Die Umformung der „Stammbegriffe“. 19 richtung“ des Menschengeistes ein gegebenes und selbstverständ- liches Faktum, das wir dogmatisch an die Spitze stellen dürften? Oder bedeutet sie nicht gleichfalls eine Setzung und eine An- nahme, die die Erkenntnis macht, um in dem Getriebe ein- zelner „Tatsachen“ sich zurechtzufinden, um sich für ihre eigenen Zwecke eines Ausgangspunkts und eines Leitfadens zu Vver- sichern? Auch hier ist uns somit kein anderer Weg gelassen, als das Problem der Einheit der Geschichte — nach einem Goethe- schen Wort — „in ein Postulat zu verwandeln“. Je mehr sich dieses Postulat in der Erschliessung und Sichtung der besonderen Erscheinungen bewährt, umsomehr hat es sein Recht und seine „Wahrheit“ erwiesen. Blicken wir von hier auf die transscen- dentale Methode zurück, so begreifen wir nunmehr, mit welchem Recht sie ihrer Untersuchung eine bestimmte Phase und Aus- prägung des Denkens als Objekt zu Grunde legt, mit welchem Recht sie sich an die jeweilig reifste Entwicklung der mathema- tischen Naturwissenschaft wendet, um aus ihrer gegenwartigen Struktur zugleich den Aufschluss über die Bedingungen zu erhal- ten, die zu ihrer Entstehung mitwirkten. Dass das „Faktum“ der Wissenschaft seiner Natur nach ein geschichtlich sich entwickeln- des Faktum ist, darf und soll ihr dabei beständig gegenwärtig bleiben. Wenn bei Kant diese Einsicht noch nicht unzweideutig zu Tage tritt, wenn die Kategorien bei ihm noch als der Zahl und dem Inhalte nach fertige „Stammbegriffe des Verstandes“ er- scheinen können, so hat die moderne Fortbildung der kritischen und idealistischen Logik über diesen Punkt volle Klarheit ge- schaffen. Die Urteilsformen bedeuten ihr nur einheitliche und lebendige Motive des Denkens, die durch alle Mannigfaltigkeit seiner besonderen Gestaltungen hindurchgehen und sich in der Erschaffung und Formulierung immer neuer Kategorien belätigen. Je reicher und bildsamer sich diese Variationen beweisen, umso- mehr zeugen sie damit für die Eigenart und Ursprünglichkeit der logischen Funktion, aus der sie hervorgehen. ‘5 In diesem Zu- sammenhang wurzelt zugleich die systematische Aufgabe, die der Geschichte der Philosophie geslellt ist und die ihr, bei aller Versenkung in die Einzeltatsachen und bei allem Streben nach genauester Erschliessung und Wiedergabe der Quellen, dauernd lebendig bleiben muss. —