Das Musterbild der Mathematik, 65 fremden, von aussen gegebenen Materie beschränkt und verdun- kelt die Selbstsicherheit des geistigen Schauens und Erfassens.2?) Eine andereRichtlinieund ein neuerOrientierungspunkt muss daher gefunden werden, wenn das Wissen über den Bereich der „Mutmassung“ erhoben werden soll. Der Geist darf sein Ziel nicht mehr jenseits seiner eigenen Grenzen suchen, sondern er muss in sich selbst den Mittelpunkt der Gewissheit finden. Die echten Vernunftbegriffe dürfen nicht das Produkt und das Ende des Er- kenntnisprozesses, sondern sie müssen seinen Anfang und seine Voraussetzung bilden. Es ist die entscheidende logische Bedeutung der Mathematik, dass in ihr diese Umkehr vollzogen und be- glaubigt ist. Wenn der Geist den Begriff des Zirkels entwirft, wenn er eine Linie erdenkt, deren Punkte von einem gemeinsamen Mit- telpunkte aus gleich weite Entfernungen haben, so hat die Ge- stalt, die damit entsteht, nirgends ein gesondertes, stoffliches Sein ausserhalb des Denkens. Denn in der Materie ist eine exakte Gleichheit zwischen zwei Strecken, geschweige zwischen einer unendlichen Mannigfaltigkeit von Linien, unauffindbar und un- möglich. Der „Zirkel im Geiste“ ist das alleinige Musterbild und Maass des Zirkels, den wir im Sande hinzeichnen. Analog können wir bei jedem Inhalt, der uns entgegentritt, eine d oppelte Weise des Seins unterscheiden: sofern wir ihn das eine Mal in aller Zufälligkeit seines konkreten Daseins, das andere Mal in der Rein- heit und Notwendigkeit seines exakten Begriffs betrachten.®) Die Wahrheit der Dinge ergibt sich erst in dieser zweiten Art der Auffassung. Auch auf sie wendet Cusanus den Gesichtspunkt1 der Assimilation an: ‘aber jetzt handelt es sich nicht mehr darum, dass der Geist sich den sinnlichen Einzeldingen, sondern dass er sich ihrer reinen mathematischen Definition, die all ihren wissenschaftlichen Gehalt darstellt, zuwendet und anpasst. Indem das Denken sich den „abstrakten Formen“, die es in sich selber findet, fortschreitend verähnlicht, entwickelt und erschaffi es damit die sicheren mathematischen Wissenschaften. Und während zuvor nur ein beschränktes, jederzeit aufhebbares Wissen zu Stande kam, wird auf diesem zweiten Wege absolute Gewisshei{ erreicht. Das Denken, das mit den Gegenständen beginnt, um sie, sei es in sinnlichen Eindrücken, sei es in allgemeinen, von ihnen abstrahierten Gattungsbegriffen abzubilden. erreicht nirgends das