Dialektik und Natur philosophie. 79 der er uns später vor allem bei Paracelsus begegnen wird. Das Ich ist der „Spiegel des Alls“, der alle Strahlen, die von diesem ausgehen, in sich versammelt. Alle Kräfte, die sich im Univer- sum zerstreut finden, durchdringen sich in ihm zur lebendigen Einheit und finden in ihm ihren gemeinsamen Mittelpunkt. Die harmonische Entsprechung zwischen den Fähigkeiten und Ver- mögen der Seele und denen der äusseren Natur wird bis ins Ein- zelne durchgeführt: in den psychologischen Grundkräften des Lebens, der Sinnesempfindung, der Einbildungskraft und der Ver- nunft findet Bovillus die Nachahmung der verschiedenen Teile des Kosmos und ihrer gesetzlichen Struktur wieder. Die Stellung des Menschen im Centrum der Welt, die für Bovillus noch als zweifellose Grundtatsache feststeht, wird damit begründet, dass er das Herz und die Seele des Alls ist, in der das allgemeine Lebens- prinzip zu deutlichster Zusammenfassung und Erscheinung ge- langt. In Phantastischen Analogien wird der Vergleich des Uni- VErSums mit einem Lebewesen entwickelt und ausgedeutet. Was im Tiere die äussere Substanz, das ist in der Welt die Sonne; die Bilder der Einbildungskraft entsprechen den Gestirnen, wie der innere Sinn dem Firmament entspricht. In dem periodischen Wechsel von Tag und Nacht stellt sich uns der Schlaf und das Wachen des Alls dar. 62) Wir berühren diese seltsamen Gedanken- spiele nur wegen des geschichtlichen Interesses, das sie darbieten: es ist die Grundanschauung der Naturphilosophie der Renais- sance, die sich hier ankündigt und vorbereitet. — Die Erkenntnislehre des Bovillus ist auf dem Boden des scholastischen Realismus erwachsen: sie vollzieht von Anfang an eine strenge und unaufhebliche Trennung zwischen dem Sein, das dem Begriff „an sich“ zukommt und der besonderen Form, in der es sich innerhalb unseres begrenzten und abhängigen Ver- standes darstellt. Diese Sonderung wird sodann zu einem schroffen Dualismus der Substanzen, wie ihrer Erkenntniskräfte weiter- geführt; wenn es dem „Intellekt der Engel“ gegeben ist, die Be- grifte und Wesenheiten in ihrem reinen unbeweglichen Sein zu erfassen, so ist der menschliche dazu verurteilt, sie durch ein frem- des Medium und vermöge eines stetigen Werdens zu erblicken. Wie er seiner Natur nach mit der Materie verbunden ist, so vermag auch sein Denken nur von sinnlichen Bildern