Erfahrung und Mathematik, 43 wenden, als wir nicht versucht haben, sie nach allen Richtungen hin, in denen eine solche Betrachtung sich durchführen lässt, zah- Jenmässig zu bestimmen und zu fixieren. Wer sich dieses Mittel- gliedes der Zahl begibt, wer Einheit und Vielheit nur als logische Widersprüche auffasst, die er gegeneinander hält und wahllos durcheinanderwirft, der tritt damit aus dem echten „dialektischen“ Begriff der Wissenschaft heraus, um sich in ein sophistisches Spiel mit Worten zu verlieren. Die qualitativen Unterschiede der Empfindung, das „Mehr und Weniger“, dessen wir uns in der Wahr- nehmung bewusst werden, wird durch den Begriff in feste Grenzen eingeschlossen: erst wenn das unbestimmte Quale zu einem Quan- tum (xzooov) geworden ist, hat das Denken sein Ziel erreicht.®) In diesen Sätzen hat Platon die Bedeutung und Aufgabe der mathe- matischen Empirie mit vorgreifender Klarheit gezeichnet. Dass er, dem nur in der Akustik wenige faktische Beispiele von ihr gegeben waren, sie dennoch nicht in ihrem ganzen Umfange zu überschauen vermochte, dass er nicht voraussah, bis zu welchem Grade die Auflösung und Beherrschung der Wahrnehmungsdaten durch die reinen mathematischen Gestalten dereinst vordringen könne, kann Niemanden, der geschichtlich urteilt, verwundern. Hier liegt der Punkt, an dem sich zugleich die sachliche Frucht- barkeit seines Grundgedankens, wie die individuellen Schranken seiner Durchführung offenbaren. Es wäre der verwegenste — Apriorismus gewesen, wenn Platon, wie seine empiristischen Kri- tiker von heute es fordern, die Herrschaft der Ideen weiter in den Stoff der Erfahrung hinein erstreckt hätte, als er es tatsächlich tat, wenn er, der den Grund der theoretischen Naturbetrachtung festlegte, auch den logischen Aufbau der empirischen Physik vorweggenommen hätte. Erst den Männern der neueren Zeit, erst einem Galilei und Kepler war es vergönnt, zugleich im strengen Sinne Platoniker und echte, wissenschaftliche Empiristen zu sein: erst ihnen ist die Erfahrung nicht mehr der Widerstand, den es zu bewältigen gilt, sondern die wahrhafte Erfüllung und Vollendung der reinen Theorie. Wenn man in der geschichtlichen Folge der Systeme von Platon zu Aristoteles gelangt, so scheint sich damit für das Er-