Die „sechnlichkeit“ des Geistes und der Dinge. 63 An diesem Punkt indes, der die innere Einheit des Systems aufzuheben droht, erweist sich nunmehr von neuem Cusas phi- losophische und dialektische Kraft. Der Begriff der Aehnlich- keit, den er als Rüstzeug aus der scholastischen Erkenntnislehre herübernimmt,. wird ihm, in schrittweiser Umdeutung und Ver- tiefung, zur gedanklichen Handhabe und zum Vehikel für die eigene Grundauflassung. Von der „similitudo“ schreitet er zur „assimilatio“ fort: von der Behauptung einer in den Dingen vor- handenen Aehnlichkeit, die die Grundlage ihrer Zusammenfassung und gattungsmässigen Bezeichnung abgibt, geht er zur Darlegung des Prozesses über, vermöge dessen der Geist einen harmoni- schen Zusammenhang zwischen den Objekten und sich selber erst herstellen und erschaffen muss. Jetzt erkennt das Ich die Gegenstände nicht mehr, indem es sich ihnen anpasst und sie nachbildet, sondern indem es sie umgekehrt nach der Aehnlich- keit des eigenen Wesens auffasst und begreift. Wir verstehen die Aussendinge nur insoweit, als wir in ihnen die Kategorien des eigenen Denkens wieder zu entdecken vermögen. Alles „Messen“ der Objekte entspringt im Grunde nur dem einen Triebe des Geistes, zum Maasse seiner selbst und seiner Kräfte zu gelangen.*) Weil er den Punkt, die Einheit, das Jetzt in sich trägt, weil er somit das wahre Fundament besitzt, aus dem die Linie, die Zahl, die Zeit sich aufbauen, kann der Intellekt sich all diesen In- halten assimilieren und sie in dieser Verähnlichung erkennen.?®) Ein Bild und Analogon der Welt heisst er somit in dem Sinne, dass in ihm als konzentrierter Einheit der Gehalt von alle dem liegt, was uns in sinnlicher Erscheinung in der Welt der Dinge entgegentritt.®) Wenn die erste Epoche von Cusas Philosophie vor allem auf das Grundproblem des Verhältnisses zwischen Gott und Welt gerichtet war, so ergibt sich jetzt eine veränderte Fassung der Frage: an die Stelle der Welt tritt, um sie für die spekulative Betrachtung zu ersetzen und zu repräsentieren, der Begriff des Geistes. Die Seele ist im prägnanten und höch- sten Sinne das Symbol des Schöpfers: alle anderen Dinge haben an Gottes Wesenheit nur insoweit Teil als sie sich in ihr dar- stellen und reflektieren. So ist der menschliche Intellekt zwar ein Abbild des absoluten. aber ein Modell und Musterbild alles