Der Begriff des Unendlichen. 67 Selbsterkenntnis und des Selbstbewusstseins zu erheben. Wenn somit die Reihe der Zahlen als Symbol des sinnlichen, die Ein- heit als Symbol des reinen intellektuellen Seins gedacht werden kann, so handelt es sich jetzt darum, das Eine nicht in abstrakter Isolierung, sondern in seiner Entfaltung, also innerhalb der Welt der Mehrheit selbst, aufzusuchen und festzuhalten. Wo immer sich uns also in einer Gruppe bestimmt abgestufter Inhalte ein Grösser und Kleiner, ein Mehr oder Weniger darstellt, da gilt es zunächst in ihr begrifflich ein Moment herauszusondern und zu fixieren, das an dieser Wandlung keinen Anteil hat, ihr voraus- geht und sie ermöglicht. Die begriffliche Eigenart der Linie und des Winkels: dasjenige, was sie von allen anderen geometrischen Gebilden unterscheidet und sie erst zur Linie und zum Winkel macht, ist oflenbar in jedem Exemplar der Gattung, wie gross oder wie klein es immer sei, vollständig und gleichmässig enthalten. Die einzelne begrenzte Strecke fasst daher nicht das „Wesen“ der Linie, das vielmehr als unendlich, genauer als ausserendlich — weil der Betrachtungsweise und den Gegensätzen der blossen Quan- tität entrückt -— gedacht werden muss.?) Der Fortgang ins Unend- liche, bei dem die bloss zufälligen Differenzen der Grösse verschwin- den, enthüllt uns erst den rationalen „Grund“ der endlichen Ge- bilde.®) Hier erblicken wir das „Was“ des Kreises oder Dreiecks, das der sinnlichen Anschauung, die an dem Einzelbeispiel und seinen willkürlich angenomm€enCh Dimensionen haftet, unzugäng- lich bleibt. Die extensive Ausdehnung und Begrenzung, die eine Bedingung der sinnlichen Vorstellbarkeit einer bestimmten geo- metrischen Gestalt ist, muss aufgehoben werden, um zu ihrer ur- sprünglichen rationalen Erkenntnis und Definition zu gelangen. Mit dieser allgemeinen Weisung hat Cusanus, so sehr er noch mit dem Gedanken und dem Ausdruck ringt, die erste logische Grundlage für den Begriff des „Unendlich-Kleinen“ geschaffen. Wir dürfen nicht bei der endlichen und teilbaren Form der Grösse stehen bleiben, sondern müssen sie, um ihren reinen Be- griff zu erfassen und ihre gesetzlichen Zusammenhänge zu ver- stehen, aus einem unteilbaren Moment zur Entstehung und Ab- leitung bringen. So ist der Punkt die „Totalität und Vollendung“ der Linie, so ruht die extensive zeitliche Dauer auf dem „Jetzt“ und müsste mit seiner Aufhebung in sich selber zusammenfallen.??)