78 Carolus Bovillus. ihm dauernd verblieben ist, ist hierdurch bereits bezeichnet; denn während er auf der einen Seite an der Aristotelischen Auffassung des Intellekts festhält und sie seiner Erkenntnislehre zugrunde legt, sucht er andrerseits die herkömmliche Logik durch das tiefere Prinzip der „Coincidenz der Gegensätze“ zu ergänzen und zu befruchten. Als das Ziel der wahren Denklehre gilt ihm eine „Ars oppositorum“, die die Beziehung der gegensätzlichen Momente, ihr Verhältnis und ihr schliessliches Zusammenfallen zur Darstellung bringen soll. Alle Widersprüche, die die Natur der Dinge uns darzubieten scheint, müssen zuletzt aus einem ursprünglichen und einheitlichen Akt der Entgegensetzung abgeleitet werden, den es in unserem Geiste zu entdecken und festzustellen gilt. Nicht die an sich bestehenden Gegenstände, sondern die Bilder und „Spezies“ in unserem Verstande sind es, bei denen von wahrhafter Gegensätzlichkeit gesprochen werden kann. Hier aber erweist sich der Widerstreit alsbald als ein nicht lediglich verneinendes und aufhebendes Prinzip, sondern als ein selbständiger Keim und unentbehrlicher Anfang. Der Begriff des Nichts, der seinem Seinsgehalt nach das Unfruchtbarste ist, wird zum fruchtbarsten Ursprung, wenn man ihn seinem Erkenntnisgehalt nach betrachtet. Denn da das Denken bei ihm, als einem schlechthin Einzelnen nicht stehen zu bleiben vermag, da es das „Nichts“ stets nur in der Absonderung und Unterscheidung von „Etwas“ aufzufassen vermag, so wird es von hier aus zu immer neuen Setzungen gedrängt und in eine fortdauernde Bewegung hineingezogen, die erst im Gedanken des allumfassenden, abso-Iuten Seins ihr Ziel und ihren Ruhepunkt findet.®) So sehen wir, wie das neue Motiv, das wir im Begriff der „docta ignorantia“ erkannten, hier weiterwirkt: das Sein des echten Begriffes wird in seinem Werden, in den intellektuellen Betätigungen und Operationen, die er voraussetzt, gegründet. Und wie hier Merkmale und Verhältnisse, die wir der äusseren Wirklichkeit zuzusprechen gewohnt sind, auf Bestimmungen des Denkens zurückgeleitet werden, so ruht allgemein die Naturauffassung und -erklärung auf der durchgehenden Uebereinstimmung, die zwischen Ich und Welt angenommen wird. Der Satz der Identität von Mikrokosmos und Makrokosmos, der von Cusanus nur gestreift wird, erhält hier zuerst die bestimmtere Gestalt und Prägung, in