Br Nikolaus Cusanus. Einheitsreligion, der Religion des A6yosc, anzunähern strebt, so ist doch in dieser symbolischen Umdeutung das Dogma nicht mehr der unbedingte Maassstab, sondern das Objekt, das gemessen wird. — Die Einigung, die sich im Gebiete der Metaphysik zwischen dem Unendlichen und dem Endlichen, zwischen Gott und Welt vollzog, reflektiert sich innerhalb der Erkenntnislehre in einem neuen Verhältnis, das sich jetzt zwischen Sinnlichkeit und Denken herausbildet. Zwar ihrem eigentümlichen Gehalt und Ursprung nach bleiben beide Vermögen streng von einander ge- trennt: es ist das Charakteristikum des reinen Verstandes, dass er aus eigener Kraft all seine Inhalte entwickelt und begründet, dass er zu ihrer logischen Rechtfertigung nicht über die Grenzen seines eigenen Machtbereichs hinauszugehen braucht. Die ganze Fülle der Erkenntnis ist sachlich in den ersten, rein intellektu- ellen Prinzipien bereits enthalten und vorgezeichnet. Nicht als der materiale Urgrund und Beweisgrund des Wissens ist somit die Sinnlichkeit anzusehen; wohl aber bildet sie den psychologi- schen Anstoss und Antrieb, der die „schlummernden‘“ Verstandes- kräfte zuerst erweckt und zur Selbstentfaltung und Selbstrechtfer- tigung auffordert. Erst in ihrer Hinwendung zum Sinnlichen ge- langen die reinen „Potenzen“ des Geistes zu ihrer aktuellen Wirk- samkeit. Schon in den frühesten Schriften wird dieser „Zug“ und Trieb des Intellekts zum Gebiet der körperlichen Erschei- nung geschildert, wiewohl zugleich betont wird, dass es sich hierin nicht darum handelt, dem Stofflichen selbst Kraft und Bestand zu verleihen, sondern sich von ihm, vermöge des Staunens über seine Mannigfaltigkeit, zur Erkenntnis der eigenen Einheit anre- gen zu lassen. Die höheren Kräfte steigen in die niederen herab: nicht um sich an sie zu verlieren, sondern um'an dem Gegenhalt, den sie in ihnen finden, zum Bewusstsein ihres Eigenwertes und ihrer Selbständigkeit zu gelangen. Aufstieg und Abstieg gilt es in einem einzigen geistigen Blick zu umfassen und zu begreifen. „Der Intellekt will nicht zum Sinn werden, sondern zum voll-