eisen selbst nicht zuviel derartiges
Kapital im Verhältnisse zu den Gesamtkosten verlangten,
solange im großen ganzen die Arbeiter wenigstens das
Existenzminimum erarbeiten konnten, traten nennenswerte
Störungen nicht ein. Schon damals konnten allerdings tiefer
Sehende die Brüchigkeit der absolut freien Produktion erkennen.
 Sobald sich aber nach irgend einer Richtung hin
die angedeuteten Verhältnisse nicht weiter gleichmäßig ent-‘0
        <pb n="11" />
        wickeln konnten, sobald namentlich der eine oder der andere
Produktionsfaktor in dieser Entwicklung in irgend einer Weise
Störungen erlitt, mußten Gegensäte entstehen, die sich ‚im
Laufe der Zeit immer stärker geltend machten. Die freie
Produktion der sogenannten liberalen Epoche, die wie jede
Epoche eine Blütezeit erlebte und deshalb von ihren Anhängern
 und Nußnießern als das höchste und leßte Ziel
wirtschaftlicher Entwicklung betrachtet wurde, mußte Zustände
zeitigen, welche begründete Zweifel an ihrer absoluten Berechtigung
 lauf werden ließen. Kam dann noch weiter hinzu,
daß die alten Schichten noch immer, insbesondere auf Grund
der Tradition, namentlich in der Verwaltung eine große Rolle
spielten, daß, wie gesagt, das Bürgertum, die neue Schicht,
garnicht Willens war, seine eigenen kulturellen Auffassungen
zu unbedingt herrschenden zu machen, sondern im Gegenteil
die politischen und kulturellen Anschauungen dieser alten
Schichten sich zu eigen machte und durch die verschiedensten
Kompromisse das Fortbestehen der alten Schichten erleichterte,
— ganz charakteristisch, daß in demjenigen Lande, in welchem
der Liberalismus seine höchsten Triumphe feiert, in England,
das Bürgertum auf der einen Seite die Macht des Feudaladels
 immer mehr beschränkte, auf der anderen Seite aber
seine Führer es als ihr höchstes Ziel ansahen, Lords zu
werden — so kann es nicht wundernehmen, daß ein Mißverhältnis
 im wirtschaftlichen Kreislauf und insbesondere. in
der Produktion eintreten mußte, das sich immer mehr und
mehr verstärkte. Wenn dann durch Kriege, die bei der engen
Verflochtenheit der heutigen Volkswirtschaften auch die Sieger-Staaten
 in stärkste Mitleidenschaft zogen, eine Erschütterung
aller Verhältnisse eintrat, dann waren damit die Voraussepungen
 gegeben, daß die freie Produktion des vergangenen
Jahrhunderts den Produzenten und den geistigen Führern
nicht mehr als das wünschenswerte Ziel erschien.

5. Für den Einzelnen bedeutet die freie Produktion, seine Kräfte
so zu betätigen, daß er den höchstmöglichen persönlichen
Nugen aus seiner Tätigkeit zieht. Dies sept aber, wie gesagt,
ein gewisses Gleichgewicht der Produktionsfaktoren voraus,
wie es in den verschiedenen Ländern nicht gleichzeitig, sondern
zu verschiedenen Zeiten — um das Jahr 1800 und einige

1 1
        <pb n="12" />
        Jahrzehnte späterhin — allenfalls bestand. Wenn im Laufe
der Zeit einer der Produktionsfaktoren einen Einfluß erhält,
den er bisher nicht hatte, so muß gewissermaßen automatisch
eine Aenderung der Produktionsverhältnisse überhaupt, ihrer
Beziehung zueinander und zur gesamten Wirtschaft eintreten.
Die bis dahin freie Wirtschaft wird andere Formen annehmen.

Steht genügend Grund und Boden zur Verfügung, um neue
Produktionsstätten zu schaffen, dann wird dieser Produktionsfaktor
 keinen die anderen Faktoren störenden Einfluß ausüben
 können. Anders aber, wenn dies nicht mehr der Fall
ist. Müssen für den neuen Erwerb von Grund und Boden
Preise angelegt werden, welche die Rentabilität des auf ihm
hergestellten Produktes stark beeinflussen, so muß dies auf
die Produktion einwirken. Genügt für den Erwerb eines
Stück Bodens, auf dem produziert werden soll, ein geringer
Kaufpreis, so ist, wenn die anderen Voraussepungen zur
Produktion erfüllt sind und wenn die Rechtsordnung der
Schaffung dieser Produktionsstätten nicht entgegensteht, für
eine größere Zahl von Interessenten die Möglichkeit gegeben,
ein solches Gelände zu erwerben. Steigt dagegen der Preis
aus irgend welchen Gründen, sei es, daß die Bevölkerung zu
stark wächst, sei es daß aus sonstigen Gründen die Bodenrenfe
 einen höheren Profit abwirft als die den sonstigen
wirfschafflichen Verhältnissen entsprechende Normalverzinsung,
 so wird dieser Produktionsfaktor gegenüber den
anderen von um so größerer Bedeutung werden, je höher
der anzulegende Preis ist. Der Einzelne oder die mit nur
geringem Kapital arbeitende Kapital-Gesellschaft ist dann
nicht mehr in der Lage, die für die Ausdehnung und Erweiterung
 der Produktion nötigen Stätten zu schaffen oder
überhaupt in der Produktion ihr Geld arbeiten zu lassen.
Nur dann, wenn erhebliche Mengen Kapitals das mit jeder
Produktion verbundene Risiko auch nach dieser Richtung hin
übernehmen können, wird wieder die Möglichkeit geschaffen,
der sich aus dem Bodenpreise ergebenden Schwierigkeit
Herr zu werden. Wie diese größeren Kapitalien sich zusammenfinden,
 ist zunächst eine Sache für sich, an dieser
Stelle interessiert nur die Tatsache, daß nur organisiertes
Kapital imstande ist, sich in einer Weise zu betätigen, welche

2
        <pb n="13" />
        eine Rentabilität der Produktion gewährleistet. Also auch
hier die bereits oben betonte Tatsache, daß nur größere
Macht und Organisation in der Lage sind, unter den obwaltenden
 Verhältnissen die Stetigkeit der Produktion, ihre
organische Entwicklung und ihre Rentabilität zu sichern.

6. In noch höherem Maße gelten diese Ausführungen von dem
Produktionsfaktor Kapital. Je mehr durch die Ansprüche des
Bedarfs die Notwendigkeit wächst, diesen möglichst rasch
und billig zu befriedigen, um-so mehr ist die Technik gezwungen,
 diesen Ansprüchen zu genügen. Als im 18. Jahrhundert
 die Ausbeutung der englischen Kohlenbergwerke ein
immer weiteres Hinabsteigen in die Tiefe nötig machte, wurde
die Dampfmaschine erfunden; als der Bedarf an Garn ständig
wuchs, kam die mechanische Spindel, und als die verstärkte
Bearbeitung der Spinnereiprodukte gebieterisch eine bessere
Verwertung erforderte, der mechanische Webstuhl, und so
ging es immer weiter fort. Es sei namentlich auf die die
gesamten wirtschaftlichen Verhältnisse beeinflussenden Fr-Ändungen
 in der Elektro-Industrie und in der chemischen
Industrie hingewiesen. Bedarf und Technik bedingen einander;
 weil die Produktion wächst, muß die Technik sich
Mühe geben, diesem Wachstum gerecht zu werden, ein
ständiges Aufeinanderwirken. Dies macht sich wirtschaftlich
dadurch geltend, daß alles das, was wir volkswirtschaftlich
das fixe Kapital nennen, in der Produktion einen immer
stärkeren Einfluß ausübt, Dieses fixe Kapital kann regelmäßig
 nicht mehr von dem kleinen Produzenten hergestellt
werden, es bedarf des Zusammenschlusses zunächst mehrerer,
dann sehr vieler Unternehmer, um hier der Anforderung der
Produktion nachzukommen. Welchen Einfluß in Zukunft einst
gerade diese ständige Vermehrung des fixen Kapitals ausüben
 wird, kann man bei der grundsäßlichen kapitalistischen
Einstellung, die wir heute haben, nicht sagen. Gerade unsere
Untersuchung wird uns zeigen, daß alles Prophezeien zum
mindesten mißlich ist, daß selbst eine relativ immer stärker
werdende Vermehrung dieses fixen Kapitals keineswegs zur
von oben geregelten Planwirtschaft oder gar zum Kommunismus
 führen muß. Es ist nicht richtig, daß das Kapital in
seiner Gesamtheit immer mehr in die Hände einiger weniger

a
        <pb n="14" />
        und in die Abhängigkeit von diesen gerät, sodaß die notwendige
 Folge die schließliche Expropriation der Expropriateure
 sein muß; man hat hierbei die Tatsache, daß die Zahl
der großen Unternehmungen sich verringert und weiterhin,
daß der Einflu@ der Banken auf diese Unternehmungen
häufig ein immer größerer wird, hinter der Tatsache vergessen,
 daß das Geldkapital, welches, grob gesprochen, erst
die Möglichkeit zur Schaffung von fixem Kapital gibt, sich
in der Gestalt von Aktien und Obligationen auf eine große
Menge verteilt, und daß die Zirkulation dieses Geldkapitals
insbesondere durch das Bestehen der Börsen und wiederum
im eignen Interesse der Banken grundsäßlich eine ständige
ist. Diese hier interessierenden Fragen und Probleme können
an dieser Stelle jedoch nur angedeutet werden, sie haben
nichts damit zu tun, daß die Bedeutung des fixen Kapitals
als solches für die Produktion von immer größerer Bedeutung
 geworden ist. Der hiergegen geltend gemachte
Einwand, daß namentlich zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts
 das fixe Kapital von größerem Einfluß war, weil
es gewissermaßen überhaupt erst entstand und die Produktion
trogdem sich frei individualistisch gestaltete, übersieht, daß
das fixe Kapital heute eine ganz andere Rolle spielt und
sein Verhältnis zu den anderen Produktionsfaktoren sich
stark zu seinen Gunsten verschoben hat. Auch hier gilt
eben, wie betont, vielleicht in verstärkterem Maße, das oben
Gesagte, daß wirtschaftliche Macht: akkumuliertes, konzentriertes
 und zentralisiertes Kapital und weiterhin die zwecks
Geltendmachung dieser Macht nötige Organisation mehr und
mehr in den Vordergrund der Erscheinungen tritt, daß heute
das Verhältnis des Kapitals zu den anderen Produktionsfaktoren
 ein anderes ist, als zur Zeit des reinen Individualismus.
 Die sich daraus für die Wirtschaft vor allen Dingen
für die Produktion ergebenden Folgen müssen gewissermaßen
automotisch dahin führen, daß die Produktion sich jept anders
gestalten muß, als in der vergangenen Epoche.

7.

Relativ am wenigsten für die Veränderung der wirtschaftlichen
 Verhälinisse der Jebtzeit gegenüber dem vergangenen
Jahrhundert fällt die Bedeutung des dritten Produktionsfaktors,
der Arbeit, ins Gewicht. Zum Wesen des Kapitals gehört

| t
        <pb n="15" />
        der Arbeiter, welcher nichts besipt, als seine Arbeitskraft.
Ob dieser Arbeiter bei einem allein für sich produzierenden
Unternehmer tätig ist, ob er bei einem Unternehmer wirkt,
der sich in irgend einer Weise mit anderen verbunden hat,
ist für ihn selbst gleichgültig. Es sei hier ausdrücklich
betont, daß es sich bei dieser Erörterung nicht darum handelt,
irgendwie zur Arbeiterfrage als solcher Stellung zu nehmen,
sondern lediglich darum, im Verhältnis der drei Produktionsfaktoren
 zueinander die Veränderung, die diese im Laufe der
wirtschaftlichen Entwicklung erlitten haben, näher zu betIrachten
 und die daraus notwendigen Folgen zu ziehen
Immerhin kann nicht in Abrede gestellt werden, daß der
Einfluß der Arbeit auf große Unternehmungen, bezw. solche,
die miteinander in irgend einer Form koaliert sind, insbesondere
 bei der Stärke der heutigen Gewerkschaftsbewegung
jeßt ein anderer ist, als in der vergangenen Epoche. Dazu
kommt, daß infolge der Veränderung der politischen Verhältnisse
 auch der politische Einfluß des Arbeiters gewachsen
ist. Selbstverständlich muß sich dies alles in der Produktion
im Endergebnis geltend machen. Aber die Einflüsse, die
hierdurch erwachsen, liegen auf einer anderen Ebene, als
gerade auf der des Verhältnisses der drei Produktionsfaktoren
zueinander. Von dem Moment ab, in dem der Kapitalismus
sich entwickelt haft, bestanden die Lohnfrage, der Kampf um
das Recht der Arbeiter auf Zusammenschluß, der Einfluß
des Streiks auf die Produktion und weiterhin die Probleme,
die die Beteiligung des Arbeiters an der Leitung des Produktionsprozesses
 betrafen. Sie sind heute nach der einen
oder der anderen Richtung hin teils in der Lösung begriffen,
teils haben sie auch eine gegen früher vielleicht veränderte
Form angenommen, aber im großen ganzen hat doch die
Entwicklung nichts in dem Verhältnis des Produktionsfaktors
der Arbeit selbst namentlich zu dem des Kapitals geändert,
sondern hat lediglich in einer für unsere Betrachtung zwar
nicht unerheblichen, aber nicht maßgebenden Weise dieses
Verhältnis beeinflußt. Daß eine Veränderung der Produktionsverhältnisse
 auf den Produktionsfaktor Arbeit zurückwirken
muß, wird im legten Kapitel näher dargelegt werden.
3. Wie hat nun die Produktion überhaupt, insbesondere in Deutschland,
 den Versuch unternommen, diese hier geschilderten

(R
        <pb n="16" />
        Veränderungen in den Verhältnissen der Produktionsfaktoren
zueinander zu beseitigen? Was hat sie getan, aus der rein
individualistischen Epoche, den veränderten Verhältnissen
Rechnung tragend, hinauszukommen? Die Antwort lautfei
kurz und klar:
Die Produzenten haben, soweit es nur irgendwie
möglich war, ihre Kapitalmacht vereint und organisiert.
Das ist es, was die wesentliche Bedeutung der
Kartelle ausmacht.
Diese beiden Grundlagen jeder Produktion zeigen sich
grundsäßlich bei jedem Kartell. Weil der einzelne Unternehmer
 nicht mehr in der Lage ist, die Produktion auf rein
individualistischer Grundlage durchzuführen, weil seine wirtschaftliche
 Macht hierzu nicht ausreicht, hat er sich mit
anderen Unternehmern in irgend einer Form zusammengetan.
Es ist durchaus nicht erforderlich, daß das Zusammenwirken
der Unternehmer ein absolut einheitliches ist, es genügt
vollauf und erfüllt die hier angegebene Voraussepung, wenn
auch nur nach einzelnen Richtungen hin die bisher vollständig
 auseinandergehenden Interessen einheitlich gelenki
werden. In dieser Hinsicht ist auch schon das einfachste
Konditionenkartell eine Vereinigung des in Betracht kommenden
 Kapitals, da es auf der einen Seite die Reibung der
Unternehmungen wenigstens auf den in Frage kommenden
Gebieten verhindert und auf der anderen Seite die wirtschaftliche
 Macht des Einzelnen verstärkt. Je höher das
Kartell organisiert ist, um so mehr trifft dieses Moment in
die Erscheinung. Nennt man eine Vereinigung von Kapitalien,
die den einzelnen Unternehmern zur Verfügung stehen, mag
diese auch noch so einfacher Natur sein, bereits Akkumulation
des Kapitals — und es besteht durchaus kein ‚Hindernis,
diesen Begriff in dieser Weise zu verwenden, da ja Akkumulation
 wörtlich doch nur „Anhäufung“ heißt; die Auffassung
Marx’, daß Akkumulation die Verwandlung von Mehrwert in
Kapital ist, erscheint zu eng — so besteht durchaus kein
Hindernis, in jedem Kartell eine Kapitalakkumulation zu
finden, die bei Kartellen höherer Art bis zur Konzentration des
Kapitals führen kann. Daß zu jeder Akkumulation die Organisation
 gehört, bedarf keiner Ausführung. Beide gehen praktisch
stets Hand in Hand und sind voneinander nicht zu trennen.

IB
        <pb n="17" />
        Selbstverständlich kann keineswegs geleugnet werden, daß
auch bei dem hier vertretenen Standpunkt diese Organisation
wirtschaftlicher Macht in irgend einer Weise sich über den
Markt und den Absaß verständigen muß, aber doch nur
deshalb, weil nur so die Produktion in ihrem Machtstreben
Sichere Wege gehen kann. Es erscheint jedoch nicht zutreffend,
 daß die Kartelle nur vom Standpunkt des Marktes,
der Konsumtion, aus erklärt werden können. Sie sind Produkte
der veränderten Verhältnisse der Produktion, die wie jede
Produktion auf die Marktverhältnisse einwirkt und von diesen
wiederum beeinflußt wird; der Markt, die Konsumtion ist nur
das Ziel der Produktion; der dieser zugrunde liegenden
Macht und Organisation, nicht ist es umgekehrt, daß die
Konsumtion die Art und Weise der Produktion bedingt.

Mag man ruhig das Zeitalter der individualistischen Produktion
als das der freien Wirtschaft bezeichnen, so kann man die
Veränderungen in der Produktion, so wie sie heute bereits
zu erkennen sind, Gebundene Wirtschaft nennen. Man soll
aber dabei nie vergessen, daß dieser Ulebergang von der
freien zur gebundenen Wirtschaft Erscheinungen, wie sie eben
auch die Kartelle sind, als eine unbedingte Folge der durch
die Produktionsfaktoren veränderten Produktionsverhältnisse
mit sich bringt. Es erscheint zwecklos, wenn auch vom
Standpunkt der noch immer zahlreichen Nußnießer der freien
Wirtschaft begreiflich, gegen diese Entwicklung ankämpfen
zu wollen. Die Geschichte sollte uns lehren, daß veränderte
Produktionsverhältnisse regelmäßig andere Wirtschaftsformen
mit sich bringen, wenn auch frühere Wirtschaftsgestaltungen
nie gänzlich erlöschen, sondern neben dem neueren mehr
oder minder bestehen bleiben. Die Anhänger der individualisfischen,
 freien Wirtschaft finden es selbstverständlich
bedauerlich, daß ihre sogenannte wirtschaftliche Freiheit an
allen Enden und Ecken beschnitten wird. Wer aber sine. ira
et studio den Gang der Entwicklung verfolgt, ohne ihn zu
bewerten, der kommt nicht an den Tatsachen vorbei, daß
heute eben andere Produktionsverhältnisse als im vergangenen
Jahrhundert vorherrschen, daß diese Aenderungen sich insbesondere
 dahin geltend machen, daß das der Produktion
zu Gründe liegende Machtverhältnis, insbesondere die Akku-”
        <pb n="18" />
        mulation des Kapitals, und seine Organisation eine Veränderung
 der Produktion nach den verschiedensten Richtungen
hin bedingt, die sich je nach den technischen und sonstigen
Umständen in der Form von mehr oder minder stark
organisierten Kartellen äußern.

9.

Rein theoretisch hätte es drei Möglichkeiten geben können,
den neuen Produktionsverhältnissen entsprechend das Wirtschaftsleben
 zu gestalten. Einmal konnte in dem Kampf der
Unternehmungen untereinander das Prinzip der Auslese seine
Wirkungen äußern, d. h. daß schließlich die wirtschaftsmächtigsten
 Unternehmer die Schwächeren mehr oder minder
unterdrückt und allein die Produktion in den Händen behalten
hätten, In der Praxis war dieser Weg nicht möglich. Die
in Frage kommenden Wirtschaftsgebiete, insbesondere auch
in Deutschland, waren zu groß und zu mannigfaltig gestaltet,
als daß dieser Weg gangbar gewesen wäre. Ueberdies
bestand und besteht auch heute noch immer wieder die
Möglichkeit, neue Unternehmungen gleicher Art an anderer
Stelle des Wirtschaftsgebietes zu errichten, sodaß der Kampi
niemals aufgehört hätte. Dadurch wäre sehr viel Kapital
nußlos vergeudet worden, und es lag doch gerade in der
Entwicklung der wirtschaftlichen Verhältnisse, Kapital zu
akkumulieren und nicht unnüß zu verschwenden. Dies ist ja
auch die tiefere Bedeutung der Rationalisierungsbestrebungen.

Der zweite Weg war der der Trust-Bildung. Die Vereinigten
Staaten von Amerika haben bewiesen, daß dieser Weg an
sich durchaus gangbar ist. Auch die neueste Entwicklung in
Deutschland läßt klar erkennen, daß die Trust-Bildung zum
mindesten für gewisse Erzeugnisse mehr und mehr an Boden
gewinnt. Wir dürfen aber hierbei nicht vergessen, daß es
— und dieser Umstand ist vielleicht das schlagendste
Argument gegen eine rein materialistische Geschichtsauffassung
 — nicht nur die wirtschaftlichen Verhältnisse sind,
nicht lediglich die Produktionsverhältnisse, also namentlich
die Eigentumsbeziehungen der Art und Weise, wie produziert
wird, welche den gesamten übrigen Oberbau des Wirtschaftsund
 Kulturlebens tragen. Hier spielen noch eine Reihe anderer
Verhältnisse, die häufig mit der Wirtschaft nichts zu tun haben,
mit. Es ist schon wiederholt bemerkt worden, daß wirtschaftlich

IQ
        <pb n="19" />
        untergehende Schichten noch lange Zeit ein zähes Dasein fortführen
 und häufig die bisher von ihnen entwickelten Ansichten
sogar den siegreich aufsteigenden Schichten aufdrängen.
Dazu kommt weiter, daß Rechtsanschanungen nach dem
bekannten Goethewort ebenfalls häufig ein eigenes Dasein
entwickeln, das auch unter ganz veränderten wirtschaftlichen
Verhältnissen, wenn auch vielleicht nach der einen oder
anderen Richtung hin modifiziert, wiederum rückwirkend seine
Macht ‘beweist. Unter Berücksichtigung dieser Umstände
erscheint es begreiflich, daß gerade Deutschland das klassische
Land der Kartellbildung geworden ist, daß es die dritte
Lösung gewählt hat.

Derselbe tiefere Grund; der in Deutschland zur Zersplitterung
in politischer Hinsicht geführt hat, daß nämlich niemand seine
eigene Art aufgeben wollte, die weitere Ursache des Einflusses
religiöser und auf ihnen beruhender sittlicher Anschauungen,
daß der Schuß des einmal bestehenden Eigentums unter
allen Umständen durchgeführt werden müsse, vor allem aber
auch die Tatsache, daß seit unvordenklichen Zeiten gerade
im deutschen Volk der Genossenschaftsgedanke tief verwurzelt
 ist, hat es mit sich gebracht, daß Trusts sich nur
dort entwickelten, wo die Akkumulation des Kapitals bereits
zur stärksten Konzentration fortgeschritten ist. Der Genossenschaftsgedanke,
 der ja gerade im Kartellwesen seinen
grundsäßlichen Ausdruck gefunden hat, ist der wirtschaftlichen
Entwicklung, wie sie oben geschildert worden ist, entgegengekommen,
 daraus erklärt sich, daß die wirtschaftlichen Verhältnisse
 die Rechtsform annahmen, die ihnen am meisten
passend erschien. War die freie Wirtschaft der individualistischen
 Epoche an jenem Punkte angekommen, an dem
sie nicht mehr weiter konnte, war sie schon einmal gezwungen,
sich zu binden, so bot ihr das Prinzip der Genosserischaft
die geeignetste Rechtsform, die neuen Wege zu gehen. Es
bedarf keiner Ausführung, daß wir hier unter Genossenschaft
nicht die im Genossenschaftsgeseß näher festgelegte Gesell-Schaftsform
 verstehen, sondern diejenige Grundlage, die von
der Markgenossenschaft in frühester geschichtlicher Zeit
ausgehend, das rechtsgesellschaftliche Leben des deutschen
Volkes ständig und zu allen Zeiten maßgebend beeinflußt hat.
        <pb n="20" />
        10. Man könnte gegen das hier Vorgetragene vor allem den
Einwand erheben, daß die Bedeutung der Konsumtion, die
Stellung der Unternehmer zum Markt, so gut wie ganz ohne
Berücksichtigung blieb, daß -— entsprechend der bisher
herrschenden Auffassung — das Wesen der Kartelle gerade
in der Beeinflussung des Marktes und der mehr oder minder
starken Ausschaltung der Konkurrenz beruht. Es ist schon
oben darauf hingewiesen worden, daß bei der Beurteilung
der Kartelle diese Seite durchaus nicht aus dem Auge verloren
 werden darf, Eine ganz andere Frage ist es aber,
ob dieses Moment das Wesen der Kartelle ausmacht. Es
soll durchaus nicht geleugnet werden, daß auf den ersten
Blick gerade dieser Umstand am ehesten die Aufmerksamkeit
auf sich ziehen mußte und somit die Unterlage für die Behandlung
 des Kartellwesens abgab. Es soll auch nicht Wert
darauf gelegt werden, daß die Auffassung von der monopolistischen
 Beherrschung des Marktes — wobei gerade hier
mit dem Begriff des Monopols nicht wie sonst der im Wirtschaftsleben
 hierfür übliche Sinn verbunden wurde — bis zu
der der Marktbeherrschung und dann der Marktbeeinflussung
im Laufe der Zeit sich allmählich abgewandelt hat, was
vielleicht immerhin darauf deuten könnte, daß das Wesen
des Kartells nicht von der Marktseite aus in voller Klarheit
erfaßt werden kann; maßgebend ist vielmehr der Umstand,
daß alle wirtschaftlichen Verhältnisse immer und zuerst von
der Produktionsseite aus ihre richtige Beurteilung finden
können. Die Art und Weise wie produziert wird, beeinflußt
stets und ausnahmslos die Form der Konsumftion. In einer
rein individualistischen Produktionsepoche wird auch der
Konsum individualistisch sein, in einer Epoche der planwirtschaftlichen
 Produktion wird auch der Konsum entsprechend
sich gestalten — wir brauchen uns ja nur an die Verhältnisse
im Kriege und unmittelbar danach zu erinnern — und eine
mehr. oder minder gebundene Wirtschaft wird den Markt
naturgemäß ebenfalls beeinflussen, obwohl wir uns über das
„Wie“ heute noch nicht im allgemeinen klar sein dürften;
eine besondere Anwendung wird alsbald erörtert werden.
Aber es geht nicht an, wenn man die obigen Ausführungen
zu Grunde legt, wenn man als richtig ansieht, daß sich
tatsächlich die individualistische Produktion auf immer mehr

MM)
        <pb n="21" />
        Gebieten zur gebundenen Produktion in dem hier angegebenen
Sinne entwickelt, die Hauptform dieser gebundenen Wirtschaft,
nämlich die Kartelle, lediglich vom Standpunkt des Marktes,
des Konsums aus zu betrachten. Selbstverständlich wird
der Markt seine Einflüsse auf die Produktion stets in irgend
einer Form ebenfalls ausüben, aber dieser Einfluß ist ein
reflektierter, kein ursprünglicher, Bringt das Zusammenleben
der Menschen die Grundlage für neue Bedürfnisse hervor,
SO wird, wie immer wieder betont werden muß, die Technik
die Mittel und Wege finden, diese Bedürfnisse zu befriedigen.
Die Produktion gestaltet sich dann entsprechend diesen
technischen Bedingungen zunächst unter Benugung der vorhandenen
 Rechtsformen, und je nach der Art und Weise, wie
diese Bedürfnisse auftreten, wird dann der Markt seine
Rückwirkung auf die Produktion ausüben. Aber es ist nicht
die Marktorganisation, welche etwa als das Ursprüngliche
die Produktionsverhältnisse gestaltet.

Am schwerwiegendsten dürfte der Einwand sein, daß das
Verhältnis der drei Produktionsfaktoren sich nicht einwandsfrei
 so feststellen läßt, da® man nunmehr eindeutig erklären
kann, die freie Wirtschaft habe sich überlebt, es muß nunmehr
die gebundene Wirtschaft an ihre Stelle treten. Es ist
richtig, daß sich ein mathematisch berechenbares Verhältnis
der drei Produktionsfaktoren nicht herstellen läßt. Wenn
aber um das Jahr 1800 und späterhin die Beziehungen der
drei Produktionsfaktoren zueinander so wie oben geschildert
lagen, dann waren eben diese Beziehungen derartig, da@ die
Produktionsfaktoren in einem gewissen Gleichgewicht standen.
Ob der Einfluß des einen Faktors auf die anderen in den
einzelnen Ländern bereits mehr oder minder stark war, spielt
gegenüber der Tatsache keine Rolle, daß diese Einflüsse und
Beziehungen eine Form angenommen hatten, welche eine
Art zum mindesten labilen Gleichgewichts mit sich brachten.
Dieses Gleichgewicht war die Voraussegung der freien Wirt-Schaft.
 Wurde es gestört bezw. änderten sich die Beziehungen
der Faktoren untereinander, sodaß nunmehr, wenn die Wirtschaft
 nicht überhaupt zerstört werden soll, ein anderes
Gleichgewichtssystem geschaffen werden muß, so ist die
Folge, daß die Produktion sich anders gestaltet. Die freie

DU
        <pb n="22" />
        Wirtschaft kann nicht mehr bestehen, für eine andere Wirtschaftsform
 als die kapitalistische sind in Deutschland die
Voraussebungen nicht gegeben. Deshalb schafft sich die
Wirtschaft die Art und Weise der Produktion, diejenigen
Verhältnisse, die ein relatives Gleichgewicht unter den Produktionsfaktoren
 wiederum herstellen, und das ist eben das,
was wir mit dem Schlagwort „Gebundene Wirtschaft“ bezeichnen,
 deren wesentlicher Exponent gerade die Kartelle sind,

1. Also spielt der Preis des Produktes keine Rolle? Diese
Frage wäre unrichtig gestellt, Der Preis ist die Geldform,
besser gesagt die Marktform des Wertes, In der kapitalistischen
Epoche findet jede Produktion für den Markt statt, deshalb
ist der Preis von größter Bedeutung. Das Produkt soll ja
auf dem Markt umgeschlagen werden, damit es einen höheren
Dreis erzielt, als die gesamten Unkosten betragen; ob man
nun diesen Ueberpreis Mehrwert nennt oder ihn sonstwie
anders bezeichnet, ist für die vorliegende Untersuchung ohne
Belang. Es macht ja doch gerade das Wesen jeder Produktion
nach dieser Richtung hin aus, daß eben ein Mehrwert erzielt
wird, zu dem Zweck, ihn zum größten Teil wieder der
Produktion zuzuführen, das Kapital, wie Marx sagt, zu
akkumulieren. Die Produktion soll also lohnend sein, und
das kann sie nur sein, wenn ein mit Gewinn verbundener
Preis für das Produkt erzielt wird. Aus diesem Umstand
folgt aber keineswegs grundsäßlich eine Marktbeeinflussung,
sondern die Ware wird auf den Markt gebracht, um sie mit
Gewinn zu veräußern. Ob dies mit oder ohne Marktbeein-Aussung
 geschieht, ist dem Unternehmer gleichgültig. Sollte
der Unternehmer nur durch Marktbeeinflussung verdienen
können und bietet sich ihm die Möglichkeit zu einer solchen,
so wird er selbstverständlich von dieser Möglichkeit Gebrauch
machen. Deshalb finden wir in den Kartellsagungen sehr
häufig Bestimmungen, die nach dieser Richtung hin von
Bedeutung sind. Deshalb ist wohl auch der Trugschluß
entstanden, daß lediglich die Erzielung höherer Preise die
ausschließliche Ursache der Kartellbildung sei, und weil die
Preise eben nur auf dem Markt erzielt werden können, wurde
zum Kriterium des Kartells die Marktbeeinflussung gemacht.
Aber die Produktion erfolgt keineswegs zu diesem Zweck,

39
        <pb n="23" />
        sondern lediglich zwecks Gewinnerzielung, das muß festgehalten
 werden. Wäre wirklich die Marktbeeinflussung im
weitesten Sinne des Wortes — also fiele hierunter auch die
monopolistische Beherrschung des Marktes — das Wesen
der Kartelle, so wäre es nicht erklärlich, daß gerade dann,
wenn die Marktbeeinflussung von größter Bedeutung für die
Produzenten wäre, nämlich bei sinkender Konjunktur, Kartelle
sehr häufig ihr Ende finden. Es genügt hier, auf die Kartelle
in den verschiedenen Zweigen der Elektro-Indusfrien hinzuweisen,
 welche ihre stärkste Ausdehnung bei steigender
Konjunktur fanden und sehr häufig bei fallender Konjunktur
auseinander fielen. Gerade in einer solchen Zeit würde es
doch nahe liegen, durch festes Zusammenhalten auf dem
Markt Einfluß auszuüben und die Kartelle unter allen Umständen
 aufrecht zu erhalten. Aber gerade das Gegenteil ist
häufig der Fall, also kann die Marktbeeinflussung nicht das
Kriterium der Kartelle sein. Die Preisbildung erfolgt unter
dem Einfluß so verschiedenartiger Verhältnisse, daß es garnicht
 möglich ist, von ihr aus zu einer genügenden Erklärung
der Kartelle zu kommen. Lediglich von der Produktionsseite
aus ist dies möglich.

Nur so. läßt es sich erklären, daß auf gewissen Gebieten,
es sei namentlich auf die Eisenindustrie hingewiesen, die
Kartelle eine verhältnismäßige Stabilität der Preise ohne
Rücksicht auf die Konjunkturschwankungen durchführen
konnten. Die Produktion hat ein viel größeres Interesse
daran, in Stätigkeit zu arbeiten, die an ihr interessierten
Werke gleichmäßig zu beschäftigen, als eine mehr oder
minder kurze Zeit andauernde Hochkonjunktur auszunüßen,
um dann im entgegengesebten Falle still zu liegen. Und nur
das Kartell, wenigstens soweit es straff organisiert und einheitlich
 geleitet ist, bietet die hohe Wahrscheinlichkeit der
stätigen Produktion.

2. Hiermit hängt das Bestreben vieler Kartelle zusammen, den
Großhandel auszuschalten. Es ist ja dessen Aufgabe, der
Produktion die Schwankungen der Konjunktur wenigstens
zum Teil abzunehmen. Uebernimmt die Produktion in der
Form des Kartells selbst die Aufgabe, so wird sie, wenn sie
nach dieser Richtung hin genügend organisiert ist, grundsäßlich

x
        <pb n="24" />
        dieses Ziel auch wenigstens annähernd erreichen können.
Es sei hier namentlich auf die Bestrebungen in der Eisenindustrie
 hingewiesen, den Großhandel womöglich zu beseitigen.
Wenn dieses Ziel heute noch nicht erreicht werden kann, so
liegt der Grund im wesentlichen darin, daß die entsprechende
Organisation noch nicht genügend ausgebauf ist, daß auch
hierzu offenbar Kapitalien gehören, die zur Zeit der Produktion
noch nicht entzogen werden können.

Daß in der Zeit, in der freie und gebundene Wirtschaft noch
miteinander im Kampfe liegen, der Handel sich mit aller ihm
zu Gebote stehenden Macht gegen diese Ausschaltung wehrt,
ist begreiflich. Es ist auch weiter verständlich, daß der
Handel dort, wo er selbst in der Lage ist, sich zu organisieren,
was beim Handel aus bekannten Gründen häufig sehr
Schwierig ist — sich seinerseits der Mittel bedient, welche
auch die Produktion selbst anwendet. nämlich der Kartellform.

Sehr interessant ist ja das neuerdings zustande gekommene
Kartell der großen Warenhäuser mit einzelnen Großhandelsfirmen
 der Textilbranche. Aus diesem Umstand kann aber
keineswegs gefolgert werden, daß die hier ausgeführten
Auffassungen über das Wesen der Kartelle als Erscheinungen
der Produktion nunmehr einer Einschränkung bedürfen.
Formell stehen auch diese Organisationen des Handels als
Kartelle da. Sie sind aber im wesentlichen Abwehrorganisationen
 des Großhandels gegen den Einfluß der Produktion,
mag auch die rechtliche Gestaltung dieser Organisation
Kartellform haben. Aber selbst, wenn man diese Einschränkung
nicht gelten lassen will, so würde dies an dem hier Gesagten
nichts ändern. Diese Handelsorganisationen können ihrem
Wesen der Abwehr entsprechend nur Uebergangserscheinungen
sein, sie werden aber doch bedingt und sogar hervorgerufen
lediglich durch die Tatsachen auf dem Gebiete der Produktion;
nehmen sie hierbei rechtlich und formell die Gestalt der
Kartelle an, so würde das eben nur bedeuten, daß die eine
Grundlage des Kartellwesens, wirtschaftliche Macht und
Organisation, auch hier vorliegt, und daß weiterhin die Auswirkung
 der Produktionskartelle soweit geht, daß auch andere
Organisationen sich der gleichen Rechtsform und Gestaltung,
wie diese, bedienen. Wir haben hier den oben erwähnten

JA
        <pb n="25" />
        Fall des Einflusses der Produktion auf die Konsumtion.
Wie die Aktiengesellschaft ursprünglich doch eine Rechtsform
des Handels, späterhin von den Produzenten, und zwar in
immer steigendem Maße, übernommen wurde, wie die
G. m. b. H. heute für die verschiedensten wirfschafflichen
Verhältnisse die Rechtsform bildet, sodaß sogar einzelne
Grundstücke, zunächst wohl aus steuerlichen Gründen, Gegenstand
 einer G. m. b. H. waren und sind, so ist es durchaus
denkbar und möglich, daß die Kartellform auch von anderen
Unternehmern als Produzenten als Form für ihren Zweck
gewählt wird. Vorläufig aber und aller Wahrscheinlichkeit
nach auch für die Zukunft wird das Kartell die Vereinigung
für die produzierenden Unternehmer sein, und zwar deshalb,
weil die heutige Produklion diese Form der Zusammenarbeit
verlangt.

13, Das Wesen der individualistischen Produktion isf die relativ
wirtschaftliche und rechtliche Selbständigkeit der einzelnen
Unternehmer, das der gebundenen Wirtschaft ist — negativ —
die Beschränkung nach dieser Richtung hin. Beide sind aber
durchaus kapitalistisch d. h. sie sepen beide die Fabrik, die
Arbeitermassen und den Markt voraus. Geht man von der
heutigen Stellung des einzelnen Unternehmers aus, so ist es
durchaus zulässig, jeßt bereits vom Spätkapitalismus Zu
reden, geht man dagegen vom Kapital selbst aus, so beginnf
erst die Epoche des Hochkapitalismus. Erst jept hat däs
Kapital die volle Möglichkeit erlangt, sich seinem Wesen
nach zu entwickeln und auszuwirken, immer mehr Werte zu
schaffen und den Gewinn wieder in Kapital oder zum größten
Teil wenigstens wieder in Kapital zurückzuverwandeln. Dazu
ist jept der einzelne Unternehmer nicht mehr, zum mindesten
nicht mehr in gleicher Weise wie früher in der Lage, dazu
bedarf es eben einer vereinten und organisierten wirtschaftlichen
 Macht. Hiermit geht es durchaus Hand in Hand, daß
in immer weiterem Umfange eine Trennung der Leitung des
Unternehmens vom Eigentümer stattfindet, ja diese Trennung
ist sogar eine notwendige Form der Entwicklung. Kann der
Einzelne nicht mehr wie bisher produzieren, muß er sich mit
anderen zusammentun, so muß er die Leitung dieser gesamten
Organisation, da sie regelmäßig nicht von allen Unternehmern

"m
        <pb n="26" />
        erfolgen kann, in die Hand Dritter legen. Eine Analogie
finden wir ja auch in der verschiedenen Ausgestaltung des
Feudalsystems, das sich anders in England, anders in
Frankreich und noch anders in Deutschland entwickelt hat.
Der große Lord, der grand seigneur, bewirtschaftete ja auch
seine Ländereien nicht selbst, er verpachtete sie, und diese
Pacht verästelte sich nach unten hin immer weiter. So ist es
auch heute mit der Leitung der Unternehmungen; der Eigentümer,
 die Gesamtheit der Aktionäre, ist garnicht mehr imstande,
 das Unternehmen zu leiten. Das große Kartell sebt
lrog allen Einflusses namentlich seiner bedeutenden Mitglieder
grundsäßlich eine Leitung voraus, die mehr oder minder
selbständig ist. Aber das Charakteristische ist eben, daß
diese Leiter sich im bewußten Gegensaß zur Arbeitermasse
befinden, daß sie sich keineswegs als Angestellte fühlen,
sondern eben als Leiter des Unternehmens bezw. des Kartells,
ganz abgesehen davon, daß sie sehr häufig wirtschaftlich
die mehr oder minder große Möglichkeit der Beteiligung in
irgend einer Form haben. Man mag ruhig bereits von einer
Produktionsbürokratie sprechen, wenn man hierbei den mit
dem Begriff des Bürokratismus häufig verbundenen üblen
Nebensinn ausschaltet. Es gehört dies zum Wesen der
gebundenen Wirtschaft und liegt in ihrer folgerechten Entwicklung.
 Der Kapitalismus führt eben in dieser Richtung
immer weiter zu einer Trennung vom Eigentum des Unternehmens
 von dessen Leitung, und je mehr er sich entwickelt,
umsomehr wird, genau so wie die Trennung von Eigentümern
und Arbeitern stattgefunden hat, diese weitere Trennung von
Eigentümer und Leiter vor sich gehen, umsomehr wird die
Produktion von Persönlichkeiten geleitet werden, welche nicht
mehr die eigentlichen Unternehmer und Bigentümer sind.

Man muß eben stets von dem mit einer Volkswirtschaft
verbundenen Gesamtkapital ausgehen, wenn man diese Verhältnisse
 klar übersehen will, nicht vom einzelnen Kapitalisten,
nicht vom einzelnen Unternehmer. je mehr die gesamte
Volkswirtschaft aus den oben angegebenen Gründen gezwungen
 ist, die Produktion einheitlich zu regeln, umsomehr
muß sie sich der Kartelle bedienen. Die Kartelle sind eine
Lebensfunktion des Kapitalismus, ohne sie kann er heute

I
        <pb n="27" />
        nicht mehr bestehen. Daß hierbei so manches, was zur freien
Wirtschaft gehörte, über Bord fallen muß, ist zwangsläufige
Erscheinung der Entwicklung. Dies gilt namentlich von der
sogenannten freien Konkurrenz. Aber man vergesse hierbei
nicht, daß diese freie Konkurrenz garnicht das Wesen des
Kapitalismus überhaupt, ja nicht einmal das der freien Wirtschaft
 ausmacht. Die freie Wirtschaft verlangt rechtlich die
freie Betätigung der Einzelnen, das ist‘ die Gewerbefreiheit;
aber die Gewerbefreiheit bedeutet keineswegs freie Konkurrenz,
im Gegenteil, freie Betätigung umfaßt auch das Recht zur
freien Vereinigung, also auch .das Recht auf Kartellierung,
wie der Verfasser in der „Kartellrundschau“ 1924 Seite 5
ausgeführt hat.

Kapitalismus bedeutet:
Produktion, Herstellung von Gütern zum Zwecke der
Gewinnerzielung in der Absicht, einen großen Teil
der erzielten Gewinne wiederum als Kapital anzulegen.

Sowohl die freie wie die gebundene Wirtschaft dienen diesem
Zwecke, der Zweck kann aber heute von der freien Wirtschaft
nicht mehr erreicht werden. Die gebundene Wirtschaft, die,
ohne staatliches Eingreifen, sich selbst regulierende, aus
eigener Kraft sich fortentwickelnde Wirtschaft, ist dazu im
Stande. Die Produktion der Zukunft wird im wesentlichen
in der Form der gebundenen Wirtschaft vor sich gehen.

zn
        <pb n="28" />
        Il. Der Kampf zwischen /
freier und gebundener Wirtschaft.

1.

Gegenüber allen Geschehnissen, auch den wirtschaftlichen,
dürfte es den Zeitgenossen am schwersten fallen, den richtigen
Standpunkt einzunehmen. Jeder Einzelne ist zu sehr mit
allem, was um ihn herum vorgeht, verknüpft, als daß er
einen klaren Einblick gewinnen könnte. Und doch läßt sich
gerade im wirtschaftlichen Leben, obwohl man es am eigenen
Leibe verspürt, noch am ehesten eine gewisse Objektivität
in der Beurteilung der Sachlage wahren. Wer selbst an
leitender Stellung der Wirtschaft tätig ist, wer als Arbeiter
lediglich die Schattenseiten sieht, wer als Kaufmann in der
heutigen Wirtschaftsepoche vermittelnd tätig ist, wird allerdings
 dazu am wenigsten in der Lage sein. Nur wer selbst
wirtschaftlich so gut wie uninteressiert sich die Mühe gibt,
die Zusammenhänge zu erkennen, wer sine ira et studio die
Gesege zu erforschen sucht, die das Wirtschaftsleben regeln,
wird am ehesten vermögen, hinter der Erscheinungen Flucht
das Wesentliche zu erkennen. Ohne Bewertung, d. h. da
jede Bewertung stets auch ein Urteil enthält, ohne ein solches
geht es hierbei natürlich nicht ab. Aber es ist ein Unterschied,
 ob diese” Bewertung vom Interessenstandpunkt aus
vorgenommen wird oder deshalb erfolgt, weil der Forscher
die Tatsachen unter einem gewissen Gesichtswinkel betrachtet
und so zu seinem Urteil kommt, So geschaut stellt sich
das heutige Wirtschaftsleben als ein Kampf der freien
individualistischen Wirtschaft mit der gebundenen Wirtschaft
dar, eben mit jener Wirtschaft, welche in der im ersten
Kapitel angedeuteten Weise zu einer mehr oder minder
festen Regelung der Produktion gelangt und weiter gelangen
 will.

I8
        <pb n="29" />
        Noch einmal sei betont, daß gebundene Wirtschaft keineswegs
Sozialismus ist. Jeder Sozialismus sebt, nicht nur, wenn er
bereits wie in Rußland Staatssozialismus ist, zum mindesten
eine durch Planwirtschaft geregelte Ordnung der gesamten
Produktion voraus, ist also stets eine Ordnung von oben
her, Die gebundene Wirtschaft ist dagegen grundsäßlich
eine von der Gesellschaft ausgehende Ordnung der Produktion.
Weiterhin gehört es grundsäßlich zum Wesen des Sozialismus,
daß er auch in mehr oder minder starkem Umfange die
Ordnung der Konsumtion umfaßt, während jeder Kapitalismus,
auch der der gebundenen Wirtschaft, den freien Markt verlangt.
 Es mag sein, wie schon bemerkt worden ist, daß
eine immer stärker fortschreitende Entwicklung in der gebundenen
 Wirtschaft auch einmal irgendwie eine. andere
Regelung der Konsumtion, als sie heute stattfindet, bedingen
wird, wir können darüber noch nichts sagen; so wie sich
die gebundene Wirtschaft bisher entwickelt hat, verlangt sie
gebieterisch den freien Markt und schließt damit heute und
für absehbare Zeit eine feste Regelung der Konsumtion aus.
Daß die Vertreter der freien Wirtschaft, insbesondere der
Handel und die von diesem beeinflußte Presse namentlich
dann, wenn sie die wirtschaftlichen Zusammenhänge nicht
genügend erkennen, mit aller ihnen zu Gebote stehenden
Macht gegen die gebundene Wirtschaft, vor allem gegen die
Kartellbildung, ankämpfen, ist begreiflich. Es war stets SO,
daß die Tendenzen einer neu aufkommenden Wirtschaftsepoche
 von den Vertretern der alten Epoche bekämpft
wurden, das gehört zum Wesen der menschlichen Entwicklung.
Bringen es dann die politischen Verhältnisse mit sich, daß
diese Vertreter einer bis dahin herrschenden Wirtschaftsauffassung
 auch politisch noch die Macht in der Hand haben,
so ist es leicht möglich, daß die neue Entwicklung sich nur
langsam und unter großen Schwierigkeiten Bahn bricht, sie mag
auch eine kurze Zeit aufgehalten werden, sie wird aber kommen,
weil sie kommen muß. Die Veränderung der Art und Weise
der Produktion verlangt gebieterisch diese Aenderung, auch
wenn sich ihr noch so viele Hindernisse in den Weg stellen.

2, Es ist sehr interessant, diesen Kampf namentlich dort
zu verfolgen, wo er sich auch dem Auge des Laien am

53€
        <pb n="30" />
        offenkundigsten zeigt:
auf dem Gebiete des Aktienwesens.

Das Gefühl hat jeder, der sich mit dieser Materie befaßt,
daß die Grundsäge des Aktienrechts, das in einer Zeit des
rein individualistischen Kapitalismus entstanden ist, nicht
mehr für die heutige Zeit, insbesondere nicht dort passen,
wo ganz andere Kapitalgrundlagen in Frage kommen: Im
allgemeinen hat gerade im Aktienrecht und hier namentlich
wieder in der neuesten Zeit, wie an maßgebender Stelle von
kenntnisreicher Seite ausgeführt worden ist, eine starke Aushöhlung
 der bisherigen Grundanschauungen stattgefunden,
sodaß unter dem Mantel des Wortlautes des Gesebes ganz
andere Auffassungen als bisher an die Stelle der alten Auslegung
 getreten sind. Das Aktienrecht unseres Handelsgesepbuches
 geht geradezu von der heute fast gemütlich
zu nennenden Auffassung aus, daß die große Mehrheit der
Aktionäre in den Generalversammlungen tatsächlich das
Geschick der Gesellschaft in die Hand nimmt, daß ihr Vertrauensorgan,
 nämlich der Aufsichtsrat, ständig die Geschäftsleitung
 kontrolliert, daß vor allen Dingen der tatsächlich am
Jahresende herauskommende Gewinn den Aktionären gewissermaßen
 als wohlerworbenes Recht zusteht. Wie
anders in der Praxis! Wo ist der Einfluß der einzelnen
Aktionäre geblieben, wenn man namentlich an das Verschachtelungssystem
 unserer Gesellschaften denkt, und
andererseits daran, daß immer mehr und mehr die Banken
die berufsmässige Vertretung der Aktionäre, die ja schon
längst nicht mehr ihre Aktien in ihrem Geldschrank verwahren,
 sind. Wenn wir die Gutachten der Enquete uns
daraufhin ansehen, so finden wir, daß sie mehr oder minder
die Strukfurwandlungen im heutigen Aktienwesen anerkennen,
daß sie insbesondere in ihrer Einleitung die einzelnen
Momente dieser Wandlung mehr oder minder scharf betonen
und daß sie nunmehr versuchen, in irgend einer Weise
zwischen Vergangenheit und Gegenwart ein Kompromiß
herzustellen. Aber wir sehen niemals hinter diesen Schleier
der äußeren Strukturwandlung, er wird als tatsächlich vorhanden
 regelmäßig nur ganz kurz erwähnt, es werden aber
nicht die tieferen Zusammenhänge aufgedeckt, welche diesen

L71)
        <pb n="31" />
        Wandel hervorgerufen haben, es wird auch niciu wersucht,
an den Kernpunkt dieses Problems heranzukömmen, im
welcher Weise nämlich tatsächlich die Aenderungen in den
Produktionsverhältnissen vorgegangen sind. Dies, BON kei
Vorwurf sein, Man kann rein juristisch selbst bei wirtschaftlicher
 Betrachtungsweise an eine solche Arbeit herangehen,
man kann weiter versuchen, in Form von Novellen gewissen
Aenderungen Rechnung zu fragen und gewisse sogenannte
„Mißstände“ zu beseitigen. Das entspricht wohl auch im
wesentlichen der Auffassung der heutigen Zeit, die, eben eine
Ulebergangszeit ist, und unter dem Einflu@ des Kampfes
zwischen freier und gebundener Wirtschaft noch nichf zu
einem Endergebnis gekommen ist, welches die Möglichkeit
eines juristischen Neuaufbaues gibt. Deshalb wird jeder
dieser Vorschläge auf Widerstände stoßen. Bei den Vertretern
der alten Auffassung, weil diese Vorschläge einer neuen Zeit
zu viel Zugeständnisse machen, bei denen der lepteren, weil
sie zu wenig geben. Es kann dies auch aus einem andern
Grunde garnicht anders sein. Die Aktiengesellschaft verlangt
die Kapitalgrundlage. Das Kapital wird grundsäßlich von
einer mehr oder minder unbeschränkten Menge von Aktionären
aufgebracht, diese sowohl wie auch die Gläubiger sollen
gegen unreelle Manipulationen geschüßt werden, und dazu
bot im großen ganzen das bisherige Aktienrecht eine vortreffliche
 Handhabe. Jegt kommen die neuen Organisationsgebilde,
 für die die alten Bestimmungen zum Teil sogar
absolut unbrauchbar sind, und nun soll alles unter einen
Hut gebracht werden. Das gibt Kampf und schließlich ein
Ergebnis, das Niemand zufriedenstellen wird. Ob eine
Lösung vielleicht dahin möglich ist, daß auf den Gebieten,
in denen die freie Wirtschaft auch bei der heutigen Sachlage
noch ein unbedingtes Betätigungsfeld hat, die alte Aktiengesellschaftsform
 beibehalten wird, während dort, wo_sich
die gebundene Wirtschaft bereits mehr oder minder stark
durchgeseßt hat, nicht andere im Laufe der Zeit bereits
tatsächlich durchgedrungene gesellschaftsrechtliche Regelungen
 anzuwenden sind, sei hier nicht untersucht, sondern
nur angedeutet. Aber wahrscheinlich wird das das Ergebnis
einer nicht zu weiten Zukunft sein. Es ist schon oben
einmal erwähnt, daß die Aktiengesellschaften in ihrer

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RR
        <pb n="32" />
        ursprünglichen Form Gesellschaften des reinen Handels
waren und späterhin die Produktionsunternehmungen sich
mangels einer anderen Form ebenfalls der Aktiengesellschaft
für ihre Zwecke bedient haben. Es soll auch nicht in Abrede
gestellt werden, daß diese Gesellschaftsform für diese Zwecke
seiner Zeit durchaus geeignet war. Heute kann sie es nicht
mehr sein, wenn die in gebundener Wirtschaft verbundenen
Unternehmungen die Möglichkeit haben sollen, die Produktion
in geordneter und stetiger Weise fortzusepen. Will man die
Aktiengesellschaft auch für diese Unternehmen beibehalten;
so müßten für sie eine Reihe von Bestimmungen getroffen
werden, die für die Gesellschaft der freien Wirtschaft nicht
passen. Bestimmungen, welche genügend darauf Rücksichf
nehmen, daß die Produktion nicht individualistisch — frei ist,
sondern daß diese durch die Bindungen, namentlich der
einzelnen Unternehmungen aneinander, wie sie sich in den
Kartellen charakterisiert, auch die Berechtigung hat, sich in
dieser gebundenen Form auf die Dauer zu erhalten. Man
mag das Wort ablehnen, man mag seinen Sinn nach mancher
Richtung hin anders auslegen, der Grundgedanke Rathenaus
von dem Unternehmen an sich gilt auch zum mindesten für
die ganz großen Unternehmungen. Auf den Gebieten der
Wirtschaft, wo für die stark kartellierten Unternehmungen
dieser Begriff immer mehr an Boden gewinnen wird, dürfte
er sich entwickeln. Solange gewissermaßen Pferd und Esel
zusammengespannt sind, ein gleiches Recht für Einzelunternehmungen
 kleineren Umfangs und große Unternehmungen
bezw. verbundene Unternehmungen gelten soll, wird es nicht
möglich sein, zu einem Ausweg zu kommen. Bemüht man
sich nicht, diese Folgerungen zu ziehen, so wird dieser
gewissermaßen unterirdische Kampf auf dem Gebiete des
Aktienwesens troß aller Abänderung im einzelnen weiter
gehen. ob zum Heile der Wirtschaft. ist eine andere Frage,

Nur kurz sei angedeutet, daß in diesen Unternehmungen der
gebundenen Wirtschaft die Stellung des einzelnen Aktionärs
und demgemäß auch die der Minoritäten eine andere sein
muß, als in der individualistischen Unternehmung, weil eben
die Stätigkeit der Produktion einen solchen Einfluß von
Minoritäten, die häufig durch den Zufall zusammengebracht

zo
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        sind, nicht duldet. Man wende dagegen nicht ein, daß dieser
Zufall auch bei der Bildung der meistens wohl mit der
Verwaltungsmajorität zusammenhängenden Mehrheit eine
Rolle spielt; das ist eine rein äußerliche Wirkung; die Produktion
 eines Unternehmens als solche wird grundsäßlich
dadurch nicht beeinflußt, insbesondere nicht in ihrer Stätigkeit.
Gelegentliche Einbrüche großer Händler in ein Aktienunternehmen,
 die auf diesem Wege einen Gelegenheitsgewinn zu
realisieren suchen, beweist nichts dagegen, sondern höchstens
die Tatsache, daß in jeder kapitalistischen Wirtschaft —
wahrscheinlich auch in anderen Wirtschaftsformen — Vorgänge
 sich abspielen können, die schließlich mit dem Wesen
dieser Wirtschaft nichts zu fun haben, sondern lediglich eine
Begleiterscheinung bilden.

5, Ein weiteres Moment, welches die Beschleunigung in der
Entwicklung zur gebundenen Wirtschaft bedingt, ist der
Umstand, daß namentlich in Deutschland die Produktion
immer mehr rationalisiert werden muß. Es .ist dies eine
Folgeerscheinung des Krieges. Auch hier bewahrheitet sich
wieder einmal das alte Wort, daß der Krieg der Vater aller
Dinge sei. Selbstverständlich ist er es nicht in dem Sinn,
daß er unmittelbar Aenderungen in den Produktionsverhältnissen
 und in den Beziehungen der Produktionsfaktoren
zueinander herbeigeführt hat, wohl aber hat er die sich verhältnismäßig
 langsam entwickelnde Verschiebung in den
Verhältnissen der Faktoren stark beschleunigt. Wenn ein
Volk wie das deutsche durch die Macht der Umstände
gezwungen ist, einmal den eigenen Verbrauch anders als in
Friedenszeiten zu gestalten, dann aber auch vor allem für
den Weltmarkt Güter herzustellen, so muß die notwendige
Folge die sein, daß die Produktion andere Bahnen einschlägt
als früher. Der Krieg hat hier gewissermaßen eine ähnliche
Rolle gespielt, wie ein Katalysator bei der Beschleunigung
chemischer Prozesse; diese würden sich häufig auch ohne
jenen entwickelt haben, wenn auch langsam und allmählich.
Unter dem Einfluß des Katalysators aber geht der Vorgang
sehr schnell vor sich. Kein Wunder, daß alle diejenigen,
welche sich den tieferen Zusammenhang der Dinge nicht
genügend klar machen und lediglich an der Oberfläche der

3
        <pb n="34" />
        Erscheinungen haften bleiben, die sich häufig gegen ihre
Wünsche und im Widerspruch zu all dem, was sie bisher
als selbstverständlich angesehen haben, entwickeln, diese in
Grund und Boden verdammen. Es ging ja früher ganz gut,
warum soll es nicht jeßt auch so weiter gehen. Wir sehen
den Vorgang sich wiederholen, der sich jedesmal bei einer
Aenderung der Produktionsverhältnisse abspielt, der sich
selbstverständlich auch in Zukunft bei einer weiteren Aenderung
 wiederum abspielen wird. Das ist eben das Wesen
menschlicher Entwicklung überhaupt. Einige Wenige zunächst,
welche tiefer schürfen, haben einen mehr oder minder tiefen
Einblick in die grundlegenden Richtungen, welche das Wirtschaftsleben
 bedingen, sie geben dieser gewonnenen Auffassung
 Ausdruck, werden vielleicht im Anfange nicht beachtet
werden; wenn dann unter dem Druck der Verhältnisse sich
immer mehr zu ihrer Ansicht bekennen, dann set der Kampt
zwischen den Anhängern und Nutßnießern der alten Verhältnisse
 mit den Vorkämpfern der neuen Zeit ein. Dieser
Kampf wird sich, wie die Geschichte lehrt, oft Jahrzehnte
lang hinziehen und, wie wir früher ausgeführt haben, grundsäßlich
 niemals zu einem. vollständigen Sieg dieser neuen
Wirtschaftsepoche führen, weil stets Uleberreste der alten
irgendwie und irgendwo zurückbleiben. Wir stehen jebt
mitten im Kampfe zwischen diesen beiden geschilderten
Wirtschaftsepochen: zwischen der freien und der gebundenen
Wirtschaft. Wir haben namentlich in Deutschland, aber auch
anderwärts, noch immer nicht alle Ueberbleibsel der Feudalwirtschaft
 und der mit ihr verbundenen Naturalwirtschaft
verdaut, und schon seßt bereits in der durch den Krieg und
seine Folgen besonders begünstigten Weise die gebundene
Wirtschaft ein. Hier soll nicht prophezeit werden, wie das
Ende dieses Kampfes auslaufen wird, hier soll lediglich die
Tatsache dieses Kampfes selbst aufgewiesen werden; die Entscheidung
 in wirtschaftlichen Dingen wird ja stets durch die
Entwicklung selbst getroffen. Im Kampf siegt der Stärkere,
das will hier heißen, zu herrschenden Mächten werden diejenigen,
 welche von. den wirtschaftlichen Verhältnissen der
Zeit bewußt oder unbewußt in die Höhe getragen werden.

4. In diesem Kampf ertönt wie stets bei ähnlicher Sachlage der

X4
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        Ruf: Der Staat sei in Gefahr, es sei. seine Aufgabe, regelnd
in die Verhältnisse einzugreifen. Es ist hierbei ganz gleichgültig,
 um welche Aenderungen in den Produktionsverhältnissen
 es sich handelt, stets wird diejenige Schicht, welche
in ihrer bis dahin herrschenden Machtstellung erschüttert
wird, soweit sie wirtschaftlich und demgemäß politisch in
der Lage ist, die Machtmittel des Staates zu benugßen, dies
tun. Im weiteren Sinne des Wortes trifft für alle diese
Ulebergangszeiten das, was, wie schon früher ausgeführt,
die Physiokraten als für das Merkantilsystem kennzeichnend
nachgewiesen haben zu: der Ruf nach dem r&amp;amp;gime reglementaire.
Der Staat soll die wirtschaftlichen Verhältnisse durch die
Gesepgebung, insbesondere eine solche hindernder, d. h. neue
Verhältnisse zurückweisender Art ordnen, er soll seinen
Einfluß dahin ausüben, daß die alten Verhältnisse tunlichst
geschüßt werden. Dort, wo die neuen wirtschaftlichen Zustände
 noch zu schwach sind, um sich mit genügender Kraft
durchzuseten, wie dies in einem großen Teil Deutschlands
nach dem 30jährigen Kriege, auch noch im 18. Jahrhundert,
der Fall war, gelingt es den aus den alten wirtschaftlichen
Verhältnissen hervorgegangenen Machthabern häufig, ihren
Willen durchzuseßen. Damals wurde das Handwerk in der
Form, in der es den einzelnen kleinen Handwerker am meisten
schüßte, nämlich in der des Zunftwesens, so ausgebaut, wie
wir es in den Zunftregelungen um das Jahr 1700 in Deutschland
 sehen. Dann werden dem Handel Erschwerungen aller
Art bereitet durch Binnenzölle, durch hohen Eingangszoll, durch
Stapelzwang und was dergleichen mehr ist, um jede fortschriffliche
 Entwicklung zu hindern. Siegten dann die neuen Gedanken,
 und zwar so sehr, daß die von ihnen vertrefenen
Grundsäße im wesentlichen das Feld behaupteten, dann bekamen
wir die mehr oder minder freie Produktion, den fast ganz freien
Handel und alles das, was damit zusammenhängt. Aber in
dem Augenblick, in welchem diese freie Wirtschaft auf Grund
der Aenderung der Produktionsverhältnisse in Gefahr gerät,
sind es gerade ihre Vorkämpfer, welche soforf wieder nach den
Machtmitteln des Staates rufen, um ihre Stellung zu retten.

Ist die neue Entwicklung bereits, wie es wohl überall und
besonders in Deutschland durch den Krieg geschehen. ist,

Zn
        <pb n="36" />
        sehr weit fortgeschritten, kann weder die eine noch die andere
Richtung namentlich deshalb, weil die alten wirtschaftlichen
Verhältnisse noch einen zu starken Einfluß ausüben, als die
herrschende bezeichnet werden, so werden besonders dann,
wenn politische Momente ebenfalls mitsprechen — also bei
einer demokratischen Verfassung Rücksichten auf die Wählermassen
 — häufig Kompromisse eingegangen, welche beiden
Teilen entgegenkommen wollen, im Endergebnis aber regelmäßig
 keinem helfen. Bei dem Kampf um das Aktienwesen
können wir dies deutlich sehen. Die Vorschläge der einzelnen
Gutachter lassen klar erkennen, von welchen Einflüssen sich
diese in wirtschaftlicher Hinsicht leiten lassen. Auch die
Debatte auf dem legten deutschen Juristentag und die schließlich
 angenommenen Beschlüsse sind ein Beispiel für das
hier Vorgetragene.

So wird sich also auch hier wohl die stets in der Geschichte
wiederkehrende Erscheinung wiederholen, daß alles das, was
das Wesen der freien, individualistischen Wirtschaft ausmacht,
mit Hilfe der Gesepgebung gestüßt und geschübßt wird, wenn
nicht bereits die in der Form der gebundenen Wirtschaft
zusammengeballten Kräfte stark genug sind, hier Widerstand
zu leisten. Vermutlich aber wird sich dieser Kampf nicht so
lange wie in früheren Zeiten hinziehen, da einmal die Technik
auf den verschiedensten Gebieten, namentlich auf denen, die
hier in Frage kommen, — es sei auf die Uleberwindung des
Raumes, die fortschreitende Elektrifizierung, die Herstellung
von immer mehr Massen-Bedarfsartikeln im Wege der
rationalisierten Massenproduktion u. del. hingewiesen —
immer weiter fortschreitet und sich mit dieser Umwälzung
der Technik auch die Produktionsverhältnisse in der oben
angegebenen Weise ändern müssen. Wie man schließlich
diese sich bereits deutlich abzeichnende Zukunft, die zu
einem großen Teil bereits Gegenwart ist, auch benennen
mag: ob Spätkapitalismus, ob gebundene Wirtschaft oder
sonsf wie, sie hat immer denselben Inhalt: die Produktion
auf an sich kapitalisierter Grundlage hat sich so entwickelt,
daß im wesentlichen die freie individualistische Produktion
des vergangenen Jahrhunderts früher oder später ihr Ende
finden wird, nicht um im Sozialismus auszumünden, sondern

26
        <pb n="37" />
        um nunmehr gerade erst recht als kapitalisierte Produktionsweise
 in Form der gebundenen Wirtschaft sich zu entfalten.

ö. Im Wege dieser Entwicklung liegt auch die Ausbreitung der
gemischtwirtschaftlichen Unternehmungen. Auch hier wollen
wir uns nicht von dem Schlagwort der sogenannten kalten
Sozialisierung beeinflussen lassen, sondern wir wollen die
Tatsachen nehmen wie sie sind. In der Zeit der individualistischen
 Wirtschaftsepoche war jede Teilnahme der
öffentlichen Hand an wirtschaftlichen Unternehmungen in
Verbindung mit den privatwirtschaftlichen Unternehmungen
verpönt; es gab, wenn der Staat überhaupt wenigstens in
Deutschland tätig werden wollte, nur eine Möglichkeit, daß
er selbst als Unternehmer für sich auftrat; es sei hierbei an
die Verstaatlichung der Eisenbahnen erinnert. Also auch
hier tritt der Staat eben nur in gleicher Weise in Erscheinung,
wie jeder andere Privatunternehmer, mit dem selbstverständlichen
 Unterschied, daß die Art und Weise, wie er das
Unternehmen leitet, nicht nur durch rein privafwirtschaftliche
Interessen bedingt wird. Anders dagegen bei den gemischtwirtschaftlichen
 Unternehmungen. Hier erfolgt eine Verbindung
von Privatkapital mit öffentlichem Kapital, welche die Vertragsschließenden
 als gleichberechtigte Teilhaber umfaßt,
welche aber auch zugleich die Beteiligung der öffentlichen
Hand wenigstens regelmäßig davon abhängig macht, daß
die hinter ihr stehenden öffentlichen Interessen grundsäßlich
ebenfalls gewahrt werden. Gerade dort, wo in dieser Interessen-Verbindung
 die Stätigkeit der Produktion — die Versorgung
z. B. der Kommunen mit Wasser, Kraft und Licht, die Vereinheiflichung
 des Verkehrs innerhalb eng begrenzter Bezirke,
unter Umständen aber auch die Ausbeutung von Bodenbestandteilen
 — besonders in Frage kommt, haben die
gemischtwirtschaftlichen Unternehmungen immer mehr an
Boden gewonnen. Hier gerade spielt sehr häufig die Veränderung
 in den Produktionsverhälfnissen, insbesondere die
Beziehung der Produktionsfaktoren zueinander, eine große
Rolle. Der im Besip der Kommunen stehende Grund und
Boden, der für das Privatkapital nicht mehr in Frage kommt,
weiterhin die gerade für diese Unternehmungen nötige
Investierung mit viel Kapital, insbesondere mit fixem Kapital,

1%
        <pb n="38" />
        die Möglichkeit einer steten Beschäftigung einer großen
Anzahl von Arbeitern in umfangreichen Werken, alles wirkt
zusammen, um überall dort, wo die Voraussegungen erfüllt
sind, die gemischtwirtschaftlichen Unternehmungen zu gründen
und zu fördern. Kommt dazu noch eine Steuergeseßgebung,
welche es den Kommunen geradezu zur Pflicht macht, sich
nach Einnahmequellen umzusehen, ohne das Risiko der
Unternehmungen allein zu tragen, so kann es nicht wundernehmen,
 daß diese Unternehmungen, tfroß allen entgegenstehenden
 Interessen auch in Zukunft sich weiter ausdehnen
werden. Es liegt in ihrer Natur, daß sie nicht nach rein
privatwirtschaftlichen Interessen geleitet werden können, daß
auch hier eben Bindungen vorliegen, die zwar anderer Art
wie es sonsf namentlich Kartelle sind, aber auch zum Wesen
giner irgendwie gebundenen Wirtschaft gehören. Es zeigt
sich auch hier, daß die freie Wirtschaft nicht in der Lage ist,
diese Aufgabe zu erfüllen.
Es sei immer wieder betont, daß sich heute noch garnicht
absehen läßt, wohin im Endergebnis die gebundene Wirtschaft
führen wird; es wird selbstverständlich immer wieder Gebiete
geben, auf denen die freie Wirtschaft berechtigt ist und
bleiben wird, sich zu entfalten. Es ist auch durchaus wahrscheinlich,
 daß noch andere Gebiete im Laufe der Zeit
hinzukommen werden. Andererseits wird die gebundene
Wirtschaft aller Wahrscheinlichkeit nach immer mehr an
Boden gewinnen. So wird der Kampf zwischen beiden
Wirtschaftsformen eine ganze Zeit lang weitergehen, und
wenn es nicht gelingt, in der oben angedeuteten Form für
die der gebundenen Wirtschaft unterliegenden Unternehmun gen
besondere Rechtsformen zu finden, so wird sich dieser Kampf
teils in der Weise abspielen, daß die vorhandenen Gesebe
zu Gunsten der gebundenen Wirtschaft ausgelegt oder, wie
in den Enquete-Gutachten wiederholt ausgeführt, „ausgehöhlt“
werden, oder daß irgend welche neuen Geseße ein Kompromiß
zwischen alten und neuen Anschauungen herzustellen versuchen
 werden. Der Kampf selbst, den wir ja vor unseren
Augen sich abspielen sehen, ist aber unvermeidlich, er ist
wie jedes Ringen zwischen zwei Mächten schließlich davon
abhängig, welche Kräfte am Ende der einen oder der anderen
Dartei zu Gebote stehen werden.

38
        <pb n="39" />
        ILL. Gebundene
Wirtschaft und Arbeiterschaft.

1. An sich ist hinsichtlich des Produktionsfaktors Arbeit, wie
schon früher ausgeführt, in seinen Beziehungen zu den
anderen Produktionsfaktoren gegen die vergangene Zeit
relativ die geringste Aenderung vor sich gegangen; aber gs
liegt auf der Hand, daß bei der nunmehr veränderten Produktionslage
 auch dieser Faktor in Mitleidenschaft gezogen
worden ist. Es handelt sich hierbei aber weniger um eine
aus sich heraus entstandene Umwälzung, als vielmehr um
eine Rückwirkung der gesamten Produktionslage auf die
Stellung der Arbeiter überhaupt. Besteht das Wesen der
gebundenen Wirtschaft im wesentlichen darin, daß die Produktion
 nicht eine mehr oder minder anarchischfreie, sondern
eine mehr oder minder geregelte ist, die namenflich bezweckt,
die Produktion stätig zu gestalten, so kann es garnicht
anders sein, als daß auch die Arbeiterschaft nunmehr eine
andere Rolle im Produktionsprozeß spielen muß als früher.
Stätigkeit der Produktion sept auch eine mehr oder minder
starke Stätigkeit in den Arbeitsverhältnissen oder, was dasselbe
 ist, in den Ärbeitsrechtsverhältnissen voraus. Gehört
zum Wesen des Kapitalismus die Rechenhaftigkeit, also vor
allem eine auf eine verhältnismäßige Dauer begründete Unterlage
 der Kalkulation, so muß in dieser Berechnung vor allem
die Lohnfrage in Betracht gezogen werden. Es gibf keine
stätige Produktion, wenn die Löhne nicht für eine längere
Zeit fest berechnet werden können, und je stärker politisch
die Macht der Arbeiterklassen ist, umsomehr wird diese darauf
dringen, bei der Festsepung der Löhne ein erhebliches Wort
mitzureden. Das ist die tiefer liegende Bedeutung des Tarifwesens.
 So ist es eine notwendige Entwicklung im Wirt-4
        <pb n="40" />
        schaftsleben, daß es Tarife nicht nur für einen engbegrenzten
Bezirk gibt, sondern daß das Bestreben dahin geht, das
Gebiet, auf welchem eine Regelung stattfinden Soll, immer
weiter auszudehnen, womöglich über das ganze Reich.
Ebenso wie der Unternehmer muß auch der Arbeiter mit
festen Verhältnissen rechnen können. Es ist eine Nachwirkung
der freien, individualistischen Wirtschaftsepoche, daß der
Unternehmer, der die Vorteile der gebundenen Wirtschaft für
sich in Anspruch nimmt, häufig nicht einsehen will, daß eine
solche ohne gleichzeitige Bindung der Arbeiterschaft nicht
denkbar ist, daß das sogenannte Recht im eigenen Hause
in einer anders gearteten Wirtschaftsepoche nicht mehr bestehen
 kann. Man kann nicht auf der einen Seite für
gebundene Wirtschaft, insbesondere für Kartelle, eintreten
und auf der anderen den Herrenstandpunkt herauskehren,
die Arbeiterschaft seines Betriebs und seines Unternehmens
als eine für sich bestehende selbständige Gruppe der Arbeiterschaft
 überhaupt ansehen und lediglich mit ihr seine Verzinbarungen
 fireffen. Die Bindungen der Unternehmungen
aneinander müssen bei der gebundenen Wirtschaft folgerichtig
auch zu einer Bindung dieser Unternehmungen an die gesamte
 Arbeiterschaft führen. Eine Produktion ohne solche
Bindungen ist grundsäßlich heute nicht mehr durchführbar.
Wird dies nicht voll erkannt, sieht der Unternehmer im
Arbeiter wirfschaftlich und politisch seinen ausgesprochenen
Gegner, so muß dies zu Mißhelligkeiten führen, welche der
Entwicklung der gebundenen Wirtschaft selbst noch die
schwersten Hemmungen bereiten können. Bindungen, welche
daraus erwachsen sind, daß nunmehr ein anderes Verhältnis
der drei Produktionsfaktoren zueinander besteht als in der
früheren Epoche, verlangen eben gebieterisch auch ein Verhältnis
 der Unternehmungen zur Arbeiterschaft, welches nicht
mehr den Auffassungen dieser Wirtschaftsepochen entspricht.
Und gerade die Frage der Höhe der Löhne ist hier eines
der wesentflichsten in Betracht kommenden Momente.

Diese Löhne können auch nicht einseitig diktiert werden, sie
können nur durch Vereinbarungen festgestellt werden. Und
der Gegenkontrahent der Unternehmer ist nicht mehr der
einzelne Arbeiter, ist auch nicht mehr die Arbeiterschaft des

ir)
        <pb n="41" />
        ginzelnen Betriebes, sondern die Vertretung der Arbeiter
überhaupt, also bei uns in Deutschland namentlich die Gewerkschaft.
 Solange die Unternehmer sich nicht zu dieser
Einsicht durchgerungen haben, werden sie auch dort, wo sie
für die gebundene Wirtschaft eintreten, niemals einen vollen
Erfolg erzielen. Anders geartete Bestrebungen entsprechen
nicht der wirtschaftlichen Entwicklung, sie sind im Gegenteil
deren schwerstes Hemmnis. Das kapifalistische, durch Kartelle
geregelte, Gewinnstreben darf nicht lediglich auf Kosten der
Arbeiterschaft, insbesondere hinsichtlich der Lohnhöhe, durchgeführt
 werden, und es gehört eben auch zum Wesen der
gebundenen Wirtschaft, daß dieses einseitige Gewinnstreben
durch Vereinbarungen mit der organisierten Arbeiterschaft
beschränkt, gebunden wird.

Was für die Löhne gilt, trifft auch für die Arbeitszeit und
die sonstigen Arbeitsbedingungen zu. Es spielen hier nicht
nur gesundheitliche Gründe mit, die namentlich bei gewissen
Arbeiterkategorien eine Beschränkung der Arbeitszeit nötig
machen, sondern es sind vor allen Dingen die der heutigen
Zeit zu Grunde liegenden wirtschaftlichen Strömungen, welche
auch hier eine Bindung verlangen. Weil der einzelne Arbeiter
auf sich gestellt zur Ohnmacht verdammt ist, muß er sich mit
anderen Arbeitern koalieren, und deshalb kann auch nur die
Arbeiterkoalition, wie die Gewerkschaft, die Rechte der Arbeiterschaft
 wahrnehmen. Gebundene Wirtschaft bedeutet eben
nicht nur Bindung der Unternehmer an- und untereinander,
sondern auch Bindung der Unternehmerschaft an die Arbeiterschaft.
 Wo der einzelne Unternehmer grundsäbßlich nicht in
der Lage ist, für sich allein die Arbeitsbedingungen festzusepen,
 sondern wie dies heute schon regelmäßig. der Fall
ist, nur die mehr oder minder verbundene Unternehmerschaft,
so ist auf der anderen Seite die verbundene Arbeiterschaft
der Gegenkontrahent der Unternehmerschaft. Mag auch insoweit
 die Auffassung der vergangenen Epoche noch nachwirken,
 daß regelmäßig nur im Kampfwege eine Einigung
erzielt wird, daß häufig der jede Stätigkeit der Produktion
hindernde Streik bezw. Boykott und die Aussperrung das
normale Kampfmittel ist, um die Einigung herzustellen, so
bricht sich doch in der neuesten Zeit immer mehr der Gedanke
        <pb n="42" />
        durch, der auch durch gelegentliche Rückschläge nicht unferdrückt
 werden kann, daß die friedliche Einigung ohne Gewalt
dem Kampf vorzuziehen ist. Es liegt im allgemeinen Interesse,
daß die Bestrebungen von der Wirtschaft selbst, hier also
von den Beteiligten in ihrer rechten Bedeutung erkannt
werden und daß nicht der Staat gezwungen ist, mit seinen
Machtmitteln einzugreifen. Dann kommt es zu Gesebpen,
welche je nach der politischen Machtlage die eine oder die
andere Partei begünstigen und damit auf die wirtschaftliche
Entwicklung hemmend einwirken. Es muß im wohlverstandenen
 Interesse der Unternehmerschaft liegen, diese Grundrichtung
 des modernen Wirtschaftslebens klar zu erkennen;
aus der Wirtschaft selbst heraus muß auch hier die Regelung
erfolgen. Das ist das Erbe der liberalen Epoche, das auch
heute noch auszunußen ist, daß der Staaf so wenig wie
möglich in die Wirtschaftsentwicklung als solche eingreift,
denn das führt früher oder später nicht zum Ende, so doch
zu einer derartigen Veränderung der kapitalistischen Entwicklung,
 daß sie von einem Staatssozialismus nicht mehr
zu weit entfernt sein dürfte. Der Kapitalismus haf aber heute
seine Aufgäbe durchaus noch nicht erfüllt, die darin besteht,
in organischer Entwicklung den notwendigen Bedarf einer
wachsenden Bevölkerung im Wege des rationalisierten Gewinnstrebens
 zu befriedigen. Das Kapital als. solches hat
durchaus noch nicht alle in ihm schlummernden Möglichkeiten
nach dieser Richtung hin ausgelöst.

Hierher gehörf auch die Frage der Arbeitsvermittlung, welche
die Wirtschaft in Deufschland nunmehr im wesentlichen an
den Staat abgegeben hat; sie ist sich selbst daran schuld,
daß es so gekommen ist, daß hier nicht eine Einigung möglich
war, welche den berechtigfen Interessen der Arbeiterschaft
Rechnung trug. Man darf nie vergessen, daß die Arbeitskraft
 genau so wenig wie Grund und Boden eine handelsmäßige
 Ware ist, wie es die wirtschaftlichen Vertreter der
liberalen Oekonomie immer behauptet haben; wir schäben
heute das menschliche Leben und seinen wichtigsten Besit:
die Arbeitskraft — und für die große Mehrheit der
Volksgenossen ist sie der einzige Besip! —
anders ein als in der. vergangenen Zeit, wir bewerten sie
        <pb n="43" />
        anders, und diese Bewertung verlangt einen anderen Schut
als: früher, insbesondere in rechtlicher Hinsicht. Soll die
Entwicklung der Wirtschaft in gerader Linie vor sich gehen,
so muß sie bestrebt sein, den Staat nur im äußersten Notfall
zu Hilfe zu rufen, sie muß aus sich heraus diejenigen Hilfsmittel
 entwickeln, welche nötig sind, sie vorwärts zu führen.
Wird. dieses von irgend einer Seite der in Frage kommenden
Beteiligten verkannt, so führt dies zu Interessenkämpfen, die
in ihrer Folge nicht abzusehen sind, und da wir alle nur
Menschen sind, die wir im Kampfe namentlich nicht objektiv
sein können, die wir uns durch subjektive Gefühle bewegen
lassen, so können wir es erleben, daß die eine oder die
andere Partei sich lieber von einem augenblicklichen Erfolg
hinreißen läßt, der regelmäßig nur ein Pyrrhus-Sieg sein
wird, als daß sie in weiser Voraussicht des Kommenden die
friedliche Erledigung vorzieht.

Gebundene Wirtschaft, das sei immer wieder gesagt, heißt
gegenseitige Bindung, die umso leichter auf sich genommen
wird, wo sie keine von außen erzwungene sondern eine
freiwillige ist.

2. Grundsäßlich hat die Reichsverfassung die hier vorgetragene
Auffassung auch bereits im Art. 165 anerkannt. In freier
Vereinbarung sollen die Wirtschaftsinteressen sowohl der
Unternehmer wie der Arbeiter wahrgenommen werden, zunächst
 in den Bezirkswirtschaftsräten, dann im Reichswirtschaftsrat.
 Es mögen politische Momente schwerwiegender
Art gewesen sein, die die Geseßgebung veranlaßten, zunächst
den vorläufigen Reichswirtschaftsrat einzurichten. Aber erst
dann, wenn es gelingen wird, auch die Bezirkswirtschaftsräte
einzuführen, und zwar mit einer Verfassung, die allen Interessenten
 die Berechtigung einer angemessenen Vertretung
gibt, wird es möglich sein, den Gedanken der gebundenen
Wirtschaftsgemeinschaft durchzuführen. Solange nicht auf
allen Seiten die Idee der Verbundenheit auf Gedeih und
Verderb vertreten ist, solange im Gegenteil anders als bald
nach der Neuregelung der Verhälinisse die Auffassung vom
Klassenkampf wieder stärker geworden ist, wird die Entwicklung
 der Wirtschaft nur unter Krämpfen und im Zickzack
vor sich gehen, ohne daß sich sogar mit Bestimmtheit sagen
        <pb n="44" />
        läßt, welches das endgültige Ziel sein wird. Gerade die
Vertreter der gebundenen Wirtschaft, also des, wie ausgeführt,
folgerichtig entwickelten Kapitalismus, haben ein dringendes
Interesse daran, die Bindung der Unternehmerschaft an die
Arbeiterschaft auf eine vernünftige Grundlage zu stellen. Je
schwieriger es für den Einzelunternehmer sein mag, in seinem
Unternehmen dem Betriebsrat Einblick in die gesamten
Produktionsverhältnisse zu geben, umsomehr wird er sich
bereit finden lassen, im Bezirkswirfschaftsrat gemeinsam mit
seinen Wirtschaftsgenossen in Verhandlungen mit der Gegenparfei
 einzutreten. Die für den bestimmten Bezirk häufig
gleichgelagerten Interessen können hier viel leichter und
reibungsloser erledigt werden.

Unternehmerschaft und Arbeiterschaft gehören zusammen,
die weitere wirtschaftliche Entwicklung kann nur von beiden
gemeinsam ausgehen, keiner kann seinen Machtwillen dem
anderen aufzwingen, ohne daß die gesamte Wirtschaft geschädigt
 wird. Aber es muß hierfür die geeignete Plattform
gefunden werden. Die Idee des Bezirkswirtschaftsrates würde
sicher, wo sie vernünftig durchgeführt wird, sich als äußerst
fruchtbringend erweisen. Man soll sich hier nicht von engstirnigen
 politischen Vorurteilen beeinflussen lassen. Man
mache vor allen Dingen einmal den Versuch, er wird sich
heute vielleicht noch leichter verwirklichen lassen als in
späterer Zeit, wenn sich die Verhältnisse weiter zugespibf
haben sollten. Eine sehr wesentliche Aufgabe würde für ihn
darin bestehen, Arbeitskämpfen auf größeren Gebieten vorzubeugen,
 er könnte in seiner Gesamtheit in den einzelnen
Ausschüssen viel leichter als Schlichtungsorgan bei Arbeitskämpfen,
 wo sie nun einmal nötig sind, tätig werden, als
jede andere Schlichtungskommission.

Wir haben heute schon eine so große Zersplitterung der
Gesepgebung auf den verschiedensten Gebieten, daß der Ruf
nach Vereinheitlichung immer dringender wird. Selbst eine
komplizierte Wirtschaft verträgt eine zu komplizierte Geseßgebung
 keinesfalls. Eine große Reihe von Funktionen, die
heute durch die Gesepgebung den verschiedensten nicht
miteinander zusammenhängenden Organen des Staates überwiesen
 ist, könnte dem Bezirkswirtschaffsrat übertragen
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        werden. Unnübßer Leerlauf, unnüße Kosten, unnüße Kompetenzstreitigkeiten
 könnten dadurch vermieden werden. Vor allem
aber würde ein solches Glied dem staatlichen und wirtschaftlichen
 Aufbau, der Entwicklung des Wirtschaftslebens wie sie
sich tatsächlich gestaltet hat, am meisten Rechnung tragen.

3. Die materialistische Geschichtsauffassung ist in ihrer Gänze
abzulehnen, aber sie enthält einen richtigen Kerngedanken:
die Art und Weise der Produktion und die sich an diese
anschließende Konsumtion sind von wesentlicher Bedeutung
für die ganze Kultur einer jeweiligen Epoche. Es ist kein
Zufall, daß in der Zeit der freien Wirtschaft, welche so wenig
Bindungen wie möglich dulden wollte, auch eine Weltauffassung
 sich mehr und mehr durchseßte, welche transcendentale
 Bindungen ablehnte, die da glaubte, durch die Macht
der Vernunft allein alles erklären zu können. Wenn ganze
Generationen in einer solchen Auffassung groß geworden
sind, dann kann es nicht wundernehmen, daß selbst unter
veränderten Verhältnissen diese Anschauungen zunächst
noch weiter wirken. Aber wir sehen doch heute überall die
Ideen von neuen Bindungen entstehen und sich ausdehnen.
Der ideologische Aufbau, um mit Marx zu sprechen, unterliegt
heute bereits Einflüssen, welche den atomistisch-mechanistischen
 Ideenkreis des vergangenen Jahrhunderts unterhöhlen,
und an seine Stelle, wenn auch noch nicht überall in klarer
Form, etwas anderes seben. Bindungen der verschiedensten
Art in religiöser, wissenschaftlicher — es sei auf die Entwicklung
 der Rassenlehre hingewiesen — und kultureller
Hinsicht erwachsen allerorts und deuten darauf hin, daß auf
dem gesamten Kulturkomplex im weitesten Sinne des Wortes
sich die neuen Anschauungen Bahn brechen. Der schwerwiegendste
 Beweis dafür, daß für längere Zeit zum mindesten
eine sozialistisch-kommunistische Regelung der Verhältnisse
wenigstens in Westeuropa uud Amerika sich nicht durchringen
 wird, ist der, daß die Träger einer solchen Bewegung,
die Arbeiterschaft, immer mehr und mehr in den Ideenkreis
des Kapitalismus hineinwachsen. Was wir oben bei der
liberalen Bourgeoisie gesehen haben, erleben wir wiederum
bei der Arbeiterschaft. Sie macht sich in immer steigendem
Umfange nicht nur in der äußeren Lebensweise, sondern in

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        ihren gesamten Anschauungen die Ideen des Bürgertums als
solchen zu eigen. Bewußte Uebertreibungen nach der einen
oder der anderen Richtung hin beweisen nur die Richtigkeit
dieser Beurteilung. Noch sind Ehe und Privateigentum die
unerschütterlichen Grundlagen unseres gesamten Kulturlebens,
Noch ist das Streben, aus seinen Mitteln, welcher Art sie
auch sein mögen und sei es auch lediglich die reine Arbeitskraft,
 den höchstmöglichen Gewinn zu erzielen, die grundlegende
 Erscheinung in unserem gesamten Wirtschaftsleben.

Aber eins hat sich geändert, der Einzelne steht nicht mehr
isoliert für sich da, er ist durch tausende Bande, vor allem
wirtschaftlicher Art, an seine engere und weitere Umgebung
gebunden.

Wenn wir den Begriff Gewerkschaft in diesem Falle im
weitesten Sinne des Wortes nehmen, so ist heute der Arbeiter
zunächst immer an seine Mitarbeiter gebunden, und sollte er
selbst einem Verbande nicht angehören, so zeigt sich diese
Bindung in den Tarifverfrägen, in den Bestimmungen des
Betriebsrätegesepes und in all jenen Vereinbarungen, welche
das Arbeitsrechtsverhältnis der Gesamtheit der Arbeiterschaft
nach den verschiedensten Richtungen hin regeln.

Diese Bindung wird, wozu keine weitere Prophezeiung nötig
ist, immer weiter fortschreiten, sie wird aber auch immer mehr
nicht nur die Beziehungen der Arbeiter untereinander, sondern
auch diejenigen der Arbeiterschaft zur Unternehmerschaft
beeinflussen. Den absolut freien Arbeiter gibt es heute nicht
mehr. Die Einheit zwischen Arbeiterschaft und Unternehmerschaft
 wird, je mehr die gebundene Wirtschaft sich fortentwickeln
 kann, immer weiter fortschreiten. Nicht ohne
Kampf, nicht ohne Rückschlag, Namentlich die Stellung des
qualifizierten Arbeiters, insbesondere in einer immer mehr
und mehr rationalisierten Produktion, ist ohne die gebundene
Wirtschaft garnicht denkbar und möglich, und andererseits
verlangt die wirtschaftliche Entwicklung geradezu die
Schaffung einer Arbeiterschicht, welche technisch besonders
qualifiziert ist. Dieser qualifizierte Arbeiter ist in ganz
anderer Weise als der unqualifizierte an sein Unternehmen

DS
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        gebunden. Dieses braucht denkende und eingearbeitete
Arbeiter; ob sie nun Meister oder Vorarbeiter heißen, ob
ihre Stellung im Betriebe eine mehr oder minder selbständige
ist, ist hierbei gleichgültig, sie sind nötig, ohne sie geht es
nicht mehr, und sie sind ein wichtiges nicht auszuschaltendes
Glied der Produktion. Namentlich ein Großunternehmen ist
heute garnicht mehr in der Lage, ohne einen Stamm gut
eingearbeiteter Arbeitskräfte seine Aufgabe zu erfüllen.
Selbst die fortschreitende Entwicklung der Arbeit am fließenden
 Bande verlangt eine genaue Beherrschung der in Frage
kommenden Technik, soll nicht der gesamte Arbeitsprozeß
stocken. Die Bindung kann aber naturgemäß keine einseitige
 sein in dem Sinne, daß nur der Arbeiter Pflichten
hat, auch das Unternehmen hat ihm gegenüber Pflichten,
welche auf der Arbeiterseite sich als Rechte auswirken. Die
Feststellung dieser beiderseitigen Verbindlichkeiten ist eine
der wesentlichsten Grundlagen der gebundenen Wirtschaft
zumal sie eben nicht nur für das einzelne Unternehmen,
sondern für eine mehr oder minder große Anzahl von
Unternehmungen erfolgt. Es waren die weit ausschauenden
Führer der Arbeiterschaft, insbesondere der Gewerkschaftsbewegung,
 welche am Schluß des Krieges und bald nachher
diese Idee richtig erkannt haben, und es sind die besten
Elemente der Unternehmerschaft, welche sich diese Ideen
ebenfalls bereits zu eigen gemacht hat. Die angebliche Freiheit,
welche ein Charakteristikum der liberalen Epoche hinsichtlich
des Arbeitsverfrages des Unternehmens mit dem einzelnen
Arbeiter war, ist unwiederbringlich dahin. Je mehr die
Unternehmerschaft zur Erkennfinis dieser Tatsachen kommt,
um so schneller wird sie den Anforderungen der nicht zu
vermeidenden Entwicklung gerecht werden, und diese Entwicklung
 ist nicht nur eine solche der Unternehmerschaft,
wie sie sich in ihren Koalitionen der verschiedensten Art,
insbesondere in den Kartellen, offenbart, nicht nur eine solche
der Arbeiterschaft in der immer weiter fortschreitenden Entwicklung
 der Gewerkschaftsbewegung, sondern vor allem
eine solche der beiderseitigen Bindungen der Unternehmerschaft
 an die Arbeiterschaft.

47
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        Gebundene Wirtschaft heißt: Stätigkeit der Produktion, möglichste
 Beseitigung der Störungen, welche diese Stätigkeit
behindern, und Regelung der Produktion durch gemeinsames
Zusammenwirken von Arbeiterschaft und Unternehmerschaft,
Aber die Grundlage ist und bleibt die kapitalistische, die
einmal das Gewinnstreben jedes Einzelnen, der an dieser
Produktion beteiligt ist, voraussept und gleichzeitig die Umwandlung
 eines Teiles des Gewinns in Kapital verlangt, die
Produktivität wird also durch den Produktionsprozeß selbst
mehr und mehr gesteigerf, damit eine um so größere Anzahl
von Bedürfnissen befriedigt werden kann. Diese Steigerung
wird um so eher vor sich gehen, je mehr die zum Wesen
des Kapitalismus gehörende Rechenhaftigkeit auf allen Gebieten
 der Produktion fortschreitet,. Gehört die sogenannte
Seltenheit, namentlich des Kapitals, im Verhältnis zur Bedürfnisbefriedigung
 zu den charakteristischen Merkmalen des
Kapitalismus, so kann unbeschadet der Aufrechterhaltung
dieses Gesepes diese Seltenheit verringert werden, die
Bedürfnisbefriedigung also eine stärkere werden, wenn die
Produktion in einer mehr oder minder geregelten Form vor
sich geht und diese Regelung liegt für die Zukunft der
gebundenen Wirtschaft ob. Sie hat die Aufgabe, die im
Kapitalismus schlummernden Kräfte erst zur richtigen Entfaltung
 zu bringen, sie allein vermag es, gerade weil sie
nach allen Richtungen hin Bindungen schafft, den schlimmsten
Fehler des Kapitalismus: die absolut anarchische Einkommenverteilung
 zwar keineswegs zu beseitigen, aber doch nach
vielen Richtungen hin abzuschwächen. Das Profitstreben
und die auf ihm beruhende freie Konkurrenz, eine der Hauptursachen
 der mangelhaften Einkommenverteilung, wird nicht
aufgehoben, aber in festere Bahnen gelenkt, die Bildung von
Sparkapital, ohne welche die Umwandlung in neues Produktionskapital
 garnicht denkbar ist, wird gefördert, der
Ausgleich wichtiger Kulturinteressen wird erleichtert, mit einem
Wort: die niemals zu beseitigenden Unterschiede würden zu
einem großen Teil wenigstens für eine große Anzahl der
Bevölkerung ihrer Schärfe beraubt. Die Umwandlung der
freien zügellosen Wirtschaft der liberalen Epoche, die bei ihrem
Entstehen von ihren Kindern als der Beginn einer Harmonie
der Gesellschaft erklärt wurde, in die der gebundenen

4
        <pb n="49" />
        Wirtschaft wird zwar auch diese Harmonie selbst nie schaffen,
sie wird aber die vorhandene Disharmonie zwar nicht
gänzlich, aber doch nach vielen Richtungen hin beseitigen.
Wie lange diese Epoche dauern wird, wann sie sich endgültig
durchgerungen haben wird, läßt sich natürlich nicht sagen.
Ob und wie sie späterhin von einer anderen Epoche abgelöst
werden wird, ist für heute eine müßige Frage. Die Aufgabe
der heutigen Zeit besteht darin, aus der Wirtschaft selbst
heraus die Formen zu finden und auszubauen, welche in
ihren Grundzügen bereits jegt vorhanden sind und mit Fug
und Recht als gebundene Wirtschaft bezeichnet werden.

10
        <pb n="50" />
        DRUCK
W. GRUNENDAHL, BRESLAU 1
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        <pb n="52" />
        <pb n="53" />
        <pb n="54" />
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